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June 04 2018

08:59

Entfesselt

Von Jekaterina Jagellovsk

Au, du tust mir weh! Ah, das ist gut“, sagt er und schaut mich dabei voller Respekt von unten an. „Das geht auch noch fester, ich kann dir noch mehr wehtun“, antworte ich schmunzelnd und selbst­sicher mit etwas erhobener Stirn. Er ist mir vollkommen ausgeliefert. Ich lockere die Seile etwas, denn er soll es so noch etwas länger aushalten .

Während er unter mir liegt und ich mein Werk bewundere, indem ich die Konstruktion meiner schwarzen Seile auf seinem dunkelblond behaarten Körper streichle, gleitet mein fester Dildo langsam in seinen schönen Anus. Er stöhnt zaghaft, aber leidenschaftlich. Ich empfinde Lust, unbändige, und auch Stärke: Ich habe einen 1,85 Meter großen, muskelbepackten Mann gefesselt und gefickt. Ich habe meinen behinderten Körper, der in dieser Gesellschaft als schwach und bemitleidenswert gilt, einsetzen und lieben gelernt. Ich bin so stark, dass ich diesen großen Menschen unter mir sogar aufhängen kann – Hängebondage. Und wenn ich merke, dass es ihn zu schmerzen beginnt, kann ich genüsslich-gönnerisch fragen: „Möchtest du, dass ich dich herunterlasse?“

© ZORZOR

Einmal, nach einer intensiven Fesselsession, hat mir dieser Partner erklärt, dass er mich

ausgesucht habe wegen meines Körpers, nicht trotz. Trotz – wie oft habe ich das in meinem Leben gehört! Trotz deiner Behinderung bist du hübsch. Trotz deiner Behinderung kannst du dies oder das ziemlich gut. Trotz deiner Behinderung dieses, trotz deiner Behinderung jenes.

Fesseln hat mich selbstermächtigt. Nämlich dazu, meinen „mangelhaften“ Körper als einen widerständigen zu begreifen. Mit meinem „hässlichen“ Körper andere zu verzaubern, sie in Ekstase zu versetzen. Und nicht zuletzt Macht zu demonstrieren – konsensuell wohlbemerkt –, auch mir selbst gegenüber.

Wenn ich mit den Seilen in der Hand bei einer Kink-Party stehe, glauben noch immer viele, dass ich diejenige bin, die jetzt gleich gefesselt wird. Doch spätestens wenn es losgeht, ist allen klar, wer „oben“ spielt. Das Staunen kann ich mittlerweile gut ertragen, die Bewunderung auch. Zumal der behinderte Körper – genau wie der dic…

June 01 2018

09:30

Jetzt mitmachen: Das große Missy Crowdfunding

V.l.n.r: Hengameh Yaghoobifarah, Lisa Tracy Michalik, Stefanie Lohaus, Valerie-Siba Rousparast, Daniela Burger, Sonja Eismann

Wir haben es geschafft! Missy wird zehn Jahre alt. Missy steht für Diversität und queerfeministische, intersektionale Perspektiven auf Pop, Kultur, Politik und Gesellschaft. Aber wie bei vielen anderen Printmedien auch werden bei uns immer weniger Anzeigen geschaltet. Wir müssen andere Wege finden, um unsere Arbeit weiterhin finanzieren zu können. Deshalb bitten wir darum, dass du uns unterstützt: Caring is Sharing für #10undMehrMissy. Hier geht es zu unserem Crowdfunding #10undmehrMissy:

Video: ZAAZ Productions: Azadeh Zandieh & Zara Zandieh

Mach mit, wenn du unsere Inhalte magst. Oder wenn du findest, dass Vielfalt im Journalismus nicht nur in Spezialausgaben stattfinden soll. Weil keine andere Zeitschrift dich so repräsentiert und respektiert, wie Missy. Weil du in Zeiten von AfD und Pegida Zusammenhalt wichtig findet. Weil du es feierst, dass wir inmitten des Rechtsruckes die Verhältnisse zum feministischen Tanz auffordern. Weil du gleichzeitig solidarisch und kritisch sein kannst. Weil du angesichts des Printsterbens immer weniger Magazine findest, die Haltung und Fun verbinden. Weil wir dich Ernst nehmen und schätzen. Weil Verbundenheit kein Lippenbekenntnis ist, sondern Handlung erfordert.

 

Unterstütze uns und bekomme dafür im Gegenzug coole Prämien – und weiterhin unabhängigen, feministischen Journalismus mit Haltung. Für #10UndMehrMissy

 

 

 

Vielen Dank für die Bereitstellung der Musik an Planningtorock und Ebow sowie an Interflugs für die Bereitstellung der Technik!

May 31 2018

09:11

FUCK-UP + Solidarität = Revolution

Interview: Juli Katz

Macht der Begriff des „Proletariats“ überhaupt noch Sinn? Luise Meier sagt: Ja. In ihrem Buch „MRX Maschine“, das bei Matthes & Seitz in der Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ erschien, geht es nicht um Karl Marx‘ historisch-biografische Hintergründe, sondern um den Beweis, dass man auch heute noch mit seinen Thesen arbeiten kann – nicht um ihn unreflektiert zu feiern, sondern um ihn praktisch anzuwenden und manchmal zu erweitern. Wie viel Sabotage brauchen wir? Missy-Autorin Juli Katz traft die Schriftstellerin Luise Meier zum Interview.

Luise Meier: „Wir müssen uns entscheiden, hinter welcher Art von Feminismus wir stehen.“ © Josefa Baum

Luise, wieso glauben wir so sehr an Arbeit?
Luise Meier: Wir sind alle innerhalb einer Leistungsideologie aufgewachsen, die uns permanent eintrichtert, dass wir nur durch Arbeit – die auch messbar sein und sich in Geld widerspiegeln muss – unseren Platz in der Gesellschaft rechtfertigen können. Und dass wir nur als Individuen durch Geld und Arbeit Entscheidungen treffen und uns ermächtigen können. Das ist der einzige Weg, der uns vermittelt wird, um zu einer Befriedigung unserer Bedürfnisse zu kommen. Das ist dieses „Wieso jammerst du denn rum? Du könntest dir ja einen Job suchen und dir alles kaufen, was du brauchst!“.

Dein Buch „MRX Maschine“ wird als Plädoyer zur Sabotage gefeiert. Woher kommt deine Faszination am Sabotieren?
Es gab Momente in meinem Leben, in denen ich entschieden habe, Sachen nicht zu machen, anstatt sie gut zu machen. Das gab mir das unglaublich viel Freiheit und je mehr ich versuche, kritisch mit Normen und Anforderungen umzugehen, desto mehr öffnet sich mein politisches Denken. Außerdem ist das Mittel des Streiks spannend, wenn man ihn nicht nur auf Lohnarbeit, sondern auch auf andere Lebensbereiche überträgt. Scheitern ist immer etwas, das aus Versehen passiert oder das man eigentlich verhindern will – aber Sabotage ist absichtliches Nichtfunktionieren. Wenn das eine in das andere umschlägt, kann das einen gesellschaftsverändernden und kämpferischen Impuls bekommen.

Normalerweise sprechen ausschließlich diejenigen über das Scheitern, die es überwunden haben.
Mir geht es darum, dass sich beim Scheitern alternative Möglichkeiten in der Gemeinschaft herausbilden, die sich außerhalb von Ideen, die wir von Erfolg haben, abspielen: Wie verändern sich Familien und Freundschaften oder allgemein Beziehungen zu anderen, aber auch zu sich selbst, wenn man es schafft, in Stunden des Scheiterns füreinander dazusein? Daneben werden wir dazu erzogen, Angst vor dem Scheitern zu haben – aber bei Menschen, die sich jenseits dieser Erfolgskategorien bewegen, steckt oft eine kritische Perspektive auf Gesellschaft dahinter. Könnten wir mit dem Scheitern besser umgehen können, wenn man dadurch nicht automatisch aus bestimmten menschlichen Beziehungskreisen rausfallen würde?

Was Marx nach außen hin analysiert, wendest du nach innen an. Wo finde ich mein inneres Proletariat und wie kann ich es aktivieren?
Marx grenzt den Begriff des Proletariats ein und meint damit das Industrieproletariat, was meistens als männlich, weiß und europäisch oder nordamerikanisch definiert war. Mich interessiert, wie Spaltungsmechanismen nach rassistischen oder sexistischen Mustern an solchen Abgrenzungen immer ansetzen konnten. Außerdem erleben wir gerade eine Auflösung von klassischen Arbeitsverhältnissen und auf kultureller Ebene einen Selbstoptimierungswahn – ein Unternehmertum, den Kapitalisten, der immer weiter in uns eindringt, uns effizienter machen will und zum Arbeiten antreibt. Aber muss es dann nicht auch etwas in uns geben, das diesem „unternehmerischen Selbst“ gegenüber zum Proletariat wird? Danach habe ich gesucht. Im Moment, in dem ich zu müde oder zu krank zum Arbeiten bin, steht mein innerer Unternehmer mit meiner inneren Proletarierin in Konflikt – da findet Klassenkampf auf einer verinnerlichten Ebene statt. Für mich wäre eine utopische Idee, dass man bei so einer Idee von mutiertem oder entgrenztem Proletariat tendenziell mit allen solidarisch sein kann. Es geht darum, dass Konflikte nicht mehr internalisiert, sondern gesellschaftlich, kollektiv, politisch verhandelt werden.

Der Begriff des Patriarchats fehlt in Marx‘ „Kapital“, für die „MRX Maschine“ aber ist er unabdingbar. Wieso?
Marx hat den Kapitalismus analysiert; das Spannende ist erstens, dass er deswegen fortbesteht, weil er von anderen Machtstrukturen – wie dem Patriarchat und Rassismus – profitieren kann. Wenn seine strukturelle Macht wackelt, zapft er eben andere Ausgrenzungs-, Desolidarisierungs- und Unterdrückungsmechanismen an und wendet sie gegen Andersseiende. Wenn man das nicht mitdenkt, gibt man dem Kapitalismus seine effektivste Waffe in die Hand. „Teile und herrsche!“ Zweitens wird das Patriarchat oft so gedacht, als würden alle Männer über alle Frauen herrschen; der Patriarch leitet sich aber von der Figur eines Vaters ab. Die Kritik am Patriarchat richtet sich damit auch gegen eine Hierarchie unter Männern, die sich aufgrund biologischer Beziehungen ergibt oder auf Geburtsrechte bezieht. Es ist nötig, auch Männern immer wieder bewusst zu machen, dass es sich dabei um einen viel umfassenderen emanzipatorischen und antiautoritären Impuls handelt.

Du verwendest den Begriff einer „daddyfizierten Weiblichkeit“ und plädierst auf Desidentifikation statt Daddyfikation. Was heißt das überhaupt?
Auf der einen Seite steht die Identifikation mit einem bestimmten Frauenbild, das uns von außen auferlegt wird. Das wird von Unternehmen so konzipiert, dass wir es gar nicht erreichen können, weil sie sonst kein Geld machen würden. Auf der anderen Seite zielt daddyfizierte Weiblichkeit darauf ab, dass Erfolg bedeuten würde, innerhalb der bestehenden Machtstrukturen Anerkennung zu bekommen und sich zu unterwerfen, um aufzusteigen. All die Rebellion, die dazwischen stattfinden und sich gegen die Kriterien des Aufstiegs selbst richten könnte, wird nicht realisiert, denn einzig Anerkennung durch patriarchal geprägte Instanzen wird als Erfolg, feministisch oder Emanzipation gesehen.

Ist es nicht super, Familie und Karriere miteinander vereinbaren zu können?
Es ist problematisch, wenn wir denken, alles wäre geregelt, wenn die Spitzenmanagerin genauso viel verdient wie der Spitzenmanager, aber zu Hause eine andere Frau für einen Bruchteil des Lohns auf die Kinder aufpasst und die Wohnung putzt. Dann ist die Frage von gleichem Lohn für gleiche Arbeit nur selektiv beantwortet. Denn natürlich sollte es gar keine Managerposition mehr geben. Wenn nur eine bestimmte Gruppe aufsteigen kann, werden andere ausgeschlossen. Was früher über die Geschlechter geregelt wurde, wird immer mehr zur Klassenfrage, man kann das eine nicht vom anderen isolieren. Wir müssen uns entscheiden, hinter welcher Art von Feminismus wir stehen.

Du referierst auf bell hooks, die das gesellschaftliche System als „imperalist white supremacist capitalist patriarchy“ beschreibt – wie muss ein Feminismus aussehen, der diesen Status quo sprengen kann?
Feminismus muss kritisch bleiben und sich nicht damit zufriedengeben, in männlich besetzte Positionen zu schlüpfen, sondern gleichzeitig an der Auflösung dieses Frauenbildes arbeiten, das behauptet, die Armee wäre familienfreundlicher, wenn eine Frau im Verteidigungsministerium sitzt. Meine Idee von Feminismus ist, dass eine Frau in jeder Position, die sie erobert, weiter kritisiert, was diese Position beinhaltet, wie man sie unterlaufen kann und so weiter. Dafür steht der Sabotagegedanke, den ich bei Valerie Solanas wiederfinde; er ist aggressiv und behauptet eine kämpferische Position, die nicht sagt, nach der Gleichstellung sei Schluss.

Inwiefern kann die „MRX Maschine“ nur nichtfunktionieren, wenn sie mit Valerie Solanas‘ SCUM-Manifest in Wechselwirkung steht? Du zitierst: „SCUM wird auf jedem Job so lange nicht arbeiten, bis man sie hinauswirft, und dann einen neuen Job suchen, um auch dort nicht zu arbeiten.“
Marx unterscheidet zwischen Proletariat und Lumpenproletariat, was so was wie Abschaum meint. Für mich besteht eine wichtige Aufgabe darin, diese Unterscheidung aufzuheben. Solanas benutzt den Begriff SCUM mit dem Gedanken, dass Frauen, die revolutionär sind, Abschaum seien – und besetzt ihn positiv. Das setzt für mich in dem Punkt an, dass man mit sabotiert, wo man arbeitet: Man entzieht dem Kapitalismus das Produktionsmittel, nämlich den Menschen, den er braucht, um sich zu vermehren und zu existieren. Aber Arbeit ist nicht nur Lohnarbeit, sondern auch Arbeit an Selbstoptimierung, dem eigenen Lebenslauf, der Familie oder daran, einem Frauen- oder Männerbild zu entsprechen sowie einer bestimmten Sexualität, die als erstrebenswert gilt. Damit werden die Felder, auf denen man abfucken kann, viel größer. Man sollte im Hinterkopf behalten, dass man Sachen auch einfach mal lassen kann. Und dass man, statt sich wie die eigene Vorarbeiterin über die eigene Faulheit zu ärgern, auch mal an die politische Dimension denken kann. Das ist für mich das, worauf Marx und linke Politik hinauswill: Es geht um Freiheit und Bedürfnisbefriedigung und damit um eine bestimmte Art von Egoismus. Mit diesem Maßstab sollten wir noch mal prüfen, ob wir mit unserer Form der Lebensführung, Arbeit oder Bild von Karriere und Geschlecht auf unsere Kosten kommen in diesem System.

Luise Meier „MRX Maschine“
Matthes & Seitz, S. 127, 14 Euro

„MRX Maschine“ funktioniert nach der Formel: FUCK-UP + Solidarität = Revolution. Wie sieht dieser Abfuck aus und wer ist zur Revolution aufgerufen?
Der Abfuck teilt sich in zwei Ebenen auf: Das eine ist das absichtliche Streiken, das andere ist das Scheitern aus Versehen. Ich finde, man kann Kapitalismus beschreiben als eine Ansammlung von Menschen, die angesichts völlig irrationaler Ansprüche und Aufgaben permanent damit beschäftigt sind, sich selbst nicht abzufucken und andere davon abzuhalten abzufucken. Ich denke, das hört nur auf, wenn wir nicht nur uns selbst, sondern vor allem auch den Menschen um uns herum erlauben abzufucken. Dann gibt es Momente, in denen man solidarisch miteinander wird, und in denen schon revolutionäre Praxis passiert, nicht weil danach ein politisch neuer Zustand hergestellt ist, sondern weil im Prozess selbst eine andere solidarische Form der Bedürfnisbefriedigung praktiziert wird. Dafür ist Solidarität im Abfucken total wichtig – vor allem wenn Leute nicht passen, scheitern, anders sind oder Ideen haben, die erst mal unrealistisch klingen. In diesen Momenten versteht man, wieso man das Bestehende kritisieren muss, das uns dafür keinen Platz lässt.

Wie funktioniert das Prinzip von UNWORK, das du beschreibst, bei dir?
Das funktioniert natürlich innerhalb des Kapitalismus nicht widerspruchsfrei. Das geht erst hinterher. Ich war ein Jahr lang in Hartz IV, hab mein Studium abgebrochen, im Copyshop gearbeitet und mal lange nichts gemacht. Man kriegt einen anderen Blick auf die Verhältnisse – ganz anders, als wenn es gerade gut läuft –, wenn man sich dem Weg, den man irgendwann mal gewählt hat, nicht verpflichtet fühlt. Abfucken – nicht um danach Karriere zu machen, sondern um die Welt der Karriere kritisieren zu können. Aus verschiedenen Positionen sieht man eben auch verschiedene Sachen, die man anderen nicht pädagogisch erklären oder aufzwingen kann. Auch für Leute, die nicht komplett mit irgendwas aufhören wollen, ist es gut, zu wissen, dass die Momente des Scheiterns auch immer welche des kritischen Blicks sind – und damit wichtige und vor allem politische Momente.

Reposted bywearebornfree wearebornfree

May 30 2018

10:32

Die Macht zu verletzen

Von Chris Köver

Männer, die als Soldaten kämpfen, „Jungs-Banden“, die die Straßen verunsichern? Was für ein absurdes Szenario! In Naomi Aldermans viertem Roman „The Power“ (Deutsch: „Die Gabe“) sind nicht Männer, sondern Frauen das sogenannte „starke Geschlecht“. Sie dominieren das Militär, die Kirche, die Wirtschaft, die Politik und das Verbrechen. Sie sind die Gefahr, die gebannt werden muss. Und sie sprechen mit Männern, als seien diese ihr Spielzeug.

Es ist etwas vorgefallen. Was, das erzählt Alderman als Rückblick auf eine Vergangenheit, die – YouTube, Google Mail, Smartphones – unsere Gegenwart ist. Es beginnt mit den 14- und 15-jährigen Mädchen, die eines Tages feststellen, dass ihr Körper zur tödlichen Waffe geworden ist. Ein neues Organ ist ihnen gewachsen, ein Muskelstrang, der sich über das Schlüsselbein spannt und Strom erzeugen kann. Mit einer einzigen Berührung können sie jetzt unerträgliche Schmerzen zufügen, Lähmungen und Verbrennungen bis hin zum Tod. Es ist das Gefühl purer Macht, die größtmögliche Erregung, die Alderman ihre Protagonistinnen erleben lässt: „Etwas geschieht. Das Blut hämmert in ihren Ohren. Ein kribbelndes Gefühl breitet sich über ihren Rücken aus, über die Schultern, entlang des Schlüsselbeins. Es sagt: Du bist stark.“

Erst ist es ein Spiel, die Mädchen balgen sich, testen ihre Kräfte. Als jedoch klar wird, dass

auch ältere Frauen über die Gabe verfügen, wenn sie von jüngeren „aufgeweckt“ werden, bricht unter den Mächtigen Panik aus. Jungen werden zu ihrem Schutz in eigene Schulen segregiert. Eltern lassen ihre Söhne nachts nicht mehr auf die Straße.

©Rolex/Bart Michiels

Alderman schrieb „Die Gabe“ bereits vor 2016, also lange bevor unter dem Hashtag #metoo auf der ganzen Welt über Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt diskutiert wurde. Es ist allerdings so gut wie unmöglich, den Roman heute ohne diesen Hintergrund zu lesen: Frauen auf der ganzen Welt entdecken scheinbar über Nacht eine neue, bislang ungeahnte Macht. Sie sprechen öffentlich aus, was ihnen widerfahren ist, und versetzen Männern damit teils beachtliche Schläge (wenn auch …

May 29 2018

14:52

Als Berlin mal Kippa trug

Von Debora Antmann

Zum 25.04.2018 rief die Jüdische Gemeinde unterstützt von diversen Politiker*innen, Parteien und Organisationen zur Aktion „Berlin trägt Kippa“ auf, nachdem in der Woche zuvor zwei Kippa tragende Männer in Berlin angegriffen worden waren. Laut Angaben der Presse folgten rund 2000 Menschen dem Aufruf der jüdischen Gemeinde. „Berlin trägt Kippa“ wurde als Zeichen der Solidarität verhandelt und erlebte bundesweit viel Zuspruch. Die vielen kritischen Stimmen zu der Aktion fanden jedoch kein Gehör. Würde ich eine Kippa tragen, wäre sie mir vor lauter Kopfschütteln an diesem Tag wohl von meinem hübschen Haupt gerutscht.

Berlin trägt Kippa und sammelt Likes auf sozialen Medien © Tine Fetz

Denn Kippatragen ist kein aktives Vorgehen gegen Antisemitismus, das bleibt weiterhin aus. Es ist eine Wohlfühl-Kuschelaktion für wc-Deutsche. Eine Aktion für die eigene Befriedung und das Gefühl, was getan zu haben. Es ist nicht kritisch gegenüber Dominanzkultur und deutschem Alltagsantisemitismus und somit im Grunde auch nicht solidarisch. Es ist nicht der Schrei nach einer Strukturveränderung. Es ist keine Auseinandersetzung mit der Realität von Jüdinnen_Juden in Deutschland. Und dabei ist es unendlich weit weg von der Realität und den Bedürfnissen von Jüdinnen_Juden in dieser Gesellschaft. Es ist ein Aktionismus, der weder mir noch anderen im Alltag Unterstützung bringt, weil es im Zweifelsfall die gleichen wc-deutschen Leute sind, die mir und anderen an den restlichen 364 Tagen trotzdem mit Exotisierungen, Stereotypen und Mikroaggressionen begegnen, ohne es überhaupt zu merken. Als Antisemitismus gilt ja nur, wenn Leute eines auf die Fresse kriegen oder Synagogen angezündet werden. Kippatragen ist herrlich bequem: Warum sich mit deutschem Antisemitismus in seinen subtilen Formen, seiner Allgegenwärtigkeit auseinandersetzen, warum sich selbst kritisch hinterfragen, wenn man zu den Guten gehört: „Ich bin nicht antisemitisch, ich hab damals im April 2018 doch eine Kippa getragen!“

Ganz abgesehen davon, ist es völlig absurd, sich im sicheren Rahmen einer geplanten Großveranstaltung, eine Kippa aufzusetzen und sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen. Das ist so weit von der Realität entfernt, dass es wehtut. Wenn Jüdinnen_Juden im Alltag Kippa tragen, sind da keine 1999 anderen Leute, keine Politiker*innen, kein Beifall (Und nein, das heißt nicht, dass in Zukunft irgendwer anfangen sollte zu klatschen, wenn eine Person mit Kippa vorbeiläuft!). Für Jüdinnen_Juden bleibt es an all den anderen Tagen eine Gefahrensituation, es bleibt das Othering, die schrägen Blicke, die Potenzierung dessen, was wir ohnehin, auch ohne Kippa, erleben. Das Tragen einer Kippa funktioniert nicht wie ein Softwareupdate. Man kann das Ding nicht aufsetzen und plötzlich hat man den Erfahrungsschatz, den Jüdinnen_Juden in Deutschland durch Diskriminierung, Gewalt, wc-deutsche Unbeholfenheit, Mikroaggressionen, dumme Fragen, Stereotype, Negierung, schlechte Scherze, Angetatsche, Erwartungshaltungen, Bilder, Politik und …  ich könnte ewig weitermachen …  tragischerweise automatisch sammeln. Weder schützt es Jüdinnen_Juden, wenn sich 2000 Leute probeweise eine Kippa aufsetzen, noch gewinnt irgendein Goy dadurch auch nur den Ansatz einer Idee, wie es ist, als Jüdin_Jude in Deutschland zu leben. Es schmerzt mich, mit anzusehen, wie Menschen glauben, es sei mehr als ein medienfreundliches Symbol, ein schlechter Witz und kulturelle Aneignung. Ich und andere Kritiker*innen erkennen dabei durchaus an, dass es „gut gemeint“ ist, aber bis auf ein paar coole Bilder für wc-Deutsche bleibt es eben nur heiße wc-deutsche Luft.

Die Kippa und der jüdische Mann
Es ist auch kein Zufall, dass ausgerechnet die Kippa als Zeichen der jüdischen Solidarität gewählt wurde. Die Kappa ist eine Kopfbedeckung, die jüdische Männer tragen. Nicht die Frauen. Tragen jüdische Frauen religiöse Kleidung ist das meistens ein Tichel. Aber 2000 Männer und Frauen mit einem Kopftuch?! Das geht doch nicht! Wo kämen wir denn da hin?! Kopftuch? Jüdisch? Versteht ja auch keiner! Das Einzige, was wc-Deutsche kennen, ist die Kippa. Stereotype und Sexismus geben sich hier die Hand.

Wer waren die Männer, die angegriffen wurden?
Das führt uns zum nächsten Witz an der Geschichte: Wer waren die Männer, die angegriffen wurden, eigentlich? Irgendwie haben die meisten Medienberichterstatter*innen vergessen, zu erwähnen, dass die beiden keine Juden waren. Sie wollten einem Freund beweisen, dass es sicher ist, mit Kippa durch Berlin zu laufen. Well … Schlagt das Internet auf und ihr hättet gewusst, dass dem nicht so ist! Es gibt ausreichend Berichte darüber – und zwar von Betroffenen. Oder noch einfacher: Ihr hättet eurem Freund auch einfach glauben können. Aber die zwei Goys wissen es besser und müssen sich erst mal eine Kippa aufsetzten, um den Beweis zu haben. Das erinnert an Fernsehformate, bei denen Männer sich mit viel Aufwand als Frauen verkleiden, um zu sehen, wie Sexismus so ist. Dass die Berichte von Frauen über Sexismus nicht reichen, ist übrigens sexistisch. Oder Weiße, die mittels Blackfacing, den Versuch starten, herauszufinden, wie das so ist mit diesem Rassismus.

Die Erfahrungen von People of Color reichen nicht: Rassismus in Reinform. Oder eben Goys, die sich eine runde Stoffscheibe auf den Kopf setzen, um die ultimative Antisemitismus-Erfahrung zu machen. Das Wissen von Jüdinnen_Juden hört man da nicht – Antisemitismus at its best. Betroffene nicht hören wollen und gleichzeitig glauben, dass eine 2-Stunden-, 3-Wochen- oder 1-Jahres-Erfahrung in Verkleidung irgendwie vergleichbar sei mit den tatsächlichen Erfahrungen, die Frauen, trans Personen, Personen of Color, Jüdinnen_Juden, behinderte, fette oder arme Menschen machen, ist ein Schlag ins Gesicht genau jener Personen, die die Erfahrungen täglich machen. Vor allem, weil Verkleidung nicht kann, was lebenslanges Aushalten kann: die Wunden spüren und den Subtext verstehen.

Aneignung jüdischer Symbole ist ohnehin schon ein Problem
Das, was die Typen da gemacht haben – und es tut mir durchaus leid, dass sie dafür auf die Fresse bekommen haben – oder besser: was Leute generell machen, die solche Aktionen bringen, nennt sich kulturelle Aneignung, und die ist ein Problem. Ich erlebe oft, dass Menschen, etwa Antideutsche, mit Davidstern durch die Gegend rennen und das Solidarität nennen. Das ist aus vielerlei Gründen problematisch. Zum einen, weil es im Alltag nicht so viele Möglichkeiten gibt, wie Jüdinnen_Juden sich zu erkennen geben können, um solidarisch miteinander zu sein. Wenn dann die Energie, die wir im Alltag aufbringen können, an Leute geht, die gar nicht jüdisch sind, ist das nicht solidarisch, sondern es schädigt unsere Community. Zum anderen gibt es einen Grund, warum so viele Jüdinnen_Juden sich nicht trauen, Symbole offen zu tragen und erkennbar zu sein. Für uns hat das andere Konsequenzen als für die wc-deutsche Ursula. Wenn irgendwelche wc-Deutschen sich Symbole aneignen und diese zur Schau stellen, weil sie es können, weil sie bestimmte strukturelle, historische, emotionale Erfahrungen in ihrem Heranwachsen und Alltag nicht erlebt haben, dann ist das nicht Solidarität, dann ist das Kackscheiße. Dann ist das privilegiertes hegemoniales, klassisches weißes Gebaren und keine Unterstützung im Widerstand gegen wc-deutsche Dominanzkultur, es IST wc-deutsche Dominanz.

Der jüdische Mitbürger
Im Übrigen hat diese ganze Aktion „Berlin trägt Kippa“ mit wohlmeinenden Vokabeln gezeigt, wie sehr Jüdinnen_Juden in Deutschland ausgegrenzt werden. Der Begriff der „jüdischen Mitbürger“ ist schon lange Teil jüdischer Kritik und wurde in diesen Tagen nahezu inflationär verwendet. Wir sind keine „MITBürger*innen“. Wir sind, wenn überhaupt, Bürger*innen und schon dieser Begriff trieft vor nationalem Gebaren. Die Vorsilbe „Mit-“ wird jedoch vor allem dann verwendet, wenn – vermeintlich subtil – „das Andere“ gekennzeichnet werden soll. „Unsere ausländischen Mitbürger“ oder spezifischer „unsere türkischen Mitbürger“ oder eben „unsere jüdischen Mitbürger“. Wir sind nicht einfach Bürger*innen, wir sind MITdabei, zusätzlich zu den normalen, richtigen Einfach-nur-Bürger*innen. Wir sind keine Normalität.

Antimuslimischer Rassismus
Wie schon erwähnt, haben es sich auch rechte Akteur*innen nicht nehmen lassen, sich zu diesem Anlass eine Kippa aufzusetzen. Das liegt vor allem daran, dass die Aktion eine Reaktion auf einen Angriff ist, der von „arabischsprechenden Männern“ ausging. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet dieser Vorfall medial so präsent ist und nicht einer der 1000 anderen, bei denen weiße deutsche Nazis Jüdinnen_Juden beleidigt und angegriffen haben. Es ist kein Zufall, dass Tausende sich bei diesem Vorfall solidarisieren, es ist kein Zufall, dass die AfD sich bei diesem Vorfall mal wieder als Unterstützerin der „jüdischen Mitbürger“ zeigt. Die Mehrheit in diesem Land ist sich nicht zu schade, die Gewalterfahrungen von Jüdinnen_Juden zu instrumentalisieren, um antimuslimischem Rassismus Vorschub zu leisten. Dabei gibt es jene, die sich dabei einfach in ihren rassischen Bildern bestätigt sehen und glauben, „uns“ vor „denen“ beschützen zu müssen, und jene, die bewusst einen angeblichen Kampf gegen Antisemitismus vorschieben, um aktiv antimuslimisch rassistische Aktionen, Haltungen, Ansichten, Taten, Aussagen und Propaganda zu verschleiern oder zu legitimieren. Egal, ob das eine oder das andere, beides ist (antimuslimischer) Rassismus und der Move, Jüdinnen_Juden dafür zu instrumentalisieren, ist auch antisemitisch. Beides ist weit entfernt von „links“ und beides bringt Menschen aktiv in Gefahr. Auch jene, die es vermeintlich unterstützen soll.

Reposted byStadtgespenst Stadtgespenst

May 28 2018

10:01

Der Traum vom Familienglück

Von Gabriele Summen

Charlize Theron ist eine Schauspielerin, die sich stets mit Haut und Haar in ihre Rollen einbringt. In „Tully“ liefert sie – kaum wiedererkennbar – als ausgebrannte Mutter dreier Kinder ihre beste Performance seit „Monster“ ab. Auch Mackenzie Davis („Blade Runner 2049“), die die titelgebende „night nanny“ darstellt, beeindruckt mit ihrer Leistung.

Charlize Theron als Marlo © DCM

Hinter den beiden steht ein weiteres Dream-Team: Regisseur Jason Reitman und Drehbuchautorin Diablo Cody, die bereits „Juno“ und „Young Adults“ zusammen auf die Beine gestellt haben, zeichnen verantwortlich für diese aufrichtige Dramedy über die dauererschöpfte Marlo, die nie gelernt hat, um Hilfe zu fragen.

Mackenzie Davis ist Tully © DCM

Marlos gut betuchter Bruder macht sich Sorgen. Deshalb schenkt er ihr zur Geburt des dritten – ungeplanten – Kindes eine Nanny, die die Nachtschicht übernehmen soll, damit sie sich etwas ausruhen kann. Anfangs lehnt Marlo diese Hilfe ab, aber schließlich lässt sie doch die freigeistige Tully in ihr Nachtleben. Durch das bizarre Manic-Pixie-Dream-Girl von Babysitterin, die sich letztlich als etwas ganz anderes entpuppt, erfahren wir endlich mehr über die Hausfrau und Mutter: ihre geplatzten Karriereträume und ihre frühere lesbische Identität.

„Tully“ US 2018. Regie: Jason Reitman. Mit: Charlize Theron, Mackenzie Davis, Ron Livingston u. a., 95 Min., Start: 31.05.

Meine Teenager-Tochter fragte mich entsetzt: Ist es wirklich sooo schlimm, wenn man Mutter wird? Ja, so überfordernd kann es werden, wenn man nicht aufpasst, sich nicht zu verlieren, und Partner*in, Familie und Freund*innen nicht mitziehen – oder das Budget zu knapp ist, um sich professionelle Hilfe zu holen. Ein Pflichtfilm für angehende Eltern.

Reposted bygingerglue gingerglue

May 24 2018

12:21

Melissa Broder: „Humor ist die beste Methode, um Sachen zu bewältigen.“

Interview: Juli Katz

Zur „wahrscheinlich mächtigste[n] Dealerin von Emotionen“ wurde Melissa Broder von der Zeitschrift „GQ“ gekürt. Als Verfasserin der Tweets von @sosadtoday befasst sie sich mit ihren psychischen Erkrankungen und der Angststörung, die ihr im Alter von zwölf Jahren diagnostiziert wurde. Sie schrieb Horoskope für Lena Dunhams Newsletter „Lennyletter“ und bespielte die Kolumne „Beauty and Death“ in der „Elle“.

2016 erschien ihre Essaysammlung „So Sad Today“, in der sie von ihrer Alkohol-  und Drogenabhängigkeit erzählt, von ihrer Essstörung und ihren (un-)glücklichen (Liebes-)Beziehungen – „romantischen Obsessionen“, wie sie sie nennt. Auch ihr neues Buch, „Pisces“, das zeitgleich auf Deutsch im Ullstein Verlag erscheint, kennt diese Themen. Ein Skype-Gespräch von Berlin nach Los Angeles.

Melissa Broder © privat

Melissa Broder, gerade erscheint dein erster Roman, der erzählt, was die Liebe zu einem Meermann so mit einem macht. Wie geht’s?
Ich bin ziemlich aufgeregt und nervös. Eigentlich hat es mit dem anonymen Twitter-Account @sosadtoday angefangen, dem mittlerweile 641.000 Leute – darunter auch Katy Perry und Miley Cyrus – folgen. Im Herbst 2012 hatte ich große Probleme mit Angst und Depressionen und es sah so aus, als würde einfach nichts helfen; weder meine Therapie noch dass ich die Medikamente verändert habe. Ich brauchte einen Ort, um diese Gefühle rauszulassen – also hab ich angefangen, meine Tweets in die Leere zu schreiben. Den Rest kennst du ja.

Wie war der Moment, als du beim Interview mit dem „Rolling Stone“ entschieden hast, nicht länger anonym bleiben zu wollen?
Sagen wir’s so: Ich hab viel Zeit damit verbracht, in meinen Therapiesitzungen drüber zu sprechen, weil ich ziemlich nervös war, dass ein paar Leute enttäuscht von mir sein könnten. Aber ehrlich gesagt hat mich niemand wirklich verurteilt – eigentlich waren alle ziemlich cool damit.

Neben psychischen Erkrankungen geht’s bei deiner Twitter-Persona vor allem ziemlich witzig zu. Da gibt’s Tweets wie „a positive emotion can fuck you upforever“ oder: „brb, i’m imagining the worst“. Denkst du, wir könnten ohne Witze überleben?
Keine Chance, ich brauche Humor. Das ist die beste Methode, um Sachen zu bewältigen. SoSadToday ist für mich nicht unbedingt Alter Ego oder eine andere Persona – sondern ein Teil von mir, den ich ausschließlich an diesem Ort zeigen kann und nicht so sehr im täglichen Leben.

Wirst du manchmal dafür kritisiert, dass du zu romantisch mit psychischen Erkrankungen umgehst?
Manche sagen das, ja. Aber ich würde nicht mal sagen, dass es romantisch ist – sondern einfach meine Erfahrung, über die ich auf die Art sprechen können sollte, die ich für richtig halte, oder? Über Erfahrungen von anderen würde ich nicht urteilen wollen.

Was bedeutet das Internet für dich als Künstlerin?
Puh, ich glaube, ich bin einfach internetsüchtig – wie ein Junkie, der hasst, was er macht, aber es einfach nicht lassen kann. Meine Sucht zielt auf die Möglichkeit auf Anerkennung ab – das klappt da ziemlich gut.

Bei deinen Gedichten, deinem Essayband „So Sad Today“ deiner Kolumne für „Vice“ und deinen Tweets geht’s immer um ein Ich, das von Melissa Broder erzählt. In deinem neuen Roman gibt’s aber ein neues Ich – das deiner Protagonistin Lucy, die durch die Story führt.
Das war schon ziemlich super, jemanden zu „bewohnen“, und es war auch eine sehr gute Erfahrung, dass ich das nicht selbst sein musste. Aus der Ich-Perspektive zu erzählen, war nicht unbedingt eine bewusste Entscheidung, sondern eher wie ich Lucy überhaupt erst kennengelernt hab – und dann auch, wie die Story erzählt werden wollte.

Lucy ist 39 und zieht ins Haus ihrer Schwester, um sich von den Strapazen ihres Lebens zu erholen, unter anderem von einer zerbrochenen Beziehung. Darf man dich fragen, wie viel Persönliches du da fiktional verarbeitest?
Na ja, anders als Lucy hab ich keinen Kontakt zu einem Meermann, aber nichts fängt diese Sehnsucht, einen ewig andauernden Liebesmoment kreieren zu wollen, besser ein als die Beziehung zwischen Menschen und Meermännern. Allerdings kenne ich die meisten Gefühle, die Lucy hat, ziemlich gut.

Welche davon?
Sehnsucht, eine bedrohte Existenz, Depression, romantische Obsessionen … ich kenn das alles.

Was bedeutet romantische Obsession für deine Protagonistin?
Ich würde sagen: Hoffnung. Aber falsche. Und es ist der Versuch, die Leere zu füllen, die wir in uns haben.

Lucy macht viele mehr oder weniger ungesunde sexuelle Begegnungen. Was ist der Unterschied zwischen ihrem Exfreund Jamie, dem Meermann Theo und den Typen, die sie beim Onlinedating trifft?
Na ja, Theo ist ein Teil ihrer Fantasie. Und eigentlich gehören dazu auch die Männer, mit denen sie bei Tinder schreibt – bis sie mit ihnen interagiert und die Fantasie, die sie vorher spinnen konnte, kaputtgeht. Mit Jamie gibt’s keine Fantasie, weil sie mit ihm in einer Langzeitbeziehung ist. Je mehr Distanz es gibt und je unrealistischer die Beziehung scheint, desto mehr Chancen gibt es auf diesen fantastischen Raum, der als Droge funktioniert.

Was bedeutet Fantasie für Lucy?
Flucht. Die Freiheit von Realität und linearem Denken. Aber das kann gefährlich sein, für die schönen Seiten der Realität zumindest.

Sex spielt für sie eine sehr große Rolle. Warum?
Lucy ist einfach eine sehr sexuelle Person und gerade in ihrer Situation ist Sex wahrscheinlich auch der Versuch, dieses große existenzielle Loch zu stopfen, das wir alle kennen, aber nie mit einer anderen Person füllen können.

200 Seiten lang folgt man Lucys Ausführungen und ist ziemlich nah bei ihr. Wie siehst du sie aus der Distanz?
Ich liebe sie sehr. Sie hat zwar ihre Fehler – wie alle menschlichen Lebewesen. Und ich denke, dass sie einen Teil von uns verkörpert, der zwar ziemlich viel Wissen hat, dem aber manchmal das Bewusstsein für ein paar unserer Lebensbereiche fehlt.

Einerseits will sie dringend von ihren Problemen weg und tritt sogar einer Selbsthilfegruppe bei. Andererseits stürzt sie sich Hals über Kopf in alles, was irgendwie nach Ablenkung aussieht. Ist nicht dieses ganze Liebes- und Sexding ein Boykott der eigenen Heilung?
Ja, ich glaube, manchmal ist es halt so, dass man die Medizin nicht akzeptiert. Aber nur weil das so ist, heißt das noch nicht, dass sie nicht funktioniert.

Sie gibt dem Hund einschläfernde Medikamente, um ihren Lover zu daten, und blutet das teure Sofa ihrer Schwester voll. Hat Liebe auch immer ein bisschen mit Zerstörung zu tun?
Nicht notwendigerweise, aber ich würde sagen, es gibt schon immer eine gute Chance darauf.

Fast alle weiblichen Figuren im Buch – unter anderem diejenigen, die mit Lucy in der Selbsthilfegruppe sitzen – leiden unter ihren Beziehungen; außer der Gruppenleiterin, die Krebs überwunden hat.
Das sollte kein allgemeingültiges Statement sein, aber die Frauen, die sich da treffen, haben deutlich an Liebe und Männern gelitten, und in diesem Leid treffen sie sich … Warte, kannst du mal einen Moment dranbleiben?

Klar.

[Das Interview dauert bis jetzt vielleicht 20 Minuten und es ist nicht so richtig klar, was passiert. Am wahrscheinlichsten ist, dass Melissa Broder in Los Angeles in ein Uber oder Taxi einsteigt. Zumindest unterhält sie sich mit jemandem und beschreibt ihm den Weg zu einem Café am Santa Monica Boulevard.]

Ok, hier bin ich wieder. Sorry.

Woher kommt deine Faszination für das Fantastische und die Illusion?
Wahrscheinlich weil ich mich immer so gefühlt habe, als wäre die Welt selbst einfach nicht genug.

Was ist besser: schlechten Sex auf einer Hoteltoilette zu haben, ohne danach zum Drink eingeladen zu werden, oder von einem Meermann ertränkt zuwerden?
(lacht) Das ist eine sehr gute Frage … kommt halt drauf an, was du so magst?

Ja, aber was magst du?
(überlegt lange) Sagen wir’s so: Ich hab beides überlebt.

Glaubst du, dass die Sachen, die einen am meisten quälen, auch die Sachen sind, die man braucht, um zu wachsen?
Ich würde Ja sagen. Ich denke, dass wir in die Sachen, die in unserem Leben auftauchen und uns Schmerzen bereiten … das ist unser Ding, da müssen wir rein.

Melissa Broder „Fische“
 Ullstein Verlag, 352  S., 21 Euro

Danke. Sag mir noch, wie du’s findest, auf einer Bühne zu stehen und dein Zeug da zu präsentieren. Macht dich das eher nervös oder stolz?
Das hängt immer von meiner Tagesform ab – manchmal plage ich mich mit einer Tonne von Angst rum und will einfach nur, dass es vorbei ist; manchmal bin ich aber auch einfach total im Flow und kann mir nichts vorstellen, das ich mehr liebe.

Melissa und ich verabschieden uns voneinander, aber das Skype-Gespräch läuft noch zwei, drei Sekunden weiter, sodass man hört, was sie zum potenziellen Taxi- oder Uber-Fahrer sagt. Es ist: „Sorry.“

May 23 2018

11:35

Sudan Archives: Das upgedatete Musikarchiv

Von Vanessa Wohlrath

„Fuck you very much“ könnte als Slogan für eine digitale Poprevolution gelten, die sich Anfang 2000 unter anderem durch die Onlineplattformen MySpace und YouTube gegen die bestehenden Hierarchien der Musikindustrie auflehnte und Musiker*innen wie Lily Allen oder The Knife auch ohne Plattenvertrag und Studio die Möglichkeit bot, ganz ungefiltert mit ihren Songs an die Öffentlichkeit zu treten. Heute hat sich dieser DIY-Ansatz weitestgehend etabliert. Gesangsaufnahmen werden am Tablet aufgenommen und direkt veröffentlicht.

© Jack McKain

Während sich auf diesem Wege unbekannte junge Künstler*innen Gehör verschaffen, findet zeitgleich ein Rückblick auf alte, längst bestehende Musiktraditionen im Internet statt. So werden etwa vergessene Größen aus dem asiatischen und arabischen Raum wiederentdeckt. Genau diese beiden Bewegungen – DIY und die Neuentdeckung des Alten – haben auch dazu geführt, dass die US-amerikanische Violinistin Brittney Denise Parks zu ihrem ganz eigenen Klang fand.

Von ihrer Mutter meist „Sudan“ genannt, klickte sich Parks als 16-Jährige durchs Netz und stieß dabei auf Geigenmusik aus dem Land, von dem sich auch ihr Spitzname ableitet: dem Sudan. Sie selbst hatte sich das Geigenspiel bereits als Kind alleine beigebracht und gelernt, das Instrument nach Gehör zu spielen. Mithilfe von YouTube entdeckte sie dann plötzlich eine ihr völlig neue Spielweise, als sie es aus der klassischen Musik kannte. Angefixt von diesem eigentümlichen Stil machte sich die mittlerweile in Los Angeles lebende Musikerin auf die Suche nach ihren „Wurzeln“ in den geigenlastigen Traditionen des Sudans sowie in der westafrikanischen Folkmusik. Aus Brittney Denise Parks wurde Sudan Archives, die ihre Inspiration aus dem riesigen Repertoire an sudanesischen Liedern schöpft, in denen die Geige auch als Rhythmusinstrument eingesetzt wird.

Für ihren eigenen Sound ist die Kombination aus Folkeinflüssen mit elektronischen Elementen entscheidend. Sudan Archives bringt ihre Geige mit starken Beats zusammen, setzt sie perkussiv ein. Mal nimmt sie den Bogen und streicht, mal zupft und tupft sie mit den Fingern auf die Saiten. Das Ergebnis: synkopische Rhythmen, angereichert mit gesampleten Loops und einnehmenden Vocals – allesamt produziert in Eigenregie.

Sudan Archives „Sink“
(Stones Throw/Rough Trade)

Nach der selbstbetitelten Debüt-EP von 2017 erscheint nun mit „Sink“ ein beeindruckender Nachfolger, auf dem der Geist von Erykah Badu („Beautiful Mistake“) und Jamila Woods („Mind Control“) ebenso mitschwingt wie der trippige HipHop-Sound von Flying Lotus („Sink“). All das wird durchsetzt von einer Feinfühligkeit und Melancholie, mit denen Sudan Archives ihren Bogen genau richtig spannt.

May 22 2018

16:26

„Hello“ mit deutschem Akzent

Von Leyla Yenirce

Wieso werde ich auf deutsch angesprochen und meine Schwarze Freundin nicht? Diese Frage stellte ich mir neulich, als ich mit einer Freundin Konzerte gespielt habe. Wir haben eine gemeinsame Band und gingen auf eine kleine Tour. Jess hatte mir schon erzählt, dass sie ohne einen offensichtlichen Grund öfters auf Englisch angesprochen wird. Erst als wir mehrere Tage am Stück gemeinsam unterwegs waren, habe ich verstanden, was sie meint. Innerhalb weniger Tage ist es drei mal passiert, dass ich mit einem „hallo“ und sie mit einem „hello“ begrüßt wurde.

(c) Tine Fetz

Anfangs fand ich es noch lustig, weil es bescheuert ist, wenn eine Band mit mehreren Mitgliedern ankommt und die einzelnen Personen mit unterschiedlichen Sprachen angesprochen werden – während wir neben einander stehen. Aber auf dem zweiten Blick ist es leider gar nicht zum Lachen und nichts anderes als Rassismus. Sie ist eine Schwarze Künstlerin und deswegen wahrscheinlich aus einem afrikanischen Land oder den USA – aber garantiert nicht aus Deutschland.

„In welchen Land seid ihr eigentlich aufgewachsen?“, frage ich mich.

Ich bin von klein auf mit Schwarzen Menschen groß geworden, ebenso wie mein kleiner Bruder in der Grundschule oder mein älterer Bruder in seinem Fußballverein. Wer aus einer bestimmten sozialen Klasse kommt, hat ein anderes Verständnis einer heterogenen Gesellschaft. Nicht nur, weil man weiß, dass Deutschland ein heterogenes Land ist, sondern auch, weil man tagtäglich mit dieser Heterogenität lebt. Der Unterschied zwischen gewusster und gelebter Realität ist fein, aber er ist am Ende doch gravierend.

Dass Jess oft Englisch angesprochen wird, passiert ihr übrigens auch erst, seitdem sie sich als Künstlerin in der bildungsbürgerlichen Kunst- und Kulturszene bewegt, wie sie mir erzählte. Dort haben die meisten Menschen meist nur auf professioneller Ebene mit nicht-weißen Personen zu tun, eine Auseinandersetzung findet nur im Verhältnis zwischen Künstler*innen und Veranstalter*innen statt. Letztere lieben es, Performer*innen aus aller Welt in ihre Programme zu kuratieren, aber wenn man sich ihren Alltag anschaut, ist er ziemlich weiß. Warum interpretiert man sonst eine Person, die nicht so aussieht wie jemand selbst, gleich als international?

Ich wurde als PoC im Gegensatz zu Jess noch nicht auf Englisch angesprochen, wenn ich in Deutschland unterwegs war. Als Kanakin besitze ich immer noch andere Privilegien als eine Schwarze Person. Das war mir auch schon vorher bewusst, aber ist mir spätestens nach unseren gemeinsamen Ausflügen noch deutlicher geworden. Nicht nur beim Verhalten der Menschen in institutionalisierten Räumen, sondern auch in meinem eigenen Handeln. Nach unserem Konzert erzählte ich unseren Freund*innen empört über die Diskriminierungserfahrungen, die Jess machen musste. Sie bat mich wiederum, ihr zu überlassen, ob und wann sie solche Erfahrung in die Öffentlichkeit trägt. Sie hatte keine Lust zum Opfer gemacht zu werden – verständlich. Ich habe mich am Ende in Absprache mit Jess für den Text entschieden, auch wenn ich nicht betroffen bin, sondern lediglich beobachte.

Auf die englischen Begrüßungen reagiert Jess übrigens auf Deutsch und bringt die Leute damit ziemlich in Verlegenheit. Oder sie zeigt sich verwundert darüber, dass Veranstalter*innen selber Deutsch sprechen können. Man könnte natürlich auch einfach vorher schauen, woher die Künstler*innen kommen, die man bucht oder vielleicht nachfragen, ob die sie Deutsch sprechen können bevor man Mitglieder derselben Band unterschiedlich anspricht. Aber naja, man könnte….

12:21

Die schlechteste Antimonarchistin der Welt

Von Jacinta Nandi

„Mama, was machst du?“ Mein 13-jähriger Sohn guckt mich verwirrt an. „Guckst du gerade die Hochzeit an? Ich dachte, du wolltest das boykottieren aus Solidarität mit den britischen Steuerzahlern?“

„Ich gucke mir diese Hochzeit nicht an! Wenn ich diese Hochzeit angucken wollte, würde ich den Fernseher an machen! Aber ich gucke nur ein bisschen zu, bei YouTube Live … aus reiner Neugier! Ich würde mir das niemals tatsächlich angucken!“

Das Baby sitzt im Hochstuhl und ich gebe ihm Tortellini. Er isst jede Tortellini langsam auf, kaut vorsichtig, manchmal spuckt er die Hälfte aus, um die Tortellini wieder aufzuheben und noch mal in den Mund zu stecken. Eigentlich bin ich eine Antimonarchistin mit einem Baby, das screen-free erzogen werden sollte. Aber wir gucken gerade ein bisschen die königliche Hochzeit von Harry und Meghan bei YouTube Live. Das Baby gibt mir eine Tortellini. „Soll ich das essen?“, frage ich ihn. Er antwortet nicht – er kann nicht, er ist nur ein Baby. Ich stecke es in meinen Mund. Dann überlege ich mir, ob es schon in seinem Mund gewesen ist. Na ja, egal. Meghan Markle kommt bei der Kirche an und ich fange sofort an zu weinen. Sie sieht tatsächlich so schön aus, dass ich weinen muss. Das heißt nicht, dass die Monarchie nicht abgeschafft werden sollte. Ich weine einfach gerne bei Hochzeiten.

„Mama, weinst du jetzt etwa?“ Mein 13-jähriger Sohn guckt mich sehr verwirrt an. „Ich dachte, du wolltest die Monarchie abschaffen?“

„Ich will die Monarchie immer noch abschaffen“, sage ich. „Aber sie ist so hübsch … und außerdem ist sie Schwarz, und diese Arschloch-Familie voller Kolonisatoren … es ist irgendwie berührend.“

„Wenn die Leser von der „Jungle World“ oder so dich sehen könnten“, sagt mein Freund, der gerade wieder vom Frisör nach Hause gekommen ist. „Du guckst dir die Hochzeit an, und du weinst dabei!“

Während ich das Baby ins Bett für den Mittagschlaf bringe, verpasse ich das Beste, sagt mein Freund nachher, der mittlerweile tatsächlich das Fernsehgerät angeschaltet hat – die Rede des Pastors, der Martin Luther King und Sklaverei erwähnt hat. „Oh mein Gott“, sage ich. „Das ist der Hammer! Schade nur, dass Meghan nicht woke genug gewesen ist, um einen Pastor zu beantragen, der erwähnen würde, dass die Juwelen in der Krone der Königin alle gestohlen sind.“

Jetzt küsst Harry Meghan. Ich seufze. „Das war ein guter Kuss“, sage ich. „Besser als bei William und Kate“, denke ich. Liebevoll, aber sanft … ziemlich hart. Harry ist sehr scharf auf Meghan, das gefällt mir.

„Du bist die schlechteste Antimonarchistin der Welt!“, sagt mein Freund.

Es klingt blöd, aber bei William und Kate war es leichter, wütend zu sein, wütend zu bleiben, wütend und hart, als bei Meghan und Harry. Sie ist SO hübsch. Und die Windsors sind SOLCHE Kolonisatoren. Ganze Familie, nur Arschlöcher. Und sie so hübsch. Immer wenn Harry sie anlächelt, schmelzt mein Herz ein bisschen. Ab morgen verspreche ich, diese ganze Familie wieder zu hassen. Aber heute schaffe ich es nicht ganz.

Nachher ruft meine Mama an.

„Hast du dir die Hochzeit angeschaut?“, fragt sie.

„Nur ein kleines bisschen“, gebe ich zu.

„Ja, ich auch“, sagt sie.

„DU auch?“, frage ich schockiert.

„Ja“, sagt sie. „Ich musste mir das anschauen.“

„Aber du hast uns nie erlaubt, so was anzugucken …“, sage ich. „Als Kinder. Du bist doch eine richtige Antimonarchistin. Nur die Beerdigungen dürften wir anschauen.“

„Na ja“, sagte sie. „Denkst du, dass ich eine Heuchlerin bin? Dein kleiner Bruder hat mir vorgeworfen, eine Heuchlerin zu sein, weil ich mir die Hochzeit angeschaut habe.“

„Na ja“, sage ich. „Ich glaube, Ryan und Thomas denken auch, dass ich eine Heuchlerin bin, ehrlich gesagt.“

„Ich habe deinem Bruder erklärt, dass ich wissen muss, wogegen ich kämpfe. Und ihn gebeten, den Fernseher anzumachen, damit ich es genau wissen kann. Sah sie nicht schön aus in dem Kleid? Viel hübscher als Kate zumindest. Kate sah aus wie eine Tüte alter Knochen! Aber Meghan war sehr schön. Und jetzt muss sie nie wieder arbeiten, bis sie stirbt, wahrscheinlich hat sie auch deswegen so gestrahlt … es sei denn, sie lassen sich scheiden und dann muss sie Werbung für Diätprodukte machen so wie Fergie.“

Eigentlich sollte nicht nur die Monarchie, sondern auch die Ehe abgeschafft werden, denke ich mir. Die bescheuerten Hüte, die die Aristokrat*innen zu Hochzeiten tragen, als ob auch sie denken, dass die Ehe ein Witz sein soll. Und warum haben Fergie und ihre Tochter sich als Stewardessen verkleidet? Die ganze Welt guckt zu, und die britischen Steuerzahler*innen zahlen dafür. Absurd. Fast so absurd wie die Idee, dass die Gräfin von Sussex, aka Meghan Markle, oder die tote Mutter ihres Mannes, Lady Diana, für soziale Gerechtigkeit kämpfen könnten oder gekämpft haben. Man kann nicht ein Mitglied der Windsor-Familie sein und soziale Gerechtigkeit zum Ziel haben. Ohne soziale Ungerechtigkeit würde diese Familie nicht existieren. Das Existenz dieser Familie basiert auf Unterdrückung und Ausbeutung.

Und trotzdem habe ich heute geweint, als Meghan Markle bei der Kirche angekommen ist. Na ja. Sie ist SO schön gewesen, und ich bin eine Heuchlerin.

May 18 2018

11:56

Let’s Talk About … Feministische Podcasts, die dein Leben verändern

Von Valerie-Siba Rousparast

Es ist mal wieder so weit: Wir hatten zwar schon mal eine Liste mit guten queerfeministischen Podcasts für euch, aber da die Szene zunehmend wächst, kommt hier endlich neuer Input. Immer mehr Personen of Color, insbesondere auch queere und weiblich identifizierte Personen nutzen Podcasts, um sich Luft zu machen. Über Sex, Empowerment, über Gefühle, Beziehungen, aber auch über strukturelle Probleme, Alltagsrassismus, Politik und Aktivismus.

© Eva Feuchter

Obwohl ich mich diesem Medium selbst lange Zeit verweigert habe, weil ich sowieso die meiste Zeit entweder am Telefon, im Internet oder im real life mit Leuten schnacke, war der Bedarf an zusätzlichem Input eher gering. Inzwischen gibt es aber so viele inspirierende Podcasts, dass ich endgültig überzeugt bin – und es unbedingt empfehlen kann. Wenn du also die Zeit auf dem Weg zum See, in der Bib oder in der Mittagspause auf der Arbeit  noch besser nutzen möchtest oder auch einfach Langeweile hast, wenn keine Zeit bleibt, zu feministischen Events zu gehen oder gar keine in deiner Nähe stattfinden, sind diese Podcasts auf Deutsch und auf Englisch eine super Möglichkeit, um an aktuellen Diskursen teilzuhaben. Die Lieblingspodcasts aus unserer Community und meine persönlichen Favoriten gibt es hier für dich.

In unserer Kolumne Missyverse bloggt die Redaktion des Missy Magazines, immer im Wechsel. Ab sofort, jeden Freitag.

Rice and Shine
Jeden Monat sprechen Minh Thu Tran und Vanessa Vu über das Vietsein in Deutschland, über Alltagsrassismus, Beziehungen, Familie und über Essen. Dazu laden sie bei Rice and Shine regelmäßig Gäste ein, wie zuletzt die antifaschistische Aktivistin My Linh oder die Bloggerin Yenhan aka Naekubi.

Sooo Many White Guys
Jede Woche spricht Phoebe mit bekannten Personen, die alles sind, aber meistens keine white Dudes, von denen hat sie nämlich einfach genug. Koproduziert wird das Ganze von Ilana Glazer, bekannt aus „Broad City“ – dass es lustig ist, ist also Gesetz. Das Ergebnis sind intime, ehrliche Gespräche auf Englisch mit Schauspieler*innen, Comedians und Musiker*innen.

Rookie
Die Bloggerin und Autorin interviewt für ihren Podcast zum gleichnamigen Magazin „Rookie“ wöchentlich Schauspieler*innen, Autor*innen, Aktivist*innen und andere Personen aus der popkulturellen Bubble. Mit ihnen spricht sie auf Englisch über Alltagsprobleme, Kultur und Beziehungen.

Backtalk und Propaganda
In zwei Podcasts sprechen „Bitch Media“-Redakteur*innen jede Woche darüber, was in der Welt der Popkultur gerade los ist (Backtalk), und hinterfragen und diskutieren die neuesten Früchte der Medienwelt (Propaganda).

Let’s Talk About Sex
Die Sexologin Juliet Allen spricht in ihrem Podcast über … Sex! Sie ist nicht nur Tantralehrerin, sondern auch Doula und Autorin. Von Dating über Sex, Blut und Ejakulation – Juliet Allen spricht über all das in ihrer angenehm beruhigenden Art.

Emotional Labour Queen
Eine Schulter zum Anlehnen und ein offenes Ohr, beides hat Emotional Labour Queen. In jeder der monatlich erscheinenden Folgen beantwortet sie auf Englisch Fragen aus dem Alltag. Manche davon erscheinen auch auf Deutsch  bei Missy Magazine als Kolumne. Per Mail oder über den dazugehörigen Tumblr kann jede*r anonym Fragen einsenden. Die aktuelle Folge gibt es zum Nachhören auf Mixcloud.

The Sexually Liberated Woman
Zweimal im Monat unterhält sich Ev’Yan Whitney in ihrem sexpositiven Podcast im offenen Gespräch mit unterschiedlichen Personen über sexuelles Empowerment, Beziehungen und die Kraft der Selbstheilung. Dabei geht es auch um Themen wie Polyamorie, Sex mit Freund*innen, die Dekolonialisierung Schwarzer Sexualität und Trauma.

Valerie-Siba Rousparast arbeitet seit 2016 als Redakteurin bei Missy. Wenn sie nicht gerade im Internet ist, schreibt sie darüber, über Popkultur und soziale Beziehungen.

Good Muslim Bad Muslim
Es begann mit dem #GoodMuslimBadMuslim. Inzwischen haben es die US-Amerikanerinnen Tanzila „Taz“ Ahmed und Zahra Noorbakhsh mit ihrem Podcast sogar ins „Oprah Magazine“ geschafft. Jeden Monat sprechen sie über ihre Erfahrungen als muslimische Frauen in den USA.

Bury Your Gaze
Die Mädchenmannschaft ist sowieso ganz vorn dabei, wenn es um guten Podcast-Content auf Deutsch geht. Für Bury Your Gaze gucken sie bei Serien und Filmen für dich genauer hin und hinterfragen Repräsentations- und Produktionspolitiken, besprechen besonders gelungene Charaktere und feiern Fankulturen.

May 17 2018

10:03

Ciao, binäres System!

Von Lisa Tracy Michalik

Heute startet die offizielle Kampagne der Aktion Standesamt 2018. Die Aktion fordert ein neues Personenstandsgesetz mit selbstbestimmtem dritten Geschlechtseintrag. Eine Gesetzesreform soll die diese zentralen Eckpunkte enthalten:

  • Nach der Geburt bleibt der Geschlechtseintrag für alle frei.
  • Wer will, kann das eigene Geschlecht selbstbestimmt eintragen lassen mit mehr Optionen als weiblich/männlich, unabhängig von Gutachten, Gerichtsverfahren und Nachweisen, unabhängig von der körperlichen Konstitution, unabhängig vom Alter, für alle, die dauerhaft in Deutschland leben, unabhängig von Staatsangehörigkeit.
Ob es ab Ende 2018 eine dritte Option oder grundsätzlich keine Geschlechtereingabe im Personeneintrag geben wird, ist bisher unklar © TheTruthAbout/Flickr/CC BY-SA 2.0

Außerdem fordert die Aktion einen umfassenden Diskriminierungsschutz und Neuregelungen zu allen Fragen, die mit dem Geschlechtseintrag zusammenhängen, wie z. B. die Eintragung als Eltern.

Wenn du gemeinsam mit der Aktion Standesamt 2018 deinen neuen Geschlechtsantrag beantragen möchtest, findet du auf deren Website verschiedene Musteranträge und einen Leitfaden für die einzelnen Schritte.

May 16 2018

09:44

Kotzt mich an!

Von Jacinta Nandi

Damals, als der ehemalige US-Präsident Obama die Krankenversicherung für alle einführen wollte, entwickelte ich ein neues Hobby: nach YouTube-Videos suchen, in denen Amis, die keine Versicherung hatten, sich drüber beschwerten, dass sie jetzt eine solche bekommen würden. Faszinierend! Warum bloß wollten sie unversichert bleiben? Dann habe ich es gecheckt: Wenn jemand, die*der bisher ohne Krankenversicherung gelebt hat, jetzt plötzlich versichert wird, muss sie*er zugeben, dass bis zu diesem Zeitpunkt etwas nicht in Ordnung war. Das nimmt Energie. Und manchmal ist das zu viel verlangt.

Genauso bin ich enttäuscht, wenn sich die Frauen unserer Müttergeneration über die #metoo-Bewegung lustig machen. Besonders schlimm finde ich es, wenn sich Frauen, die

sexualisierte Gewalt kleinreden, als Feministinnen definieren. Wenn Catherine Deneuve sagt, dass sexuelle Gewalt „normal“ sei, bin ich genervt. Aber wenn sich Germaine Greer despektierlich äußert, tut es weh.

©Josephin Ritschel

Greer, heute eine alte Frau, ist die angelsächsische Alice Schwarzer. Es gibt Sprüche von ihr, für die wir ihr immer dankbar sein werden: „Frauen haben keine Ahnung, wie sehr die Männer sie hassen.“ Trotzdem hat sie sich in der letzten Zeit immer wieder blamiert, etwa mit Transfeindlichkeit. Und jetzt lehnt sie #metoo ab, ganz unsolidarisch: Es sei eine „Jammerbewegung“, wie sie sagt. Die #metoo-Bewegung ist in meinen Augen eine Revolution. Und diese Revolution findet auch bei mir statt, tief drinnen, in mei…

May 15 2018

09:10

Zwei Seiten einer Münze

Von Casino

Bei meinen ersten Erfahrungen mit Sexarbeit hatte ich noch männlich performt. Genau gesagt: „Männlicher, Schwarzer Top mit hartem Schwanz, der geile Löcher zur Besamung sucht“, wie es in meinem Profil stand. Das hatte ich geschrieben, um aufzufallen, aber auch, um Geld zu verdienen. Ein Stereotyp über Schwarze Männer lautet, dass sie große Schwänze und einen Heißhunger auf Sex haben. Auch wenn ich diese Ansicht höchst problematisch finde, benutzte ich sie zu meinem Vorteil. Wenn so was in deinem Profil steht, dann heißt das, du meinst es ernst mit einer harten Ficksession.

Natürlich spielt Gender eine Rolle in der Sexarbeit – wie in jedem anderen Beruf auch © Tine Fetz

Ich habe viele Männer getoppt, deren Fantasie das war. „Oh ja, fick mich mit deinem Schwarzen Schwanz“, sagten sie. Einmal nannte mich einer seinen „Schokoladen-Fuckboy“. Ich weiß… Es fühlt sich jedoch meistens gut und seltsam an, wenn man bedenkt, dass ich in 90 Prozent der Fälle kleiner und viel jünger bin als die Männer, die ich dominiere. Ich bin 1,65 m groß, wenn man großzügig misst, und die meisten meiner Kunden sind größere, weiße, ältere Männer.

Diese schwule Sexarbeit hat am Anfang Spaß gemacht, als ich verehrt wurde und dafür bezahlt wurde, verehrt zu werden. Aber die Arbeit hat mich nicht erfüllt und ich hab sie weniger und weniger gemocht. Diese Männer versuchen ständig, meine Grenzen zu überschreiten, um zu sehen, wie weit sie bei mir gehen können. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich keine Lust mehr hatte, missachtet zu werden. Nicht von ihnen missachtet, sondern von mir.

In den letzten Jahren habe ich meine Femininität entdeckt. Ich trage Kleider und High Heels. Ein bisschen Eyeliner und Mascara und vielleicht ein bisschen Highlighter, wenn ich mich cheeky fühle. Ich musste feststellen, dass ein femininer Ausdruck es mir unmöglich machte, dem Male Gaze zu entkommen.

Seit ich mein Fem-Ich entdeckt habe, versuche ich, Sexarbeit als trans Frau zu machen. Dabei fühle ich mich wohler in meiner Haut! Für meine Schönheit anerkannt zu werden und die Aufmerksamkeit, die den Details meines Aussehens zukommt, war auf komische Art und Weise wertschätzend für mich und gleichzeitig widersprüchlich. Wisst ihr, sobald das Make-up abgewaschen und das Korsett geöffnet ist, verkörpere ich immer noch den Schwarzen Twinky Top.

Ich habe festgestellt, dass die Arbeit mich mehr fordert, aber lukrativer ist. Ich meine, ich hatte Sessions als trans Frau, in der die Männer einfach nur in Gegenwart einer Frau sein wollten. Ich musste nicht mal meine Klamotten ausziehen für leicht verdiente 200 Euro! Meistens hat diese Arbeit einen kinky Unterton, indem die Männer, die für diesen Service bezahlen, sich selbst unterdrücken, weil dieser Kink ein Tabu überschreitet. Wieder bin ich das schmutzige Geheimnis, für das sie sich schämen, sollte es jemals entdeckt werden. Ganz ehrlich, was ist der Unterschied? Ich werde immer noch exotifiziert, immer noch geheim gehalten; nur diesmal mit mehr Respekt und höherem Honorar.

Ein dominanter Mann zu sein ist für mich Schnee von gestern und eine trans Frau zu sein ist die Zukunft. Geschlecht ist irrelevant, aber bis es wirklich abgeschafft ist, werde ich mir seine Vorteile zunutze machen.

May 14 2018

10:32

Lieblingsstreberin Coco Conners

Von Valerie-Siba Rousparast

Colandrea „Coco“ Conners ist ambitioniert und fleißig – eine richtige Streberin eben. Allerdings ist sie keine, die sich hinter ihren Büchern versteckt. Coco fällt auf und das nicht immer freiwillig: Als Schwarze Frau an einer vorwiegend weißen Elite-Universität ist sie ohnehin schwer zu übersehen. Und als Erste in ihrer Familie, die es überhaupt an die Uni geschafft hat, kämpft sie mit demselben Rassismus, den sie schon aus Kindertagen kennt. Damals rief ihre Grundschulfreundin: „Du nimmst die hässliche Puppe.“ Gemeint war die Schwarze.

©Patu

Aber Coco, gespielt von Antoinette Robertson, hat eine Überlebensstrategie. Neben guten Noten schützt sie sich, indem sie versucht, möglichst wenig aufzufallen. Sie trägt ihre Haare glatt, hat reiche, weiße Freundinnen und erträgt deren latent rassistische Kommentare geduldig. Das funktioniert, allerdings eckt Coco damit an anderer Stelle an – vor allem bei Sam, Heldin der „Coalition of Racial Equality“, in der sich auch Coco engagiert. Sam ist radikal und verlangt das auch von Coco. Doch die hat weitaus weniger Ressourcen, um soziale Kämpfe auszufechten, als Sam. Während dieser Verehrer und Aktivist*innen zu Füßen liegen, kassiert Coco nur Abfuhren. Wo immer sie ist, sie ist die Andere. Selbst die Schwarze Studierendenverbindung will sie nicht. Das hält sie nicht davon ab, Outfits zu tragen, als wäre sie schon First Lady. Und nicht nur modisch behält sie den Durchblick. Ihr Realitätssinn zeigt sich vor allem in Bezug auf den scheinheiligen Umgang ihrer Mitstudent*innen mit Rassismus, an die sie appelliert: „Liebe weiße Menschen, einen schwarzen Vibrator zu besitzen, zählt noch nicht als interracial Beziehung.“ Coco gehört nirgendwo dazu und überstrahlt doch alle anderen. Kein Wunder, dass sie sich selbst die beste Freundin ist.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/18.

May 11 2018

12:56

Stars und Sternchen

Von Hengameh Yaghoobifarah

Gender und Sprache also mal wieder. Keine Sorge, es geht nicht um die Gendern-oder-nicht-Gendern-„Frage“. Alles, was es dazu zu sagen gibt, hat meine Kollegin Anna Mayrhauser erst vor Kurzem an dieser Stelle geschrieben, nämlich als es um den Protest einer Sparkassen-Kundin ging, die von ihrer Bank eine korrekte Ansprache forderte und damit einmal mehr eine Grundsatzdebatte auslöste.

© Eva Feuchter

Um beziehungsweise gegen das generische Maskulinum soll es dieses Mal jedoch nicht gehen, sondern um das Sternchen hinter Begriffen wie „Frau“ oder „Mann“ oder „Mutter“ oder „Aktivistin“. Manche Personen bevorzugen einen Asterix, also ein *, hinter Pronomen oder gegenderter Bezeichnung, mit denen sie angesprochen werden, wie bei „Frau*“ oder „Mutter*“ oder „Ingeneurin*“. Das ist völlig legitim, aber ebenfalls nicht das Thema dieser Kolumne.

Worum es dann überhaupt geht? Um den Gebrauch des Sternchens hinter gegenderten Begriffen als universale Lösung für alle. Denn wer ist schon alle? Als ich vor über drei Jahren in die Missy-Redaktion kam, führten wir einige inhaltliche Diskussionen, die auch die Sprache betrafen. Humorvoll bezeichne ich den Prozess, meinen politischen Input bei Missy einzubringen, manchmal als Entwicklungsarbeit. Unter anderem forderte ich damals, anstatt mit dem Binnen-I, wie es bis Anfang 2015 als grundsätzliche Genderung im Heft galt, mit einem Sternchen oder einem Gap zu gendern, denn es war mir wichtig, nicht-binäre Personen wie mich selbst damit einzubinden. Und außerdem: keine Sternchen hinter Begriffen wie „Frauen“ und „Männer“. Denn was auf den ersten Moment inklusiv und progressiv aussieht, wirft auf den zweiten Blick vor allem Fragen auf: Wer sind eigentlich Frauen*?

In unserer Kolumne Missyverse bloggt die Redaktion des Missy Magazines, immer im Wechsel. Ab sofort, jeden Freitag.

Frage ich Leute, die von Frauen* sprechen, so höre ich meistens als Antwort, dass alle sich als Frauen angesprochenen Menschen gemeint seien. Okay, aber bei Frauen ohne Sternchen sollte das doch auch zutreffen? Ja, heißt es dann, aber meistens werden trans Frauen oder nicht-binäre Leute ausgeschlossen und bei Frauen* sei dann klar, dass diese mitgemeint seien. Es geht also darum, sichtbar zu machen, wie eine*r sich gegenüber Cisnormativität und Geschlechterbinärität positioniert.

Doch der lange Rattenschwanz dieses nett gemeinten Sonderzeichens wird gerne ignoriert: Es impliziert, dass trans Frauen keine Frauen, sondern Frauen* sind. Also nur uneigentlich Frauen. Trans und cis Frauen machen nicht dieselben Erfahrungen, doch das tun schlanke und dicke, weiße und Schwarze Frauen und Frauen mit und ohne Behinderung genauso wenig. Weil Mehrfachdiskriminierung so funktioniert. Doch für jüdische, muslimische, Schwarze, dicke oder arme Frauen – oder Lesben – setzt niemand ein Sternchen, um klarzustellen, dass sie mitgemeint sind – obwohl sie aus hegemonialer Weiblichkeit ausgeschlossen werden und in weiß-feministischen Kontexten quasi nicht als Teil der Schwesternschaft vorkommen. Heißt: Wenn im Mainstream über die Erfahrung von „Frauen“ gesprochen wird, geht es in der Regel um weiße, heterosexuelle, mittelständische – meistens schlanke – cis Frauen ohne Behinderung. Auf wen diese soziale Position nicht zutrifft, die*der kann sich schon fragen, ob sie*er als „Frau“ ohne Sternchen mitgedacht ist. Doch kaum eine*r wird sagen: Dicke Frauen sind dicke Frauen, aber keine Frauen. Transmisogyne Sprüche wie „Trans Frauen sind trans Frauen und keine Frauen“ hingegen fallen des Öfteren. Und diese Haltung manifestiert sich stärker, wenn trans Frauen nur als Frauen mitgemeint werden, wenn es Frauen* heißt.

Und nun zu nicht-binären Leuten, die als Frauen* gemeint sind: Ich bin nicht-binär. Ich bin keine Frau* und erst Recht keine Frau. Und auch kein Mann. Die Tatsache, dass ich die meiste Zeit als Frau gelesen werde, führt dazu, dass ich Erfahrungen mache, die viele Frauen auch machen: Belästigung, Sexismus, eine eingeschränkte körperliche Selbstbestimmung oder Mansplaining zum Beispiel. Deshalb sind die Kämpfe von Frauen häufig auch meine Kämpfe. Einige meiner nicht-binären siblings fühlen sich als Frauen* aus diesem Grund angesprochen und sogar als sisters/sisters*. Doch es gibt mindestens genauso viele, die es nicht tun. Anstatt uns gegeneinander auszuspielen, erwarte ich von cis und binären Leuten, dass sie sich präziser ausdrücken und kein faules Sternchen setzen, mit dem vermeintlich alle Kästchen abgehakt werden.

Hengameh Yaghoobifarah ist seit Ende 2014 in der Missy-Redaktion.

Schließlich ist Cisnormativität in feministischen Kontexten nicht einfach erledigt, indem hier und da ein paar Sternchen auftauchen. Wenn ich beispielsweise an dem Satz „Frauen haben ein Recht auf Abtreibung“ lediglich ein Sternchen an „Frauen“ hänge, verschwindet die Transfeindlichkeit nicht automatisch. Nicht-binäre Leute und trans Männer haben ebenso sehr ein Recht auf Abtreibung, Abtreibungen sind für transfeminine Personen jedoch nicht das Hauptanliegen in reproduktiven Kämpfen, wenn sie bis vor Kurzem in der EU zwangssterilisiert wurden und weiterhin auf den Geburtsurkunden ihrer Kinder misgendert werden – eine Erfahrung, die sehr viele trans Leute in Deutschland machen. Während sich nicht-binäre Leute  teilweise als Frauen* mitgemeint fühlen, ist es eine ignorante Zumutung zu hoffen, dass es für trans Männer schon irgendwie okay sein sollte, weiblich adressiert zu werden – weil es ja keine „richtigen Männer“ (sic!) seien.

Gleichzeitig wäre das Sternchen als ausdrücklicher Einladungsimplikator für trans Leute redundant, wenn transfeindliche (meist Radikal-)Feministinnen einfach klarer formulieren würden, wer in ihrer Vorstellung von Frauen eingebunden ist – das sind meistens nur cis Frauen oder, ebenso essenzialistisch, nur Menschen, die als cis Frauen gelesen werden. Oder mit bestimmten Genitalien.

Beim nächsten generischen Sternchen lohnt es sich darum auf jeden Fall, kurz innezuhalten und zu überlegen, wie die Formulierung präziser werden könnten. Auf wen trifft eine Aussage zu? Wen lade ich auf dieser Veranstaltung wirklich ein? An wen richtet sich jener Text? Meine ich Frauen? Oder nur cis Frauen? Oder Frauen und nicht-binäre Personen? Oder Frauen und Femmes? Oder Frauen und trans Männer? Oder nur Menschen, die eine Vulva haben? Oder nur Menschen, die menstruieren? Oder Menschen, die schwanger werden können? Oder Menschen, die sexualisierte Belästigung erfahren? Oder Menschen mit X-Erfahrung? Oder pauschal alle außer cis Männer? Alle Frauen, Lesben, inter und trans Personen? Dann sag es doch entsprechend. ¯\_(ツ)_/¯

10:21

Cause we like to party!

Von Corinna Humuza

POSSY-Mitgründerin Isabelle Edi, Foto: Sophie Allerding

POSSY mischt das Hamburger Nachtleben auf. Die Deejays, Künstler*innen und Veranstalter*innen des Kollektivs hatten die Nase voll von männlicher Dominanz in der elektronischen Musikszene. Eine von ihnen ist die gebürtige Hamburgerin Isabelle Edi. Neben ihrem Kostümdesign-Studium, hat sie vor einem halben Jahr begonnen aufzulegen. Missy-Autorin Corinna Humuza sprach mit der 21-jährigen POSSY-Mitgründerin über Sicherheit auf Partys, Hamburger Spießigkeit und weshalb das Clubsterben in der Hansestadt auch eine Chance für frischen Wind sein kann.

POSSY möchte eine Lücke im Hamburger Nachtleben schließen. Was fehlt euch?
Was mir krass gefehlt hat sind Veranstaltungen mit neuen Ideen. Vieles von dem was in Hamburg stattfindet, gibt es schon seit Jahren. Das waren immer wieder die gleichen Partys, immer wieder die gleichen Leute. Ich hatte Lust, mich einzumischen und etwas Neues, das dem Zeitgeist entspricht, einzubringen. Natürlich gibt es Andere, die bereits feministische Partys schmeißen, so wie die DJ Yeşim. Aber es ist Zeit für mehr. Von anderen Veranstalter*innen wurde mir auch bestätigt, dass es Zeit für frischen Wind in der Szene ist.

Wie kam es zu POSSY?
Ich war vor eineinhalb Jahren in Leipzig bei einem female* DJ-Workshop, meine Freundin Luka nahm in Hildesheim bei einem ähnlichen Workshop teil. Dann haben wir die Ausschreibung einer interkulturellen Veranstaltung gesehen, die künstlerischen und interdisziplinären Austausch fördern sollte. Das Konzept fanden wir richtig cool. Wir haben dann die After Show-Party ausgerichtet, dort nur weibliche DJs gebucht und uns auch das ganze technische Know-How selbst beigebracht. Weil wir eben nicht wollten, dass uns beim Auflegen ins Pult gegriffen wird, was vielen weiblichen DJs passiert. Die Party war sehr erfolgreich, aber wir waren damals nur zu dritt, sodass wir danach völlig fertig waren. Wir hatten ja alles von der Pike auf selbst geplant und gemacht. Durch einen Freund, der das Booking im Club Yoko gemacht hat, hatten wir dann aber ein halbes Jahr später die Möglichkeit, dort zu spielen. Darüber haben wir eine neue Plattform bekommen.

Wer steckt hinter dem Kollektiv?
Wir sind insgesamt circa fünfzehn Leute. Anfangs waren wir zu dritt, aber wuchsen nach einem Open Call und mit ein paar Freund*innen stark an. POSSY besteht aus DJs und Künstler*innen, die zum Beispiel das Art Work machen, Performance-Künstler*innen und generell kulturell Interessierten. Die Aufgabenteilung ist frei wählbar. Das liegt uns am Herzen, damit wir uns ausprobieren können, je nachdem worauf jede einzelne gerade Lust hat.

Habt ihr auch trans und non-binary Personen im Team und wie achtet ihr darauf, inklusiv zu sein?
Nein, haben wir nicht. Bisher ist der Anteil queerer Personen in unserem Kollektiv (noch) gering. Für uns war es aber von Anfang an klar, dass alle auf unseren Partys und in unserem Team willkommen sind und sich sicher fühlen sollen. Auch deswegen stellt sich für uns aktuell die Frage, ob wir momentan neue Interessierte aufnehmen oder uns erstmal darauf konzentrieren sollen, Inhalte zu erarbeiten, wir begrüßen aber immer neue Ideen, Anregungen und die Künstler*innen mitzumachen.

Wo verortet ihr euch musikalisch?
Fine spielt z.B ziemlich harten Electro, Marie spielt eher House, aber auch Techno. Bei mir ist es ähnlich. Wir bewegen uns auf jeden Fall eher im elektronischen Bereich.

POSSY legt ja explizit einen Fokus, darauf, Frauen im Nachtleben zu fördern. Welche Rolle spielt das für dich?
Ich glaube gar nicht so auf Frauen bezogen. Was mir persönlich – und ich bin eine Frau – gefehlt hat, war ein sicherer Ort, wo ich auf politischer Ebene aber auch in einem Partykontext dazulernen und mich austauschen kann. Wo ich meine Bedürfnisse als Frau kommunizieren und in einem geschützten Raum Stärke daraus gewinnen kann, mit anderen auch über schlechte Erlebnisse auf Partys zu sprechen. Aber auch darüber, wie man damit umgehen und dem entgegenwirken kann.

Ist der Mangel an solchen Orten ein spezifisches Problem in Hamburg oder nimmst du das in anderen Städten ähnlich wahr?
Ich glaube, in anderen Städten gibt es das, was POSSY macht, bereits mehr. Die Idee kannte ich aus Leipzig. In Berlin gibt es solche Kollektive auch. Aber klar, generell glaube ich das Vernetzung unter Frauen überall wichtig ist.

Vernetzung und Repräsentanz ist ja immer auch eine intersektionale Frage. In Hamburg fällt mir immer auf, wie wenig sichtbar queere und BPoC Raver*innen, Deejays und generell Räume sind. Wie erklärst du dir das?
Hamburg ist da sehr spießig. Das fällt oft schon bei dem Publikum auf. Da ist wenig Lust, neue Sachen auszuprobieren, oder mal ein bisschen weiter zu fahren statt dahin zu gehen, wo man sowieso immer feiert. Bubble und Ogay sind die einzigen mir bekannten Partys die auf queeres Publikum abzielen. In anderen Städten wie Berlin gibt es vielleicht ein viel größeres Spektrum und viel mehr Möglichkeiten. Es besteht ein Wunsch nach mehr Diversität. Vielleicht hat sich hier einfach eine sehr elitäre Szene etabliert, die es schwer macht, sich mit Neuem einzubringen.

In den letzten Jahren mussten viele Clubs, wie das Kraniche, das Golem und kürzlich das Moloch schließen. Macht das Clubsterben es schwieriger, einen Fuß in die Tür zu kriegen?
Nein. Ich glaube es macht das sogar einfacher. Ich habe bei ganz kleinen Events angefangen zu spielen. Das war an der Hochschule für Bildende Künste. Es gibt also immer noch Orte, an denen man was Kleines veranstalten kann. Es ist schwierig, Räumlichkeiten zu mieten und Open Airs zu organisieren. Andererseits glaube ich, dass die Not kreativer macht und viele dazu bewegt, an neuen, anderen Orten vorbeizuschauen.

Du hast vorher über negative Situationen in der Partyszene gesprochen. Habt ihr Strategien gegen Diskriminierung auf euren Veranstaltungen?
Wir legen Wert auf Awareness und haben uns dafür z.B mit drei Personen getroffen, die sich damit viel auseinandergesetzt haben und die uns beraten und bei unserem nächsten Event unterstützen. Uns ist es wichtig, unsere Gäste schon vor der Party darauf hinzuweisen, dass wir einen respektvollen Umgang wichtig finden und diskriminierendes Verhaltenen nicht dulden. Außerdem haben wir Ansprechpartner*innen, sollte es zu Diskriminierung kommen.

Dieses Wochenende wird es auf eurem Sommerfest Workshops und Ausstellungen geben. Ist das ein Arschtritt für die weiße, mackerdominierte Kreativszene in Hamburg?
Ja, vielleicht (lacht). In erster Linie ist es uns wichtig, dass dieses Partyding nicht so im Mittelpunkt steht, sondern dass wir Räume für Austausch und Diskurs schaffen. Und da ist das Sommerfest erstmal ein Hammerprojekt. Die Organisationsarbeit war enorm, daran sind wir als Gruppe aber gewachsen. Wir freuen uns sehr darüber, diesen Diskurs aufblühen zu lassen und sind sehr gespannt, wie es wird.

Am 12.05. feiert POSSY ein Sommerfest in Hamburg. Neben Workshops, unter anderem zu Technik, Deejaying und Kritischer Männlichkeit, legen die Kollektivmitglieder in der Schaltzentrale auf. Ab 14 Uhr geht es los. Mehr Infos auf Facebook.

May 08 2018

13:28

Bitte keine Maden auf meinen Salat!

Von Debora Antmann

Ich esse gerne. SEHR gerne! Mit Ausnahme von Schweinefleisch – der Deutschen Lieblingsaas. Ja, es gibt viele Gründe, ganz auf Fleisch oder tierische Produnkte zu verzichten, aber darum soll es hier nicht gehen. Sondern um wc-Deutsche und ihr Schwein. Ich mag Schweine. Wenn sie lebendig sind und sich so richtig ordentlich von mir den Rücken durchkraulen lassen. Ich mag sie nicht als Fleisch auf meinem Teller. Das ist für wc-Deutsche häufig kaum zu ertragen. Aber eins nach dem anderen.

Schwein oder Katze essen? Manche machen, manche machen nicht. © Tine Fetz

Ich esse kein Schwein, weil ich Jüdin bin. Das ist naheliegend und doch weitaus komplexer, als ihr vermutlich denkt. Als ich Kind war, gab es kein Schweinefleisch bei uns zu Hause (außer einmal im Jahr einen Ikea-Hotdog – der war heilig). Ich habe darüber nie nachgedacht und es auch nie vermisst. War halt einfach so. Und ganz ehrlich, bis auf knusprigen Frühstücksspeck schmeckt Schweinefleisch eh meistens auch einfach NICHT. Als meine Mutter starb und ich von einer Sekunde auf die andere plötzlich nur noch von nicht-jüdischen Menschen umgeben war, bestand gefühlt plötzlich ALLLES aus Schwein. Ich war sehr irritiert, kulinarisch etwas abgestoßen, lernte aber schnell: Wer dazugehören will, isst Schwein! Schwein essen war mein Versuch der Assimilation, der Versuch, es richtig zu machen, der Zwang, deutsch zu sein, und zwar so richtig. Dabei vertrage ich das Zeug nicht mal besonders gut.

Es war ein harter, schmerzhafter Prozess, das Schweinefleisch-Essen wieder sein zu lassen. Hart vor allem aus drei Gründen: a) Es othert eine so absolut und endgültig. b) Es wird permanent als religiöses Glaubensbekenntnis fehlinterpretiert. c) wc-Deutsche kapieren einfach nicht, dass Speck kein Gemüse ist.

Beginnen wir mit a):

Weiße westliche Leute verstehen nicht, dass ihr Mittagsteller nicht der universelle Mittelpunkt der Welt ist. Zu sagen, mensch esse kein Schwein, macht eine Person erst mal verdächtig. Denn das machen nur „die Anderen“, „die Fremden“. Es ist ein augenblickliches Outing, das weder so stehen gelassen werden kann, sondern umgehend erklärt werden muss, noch einen anderen Schluss zulässt, als dass die Person nicht zum wc-deutschen „WIR“(sic!) gehören kann.

Das führt uns auch direkt zu Punkt b):

Dass ich kein Schweinefleisch esse, heißt nicht, dass ich religiös bin. Hääää?! Ja, ich esse kein Schwein, weil ich Jüdin bin. Ja, das sagt NICHT DAS GERINGSTE darüber aus, ob oder wie ich religiös bin. Unterschiedliche Kulturtraditionen haben unterschiedliche Speisepraxen. Wenn ich sagen würde: „Ähm, Entschuldigung, ist in dem Ragout Katze und wenn ja, könnte ich es ohne haben?“, wäre für alle wc-Deutschen klar: „Iiihhh!!! Wer isst denn schon Katze?!“ Ähm, genau! IIIIIHHHH, WER ISST DENN SCHON SCHWEIN?! Is(s)t ungefähr die gleiche Irritation und das gleiche kontextbedingte Verständnis von verzehrbar und nicht verzehrbar. Es gibt Orte auf diesem Kontinent, die noch unberührter von weißer kolonialistischer Verzehrpraxis sind, und an denen Katzen, Maden und Ratten auf den Tisch kommen. Das eklig zu finden, sagt vor allem was darüber aus, in welchen Kontexten wir aufgewachsen sind. Schwein nicht eklig zu finden genauso. Und das eine für normal zu halten und das andere nicht entspringt der Annahme, die eigene Essgewohnheit und der eigene Suppenteller müssten global allgemeine Verzückung auslösen. Auch hier wieder: Liebe wc(-Deutsche,) auch wenn der Kolonialismus euch was anderes gelehrt hat: Eure Perspektive hat keine universelle Gültigkeit. Ihr seid weder normal, noch ist es der Rest nicht. Ihr seid einfach nur ignoranter. Und, ja, Schweinefleisch IST eklig… 

Lebendige Schweine dagegen sind übrigens extrem cute! Nur für die Mimimi-ich-esse-keine-Katzen-weil-niedlich-Fraktion. Was für mich allerdings durchaus gegen Katzen, Hunde, aber auch Schweine spricht: Ich finde es extremst seltsam, Tiere zu essen, die selbst Fleisch/Aas essen. Das ist irgendwie schräg und mein Körper hat auf diese Vorstellung Schüttelreaktionen. Aber auch hier wieder: Kontext!

c) Speck ist kein Gemüse!

Diesen Satz kann ich nicht oft genug wiederholen. Speck ist kein Gemüse! Speck ist kein Gemüse! SPECK IST KEIN GEMÜSE!!! Was für die eine oder andere Leser*in vielleicht offensichtlich erscheint, ist es für viele wc-deutsche Bundesbürger*innen nicht. Eine Anekdote zu Verdeutlichung: Anfang 2017 war ich auf Reha im Spreewald. Und wer glaubt, das sei der Beginn eines Gruselfilms: Ja! Es gab drei Menü-Optionen: Menü 1 – Vollkost (eigentlich immer Schweinefleisch in unterschiedlichsten Variationen. Außer freitags!) Menü 2 – Leichte Vollkost (Ausgewiesen als „ohne Schwein“ meist Geflügel, Rind oder Fisch) Menü 3 – Vegetarisch (meist fad und leider viel zu oft Süßspeisen). Nun trug es sich mehr als einmal zu, dass ich Menü 2 (irgendwas mit Rind) bestellte und als Beilage gab es z. B. Bohnen. Mit Speck! Meine Irritation war groß: „Ähm, Entschuldigung, das sollte doch OHNE Schwein sein oder?“ Antwort: „Ja.“ Ich: „Aber das ist doch Speck bei den Bohnen oder?“ Antwort: „Ja.“ Ich: „Ist das Rinderspeck?“ Antwort: „Nein.“ Ich: „Aber was ist das denn dann für Speck?“ Antwort: „Na normaler Speck.“ Ich: „Aber da stand doch ohne Schwein.“ Antwort: „Aber das ist ja kein richtiges Schwein. Das ist nur Speck.“ Und wieder: Äääähmmm …

Noch absurder wurde es in meiner letzten Woche. Ich: „Ähm, ist das das vegetarische?“ Antwort: „Ja.“ Ich: „Sind Sie sicher?“ Antwort: „Ja.“ Ich: „Aber wie haben Sie es denn angebraten, ich habe das Gefühl …“ Die strahlende Antwort, ohne mich ausreden zu lassen: „Mit Schweineschmalz! Ist gut oder!?“

Ähnliches kann ich auch aus anderen Teilen der Bundesrepublik berichten. Deswegen noch mal mein Hinweis: Speck ist KEIN Gemüse!

May 04 2018

07:43

May has cum. And so should you

Von Lisa Tracy Michalik

Sich einen runterholen, Taschenbillard spielen, die Palme wedeln, wichsen, fünf gegen eins spielen, hobeln. Die Liste der Masturbationssynonyme ist lang und alle der Ausdrücke haben neben ihrer Albernheit noch etwas gemein: Sie beziehen sich auf die Masturbation bei Menschen mit Penissen, insbesondere auf cis Männer. Die zahlreichen flachsen Synonyme bestätigen nur noch einmal mehr, dass es für cis Männer als sehr viel selbstverständlicher gilt, es sich selbst zu machen, was für Frauen, non-binary Personen und trans Männer dagegen viel stärker mit Scham und Stigma beladen ist. Dabei haben wir es einer Frau zu verdanken, dass der Mai auch der internationale Masturbationsmonat ist, ganz nach dem Motto „May has cum. And so should you“.

© Eva Feuchter

Dr. Joycelyn Elders war die erste Schwarze Frau, die die oberste Gesundheitsbehörde in den USA leitete. Doch nicht nur das. Von Beginn an entzürnte sie Republikaner*innen mit ihren progressiven Aussagen zu reproduktiven Rechten oder der Legalisierung von Drogen. Sie machte auch den Vorschlag, Schüler*innen im Aufklärungsunterricht beizubringen, dass Masturbation völlig okay, normal und gesund ist. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und Elders verlor ihren Job. Ausgerechnet der Mann, der seine Machtposition als Präsident der USA ausnutzte, um mit einer Praktikantin Sex zu haben, drängte sie zur Kündigung. Als Reaktion auf diese Ungerechtigkeit und als Kampfansage gegen geplante Verbote zum Verkauf von Sextoys ernannten die Gründerinnen der queeren feministischen Good-Vibrations-Sexshops aus San Francisco den 28. Mai zum Masturbationstag und wenig später wurde der ganze Mai zum internationalen Monat der Masturbation deklariert.

Ich weiß noch, als ich 18 war, und es zu Geburtstagen immer ein Riesengag war, dem Geburtstagskind einen Dildo oder Vibrator zu schenken. Am besten in besonders kitschigem oder hässlichem Design, ist ja alles nur Spaß. Auf die Frage hin, ob die Beschenkte denn tatsächlich auch schon Spaß mit dem neuen Geschenk gehabt hatte, folgte meist ein „Ihh, nein!“ und rote Wangen. Dass wir alle zusammengelegt haben, um einer Freundin eine Freude zu machen, weil Sextoys ganz schön teuer werden können – unvorstellbar. Warum also nicht einen ganzen Monat zum Gedenken daran, dass Masturbation schön und gesund ist, damit sich 18-Jährige ganz unironisch Sextoys zum Geburtstag schenken können, Masturbation nicht mehr als irgendwie falsch oder schlechter Ersatz für Sex mit einer anderen Person steht und es endlich socially acceptable wird zu sagen: „Sorry für die Verspätung, ich habe noch masturbiert.“

May 02 2018

08:45

Entwurzelung in Zeiten der Globalisierung

Von Daniela Chmelik

Die Feuilletons feierten Anja Kampmanns Debüt „Wie hoch die Wasser steigen“ unisono, als herausstechenden Roman über globalisierte Arbeitswelten und Entwurzelung, als sprachgewaltig, poetisch, dicht. Und tatsächlich jongliert die Literatin gekonnt mit vielen Namen, noch mehr Orten und mit Erinnerungsfragmenten ihres Protagonisten Waclaw.

© Juliane Henrich

Vorweg: Es ist ein Männerroman. Waclaw verliert auf einer Bohrinsel seinen Freund Mátyás, wird beurlaubt, reist und weiß, dass es kein Heimkommen mehr gibt. Der Verlust seines Freundes zieht weitere Verluste nach sich. Zunehmend verliert Waclaw den Boden unter den Füßen, während die Welt sich weiterdreht. Die Ferne dringt in ihn ein, aber nicht als etwas Freundliches, wie es im Buch heißt. Waclaw begibt sich in die Einsamkeit und wird gewissermaßen selbst eine unerreichbare Insel.

Anja Kampmann „Wie hoch die Wasser steigen“
Hanser Verlag, 352 S., 23 Euro

In melancholischer Getragenheit schildert die Autorin Kargheit und satte Bilder, Berge, Wüsten, Meere. Inniglich und detailreich erzählt sie von erbarmungsloser Industrie, Erschöpfung und Entfernung. Unklar bleibt die Art der Beziehung zwischen Waclaw und Mátyás, angedeutet findet sich, dass sie einander körperlich zärtlich zugetan waren. Klar ist, dass Waclaw keinen Ort mehr findet, wo er hingehören könnte. Als Leser*in mag man sich mitunter etwas „lost in description“ fühlen. Aber so muss es sein. Ein derart voller, dichter Roman verweigert sich einer oberflächlichen Lektüre.

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