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July 27 2018

08:59

Ant-Man and The Wasp: Anflug der Superinsekten

Von Sophie Charlotte Rieger

Dank seines Ant-Man-Anzugs besitzt der einstige Trickbetrüger Scott (Paul Rudd) die geniale Fähigkeit, gigantisch groß zu wachsen oder winzig klein zu schrumpfen. Doch gerade steht er wegen seines gesetzeswidrigen Auftritts in „Captain America: Civil War“ unter Hausarrest – weswegen Dr. Hank Pym (Michael Douglas) gemeinsam mit Tochter Hope (Evangeline Lilly) nach einer Möglichkeit sucht, seine verschollene Ehefrau Janet (Michelle Pfeiffer) aus dem sogenannten Quantenraum zu befreien.

©Marvel Studios 2018

Obwohl sich Hope inzwischen mithilfe ihres Vaters in die Superheldin Wasp verwandelt hat, sind die beiden bei diesem Unterfangen schließlich doch wieder auf ihren ehemaligen Mitstreiter Scott angewiesen. Und dann stellt sich ihnen auch noch eine im wahrsten Sinne des Wortes schwer zu fassende Bösewichtin – Hannah John-Kamen als Ghost – in den Weg.

Der zweite Film aus dem Ant-Man-Universum hat sichtbar an seiner Frauenquote geschraubt: Hope alias Wasp lässt in spektakulären Actionszenen feministische Herzen höherschlagen, und mit Ghost steht ihr nun sogar eine Kontrahentin gegenüber. Hopes Mutter als potenzielle zweite Superheldin kann mit ihrer knapp bemessenen Screen-Time allerdings nur als „damsel in distress“, als Unschuld in Nöten, fungieren.

© Marvel Studios 2018

Es bleibt also Luft nach oben, zumal insbesondere Hope trotz ihrer wissenschaftlichen Kompetenzen bedauerlich wenig Einfluss auf den Handlungsverlauf nehmen kann. Bösewichtin Ghost verliert indes im Finale deutlich an Kraft, wenn sie sich erschöpft in die Arme eines starken Mannes fallen lässt.

Ant-Man And The Wasp (US 2018)
Regie: Peyton Reed. Mit Paul Rudd, Evangeline Lilly, Michael Douglas, Michelle Pfeiffer, Michael Peña, Randall Park, Laurence Fishburne, Judy Greer, Tip „T.I.“ Harris, Hannah John-Kamen u. a.. 118 Min., Start: 26.07.

Trotzdem ist „Ant-Man And The Wasp“ im Vergleich zum ersten Film der Reihe ein großer Schritt nach vorne und ein gelungenes Popkornkino-Vergnügen obendrein. Tröstlich sind auch die in den Dialogen versteckten Metakommentare, die darauf hindeuten, dass sich die Macher*innen der bisherigen Vernachlässigung der Heldin durchaus bewusst sind. Das macht Hoffnung: Vielleicht darf Wasp ja beim nächsten Mal dann auch ganz vorne mitspielen!

Zum Blockbuster-Check von Sophie Charlotte Rieger zu „Ant-Man And The Wasp“ geht hier lang.

July 26 2018

10:38

Juwelen für die Armee

Von Fatma Aydemir
Interview: Jesse R. Buendia

Die beliebtesten arabischen Liebeslieder des zwanzigsten Jahrhunderts stammen aus dem Repertoire einer Künstlerin, die offiziell niemals verliebt gewesen ist. Einer Sängerin, die mit ihren breiten Schultern und schiefen Zähnen allen Schönheitsidealen ihrer Zeit widersprach und in die dennoch Millionen von Menschen verknallt waren. Es sind zahlreiche Mythen, die Leben und Werk von Oum Kulthum umranken. Die ägyptische Diva mit der imposanten Hochsteckfrisur und dem tiefen Timbre diente zeit ihres Lebens als Projektionsfläche für die Erhabenheit moderner arabischer Kultur und tut dies noch heute – über vierzig Jahre nach ihrem Tod.

„Oum Kulthum ist eher eine Vorstellung als eine reale Person und sie wollte auch eine Vorstellung bleiben. Manchmal denke ich, sie hat sehr bewusst kalkuliert, wie wir sie nach ihrem Tod in Erinnerung behalten sollen“, sagt Shirin Neshat. Die iranische Künstlerin hat mit „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ einen Spielfilm über die Ikone gedreht. Oder viel eher: einen Spielfilm über Kulthums Bedeutung für Künstler*innen aus dem Nahen Osten. Im Mittelpunkt steht die iranische Regisseurin Mitra (gespielt von Neda Rahmanian), die während der Arbeit an einem Biopic über Oum Kulthum mit immer neuen Hürden konfrontiert wird. Männliche Kollegen am Set zweifeln an Mitras Können, werfen ihr vor, Kulthum falsch darzustellen und ihr ohne Arabischkenntnisse nicht gerecht werden zu können.

„Auch ich spreche kein Arabisch und werde Oum Kulthum nie auf dieselbe Art verstehen können wie arabischsprachige Hörer*innen“, erzählt Neshat im Gespräch mit Missy. „Trotzdem glaube ich, dass Musik eine viel tiefgreifendere Erfahrung ist als das reine

Verständnis von Lyrics. Unsere Musiktraditionen im Iran sind ja verwandt mit den arabischen. Ich fühle den Schmerz und die Sehnsucht in Kulthums Liedern. Denn ich verstehe die Tradition, aus der sie kommen.“

Düster bis kühl sind die Stimmungen, die „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ zum Großteil dominieren. Glamouröse Drehorte und schillernde Bühnenkostüme vergegenwärtigen die „Goldene Ära“ Ägyptens, wie die Periode der 1950er- und 1960er Jahre aufgrund der lebhaften Kulturlandschaft genannt wurde. Prägend war zu dieser Zeit vor allem Oum Kulthum, die es mit ihren monatlichen Radiokonzerten schaffte, dass sich die Straßen Kairos leerten, weil alle sich um ihre Radios versammelt hatten. Und nicht nur in ihrer Heimat wurde die Volksheldin, deren einzelne Lieder mal gut eine Stunde dauern konnten, wie eine Heilige gefeiert. Jeder Auslandsbesuch wurde zum medialen Großevent. So schreibt die libanesische Presse über Kulthums Auftritt beim Musikfestival Baalbeck 1966: „Hunderte Besucher aus verschiedenen arabischen Ländern durften an diesem Abend das Paradies betreten. Oum Kulthum ist ein Wunder Gottes.“

Foto: Najia Skalli als Oum Kulthum. Razorfilm.

Diese Ausnahmestellung als wichtigste Stimme ihrer Zeit mache Oum Kulthum noch heute zum Vorbild vieler Frauen im Nahen Osten, so Neshat: „Sie hat so viele Dinge erreicht, die uns immer noch unmöglich scheinen. Ihr Erfolg ist ein Traum. Für Frauen ist es sehr schwer, Karriere mit Privatleben zu vereinbaren, etwa als Mutter.“ Oum Kulthum selbst hat nie Kinder bekommen. Geheiratet hat sie erst, als sie über fünfzig war, für die damalige Zeit mehr als ungewöhnlich. Es soll sich um eine Vernunftehe gehandelt haben, mit ihrem Hausarzt. Kulthum litt in ihrer fast sechzigjährigen Bühnenkarriere immer wieder an gesundheitlichen Problemen.

Manche Fans glauben heute, dass Oum Kulthum lesbisch war. Auch Shirin Neshat: „Bei meinen Recherchen habe ich herausgefunden, dass sie zwar bei der Arbeit nur von Männern umgeben war, im Privaten aber blieb sie stets unter Frauen. Vieles deutet darauf hin, dass sie Frauen liebte. Aber Ägypter werden ziemlich sauer, wenn ich danach frage. Sie sagen, sie interessieren sich nicht für ihr Privatleben.“

Dennoch spielt Kulthums Herkunft aus einfachen Verhältnissen eine große Rolle in der kollektiven Wahrnehmung. Als Kind bot sie gemeinsam mit ihrem Vater Koranrezitationen auf Veranstaltungen dar. In der Pubertät begann sie, sich als Junge zu verkleiden, da öffentliche Auftritte von Frauen in der Provinz verpönt waren. Später feierte sie das Volk dafür, dass sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere all ihre Juwelen und Konzertgagen an die ägyptische Armee spendete, die nach der Niederlage beim Sechstagekrieg gegen Israel wiederaufgebaut werden musste. So ist und bleibt Oum Kulthum auch eine nationalistische Figur, eine Botschafterin der panarabischen Ideologie des Präsidenten Gamal Abdel Nasser, der regelmäßig neue Kompositionen bei ihr in Auftrag gab.

„Es ist bekannt, dass Kulthum zuvor loyal zu König Faruq I.  gewesen war. Als er 1952 gestürzt wurde, verfiel sie in eine Depression“, sagt Shirin Neshat. Dass Kulthum sich aber mit den Nationalisten bloß gut stellte, um weiterhin auftreten zu können, glaubt Neshat nicht: „Sie hat sich persönlich mehr und mehr von den westlichen Positionen und dem Elitismus der Monarchie entfernt. Oum Kulthum sah sich als Repräsentantin des Volkes und stellte sich gemeinsam mit dem Volk gegen den Einfluss der britischen Kolonialmacht.“

So gibt es auch zahlreiche antisemitische Parolen, die Oum Kulthum während der Krise zwischen Israel und Ägypten von sich gab. „Ich glaube, das hat viel mit der Stimmung ihrer Zeit zu tun“, so Neshat. „Trotzdem ging sie nach Israel, um Konzerte zu geben. Trotzdem wuchsen auch Israelis mit ihrer Musik auf. Aber wenn ich nun öffentlich davon spreche, wie beliebt sie in Israel ist, werde ich vom Publikum attackiert. Auch das ist ein Teil der Wahrheit.“

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

July 24 2018

22:00

Feindbild Rap-Dude

Interview: Dalia Ahmed

Die Akademie der bildenden Künste in Wien machen sie schon seit Längerem unsicher. Im Umfeld der satirischen „Burschenschaft Hysteria“ gehören sie neben der Autorin Stefanie Sargnagel zu jenen feministischen Künstlerinnen, die sich derzeit verstärkt gegen Antifeminist*innen und Rechte organisieren. Doch auch die Aufmerksamkeit der Feuilletons haben Klitclique mittlerweile auf sich gelenkt. Mit ihrem Hit „Der Feminist F€m1n1$t“ schrieben sie eine Cloudrap-Hymne wider den neoliberalen „Feminismus“, mit dessen hohlen Slogans sich besonders Männer gerne herrklären und profilieren. Klitcliques arty Background wird im dazugehörigen ­Videoclip deutlich, wenn sie vor der Kulisse eines aus Pappmaschee gebauten, unaufgeräumten Schlafzimmers posen – eine Referenz an die feministische Künstlerin Tracey Emin. Missy traf G-udit und $chwanger zum Gespräch in Wien.

Euer erstes Album heißt „Schlecht im Bett, gut im Rap“. Was hat es mit dem Titel auf sich?
$chwanger: Der Spruch ist perfekt, wenn man angemacht wird. Er ist eine Verweigerung: „Hey, ich bin schlecht im Bett. Du willst mich gar nicht!“ Die Typen sind dann einfach nur perplex und lassen dich in Ruhe. G-udit: Es gibt nur zwei Extreme. Entweder du bist eine Bitch oder du bist schlecht im Bett, warum auch immer.

Was ist die Entstehungsgeschichte des Albums?
$chwanger: Wir haben sehr lange nur gefreestyled und Live-Auftritte gemacht, bis wir uns irgendwann ins Studio gesetzt haben. In Wien haben wir einen Produzenten gefunden, mit dem das auch sehr gut funktioniert hat, Mirza Kebo. Bei den Sessions sind viele Tracks aus dem Freestylen entstanden. Wir haben uns Zeit gelassen und haben die Tracks über ein Jahr lang stückweise produziert.

Was geht in euren Köpfen vor beim Texten?
G-udit: Es gibt Künstler wie MC Supernatural, die das Wörterbuch durchrappen können. Ich glaube aber, anfangen tut es immer mit: „Ich bin cool und ihr nicht!“ In unserem Fall heißt das eben: „Wir sind cool und ihr nicht!“ Wir hatten nie das Ziel, besonders poetisch oder

literarisch wertvoll zu sein. Aber im Vergleich waren wir das trotzdem – die Alternative sind ja nur irgendwelche Dudes, die über ihre Schwänze reden.

©Foto: Elsa Okazaki, Styling: Amaaena,
Make-up: Naomi Gugler, diamond encrusted vag chainz: G-udit

Wer ist denn konkret das „Wir“ und das „Ihr“?
$chwanger: „Wir“ sind als ­Klitclique Gx-udit und $chwanger. Aber das „Wir“ sind auch all die Leute, mit denen wir zusammengearbeitet haben und die mit uns auf der Bühne gestanden sind, bspw. die Bliss-Squad, Jessica Hauser, Anna Spanlang oder Amaaena.
G-udit: Und dann ist da noch das „Wir“ im größeren Sinn. Im deutschsprachigen Rap waren es „wir“ auf Freestyle-Battles oder „wir“, (flüstert:) die Graffitis sprayen, und „wir“, die Dudes und ihre sexistischen Strategien durchkreuzen. Das „Wir“ sind alle Rapperinnen, aber gleichzeitig auch nicht, weil leider viele Rapperinnen auf den Zug aufspringen und andere Frauen schlechtmachen. Das ist auf keinen Fall unser Ziel. Natürlich feiern wir uns selber ab, aber es geht uns auch immer darum, Kollaborationen und ebenbürtige Gegnerinnen zu finden.

Wenn wir zum Ursprung von HipHop schauen: Das ist eine afroamerikanische, Schwarze Kunst. In euren Auftritten, Outfits und Texten kokettiert ihr mit bzw. subvertiert ihr viele problematische Aspekte im HipHop, etwa den Machismo oder die Glorifizierung des Kapitalismus. Wie reagiert ihr auf den Vorwurf, dass ihr Aneignung betreibt, sowie auf die Kritik, dass ihr euch über andere, gesellschaftlich schlechter gestellte Menschen lustig macht?
G-udit: Aneignung oder Appropriation ist auf jeden Fall ein wichtiger Diskurs, der endlich auch Europa erreicht hat. $chwanger: Diese Frage wird ja auch immer wichtig, sobald etwas öffentlich wird und wenn Geld ins Spiel kommt. Da geht es etwa um die Frage, wer welche Position innehat, um öffentlich aufzutreten und daraus Kapital schlagen zu können. Ich würde sagen, wir versuchen, mit alldem humorvoll umzugehen, ohne jemanden niedermachen zu wollen. Aber das ist auf jeden Fall etwas, über das man immer wieder mit Leuten diskutieren sollte. Wir als Klitclique sind auch aus einer Art Außenseiterinnensituation gestartet – als zwei Frauen ohne einen „typisch“ österreichischen Hintergrund. Mittlerweile ist das alles internetmäßig extrem global geworden und ich finde es schade, wenn man sich abtrennt und bestimmte Sachen aus Angst nicht mehr macht. Wir haben bei Texten auch schon oft überlegt: „Wollen wir das wirklich bringen?“ Auch inhaltlich überlegen wir, welche ­Themen wir behandeln können und welche nicht. Da denken wir schon mit.

Wobei es mir nicht um die Frage geht, ob man als weiße Person HipHop machen darf oder nicht. Sondern: Wie macht man es so, dass man nicht Dinge verarscht, die ihre Legitimation haben? Das Bling-Bling im HipHop etwa als Statussymbol, als Insignien der Macht.
G-udit: Es gab mal die Geschichte, als Dolce & Gabbana Probleme bekamen, weil sie eine Modekollektion mit einer rassistischen Abbildung einer Schwarzen Person he­rausgebracht und darauf bestanden haben, dass das alte italienische Kultur sei. Das hat einen Riesenwirbel ausgelöst. In Wien sieht man auch immer wieder in Secondhandläden Stücke mit Kolonialgeschichte. Wenn das Schmuck ist, denke ich mir: An der richtigen Person ist das ja nur gut. Also wenn das eine elegante, Schwarze Frau trägt, ist das großartig, aber wenn ein weißes Model in New York so etwas auf dem Laufsteg trägt, geht das natürlich nicht. Es ist einfach wieder die Frage, wer spricht. Aber keine Ahnung, wie ich deine Frage jetzt beantworten soll. Sharing und talking, I guess. $chwanger: Und mit Humor, ohne beleidigend zu sein. Oder in die falsche Richtung zu treten. G-udit: Gemeinsame Feinde ausmachen, anstatt sich gegenseitig fertigzumachen.  

Für mich ist der Gedanke „Machen wir uns zusammen über Sachen lustig, anstatt uns gegenseitig zu prügeln“ und die Suche nach Gemeinsamkeiten an sich eine gute Sache – nur leider hört man das auch sehr oft von anderer Seite. Also z. B. Männer, die bei Diskussionen gerne kontern: Lasst uns nicht fighten, weil sonst gewinnen die Reaktionären. Ist eine solche Aussage dann nicht eine bloße Ausrede?
$chwanger: Ich weiß nicht, ob es eine Ausrede ist. Es kommt im Endeffekt schon so rüber wie das, was du vorhin meintest, also die Frage, ob du als weiße Person rappen darfst.

Ich finde, man „darf“ es auf jeden Fall machen. Es geht aber darum, wo und wie man die Schmähs (Wienerisch: Witze) macht. Und an genau dieser Stelle frage ich mich: Was ist euer Zugang, um es auf eine faire Weise zu machen?
$chwanger: Unser Feindbild sind schon lange die deutschsprachigen Rap-Dudes. Was uns da sehr stark motiviert hat, ist die im Deutschrap populär gewordene ­sexistische Ausrichtung. Ich wollte das nicht einfach so stehen lassen auf der ­Bühne.

Euch geht es also eher um eine Kritik am „Alman“-HipHop-Game als um eine am HipHop-Game insgesamt?
$chwanger: Bei unseren Freestyles bei Battles schon. Das war für mich der Haupteinfluss als Teenager.

In eurem Song „D1g irgendwa$“ rappt ihr: „Dein Galerist kauft dir Kokain, damit du schneller stirbst. Deine Mutter ist unser Booker.“ Ich finde dieses Ausspielen einer weiblichen Macht sehr spannend. Ihr sagt damit quasi, jetzt läuft es scheiße, aber am Ende des Tages werden wir gewinnen.
$chwanger: Uns ging es bei dem Song um die Idee, ein Netzwerk aufzubauen, um sich gegenseitig zu unterstützen und mit Frauen zu arbeiten, wo immer es geht. Weil sie auch oft einfach kompetenter sind. Der Song thematisiert auch Männerbünde und dass Künstler tot oft mehr wert sind am Markt. G-udit: Die erwähnte Zeile ist auch entstanden, weil wir nie in unseren Träumen geglaubt hätten, dass wir je eine Bookerin haben werden.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

09:30

Was ist mit denen da?*

Von Sibel Schick

Ich hab Lust auf ein gesellschaftliches Engagement und bin auf der Suche nach etwas Sinnvollem. Ich denke, ich könnte was mit Flüchtlingen machen. Letztens hab ich diese Tweets gelesen über so ein Welcome Dinner. Vielleicht finde ich auch einen Ahmed oder einen Mohammed und verändere sein Leben. Wie gut sich das anfühlen muss. Und wie süß das sein muss, wenn mein Flüchtling sein westliches Essen – so was wie Spaghetti – nicht essen kann und eine Sauerei macht. Wie ein Kind. Kinder … Kinderarmut … da war doch was … Ach ja! Was ist denn jetzt mit den armen Kindern in Deutschland? Soll ich nicht lieber vor meiner eigenen Haustür kehren, bevor ich den Zugezogenen helfe? Oder Obdachlosen!? Was ist mit denen? Die Politik macht eh nix! Nee, nee. Zuerst muss es uns gut gehen. Dann erst kommen die anderen dran.

Unter der schwarz-rot-goldenen Decke liegen und von Krieg träumen? Keine romantische Vorstellung für jede*n. © Tine Fetz

Wo wir bei den Kindern sind, überlege ich mir, vielleicht was mit Waisen oder kranken Kindern zu machen. Ich könnte so eine Clownsausbildung machen und an Wochenenden Kindern Freude schenken. Wenn ich sie zum Lachen bringe, dann macht mich das bestimmt auch glücklich. Das ist für beide Seiten von Nutzen. Bei Kindern muss ich auch an die kleinen Arbeitermädchen in Usbekistan denken. Den ganzen Tag pflücken sie Baumwolle unter glühender Sonne, anstatt zur Schule zu gehen. Aus dieser Baumwolle werden T-Shirts gemacht, auf die ist kein Verzicht. Und wenn wir ehrlich sind, ist es peinlich, sich für die Kinder in Deutschland einzusetzen, während die es drüben so schwer haben. Das kann ich meinem Gewissen gegenüber nicht verantworten. Na toll. Noch ein Plan zunichtegemacht …

Frauenrechte! Ich kann mich doch voll gut für die Frauen einsetzen! Ich habe gehört, die werden noch immer schlechter bezahlt als Männer. Und sie werden ja noch geschlagen und so. Ich denke, Deutschland braucht auch starke Frauen, wenn es sich ein fortschrittliches Land nennen will. Aber weißt du was: Eigentlich haben sie es hier schon total gut. Ich meine, ganz ehrlich, hier machen die so einen Aufschrei wegen Gendersternchen und gleicher Bezahlung, aber Frauen in Iran werden verhaftet, weil sie tanzen, und in Saudi-Arabien dürfen sie erst seit Kurzem Auto fahren. Was ist mit denen da drüben? Das wäre doch heuchlerisch, in Deutschland wegen Gewalt an Frauen Theater zu machen, während es Gewalt an Frauen auch sonst wo gibt. Ärgerlich! Auch das müssen sie mir wegnehmen.

Irgendwo hat es irgendwer immer schwerer als hier. In Afrika verhungern Kinder, in Tschetschenien werden Schwule verfolgt, in Amerika werden Schwarze erschossen, in der Türkei sitzen Regierungsgegner im Knast. Die Welt kann ich eh nicht alleine retten, es wird mir zu viel. Ich glaube, ich mache einfach gar nichts, bleib hier sitzen und beklage mich über meine Alltagsprobleme.*

 

* In diesem Beitrag achtet die Autorin aus stilistischen Gründen nicht auf eine antirassistische und gendergerechte Sprache, um stärker auf die unsensible Art derer hinzuweisen, die mit Beispielen aus anderen Ländern gegen antirassistischen und feministischen Aktivismus in Deutschland argumentieren, ohne inhaltlich auf die Themen einzugehen, siehe „Whataboutism“.

July 23 2018

10:37

What is love?

Interview: Judith Werner

Es gibt Momente, die können ein ganzes Leben verändern. So auch, als ein Teenager namens Liv aus dem schwedischen Lund ihre Schwester in Stockholm besuchte. Die beiden jungen Frauen gingen zu einer Lesung und Liv hörte zum ersten Mal von Feminismus und patriarchalen Strukturen. Heute ist Liv Strömquist vierzig Jahre alt und eine der bekanntesten feministischen Comiczeichnerinnen in Skandinavien. Im Skype-Gespräch erzählt sie von der Entstehungsgeschichte ihres neuesten Comics „Der Ursprung der Liebe“.

Dein Comic „Prins Charles Känsla“, der in Schweden bereits 2010 publiziert wurde, erscheint nun unter dem Titel „Der Ursprung der Liebe“ auf Deutsch. Ist die Liebe – wie früher im Märchen – nur etwas für Prinzessinnen?
Ich habe mein Buch „Das Gefühl von Prinz Charles“ genannt, weil es sich auf ein Interview bezieht, das der britische Thronfolger einst bei seiner Verlobung mit Lady Diana gab. Er wurde gefragt, ob er Diana liebe, und er antwortete nach kurzem Zögern: „Yes – whatever love means.“ Eine bezeichnende und möglicherweise unfreiwillig ehrliche Aussage, wenn wir bedenken, wie die Geschichte der beiden verlief. Doch mir geht es gar nicht um diese royale Ehe, sondern um sein Zögern und die Fragen, die Charles damit aufgeworfen hat und die sich auch viele von uns stellen: Was bedeutet das eigentlich – Liebe? Habe ich dieses Gefühl oder doch nicht? Ich mag übrigens den deutschen Titel. Er bezieht sich auf die Herkunft dieses großen Gefühls: Ich frage nach den soziologischen Umständen, die unser Verständnis von Liebe heute prägen.  

Wie auch in „Der Ursprung der Welt“, das die Kulturgeschichte der Vulva behandelt, arbeitest du mit wissenschaftlichen Studien aus der Medizin, Soziologie, Literatur und Philosophie. Bei vielen Bildern kann man am Rand Fußnoten mit Quellenangaben entdecken. Wie kamst du auf die Idee, solche Inhalte in Comicform zu verarbeiten?
Ich habe schon während meiner Studienzeit angefangen zu zeichnen. Irgendwann habe ich mich gefragt, warum ich die Arbeitsweise, die ich in meinem Studium verwendete, nicht auch für meine Kunst einsetzen sollte. Wenn man wissenschaftlich arbeitet, liest man viel, stellt Thesen auf und versucht, Fragen zu beantworten. Das kann manchmal recht trocken sein. Bei meinen Recherchen bin ich aber auch immer wieder auf Theorien und Studienergebnisse gestoßen, bei denen mir der Mund vor Erstaunen offen stand. Genau die sind es, die ich mit meinen Comics anderen nahebringen will. Ich nenne meine Bücher übrigens bewusst Comics und nicht Graphic Novels. Der Ausdruck Graphic Novel wurde ja u. a. deswegen geschaffen, um dem Genre Comic eine Art Hochkultur-Stempel zu

verpassen. Ich mag aber gerade das Unprätentiöse und Kindliche, das einem dieses Genre bietet. Eine Graphic Novel liest du nicht eben mal zwischendurch oder nimmst sie mit auf die Toilette. Einen Comic schon – und das finde ich gut.

©Liv Strömquist

War Gender schon während deines Studiums der Politikwissenschaft das zentrale Thema für dich?
Überhaupt nicht! Heute sehen wir erfreulicherweise, dass Gender-Debatten und Fragen von Gleichberechtigung und Feminismus eine größere Aufmerksamkeit bekommen. Während meines Studiums in den 1990ern war in Schweden die Zeit eines feministischen Backlash. Ich bin mit dem Stereotyp von Feministinnen als verbitterte, ältere Frauen aufgewachsen. Auf dem schwedischen Land gab es keine positiven feministischen Role Models. Von der Idee, dass patriarchale Strukturen unsere Gesellschaft prägen, hörte ich zum ersten Mal in einem Psychologievortrag über junge Paare ohne Kinder: Selbst in diesen Beziehungen ließ sich bereits nach kurzer Zeit eine ungleiche Rollenverteilung feststellen, obwohl beide doch gleichberechtigt in die Partnerschaft eingetreten waren. Das hat mich aufgerüttelt und ich habe angefangen, die Welt mit ganz anderen Augen zu sehen. Plötzlich fiel mir auf, dass selbst in der linken, alternativen Szene, in der ich mich aufhielt, die Jungs die Graffitis sprühten oder in Bands spielten, während die Mädchen bei all dem im Wesentlichen nur zuschauten. Damit wollte ich mich nicht abfinden.    

In deinem neuen Buch thematisierst du den typischen Mann, der genervt ist von einer Frau: seiner Partnerin, Mutter oder Schwiegermutter, und keine Lust auf Kommunikation hat – was die Frau dazu bringt, genau diese immer vehementer einzufordern. Ist das nicht ein Klischee?
Es ist ein Muster, das gerade unsere Popkultur sehr stark tradiert. Ich habe mich mit US-amerikanischen Comedyserien beschäftigt. Egal ob „Hör mal, wer da hämmert“ oder „Two And A Half Man“, immer steht ein Mann im Zentrum, der vor allem eines will: seine Ruhe – außer natürlich er liegt krank auf der Couch. Dabei kommt der Typ immer recht gut weg. Er ist dann der Kerl, der einfach nur an seinem Auto schrauben will, der einsame Wolf, der mit sich allein klarkommt. Selbst der Eremit kann noch als heroische Figur durchgehen. Solche positiven Bilder fehlen für Frauen.

Wenn man deine Comics liest, erkennt man gelegentlich etwas wieder. Kann man „Der Ursprung der Liebe“ auch als Liebesratgeber lesen?
Anscheinend tun das manche! Einmal kam eine Frau auf der Straße auf mich zu und sagte mir, dass ihr mein Buch sehr geholfen hätte: Sie hatte es ihrem potenziellen Partner zu lesen gegeben und mit ihm darüber diskutiert, um herauszufinden, wie seine Einstellung zu Beziehungen und Liebe ist. Mein Buch wurde quasi als Einstiegstest für ihre spätere Partnerschaft benutzt. Auch wenn es mich natürlich freut, dass mein Comic Menschen auf diese Weise unterstützen kann – geplant war das nicht.  

Du hast dich so viel mit Beziehungen und deren Scheitern beschäftigt – kannst du noch an die romantische Liebe glauben?
Absolut! Ich bin mir sicher, dass es sie gibt. Liebe ist die vielleicht grundlegendste Eigenschaft des menschlichen Wesens. Wie sie dann in der Gesellschaft umgesetzt wird und ob das funktioniert, ist eine andere Frage – in der scheint mir aber glücklicherweise aktuell sehr viel Bewegung zu sein. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

July 20 2018

10:37

Grabsteine aus Pappe

Von Toby Ashraf

Der Begriff der „Follies“ lässt sich wörtlich mit „Torheiten“, „Unsinn“ oder vielleicht sogar „Schabernack“ übersetzen. Im Theaterkontext waren die „Ziegfeld Follies“ am New Yorker Broadway zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausladend inszenierte Nummernrevuen mit Tanzeinlagen, hohem Unterhaltungswert und geringem politischen Anspruch. Johannes Müller und Philine Rinnert arbeiten seit 2010 eng zusammen und haben ihr neues gemeinsames Stück zum Thema HIV nun „Aids Follies“ betitelt und es als „Virus-Panorama“ bezeichnet. Um Unsinn geht es dabei nicht und von geringem politischen Anspruch kann auch keine Rede sein. Warum also diese Form?

Müller sieht die Revue als eine Form der Collage, ein Prinzip, nach dem die Zusammenarbeit von ihm und Philine Rinnert funktioniert. „Wir sammeln und collagieren eine große Menge an Material zu einem Thema, das uns interessiert, und stellen daraus eine revuehafte Abfolge zusammen aus verschiedenen Nummern, Musiken, Texten und Bewegungen“, erklärt er im Gespräch. Das Stück ist eine Mischung aus Auftritten und Lectures. Auf der Bühne: Popsängerin und Performerin Valerie Renay, Vokalartistin Sirje Viise, Bariton und Drag-Performer Shlomi Wagner und Schauspieler Hauke Heumann.

Natürlich habe das etwas „Polit-Theater-Mäßiges“, wenn man sein Stück „Aids Follies“ nennt, sagt Müller auf die Frage, ob ihr Projekt in der Tradition vom Aids-Aktivismus der

Transen und Tunten stehe. Ein Stück über Aids sei eben zwangsläufig immer auch politisch.   

©Philine Rinnert

Philine Rinnert erklärt in ihrem Atelier anhand eines Miniatur-Modells das Bühnenbild. Sie spricht von verschiedenen Versatzstücken und Bausteinen und versteht ihre Arbeit als „anti-dekorativ“. Nicht illustrativ, sondern diskursiv. Schwarz ist der Raum, weiß und schematisch sind die unterschiedlichen Objekte darin. Grell neonfarben hingegen das Bodenraster, das den Spielraum in den Sophiensælen absteckt. Die 1980er-Jahre sind hier visuell zurück und mit ihnen der Ausbruch des HI-Virus. „Klinisch“ und „white“ nennt Johannes Müller die (popkulturelle) Kunstästhetik der Zeit, an der sich das Bühnenbild orientiert.

Wir sehen eine Leinwand, auf die ein Live-Video projiziert wird: Absurde Objekte werden auf einem Labortisch bewegt. Eine Wolke aus Kondomen schwebt über der Bühne. Papp-Grabsteine im Bühnenvordergrund. Verweise auf den Interessenverband Act Up, Aids-Aktivismus und queeren Widerstand. Ein überdimensionaler Telefonhörer als Erinnerung an eine Zeit, in der es Aids-Hotlines gab und kein Internet. Ein kleiner Raum des Privaten im Hintergrund. In der Summe: Assoziationsräume, durch die sich die Figuren bewegen. „Über eine dokumentarische Suche sind wir zur Abstraktion und Verfremdung gekommen und bauen damit eine neue und eigene Struktur“, fasst Rinnert zusammen.

Die „Aids Follies“ als „durchgetaktete Kombination“ verschiedener Elemente. Mal mit Figuren, mal ohne. Mal mit Video, mal mit gesprochenem oder gesungenem Text, mal mit Text zum Lesen. Mal mit Tanz. Theater als Laborablauf, als Maschine, die vor dem Publikum läuft – das sind Analogien, die Müller und Rinnert in den Sinn kommen. Dazu gibt es eine eigens von Genoël von Lilienstern komponierte Musik, die live auf der Bühne gespielt wird. Von kamerunischem Pop bis hin zu Porno-Klängen, heißt es in der Ankündigung. Antworten auf Fetzen einer langen Recherche.

Die begann bereits im Sommer 2017: In der British Library haben Rinnert und Müller Interviewaufnahmen von Bekannten des sogenannten „Patient Zero“ Gaëtan Dugas gefunden. Dem franko-kanadischen Flugbegleiter wurde vorgeworfen, das Virus in die USA eingeschleppt zu haben. Neben Aids-Poetry, Zeitungsartikeln und theoretischen Schriften recherchierten sie im ACT-UP-Archiv der New York Public Library. Zudem sprachen sie mit Wissenschaftler*innen.

Ein loser Bogen: vom Aufkommen der Aids-Hysterie bis zum „Prep Nirwana“, einer Zeit, in der man sich per Pille vor HIV schützen kann. Dazwischen: die immer neue Suche nach Schuldigen, neue Verschwörungstheorien und Fronten. Das Stück sei eine „Landschaft von Feindbildern, die wir aufzeigen und analysieren wollen“, sagt Müller. Eine spannende Versuchsanordnung, die in den Proben zur endgültigen Form findet. Eine Aids-Revue. Alles andere als Schabernack.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

July 19 2018

12:23

Trällern für Mama

Von Simone Bauer

Die gleichnamige Verfilmung des ABBA-Musicals „Mamma Mia!“ (2008) wurde wegen des hochkarätigen Casts schnell zum Lieblingsfilm vieler Musikfans – nicht zuletzt, weil die Hauptrolle von einer äußerst flippigen Meryl Streep getragen wurde. Betrachtet man das Gesamtwerk der schwedischen Kultband, macht ein zweiter Teil durchaus Sinn – schließlich gibt es genügend Songs, die bei der ersten Produktion nicht zum Zug kamen, wie „One Of Us“ (immerhin im Programm des Bühnenstücks) oder „Fernando“.

© Universal Pictures

„Mamma Mia! Here We Go Again“ erzählt im Grunde die Geschichte, die man bereits kennt: Die selbstbestimmte Donna Sheridan erlebt drei Sommerromanzen, und einer der drei Männer könnte der Vater ihrer Tochter Sophie (Amanda Seyfried) sein. In der Fortsetzung wird Donna hauptsächlich von Lily James gegeben, denn der Film blendet regelmäßig in die Vergangenheit zu ihrem Weg auf die griechische Insel Kalokairi und den dortigen Abenteuern.

© Universal Pictures

Der Fokus des gesamten Films liegt ganz klar auf Donna, zu deren Ehren Sophie auch endlich das Traumhotel „Bella Donna“ eröffnen möchte. Leider bewahrheitet sich das, was nach dem etwas wirr zusammengeschnittenen Filmtrailer für große Unruhe in der Fangemeinde gesorgt hat: Im Hier und Jetzt trauert Sophie seit einem Jahr um ihre verstorbene Mutter. Wie es dazu kam und was überhaupt in den letzten zehn Jahren passiert ist, wird zumeist ausgespart. Trotz zusätzlichen Regens im Paradies mit Sophies Lover Sky (Dominic Cooper) hat das Sequel Potenzial zum absoluten Wohlfühlfilm.

© Universal Pictures

Mamma Mia! Here We Go Again
GB/US 2018. Regie: Ol Parker. Mit: Amanda Seyfried, Julie Walters, Christine Baranski, Pierce Brosnan, u. a., 114 Min., Start: 19.07.

Mutterschaft bleibt ein zentrales Thema – etwas unpassend wird dabei die großartige Cher als Großmutter Ruby eingesetzt, um ein stimmiges Bild abzugeben. Wer ABBA liebt, wird aber auf jeden Fall auf ihre*seine Kosten kommen, sei es schon alleine wegen des großartig umarrangierten „Kisses Of Fire“. „Waterloo“ bekommt im Sequel zudem eine einfallsreiche Choreografie. Da dürfen auch die jüngeren Versionen der Powerfrauencharaktere von Christine Baranski und Julie Walters als Donnas beste Freundinnen nicht fehlen. Diese spielen absolut auf den Punkt – wenngleich Colin Firth weiterhin für die charmantesten Lacher sorgt.

July 18 2018

10:44

Imperium Amani

Von Katja Garmasch

Ihren Namen muss keine*r mehr googeln. Selbst ein Showbiz-Vollpfosten wie ich, der seit Jahren keinen Fernseher hat und diese Welt nur aus seiner Facebook-Blase kennt, kommt an ihr nicht vorbei.

Wenn man die Stand-up-Comedian Enissa Amani aber doch googelt, scrollt man lange durch Tittenkommentare unter ihren Videos und unglamouröse westdeutsche Orte, in denen sie demnächst auftritt. Bis man schließlich auf rätselhafte „Gala“- oder „Bild“-Links stößt mit Titeln wie „Enissa Amani ganz flach“. Hinter dem Link versteckt sich ein Paparazzi-Foto, das Amani in der Kölner Innenstadt zeigt. Der Skandal: Sie trägt Sneaker statt (wie gewohnt) High Heels. Die „Comedy-Prinzessin“ müsse wohl beim „Marathonbummeln“ gewesen sein. Manchmal sagt ein Schnappschuss eben mehr als tausend Worte: Enissa Amani kann allein mit ihren Füßen Boulevard-Schlagzeilen produzieren. „Läuft bei mir!“, würde sie sagen. Und es stimmt: Läuft bei ihr. Gerade ist ihre Stand-up-Show „Ehrenwort“ bei Netflix erschienen – Amani ist somit die erste Comedian Europas, die einen Exklusivdeal mit dem US-Streamingdienst hat.

© Julia Sellman

Ob sie sich allerdings darüber freut, dass die „Hurensöhne von ‚Bild‘“, wie sie die Zeitungsredaktion in ihrer Show liebevoll nennt, nicht die Höhe ihrer Gage interessiert, sondern die Höhe ihrer Absätze, ist zu bezweifeln. Denn Enissa Amani ist es leid, auf ihr Äußeres reduziert zu werden. Das sei vor allem ein deutsches Phänomen, erzählt sie im Missy-Interview: „Hier wird man als Frau, die sich gerne schminkt, völlig anders wahrgenommen. Ich finde das sexistisch, dass man dann direkt als Tussi bezeichnet wird. Das Wort habe ich früher auch benutzt. Aber heute ärgere ich mich, wenn das jemand in einem Artikel schreibt, weil es immer abwertend gemeint ist.“

„Die Tussi mit der Piepsstimme“, so hat sie sich selbstironisch bei ihren ersten Auftritten in „TV Total“ auf ProSieben vorgestellt. Doch Ironie funktioniert im Fernsehen selten und das Klischee blieb an ihr haften. In meiner Muttersprache Russisch oder in Amanis Muttersprache Persisch gibt es das Wort „Tussi“ gar nicht. Da ist es „normal“, dass Frauen aufgebrezelt sind. Und intelligent. Und Kinder haben. Und eine Karriere. In unseren Heimatländern gilt für Frauen das „Und“, in Deutschland das „Oder“: schön oder intelligent. Kinder oder Karriere. Lidschatten oder Lippenstift. Dekolleté oder Rockschlitz. Amani dagegen ist eine „Und“-Frau. Zum Interview kommt sie mit Lidschatten und Lippenstift und Dekolleté und Rockschlitz. Mit Riesenkoffer (der den Rockschlitz verdeckt), Bandscheibenvorfall (vom Riesenkoffer Schleppen) und High Heels (Mashallah!). Wir

Russinnen zollen anderen Frauen selten Respekt – aber vor Amani habe ich sofort Hochachtung. Diese Frau ist einfach Bäm.

Amani war ein Jahr alt, als ihre Eltern 1982 als Kommunist*innen aus dem Iran fliehen mussten. Sie ist in Frankfurt am Main in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Für ihre Shows hat sie sich einen strengen inhaltlichen Rahmen gebaut. Amani ist sehr besorgt um ihr Image und stets bemüht, ihr Außenbild zu korrigieren. Eine Sisyphos-Arbeit im Showbiz und vor allem in der deutschen Comedy-Branche: „Ich mache keine sexuellen Themen. Ich mache keine vulgären Themen. Ich rede nicht darüber, was auf der Toilette passiert. Ich wollte Comedy machen, ohne dass ich meine Femininität, so wie ich sie definiere, aufgebe. Warum muss man immer vulgär werden, damit die Leute lachen? Im Endeffekt hab ich gemerkt: Das muss man gar nicht. Man muss nur authentisch sein und natürlich auch ein bisschen frech. Und Schimpfwörter benutze ich sehr selten, sehr pointiert.“

Während sie sich für das Missy-Fotoshooting über die bereits vorhandenen sieben Schichten Make-up mit Highlighter schminkt, erzählt sie etwas auf Persisch und wird dabei von einem Freund gefilmt. Sie hat eine Rubrik in einer Show von Omid Djalili, einem iranischen Comedian aus England, und muss dringend ihren Einspieler abschicken. „Es ist ein Riesenbonus, wenn man zweisprachig lustig sein kann!“ Amani kann sogar dreisprachig lustig sein. Vor Kurzem tourte sie durch Großbritannien, Kanada und die USA. Besonders stolz ist Amani darauf, dass sie in der Laugh Factory in Hollywood spielen durfte, der berühmtesten Comedy-Bühne der Welt. 

Ich frage mich, ob es der Glamour ist, der der deutschen Comedy im Allgemeinen fehlt. Oder ist es letztendlich doch der Humor? Amani sagt, es sei vor allem dieser Bäm-Effekt, der fehle. „Da kommt jemand superintelligent daher und hat 70.000 Kulturen studiert, aber dann fehlen eben diese fünf Prozent Showbusiness-Gen. Alles ist steif. Mach dich mal locker, Bruder, mach dich locker!“

Die „Piepsstimme“ hat Amani abgelegt, mittlerweile klingt sie tiefer als Stefan Raab. Kommt vielleicht davon, dass sie jetzt langsamer redet. Sie entscheidet alles selbst, auch wenn ihr Ruf darunter leidet: „Wenn ein Mann alles kontrolliert, wird er gefeiert. Wenn eine Frau sagt, ich will das Licht so und so haben, weil meine Haut dann schöner aussieht, gilt sie automatisch als kompliziert.“ Auf der Bühne lässt sie sich Zeit: hält Pausen. Spielt nicht mehr verlegen mit den Extensions im Haar. Lässt den Blick durchs Publikum schweifen. Sucht sich ein Opfer aus. „Wie heißt du? Fatih! Wo kommst du her, Fatih? Aus der Türkei! Und die Dame in der vierten Reihe, aus der intellektuellen Fraktion? Monika! Siehst du, mein Problem ist: Ich muss ein Set schreiben, was die Monika gut findet, was aber auch (Pause, Pause, Pause) Fatih gut findet!“ Alle lachen, am meisten Fatih.

Amani darf das. Sie ist selbst Kanakin. Frau. Tochter von Intellektuellen. Deutsche. Alles, was du willst. Und immer das Gegenteil von dem, was du erwartest. Für eine Comedian ist es wie ein Kartenspiel voller Asse, wie eine Handtasche voller Pässe, mit denen du auf jedem Terrain zu Hause bist und dich deshalb über jedes Thema lustig machen kannst. Das Spiel mit Identitäten und stereotypen Zuschreibungen war schon das Prinzip von RebellComedy, dem 2007 gegründeten migrantischen Comedy-Kollektiv, mit dem auch Amani oft aufgetreten ist. Um RebellComedy hat sich eine neue Generation von Perfomer*innen gruppiert, die im Gegensatz zu Comedy-Urgesteinen wie Kaya Yanar oder Bülent Ceylan nicht nur Kanakenwitze für ein vorrangig weißes Publikum reißen, sondern auch gezielt junge Migrant*innen ansprechen.

Als Kind hat Amani mit ihren Eltern Sperrmüll gesammelt, lange Zeit von Sozialhilfe gelebt. Heute postet sie auch mal ein Bild aus der Businessclass. Ein deutscher Kollege soll sie dafür kritisiert und zu mehr Bescheidenheit ermahnt haben, erzählt Amani verärgert: „Mein Lieblingssatz ist ein Zitat von Roberto Benigni, dem Regisseur von ‚Das Leben ist schön‘: ‚Das größte Geschenk, das mir meine Eltern gemacht haben, war Armut.‘“ Das empfindet Amani auch so. Der Kollege, der sie deswegen angegriffen habe, sei das, was sie als Kind einen Bonzen genannt hätte, aufgewachsen im Eigenheim im bürgerlichen Umfeld. „Wenn er ein Bild aus der Businessclass postet, wäre das peinlich. Aber es ist etwas anderes, wenn ich sage: Gucci-Anzug! Versace-Kette! Guck mal, das habe ich selbst erreicht und du kannst es auch! Für mich bedeutet dieses Protzen Demut. Es bedeutet, mir klarzumachen, das ist nicht normal und in drei Jahren vielleicht alles wieder weg, wenn ich nicht hart arbeite. Armut schafft Drive, diese Angst vor Gerichtsvollziehern, Angst vor Rechnungen. Und das ist etwas, was du niemals hattest, niemals haben wirst, also belehr mich nicht!“

Von einer integrierten Migrantin erwartet man in Deutschland, dass sie dieselben Werte, dieselbe Moral und denselben Lifestyle vertritt wie die Alteingesessenen, auch wenn sie ganz andere Erfahrungen gemacht und eine andere Erziehung genossen hat. Auch wenn ihr ein gewisses Qantum an Anderssein zugesprochen wird, soll sie eigentlich genau wie die Deutschen sein. Man darf zu Hause Muttersprache sprechen, draußen aber nur Deutsch ohne Akzent, Tzatziki zur Weihnachtsfeier mitbringen, aber morgens nicht nach Knoblauch riechen. Deswegen kann Amani Migrant*innen verstehen, die auf die Frage „Wo kommst du her?“ mit „Aus Duisburg!“ antworten. Wer diskriminiert wird, will sich schützen. Aber wenn alle gemeinsam da-rüber lachen, bewirkt Enissa Amani vielleicht mehr als die deutsche Integrationspolitik. Denn Amani ist mehr als Comedian, sie ist das, was man heute Influencer nennt: Tausende Menschen sehen ihr auf YouTube zu. Folgen ihr auf Instagram. Lesen ihre Texte über Trumps Einreiseverbot auf Facebook. Sie sitzt in TV-Runden wie „Hart aber Fair“ und streitet über das Kopftuchverbot. Migrant*innen und weiße Deutsche, Kids und Senior*innen, Fatih und Monika liken sie, mögen sie, gerade weil sie zwischen den Kulturen und Generationen wechseln und sie spiegeln kann. Integrationsmaschine Amani? Sie winkt ab: „Ich hasse das Wort Integration. ,Sie sind ein gelungenes Beispiel!‘ Halt dein Maul, gelungenes Beispiel! Das ist für mich schon latent rassistisch. Integration heißt in Deutschland, sich dem Alten anzupassen. Ich bin Deutsche, aber ich bin dieses Neue Deutsche. Heute will jeder Ausländer sein und dichtet sich ein bisschen Migrationshintergrund dazu: ein Viertel Baske, ein Drittel Ire … Ich habe deutsche Freunde, die viele arabische Wörter benutzen wie ‚Mashallah‘. Aber wie peinlich ist es, dass wir in Deutschland 2018 einen Innenminister haben, der sagt: ‚Der Islam gehört nicht zu Deutschland!‘ Er ist auch mein Innenminister. Hier leben Millionen Muslim*innen. Wach doch mal auf! Aber das ist wieder dieses Steife, jetzt muss man erst mal in 580.000 Talkshows über Integration reden.“

Es sei Zeit, so sagt sie, dass die eingestaubte deutsche Entertainmentbranche erneuert werde. In Musik, Mode und Film hat sich schon einiges geändert: „Als ich klein war, was gab es im HipHop oder Rap? Die Fantastischen Vier. Fertig. Jetzt gibt’s 50.000 neue Artists, die Rap auf Deutsch machen. Und viele davon sind Leute mit Migrationshintergrund.“

Interkulturalität, Street Credibility, Netzaffinität: Danach wird beim Fernsehen gerade händeringend gesucht. Auch deswegen wurde Amani in weniger als drei Jahren zum Star. Doch wenn die Fernsehsender solche Leute finden, tun sie sich extrem schwer mit ihnen. Sie passen einfach nicht in das System. Dann wird man passend gemacht, wie 2016 bei der ProSieben-Show „Studio Amani“, die Raabs Nachfolger werden sollte, aber nach einer Staffel eingestellt wurde.

„Mir wurde viel dreingeredet. Aber auch ich war künstlerisch nicht reif genug, um selber zu wissen, was ich will. Ich hatte bei meinen Shows selber oft das Gefühl: Das bin ich doch nicht! Heute ist das anders. Ich glaube, ich war nie so sehr bei mir wie jetzt. Und bei Netflix gilt die Devise: Artist first. Ich war anfangs sogar von meiner Freiheit überfordert. Dann hab ich das Ding komplett in die Hand genommen. Ich habe bei meinem Netflix-Special das Gefühl, das wird das geilste Ding, das ich die letzten vier Jahre abgeliefert habe. Und hoffentlich kommt es auch beim Publikum so an. Inshallah.“

Ich schaue zu, wie Enissa bei frühlingshaften fünf Grad für die Missy-Fotos posiert. Amani, sagt man, gibt selbst in Dingsbumskirchen vor einer halbleeren Halle hundert Prozent. Sie lächelt nach jeder Show so lange für die Selfies, bis der letzte Fan nach Hause geht. Diese Frau hat sich ihren Platz in der Businessclass hart erarbeitet. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

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July 17 2018

14:38

Des Pudels Kern

Von Debora Antmann

Die Welt ist ein nerviger Ort. So! Jetzt habe ich es gesagt! Zu meinem „Glück“ bin ich seit zehn Tagen krank und darf im Bett liegen und die Welt da draußen ignorieren. Bis zu dem Punkt, an dem der Pudel anmerkt, dass sie leider pinkeln muss. Das wäre gar nicht schlimm, wenn da draußen nicht so viele Menschen wären und die Anwesenheit eines Hundes nicht unweigerlich als Aufforderung für ein Gespräch verstanden würde. Das arme Tier wird konsequent als ein Angebot zur Kontaktaufnahme meinerseits fehlinterpretiert und als Einladung, ungefragt die sexistischen Stereotype auszupacken. Als Feministin mit einem Hund durch die Gegend zu laufen ist hart! „Der ist aber süüüüß! So ein munteres Kerlchen! Wie heißt der denn?“ Mäßig ambitionierte Antwort: „Lola.“ Völlige Irritation: „Ist das etwa ein Määäädchen? Aber ist ja alles blau!“ „Na, die ist ja ganz schön aufgedreht …“ Lehrbuch-Gender-Bullshit! Ich will eigentlich nur zurück ins Bett und stattdessen darf ich mir die sexistische Farblehre und die ebenso sexistische Charakterisierung des Pudels reinziehen. Ich wiederhole mich: Die Welt ist ein nerviger Ort!

Lola pisst zurück © Tine Fetz

Ich verstehe langsam auch, warum alle immer glauben, das feministische Haustier sei die Katze. Die Katze erspart einem die Cis-Typen-erklären-dir-dein-Tier-Gassirunden. Es ist erstaunlich, wie viel ausgewiesene Experten völlig selbstlos ihr Wissen mit dir teilen, sobald du als Nicht-cis-Typ mit Hund das Haus verlässt. Es ist berührend! Am laufenden Band belehren, äh, erklären mir cis Typen, wie ich mit meinem Hund umzugehen habe, was gut und richtig für das Tier sei und wie ich mich mit ihm zu verhalten hätte. Einfach so! Ohne, dass ich fragen muss. Und ich will zurück ins Bett. Was ich doch für eine Banausin bin … Und der Pudel ist auch noch ein kleines Tier! Das bedeutet, all die fremden Typen kommen auch noch ihrer Pflicht nach, mir aus dem Nichts zu unterstellen, ich hätte mir einen Schoßhund als Accessoire, ein Kuscheltier angeschafft und würde gar nicht begreifen, dass der Pudel ein echtes Tier ist. Das ist nett! So viel Sorge ums Tier! Und ich stelle auch noch laut die Frage, was das einen x-beliebigen Typen auf der Straße oder in der Bahn überhaupt angehe. Ich bin eine unwissende Tierquälerin UND Menschenverachterin. Ich habe den Pudel gar nicht verdient!

Allerdings ist das auch immer noch nicht das Ende der ganzen Erziehungs- und Aufklärungsarbeit, die all die aufopfernden cis Typen mit mir haben. Der Pudel springt. Am liebsten fremde Leute an. Ich in meiner grenzenlosen Unwissenheit versuche, das zu unterbinden, weil ich dachte, dass nicht alle Leute ständig angesprungen werden wollen, vor allem, wenn sie Angst haben oder der Pudel nass und dreckig ist. Aber zum Glück gibt es regelmäßig irgendeinen Typen, der mich darauf hinweist, dass der Pudel ja nichts tut. „Ach, der tut doch nix!“ Dabei ist egal, ob der Typ die Person ist, die gerade angesprungen wird, oder eine unbeteiligte dritte Person, die unter Umständen weniger begeistert ist. Es ist auch eine Entlastung, dass ich nicht mehr die sein muss, die einer entnervten Person, die nicht von einem fremden Hund angesprungen werden möchte, sagen muss, dass sie das über sich ergehen lassen muss, weil der Pudel ja nix tut. Das ist im Hundeexperten-Typen-Service inklusive und wird für mich übernommen.

Je länger ich diesen Text schreibe, desto weniger verstehe ich, warum ich so unbedingt zurück in mein Bett möchte. Ist ja eigentlich ganz nett hier draußen und alle sind so hilfsbereit! Ich lerne so viel, ohne danach fragen zu müssen. Und endlich geht mir ein Licht auf! Wer braucht schon Feminismus, solange es cis Typen gibt? Außerdem habe ich ja meinen Schoßhund zum Kuscheln, den kleinen Racker …

July 10 2018

12:34

Verschlossen, verschluckt

Von Sibel Schick

Endlich finde ich die Kneipe, in der wir uns treffen sollen. Mein Date wartet gleich beim Eingang: ein großer Mann mit dunklen Locken. Wir umarmen uns, obwohl wir uns zum ersten Mal treffen. Verabredet haben wir uns über Tinder.

Illustration: Tine Fetz

Die Kneipe ist zu voll. Ich frage ihn, ob wir nicht woanders hingehen wollen. Er sagt ja, wir verlassen die Bar, laufen zu einer anderen. Gegenüber ist ein Club, davor stehen zwei Männer. Er sagt: „Dieser Laden wurde vor Kurzem von Roma übernommen. Wenn du magst, können wir da später rein. Ist auf jeden Fall witzig.“ Ich sage, dass ich mir das überlege. Wir gehen in die Kneipe, setzen uns hin, holen uns zwei Bier, unterhalten uns über dies und jenes. Wo wohnst du, welches Bier trinkst du am liebsten, Pipapo. Er will, dass wir später auf eine WG-Party gehen: „Da kommen auch syrische Refugees hin, wird witzig.“ Ich frag ihn, was er meint. Er kann es nicht genau sagen.

Und dann kommt die goldene Frage: Wo komme ich her? „Ich bin Kurdin“, sage ich. Er hebt die Brauen ein wenig und sagt „Finde ich gut.“ Hmm. Was er wohl meint? Er sagt: „Ich finde die kurdische Freiheitsbewegung gut.“

Ach so. Die. Ja, die kenn ich.

Unter „Kurdin“ stellt er sich offenbar gleich eine YPJ-Kämpferin vor und geht davon aus, dass ich äußerst politisch sein muss. Seine Vorstellung hat aber nichts mit mir zu tun, sie beruht auf einem Stereotyp. Ich kämpfe nicht gegen den sogenannten Islamischen Staat. Heute Nacht bin ich eine Frau, die sich über Tinder verabredet, weil sie Sex haben will.

Egal, denke ich. Vielleicht interpretiere ich zu viel hinein und frage ihn, was er denn so macht. Beruflich. Er sagt: „mal dies, mal das“ und feiert seine Antwort so richtig. Er ist stolz auf seine luxuriöse Verweigerungshaltung.

Wumms – meine Vagina verschließt sich! Feierabend, Schluss, aus. Wird nichts mehr. Sie hat sich an dieser Antwort verschluckt, ich habe mich an meinem Bier verschluckt. Schnell austrinken und gehen. Ob seine Eltern seine Miete zahlen?

Ich muss jedes Jahr zur Ausländerbehörde, um meine Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern. Ich stelle mir vor, dass ich da sitze und die Frage genauso beantworte wie er:
„Frau Schick, sprechen Sie Deutsch?“
„Ja.“
„Was machen Sie beruflich?“
Selbstbewusst lächeln, Augen zusammenkneifen, Kopf leicht nach links und rechts: „Mal dies, mal das …“

Abschiebung. Yallah, zurück in die Türkei.

Ich frag mich, wie privilegiert man sein muss, um sich das leisten zu können, mal dies, mal das zu machen und sich dabei einen runterzuholen. Und damit vor einer Migrantin anzugeben, deren Leben und gesellschaftlicher Status von ihrer Arbeit abhängen. Das ist selbst für Normalos total daneben. Dieser Mann hält sich für einen Linken, bewegt sich in linken Kreisen, dabei bringt er einen rassistischen Spruch nach dem anderen, exotisiert mich aufgrund meiner Identität und dann das. Oh, good life! Wie schön es sein muss, freiwillig so zu leben, als wäre man arm.

July 05 2018

16:03

„Was, du interessierst dich für Mode?“

Von Ninia LaGrande

Manchmal träume ich davon, in die Stadt zu gehen und ein komplettes Outfit zu kaufen. Von Kopf bis Fuß. In wenigen Stunden. Ohne zwischendurch total zu verzweifeln. Ich bin kleinwüchsig. Im Radar der Modeindustrie tauche ich als Zielgruppe nicht einmal ganz weit hinten am Horizont auf. Ich existiere gar nicht. Hosen sind immer zu lang, Blusen bekomme ich über der Brust nicht zu und die Ärmel ragen weit über meine Hände hinaus. Die gängigen Schnitte entsprechen nicht meinen Proportionen. Kinderkleidung kommt auch nicht infrage, weil ich einen anderen Körperbau als eine Zwölfjährige habe. Und Schuhe … reden wir nicht von Schuhen. Als Onlineshopping noch eine unvorstellbare Utopie war, bestellte ich Sneaker bei einem Bekannten meiner Eltern, der in den USA lebte. Dort wurden damals schon Modelle in kleinen Größen produziert. Hier konnte ich in den 1990er-Jahren zwischen Glitzerturnschuh mit Blinkesohle und Gummistiefel wählen. Von Pumps oder Stiefeln gar nicht zu sprechen. Untergrößen gab es zwar damals schon – aber wie heute mit geringer Auswahl und für sehr viel Geld.

Das Label „Auf Augenhöhe“ entwickelt Schnitte für kleinwüchsige Menschen © Joseph Wolfgang Ohlert

So wie mir geht es zahlreichen anderen Menschen mit Behinderung. Sie werden nicht mitgedacht und nicht repräsentiert. Als wäre es unvorstellbar, dass sich auch Menschen mit Behinderung modisch, individuell oder extravagant kleiden wollen. Oder dass sie sich überhaupt etwas anziehen möchten. „Wie kommt es, dass du dich so für Mode interessierst? Das muss für dich doch besonders schwer sein“, werde ich oft gefragt. Nun, es ist nicht besonders schwer, sich mit 1,38 Meter Körpergröße für Mode zu interessieren. Es erfordert nur sehr viel Kreativität, aus dem, was der Markt hergibt, etwas zu machen.

Dass die Modeindustrie nicht gerade das große Vorbild in Sachen Inklusion und Diversität ist, ist bekannt. Aber nicht nur bei der Produktion sind die Hersteller*innen besonders

engstirnig und eintönig, sondern auch im Marketing. Die große, schlanke, weiße Frau mit glatten Haaren und makelloser Haut ist das Gesicht der Industrie. Auf der anderen Seite der große, weiße, muskulöse Mann, ein sportlicher Archetyp.

Besonders perfide zeigte sich das am Beispiel der brasilianischen Ausgabe der „Vogue“: Im Rahmen der Paralympics 2016 veröffentlichte die Redaktion das Bild zweier vermeintlicher Sportler*innen in Badekleidung, beide mit fehlenden Gliedmaßen bzw. mit Prothese. Dazu schrieben sie: „Wir sind alle Paralympics-Teilnehmer.“ Das Problem: Die Fotos wurden bearbeitet, die Models hatten gar keine Behinderung. Per Photoshop wurden ihnen ein Arm und ein Bein entfernt, damit sie an zwei tatsächliche Paralympics-Teilnehmer*innen erinnern würden. Die Sportler*innen Renate Leite und Bruna Alexandre waren sogar im Fotostudio – aber nicht vor der Kamera. Sie machten am Ende ein gemeinsames Selfie mit den Models. Das nicht auf dem „Vogue“-Account veröffentlicht wurde. Es folgte die lauwarme Ausrede, das Shooting hätte sich nicht die Redaktion, sondern eine PR-Agentur ausgedacht. Warum es nicht möglich war, Sportler*innen mit Behinderung zu engagieren, um sich für die Paralympics starkzumachen, konnte die „Vogue“ bis heute nicht erklären. Wenn also selbst im Rahmen einer internationalen Veranstaltung mit Menschen mit Behinderung als Protagonist*innen nicht die Notwendigkeit gesehen wird, diese auch selbst abzubilden, wird klar, wie niedrig das gesellschaftliche Bewusstsein für das Thema ist.

Mal wieder Vorreiterin: Beyoncé. 2016 engagierte sie das Model Jillian Mercado für ihren Onlineshop. Mercado bloggt auf „manufactured1987.com“, hat knapp 78.000 Follower auf Instagram – und sie nutzt einen Rollstuhl. Gemeinsam mit anderen Models präsentierte sie die neue Fankollektion von Beyoncé. Unkommentiert und selbstverständlich. Als ich sie sah, stellte ich mir vor, wie ich als Teenie reagiert hätte, hätte ich eine kleinwüchsige Frau in der Merchandising-Kampagne einer meiner Lieblingssänger*innen gesehen. Oder auf Plakaten eines großen Modehauses. Vermutlich hätte ich vor Ungläubigkeit geweint.

Role Models sind wichtig. Und in einer Branche, die so allgegenwärtig in unserem Alltag ist, umso mehr. Eine Vorbildfunktion übernahm etwa das dänische Topmodel Nina Marker, als sie im vergangenen Jahr auf Instagram  erklärte, sie sei Autistin: „Wir können erfolgreich sein und eine gute Zeit haben.“ Marker, die schon für große Modehäuser wie Fendi und Versace auf dem Laufsteg war, spricht öffentlich darüber, wie bei ihr nach Fehldiagnosen das Asperger-Syndrom festgestellt wurde, zeigt gleichzeitig Einblicke in ihr Privat- und Berufsleben und erreicht damit große Aufmerksamkeit.

Ein weiteres empowerndes Beispiel kommt aus Australien. Madeline Stuart ist gefragtes Model, Tänzerin und Geschäftsfrau. Sie hat Trisomie 21 und wird von vielen Designer*innen gebucht – etwa für die New York Fashion Week. Sie erfüllt dabei nicht die Rolle des Aufmerksamkeitsmagneten, sondern läuft gleichberechtigt neben den anderen Models. Das ist immer noch etwas Besonderes, wenn man an Beispiele in Deutschland denkt, bei denen Inklusion – auch auf den Modellaufstegen – häufig so gedeutet wird, dass auch mal Menschen mit Behinderung auftreten „dürfen“,  dann aber doch immer unter sich bleiben müssen. Oder eben dass sie allein für den Zweck der Provokation und Aufmerksamkeit inszeniert werden.

Dass Mode Ausdruck von Identität, Identifikation und Gefühl ist, zeigt die Queer-Dapper-Crip-Szene. Sie lehnt sich gegen das herrschende Bild von heteronormativer, weißer Männlichkeit auf. Trans Männer und Queers mit Behinderung inszenieren ihren Stil mit allen Spielarten, die Kleidung ihnen bietet. Sie nehmen sich Raum und Aufmerksamkeit. Sich selbstverständlich so zu kleiden, wie sie wollen, gibt ihnen Selbstbewusstsein und Freiheit. Die Grenzen der eindimensionalen Modebranche werden hier gleich auf mehrere Arten durchbrochen, die Behinderung wird stilistisch in das gesamte Erscheinungsbild integriert.

Inklusion heißt aber nicht nur Stil für alle, sondern auch Erreichbarkeit für alle. Als ich einmal in New York shoppen ging, fielen mir als Erstes die gut erreichbaren, geräumigen Fahrstühle in den großen Kaufhäusern auf. Auf jeder Etage war mindestens eine der Umkleidekabinen für Rollstuhlnutzer*innen vorgesehen. Auf allen Hinweisschildern stand auch in Brailleschrift, was wo zu finden ist. Für die Läden in deutschen Innenstädten scheinen Menschen mit Behinderung nicht zu existieren: Schmale Zugänge ohne Rampen, schwere Türen und viel zu kleine Kabinen prägen hier leider immer noch das Bild.

Abgesehen von den Zugangsmöglichkeiten gibt es in den Kaufhäusern auch wenig Angebote für die individuellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung. Rollstuhlnutzer*innen können in den Hosen von Fußgänger*innen im Zweifel nicht bequem sitzen. Kleinwüchsige Menschen können nicht einfach in der Kinderabteilung einkaufen – es gibt viele verschiedene Formen des Kleinwuchses und damit unterschiedliche Anforderungen an die Kleidung.

Autorin Marlies Hübner schreibt auf ihrem Blog „robotinabox.de“ über „Mode als autistische Herausforderung“. Viele Autist*innen könnten aufgrund ihrer taktilen Überempfindlichkeit bereits sehr leichte Berührungsreize wie das Tragen von Kleidung als unangenehm empfinden. „Eingenähte Wäscheetiketten, harte Nähte oder ein Rollkragen können ein ernsthaftes Problem darstellen. Da es uns schwerfällt, einzelne Reize auszublenden, kann die falsche Kleidung die Lebensqualität und das Wohlbefinden beeinträchtigen.“

Im Netz finden viele das Angebot, das ihnen in den Läden fehlt. Auf „hemdless.de“ etwa gibt es für Menschen mit Trisomie 21 spezielle Hemden, die am Kragen weiter und an den Armen kürzer geschnitten sind. „Auf Augenhöhe“ heißt das Label von Sema Gedik, die standardisierte Konfektionsgrößen und passende Schnitte für kleinwüchsige Menschen entwickelt. 2018 hat sie ihre Kollektion auf der Fashion Week in Berlin gezeigt und bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Das komplette Gegenteil von Gediks zeitlosem und schlichtem Design bietet das Label Rebirth Garments:  expressionistische, bunte Kleidung – gender non-conforming und tragbar für viele Menschen. Rebirth Garments zeigt besonders gut, dass Design immer und unbedingt für alle tragbar sein muss. Und: dass eine Behinderung kein Hindernis für einen eigenen Stil ist. Eine Selbstverständlichkeit, die vor allem die großen Designer*innen der Branche noch lernen müssen.

Mode ist Identität. Mode ist Ausdruck. Mode ist Spiel. Für mich ist Mode das Werkzeug, meine Laune nach außen zu tragen. Mich zu zeigen oder zu verstecken. Lange Zeit wollte ich vor allem so aussehen wie alle anderen. Als Teenie die Marken und Schnitte tragen, die auch die anderen in der Schule anzogen. Das war nicht möglich. Also entwickelte ich meinen eigenen Stil – der im Nachhinein gesehen natürlich sehr viele Fehltritte zu verzeichnen hatte. Aber mich auch zu dem gemacht hat, was ich heute bin, in allen Facetten. Zum Glück hatte ich die Mittel und das Selbstbewusstsein, diesen Plan durchzuziehen. Das haben nicht alle.

Die Angebote im Netz sind zwar da, aber sie besetzen immer noch sehr kleine Sparten. Inklusion in der Modewelt ist erst erreicht, wenn alle Menschen problemlos shoppen gehen können – ohne Barrieren und mit dem passenden Angebot. Und wenn es für die Gesellschaft nichts Außergewöhnliches mehr ist, dass Menschen mit Behinderung und alle anderen sich für Mode interessieren und ihren eigenen Stil ausleben. Mode und Design für alle kann nur funktionieren, wenn die Firmen Diversität abbilden – nicht als Besonderheit, sondern als Selbstverständlichkeit.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

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July 04 2018

14:36

„Auch schlimme Dinge wiederholen sich“

Interview: Juli Katz

Özlem Özgül Dündar, geboren 1983 in Solingen, schreibt Theaterstücke, Lyrik und Prosa. Beim Ingeborg-Bachmann-Preis, der einmal jährlich verliehen wird und als eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum gilt, liest sie aus ihrem Text „und ich brenne“.

© Dinçer Güçyeter

Özlem, dem Text, den du in Klagenfurt lesen wirst, dient der Brandanschlag von Solingen aus dem Jahr 1993 als Ausgangspunkt, bei dem fünf Menschen starben und 17 zum Teil bleibende Verletzungen erlitten.
Ich komme selbst aus Solingen und war zehn, als der Anschlag passierte. Fürs Studium zog ich in der Zeit nach Leipzig, in der viele Brandanschläge auf Flüchtlingsheime verübt wurden, und begegnete dort zusätzlich den Demos von Legida und Pegida, die mich an diesen spezifischen und weitere rassistisch motivierte Brandanschläge in den Neunzigerjahren in Deutschland erinnerten. Das Thema hat mich schon lange beschäftigt, aber ich wollte es auch von mir selbst fernhalten – aus Angst, dass es mir zu viel ist, und weil ich nicht wusste, wie ich dem literarisch überhaupt gerecht werden kann. Die ersten beiden Monologe lagen zweieinhalb Jahre in meiner Schublade, bis ich wusste, wie ich weiter an dem Text arbeiten kann, und eine Sprache für das gefunden hatte, was ich erzählen will – damit es nicht unpassend klingt, aber trotzdem künstlerisch funktionieren kann. Als Autorin übersetzt man immer die eigene Wahrnehmung und Stimmung mit.

Hilft das Fiktive, um darüber zu schreiben?
Ja, weil man nicht dokumentarisch abbilden muss, sondern sich die Freiheit nehmen kann zu zeigen: Diese Situation hätte überall passieren können, auch bei anderen Brandanschlägen. Wenn ich nicht aus Solingen käme und keine Türkin wäre, wäre das schwer einzuordnen, weil sich im weiteren Verlauf der Handlung Fakten und Fiktives vermischen. Denn mir geht’s nicht explizit um diesen einen Brandanschlag, sondern um die Wiederholung davon und dass sie scheinbar nicht aufzuhalten ist. Auch heute werden Flüchtlingsheime angezündet. Die Täter legen da nicht zum Spaß Feuer – sondern wollen Leute töten. Ich weiß nicht, wieso das so unterschätzt wird. Es ist Teil der Welt, in der wir leben.

Der Auszug bildet vier Frauenstimmen – mutter 1, 2, 3 und 4 – ab, die sich sprachlich dem Ereignis des Brands nähern.
Auch schlimme Dinge wiederholen sich. In diesem Auszug hab ich ausschließlich Mutterfiguren gewählt, weil es eine gewisse Symmetrie für mich hat. mutter 3 erzählt ihre Geschichte immer anders, sodass man manchmal gar nicht mehr weiß, welche Version man jetzt glauben soll. Wenn man mit Kind im Arm im brennenden Haus am Fenster steht, nimmt man sich nicht ewig Zeit; die hat man auch nicht, dennoch weiß man: Wenn ich springe, werde ich entweder krass verletzt weiterleben oder ich sterbe. Im Realen hat sie das Kind geworfen; im Text will ich den Figuren den Raum geben, alle ihre Gedanken frei zu erzählen, und ich will ihnen die Zeit geben, die sie sprachlich dafür brauchen, daher erzählt mutter 3 auch verschiedene Versionen. Es ist wichtig zu wissen, dass sie in diese Situation getrieben wird – das Feuer wurde von irgendwem aktiv gelegt und jemand zwingt sie zu diesen Entscheidungen.

Wieso arbeitest du gerade mit Frauenstimmen?
Ursprünglich war der Text ein Theaterstück; in diesem Auszug wollte ich bewusst nur Frauen abbilden, auch weil das Theater mehr Frauenstimmen zeigen sollte und dort mehr Raum für sie geschaffen werden soll. Aber dann wurde der Text zu lange und nun gibt es auch eine Prosaversion davon.

Vielleicht kannst du erzählen, inwiefern der Moment der Recherche dein Schreiben beeinflusst hat.
Ich hab viel recherchiert und mich wieder davon distanziert, weil ich keine realen Personen vor Augen haben wollte, sondern meine Figuren. Die haben zwar realen Background, aber darauf liegt nicht das Hauptaugenmerk. Schwierig ist für mich als Autorin vor allem, wenn man vor Fakten und realen Bildern steht. Meine Figuren sollen auch Dinge sagen und Sachen machen können, von denen ich gar nicht weiß, ob sie tatsächlich gemacht oder gesagt wurden. Je mehr ich schreibe, desto mehr löse ich mich von der ursprünglichen Ausgangssituation. Aber gerade dieser Text dreht sich um ein Thema, das mich seit Jahren begleitet. Die Erleichterung, darüber in dieser Art schreiben zu können, überwiegt gerade über den schrecklichen Inhalt und so kann ich auch daran weiterarbeiten, sonst würde mich das lähmen.

In einem anderen Interview hast du vor einiger Zeit zwei große Themen angesprochen, die dich beschäftigen: das autobiografische und das politische Schreiben.
Als ich mit zehn mit dem Schreiben anfing, dachte ich, man müsse als Schriftstellerin Geschichten erfinden und nicht über sich selbst schreiben – dagegen habe ich mich gesträubt. Zum Schreiben gehört für mich auch Fantasie und der Mut, Dinge zu erfinden und Figuren lebendig zu erzählen, die es so nicht gibt. Jetzt schreibe ich Sachen, die nicht direkt aus meinem Leben sind, aber mit mir zu tun haben – bei denen ich merke, dass da was aus mir raus muss, wo ich was zu sagen habe. Nicht jeder Text, den ich schreibe, ist politisch intendiert, aber viele können so gelesen werden. Ich hab mich lange dagegen gewehrt, weil das politische Arbeiten damit zu tun hat, was einen im Moment bewegt. Außerdem will ich, dass meine Texte literarisch funktionieren und nicht nur Leute ansprechen, die explizit nach Politischem suchen.

Bei deinem Vorstellungsvideo zum Bachmann-Preis verweist du auf folgendes Zitat eines Lektors: „Das Handwerk des Schreibens kann man lernen, den inneren Abgrund muss man aber selber mitbringen.“
Na ja, Bildhauerei und Geigespielen kannst du ja auch lernen. Nur beim Schreiben wird das infrage gestellt. Klar können alle schreiben – das heißt aber nicht, dass man automatisch literarisch oder in allen Textgattungen arbeiten kann. Dabei muss es nicht immer um den totalen Abgrund gehen – aber man muss Konflikte mitbringen und kann eben am besten über das schreiben, das man kennt und erfahren hat. Selbst wenn du nicht explizit über dich schreibst, bringst du immer was von dir selbst mit. Auch „und ich brenne“ behandelt menschliche Abgründe – nicht meine, aber welche, die zu meinen wurden. Dabei steht man auch immer vor dem Problem, dass man etwas schreibt und dann merkt: Das geht so irgendwie nicht. Das sind quälende Momente – weil ich merke, dass ich das Wissen dazu nicht habe und nicht weiß, wie ich daran kommen soll – wie z. B. aus der Perspektive von jemandem zu schreiben, der stirbt. Wie soll man wissen, wie das ist? Aber manchmal stehe ich auch einfach vor dem Problem, nicht die richtige Sprache für den Text zu finden. „und ich brenne“ ist jetzt ein etwas längerer Text als die beiden Monologe ganz am Anfang, doch es war lange nicht klar, ob ich es bis dahin überhaupt schaffe.

Angst vor dem Scheitern also? In deinem Vorstellungsvideo  für den Bachmann-Preis sprichst du ja auch über das Schreiben als Qual.
Man bietet mit einem Text auch immer ein Stück von sich selbst an – und dann wird man oft abgelehnt oder kritisiert; das quält einen schon. Dazu kommt der Betrieb, der auch noch einigermaßen quälend ist, und am schlimmsten quält es, wenn man nicht schreibt, weil man es dann nicht rauslassen kann. Klar kann man es als Qual empfinden, immer auf neue Ideen kommen zu müssen, im Schreibprozess Entscheidungen zu treffen und sie dann auch umsetzen zu können. Es gibt Tausende Möglichkeiten, wie man was erzählt – aber welche ist für dich die überzeugendste, die passendste für diesen Stoff? Bevor man anfängt, lauert schon das Scheitern darin. Nebenbei arbeite ich momentan als Texterin und Übersetzerin. Das tut gut, weil ich so meine Fixkosten zahlen kann und nicht von Stipendien abhängig bin. Existenzangst ist für mich wirklich der Tod des Schreibens – wenn man sich fragt, wie man nächsten Monat seine Miete zahlen soll.

 

10:46

Freundlich mit Biss

Von Verena Reygers

„I’m gonna throw you all off me / Like a mechanical bull and you’ll be sorry“, singt Stella Donnelly im Opener ihrer sechs Songs umfassenden Debüt-EP. Ein monoton durchdringender Gitarrenakkord zeugt von Entschlossenheit, der trotzige, sich zum Ende hin zum Geschrei steigernde Gesang ebenso. Die Australierin tut gut daran, „Thrush Metal“ mit diesem entschlossenen Stück zu beginnen. Denn oft genug täuschen Akustikgitarre und die warm einlullende Stimme der 25-Jährigen über das feministische Potenzial ihrer Songs hinweg.

© Secretly Canadian

Da muss man bei „Boys Will Be Boys“ schon genauer hinhören, um den Song als Angriff auf Täter und Mittäter sexualisierter Gewalt zu erkennen. Aber zum einen ist das die Stärke der Musikerin, mit freundlichem Songwriter*innenpop hässlichen Gegebenheiten den Kampf anzusagen, zum anderen zeigt sich immer mal wieder ihre Wut in der latenten Bedrohlichkeit, die in ihren Songs lauert. Die Zurückhaltung, die Donnelly vordergründig zeigt, ist womöglich auch ihrem früheren Anspruch geschuldet, eigentlich nur Musik fürs nähere Umfeld zu machen.

Stella Donnelly „Thrush Metal“
(Secretly Canadian/Cargo)

Die Tapes, die die Musikerin von ihren ersten Songs aufnahm, sollten eigentlich bloß im Familien- und Freund*innenkreis die Runde machen. Stattdessen begeisterte die Musikerin beim SXSW in Austin und tourte durch die USA. Danach folgten ein Plattenvertrag und nun ihre erste Veröffentlichung. Wer Donnelly live erlebt, die*der weiß, dass sie definitiv das Zeug zur Rampensau hat – auf der Bühne ist sie witzig, eloquent und mit ordentlich Wumms unterwegs.

July 03 2018

12:44

Sex, Macht, Dystopie

Von Tove Tovesson

Nach meiner letzten Kolumne über Incels bekam ich die auch in der bisherigen Debatte oft vertretene Rückmeldung, ich ignoriere, dass Incels selbst eine marginalisierte Gruppe seien, teilweise mit schweren sozialen Beeinträchtigungen (Stichwort Autismus). Darauf möchte ich an dieser Stelle noch mal eingehen.

Caravaggio revisited: Holofernes köpft sich selbst und Judith hat keine Lust darauf, sich als Sündenbock für toxische Männlichkeit abstempeln zu lassen. © Tine Fetz

Ob Incels häufiger Autisten sind oder soziale Einschränkungen haben, die durch irgendeine Neurodivergenz bedingt sind, kann ich nicht beurteilen, weil es dazu meines Wissens keine Daten gibt. Vor einem Monat wurde auf Reddit unter r/IncelsWithoutHate die Frage gepostet, ob jemand der Anwesenden autistisch sei und sich als Incel identifiziere. Die Gruppe schließt explizit Hass aus und will eine positivere Diskussion als das gelöschte r/Incels ermöglichen. Neun Kommentare. Soziale Isolation und soziale Probleme sind jedoch ein einigermaßen gängiges Thema auf r/IncelsWithoutHate. Das Problem daran, Incels pauschal als Autisten oder anders Abweichende zu verstehen, ist das negative Bild von Autist*innen, das damit eigentlich transportiert wird, nämlich des Klischee-Nerds mit pathologisch gewalttätiger Tendenz qua Autismus. Dass Autist*innen gewalttätig (also: gewalttätiger als neurotypische Menschen) sein sollen, ist schlicht falsch und Teil des Stigmas, das seit Beschreibung von Kanner- und Asperger-Autismus besteht. Die Korrelation kann demnach gar nicht „Autist – Frauenhass“ sein (und ist, wie aus der Gruppe r/IncelsWithoutHate hervorgeht, auch nicht zwingend „Incel – Frauenhass“), sondern ist „Mann – Frauenhass“.

Es führt einfach kein Weg daran vorbei, dass es Männer als Gruppe und als Individuen sind, die sich mit dem Problem namens hegemoniale Männlichkeit befassen müssen, da es Gewalt gegen Frauen hervorbringt. Ich mag dieses Argument nicht, aber tatsächlich wäre es auch besser für sie selbst. Ganz eindrucksvoll zeigt dies der Dokumentarfilm „The Feminist on Cellblock Y“, den man gratis und legal streamen kann. Der Film handelt von Richie „Reseda“ Edmond-Vargas, der als Gefängnisinsasse, angeregt durch seine Frau Taina Vargas-Edmond, beginnt, feministische Literatur zu lesen, und schließlich Workshops zum Thema Patriarchat und toxische Maskulinität für Mitinsassen anbietet, in denen er Männlichkeit in der gesellschaftlich validierten Form als Ursache für individuelles und gesellschaftliches Übel herausarbeitet. „Choosing manhood over personhood“, beschreibt er mit bell hooks das Problem und schafft es im Gegensatz zu jedem Männerrechtler, der mir je untergekommen ist, tatsächlich auch das Leiden von Männern am Patriarchat zu thematisieren. Dass Männer im Patriarchat emotional depriviert sind, dass sie nicht lieben können und dass hierbei Männlichkeit das Problem ist und Frauen nicht die Lösung sind.

Sogenannte Männerrechtler et al. können das Wohl von Männern allerdings nur auf Kosten von Frauen verwirklicht sehen, was immer bedeuten wird, bestehende Verhältnisse zu zementieren oder gar erkämpfte Freiheiten wieder zu entziehen. Ganz in diesem Sinne ist F. Roger Devlins Incel-Bibel „Sex Macht Utopie“ geschrieben. Worin die Utopie bestehen soll, ist für Menschen, denen das Mittelalter im Gegensatz zu Devlin nicht zu hell war, schwer nachzuvollziehen, aber gemeint ist wohl eine Art „The Handmaid’s Tale“. Wenn es nach Devlin ginge, würden an Männer Essensmarken für Sex verteilt, die bei jeder Frau einzulösen wären. Neben konsistent widerwärtigstem Frauenhass wartet das Buch noch mit völlig kaputten Natur- und Kulturbegriffen auf, deren Verknüpfung im naturalistischen Fehlschluss liegt, also der Ableitung eines Sollens aus dem Sein. Wir müssten zu einer Ordnung zurückkehren, die der „primitiven menschlichen Natur“ gerecht würde. Diese primitive menschliche Natur ist ein Phantasma der Pseudowissenschaft Evolutionspsychologie, einer Art rückwärtsgewandten Astrologie für Männerrechtler, bloß dass Astrologie harmlos ist und Männerrechtler mit Evopsych z. B. Vergewaltigung legitimieren.

Damit hat Devlin aber keine Probleme, vielmehr befürchtet er, quasi neandertalbedingt Frauen nicht rational genug hassen zu können: „Der Autor verfügt über keine angemessene Distanz zur Materie; Reize aus dem limbischen System (vor allem der männliche Beschützerinstinkt) verdrängen die sorgfältige Beobachtung und behindern eine kalte Analyse.“ Wer kennt es nicht, dass Männer einfach viel zu nett zu Frauen sind, weil Beschützerinstinkt … Nach dem Querlesen des Buchs denke ich, dass zumindest Devlin diesen Instinkt sehr gut im Griff hat, ohne dass dadurch Raum für „sorgfältige Beobachtung“ oder irgendeine Analyse entstanden wäre. Der Autor hat tatsächlich keine angemessene Distanz zur Materie, bloß anders als er denkt. Die Materie sind eben nicht Frauen und ihre sexuelle Selbstbestimmung, sondern Männlichkeit und ihre Selbstbegründung in Herrschaft über Frauen. Immer wieder kommt Devlin selbst darauf zu sprechen, erkennt es jedoch nicht, dass er den Machtverlust fürchtet. Er fürchtet Anarchie. Er fürchtet die Freiheit der anderen. Sie ist ihm unerträglich. In diesem Sinne: auf die Freiheit!

Reposted byStadtgespenst Stadtgespenst

July 02 2018

10:54

Das Ende der Empathie

Von Janne Knödler

Dass Empathie nicht alles kann, beginne ich zu ahnen, als ich Lenas Textnachricht lese. Es ist Samstagnachmittag, ich bin im Café mit zwölf Seiten Text vor und drei Tassen Kaffee hinter mir. Den Flugzeugmodus habe ich nicht ganz unabsichtlich vergessen, anzuschalten. „Bei mir ist grad Chaos“ blinkt es auf meinem Handy „Ich hab grad den 2. Schwangerschaftstest gemacht und die sind beide positiv.“ Während ich zurücktippe, packe ich meine Sachen ein. „Komm nach Hause. Ich bin gleich da.“ Während ich warte, überlege ich, was ich jetzt zu tun habe. Zur Klarstellung: Für die Schwangerschaft trug ich keinerlei Verantwortung. Heißt auch: Von einem Augenblick auf den nächsten hat sich Lenas Lebensrealität meilenweit von meiner entfernt. Und ich fühle mich erleichtert, weil es um sie geht und nicht um mich. Und auch, wenn ich an dieser Situation schon haarscharf vorbeigeschlittert bin, kann ich mir nicht vorstellen, wie es ihr jetzt geht. Ich kann mich nicht in sie hineinfühlen.

©Anete Lusina

Empathie ist in den letzten Jahren zum Buzzword avanciert. In einer Zeit, in der Individualität und Flexibilität in den Vordergrund und traditionelle Bindungen an Familie, Wohnort oder Religionsgemeinschaft in den Hintergrund rücken, soll Empathie der Kitt sein, der uns zusammenhält. Während arm und reich immer weiter auseinanderrücken und das Zentrum immer rechter wird, soll Empathie es ermöglichen, die Position der Anderen nachzufühlen – und damit die Grundlage dafür sein, dass wir als Gesellschaft überhaupt noch kollektiv handlungsfähig sind. Empathie soll auf individueller Ebene – von-Mensch-zu-Mensch – das erfüllen, was uns als Gesellschaft fehlt:  Die Berücksichtigung aller Mitmenschen, ob sie nun unsere Meinung, unser soziales Umfeld oder unseren Haushalt teilen oder nicht. Damit die Empathie aber das Wunderheilmittel gegen gesellschaftliche Spaltungen sein kann, das sich ihre Jünger wünschen, muss eine Grundannahme erfüllt sein: Wir müssen davon ausgehen, dass wir uns angemessen in andere Menschen einfühlen können. Aber: Können wir das wirklich?

Montagmorgen klopfe ich um sieben an Lenas Tür. Wir wollen bei der Ärztin sein, bevor die Praxis aufmacht. Als Lena dreieinhalb Stunden später das Arztzimmer verlässt, wartet sie, bis wir im Restaurant um die Ecke Platz genommen haben, bevor sie anfängt zu reden. „Also es stimmt auf jeden Fall“, meint sie, Blick angestrengt auf die Karte vor ihr gerichtet.  „Ja scheiße. Krass.“ Ob sie sich sicher ist, was sie jetzt machen will, frage ich. Wir gehen die Optionen durch: Wir würden das Kind zusammen großziehen; wer braucht schon Männer. Vielleicht kommt ein Hund dazu. Es fällt uns nicht leicht, ernsthaft darüber zu reden. Alles, was mir einfällt, fühlt sich wie ein Klischee an. Der Situation, die wir beide hundertfach aus Filmen und Serien und Büchern kennen, scheinen wir nichts Neues hinzufügen zu können. Nichts, was ihr irgendwie helfen könnte. „Die Ärztin hat natürlich auch über die anderen Optionen gesprochen“, sagt Lena. Seit der ausführlichen Google-Recherche kann ich die auch ungefragt herunterbeten. „Hört sich alles nicht so geil an“, sagt sie und weicht meinem Blick aus. Ich gehe um den Tisch herum und setze mich neben sie, nehme ihre Hand.

„Kann ich mir vorstellen“, bekunden wir häufig als Zuhörer*innen. Viele Situationen und ganz besonders solche „Schlüsselerlebnisse“ haben wir als Gesellschaft kategorisiert und mit bestimmten Gefühlserwartungen verknüpft. Wir folgen dann emotionalen Skripten. Jemand macht Schluss: Wir sind traurig. Jemand stirbt: Noch trauriger. Wir haben Feierabend: Wir freuen uns. Wir werden befördert: Wir freuen uns noch mehr. Wissen wir das nicht aus eigenen Erfahrungen, dann haben wir es bei anderen gesehen oder eben in Filmen, Serien, Büchern. Diese Skripte lassen die Erfahrungen Anderer vertraut wirken und geben uns das Gefühl, die Situation zu kennen und einschätzen zu können. Aber was sind Skripte und Kategorien verglichen mit der Komplexität der Realität? Können wir wirklich behaupten, dass unsere Einordnung den Erfahrungen Anderer gerecht wird? Welche Aspekte der Erlebnisse Anderer können wir einfangen, und welche bleiben übrig? Und auch: Wem kommt dieses Beschwören von Empathie zugute?

Uns in andere hineinzufühlen ist umso leichter, je näher uns die andere Person ist. Empathie ist eine Transferleistung und je kürzer die Distanz zwischen zwei Lebenswelten ist, desto geringer die Leistung. Dabei geht es einerseits um Ähnlichkeit: Menschen, deren soziale, kulturelle oder ökonomische Position meiner ähnelt sind nahbarer. Andererseits, und das kann mit Ersterem verknüpft sein, ist es einfacher, sich die Situation anderer vorzustellen, wenn sie uns bekannt erscheint. Diese Bekanntheit kommt aus dem Real Life, kann aber auch aus Medientexten kommen: Aus Serien, aus Büchern, aus Filmen. Ein kurzer Blick auf die Zusammensetzung der Casts der IMDB-Bestenliste zeigt, wer dort im Mittelpunkt steht: weiße, heterosexuelle, cis Männer. Dass ihre Geschichten überall und in hoher Komplexität erzählt werden, lässt sie universalisierbar erscheinen. Für die Situationen, in denen sie sich befinden, werden uns hunderte emotionale Skripts angeboten. Ihre Geschichten werden uns nachvollziehbar gemacht, während alle anderen in den Hintergrund geraten. Wenn wir unsere Entscheidungen von Empathie leiten lassen, schaffen wir dann nicht eine Gesellschaft, die genau den Menschen zugutekommt, die sowieso schon ganz oben stehen?

Lena zählt zu den Personen, die mir am Nächsten sind auf der Welt. Damit meine ich jetzt nicht „nah am Herzen“ – das natürlich auch. Vor allem aber sind unsere Werdegänge, unsere Erfahrungen und unsere sozialen Positionen sich nah. Trotzdem erscheint es mir gerade unmöglich, Lenas Situation nachzufühlen. Auch wenn ich die Situation hundertfach aus Geschichten kenne, merke ich plötzlich, dass ihre und meine Realität getrennt sind. Dass diese Trennung hier körperlich ist – sie ist schwanger, ich nicht – macht sie unleugbar. Aber vielleicht macht die Körperlichkeit unserer Trennung damit nur materiell greifbar, was immer wahr ist: Lenas Erfahrungen sind genau das: ihre. Während die Sozialarbeiterin beim Gesundheitsamt das verpflichtende Aufklärungsgespräch mit dem aufwändigen Namen „Schwangerschaftskonfliktberatung“ führt, kann ich neben Lena sitzen. Ich kann ihre Gesichtsausdrücke beobachten, als es um die nächsten Schritte geht, als die Frau eine Liste mit Adressen ausdruckt und uns zum Schluss einen Flyer zur Kostenübernahme von Verhütungsmitteln in die Hand drückt (ich bekomme auch einen). Aber zu behaupten, dass ich mitfühlen kann, wie es ihr geht, würde sich übergriffig anfühlen.

Und dennoch: Die Menschen, die darüber entscheiden, welchen rechtlichen Rahmen ein Schwangerschaftsabbruch in Deutschland hat, nutzen als eine ihrer Entscheidungsgrundlagen ihr Empathievermögen. Wer über die „Angemessenheit“ der Regeln und Regulationen entscheidet, überlegt sich: Was würde ich wollen? Wie würde ich mich fühlen? Was wäre mir zumutbar? So als könnte ein kleines Gedankenexperiment die Komplexität der Situation anderer Menschen erfassen soll unser Empathievermögen dabei helfen, zu entscheiden, wie viele Tage zwischen Beratungsgespräch und Abbruch vergehen müssen, wie viel Bürokratieaufwand einer ungewollt schwangeren Frau zumutbar ist, oder was für ein Gefühl die Beschreibung „illegal aber unter bestimmten Umständen straffrei“ hervorruft.

Die Menschen, die unserer Gesellschaft mangelnde Empathie attestieren, haben häufig schon Lösungsvorschläge parat. Virtual Reality ist dabei nur der Neueste. Eine Virtual Reality Brille gibt es schon für unter hundert Euro auf Amazon. Sie dient als Portal in eine andere Welt – oder als Portal in einen anderen Körper: Sie erlaubt es, die Welt mit den Augen einer anderen Person zu sehen. Und zu erleben, wie meine Umwelt mit mir interagieren würde, wenn ich Y wäre. „Es ist eine Maschine, aber drinnen fühlt es sich wie echtes Leben an, wie Wahrheit“ erklärt der Künstler und Videoproduzent Chris Milk. Im Laufe seines elfminütigen TED Talks lädt er das Publikum ein; in die Maschine und nach Jordanien, zur zwölfjährigen Sidra, die seit eineinhalb Jahren in einem Camp für syrische Geflüchtete lebt. Im Hintergrund erklingen Pianoklänge (ist das Yann Tiersen?), während Sidra uns durch das Zimmer ihrer Familie, ihr Klassenzimmer und das mit Stacheldraht abgezäunte Campgelände führt. „Du sitzt auf dem gleichen Boden, auf dem sie sitzt“, erklärt Milk, „Du bist da. Das macht Virtual Reality zur ultimativen Empathiemaschine“.

Für alle, denen VR zu abgespaced ist, gibt es auch analoge Formen, die die Empathiemuskeln stärken sollen. In vielen Städten gibt es mittlerweile Dunkel-Bars oder -Restaurants, in denen Besucher*innen einen Abend ganz ohne Sehsinn verbringen können. Ein „Age-Suit“ soll, unter anderem dank Gewichten an den richtigen Stellen und Brille, die die Sicht verschleiert, simulieren, wie es sich anfühlt, alt zu sein. Ob Menschen durch einen solchen Empathietourismus aber wirklich lernen, die Situation anderer besser zu verstehen, bleibt fragwürdig: Menschen, die an solchen Versuchen teilnehmen, zeigen danach häufig eine wohlwollendere Einstellung der betroffenen Bevölkerungsgruppe gegenüber – schätzen aber die Fähigkeiten der Betroffenen, mit der Situation umzugehen, schlechter ein.

Vielleicht ist genau das die Crux von Mitgefühl: Es vermittelt den Eindruck, die Distanz zwischen zwei Lebenswelten aufzuheben und gibt damit das Gefühl selbst einschätzen zu können, was andere Menschen brauchen. Eine Überbetonung des Stellenwertes von Empathie läuft damit Gefahr, zum Ersatz zu werden für das sich-gegenseitig-zuhören und einander Glauben. Und gerade, wenn es darum geht, welche Möglichkeiten und Bedürfnisse andere Menschen haben, stößt unser Vorstellungsvermögen schnell an seine Grenzen. Als weiße Person kann ich mir nicht vorstellen, wie es ist, als Person of Color die Straße herunterzulaufen. Genauso hat ein Mann, egal wie wohlwollend und empathisch er ist, kein Gefühl dafür, wie ich mich als Frau im Raum bewege. Das kann ich viel besser erzählen, als jemand anderes das Nachfühlen kann. Dazu kommt: Empathie führt häufig nicht zu einer Begegnung auf Augenhöhe. Empathie erwarten wir schließlich immer nur von denen, die in der jeweiligen Situation privilegiert sind. Was marginalisierte Menschen aber brauchen, ist nicht Mitgefühl. Sondern Respekt. Respekt für ihre Leistungen, ihre Fähigkeiten und Respekt für ihre Bedürfnisse. Die Außenstehende nicht selber erfühlen können.

Als ich am Dienstag zu Lena in den Aufwachraum der Tagesklinik gerufen werde, ist sie schon wieder wach und knabbert an einem Keks, den die Pflegerin neben ihr Bett gestellt hat. Die Betten der Patient*innen sind durch dünne weiße Vorhänge voneinander getrennt. Neben uns weint jemand. „Danke, dass du da bist“, sagt Lena. Und das ist es wohl, das Einzige, was ich machen kann: Ihr zuhören, ihr glauben und versuchen, ihr das zu geben, was sie braucht. Fühlen muss ich es dafür nicht.

Reposted bymiriamino miriamino
10:22

Harter Kampf

Es ist schon einiges passiert seit dem „Battle of the Sexes“ in den 1970ern und dennoch ist von Gleichberechtigung im Sport noch weit gefehlt. Wie die Situation für Profi-Sportler*innen tatsächlich aussieht, hat sich das feministische Magazin von Arte Kreatur genauer angesehen. Pünktlich zur Fussball-WM fragt Kreatur: Was muss geschehen, damit im Sport alle gleich behandelt werden?

Einen ersten Ausschnitt aus ihrer Reihe zu Sexismus im Sport findest du heute hier bei Missy. In diesem Video nimmt Arte Kreatur genau unter die Lupe, wie es um Gleichberechtigung im Sport wirklich steht.

Viel Spaß beim Anschauen!

June 29 2018

15:51

Feiern mit Afro

Von Lisa-Tracy Michalik

Damit der nächste Partyabend zum vollen Erfolg wird, habe ich mir einen praktischen Guide ausgedacht. Jetzt ganz frisch nach dem Wunder von Kasan, als die südkoreanische Nationalmannschaft die deutsche aus dem Turnier gekickt hat und nicht mehr bei jedem Tor für Deutschland zehn Böller gezündet werden, gibt es fragwürdige Fanartikel zum Spottpreis in sämtlichen Geschäften. MIt schwarz-rot-goldenem Herzchen-Haarreif glaubt der Bouncer mir vielleicht, dass ich genauso deutsch wie meine weißen Friends bin und dass ich keine Drogen verkaufe. Bonuspoint: hilft auch beim Brötchenkaufen, damit Christian Lindner keine Angst haben muss!

© Eva Feuchter

Schritt eins ist geschafft: Ich bin im Club. Einmal auf der Tanzfläche angelangt wird es Zeit, den Schland-Haarreif in den Müll zu werfen und ihn gegen eine Krone zu tauschen. „Warum eine Krone?“, fragst du dich jetzt. Die simple Antwort: weil ich eine Queen bin. Die Krone hilft aber auch gegen fiese Haargrabscher*innen. Denn sobald ich auf der Tanzfläche bin, scheine ich auf unerklärliche Weise einen Streichelzoo-Vibe auszustrahlen, so dass diverse Clubgänger*innen es in Ordnung finden, beherzt in meinen Afro zu fassen. Fellow Naturalistas mit Afros, Dreads, Rastas etc. kennen es …  Fast noch schlimmer als fremde Hände in meinen Haaren sind die entrüsteten Blicke, die auf meine Entrüstung folgen. Mit einer goldenen Zackenkrone auf dem Kopf sinkt das Risiko, von fremden Menschen ungefragt angefasst zu werden. Und wer es doch wagt, pikst sich an einem der Zacken in den Finger. 

Schöne Kronen und anderen Bling findest du z. B. in der Schatzkammer der Queen von England, wo so einiges an glänzendem kolonialen Diebesgut gehortet wird. Sollte dir eine fette Goldkrone aber doch zu extra (oder zu schwer auf dem Kopf) sein, funktioniert alternativ auch ein Wasserzerstäuber. Ganz nach dem Motto operante Konditionierung bei Fehlverhalten drauflossprühen. Freches Grabschen bedeutet nass werden. Der Lerneffekt wird nicht lange auf sich warten lassen! Da der Wasserzerstäuber nicht präventiv wirkt wie die Krone, empfiehlt es sich, ein Kombipaket aus Zerstäuber und Ohropax zu kaufen, da die angesprühte Person dir vermutlich ein Ohr abkauen wird, warum du sie angesprüht hast, obwohl es ja eigentlich auf der Hand liegt. Bonuspoint: verwandelt auch sonstiges nerviges Gelaber in weißes Rauschen und schützt vor einem Tinnitus. Einfach praktisch! Gibt es beides in der Drogerie des Vertrauens. 

So kann das nächste Partywochenende kommen!

Reposted byStadtgespenst Stadtgespenst

June 28 2018

15:18

Reise in die Vielfältigkeit

Von Vanessa Wohlrath

„Breathe In, Breathe Out“ – einmal tief einatmen bitte, und wieder aus, haucht die französische Sängerin Melody Prochet. Es ist nicht der einzige Track auf ihrem neuen Album, mit dem sie uns ans Atmen erinnert. Mal auf Englisch, mal auf Schwedisch („Andas in, andas ut“), und zwischendrin ist es nur noch das Geräusch des Luftholens.

© Diane Sagnier

Einen langen Atem brauchte Melody Prochet tatsächlich. Nachdem sie als Melody’s Echo Chamber 2012 ihr Debütalbum veröffentlicht hatte, produziert von Kevin Parker, Frontmann der australischen Supergroup Tame Impala, wollte sie sich erst einmal selbst finden. Die psychedelisch betörenden Songs standen doch klar unter der Duftglocke von Parker. Schließlich war es an der Zeit, dieser zu entschlüpfen, um frische Luft zu schnappen.

Im Frühling 2017 sollte der zweite Longplayer erscheinen: „Bon Voyage“ („Gute Reise“). Dass diese Reise allerdings eine unglückliche Wendung nehmen sollte, zeigte sich im Sommer desselben Jahres: Prochet erlitt einen schweren Unfall, die bevorstehende Veröffentlichung des Albums sowie eine angekündigte Tour mussten abgesagt werden.

Doch von Aufgeben keine Spur bei Melody Prochet. Auch ein Rückgriff auf den Sound des Debüts, wie der erste Song auf dem neuen Album mit dem Titel „Cross My Heart“ zunächst vermuten lässt, sollte es nicht sein. Stattdessen fasste Prochet Fuß auf neuem Terrain und experimentierte gemeinsam mit der schwedischen Neo-Psychedelic-Gruppe Dungen an sieben Popsongs, deren Sog wir nur schwer entkommen können.

Melody’s Echo Chamber „Bon Voyage“
(Fat Possum/Domino)

„Bon Voyage“ ist ein kaleidoskopischer Trip durch die unterschiedlichsten Musikgenres, leuchtend, flirrend und bunt. Französischer Charme à la Gainsbourg wechselt in funkigen Groove und glitzernder Electronica. Dreampop, Ethno-Folk, selbst Autotune-Gesang auf Schwedisch! Während uns beim Hören häufig die Luft wegbleibt, zeigt uns Melody’s Echo Chamber, dass sie nach all den Rückschlägen endlich wieder aufatmen kann. Für sie war es doch noch eine gute Reise – eine zurück zu sich selbst.

June 27 2018

10:26

Hä, was sind denn Mikroaggressionen?

Von Karina Griffith

Wenn ich meinen Wintermantel anziehe, bereite ich mich auf das schlechte Wetter draußen vor. Doch nicht auf die Art von Wetter, die in den Vorhersagen im Fernsehen besprochen wird, sondern auf das Klima, das die Wissenschaftlerin Christina Sharpe die „allgemeine Atmosphäre unseres Lebens“ – nämlich eine anti-Schwarze Umgebung – nennt. Mein Schwarzer Körper, eingekuschelt in einen daunengefüllten Kokon, wird von vielen Personen sofort kommentiert: „Aber es ist doch gar nicht so kalt!“ Und: „Es muss schwer für dich im Winter sein, oder?“

©Free-Photos

Ich spreche mit der Autorin Clementine Burnley darüber, wie sehr mich solche Bemerkungen quälen. „Es ist die Rassenlehre des 18. Jahrhunderts“, sagt sie, ohne zu zögern. Die Vorstellung, dass Schwarze Menschen kaltes Wetter nicht aushalten, geht auf einen wissenschaftlichen Rassismus zurück, der geografische und Umweltfaktoren auf die Eigenschaften und Fähigkeiten von Menschen projiziert. Der Historiker Mark Neely erklärt, dass die Vorstellung, dass das nördliche Klima nicht für „melaninreiche Körper“ geeignet sei, Teil jener rassistischen Argumentation war, mit der Republikaner die Abschaffung der Sklaverei in den USA in den 1860er-Jahren ablehnten. Mikroaggressionen wie jene, die mein Wintermantel auslöst, haben also einen historischen Kontext.

Chester M. Pierce, Psychiater und Professor an der Universität Harvard, prägte den Begriff Mikroaggression in den 1970ern, um die ständigen Angriffe auf die Würde Schwarzer Menschen bei Begegnungen zwischen weißen und Schwarzen Personen im US-Kontext zu beschreiben. Die Ökonomin Mary Rowe übertrug das Konzept der Mikroaggression später auch auf geschlechtsspezifische Situationen. Derald Wing Sue, Professor für Beratungspsychologie an der Columbia University, hat drei verschiedene Kategorien von Mikroaggressionen beschrieben: Mikroangriffe (offensichtliche Übergriffe), Mikrobeleidigungen (klar erkennbare Unhöflichkeit) und Mikroentwürdigungen (Mitteilungen, die abweisend und ausschließend sind).

Mikroaggressionen sind, auch wenn es der Begriff suggeriert, nicht „klein“. Die Beraterin und Autorin Tupoka Ogette schreibt, dass Mikroaggressionen stets mit einer systematischen und institutionalisierten Diskriminierung verbunden sind. Mikroaggressionen sind ein Werkzeug, das Mitglieder dominierender Gesellschaftsgruppen benutzen, um die Arbeit der Polizei, der Gerichte, der Regierungen – der Philosoph Louis Althusser nennt diese „repressive staatliche Apparate“ – in der Privatsphäre auszuüben. Die Migrationspolitik, die People of Color davon abhält, frei über Grenzen hinweg zu reisen, spiegelt sich etwa in der scheinbar harmlosen Frage „Wo kommst du her?“ wider.
Je nachdem, wer diese Frage stellt, wird mit dieser Mikroentwürdigung eine unsichtbare Wand zwischen Menschen aufgebaut. Die Frage „Wo bekomme ich Drogen?“ an Schwarze Menschen ist eine Mikrobeleidigung, die dem gleichen Denkmuster folgt wie die Praxis des Racial Profiling der Polizei. Der Künstler Isaiah Lopaz hat solche Sätze für seine Fotoserie „Things You Can Tell Just By Looking At Him“ auf T-Shirts drucken lassen.

Auf diese Angriffe folgt selten eine aufrichtige Entschuldigung. Dies ermöglicht, dass die Aggression – sowohl die institutionelle als auch die private – unbenannt bleibt. Mikroaggressionen zeigen die Vorurteile, an denen sich die Mehrheitsgesellschaft orientiert. Das Schlimmste ist, dass wohlwollende Menschen uns ermutigen, sie zu ignorieren. Oft wird die Person, die Mikroaggression erfährt, beschuldigt, „zu sensibel“ zu sein. Mikroaggressionen sind eine Form von Unterdrückung. Wenn wir uns doch nur so leicht vor ihr schützen könnten wie vor dem Wetter im Winter. ­

Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/18.

June 26 2018

10:46

It’s Pride Baby!

Von Debora Antmann

Heute ist Donnerstag, am Samstag ist die Mad and Disability Pride Parade in Berlin, veröffentlicht wird der Artikel am Dienstag, ich schreibe also mit Blick auf ein Event, das jetzt noch in der Zukunft liegt, aber zu Veröffentlichung bereits stattgefunden haben wird. Seltsam! Dass am Samstag die Mad and Disability Pride Parade ist, ist für mich wahrscheinlich die beste Aussicht seit Monaten. Dabei ist die Demo gar nicht der Anlass für diesen Artikel, sondern der Moment vor einigen Tagen, als ich das Haus verlassen wollte und feststellen musste, dass irgendwer meine Krücken gestohlen hat.

Defekter Fahrstuhl ist nicht egal © Tine Fetz

Ich bin eine behinderte Frau. Das sage ich selten so klar. Und nicht immer ist das in meinem aktiven Bewusstsein. Es gibt eher Momente und Geschehnisse, die mich im wahrsten Sinne des Wortes darüber stolpern lassen. Eben solche Momente, wenn plötzlich jemand meine Krücken klaut und ich nicht mehr weiß, wie ich jetzt von A nach B kommen soll. Es sind die Momente, in denen der Fahrstuhl am U-Bahnhof kaputt ist und ich Menschen sehe, die das achselzuckend registrieren und dann doch die Treppe nehmen. Keine*r zückt das Telefon, um die Service-Hotline zu informieren. Warum auch, sie sind nicht auf einen funktionierenden Fahrstuhl angewiesen. Momente, in denen ich Todesangst habe, weil ich auf der Rolltreppe ins Schwanken gerate, weil sich wieder jemand an mir und meinen Krücken vorbeiquetscht, um die Rolltreppe hochzulaufen. Wenn du mich anrempelst, ist die Gefahr groß, dass ich stürze! Warum nimmst du nicht einfach die Treppe gleich links von uns? Es sind Momente, in denen ich warten muss, bis jemand vorbeiläuft und mir meine Schlüssel, meine Papiere, meine Wasserflasche aufhebt. Momente, in denen ich merke, dass ich meine Scham verloren habe, um über sämtliche Funktionen meines Körpers zu sprechen, weil ich müde bin, mich für die Dysfunktionen zu entschuldigen. Es sind Ereignisse wie Wohnungs- und Jobverlust, die mir mit voller Härte meine Realität als behinderte Person aufzeigen.

Ich war nicht immer behindert. Ich BIN nicht immer behindert. In meinen eigenen vier Wänden läuft (meistens) alles reibungslos. Ich hab mich an den Alltag gewöhnt. Erst draußen werde ich behindert. Politisch gesehen ist es genau das: Ich WERDE behindert. In der Realität fühlt es sich aber anders an: Menschen geben mir ununterbrochen das Gefühl, ICH würde SIE behindern. Durch die Krücken, die Schmerzen, das andere Tempo, die Immobilität, meine Existenz. Je schlechter meine Verfassung, desto mehr scheine ich zur Behinderung meiner Umwelt zu werden. Je angewiesener ich auf Hilfsmittel und andere Menschen bin, desto behinderter fühle ich mich. Politisch gesehen natürlich von der Gesellschaft. Emotional viel zu oft von meinem eigenen Körper. Dabei habe ich nur diesen einen und der war mal mein Kleinod, mein glitzerndes Gewand  – vorher.

Zurück zur Mad and Disability Pride: Ich war dabei, als die Demo das erste Mal vom Hermannplatz startete. Als verrückte Person, nicht als „körperlich behinderte“. Und schon damals hatte ich das Gefühl: „Das ist, worauf diese Stadt, dieses Land gewartet hat!“ Letztes Jahr wäre es das erste Mal mit (physischer) Behinderung gewesen, aber da war ich a) noch weit davon entfernt, in der körperlichen Verfassung zu sein, an der Demo teilzunehmen und b) gar nicht in Berlin. Dieses Jahr habe ich Termine und Vorträge verschoben, um dabei sein zu können. Ich freu mich wie ein Putenschnitzel! Ein paar Stunden Pride. Ein paar Stunden umgeben von Scharen von Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, von Solidarität, Verständnis und Verbündeten. Was „Pride“-Events wie der CSD für mich nie geschafft haben, kann diese Parade der Verrückten und Behinderten: mich sichtbar und geborgen fühlen, sicher, euphorisch, ausgelassen, wütend, garstig, jubelnd, triumphierend, GUT! Nicht als Behinderung von oder für irgendwen, sondern als ich. Und so ganz in pride!

Ich fühle mich wie vor einem Geburtstag. Nicht unbedingt mein eigener. Was ziehe ich nur an? Wo und wie bringe ich welche politischen Aussagen an? Wie viel Glitzer ist zu wenig? Ich bin im Vorfreude-Planungsmodus. Es ist meine Sahnetorte unter den Politveranstaltungen. Mein Chanukka unter den Pride-Events. Meine Place-to-be-Demo.

Dabei geht es gar nicht nur um diesen einen Tag. Schon das Wissen, dass es am Samstag so weit ist, hat seit etwa einer Woche zur Folge, dass sich alles ein bisschen weniger beschissen anfühlt. Ein bisschen weniger Frust. Ein bisschen weniger Wut. Nur für ein paar Tage, vielleicht eine Woche. Es ist ein emotionaler Kurzurlaub. Und ich werde mich feiern! Ich werde UNS feiern! WIR werden UNS feiern! Gefeiert haben, wenn ihr das lest. Voller Glitzer, stolz, laut und unübersehbar! It’s Pride, Baby!

Reposted byStadtgespenst Stadtgespenst
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