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August 08 2018

10:38

Abgeschottet und vergessen

Von Caren Miesenberger

Die Gefängnisdirektorin mit den glatten, blonden Haaren lächelt und bittet in ihr Büro: „Herzlich Willkommen!“ Ihren Namen verrät sie aus Sicherheitsgründen nicht. Eine Insassin, erkennbar am grünen T-Shirt der Gefängnisuniform, bietet Getränke an. Zwei weitere Frauen werden in das Büro geführt. Sie stehen mit dem Rücken an der weißen Wand, die Hände vor der Hüfte verschränkt, ihre Blicke wirken bedrückt. Sie sind die Insassinnen, mit denen ich später sprechen darf. Im Hintergrund surrt die Klimaanlage.

Dies ist der einzige klimatisierte Raum im Gefängnis Nelson Hungria, einer von vier Vollzugsanstalten für Frauen im Complexo Penitenciário de Gericino, dem größten Gefängniskomplex des Bundesstaates Rio de Janeiro. Er liegt im Stadtteil Bangu, vierzig Kilometer vom Stadtzentrum Rio de Janeiros entfernt. 26.000 Gefangene sind hier in verschiedenen Haftanstalten untergebracht, 1300 davon sind Frauen. Ein eigenes Viertel in der zweitgrößten Stadt Brasiliens, deren Kerngebiet doppelt so viele Einwohner*innen zählt wie Berlin.

Brasilien verzeichnet die drittmeisten Inhaftierten weltweit. 720.000 Menschen sitzen im größten Land Südamerikas hinter Gittern, die meisten wegen Drogendelikten. Der Weg vom Konsum zum Handel mit Rauschgift bis ins Gefängnis ist oftmals kurz: Gerichtsprozesse dauern häufig nur wenige Minuten. Anwaltlichen Beistand haben nur diejenigen, die ihn sich leisten können, auch Pflichtverteidiger*innen werden nur selten gestellt. Die Masseninhaftierung ist Schauplatz des Krieges gegen die Drogen, in dem der Staat die ohnehin schon marginalisierte Bevölkerung bekämpfe – Schwarze, Arme, Peripherisierte –, so kritisieren Anti-Haft-Aktivist*innen. Die Haftbedingungen sind extrem prekär: Die Kapazität der Gefängnisse wird bis zum Fünffachen überschritten. Der Staat kommt seiner Pflicht nicht nach: Hygiene und gesundheitliche Versorgung werden vernachlässigt.

Staub wirbelt auf, als sich zwischen Bananenstauden das große Tor des Gefängnisses Nelson Hungria öffnet. Abgeschottet und vergessen sitzen hier, ganz am Ende des großen Komplexes, die Frauen ein. Die Pressesprecherin der staatlichen Gefängnisbehörde SEAP

(Secretaria de Estado de Administração Penitenciária) empfängt mich.

Meine Interviewpartnerinnen wurden von der Gefängnisdirektorin ausgewählt. Ob ein Gespräch unter vier Augen geführt werden dürfe, frage ich. Die Pressesprecherin muss lachen. Natürlich nicht. Also nimmt Insassin Fabiola Da Silva Platz, um mit mir vor der Gefängnisdirektorin, der Pressesprecherin, einer  Mitinsassin und der mich begleitenden Fotografin über das Leben hinter Gittern zu sprechen. Eine einschüchternde Situation. Da Silva sitzt seit einem Jahr hier ein. „Ich war in einer Beziehung mit einem Drogenhändler. Er starb bei einer Schießerei. Zwei Monate danach wurde ich ins Gefängnis gesteckt, weil mein Telefon abgehört wurde“, erzählt sie. Da Silva ist 25 Jahre alt, Schwarz und wuchs in der Favela Retiro in Petrópolis, rund sechzig Kilometer von Rio de Janeiro entfernt, auf. Weshalb genau sie im Gefängnis ist, weiß sie nicht. Am Drogenhandel ihres verstorbenen Lebenspartners sei sie nicht beteiligt gewesen. Sie arbeitete in Vollzeit bei der Fast-Food-Kette Subway, als er starb. Nun sitzt sie hinter Gittern. „Ich habe eine kleine Tochter. Sie ist drei Jahre alt. Ich habe keinen Anwalt und bekomme keinen Besuch. Das Einzige, was ich bekomme, ist ein monatlicher Brief von der Patentante meiner Tochter“, fährt Da Silva betrübt fort.

© Jessica Santos

Ein typisches Profil: Die brasilianische Durchschnittsinhaftierte ist Schwarz, arm und sitzt wegen kleinerer Delikte im Zusammenhang mit Drogenhandel ein. Zwischen 2006 und 2014 stieg die Anzahl inhaftierter Frauen laut einer Studie des brasilianischen Justizministeriums um mehr als fünfhundert Prozent an – im Vergleich zu zweihundert Prozent bei Männern. Heute befinden sich insgesamt 37.380 Frauen in brasilianischen Gefängnissen. Nach den USA, China, Russland und Thailand verzeichnet das Land die fünfthöchste Zahl inhaftierter Frauen weltweit. Zwei Drittel der inhaftierten Frauen sind Schwarz, die Hälfte ist zwischen 18 und 29 Jahre alt. Die meisten haben nur einen niedrigen Bildungs-abschluss.

„Frauen, die im Drogenhandel tätig sind, arbeiten in diesem meist in niedrigen Positionen. Dadurch geraten sie leichter ins Visier der Polizei“, erklärt Luciana Boiteux ein paar Tage später in einem der schickeren Viertel der Stadt. Die Strafrechtlerin und Kriminologin der Bundesuniversität Rio de Janeiro hat eine Studie über inhaftierte Mütter in Bangu durchgeführt. Dabei stellte sie fest, dass 66 Prozent der Frauen keinen Besuch erhalten. „Wenn Sie am Besuchstag zu einem Männergefängnis gehen, gibt es eine riesige Schlange. Ehefrauen, Mütter und Kinder kommen zu Besuch. Im Frauengefängnis ist dies völlig anders. Wenn die Frauen überhaupt Besuch erhalten, dann von ihren Müttern“, fährt Boiteux fort. Die Pflege und Assistenz der inhaftierten Frauen werde also hauptsächlich durch ihre weiblichen Angehörigen getragen. „Die Einsamkeit ist sehr groß. Dass sie vergessen werden, hat mit dem Stigma der Haft zu tun: Frauen schämen sich und die Gesellschaft beschuldigt sie“, sagt Boiteux.

Die Haftstrafen hätten gravierende Folgen für die einsitzenden Mütter: „Wenn eine Frau ihre Strafe abgesessen hat, wird ihre Situation noch prekärer.“ Frauen würden infolge ihrer Haft stärker stigmatisiert, was ihre Reintegration in die Gesellschaft erschwert. „Von Männern wird irgendwie erwartet, dass sie gegen Gesetze verstoßen. Von Frauen nicht. Sie haben darin versagt, den sozialen Anforderungen gerecht zu werden: als Frau und als Mutter, die zu Hause bleibt und sich sensibel und verantwortlich um ihre Kinder kümmert“, erklärt die Kriminologin.

Für Da Silva ist die Trennung von ihrer Tochter schmerzvoll: „Sie ist in Obhut ihrer Patentante. Die schreibt mir, dass es der Kleinen gut geht. Jeden Tag wird sie schlauer. Sie weiß, wo ich bin. Und ihr geht es gut“, sagt sie mit gebrochener Stimme und hält einen Augenblick inne, Tränen laufen ihre Wangen hi-nunter. Ob sie Sehnsucht nach ihrer Tochter habe? „Sehr starke“, seufzt sie.

©Jessica Santos

Drei Viertel aller inhaftierten Frauen in Brasilien sind Mütter. Und nicht nur sie sind inhaftiert, sondern teilweise auch ihre Kinder. Wenn die Mütter schwanger ins Gefängnis kommen und ihr Kind dort zur Welt bringen oder wenn ihre bis zu sieben Jahre alten Kinder nicht von Verwandten aufgezogen werden können, bleiben sie bei den Müttern. Im Februar 2018 urteilte der Oberste Gerichtshof, dass noch nicht verurteilte schwangere Gefangene oder Gefangene mit Kindern bis zu zwölf Jahren ihre Strafe nicht mehr im Gefängnis absitzen müssen, sondern in ihren eigenen Häusern. Ein Fortschritt, der die überfüllten Gefängnisse entlasten soll, denn dies betrifft fast zehn Prozent aller gefangenen Frauen. Für Da Silva würde es bedeuten, dass sie sich künftig zu Hause um ihre kleine Tochter kümmern könnte. Unterdessen wartet sie noch auf ihr Urteil. Da Silva weiß nicht, wie lange sie im Gefängnis bleiben muss. Sie fühlt sich einsam. „Ich habe mich von meiner Mutter und meinen Geschwistern verlassen gefühlt. Aber heute verstehe ich, weshalb sie mich nicht besuchen können“, flüstert sie mit Tränen in den Augen.

Vor ein paar Monaten ist Da Silva in die Igreja Universal do Reino de Deus eingetreten, seitdem kann sie ihren Angehörigen vergeben und trägt ihnen die ausbleibenden Besuche nicht mehr nach. Die evangelikale Kirche füllt die Lücke, die Staat und Gesellschaft hinterlassen: Sie leistet nicht nur emotionalen Beistand, der den Insassinnen häufig fehlt. Da die Versorgung mit Hygieneprodukten unzulänglich ist, bringen die Pastor*innen neben Trost auch Toilettenpapier, Seife und Binden mit – in Männergefängnissen werden Hygieneprodukte oft von Angehörigen bereitgestellt. Täglich besucht Da Silva den Gottesdienst und singt in einem evangelikalen Chor.

Aber die Unterstützung der Kirche bietet Fallstricke für die Inhaftierten, schließlich ist es der Igreja Universal nicht nur an Nächstenliebe gelegen: Die Pfingstkirche ist bekannt dafür, ihre Anhänger*innen finanziell an sich zu binden. Ihr Gründer Edir Macedo hat aus Spiritualität ein Geschäftsmodell gemacht und missioniert mit der Igreja Universal weltweit. Außerdem legen ihre Pastor*innen die Bibel homofeindlich aus und vertreten weitere konservative Positionen. Doch Da Silvas Notsituation treibt sie der Kirche in die Arme. „Ich will meine Familie wieder zusammenführen, einen guten Job haben und mein Leben weiter evangelisieren, bis ich bei Gott ankomme“, wünscht sich die junge Frau für die Zeit nach ihrer Freilassung.

Roseane Aparecido Feira ist ganz anders als die zurückhaltende Da Silva. Sie ist die zweite Inhaftierte, mit der ich sprechen darf. Die Fünfzigjährige fällt aus dem durchschnittlichen Raster: Sie ist weiß, hat eine Universität besucht und bekommt regelmäßigen Besuch von ihrer Familie. Anders als Da Silva formuliert sie im Gespräch direkte Kritik am Justizsystem: „Wenn die Justiz funktionieren würde, wäre es gut. Die funktioniert aber nur für einige, zum Beispiel für Politiker. Aber für uns, die wir hier drinnen auf Gerechtigkeit warten, nicht“, sagt sie und blickt in Da Silvas Richtung. Die eben noch weinende junge Frau nickt zustimmend in Richtung ihrer Mitinsassin. Wie Da Silva wartet auch Feira noch auf ihr Urteil. Vor ihrer Inhaftierung arbeitete sie als Krankenschwester in einer illegalen Abtreibungsklinik in Campo Grande, unweit des Gefängniskomplexes, in dem sie nun sitzt. Niemals hätte sie sich träumen lassen, sich eines Tages hinter diesen Gittern wiederzufinden. Ihr Vergehen: Mord. „Es war furchtbar. Eine Frau hat einen Schwangerschaftsabbruch in unserer Klinik durchführen lassen und ist an den Folgen gestorben. Weil ich für die Abteilung zuständig war, bin ich für ihren Tod verantwortlich“, berichtet sie mit ernstem Blick.

©Jessica Santos

Auch wenn Feira eine untypische Insassin ist, so ist ihr Fall doch Sinnbild für eine Gesetzeslage, die Frauen benachteiligt. In Brasilien sind Schwangerschaftsabbrüche illegal und nur in drei Fällen straffrei: wenn die Schwangerschaft aus einer Vergewaltigung resultiert, das Leben der schwangeren Person gefährdet ist oder der Fötus an Anenzephalie leidet, einer Fehlbildung des Gehirns, bei der die Schädeldecke sich nicht schließt. Deswegen gibt es viele illegale Kliniken für Abtreibung, deren Kosten das brasilianische Durchschnittseinkommen exorbitant übersteigen. Wer sich diese nicht leisten kann, kauft illegale Abtreibungspillen oder treibt mit Hausmitteln ab, die die schwangere Person das Leben kosten können. Laut einer Studie des brasilianischen Gesundheitsministeriums sterben täglich vier Personen infolge der Komplikationen illegaler Abtreibungen. Wer überlebt und angezeigt wird, sich aber keinen guten rechtlichen Beistand leisten kann, kommt ins Gefängnis. 42 Frauen sitzen in Rio de Janeiro hinter Gittern, weil sie selbst abgetrieben haben. Im Nelson Hungria ist Feira derzeit die Einzige, die im Zusammenhang mit Schwangerschaftsabbrüchen inhaftiert wurde – wenngleich sie sich als Mitarbeiterin der Klinik vor Gericht für Mord verantworten muss. „Ich denke, dass Abtreibungen legalisiert werden sollen. Sie sind Angelegenheiten der öffentlichen Gesundheit“, sagt sie bestimmt. Wären Schwangerschaftsabbrüche in größerem Umfang erlaubt, gäbe es weder illegale Kliniken noch prekäre Bedingungen, unter denen diese durchgeführt werden. Dann säße Feira wahrscheinlich nicht im Gefängnis – denn weniger Frauen würden sterben.

Vor allem Schwarze Femi-nist*innen setzen sich in Rio de Janeiro für bessere Haftbedingungen und die Unterstützung von Insass*innen ein. Dies ist nicht immer einfach, wie eine Aktivistin des Kollektivs „Elas Existem“ (auf Deutsch: sie existieren) anführt: „Wir wollen ein Literaturprojekt mit den Frauen machen und mit ihnen feministische Texte lesen. Aber wir müssen lange auf die Genehmigung warten“, erklärt sie in einem Telefongespräch. Auch Journalist*innen warten mitunter jahrelang darauf, brasilianische Gefängnisse besuchen zu können. Kritik am abgeschotteten System soll vermieden, die katastrophalen Haftbedingungen sollen unter Verschluss gehalten werden. In meinem Fall wurde die Genehmigung von der Sicherheitsbehörde schnell erteilt, weil ich mich zeitlich befristet im Land aufgehalten habe.

Zurück in Bangu. Nach hartnäckigem Insistieren erlaubt mir die Direktorin, die beiden Interview-partnerinnen zu ihren Zellen zu begleiten. Im Innenhof lädt eine Gruppe inhaftierter Frauen Essenspakete aus. Nieselregen fällt auf die in Plastikfolie verpackten Kekse. Ein Korb Bananen steht unter einem kleinen Dachvorsprung. „Guten Morgen“, murmelt eine der Gefangenen in gebetsmühlenartigem Ton, als seien wir eine wichtige Kommission. Vögel zwitschern, der Himmel ist grau, frische 15 Grad. Die Temperaturen in Bangu steigen im Hochsommer bis auf vierzig Grad an. In den Zellen gibt es keine Klimaanlage. Feira bedankt sich für das Interview und wird von einer Aufseherin in ihre Zelle begleitet. „Nimm die Hand von den Gittern!“, brüllt dieselbe Gefängnisdirektorin, die gerade noch so freundlich zu mir war, eine Insassin an. Fabiola Da Silva verabschiedet sich, um zur Chorprobe zu gehen. Wann sie das nächste Mal Besuch erhalten wird, ist ungewiss.

Diese Reportage entstand während einer Residenz in der Casa Pública der Agência Pública in Brasilien (apublica.org) und wurde durch die gemeinnützige Initiative investigate e.V. gefördert.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

August 07 2018

10:43

Anti-Heimatskonferenz

Das Internationale Sommerfestival Kampnagel in der ehemaligen Fabrikhalle in Hamburgs Norden lohnt mal wieder einen Besuch: Vom 08. bis 26. August werdet ihr hier von Performancekunst über Theater bis hin zu Diskussionen mit interessanten Speaker*innen mit allem versorgt, was euer Herz begehrt.

Der allgegenwärtigen Renaissance der Konzepte von „Heimat“ und „Nation“ widmet sich im Rahmen des Festivals der Themenschwerpunkt „Heimatphantasien“ am 18. und 19. August. Auf einer Anti-Heimatskonferenz intervenieren verschiedene Speaker*innen in den Diskurs um Horst Seehofer, Transitzentren und den Rechtsruck in der Gesellschaft. Und widmen sich möglichen Alternativen. Themen sind u. a. das Konzept von Nation als Heimat, die Zusammenhänge zwischen Migration und Rassismus, der Kolonialismus und transnationale Alternativen. Es spricht u. a. auch als Kuratorin der Veranstaltung die Missy-Mitgründerin Margarita Tsomou.

Hier geht’s zum Kalendereintrag.

09:20

Männer sind Arschlöcher

Von Sibel Schick

Der eine ist schön, der andere heiß,
Auch der Süßeste davon beißt.
Denn es ist ein strukturelles Problem,
Dass Männer Arschlöcher sind.

Ich kenne Männer, die sind voll okay,
Aber auch die können so nerven, ey.
Der eine lügt, der andere ist laut,
Gibt nicht mal zu, wenn er Scheiße baut.

Ja, alle Männer. © Tine Fetz

Ich habe Kumpels, verliebt war ich auch mal.
Wenn du mich fragst, mach ich’s noch mal.
Auch der Netteste profitiert vom Arschlochsein,
Und setzt sich nicht gegen das Patriarchat ein.

Süße nette Männer, die mir zuhören,
Nicken brav zu und sagen: „Ich würd gern lernen.“
Mach doch weiter, es dauert nicht lange,
Bis er sagt: „Du gibst zu viel Kante.“

Fühlt sich ein Mann von dir bedroht,
Spricht er dir die Erfahrung ab.
Wer von meiner Existenz beleidigt wird,
Dem klatsch ich gern eine rein.

Einzelne Männer sind schon ganz okay,
In Gruppen wird’s schwierig.
Denn es hat System und Struktur,
Dass Männer Arschlöcher sind.

Du sagst: „Nicht alle Männer sind gleich.“
Ich sage: „Ist das nicht irrelevant vielleicht?“
Denn es ist ein strukturelles Problem,
Und ja, es ist kein individuelles Problem,
Und nein, es geht nicht um Ausnahmen,
Denn es ist ein weltweites Phänomen,
Dass Männer Arschlöcher sind.

August 06 2018

10:37

Für die Community

Von Stefanie Lohaus

Was Menschen wirklich wichtig ist, erfährt man anhand der Aufkleber auf ihren Autos. Häufig sind das christliche Fische-Symbole oder „Baby an Bord“-Bekenntnisse. Ise Boschs blau-metallischen Toyota, mit dem sie mich am Bahnhof einer Kleinstadt in Norddeutschland abholt, zieren: eine Pride-Flag, ein Aufkleber mit der Web-Adresse der von ihr mitgegründeten Stiftung „filia.diefrauenstiftung“ und ein „Atomkraft? Nein Danke!“-Sticker.

Ise Bosch wohnt in einem kleinen Haus, in einem gewöhnlichen Ort auf dem Land, und fährt ein gewöhnliches Auto. Sie gibt Geld für feministische und LGBTIQ-Projekte und äußert sich explizit kapitalismuskritisch. Dadurch unterscheidet sie sich von anderen bekannten reichen Personen wie den Quandts oder Susanne Klatten, die an konservative Parteien wie die CDU oder die FDP spenden – also diejenigen, die für Besitzbewahrung stehen. Oder von Charity-Queen Ute Ohoven, die für Kinder und gegen Krebs spendet. Das hilft ohne Zweifel auch, stellt aber nicht die herrschenden Verhältnisse infrage. Und doch gibt es sie, die Reichen mit dem politischen Bewusstsein. Ise Bosch ist da nicht die einzige, mir fallen spontan noch George Soros’ „Open Society Foundation“ oder Jan Philipp Reemtsma ein. Aber vielleicht ist sie eine der konsequentesten – und der Name Bosch, auf den ich jeden Morgen blicke, wenn ich Milch aus meinem Kühlschrank hole, wirkt natürlich fast schon mystisch.

 

Wer mit Ise Bosch spricht, merkt ziemlich schnell, dass es ihr nicht um Steuersparen oder karitative Mildtätigkeit geht. Sie ist eine Menschenrechtsaktivistin, die die ihr vorhandene Ressource politisch nutzt und damit so weit von Charity entfernt ist wie das Missy Magazine vom Handelsblatt. Bosch ist eine Activist Donor, wie sie es selbst nennt, eine Spendenaktivistin, die mit „Geld politisch arbeitet“. Und sie ist Teil der weltweiten LGBTIQ-

Community, die sie zum ersten Mal während ihres Studiums am Reed College in Portland kennenlernte. Darauf angesprochen blitzt es in ihren Augen: „Das Reed College war links und alternativ, schon seit den 1930ern, ein Zufluchtsort für das alternative Obere-Mittelklassen-Amerika. Es gab intellektuelle Freiheit und sehr gute Kurse in Feminismus. Ich habe dort angefangen linkes Radio zu machen und habe das dann später bei Radio 100 in Berlin fortgeführt.“ Westberlin, Anfang der 1990er, für die junge, linke, lesbische Ise Bosch ein „logischer Ort“, um nach ihrem Bachelor in Portland zu leben und zu studieren.

Mit ihrem politischen Ansatz steht Ise Bosch in guter Familientradition. Schon ihr Großvater, Unternehmensgründer Robert Bosch, bemühte sich etwa um gute Arbeitsbedingungen und spendete einen großen Teil seiner Gewinne. Und entgegen des Zeitgeistes war er kein Antisemit. Er war Mitglied im 1890 gegründeten „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“. Eine Tatsache, die es Ise Bosch leichter mache, mit ihrem Erbe umzugehen, wie sie sagt. Auch wenn Robert Bosch während des Krieges von der durch die NS-Diktatur verordneten Beschäftigung von Zwangsarbeiter*innen ebenso profitierte wie von der allgemeinen Aufrüstung, so hat er das NS-Regime nicht aktiv gestützt. Die Robert-Bosch-Stiftung hat diese Verstrickungen bearbeitet.

©Kati Szilágyi

Ise Bosch wollte ihr Vermögen selbst verwalten. Es war ihr wichtig, ihr Geld selbst anzulegen, in nachhaltige Projekte. Konsequent wie sie nun mal ist, studierte sie gleich, wie man sozial investiert. Auf meine Frage, nach welchem Kriterium sie die Projekte auswähle, die sie fördert, antwortet sie verschmitzt: „Alles, was sich gegen das Patriarchat richtet“, und ergänzt: „Ich habe mich immer für internationale Zusammenhänge und LGBTIQ interessiert.“ Ich muss gestehen: So einen Satz hört man nicht oft, und allein die Tatsache, dass Ise Bosch ihn ausspricht, wirkt auf mich ermächtigend. Auch auf unserer Seite gibt es Menschen, die Ressourcen haben. Take That, Patriarchy! Aber dass Bosch alles fördert, das stimmt so natürlich nicht. Mit Sicherheit ist Ise Bosch keine Person, die man mal nach ein bisschen Knete für ein Projekt fragt. Mit ihrer Ressource geht sie strategisch und so demokratisch wie möglich um. „Es begann damit, dass ich aus internationalen Freund*innenkreisen angefragt wurde, etwa für Fahrtkosten zu einer Konferenz. Ich habe dann gemerkt, wie viel Arbeit das ist, und mir Hilfe geholt. Und ich brauchte Verbündete.“ In den 1990er-Jahren gab es immer mehr Veranstaltungen, wo Frauen mit Erbe zusammentrafen. Dort lernte Bosch Gleichgesinnte kennen, mit denen sie im Jahr 2000 filia.diefrauenstiftung und Pecunia, das Erbinnen-Netzwerk, gründete.

Nun begegnen viele Menschen vor allem aus linken Zusammenhängen privaten Geldgeber*innen in Deutschland skeptisch, durchaus zu Recht: Schließlich kann eine gewisse Willkür beim Geldverteilen nicht ausgeschlossen werden. Geldgeber*innen sind nicht automatisch Expert*innen für das Feld, in dem sie Veränderung anstoßen wollen. Geld geben kann auch schaden und Fehlentwicklungen hervorrufen, das haben die Auswertungen westlichen Entwicklungshilfeversagens gezeigt. Insbesondere im Globalen Süden wirkt das Engagement von weißen reichen Menschen und ihren NGOs oft wie eine kolonial-gönnerhafte Geste. Und ist das nicht irgendwie US-amerikanisch, dieses Spenden? Statt von öffentlichen Geldgebern sind dort viele soziale und kulturelle Organisationen von der Gönnerhaftigkeit reicher Individuen abhängig. Ein Vorbild sind die USA hier nicht.

Ise Bosch weiß das alles. Sie habe früh angefangen, sich damit zu beschäftigen, ihren Aktivismus deswegen nach den Prinzipien transformativer Philanthropie ausgerichtet, erklärt sie. Das bedeutet: Machtstrukturen verändern und Privilegien gezielt teilen, um tatsächlich mehr Gerechtigkeit herzustellen. Die größten Summen spendet sie daher langfristig an wenige Stiftungen und Träger, in denen Expert*innen und Menschen aus der geförderten Gruppe nach eigenen Kriterien entscheiden, wie das Geld verteilt wird – und eben nicht die Einzelperson Ise Bosch. Seit zwanzig Jahren gibt Ise Bosch einen Großteil ihres Vermögens – dass sie aus dem Verkauf ihrer Anteile an der Robert Bosch GmbH generiert hat – an die New Yorker Astraea Lesbian Foundation for Justice, wie sie erzählt. Mit diesen Mitteln wurde 1996 der International Fund for Sexual Minorities gegründet, der in 99 Ländern 19 Millionen Dollar direkt an LGBTIQ-Grassroots-Organisationen vergeben hat. filia.diefrauenstiftung hat einen intersektional besetzten Mädchenbeirat eingerichtet, der über die Mittelvergabe entscheidet. Transformative Philanthropie bedeutet auch, sich nicht auf einmal Erreichtem auszuruhen, sondern die Schwerpunkte und die politische Arbeit immer wieder neu zu überprüfen und auf diejenigen zu fokussieren, die am stärksten marginalisiert sind. So hat Bosch für einige Zeit der Heinrich-Böll-Stiftung eine Stelle für einen LGBTIQ-Koordinator bezahlt. Und zu den USA sagt Bosch: „Sie sind mit Sicherheit kein Vorbild, wenn es um den fehlenden Sozialstaat geht. Sie sind aber Vorbild in puncto Widerstand sozial marginalisierter Gruppen. Wenn es darum geht, den Bereich der privaten Geldvergabe politischer zu gestalten, dann sind sie wirklich viel weiter als Deutschland.“

Und das ist Boschs anderes Ziel: Sie will den Spendensektor an sich transformieren. Zum einen will sie mehr Menschen dazu ermuntern, ihr Geld nach den Prinzipien der transformativen Philanthropie zu teilen und selbst zu Spendenaktivist*innen zu werden. Zum anderen will sie Menschenrechtsorganisationen in Europa darin unterstützen, feministische und Gender-Kompetenzen zu erwerben. Und da gibt es einiges zu tun. Die Deutsche Stiftungslandschaft ist sehr konservativ, was Bosch zum großen Teil auf die Rechtslage zurückführt, die etwa vorschreibt, dass Stiftungen – die teilweise schon im Mittelalter entstanden sind – ihre Satzungen und damit ihren Stiftungszweck nur sehr schwer verändern können. Zudem herrscht eine Pflicht zum Kapitalerhalt, d. h. dass Stiftungen nur Zinsen ausgeben können, was in Niedrigzinsphasen, wie der derzeit andauernden, das Modell Stiftung an seine Grenzen bringt.

Immerhin hat Deutschland eine riesige Landschaft an Stiftungen: Knapp 27.000 teils auch sehr kleine Institutionen zählt der Deutsche Stifterverband. Wie viele davon sich explizit der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und/oder der Gleichberechtigung von LGBTIQ verschrieben haben: 158. Ein erschreckend kleiner Teil. Doch der Anfang ist gemacht. Die Aufmerksamkeit für diese Anliegen steigt endlich. Erst vor einer Woche bekam Bosch den Deutschen Stifterpreis des Bundesverbands Deutscher Stiftungen verliehen, der zu diesem Anlass kurzerhand in Deutscher Stifterinnenpreis umbenannt wurde.

Ise Bosch freut sich darüber, dass ihre Arbeit nun endlich auch in Deutschland die Anerkennung erhält, die ihr gebührt. Dass es dabei zu Szenen kommen wird wie vor einem Jahr, als sie den Transforma­tive Philanthropy Award erhalten hat, ist wohl eher unwahrscheinlich. Damals übergab die sichtlich gerührte Leiterin der Astrea Foundation J. Bob Alotta einer sichtlich bewegten Ise Bosch den Preis, der in Zukunft nach ihr benannt wird, mit den Worten: „Du hast wundervolle Entscheidungen in deinem Leben getroffen, die jede*n in diesem Raum beeinflusst haben. Deswegen ist dieser Preis nach dir benannt. Dein Vermächtnis ist von großer Bedeutung, Ise Bosch.“

Ise Bosch Geben mit Vertrauen – wie Philanthropie transformativ wird“ erscheint am 16.05. im Eigenverlag und ist bestellbar unter geben-mit-vertrauen.de, 20 Euro als Print,
8 Euro als E-Book.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

August 03 2018

09:01

In guten wie in schlechten Zeiten

Von Doreen Kruppa

Anna Kugler* ist Ende dreißig und heterosexuell. Statt des Wunsches, eng mit einer oder mehreren Liebesbeziehungen zusammenzuleben, hat sie ein „starkes Grundbedürfnis nach intensiven Freundschaften“ – und einem „Zuhause mit vielen Leuten“. Sie hat viele gute und langjährige Freund*innen. Bei mehreren davon würde sie sich „im Notfall gleichermaßen aufgehoben fühlen“. Einige ihrer Freund*innenschaften haben sich aus vergangenen Affären oder Liebesbeziehungen entwickelt. Sie hat eine ihr wichtige, enge Beziehung zu einem Kind aus dem Hausprojekt, in dem sie lebt. Anna integriert ihre Freund*innen auch in ihre Herkunftsfamilie – etwas, das sonst eher für Liebesbeziehungen typisch ist. Ihre Lebensweise im Freund*innenkreis sieht sie als dauerhaft an. Annas Lebensentwurf ist freundschaftszentriert.

Anna Kugler ist eine jener Personen, die ich für meine Studie interviewt habe. Darin untersuche ich, warum sich Menschen für freundschaftszentrierte Lebensweisen entscheiden, wie sie diese leben und mit welchen Hürden sie dabei konfrontiert sind. Denn sich umeinander kümmern, zusammenleben, den Alltag miteinander teilen, gemeinsam Kinder aufziehen und die Zukunft planen – dafür gelten gemeinhin die monogame, romantische Liebesbeziehung und die Kleinfamilie als die geeigneten Beziehungsformen. Sie werden uns in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen als ideale und scheinbar natürliche Lebensweisen vermittelt. Dabei findet Sorge füreinander für viele Menschen auch, und für einige sogar vorrangig in Freund*innenschaften statt – so wie bei Anna. Aber Vorurteile, Gesetze, die Wohnpolitik oder die Arbeitsverhältnisse im neoliberalen Kapitalismus erschweren eine solche Lebensweise.

Freundschaftszentriert bedeutet in diesem Kontext, dass Menschen Freund*innenschaften in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen, während sie Liebesbeziehungen oder Affären als gleich- oder nachrangig behandeln. Lebensweisen, bei denen Freund*innenschaften und Freund*innenkreise einen zentralen Stellenwert im Leben einnehmen, sind aus queeren Communitys bekannt, z. B. bei Lesben und Schwulen als „families of choice“. Sie werden jedoch häufig als Ersatz für ablehnende Herkunftsfamilien wahrgenommen und nicht als bewusst gewählte Alternative zum heteronormativen Lebensmodell. Dazu tragen auch am Familienbegriff ausgerichtete Bezeichnungen für alternative Lebensweisen bei, wie etwa

„Wahlfamilie“, wodurch unsichtbar wird, dass diese oft explizit gegen die heteronormative Ordnung der Kleinfamilie gerichtet sind.

Die Interviewten meiner Studie unterscheiden sich hinsichtlich Alter, geschlechtlicher und sexueller Verortung, Herkunft, Bildung und Elternschaft. Sie wohnen überwiegend in Wohngemeinschaften, großen Wohnprojekten oder alleine. Alle pflegen mehrere Freund*innenschaften, die unterschiedlich gestaltet sind. Zu ihren Beziehungsgefügen zählen bei allen enge Freund*innenschaften mit Expartner*innen, mehrere zählen auch enge Beziehungen zu Kindern von Freund*innen oder Mitbewohner*innen dazu. Bei den meisten sind Kollektive, Gemeinschaften und Communitys, in denen sie wohnen, lohnarbeiten, sich politisch engagieren oder künstlerisch tätig sind, wichtige Säulen in ihrem Leben.

©Jennifer Endom

Was macht nun diese Lebensweise aus? In allen Beziehungen spielt Sorgearbeit füreinander eine zentrale Rolle. Zu den Sorgepraxen in den Freund*innenschaften gehört, sich gegenseitig emotional, praktisch oder auch finanziell zu unterstützen. Das schließt bspw. ein, füreinander zu kochen, einzukaufen, intensiv am Alltag der Freund*innen teilzuhaben oder dauerhaft gemeinsam zu wirtschaften. Sie verbringen ihre Freizeit, Feiertage oder lange Reisen mit ihren Freund*innen und sind über relevante Interessen und Hobbys miteinander verbunden.

Ein wichtiges Thema in diesen Freund*innenschaften ist, sich in Notsituationen aufeinander verlassen zu können, etwa in psychischen Krisensituationen jederzeit ansprechbar zu sein, bei der*dem Freund*in zu übernachten, wenn es einer*einem schlecht geht, bei ernsteren Erkrankungen die Pflege, Versorgung oder den Haushalt zu übernehmen und sich gegebenenfalls im Freund*innenkreis dafür untereinander abzustimmen.

Für eine freundschaftszentrierte Lebensweise entscheiden sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen. Zum einen sind auf diese Weise vielfältige intensive Beziehungen mit unterschiedlichen Menschen lebbar. Die gesellschaftliche Norm, auf eine Liebesbeziehung (manchmal auch mehrere) zu fokussieren, finden alle Personen in meiner Studie einschränkend. Insbesondere die Frauen und sich queer verortenden Menschen lehnen außerdem die damit verbundene gesellschaftliche Rollenverteilung ab. Dazu passt, dass Einzelne davon berichten, dass im Rahmen ihrer Beziehungsstrukturen Sorgearbeit fairer verteilt wird und sie z. B. mehr Unterstützung bei der Kinderbetreuung erhalten, als sie es aus Paarbeziehungen und Kleinfamilie kennen.

Für sie bieten die freundschaftszentrierten Lebensweisen mehr Gestaltungsmöglichkeiten: Die eigenen Interessen und Bedürfnisse lassen sich auf unterschiedliche Freund*innen verteilen. Dadurch gelingt es wiederum besser, auf eigene Grenzen und die der anderen zu achten. Auch weil Rollenvorbilder für freundschaftszentrierte Lebensweisen fehlen, müssen sich alle Beteiligten viel mehr über ihre Wünsche austauschen. Der positive Effekt: Die Beziehungen entsprechen stärker den eigenen Vorstellungen.

Die Menschen in freundschaftszentrierten Lebensweisen zeichnet aus, dass sie sich nicht mit vorgegebenen Modellen zufriedengeben, sondern mit alternativen Beziehungsformen experimentieren. Einige verstehen ihre Lebensweise als politisches Konzept. Für sie ermöglicht das Zusammenleben in größeren Zusammenhängen mehr Solidarität und Gemeinschaftlichkeit. Indem sie mit ihrem Lebensmodell die kleinfamiliäre Privatheit überschreiten, ergeben sich mehr Anknüpfungspunkte und Ressourcen, um gemeinsam gesellschaftliche Verhältnisse zu gestalten.

Allerdings existieren auch die freundschaftszentrierten Lebensweisen nicht im luftleeren Raum. Auch sie sind von Strukturen und Normen der neoliberalen kapitalistischen Gesellschaft mit Machtverhältnissen um Geschlecht, Sexualität, Race, Klasse und Körper geprägt – und die politischen Entscheidungen orientieren sich oft an Paaren bzw. Kleinfamilien.

Menschen in freundschaftszentrierten Lebensweisen stellen Lohnarbeit und die Notwendigkeit sozialer Absicherung vor besondere Probleme: Mit einer Vollzeitstelle könnten sie ihre intensiven Freund*innenschaften, soziale Verantwortung für Kinder von Freund*innen und Mitbewohner*innen und ihr Engagement in Wohnprojekten und anderen Kollektiven nicht umsetzen. Denn mehrere intensive Beziehungen zu pflegen, braucht Zeit. Aber von einer Teilzeitstelle leben können wiederum nur die, deren Arbeit im Rahmen der Lohnungleichheit der gegenwärtigen klassistischen Verhältnisse gut bezahlt wird oder die ihre Lebenshaltungskosten senken, wie es einigen in alternativen ökologischen oder linken konsumkritischen Lebenszusammenhängen mit Ressourcenteilung möglich ist. Hier schließt jedoch direkt die Problematik einer Wohnraumpolitik an, die an Paaren, Kleinfamilien und sogenannten Singles ausgerichtet ist: Bezahlbare Räume für gemeinschaftliches Wohnen, Arbeiten oder anderweitige kollektive Nutzungen sind rar. Gesetze privilegieren die Paarbeziehungen und Kleinfamilien, während es an rechtlicher Anerkennung und sozialer Absicherung von freundschaftszentrierten Lebensweisen fehlt – die schließlich auch Verantwortung und Sorgearbeit füreinander übernehmen.

Für die Interviewten meiner Studie sind deshalb Räume wichtig, in denen sie sich kritisch mit vorherrschenden Beziehungsnormen auseinandersetzen können und in denen alternative Lebensweisen respektiert werden. Dazu gehören etwa linke und queerfeministische Politprojekte, Gemeinschaftsprojekte zu alternativen Lebensweisen oder queerfeministische Seminare und Arbeitsgruppen an Hochschulen, deren Weiterbestand jedoch oft nicht gesichert ist. Diese sind auch nicht allen gleichermaßen zugänglich, da sie häufig weiß, akademisch, männlich, heterosexuell dominiert und nicht barrierefrei sind und dadurch Ausschlüsse produzieren.

Anna Kugler möchte auf jeden Fall auch in Zukunft dauerhaft freundschaftszentriert leben und in Gemeinschaftsprojekten wohnen und arbeiten. Sie hofft, dass sich ihre Vorstellungen trotz der schwierigen Rahmenbedingungen umsetzen lassen und sich nicht alle ihre Freund*innen irgendwann doch für ein klassisches Beziehungsmodell entscheiden, in dem dann für intensive Freund*innenschaften kein Platz mehr ist. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

Reposted bygingergluepaketsusannenueckel

August 02 2018

09:46

Support statt Intrigen

Abbi & Ilana, „Broad City“
Abbi Jacobson und Ilana Glazer setzen in der US-Serie „Broad City“ nicht nur neue Maßstäbe für ermächtigende Darstellungen weiblich gelesener Körper, sondern auch für jene bester Freund*innen. Was es bedeutet, sich für jemanden aufzuopfern, wird etwa deutlich, als sich Ilana während eines Wasserausfalls darum kümmert, Abbis (wortwörtliche) Scheiße aus dem Klo zu entfernen – damit ihr Schwarm im Nebenzimmer davon nichts mitbekommt. Oder als Ilana Abbi erst dazu motiviert, ebendiesen Typen zu peggen, also mit einem Dildo zu penetrieren, und dann vor Freude ausrastet, nachdem sich Abbi tatsächlich getraut hat. Ilanas Crush auf ihre beste Freundin ist dabei nicht sehr subtil. Immer wieder initiiert sie angeblich zufällig entstandene homoerotische Szenerien, die auch mal ein bisschen creepy werden können: Einmal schlägt sie vor, bei einem Doppeldate gleichzeitig geleckt zu werden und sich dabei in die Augen zu schauen – welche besten Freund*innen träumen nicht von so einem Bonding-Moment? Intimität ist bei den beiden ohnehin ein fester Bestandteil der Beziehung. Und zwar nicht nur auf der Leinwand: „Broad City“ basiert laut Abbi Jacobson und Ilana Glazer auf der Beziehung, die sie auch im wahren Leben verbindet. Die beiden sind nicht nur Hauptdarstellerinnen, sondern auch Macherinnen von „Broad City“ und vielleicht ist die ­Serie auch deshalb so witzig: Es funkt einfach. Hengameh ­Yaghoobifarah

Enid & Rebecca, „Ghost World“
Es ist dieser eine, endlos lange Sommer nach dem Schulabschluss, erfüllt von Nebenjobs, Rumhängen und Zukunftsangst. Enid und Rebecca aus Daniel Clowes’ Comic „Ghost World“ aus den 1990er-Jahren sind seit Kindestagen befreundet. Nun haben sie die Schule hinter sich gelassen, auf der sie ihren Status als Außenseiterinnen zelebrierten, und die spießigen Mitschüler*innen, die sie von ganzem Herzen verachtet haben, erst recht. Aber was nun, ohne dieses zwar verhasste, aber Orientierung gebende Koordinatensystem?
Es folgen ein paar verwirrende Lovestorys (in der Filmversion von 2001 mit einem merkwürdigen alten Mann, im Comic hauptsächlich mit einem befreundeten Gleichaltrigen) und ein Aufnahmetest fürs College, den Enid vor Rebecca verheimlicht. Und allerlei schmerzliches Loslassen. Während Rebecca allmählich ein „normales“ Leben immer verlockender findet und beginnt, sich langsam von ihrer übermächtigen Freundin Enid und ihren strengen Vorgaben, wie man leben soll, zu lösen, verlässt diese endgültig die Vorstadtgegend, in der die beiden aufgewachsen sind. Am Ende steht die Erkenntnis: Diese erste Trennung von der besten Freundin ist größer und schmerzhafter als das Ende aller Liebesgeschichten. Anna Mayrhauser

©Jennifer Endom

Missy Elliott & Lil‘ Kim
Da Brat, Lil’ Kim, Aaliyah, Eve, Tweet, Ciara – schon immer hat es Missy Elliott, einer der ersten weiblichen Superstars im HipHop, verstanden, ihre Freundinnen mit an Bord zu holen. Und sie hat auch mitgeholfen, deren Karrieren zu pushen. Schade bloß, dass Elliotts starker Verbindung zu diesen HipHop- und R’n’B-Künstlerinnen meist weniger Aufmerksamkeit zuteil wurde als ihrer langjährigen Freundschaft mit ihrem kreativen Weggefährten und Produzentenpartner Timbaland. Unvergessen bleibt jedoch der All-time-favourite-Freundinnen-Song „Best Friends“, den Missy Elliott 1997 zusammen mit Aaliyah für ihr zukunftsweisendes Debütalbum „Supa Dupa Fly“ aufnahm. Im Gedächtnis sind auch ihre Kollabos mit Lil’ Kim, der „Original Queen B.“ (der auch Beyoncé kürzlich mit einem Halloween-Kostüm ihre Ehrerbietung erwies). Auch wenn vom „Original“ ­zugegebenermaßen nicht viel übrig geblieben ist – nach etlichen „Schönheits“-OPs ist Lil’ Kim heute nur schwer wiederzuerkennen –, bleibt die aus Brooklyn stammende Hardcore-Rapperin, die ihre Karriere einst in Notorious B.I.G.s Junior-M.A.F.I.A.-Crew begann, eine der erfolgreichsten Rap-Künstlerinnen aller Zeiten – stets supported von Fan und Freundin Missy. Im Videoclip zu Missy Elliotts „Sock It 2 Me“ (hallo, Fischauge!) flüchten Missy und Lil’ Kim vor gemeingefährlichen Monster-robotern, bis sie schließlich von Da Brat gerettet werden: galaktische Freundinnenschaften, von denen es nie genug geben kann. Vina Yun

Hanni & Nanni
Das erste Buch, das ich selbst gelesen habe, war die 765 Seiten starke Jubiläumsausgabe von Enid Blytons „Hanni und Nanni“: ­Hanni und Nanni Sullivan, ein Zwillingspaar aus der Oberschicht, werden von ihren Eltern im Alter von zwölf Jahren auf das Internat Lindenhof geschickt. Sie sind nicht begeistert, denn in Lindenhof gibt es keine Privilegien: Alle Mädchen schlafen in Mehrbettzimmern, sie dürfen nur wenige private Gegenstände mitnehmen und müssen Schuluniformen tragen. Anfangs werden sie noch die „hochnäsigen Zwillinge“ genannt, doch schnell schließen sie viele Freundinnenschaften und merken, worauf es im Leben wirklich ankommt – nicht auf Kleidung und Besitz, sondern auf Solidarität, Empathie und Individualität. Das Thema Klassismus wird hier verpackt in Geschichten um einzelne Personen, wie etwa die unsympathische Angeberin Suse, von der dann „herauskommt“, dass sie sich schlicht schämt, aus einer Arbeiter*innenfamilie zu stammen. Am Ende steht die Botschaft: Alle Mädchen sind gleichwertig und niemand wird zurückgelassen. Botschaften, die wir auch heute noch dringend brauchen. Das Buch ist tatsächlich eine Art Empowerment-Bibel in einer Grundschulklasse, in der manche Mädchen von anderen gemobbt werden, weil deren Eltern von Sozialhilfe leben. Stefanie Lohaus

Marissa & Summer, „O.C. California“
Als 2003 die Serie „The O.C. California“ erstmals ausgestrahlt wurde, verzauberten die Hauptcharaktere Marissa Cooper, Ryan Atwood, Summer Roberts und Seth Cohen viele Teenager. Doch nicht nur die Liebesbeziehungen zwischen Marissa und Ryan oder Summer und Seth waren von Bedeutung, sondern vor allem auch die Freundinnenschaft zwischen Marissa und Summer. Die zwei sind ein unzertrennliches Team, das gemeinsam durch schwierige Phasen geht und dabei nach und nach erwachsen wird. Egal ob Marissa wegen Ryans Eifersucht verletzt ist oder Summer traurig, weil Seth mal wieder Seth ist – Trost und Zuwendung finden sie bei der besten Freundin. Auch wenn Summer in der ersten Folge aus jugendlicher Naivität Marissa nach einer Party betrunken in der Hofeinfahrt liegen lässt, ist sie später immer für Marissa da und leistet ihr Beistand, als diese von Albträumen über einen Vergewaltigungsversuch von Ryans Bruder geplagt wird. Auch kauft sie Marissa – obwohl sich diese egoistisch verhält – einen Pullover der Universität Berkeley, jener Uni, für die sich Marissa bewirbt, und beweist damit, wie wichtig der Support einer guten Freundin ist. Wie jede Freundinnenschaft ist auch diese nicht perfekt, denn Summer investiert mehr in die Beziehung als Marissa. Während jedoch in vielen Serien, wie bspw. „Gossip Girl“, Freundinnenschaften zwischen Frauen auf Intrigen, Eifersucht, Machtspielen und Rivalität aufbauen, ist das Besondere an Marissa und Summer, dass ihr Verhältnis vor allem von Unterstützung und Ehrlichkeit geprägt ist. Jesse R. Buendia 

Diese Text erschien zuerst in Missy 03/18.

August 01 2018

08:21

Wo finde ich die Eine?

Von Ella Carina Werner

Eine Frau braucht eine gute Küchenmaschine, einen Mann zum Anlehnen, ein gebärfreudiges Becken, ein Quäntchen Selbsthass und eine beste Freundin. So will es die Gesellschaft. In jeder Prosecco-Werbung grinsen Perlwein süffelnde Freundinnen Arm in Arm in die Kamera. Die Freundin, zumal die beste, ist ein Must-have, ein Ausweis des eigenen vitalen Soziallebens. Frauen, die keine beste Freundin haben, werden von Sinnkrisen und noch mehr Selbsthass heimgesucht und müssen traurig sterben.

Doch das ist jetzt vorbei! Denn seit Kurzem gibt es diverse Apps und Onlineportale, die Frauenfreundschaften vermitteln, von „friends-up.de“ über „mysookie.com“ und „beste-freundin-gesucht.de“ bis „Hey! VINA“.

Neugierig betrachte ich die vielen fliederfarbenen Webseiten und melde mich überall an. „Weil’s mit Dir einfach schöner ist“, wird mir verheißen, oder: „Der Shopping-Marathon macht zu zweit mehr Spaß.“ Auf den Fotos je ein Frauenpaar mit riesigen Einkaufstüten. Auch „sun, fun and nothing to do“ wird mir versprochen, überall wimmelt es von den Keywords Spaß und Fun. Etwa beim „gegenseitig die Nägel Lackieren“, ja selbst beim gemeinsamen Work-out, Po an Po: „Der Winterspeck muss weg!“, verordnet „FriendsUp“.

Erst mal eine Freundin finden. Aber wen? Freundin ist ja nicht gleich Freundin. Bei

„MySookie“ kann man unter verschiedenen Typen auswählen: „Wellnessfreundin“, „Shoppingfreundin“ oder die universale „beste“. Nur eine Sauffreundin entdecke ich leider nicht. Ziel ist, eine „liebe Person“ zu finden. Aber eigentlich suche ich eher eine rotzige, auch mal muffelige Freundin, die ordentlich Konter gibt.

Einen halben Tag bin ich nun auf vier Portalen angemeldet. Immer noch kein Match. Niemand schreibt mich an. Kaum jemand wird mir vorgeschlagen. Vielleicht hätte ich in der Selbstauskunft nicht „starke Raucherin“ und als Lieblingsmusik „Dark Metal“ angeben sollen.

Bei „MySookie“ gibt es auf der Startseite einen Liveticker – „Anne W. aus Kiel und Mara S. aus Neumünster sind nun befreundet“ –, der alle paar Minuten aktualisiert wird. Puh, das stresst, das setzt unter Druck, und bei mir: immer noch nichts.

©Jennifer Endom

„Wo finde ich die Eine?“, wird uns Nutzerinnen auf „beste-freundin-gesucht.de“ in den Mund gelegt, und: „Eines Tages kommt die Richtige!“ Warum eigentlich dieser alberne Zwang zur Monogamie, selbst in Sachen Freund*innenschaft? Überhaupt bekommt man auf sämtlichen Seiten den Eindruck, Freund*innen- und Partner*innensuche seien praktisch dasselbe. So gibt es auf „beste-freundin-gesucht.de“ Tipps für das erste Kennenlerntreffen. Die Kernfragen lauten: „Was ziehe ich an?“ und „Wie mache ich meine Haare?“ Dabei ist doch eigentlich das Tolle an Freund*innenschaften, dass man da auch mit fettigen Haaren auftauchen oder nachts hackedicht in deren Klo reiern kann.

„Wahre Freundschaft gibt es nur unter Frauen“, lautet das Motto von „FriendsUp“. Freundschaft unter Männern scheint weniger wichtig. Der Mann ist eben an und für sich vollkommen. Männerfreundschaften, so das mediale Credo, sind flüchtiger. Und irgendwann eh vorbei: „Der Feind tiefer Männerfreundschaft ist die Liebe zur Frau“, heißt es achselzuckend in der „Men’s Health“. Kontaktbörsen für Männerfreundschaften existieren praktisch nicht. Jedenfalls nicht direkt. Die Suche läuft hier über gemeinsame Reiseziele und Hobbys: „Suche ganze Kerle für meine Nepalreise!“

Seit 24 Stunden bin ich jetzt auf Freundinnensuche und hab noch immer keine gefunden. Ich ändere meinen Musikgeschmack, ich tarne mich als Nichtraucherin. Ich werde endlich selbst aktiv und kontaktiere eine Frau, die in meiner Stadt wohnt. „Hab grade letzte Woche schon eine liebe Freundin gefunden, sorry!!“, schreibt sie zurück.

Dann eben nicht. Muss ich den Shopping-Marathon weiterhin alleine bewältigen, muss weiter allein aufs Klo. Ich erwäge, mir einen männlichen besten Freund zu suchen, aber das geht nie gut, das weiß ich aus „Brigitte“ & Co. Wahre Freundschaft gibt es, siehe oben, eben nur unter Frauen.

Dann aber sehe ich ein Licht am Ende des Tunnels: Bei der Google-Suche entdecke ich eine App namens „Ameego“, dort kann man Freund*innen mieten. Gegen Geld. Ehrlich, pragmatisch, ganz ohne fliederfarbene Schriftzüge und Sinnsprüche aus „Der kleine Prinz“. Ganz genau mein Ding. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

July 31 2018

07:56

Weiße Soli, (un-)kritische Soli

Von Tove Tovesson

Seit einiger Zeit geistert der Begriff „kritische Solidarität“ durch Twitter. Gemeint ist wohl, Solidarität an Bedingungen zu knüpfen. Derzeit nehmen sich das offenbar besonders Leute, die nicht von Rassismus betroffen sind, zu Herzen, wenn sie sich Rassismusbetroffene vorknöpfen.

Illustration: Tine Fetz

Es kann ja nicht sein, dass man unschuldig von einer WoC, die in einem rassistischen Shitstorm versinkt, geblockt wird, da muss man schon mal ihren Arbeitgeber kontaktieren oder die eigenen Follower*innen auf sie hetzen. Es kann auch nicht sein, als Alman bezeichnet zu werden, wenn man doch Österreicher*in ist, denn das ist geschichtsvergessen und völkisch zugleich. Wer einer gestandenen (weißen) Antifa-Aktivistin dann noch selbst Rassismus unterstellt, überspannt wirklich den Bogen, denn man kann doch gar nicht rassistisch sein, wenn man Antifa-Aktivistin ist. Vielmehr haben wir es hier mit Identitätspolitik zu tun — aufseiten der Rassismusbetroffenen, die damit Weiße mundtot machen! (Ja, es ist schlimm auf Twitter.) Gut, dass die Solidarität in der weißen Antifa unkritisch ist, also zumindest untereinander. Manchmal hilft eben nur, WoC solidarisch wegzublocken, damit man wieder in Ruhe Antifa-Arbeit machen kann.

Denn man hat ja keine Chance als weiße Person im Gespräch über Rassismus mit Rassismusbetroffenen. — An solchen Aussagen von selbsterklärten Linken zeigt sich, wie tief Rassismus einfach auch bei uns noch sitzt. Wie viele von uns kommen nicht auf die Idee, dass Rassismus vielleicht schlicht kein Diskussionsgegenstand zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen sein muss, sondern man Betroffenen einfach glauben kann, sogar wenn man selbst die kritisierte Person ist. Es geht einfach in diesem Moment viel weniger um eine*n selbst, als man denkt. Aber auch diese Täuschung scheint weitverbreitet, schaut man sich die Vorwürfe gegen Mesut Özil an und wie plötzlich alle Meister*innen der Dialektik sind. Er erlebt zwar Rassismus und das ist schlecht, aber … Oder: Warum schreibt er denn nicht auf Deutsch? Da sieht man mal, wie schlecht er integriert ist!

Im Handumdrehen wird hier aus einer Benennung von Rassismus, die etliche BPoC bestätigen, ohne dazu irgendwie weiß-deutsche Erlaubnis oder Kritik zu brauchen, eine deutsche Integrationsdebatte. Denn die kann man immer gegen BPoC führen und gewinnen. Der einfache Grundsatz, „Wo kein Können, da kein Sollen“, ist beim Thema Integration nämlich außer Kraft gesetzt. BPoC sollen das Unmögliche leisten, wenn die weiße Mehrheitsgesellschaft Integration verlangt, ohne ihren Rassismus aufzuarbeiten. BPoC sollen nicht stören, aber sind doch von Anfang an als Störer*innen im Volkskörper markiert. Selbst in redundanten Diskussionen mit der weißen Antifa stehen sie am Ende als Aggressor*innen da, während Weiße sich gegenseitig Credit dafür geben, doch zu den Guten zu gehören.

Diese Selbstüberschätzung als Maß aller Dinge eint bürgerlich-konservatives Integrationsgejaule und die weiße Antifa. Weder Integration noch weiße Antifa sind Speerspitzen von irgendwas außer sich selbst. Sorry. Es gibt einige Dinge, die Weiße im antirassistischen Kampf übernehmen müssen, weil sie für BPoC qua Rassismus unverhältnismäßig viel gefährlicher oder nicht möglich sind, aber dazu gehört nicht zu bestimmen, was Rassismus ist und was nicht.

July 30 2018

10:37

Wie eine Seelenverwandschaft

Interview: Hengameh Yaghoobifarah

Vom Sandkasten bis ins Senior*innenheim: Wie verändern sich Freund*innenschaften in unterschiedlichen Lebensphasen?
Julia Hahmann: Erste Freund*innenschaften entstehen im Alter von drei bis fünf Jahren. Diese besitzen dann für eine lange Zeit eine sehr hohe Relevanz. Insbesondere wenn es um Ablösungsprozesse innerhalb der Pubertät und die Etablierung von neuen oder alternativen Familienstrukturen geht, falls es in der Herkunftsfamilie nicht so gut läuft. Das zieht sich sehr stark durch die Ausbildungsphase – bis milieuspezifische Unterschiede auftauchen. Vor allem wenn etwa Paare Familien gründen, fallen Freund*innenschaften aus dem Lebenszentrum heraus.

Wie ist das für Personen, die queer sind, keine Familie gründen oder es erst verzögert tun? Für sie bleiben Freund*innenschaften oft auch im jungen bis mittleren und höheren Erwachsenenalter relevant, da sie eine Form von Wahlfamilie darstellen. Sie begleiten stark den Alltag, sie sind für viele Unterstützungsleistungen relevant, bieten emotionale Nähe und überdauern romantische oder sexuelle Beziehungen. Im höheren Erwachsenenalter beobachte ich häufig familialistische Haltungen, etwa Sprüche wie „Blut ist dicker als Wasser“, meistens von heterosexuell verpartnerten Personen. Partner*in und Kinder sind für sie die wichtigsten Ansprechpartner*innen. Gleichzeitig gibt es auch den Trend, dass ältere Menschen in Freund*innenschaften investieren und sich stärker auf sie konzentrieren, weil eben Lohnarbeit und Reproduktionsarbeit wegfallen – oder sich zumindest verändern. Diese neu gewonnene Zeit wird mit Freund*innen verbracht.

Welche Bedeutung hat Klassenzugehörigkeit in Freund*innenschaften?
Klasse ist relevant, weil die Klassenlage den Lebenslauf und Mobilitätsmuster bestimmt. Natürlich gibt es einen starken Zusammenhang zwischen Herkunft, Klasse und Ausbildungswegen. Wenn man nie umzieht, verändern sich Freund*innenschaften viel stärker, weil sie lebenslang, aber dafür homogener sind als bei Menschen, die ihren Lebensort wechseln. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass es aufgrund der Klassenzugehörigkeit Unterschiede in den Inhalten von Freund*innenschaften gibt, also z. B. dass Menschen aus der Arbei-ter*innenklasse ihre Kontakte eher anlassbezogen organisieren und sich beim gemeinsamen Hobby treffen, anstatt sich aufgrund der Beziehung selbst zu verabreden. Das halte ich aber für wenig plausibel und wäre vorsichtig. Es kommt immer darauf an, wie man sich Freund*innenschaften anguckt. Sie

beinhalten fast immer intime Nähe, das Sprechen über persönliche Probleme und gemeinsames Verbringen von Freizeit. Es gibt Abstufungen darin, welche Themen verhandelt werden, aber wenn man die groben Konzepte anguckt, ist das eigentlich überall ähnlich.  

©Jennifer Endom

Durch die sozialen Netzwerke bekommt man von den politischen Haltungen von Schulfreund*innen heutzutage mehr mit als früher, als sich solche Dinge nur im persönlichen Gespräch herauskristallisiert haben. Aber dass Freund*innen aufgrund unterschiedlicher politischer Haltungen auseinanderdriften, ist nicht neu, oder?
Nein. Ältere Umfragen über Parteipräferenzen von Freund*innen zeigen: Wenn Freund*innen einzeln befragt werden, welche Partei sie wählen, sagen sie meistens, dass sie davon ausgehen, dass ihre Freund*innen das Gleiche tun – obwohl die Präferenzen tatsächlich selten übereinstimmen. Parteipräferenzen sind leicht erfassbare Konstruktionen, politische Haltungen lassen sich aber in sehr kleinteilige Fragen aufdröseln: Von Nachhaltigkeit bis hin zu Animal Liberation gibt es bspw. ein weites Spektrum an Differenzierung. Wenn sich etwa jemand plötzlich als rechtsgesinnt herausstellt, werden Freund*innenschaften sicherlich schnell beendet. Gleichzeitig sind Menschen in langen und engen Freund*innenschaften miteinander großzügiger, wenn es um unterschiedliche politische Haltungen geht. Es müssen schon harte Themen sein, die das Individuum stark beschäftigen, bis es wirklich zur Auflösung der Beziehung kommt.   Wenn es Themen sind, die die Identität stark ausmachen, oder es wichtige Prozesse wie eine geschlechtliche Transition sind, müssen Freund*innenschaften oft neu verhandelt werden. Entweder die Freund*innenschaften kommen dann auf ein höheres Niveau oder sie scheitern, indem sie auslaufen oder konkret gebrochen werden.

Apropos Schlussmachen: Es gibt über Break-ups in Liebesbeziehungen ganz viele Songs, Filme und Ratgeber. Bei Freund*innenschaften gibt es solche großen Diskurse nicht. Warum? Das liegt daran, dass im Mainstreamdiskurs Partner*innenschaften exklusiv sind. Da muss man Schluss machen, um neue Bindungen einzugehen. Bei Freund*innenschaften ist es nicht so. Sie können nebeneinander existieren. Insgesamt werden Freund*innenschaften sehr stiefmütterlich behandelt, auch in der soziologischen Forschung. Sie sind auch sehr individuell: Wie viel Kontakt muss man haben, damit man sagen kann, man ist befreundet? Wie lange muss man sich kennen? Es gibt kein Initiationsereignis wie einen ersten Kuss oder einen Zeitpunkt, an dem der Beziehungsstatus thematisiert wird. Das macht es schwerer, sie zu erforschen.

Haben homogene Freund*innenschaften eine größere Chance, lange zu bestehen? Unterschiedliche Positionierungen können Herausforderungen sein. Im Idealfall hält Freund*innen aber so etwas wie eine Seelenverwandtschaft zusammen. Was Freund*innenschaften besonders macht, ist, dass es gewählte Beziehungen sind – im Gegensatz etwa zu Kolleg*innen. Unterschiedliche Verhaltensweisen und Lebensgewohnheiten in Freund*innenschaften sind Herausforderungen und empirisch betrachtet seltener, aber sie müssen nicht deren Lebensdauer verkürzen. In der Soziologie der Liebe bezeichnet man Beziehungen zwischen sehr unterschiedlich positionierten Personen als „Romeo und Julia“-Phänomen. Das Strapazieren von außen kann die Beziehung also sogar noch weiter vertiefen.

Welche Rolle spielen Alltäglichkeit und geografische Nähe in Freund*innenschaften? Durch soziale Medien können Menschen trotz geografischer Distanz miteinander ihren Alltag teilen. Es gibt aber auch Freund*innenschaften, die sehr gut ohne einen geteilten Alltag auskommen. Viele kennen die Beschreibung: Ich sehe die Person nur einmal im Jahr, aber dann ist es so, als wären wir jeden Tag zusammen. Das zeichnet ganz besondere Bindungen aus. Dieses Narrativ wird in jeder Altersgruppe verwendet, um die Qualität von Freund*innenschaft zu beschreiben.


Soziale Medien und ihr Einfluss auf Beziehungen haben einen schlechten Ruf. Tinder hat vermeintlich die Liebe ruiniert, Facebook Freund*innenschaften. Ist es wirklich so schlimm?
Das ist eine sehr kulturpessimistische Haltung. Menschen wissen in der Regel sehr genau, wie nahe ihre Bindungen zu unterschiedlichen Leuten sind, obwohl alle auf Facebook gleichermaßen als „Freund*innen“ bezeichnet werden. Mit sozialen Medien kommen auch immer Formen von Überforderung in die Beziehung, wenn bspw. eine Nachricht nicht sofort beantwortet wird. Ob das wirklich die Qualität von Freund*innenschaften beeinträchtigt, finde ich schwierig festzustellen. Historisch gesehen gab es weitaus drastischere Herausforderungen für Freund*innenschaften: Im Nationalsozialismus z. B. hat eine Freundin die andere verraten. Ist das unsere Referenzgröße? Oder die Zeit, in der Männer und Frauen nicht miteinander befreundet sein sollten? Oder als Männer sagten, sie seien beste Freunde, obwohl sie eigentlich ein homosexuelles Paar waren?

Freundinnenschaften werden oft stereotyp dargestellt. Hat sich das geändert?
Meine Wahrnehmung der Forschungslandschaft ist eher, dass Frauenfreundschaften bzw. Freundinnenschaften als besonders warm, weich, zärtlich und stark unterstützend beschrieben werden. Das hängt auch damit zusammen, welche Eigenschaften wir im Westen weiblich gelesenen Körpern zuschreiben. Wenn zwei Frauen Händchen halten, werden sie nicht automatisch als lesbisches Paar gedeutet. Bei zwei in der Öffentlichkeit kuschelnden Männern wird die Heterosexualität jedoch infrage gestellt. In der Forschung werden eher Männerfreundschaften sehr stereotyp gezeichnet. In Wirklichkeit aber unterscheiden sich Männer- von Frauenfreundschaften nicht so krass.

Wie unterscheiden sich Mädchen- von Frauenfreundschaften?
In der Sozialisation von Mädchen wird früh das Konstrukt der besten Freundin angelegt, eine Person, die man immer unterstützt, mit der man immer abhängt und über die man sagt: Das ist meine beste Freundin. Das liegt daran, dass von Mädchen und Frauen erwartet wird, dass sie „Sozialnudeln“ sind und sich mehr umeinander kümmern. Dieses Narrativ führt sich auch bei Frauen fort. Was sich verändert, ist die alltägliche Stellung von Freundinnen, die aufgrund von Lohnarbeit und Reproduktion viel kürzer kommt als in der Kindheit und Jugend.

Wenn wir von heteronormativen Lebensweisen ausgehen, fällt für Frauen mit zunehmendem Alter mehr Reproduktionsarbeit an. Haben Männer einen Vorteil, ihre Freundschaften aufrechtzuerhalten, weil sie mehr Freizeit haben?
Da gibt es gegenläufige Effekte. In diesem Bild nehmen sich Männer anders Zeit, indem sie etwa zusammen ein Bier trinken gehen. Doch Sorgearbeit beinhaltet auch Beziehungspflege. Dadurch haben Frauen qualitativ und quantitativ bessere Kontakte. Über die Kinderbetreuung können sie auch mit anderen Müttern neue Kontakte knüpfen. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

July 27 2018

13:30

#MeTwo: Das Problem heißt Rassismus

Von Sibel Schick

Mesut Özil hat sich mit einem Monster fotografieren lassen, darüber müssen wir uns nicht streiten. Aufgrund dieses Fotos eine Bekennung zu Deutschland zu fordern liegt dennoch alleine an der Migrationsgeschichte seiner Familie, und somit ist es Rassismus in seiner reinsten Form. Vieles, was Erdoğan verkörpert, bleibt Deutschen nicht erspart: Bei der Bundestagswahl 2017 haben über 20 Millionen Wahlberechtigte rechte und rechtsradikale Parteien gewählt.

Auf Social-Media-Plattformen wie Instagram oder Twitter teilen Betroffene von Rassismus derzeit unter dem Hashtag #MeTwo ihre Erfahrungen.

Die Bundesregierung ist im Kuschelkurs mit Erdoğan und der AKP. Mit dem Flüchtlingsabkommen und dem Waffenhandel trägt sie aktiv zu Menschenrechtsverletzungen bei. Mit der öffentlichen Unterstützung wie Teezeremonien wird das Bild vermittelt, in der Türkei sei alles in Ordnung: Dass die Zivilgesellschaft zerstört ist, beinahe alle Regierungskritiker*innen und Oppositionspolitiker*innen im Knast sitzen und jährlich über 300 Frauenmorde stattfinden, ist für die Bundesregierung gut verträglich. Sie muss sich nicht rechtfertigen.

Wenn es einen Hoffnungsschimmer gibt, dann ist es die Sichtbarkeit, die Menschen mit Rassismuserfahrungen dieser Tage erlangen. Und seit Donnerstag teilen sie diese Erfahrungen in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #MeTwo mit. Ein Blick auf die Tweets zeigt, dass Rassismus in Deutschland nicht nur ein fester Bestandteil des Alltags ist, sondern auch strukturell und institutionell stattfindet. Manchmal ist er offensichtlich, oft aber heimtückisch und subtil.

Was Özils Rücktritt also ausgelöst hat, ist keine „Integrationsdiskussion“, sondern eine Rassismusdiskussion. Deutschland hat kein Integrationsproblem, es hat ein Rassismusproblem. Sowohl der Begriff „Integration“ als auch die deutsche Debatte um ihn herum sind rassistisch. Sie beruhen auf der Annahme, dass bestimmte Menschen so anders seien, dass sie sich anpassen müssten. Im Mai schrieb Lara Fritzsche fürs“SZ-Magazin“: „Es ist ein Paradoxon, dass die Frau mit Kopftuch erst da zum Problem wird, wo ihre Integration gelungen ist.“ Die Frau mit Kopftuch landet also wider Erwarten in der Mitte der Gesellschaft, die Hürden auf ihrem Weg aber werden auf ihre Kultur reduziert, anstatt dass die strukturellen und institutionellen Rassismuserfahrungen entfaltet werden. „Eine gelungene Integration“ beinhaltet, dass gewisse Menschen es eh nicht schaffen würden, es sei denn, sie werden „angepasst“.

Jemanden integrieren – es müsste heißen: Räume öffnen, Hürden zerstören, Chancen geben, Teilhabe ermöglichen. Was ich lernen musste, als ich 2009 nach Deutschland gezogen bin: erstens die Sprache, zweitens den Umgang mit der Tatsache, dass Deutsche nicht spontan sind, drittens, dass sie dich unter der Woche schon um 22 Uhr nach Hause schicken, weil sie am nächsten Tag arbeiten müssen. Mehr nicht. Integration war nicht mein Problem. Mein Problem sind eher die Rassismuserfahrungen, die ich mache, und der Stress, den mir der unsichere Status gibt. Ich muss mir aber trotzdem ständig anhören, wie gut integriert ich sei, und ich finde es sehr, sehr arrogant.

Rassismus in Deutschland ist kein Mythos, er existiert und hat einen hohen Preis für viele Menschen. Wir sollten nicht darüber sprechen, inwiefern die anderen angepasst werden müssen, sondern darüber, dass Menschen bei der Jobsuche ausgeschlossen werden, und wie wir das ändern können. Auch darüber, dass Menschen keine Wohnung bekommen, weil sie keinen „deutsch“ klingenden Namen haben, und eine Lösung dafür finden. Dringend müssen wir anfangen, darüber zu sprechen, dass Menschen auf der Straße angespuckt und körperlich angegriffen werden, und Schutz- und Präventionsmaßnahmen entwickeln. Ob ein Mensch, der andere körperliche und äußere Merkmale hat, wie Hautfarbe oder Kopftuch, automatisch jemand ist, die*der verändert werden muss, und ob sie es verdienen, dass man sich mit ihnen solidarisiert? Darüber müssen wir nicht diskutieren.

10:37

Ware Freundschaft

Von Paula Irmschler

Im ostdeutschen Outback (Dresden) waren wir alle einsam. Wir waren gelangweilt, arrangierten uns mit vermeintlicher Perspektivlosigkeit und improvisierten Treffpunkte auf Spielplätzen oder vor Einkaufszentren. Das war schön und schrecklich gleichermaßen. Im Grunde waren es Zweckgemeinschaften gegen das Nichts: Wenn man ein Bier mittrank, gehörte man dazu. Zu den wirklich Coolen gehörten wir jedoch nicht, denn die gingen am Wochenende in Clubs, ins Blockbuster-Kino („Cinema XXL“) und trugen Markenklamotten. Dafür hatten wir keine Kohle, uns blieb nur das Bier. Dass „Dabeisein“ mit ökonomischen Zuständen zusammenhängt, war also eine ausgemachte Sache, man umgab sich automatisch mit finanziell ähnlich gestellten Leuten und musste so manche Widersprüche aushalten.

Vor der Pubertät reichte sogar noch weniger, um sich miteinander zu arrangieren. Die ersten Freund*innenschaften geht man gemeinhin in der Kindheit ein und da reicht es bereits, dass zwei kleine Menschlein gern Ball spielen, in derselben Straße wohnen oder schweigend nebeneinander nachmittags Cartoons gucken wollen. Ich hätte nicht benennen können, warum ich Steffi lieber mochte als Sören. Bedeutete Steffi mir wirklich etwas? Die Steffis in meinem Leben waren sicher super, wir hatten viel Spaß gemeinsam, aber ich habe sie mittlerweile vergessen, sogar ihre Namen – sie hießen auch gar nicht alle Steffi. Mittlerweile weiß ich, dass auch diese Beziehungen determiniert und nicht befreit von äußeren, kapitalistischen Zwängen waren. Zuerst einmal gingen wir überhaupt nur in den Kindergarten und in die Schule, damit aus uns mal etwas wird, wir konsumierten Serien, in denen wir lernten, wie es irgendwann mal für uns laufen würde, lernten Besitzdenken schon im Sandkasten und Eifersucht bei „Sailor Moon“. Ob man sich leisten konnte, am Diddlmaus-Merch-Tausch teilzunehmen, war ein durchaus wichtiges Kriterium und auch, ob das Zuhause, das man hatte, besuchenswert war. Wenn man stattdessen in einem „sozialen Brennpunkt“ wohnte, war man eben raus. Von unserem knappen Taschengeld kauften wir uns Freundschaftsarmbänder, weil man die haben musste, damit die Freundinnenschaft etwas galt. Und als „Steffi“ auf ein Gymnasium ging, damit aus ihr noch mehr wurde, und ich nur auf die Realschule, da war die Freundinnenschaft auch schon wieder vorbei.

Es gibt diese Erzählung von lebenslangen Freund*innenschaften, die trotz aller Widerstände Bestand haben, Krisen meistern und sogar Differenzen aushalten. Selten finden sich jedoch Freund*innenschaften, die über soziale Milieus hinweg zustande kommen. Als erwachsener Mensch geht es darum, sich das Essengehen oder Urlaube leisten zu können oder schlichtweg Zeit aufzubringen, wenn man Vollzeit arbeitet und

Kinder oder Krankheiten hat, die einen in der Mobilität einschränken. Das Freundschaftsbändchen für Erwachsene heißt: Girls Night mit Sektchen, Junggesell*innen­abschiedsreisen, Männergrillfußballwochen oder eine Bahncard, um all die Verstreuten überhaupt mal zu Gesicht zu bekommen.

Mit der Herrschaft des Internets in der Kommunikation wird nun nicht nur die Möglichkeit zur Außendarstellung unserer Beziehungen instrumentalisiert, sondern direkt die Basis übernommen. Wir können auf Instagram, Facebook & Co nicht nur zeigen, mit wem wir rumhängen, sondern die Menschen gleich dort kennenlernen. Zu Sandkasten, Schule, Uni und Arbeitsplatz kommen heute die Social-Media-Plattformen hinzu, Freund*innenkreise werden zu Netzwerken, die Anzahl der Follower zeigt den Grad der Beliebtheit. Die Gemeinsamkeiten können sich über „special interests“ generieren und sind nicht zwingend an äußere Bedingungen geknüpft. Statt zu klingeln, kann man die Nachbarschaftsapp anschmeißen, um nach Zucker oder Mitstreiter*innen für einen Tanzkurs zu suchen, statt an der Theke zu sitzen und dort zu heulen, bis man ein offenes Ohr findet, begibt man sich in Facebook-Gruppen und weint sich dort aus. Wer existenzielle Probleme hat, inseriert bei „gofundme.com“, ­Genossenschaften sind Shared Economies und das größte Plenum der Welt heißt Twitter. Als Teil der Generation, die in der Kindheit noch nichts und heute alles über das Internet weiß, würde ich sagen: Vom Schulhof bis zu den sozialen Netzwerken hat sich vor allem geändert, dass man sich selbst besser findet und auch von anderen besser gefunden wird (im doppelten Wortsinn). Und das ist erst mal eine gute Sache: Denn nun kann potenziell jeder cool sein, egal wie viel Knete man hat, wo man wohnt und wie man aussieht.

In der Schule fing es an: Es gab für die Informatikstunde eine Handvoll Computer mit Internetanschluss, an die man nach Unterrichtsschluss mal kurz ran durfte. Schnell wurde mir klar, was ich im echten Leben vermisste: Da waren sie plötzlich, all die Menschen jenseits von konstruierten Verbänden wie Schulklassen, Nachbar*innenschaften oder kruden Gemeinschaften wie Christenlehre oder Tischtennisverein. Da waren Menschen, die musikbegeistert oder kunstaffin waren, Menschen, die, wie man selbst, zu dick, zu dünn, zu nerdig, zu wenig hetero, zu „zu“ waren. Menschen, die sich auch düstere Gedanken machten, Menschen, die sich für das Gleiche interessierten oder das gleiche Nischenproblem hatten wie man selbst, echte Seelenverwandte eben. Arschlöcher waren natürlich auch da, wie im richtigen Leben. In den damaligen Chatrooms und Foren wurden außer des originellen „Nickname89“ keine verwertbaren Daten von uns gesammelt. In den 2000er-Jahren blieben diese Internetbekanntschaften meist im Internet. Heute sind die meisten Facebook-„Freund*innen“ dieselben, die man auch im „real life“ hat, denn über ein paar Ecken kennt man sich immer. Sehr deutlich wird das bei Facebook durch die „Gemeinsame Freunde“-Liste.

Kritiker*innen merken an, dass Social-Media-Beziehungen beliebiger, unstetiger, quantitativer Natur seien. Klar: Man kann blocken, man kann ghosten, man kann schnell jemand anderen finden oder in andere Bubbles flüchten. Gleichzeitig wird man sich doch nicht so einfach los, weil Ausschluss im Internet eben nicht funktioniert wie im „echten Leben“ – man bleibt nämlich immer da, kann sich schwer unsichtbar machen, es sei denn, man entsagt der Onlinewelt komplett – aber dann wird es auch in anderen Lebensbereichen kompliziert, weil sich mittlerweile auch Berufliches oder Familiäres oft über das Netz organisiert. Freund*innenschaften haben sich heute – wie alle Lebensbereiche – an die globalisierte Welt angepasst. Man hat mit den Leuten nicht zwingend mehr Kontakt, wenn sie in der Nähe wohnen, man findet die Besten nicht unbedingt in der Nachbar*innenschaft – und man muss sich nicht mal gesehen haben, um einander nahe zu sein. Auf Facebook, Twitter, Instagram oder meinetwegen Jodel und Snapchat finden und befreunden wir die Menschen, die uns ähnlich sind, das macht uns wählerischer.

Gleichzeitig wird die Auswahl immer größer. Es gibt themenspezifische Gruppen, Hashtags, direkte Vernetzungen, wir können uns alle über den digitalen Weg laufen. Spätestens seit dem zehnten Facebook-Skandal weiß nun auch der Letzte, dass unsere Daten verkauft und verwertet werden. Doch unbeirrt nutzen wir Facebook weiter und damit uns gegenseitig für politische Agenden, für die Verbreitung unserer Kunst, um beruflich weiterzukommen, um uns darzustellen oder um Bestätigung zu erlangen. Wir wollen vorankommen, egal worin, dabei sind wir garantiert nicht entkoppelt vom Kapitalismus und unsere Beziehungen sind es erst recht nicht. Wir sind entweder Konkurrent*innen oder wir versuchen, es bewusst nicht zu sein, und schließen uns zusammen, um Freiräume zu schaffen, um Pausen zu generieren, um Druck abzulassen. Doch all das steht immer im Verhältnis zu den verdammten Verhältnissen.

Selbstverständlich wollen wir dennoch an etwas glauben, das über das Rationale hinausgeht. Wir wollen glauben, dass es so etwas wie Magie gibt zwischen Menschen, selbstlose Liebe ohne Nutzen, echte Verbindungen und wahre Gefühle. Wo früher die Ideologie der Kernfamilie das herrschende Bild von Gemeinschaft war, sind es jetzt die Freund*innenkreise, die aber immer noch als „familiär“, „Familienersatz“ und Ähnliches bezeichnet werden. Waren die beliebtesten Sitcoms in den 1990ern noch vorwiegend Familienserien, handeln sie mittlerweile davon: Eine Handvoll Freund*innen tut sich zusammen, lebt zusammen, geht zusammen durch persönliche Krisen. Die Krisen sind oft ökonomischer oder romantischer Natur, ab und an träumt jemand davon, allein zu leben, aber das geht finanziell nicht, also ergibt man sich dem Schicksal, macht ein paar Witze über die Unzulänglichkeiten der Mitbewohner*innen und das Publikum lacht. Man will einfach klarkommen in dieser Welt und das ist allein undenkbar. Und tatsächlich leben auch jenseits des Bildschirms immer mehr Leute noch in ihren Dreißigern oder länger in WGs. Vor dem Kapitalismus hieß das Konzept der nützlichen Freundschaft noch „Brüderlichkeit“ und diente Männern dazu, ihre Macht zu erhalten, ihre Familien durchzubringen und politisch agieren zu können. Frauen waren ans Haus gebunden und erst mit dem Eintritt in die Berufswelt, einer Notwendigkeit im Kapitalismus, erlangten sie die Art von Unabhängigkeit, die ihnen weitgehende soziale Kontakte außerhalb der Familie ermöglichte.

Wenn man also Freund*innenschaft als eine Zusammenkunft von Menschen erkennt, die nicht aus den Verhältnissen ausgeklammert werden kann, sondern vielmehr aus ihnen entsteht, ob aus Einsamkeit, Langeweile oder zum Durchhalten und zur gegenseitigen Unterstützung in einer zunehmend kapitalistischen Welt, ist das zwar sehr unromantisch. Ja, man will uns überall an den Kragen (wir uns gegenseitig allerdings auch) – aber das kann Solidarität befördern, die wiederum nicht selten in Freund*innenschaft mündet. Wenn wir Glück haben und uns Mühe geben, führt die weltweite Vernetzung nämlich dazu, dass wirklich alle Menschen zu Freund*innen werden (statt zu Brüdern) und man die äußeren Zwänge gemeinsam überwinden mag. Dann ist echte, ja nutzlose, Freund*innenschaft an der Tagesordnung und nicht nur in seltenen Momenten zu finden. Eine sehr optimistische Vorstellung, ich weiß. Vielleicht klappt es auch nie, aber dann bleibt zumindest die Gewissheit: „I get by with a little help from my friends“, und ich grüße hiermit: Steffi. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

08:59

Ant-Man and The Wasp: Anflug der Superinsekten

Von Sophie Charlotte Rieger

Dank seines Ant-Man-Anzugs besitzt der einstige Trickbetrüger Scott (Paul Rudd) die geniale Fähigkeit, gigantisch groß zu wachsen oder winzig klein zu schrumpfen. Doch gerade steht er wegen seines gesetzeswidrigen Auftritts in „Captain America: Civil War“ unter Hausarrest – weswegen Dr. Hank Pym (Michael Douglas) gemeinsam mit Tochter Hope (Evangeline Lilly) nach einer Möglichkeit sucht, seine verschollene Ehefrau Janet (Michelle Pfeiffer) aus dem sogenannten Quantenraum zu befreien.

©Marvel Studios 2018

Obwohl sich Hope inzwischen mithilfe ihres Vaters in die Superheldin Wasp verwandelt hat, sind die beiden bei diesem Unterfangen schließlich doch wieder auf ihren ehemaligen Mitstreiter Scott angewiesen. Und dann stellt sich ihnen auch noch eine im wahrsten Sinne des Wortes schwer zu fassende Bösewichtin – Hannah John-Kamen als Ghost – in den Weg.

Der zweite Film aus dem Ant-Man-Universum hat sichtbar an seiner Frauenquote geschraubt: Hope alias Wasp lässt in spektakulären Actionszenen feministische Herzen höherschlagen, und mit Ghost steht ihr nun sogar eine Kontrahentin gegenüber. Hopes Mutter als potenzielle zweite Superheldin kann mit ihrer knapp bemessenen Screen-Time allerdings nur als „damsel in distress“, als Unschuld in Nöten, fungieren.

© Marvel Studios 2018

Es bleibt also Luft nach oben, zumal insbesondere Hope trotz ihrer wissenschaftlichen Kompetenzen bedauerlich wenig Einfluss auf den Handlungsverlauf nehmen kann. Bösewichtin Ghost verliert indes im Finale deutlich an Kraft, wenn sie sich erschöpft in die Arme eines starken Mannes fallen lässt.

Ant-Man And The Wasp (US 2018)
Regie: Peyton Reed. Mit Paul Rudd, Evangeline Lilly, Michael Douglas, Michelle Pfeiffer, Michael Peña, Randall Park, Laurence Fishburne, Judy Greer, Tip „T.I.“ Harris, Hannah John-Kamen u. a.. 118 Min., Start: 26.07.

Trotzdem ist „Ant-Man And The Wasp“ im Vergleich zum ersten Film der Reihe ein großer Schritt nach vorne und ein gelungenes Popkornkino-Vergnügen obendrein. Tröstlich sind auch die in den Dialogen versteckten Metakommentare, die darauf hindeuten, dass sich die Macher*innen der bisherigen Vernachlässigung der Heldin durchaus bewusst sind. Das macht Hoffnung: Vielleicht darf Wasp ja beim nächsten Mal dann auch ganz vorne mitspielen!

Zum Blockbuster-Check von Sophie Charlotte Rieger zu „Ant-Man And The Wasp“ geht hier lang.

July 26 2018

10:38

Juwelen für die Armee

Von Fatma Aydemir
Interview: Jesse R. Buendia

Die beliebtesten arabischen Liebeslieder des zwanzigsten Jahrhunderts stammen aus dem Repertoire einer Künstlerin, die offiziell niemals verliebt gewesen ist. Einer Sängerin, die mit ihren breiten Schultern und schiefen Zähnen allen Schönheitsidealen ihrer Zeit widersprach und in die dennoch Millionen von Menschen verknallt waren. Es sind zahlreiche Mythen, die Leben und Werk von Oum Kulthum umranken. Die ägyptische Diva mit der imposanten Hochsteckfrisur und dem tiefen Timbre diente zeit ihres Lebens als Projektionsfläche für die Erhabenheit moderner arabischer Kultur und tut dies noch heute – über vierzig Jahre nach ihrem Tod.

„Oum Kulthum ist eher eine Vorstellung als eine reale Person und sie wollte auch eine Vorstellung bleiben. Manchmal denke ich, sie hat sehr bewusst kalkuliert, wie wir sie nach ihrem Tod in Erinnerung behalten sollen“, sagt Shirin Neshat. Die iranische Künstlerin hat mit „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ einen Spielfilm über die Ikone gedreht. Oder viel eher: einen Spielfilm über Kulthums Bedeutung für Künstler*innen aus dem Nahen Osten. Im Mittelpunkt steht die iranische Regisseurin Mitra (gespielt von Neda Rahmanian), die während der Arbeit an einem Biopic über Oum Kulthum mit immer neuen Hürden konfrontiert wird. Männliche Kollegen am Set zweifeln an Mitras Können, werfen ihr vor, Kulthum falsch darzustellen und ihr ohne Arabischkenntnisse nicht gerecht werden zu können.

„Auch ich spreche kein Arabisch und werde Oum Kulthum nie auf dieselbe Art verstehen können wie arabischsprachige Hörer*innen“, erzählt Neshat im Gespräch mit Missy. „Trotzdem glaube ich, dass Musik eine viel tiefgreifendere Erfahrung ist als das reine

Verständnis von Lyrics. Unsere Musiktraditionen im Iran sind ja verwandt mit den arabischen. Ich fühle den Schmerz und die Sehnsucht in Kulthums Liedern. Denn ich verstehe die Tradition, aus der sie kommen.“

Düster bis kühl sind die Stimmungen, die „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ zum Großteil dominieren. Glamouröse Drehorte und schillernde Bühnenkostüme vergegenwärtigen die „Goldene Ära“ Ägyptens, wie die Periode der 1950er- und 1960er Jahre aufgrund der lebhaften Kulturlandschaft genannt wurde. Prägend war zu dieser Zeit vor allem Oum Kulthum, die es mit ihren monatlichen Radiokonzerten schaffte, dass sich die Straßen Kairos leerten, weil alle sich um ihre Radios versammelt hatten. Und nicht nur in ihrer Heimat wurde die Volksheldin, deren einzelne Lieder mal gut eine Stunde dauern konnten, wie eine Heilige gefeiert. Jeder Auslandsbesuch wurde zum medialen Großevent. So schreibt die libanesische Presse über Kulthums Auftritt beim Musikfestival Baalbeck 1966: „Hunderte Besucher aus verschiedenen arabischen Ländern durften an diesem Abend das Paradies betreten. Oum Kulthum ist ein Wunder Gottes.“

Foto: Najia Skalli als Oum Kulthum. Razorfilm.

Diese Ausnahmestellung als wichtigste Stimme ihrer Zeit mache Oum Kulthum noch heute zum Vorbild vieler Frauen im Nahen Osten, so Neshat: „Sie hat so viele Dinge erreicht, die uns immer noch unmöglich scheinen. Ihr Erfolg ist ein Traum. Für Frauen ist es sehr schwer, Karriere mit Privatleben zu vereinbaren, etwa als Mutter.“ Oum Kulthum selbst hat nie Kinder bekommen. Geheiratet hat sie erst, als sie über fünfzig war, für die damalige Zeit mehr als ungewöhnlich. Es soll sich um eine Vernunftehe gehandelt haben, mit ihrem Hausarzt. Kulthum litt in ihrer fast sechzigjährigen Bühnenkarriere immer wieder an gesundheitlichen Problemen.

Manche Fans glauben heute, dass Oum Kulthum lesbisch war. Auch Shirin Neshat: „Bei meinen Recherchen habe ich herausgefunden, dass sie zwar bei der Arbeit nur von Männern umgeben war, im Privaten aber blieb sie stets unter Frauen. Vieles deutet darauf hin, dass sie Frauen liebte. Aber Ägypter werden ziemlich sauer, wenn ich danach frage. Sie sagen, sie interessieren sich nicht für ihr Privatleben.“

Dennoch spielt Kulthums Herkunft aus einfachen Verhältnissen eine große Rolle in der kollektiven Wahrnehmung. Als Kind bot sie gemeinsam mit ihrem Vater Koranrezitationen auf Veranstaltungen dar. In der Pubertät begann sie, sich als Junge zu verkleiden, da öffentliche Auftritte von Frauen in der Provinz verpönt waren. Später feierte sie das Volk dafür, dass sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere all ihre Juwelen und Konzertgagen an die ägyptische Armee spendete, die nach der Niederlage beim Sechstagekrieg gegen Israel wiederaufgebaut werden musste. So ist und bleibt Oum Kulthum auch eine nationalistische Figur, eine Botschafterin der panarabischen Ideologie des Präsidenten Gamal Abdel Nasser, der regelmäßig neue Kompositionen bei ihr in Auftrag gab.

„Es ist bekannt, dass Kulthum zuvor loyal zu König Faruq I.  gewesen war. Als er 1952 gestürzt wurde, verfiel sie in eine Depression“, sagt Shirin Neshat. Dass Kulthum sich aber mit den Nationalisten bloß gut stellte, um weiterhin auftreten zu können, glaubt Neshat nicht: „Sie hat sich persönlich mehr und mehr von den westlichen Positionen und dem Elitismus der Monarchie entfernt. Oum Kulthum sah sich als Repräsentantin des Volkes und stellte sich gemeinsam mit dem Volk gegen den Einfluss der britischen Kolonialmacht.“

So gibt es auch zahlreiche antisemitische Parolen, die Oum Kulthum während der Krise zwischen Israel und Ägypten von sich gab. „Ich glaube, das hat viel mit der Stimmung ihrer Zeit zu tun“, so Neshat. „Trotzdem ging sie nach Israel, um Konzerte zu geben. Trotzdem wuchsen auch Israelis mit ihrer Musik auf. Aber wenn ich nun öffentlich davon spreche, wie beliebt sie in Israel ist, werde ich vom Publikum attackiert. Auch das ist ein Teil der Wahrheit.“

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

July 24 2018

22:00

Feindbild Rap-Dude

Interview: Dalia Ahmed

Die Akademie der bildenden Künste in Wien machen sie schon seit Längerem unsicher. Im Umfeld der satirischen „Burschenschaft Hysteria“ gehören sie neben der Autorin Stefanie Sargnagel zu jenen feministischen Künstlerinnen, die sich derzeit verstärkt gegen Antifeminist*innen und Rechte organisieren. Doch auch die Aufmerksamkeit der Feuilletons haben Klitclique mittlerweile auf sich gelenkt. Mit ihrem Hit „Der Feminist F€m1n1$t“ schrieben sie eine Cloudrap-Hymne wider den neoliberalen „Feminismus“, mit dessen hohlen Slogans sich besonders Männer gerne herrklären und profilieren. Klitcliques arty Background wird im dazugehörigen ­Videoclip deutlich, wenn sie vor der Kulisse eines aus Pappmaschee gebauten, unaufgeräumten Schlafzimmers posen – eine Referenz an die feministische Künstlerin Tracey Emin. Missy traf G-udit und $chwanger zum Gespräch in Wien.

Euer erstes Album heißt „Schlecht im Bett, gut im Rap“. Was hat es mit dem Titel auf sich?
$chwanger: Der Spruch ist perfekt, wenn man angemacht wird. Er ist eine Verweigerung: „Hey, ich bin schlecht im Bett. Du willst mich gar nicht!“ Die Typen sind dann einfach nur perplex und lassen dich in Ruhe. G-udit: Es gibt nur zwei Extreme. Entweder du bist eine Bitch oder du bist schlecht im Bett, warum auch immer.

Was ist die Entstehungsgeschichte des Albums?
$chwanger: Wir haben sehr lange nur gefreestyled und Live-Auftritte gemacht, bis wir uns irgendwann ins Studio gesetzt haben. In Wien haben wir einen Produzenten gefunden, mit dem das auch sehr gut funktioniert hat, Mirza Kebo. Bei den Sessions sind viele Tracks aus dem Freestylen entstanden. Wir haben uns Zeit gelassen und haben die Tracks über ein Jahr lang stückweise produziert.

Was geht in euren Köpfen vor beim Texten?
G-udit: Es gibt Künstler wie MC Supernatural, die das Wörterbuch durchrappen können. Ich glaube aber, anfangen tut es immer mit: „Ich bin cool und ihr nicht!“ In unserem Fall heißt das eben: „Wir sind cool und ihr nicht!“ Wir hatten nie das Ziel, besonders poetisch oder

literarisch wertvoll zu sein. Aber im Vergleich waren wir das trotzdem – die Alternative sind ja nur irgendwelche Dudes, die über ihre Schwänze reden.

©Foto: Elsa Okazaki, Styling: Amaaena,
Make-up: Naomi Gugler, diamond encrusted vag chainz: G-udit

Wer ist denn konkret das „Wir“ und das „Ihr“?
$chwanger: „Wir“ sind als ­Klitclique Gx-udit und $chwanger. Aber das „Wir“ sind auch all die Leute, mit denen wir zusammengearbeitet haben und die mit uns auf der Bühne gestanden sind, bspw. die Bliss-Squad, Jessica Hauser, Anna Spanlang oder Amaaena.
G-udit: Und dann ist da noch das „Wir“ im größeren Sinn. Im deutschsprachigen Rap waren es „wir“ auf Freestyle-Battles oder „wir“, (flüstert:) die Graffitis sprayen, und „wir“, die Dudes und ihre sexistischen Strategien durchkreuzen. Das „Wir“ sind alle Rapperinnen, aber gleichzeitig auch nicht, weil leider viele Rapperinnen auf den Zug aufspringen und andere Frauen schlechtmachen. Das ist auf keinen Fall unser Ziel. Natürlich feiern wir uns selber ab, aber es geht uns auch immer darum, Kollaborationen und ebenbürtige Gegnerinnen zu finden.

Wenn wir zum Ursprung von HipHop schauen: Das ist eine afroamerikanische, Schwarze Kunst. In euren Auftritten, Outfits und Texten kokettiert ihr mit bzw. subvertiert ihr viele problematische Aspekte im HipHop, etwa den Machismo oder die Glorifizierung des Kapitalismus. Wie reagiert ihr auf den Vorwurf, dass ihr Aneignung betreibt, sowie auf die Kritik, dass ihr euch über andere, gesellschaftlich schlechter gestellte Menschen lustig macht?
G-udit: Aneignung oder Appropriation ist auf jeden Fall ein wichtiger Diskurs, der endlich auch Europa erreicht hat. $chwanger: Diese Frage wird ja auch immer wichtig, sobald etwas öffentlich wird und wenn Geld ins Spiel kommt. Da geht es etwa um die Frage, wer welche Position innehat, um öffentlich aufzutreten und daraus Kapital schlagen zu können. Ich würde sagen, wir versuchen, mit alldem humorvoll umzugehen, ohne jemanden niedermachen zu wollen. Aber das ist auf jeden Fall etwas, über das man immer wieder mit Leuten diskutieren sollte. Wir als Klitclique sind auch aus einer Art Außenseiterinnensituation gestartet – als zwei Frauen ohne einen „typisch“ österreichischen Hintergrund. Mittlerweile ist das alles internetmäßig extrem global geworden und ich finde es schade, wenn man sich abtrennt und bestimmte Sachen aus Angst nicht mehr macht. Wir haben bei Texten auch schon oft überlegt: „Wollen wir das wirklich bringen?“ Auch inhaltlich überlegen wir, welche ­Themen wir behandeln können und welche nicht. Da denken wir schon mit.

Wobei es mir nicht um die Frage geht, ob man als weiße Person HipHop machen darf oder nicht. Sondern: Wie macht man es so, dass man nicht Dinge verarscht, die ihre Legitimation haben? Das Bling-Bling im HipHop etwa als Statussymbol, als Insignien der Macht.
G-udit: Es gab mal die Geschichte, als Dolce & Gabbana Probleme bekamen, weil sie eine Modekollektion mit einer rassistischen Abbildung einer Schwarzen Person he­rausgebracht und darauf bestanden haben, dass das alte italienische Kultur sei. Das hat einen Riesenwirbel ausgelöst. In Wien sieht man auch immer wieder in Secondhandläden Stücke mit Kolonialgeschichte. Wenn das Schmuck ist, denke ich mir: An der richtigen Person ist das ja nur gut. Also wenn das eine elegante, Schwarze Frau trägt, ist das großartig, aber wenn ein weißes Model in New York so etwas auf dem Laufsteg trägt, geht das natürlich nicht. Es ist einfach wieder die Frage, wer spricht. Aber keine Ahnung, wie ich deine Frage jetzt beantworten soll. Sharing und talking, I guess. $chwanger: Und mit Humor, ohne beleidigend zu sein. Oder in die falsche Richtung zu treten. G-udit: Gemeinsame Feinde ausmachen, anstatt sich gegenseitig fertigzumachen.  

Für mich ist der Gedanke „Machen wir uns zusammen über Sachen lustig, anstatt uns gegenseitig zu prügeln“ und die Suche nach Gemeinsamkeiten an sich eine gute Sache – nur leider hört man das auch sehr oft von anderer Seite. Also z. B. Männer, die bei Diskussionen gerne kontern: Lasst uns nicht fighten, weil sonst gewinnen die Reaktionären. Ist eine solche Aussage dann nicht eine bloße Ausrede?
$chwanger: Ich weiß nicht, ob es eine Ausrede ist. Es kommt im Endeffekt schon so rüber wie das, was du vorhin meintest, also die Frage, ob du als weiße Person rappen darfst.

Ich finde, man „darf“ es auf jeden Fall machen. Es geht aber darum, wo und wie man die Schmähs (Wienerisch: Witze) macht. Und an genau dieser Stelle frage ich mich: Was ist euer Zugang, um es auf eine faire Weise zu machen?
$chwanger: Unser Feindbild sind schon lange die deutschsprachigen Rap-Dudes. Was uns da sehr stark motiviert hat, ist die im Deutschrap populär gewordene ­sexistische Ausrichtung. Ich wollte das nicht einfach so stehen lassen auf der ­Bühne.

Euch geht es also eher um eine Kritik am „Alman“-HipHop-Game als um eine am HipHop-Game insgesamt?
$chwanger: Bei unseren Freestyles bei Battles schon. Das war für mich der Haupteinfluss als Teenager.

In eurem Song „D1g irgendwa$“ rappt ihr: „Dein Galerist kauft dir Kokain, damit du schneller stirbst. Deine Mutter ist unser Booker.“ Ich finde dieses Ausspielen einer weiblichen Macht sehr spannend. Ihr sagt damit quasi, jetzt läuft es scheiße, aber am Ende des Tages werden wir gewinnen.
$chwanger: Uns ging es bei dem Song um die Idee, ein Netzwerk aufzubauen, um sich gegenseitig zu unterstützen und mit Frauen zu arbeiten, wo immer es geht. Weil sie auch oft einfach kompetenter sind. Der Song thematisiert auch Männerbünde und dass Künstler tot oft mehr wert sind am Markt. G-udit: Die erwähnte Zeile ist auch entstanden, weil wir nie in unseren Träumen geglaubt hätten, dass wir je eine Bookerin haben werden.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

09:30

Was ist mit denen da?*

Von Sibel Schick

Ich hab Lust auf ein gesellschaftliches Engagement und bin auf der Suche nach etwas Sinnvollem. Ich denke, ich könnte was mit Flüchtlingen machen. Letztens hab ich diese Tweets gelesen über so ein Welcome Dinner. Vielleicht finde ich auch einen Ahmed oder einen Mohammed und verändere sein Leben. Wie gut sich das anfühlen muss. Und wie süß das sein muss, wenn mein Flüchtling sein westliches Essen – so was wie Spaghetti – nicht essen kann und eine Sauerei macht. Wie ein Kind. Kinder … Kinderarmut … da war doch was … Ach ja! Was ist denn jetzt mit den armen Kindern in Deutschland? Soll ich nicht lieber vor meiner eigenen Haustür kehren, bevor ich den Zugezogenen helfe? Oder Obdachlosen!? Was ist mit denen? Die Politik macht eh nix! Nee, nee. Zuerst muss es uns gut gehen. Dann erst kommen die anderen dran.

Unter der schwarz-rot-goldenen Decke liegen und von Krieg träumen? Keine romantische Vorstellung für jede*n. © Tine Fetz

Wo wir bei den Kindern sind, überlege ich mir, vielleicht was mit Waisen oder kranken Kindern zu machen. Ich könnte so eine Clownsausbildung machen und an Wochenenden Kindern Freude schenken. Wenn ich sie zum Lachen bringe, dann macht mich das bestimmt auch glücklich. Das ist für beide Seiten von Nutzen. Bei Kindern muss ich auch an die kleinen Arbeitermädchen in Usbekistan denken. Den ganzen Tag pflücken sie Baumwolle unter glühender Sonne, anstatt zur Schule zu gehen. Aus dieser Baumwolle werden T-Shirts gemacht, auf die ist kein Verzicht. Und wenn wir ehrlich sind, ist es peinlich, sich für die Kinder in Deutschland einzusetzen, während die es drüben so schwer haben. Das kann ich meinem Gewissen gegenüber nicht verantworten. Na toll. Noch ein Plan zunichtegemacht …

Frauenrechte! Ich kann mich doch voll gut für die Frauen einsetzen! Ich habe gehört, die werden noch immer schlechter bezahlt als Männer. Und sie werden ja noch geschlagen und so. Ich denke, Deutschland braucht auch starke Frauen, wenn es sich ein fortschrittliches Land nennen will. Aber weißt du was: Eigentlich haben sie es hier schon total gut. Ich meine, ganz ehrlich, hier machen die so einen Aufschrei wegen Gendersternchen und gleicher Bezahlung, aber Frauen in Iran werden verhaftet, weil sie tanzen, und in Saudi-Arabien dürfen sie erst seit Kurzem Auto fahren. Was ist mit denen da drüben? Das wäre doch heuchlerisch, in Deutschland wegen Gewalt an Frauen Theater zu machen, während es Gewalt an Frauen auch sonst wo gibt. Ärgerlich! Auch das müssen sie mir wegnehmen.

Irgendwo hat es irgendwer immer schwerer als hier. In Afrika verhungern Kinder, in Tschetschenien werden Schwule verfolgt, in Amerika werden Schwarze erschossen, in der Türkei sitzen Regierungsgegner im Knast. Die Welt kann ich eh nicht alleine retten, es wird mir zu viel. Ich glaube, ich mache einfach gar nichts, bleib hier sitzen und beklage mich über meine Alltagsprobleme.*

 

* In diesem Beitrag achtet die Autorin aus stilistischen Gründen nicht auf eine antirassistische und gendergerechte Sprache, um stärker auf die unsensible Art derer hinzuweisen, die mit Beispielen aus anderen Ländern gegen antirassistischen und feministischen Aktivismus in Deutschland argumentieren, ohne inhaltlich auf die Themen einzugehen, siehe „Whataboutism“.

July 23 2018

10:37

What is love?

Interview: Judith Werner

Es gibt Momente, die können ein ganzes Leben verändern. So auch, als ein Teenager namens Liv aus dem schwedischen Lund ihre Schwester in Stockholm besuchte. Die beiden jungen Frauen gingen zu einer Lesung und Liv hörte zum ersten Mal von Feminismus und patriarchalen Strukturen. Heute ist Liv Strömquist vierzig Jahre alt und eine der bekanntesten feministischen Comiczeichnerinnen in Skandinavien. Im Skype-Gespräch erzählt sie von der Entstehungsgeschichte ihres neuesten Comics „Der Ursprung der Liebe“.

Dein Comic „Prins Charles Känsla“, der in Schweden bereits 2010 publiziert wurde, erscheint nun unter dem Titel „Der Ursprung der Liebe“ auf Deutsch. Ist die Liebe – wie früher im Märchen – nur etwas für Prinzessinnen?
Ich habe mein Buch „Das Gefühl von Prinz Charles“ genannt, weil es sich auf ein Interview bezieht, das der britische Thronfolger einst bei seiner Verlobung mit Lady Diana gab. Er wurde gefragt, ob er Diana liebe, und er antwortete nach kurzem Zögern: „Yes – whatever love means.“ Eine bezeichnende und möglicherweise unfreiwillig ehrliche Aussage, wenn wir bedenken, wie die Geschichte der beiden verlief. Doch mir geht es gar nicht um diese royale Ehe, sondern um sein Zögern und die Fragen, die Charles damit aufgeworfen hat und die sich auch viele von uns stellen: Was bedeutet das eigentlich – Liebe? Habe ich dieses Gefühl oder doch nicht? Ich mag übrigens den deutschen Titel. Er bezieht sich auf die Herkunft dieses großen Gefühls: Ich frage nach den soziologischen Umständen, die unser Verständnis von Liebe heute prägen.  

Wie auch in „Der Ursprung der Welt“, das die Kulturgeschichte der Vulva behandelt, arbeitest du mit wissenschaftlichen Studien aus der Medizin, Soziologie, Literatur und Philosophie. Bei vielen Bildern kann man am Rand Fußnoten mit Quellenangaben entdecken. Wie kamst du auf die Idee, solche Inhalte in Comicform zu verarbeiten?
Ich habe schon während meiner Studienzeit angefangen zu zeichnen. Irgendwann habe ich mich gefragt, warum ich die Arbeitsweise, die ich in meinem Studium verwendete, nicht auch für meine Kunst einsetzen sollte. Wenn man wissenschaftlich arbeitet, liest man viel, stellt Thesen auf und versucht, Fragen zu beantworten. Das kann manchmal recht trocken sein. Bei meinen Recherchen bin ich aber auch immer wieder auf Theorien und Studienergebnisse gestoßen, bei denen mir der Mund vor Erstaunen offen stand. Genau die sind es, die ich mit meinen Comics anderen nahebringen will. Ich nenne meine Bücher übrigens bewusst Comics und nicht Graphic Novels. Der Ausdruck Graphic Novel wurde ja u. a. deswegen geschaffen, um dem Genre Comic eine Art Hochkultur-Stempel zu

verpassen. Ich mag aber gerade das Unprätentiöse und Kindliche, das einem dieses Genre bietet. Eine Graphic Novel liest du nicht eben mal zwischendurch oder nimmst sie mit auf die Toilette. Einen Comic schon – und das finde ich gut.

©Liv Strömquist

War Gender schon während deines Studiums der Politikwissenschaft das zentrale Thema für dich?
Überhaupt nicht! Heute sehen wir erfreulicherweise, dass Gender-Debatten und Fragen von Gleichberechtigung und Feminismus eine größere Aufmerksamkeit bekommen. Während meines Studiums in den 1990ern war in Schweden die Zeit eines feministischen Backlash. Ich bin mit dem Stereotyp von Feministinnen als verbitterte, ältere Frauen aufgewachsen. Auf dem schwedischen Land gab es keine positiven feministischen Role Models. Von der Idee, dass patriarchale Strukturen unsere Gesellschaft prägen, hörte ich zum ersten Mal in einem Psychologievortrag über junge Paare ohne Kinder: Selbst in diesen Beziehungen ließ sich bereits nach kurzer Zeit eine ungleiche Rollenverteilung feststellen, obwohl beide doch gleichberechtigt in die Partnerschaft eingetreten waren. Das hat mich aufgerüttelt und ich habe angefangen, die Welt mit ganz anderen Augen zu sehen. Plötzlich fiel mir auf, dass selbst in der linken, alternativen Szene, in der ich mich aufhielt, die Jungs die Graffitis sprühten oder in Bands spielten, während die Mädchen bei all dem im Wesentlichen nur zuschauten. Damit wollte ich mich nicht abfinden.    

In deinem neuen Buch thematisierst du den typischen Mann, der genervt ist von einer Frau: seiner Partnerin, Mutter oder Schwiegermutter, und keine Lust auf Kommunikation hat – was die Frau dazu bringt, genau diese immer vehementer einzufordern. Ist das nicht ein Klischee?
Es ist ein Muster, das gerade unsere Popkultur sehr stark tradiert. Ich habe mich mit US-amerikanischen Comedyserien beschäftigt. Egal ob „Hör mal, wer da hämmert“ oder „Two And A Half Man“, immer steht ein Mann im Zentrum, der vor allem eines will: seine Ruhe – außer natürlich er liegt krank auf der Couch. Dabei kommt der Typ immer recht gut weg. Er ist dann der Kerl, der einfach nur an seinem Auto schrauben will, der einsame Wolf, der mit sich allein klarkommt. Selbst der Eremit kann noch als heroische Figur durchgehen. Solche positiven Bilder fehlen für Frauen.

Wenn man deine Comics liest, erkennt man gelegentlich etwas wieder. Kann man „Der Ursprung der Liebe“ auch als Liebesratgeber lesen?
Anscheinend tun das manche! Einmal kam eine Frau auf der Straße auf mich zu und sagte mir, dass ihr mein Buch sehr geholfen hätte: Sie hatte es ihrem potenziellen Partner zu lesen gegeben und mit ihm darüber diskutiert, um herauszufinden, wie seine Einstellung zu Beziehungen und Liebe ist. Mein Buch wurde quasi als Einstiegstest für ihre spätere Partnerschaft benutzt. Auch wenn es mich natürlich freut, dass mein Comic Menschen auf diese Weise unterstützen kann – geplant war das nicht.  

Du hast dich so viel mit Beziehungen und deren Scheitern beschäftigt – kannst du noch an die romantische Liebe glauben?
Absolut! Ich bin mir sicher, dass es sie gibt. Liebe ist die vielleicht grundlegendste Eigenschaft des menschlichen Wesens. Wie sie dann in der Gesellschaft umgesetzt wird und ob das funktioniert, ist eine andere Frage – in der scheint mir aber glücklicherweise aktuell sehr viel Bewegung zu sein. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

July 20 2018

10:37

Grabsteine aus Pappe

Von Toby Ashraf

Der Begriff der „Follies“ lässt sich wörtlich mit „Torheiten“, „Unsinn“ oder vielleicht sogar „Schabernack“ übersetzen. Im Theaterkontext waren die „Ziegfeld Follies“ am New Yorker Broadway zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausladend inszenierte Nummernrevuen mit Tanzeinlagen, hohem Unterhaltungswert und geringem politischen Anspruch. Johannes Müller und Philine Rinnert arbeiten seit 2010 eng zusammen und haben ihr neues gemeinsames Stück zum Thema HIV nun „Aids Follies“ betitelt und es als „Virus-Panorama“ bezeichnet. Um Unsinn geht es dabei nicht und von geringem politischen Anspruch kann auch keine Rede sein. Warum also diese Form?

Müller sieht die Revue als eine Form der Collage, ein Prinzip, nach dem die Zusammenarbeit von ihm und Philine Rinnert funktioniert. „Wir sammeln und collagieren eine große Menge an Material zu einem Thema, das uns interessiert, und stellen daraus eine revuehafte Abfolge zusammen aus verschiedenen Nummern, Musiken, Texten und Bewegungen“, erklärt er im Gespräch. Das Stück ist eine Mischung aus Auftritten und Lectures. Auf der Bühne: Popsängerin und Performerin Valerie Renay, Vokalartistin Sirje Viise, Bariton und Drag-Performer Shlomi Wagner und Schauspieler Hauke Heumann.

Natürlich habe das etwas „Polit-Theater-Mäßiges“, wenn man sein Stück „Aids Follies“ nennt, sagt Müller auf die Frage, ob ihr Projekt in der Tradition vom Aids-Aktivismus der

Transen und Tunten stehe. Ein Stück über Aids sei eben zwangsläufig immer auch politisch.   

©Philine Rinnert

Philine Rinnert erklärt in ihrem Atelier anhand eines Miniatur-Modells das Bühnenbild. Sie spricht von verschiedenen Versatzstücken und Bausteinen und versteht ihre Arbeit als „anti-dekorativ“. Nicht illustrativ, sondern diskursiv. Schwarz ist der Raum, weiß und schematisch sind die unterschiedlichen Objekte darin. Grell neonfarben hingegen das Bodenraster, das den Spielraum in den Sophiensælen absteckt. Die 1980er-Jahre sind hier visuell zurück und mit ihnen der Ausbruch des HI-Virus. „Klinisch“ und „white“ nennt Johannes Müller die (popkulturelle) Kunstästhetik der Zeit, an der sich das Bühnenbild orientiert.

Wir sehen eine Leinwand, auf die ein Live-Video projiziert wird: Absurde Objekte werden auf einem Labortisch bewegt. Eine Wolke aus Kondomen schwebt über der Bühne. Papp-Grabsteine im Bühnenvordergrund. Verweise auf den Interessenverband Act Up, Aids-Aktivismus und queeren Widerstand. Ein überdimensionaler Telefonhörer als Erinnerung an eine Zeit, in der es Aids-Hotlines gab und kein Internet. Ein kleiner Raum des Privaten im Hintergrund. In der Summe: Assoziationsräume, durch die sich die Figuren bewegen. „Über eine dokumentarische Suche sind wir zur Abstraktion und Verfremdung gekommen und bauen damit eine neue und eigene Struktur“, fasst Rinnert zusammen.

Die „Aids Follies“ als „durchgetaktete Kombination“ verschiedener Elemente. Mal mit Figuren, mal ohne. Mal mit Video, mal mit gesprochenem oder gesungenem Text, mal mit Text zum Lesen. Mal mit Tanz. Theater als Laborablauf, als Maschine, die vor dem Publikum läuft – das sind Analogien, die Müller und Rinnert in den Sinn kommen. Dazu gibt es eine eigens von Genoël von Lilienstern komponierte Musik, die live auf der Bühne gespielt wird. Von kamerunischem Pop bis hin zu Porno-Klängen, heißt es in der Ankündigung. Antworten auf Fetzen einer langen Recherche.

Die begann bereits im Sommer 2017: In der British Library haben Rinnert und Müller Interviewaufnahmen von Bekannten des sogenannten „Patient Zero“ Gaëtan Dugas gefunden. Dem franko-kanadischen Flugbegleiter wurde vorgeworfen, das Virus in die USA eingeschleppt zu haben. Neben Aids-Poetry, Zeitungsartikeln und theoretischen Schriften recherchierten sie im ACT-UP-Archiv der New York Public Library. Zudem sprachen sie mit Wissenschaftler*innen.

Ein loser Bogen: vom Aufkommen der Aids-Hysterie bis zum „Prep Nirwana“, einer Zeit, in der man sich per Pille vor HIV schützen kann. Dazwischen: die immer neue Suche nach Schuldigen, neue Verschwörungstheorien und Fronten. Das Stück sei eine „Landschaft von Feindbildern, die wir aufzeigen und analysieren wollen“, sagt Müller. Eine spannende Versuchsanordnung, die in den Proben zur endgültigen Form findet. Eine Aids-Revue. Alles andere als Schabernack.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

July 19 2018

12:23

Trällern für Mama

Von Simone Bauer

Die gleichnamige Verfilmung des ABBA-Musicals „Mamma Mia!“ (2008) wurde wegen des hochkarätigen Casts schnell zum Lieblingsfilm vieler Musikfans – nicht zuletzt, weil die Hauptrolle von einer äußerst flippigen Meryl Streep getragen wurde. Betrachtet man das Gesamtwerk der schwedischen Kultband, macht ein zweiter Teil durchaus Sinn – schließlich gibt es genügend Songs, die bei der ersten Produktion nicht zum Zug kamen, wie „One Of Us“ (immerhin im Programm des Bühnenstücks) oder „Fernando“.

© Universal Pictures

„Mamma Mia! Here We Go Again“ erzählt im Grunde die Geschichte, die man bereits kennt: Die selbstbestimmte Donna Sheridan erlebt drei Sommerromanzen, und einer der drei Männer könnte der Vater ihrer Tochter Sophie (Amanda Seyfried) sein. In der Fortsetzung wird Donna hauptsächlich von Lily James gegeben, denn der Film blendet regelmäßig in die Vergangenheit zu ihrem Weg auf die griechische Insel Kalokairi und den dortigen Abenteuern.

© Universal Pictures

Der Fokus des gesamten Films liegt ganz klar auf Donna, zu deren Ehren Sophie auch endlich das Traumhotel „Bella Donna“ eröffnen möchte. Leider bewahrheitet sich das, was nach dem etwas wirr zusammengeschnittenen Filmtrailer für große Unruhe in der Fangemeinde gesorgt hat: Im Hier und Jetzt trauert Sophie seit einem Jahr um ihre verstorbene Mutter. Wie es dazu kam und was überhaupt in den letzten zehn Jahren passiert ist, wird zumeist ausgespart. Trotz zusätzlichen Regens im Paradies mit Sophies Lover Sky (Dominic Cooper) hat das Sequel Potenzial zum absoluten Wohlfühlfilm.

© Universal Pictures

Mamma Mia! Here We Go Again
GB/US 2018. Regie: Ol Parker. Mit: Amanda Seyfried, Julie Walters, Christine Baranski, Pierce Brosnan, u. a., 114 Min., Start: 19.07.

Mutterschaft bleibt ein zentrales Thema – etwas unpassend wird dabei die großartige Cher als Großmutter Ruby eingesetzt, um ein stimmiges Bild abzugeben. Wer ABBA liebt, wird aber auf jeden Fall auf ihre*seine Kosten kommen, sei es schon alleine wegen des großartig umarrangierten „Kisses Of Fire“. „Waterloo“ bekommt im Sequel zudem eine einfallsreiche Choreografie. Da dürfen auch die jüngeren Versionen der Powerfrauencharaktere von Christine Baranski und Julie Walters als Donnas beste Freundinnen nicht fehlen. Diese spielen absolut auf den Punkt – wenngleich Colin Firth weiterhin für die charmantesten Lacher sorgt.

July 18 2018

10:44

Imperium Amani

Von Katja Garmasch

Ihren Namen muss keine*r mehr googeln. Selbst ein Showbiz-Vollpfosten wie ich, der seit Jahren keinen Fernseher hat und diese Welt nur aus seiner Facebook-Blase kennt, kommt an ihr nicht vorbei.

Wenn man die Stand-up-Comedian Enissa Amani aber doch googelt, scrollt man lange durch Tittenkommentare unter ihren Videos und unglamouröse westdeutsche Orte, in denen sie demnächst auftritt. Bis man schließlich auf rätselhafte „Gala“- oder „Bild“-Links stößt mit Titeln wie „Enissa Amani ganz flach“. Hinter dem Link versteckt sich ein Paparazzi-Foto, das Amani in der Kölner Innenstadt zeigt. Der Skandal: Sie trägt Sneaker statt (wie gewohnt) High Heels. Die „Comedy-Prinzessin“ müsse wohl beim „Marathonbummeln“ gewesen sein. Manchmal sagt ein Schnappschuss eben mehr als tausend Worte: Enissa Amani kann allein mit ihren Füßen Boulevard-Schlagzeilen produzieren. „Läuft bei mir!“, würde sie sagen. Und es stimmt: Läuft bei ihr. Gerade ist ihre Stand-up-Show „Ehrenwort“ bei Netflix erschienen – Amani ist somit die erste Comedian Europas, die einen Exklusivdeal mit dem US-Streamingdienst hat.

© Julia Sellman

Ob sie sich allerdings darüber freut, dass die „Hurensöhne von ‚Bild‘“, wie sie die Zeitungsredaktion in ihrer Show liebevoll nennt, nicht die Höhe ihrer Gage interessiert, sondern die Höhe ihrer Absätze, ist zu bezweifeln. Denn Enissa Amani ist es leid, auf ihr Äußeres reduziert zu werden. Das sei vor allem ein deutsches Phänomen, erzählt sie im Missy-Interview: „Hier wird man als Frau, die sich gerne schminkt, völlig anders wahrgenommen. Ich finde das sexistisch, dass man dann direkt als Tussi bezeichnet wird. Das Wort habe ich früher auch benutzt. Aber heute ärgere ich mich, wenn das jemand in einem Artikel schreibt, weil es immer abwertend gemeint ist.“

„Die Tussi mit der Piepsstimme“, so hat sie sich selbstironisch bei ihren ersten Auftritten in „TV Total“ auf ProSieben vorgestellt. Doch Ironie funktioniert im Fernsehen selten und das Klischee blieb an ihr haften. In meiner Muttersprache Russisch oder in Amanis Muttersprache Persisch gibt es das Wort „Tussi“ gar nicht. Da ist es „normal“, dass Frauen aufgebrezelt sind. Und intelligent. Und Kinder haben. Und eine Karriere. In unseren Heimatländern gilt für Frauen das „Und“, in Deutschland das „Oder“: schön oder intelligent. Kinder oder Karriere. Lidschatten oder Lippenstift. Dekolleté oder Rockschlitz. Amani dagegen ist eine „Und“-Frau. Zum Interview kommt sie mit Lidschatten und Lippenstift und Dekolleté und Rockschlitz. Mit Riesenkoffer (der den Rockschlitz verdeckt), Bandscheibenvorfall (vom Riesenkoffer Schleppen) und High Heels (Mashallah!). Wir

Russinnen zollen anderen Frauen selten Respekt – aber vor Amani habe ich sofort Hochachtung. Diese Frau ist einfach Bäm.

Amani war ein Jahr alt, als ihre Eltern 1982 als Kommunist*innen aus dem Iran fliehen mussten. Sie ist in Frankfurt am Main in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Für ihre Shows hat sie sich einen strengen inhaltlichen Rahmen gebaut. Amani ist sehr besorgt um ihr Image und stets bemüht, ihr Außenbild zu korrigieren. Eine Sisyphos-Arbeit im Showbiz und vor allem in der deutschen Comedy-Branche: „Ich mache keine sexuellen Themen. Ich mache keine vulgären Themen. Ich rede nicht darüber, was auf der Toilette passiert. Ich wollte Comedy machen, ohne dass ich meine Femininität, so wie ich sie definiere, aufgebe. Warum muss man immer vulgär werden, damit die Leute lachen? Im Endeffekt hab ich gemerkt: Das muss man gar nicht. Man muss nur authentisch sein und natürlich auch ein bisschen frech. Und Schimpfwörter benutze ich sehr selten, sehr pointiert.“

Während sie sich für das Missy-Fotoshooting über die bereits vorhandenen sieben Schichten Make-up mit Highlighter schminkt, erzählt sie etwas auf Persisch und wird dabei von einem Freund gefilmt. Sie hat eine Rubrik in einer Show von Omid Djalili, einem iranischen Comedian aus England, und muss dringend ihren Einspieler abschicken. „Es ist ein Riesenbonus, wenn man zweisprachig lustig sein kann!“ Amani kann sogar dreisprachig lustig sein. Vor Kurzem tourte sie durch Großbritannien, Kanada und die USA. Besonders stolz ist Amani darauf, dass sie in der Laugh Factory in Hollywood spielen durfte, der berühmtesten Comedy-Bühne der Welt. 

Ich frage mich, ob es der Glamour ist, der der deutschen Comedy im Allgemeinen fehlt. Oder ist es letztendlich doch der Humor? Amani sagt, es sei vor allem dieser Bäm-Effekt, der fehle. „Da kommt jemand superintelligent daher und hat 70.000 Kulturen studiert, aber dann fehlen eben diese fünf Prozent Showbusiness-Gen. Alles ist steif. Mach dich mal locker, Bruder, mach dich locker!“

Die „Piepsstimme“ hat Amani abgelegt, mittlerweile klingt sie tiefer als Stefan Raab. Kommt vielleicht davon, dass sie jetzt langsamer redet. Sie entscheidet alles selbst, auch wenn ihr Ruf darunter leidet: „Wenn ein Mann alles kontrolliert, wird er gefeiert. Wenn eine Frau sagt, ich will das Licht so und so haben, weil meine Haut dann schöner aussieht, gilt sie automatisch als kompliziert.“ Auf der Bühne lässt sie sich Zeit: hält Pausen. Spielt nicht mehr verlegen mit den Extensions im Haar. Lässt den Blick durchs Publikum schweifen. Sucht sich ein Opfer aus. „Wie heißt du? Fatih! Wo kommst du her, Fatih? Aus der Türkei! Und die Dame in der vierten Reihe, aus der intellektuellen Fraktion? Monika! Siehst du, mein Problem ist: Ich muss ein Set schreiben, was die Monika gut findet, was aber auch (Pause, Pause, Pause) Fatih gut findet!“ Alle lachen, am meisten Fatih.

Amani darf das. Sie ist selbst Kanakin. Frau. Tochter von Intellektuellen. Deutsche. Alles, was du willst. Und immer das Gegenteil von dem, was du erwartest. Für eine Comedian ist es wie ein Kartenspiel voller Asse, wie eine Handtasche voller Pässe, mit denen du auf jedem Terrain zu Hause bist und dich deshalb über jedes Thema lustig machen kannst. Das Spiel mit Identitäten und stereotypen Zuschreibungen war schon das Prinzip von RebellComedy, dem 2007 gegründeten migrantischen Comedy-Kollektiv, mit dem auch Amani oft aufgetreten ist. Um RebellComedy hat sich eine neue Generation von Perfomer*innen gruppiert, die im Gegensatz zu Comedy-Urgesteinen wie Kaya Yanar oder Bülent Ceylan nicht nur Kanakenwitze für ein vorrangig weißes Publikum reißen, sondern auch gezielt junge Migrant*innen ansprechen.

Als Kind hat Amani mit ihren Eltern Sperrmüll gesammelt, lange Zeit von Sozialhilfe gelebt. Heute postet sie auch mal ein Bild aus der Businessclass. Ein deutscher Kollege soll sie dafür kritisiert und zu mehr Bescheidenheit ermahnt haben, erzählt Amani verärgert: „Mein Lieblingssatz ist ein Zitat von Roberto Benigni, dem Regisseur von ‚Das Leben ist schön‘: ‚Das größte Geschenk, das mir meine Eltern gemacht haben, war Armut.‘“ Das empfindet Amani auch so. Der Kollege, der sie deswegen angegriffen habe, sei das, was sie als Kind einen Bonzen genannt hätte, aufgewachsen im Eigenheim im bürgerlichen Umfeld. „Wenn er ein Bild aus der Businessclass postet, wäre das peinlich. Aber es ist etwas anderes, wenn ich sage: Gucci-Anzug! Versace-Kette! Guck mal, das habe ich selbst erreicht und du kannst es auch! Für mich bedeutet dieses Protzen Demut. Es bedeutet, mir klarzumachen, das ist nicht normal und in drei Jahren vielleicht alles wieder weg, wenn ich nicht hart arbeite. Armut schafft Drive, diese Angst vor Gerichtsvollziehern, Angst vor Rechnungen. Und das ist etwas, was du niemals hattest, niemals haben wirst, also belehr mich nicht!“

Von einer integrierten Migrantin erwartet man in Deutschland, dass sie dieselben Werte, dieselbe Moral und denselben Lifestyle vertritt wie die Alteingesessenen, auch wenn sie ganz andere Erfahrungen gemacht und eine andere Erziehung genossen hat. Auch wenn ihr ein gewisses Qantum an Anderssein zugesprochen wird, soll sie eigentlich genau wie die Deutschen sein. Man darf zu Hause Muttersprache sprechen, draußen aber nur Deutsch ohne Akzent, Tzatziki zur Weihnachtsfeier mitbringen, aber morgens nicht nach Knoblauch riechen. Deswegen kann Amani Migrant*innen verstehen, die auf die Frage „Wo kommst du her?“ mit „Aus Duisburg!“ antworten. Wer diskriminiert wird, will sich schützen. Aber wenn alle gemeinsam da-rüber lachen, bewirkt Enissa Amani vielleicht mehr als die deutsche Integrationspolitik. Denn Amani ist mehr als Comedian, sie ist das, was man heute Influencer nennt: Tausende Menschen sehen ihr auf YouTube zu. Folgen ihr auf Instagram. Lesen ihre Texte über Trumps Einreiseverbot auf Facebook. Sie sitzt in TV-Runden wie „Hart aber Fair“ und streitet über das Kopftuchverbot. Migrant*innen und weiße Deutsche, Kids und Senior*innen, Fatih und Monika liken sie, mögen sie, gerade weil sie zwischen den Kulturen und Generationen wechseln und sie spiegeln kann. Integrationsmaschine Amani? Sie winkt ab: „Ich hasse das Wort Integration. ,Sie sind ein gelungenes Beispiel!‘ Halt dein Maul, gelungenes Beispiel! Das ist für mich schon latent rassistisch. Integration heißt in Deutschland, sich dem Alten anzupassen. Ich bin Deutsche, aber ich bin dieses Neue Deutsche. Heute will jeder Ausländer sein und dichtet sich ein bisschen Migrationshintergrund dazu: ein Viertel Baske, ein Drittel Ire … Ich habe deutsche Freunde, die viele arabische Wörter benutzen wie ‚Mashallah‘. Aber wie peinlich ist es, dass wir in Deutschland 2018 einen Innenminister haben, der sagt: ‚Der Islam gehört nicht zu Deutschland!‘ Er ist auch mein Innenminister. Hier leben Millionen Muslim*innen. Wach doch mal auf! Aber das ist wieder dieses Steife, jetzt muss man erst mal in 580.000 Talkshows über Integration reden.“

Es sei Zeit, so sagt sie, dass die eingestaubte deutsche Entertainmentbranche erneuert werde. In Musik, Mode und Film hat sich schon einiges geändert: „Als ich klein war, was gab es im HipHop oder Rap? Die Fantastischen Vier. Fertig. Jetzt gibt’s 50.000 neue Artists, die Rap auf Deutsch machen. Und viele davon sind Leute mit Migrationshintergrund.“

Interkulturalität, Street Credibility, Netzaffinität: Danach wird beim Fernsehen gerade händeringend gesucht. Auch deswegen wurde Amani in weniger als drei Jahren zum Star. Doch wenn die Fernsehsender solche Leute finden, tun sie sich extrem schwer mit ihnen. Sie passen einfach nicht in das System. Dann wird man passend gemacht, wie 2016 bei der ProSieben-Show „Studio Amani“, die Raabs Nachfolger werden sollte, aber nach einer Staffel eingestellt wurde.

„Mir wurde viel dreingeredet. Aber auch ich war künstlerisch nicht reif genug, um selber zu wissen, was ich will. Ich hatte bei meinen Shows selber oft das Gefühl: Das bin ich doch nicht! Heute ist das anders. Ich glaube, ich war nie so sehr bei mir wie jetzt. Und bei Netflix gilt die Devise: Artist first. Ich war anfangs sogar von meiner Freiheit überfordert. Dann hab ich das Ding komplett in die Hand genommen. Ich habe bei meinem Netflix-Special das Gefühl, das wird das geilste Ding, das ich die letzten vier Jahre abgeliefert habe. Und hoffentlich kommt es auch beim Publikum so an. Inshallah.“

Ich schaue zu, wie Enissa bei frühlingshaften fünf Grad für die Missy-Fotos posiert. Amani, sagt man, gibt selbst in Dingsbumskirchen vor einer halbleeren Halle hundert Prozent. Sie lächelt nach jeder Show so lange für die Selfies, bis der letzte Fan nach Hause geht. Diese Frau hat sich ihren Platz in der Businessclass hart erarbeitet. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

Reposted bygingerglue gingerglue

July 17 2018

14:38

Des Pudels Kern

Von Debora Antmann

Die Welt ist ein nerviger Ort. So! Jetzt habe ich es gesagt! Zu meinem „Glück“ bin ich seit zehn Tagen krank und darf im Bett liegen und die Welt da draußen ignorieren. Bis zu dem Punkt, an dem der Pudel anmerkt, dass sie leider pinkeln muss. Das wäre gar nicht schlimm, wenn da draußen nicht so viele Menschen wären und die Anwesenheit eines Hundes nicht unweigerlich als Aufforderung für ein Gespräch verstanden würde. Das arme Tier wird konsequent als ein Angebot zur Kontaktaufnahme meinerseits fehlinterpretiert und als Einladung, ungefragt die sexistischen Stereotype auszupacken. Als Feministin mit einem Hund durch die Gegend zu laufen ist hart! „Der ist aber süüüüß! So ein munteres Kerlchen! Wie heißt der denn?“ Mäßig ambitionierte Antwort: „Lola.“ Völlige Irritation: „Ist das etwa ein Määäädchen? Aber ist ja alles blau!“ „Na, die ist ja ganz schön aufgedreht …“ Lehrbuch-Gender-Bullshit! Ich will eigentlich nur zurück ins Bett und stattdessen darf ich mir die sexistische Farblehre und die ebenso sexistische Charakterisierung des Pudels reinziehen. Ich wiederhole mich: Die Welt ist ein nerviger Ort!

Lola pisst zurück © Tine Fetz

Ich verstehe langsam auch, warum alle immer glauben, das feministische Haustier sei die Katze. Die Katze erspart einem die Cis-Typen-erklären-dir-dein-Tier-Gassirunden. Es ist erstaunlich, wie viel ausgewiesene Experten völlig selbstlos ihr Wissen mit dir teilen, sobald du als Nicht-cis-Typ mit Hund das Haus verlässt. Es ist berührend! Am laufenden Band belehren, äh, erklären mir cis Typen, wie ich mit meinem Hund umzugehen habe, was gut und richtig für das Tier sei und wie ich mich mit ihm zu verhalten hätte. Einfach so! Ohne, dass ich fragen muss. Und ich will zurück ins Bett. Was ich doch für eine Banausin bin … Und der Pudel ist auch noch ein kleines Tier! Das bedeutet, all die fremden Typen kommen auch noch ihrer Pflicht nach, mir aus dem Nichts zu unterstellen, ich hätte mir einen Schoßhund als Accessoire, ein Kuscheltier angeschafft und würde gar nicht begreifen, dass der Pudel ein echtes Tier ist. Das ist nett! So viel Sorge ums Tier! Und ich stelle auch noch laut die Frage, was das einen x-beliebigen Typen auf der Straße oder in der Bahn überhaupt angehe. Ich bin eine unwissende Tierquälerin UND Menschenverachterin. Ich habe den Pudel gar nicht verdient!

Allerdings ist das auch immer noch nicht das Ende der ganzen Erziehungs- und Aufklärungsarbeit, die all die aufopfernden cis Typen mit mir haben. Der Pudel springt. Am liebsten fremde Leute an. Ich in meiner grenzenlosen Unwissenheit versuche, das zu unterbinden, weil ich dachte, dass nicht alle Leute ständig angesprungen werden wollen, vor allem, wenn sie Angst haben oder der Pudel nass und dreckig ist. Aber zum Glück gibt es regelmäßig irgendeinen Typen, der mich darauf hinweist, dass der Pudel ja nichts tut. „Ach, der tut doch nix!“ Dabei ist egal, ob der Typ die Person ist, die gerade angesprungen wird, oder eine unbeteiligte dritte Person, die unter Umständen weniger begeistert ist. Es ist auch eine Entlastung, dass ich nicht mehr die sein muss, die einer entnervten Person, die nicht von einem fremden Hund angesprungen werden möchte, sagen muss, dass sie das über sich ergehen lassen muss, weil der Pudel ja nix tut. Das ist im Hundeexperten-Typen-Service inklusive und wird für mich übernommen.

Je länger ich diesen Text schreibe, desto weniger verstehe ich, warum ich so unbedingt zurück in mein Bett möchte. Ist ja eigentlich ganz nett hier draußen und alle sind so hilfsbereit! Ich lerne so viel, ohne danach fragen zu müssen. Und endlich geht mir ein Licht auf! Wer braucht schon Feminismus, solange es cis Typen gibt? Außerdem habe ich ja meinen Schoßhund zum Kuscheln, den kleinen Racker …

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