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May 18 2018

11:56

Let’s Talk About … Feministische Podcasts, die dein Leben verändern

Von Valerie-Siba Rousparast

Es ist mal wieder so weit: Wir hatten zwar schon mal eine Liste mit guten queerfeministischen Podcasts für euch, aber da die Szene zunehmend wächst, kommt hier endlich neuer Input. Immer mehr Personen of Color, insbesondere auch queere und weiblich identifizierte Personen nutzen Podcasts, um sich Luft zu machen. Über Sex, Empowerment, über Gefühle, Beziehungen, aber auch über strukturelle Probleme, Alltagsrassismus, Politik und Aktivismus.

© Eva Feuchter

Obwohl ich mich diesem Medium selbst lange Zeit verweigert habe, weil ich sowieso die meiste Zeit entweder am Telefon, im Internet oder im real life mit Leuten schnacke, war der Bedarf an zusätzlichem Input eher gering. Inzwischen gibt es aber so viele inspirierende Podcasts, dass ich endgültig überzeugt bin – und es unbedingt empfehlen kann. Wenn du also die Zeit auf dem Weg zum See, in der Bib oder in der Mittagspause auf der Arbeit  noch besser nutzen möchtest oder auch einfach Langeweile hast, wenn keine Zeit bleibt, zu feministischen Events zu gehen oder gar keine in deiner Nähe stattfinden, sind diese Podcasts auf Deutsch und auf Englisch eine super Möglichkeit, um an aktuellen Diskursen teilzuhaben. Die Lieblingspodcasts aus unserer Community und meine persönlichen Favoriten gibt es hier für dich.

In unserer Kolumne Missyverse bloggt die Redaktion des Missy Magazines, immer im Wechsel. Ab sofort, jeden Freitag.

Rice and Shine
Jeden Monat sprechen Minh Thu Tran und Vanessa Vu über das Vietsein in Deutschland, über Alltagsrassismus, Beziehungen, Familie und über Essen. Dazu laden sie bei Rice and Shine regelmäßig Gäste ein, wie zuletzt die antifaschistische Aktivistin My Linh oder die Bloggerin Yenhan aka Naekubi.

Sooo Many White Guys
Jede Woche spricht Phoebe mit bekannten Personen, die alles sind, aber meistens keine white Dudes, von denen hat sie nämlich einfach genug. Koproduziert wird das Ganze von Ilana Glazer, bekannt aus „Broad City“ – dass es lustig ist, ist also Gesetz. Das Ergebnis sind intime, ehrliche Gespräche auf Englisch mit Schauspieler*innen, Comedians und Musiker*innen.

Rookie
Die Bloggerin und Autorin interviewt für ihren Podcast zum gleichnamigen Magazin „Rookie“ wöchentlich Schauspieler*innen, Autor*innen, Aktivist*innen und andere Personen aus der popkulturellen Bubble. Mit ihnen spricht sie auf Englisch über Alltagsprobleme, Kultur und Beziehungen.

Backtalk und Propaganda
In zwei Podcasts sprechen „Bitch Media“-Redakteur*innen jede Woche darüber, was in der Welt der Popkultur gerade los ist (Backtalk), und hinterfragen und diskutieren die neuesten Früchte der Medienwelt (Propaganda).

Let’s Talk About Sex
Die Sexologin Juliet Allen spricht in ihrem Podcast über … Sex! Sie ist nicht nur Tantralehrerin, sondern auch Doula und Autorin. Von Dating über Sex, Blut und Ejakulation – Juliet Allen spricht über all das in ihrer angenehm beruhigenden Art.

Emotional Labour Queen
Eine Schulter zum Anlehnen und ein offenes Ohr, beides hat Emotional Labour Queen. In jeder der monatlich erscheinenden Folgen beantwortet sie auf Englisch Fragen aus dem Alltag. Manche davon erscheinen auch auf Deutsch  bei Missy Magazine als Kolumne. Per Mail oder über den dazugehörigen Tumblr kann jede*r anonym Fragen einsenden. Die aktuelle Folge gibt es zum Nachhören auf Mixcloud.

The Sexually Liberated Woman
Zweimal im Monat unterhält sich Ev’Yan Whitney in ihrem sexpositiven Podcast im offenen Gespräch mit unterschiedlichen Personen über sexuelles Empowerment, Beziehungen und die Kraft der Selbstheilung. Dabei geht es auch um Themen wie Polyamorie, Sex mit Freund*innen, die Dekolonialisierung Schwarzer Sexualität und Trauma.

Valerie-Siba Rousparast arbeitet seit 2016 als Redakteurin bei Missy. Wenn sie nicht gerade im Internet ist, schreibt sie darüber, über Popkultur und soziale Beziehungen.

Good Muslim Bad Muslim
Es begann mit dem #GoodMuslimBadMuslim. Inzwischen haben es die US-Amerikanerinnen Tanzila „Taz“ Ahmed und Zahra Noorbakhsh mit ihrem Podcast sogar ins „Oprah Magazine“ geschafft. Jeden Monat sprechen sie über ihre Erfahrungen als muslimische Frauen in den USA.

Bury Your Gaze
Die Mädchenmannschaft ist sowieso ganz vorn dabei, wenn es um guten Podcast-Content auf Deutsch geht. Für Bury Your Gaze gucken sie bei Serien und Filmen für dich genauer hin und hinterfragen Repräsentations- und Produktionspolitiken, besprechen besonders gelungene Charaktere und feiern Fankulturen.

May 17 2018

10:03

Ciao, binäres System!

Von Lisa Tracy Michalik

Heute startet die offizielle Kampagne der Aktion Standesamt 2018. Die Aktion fordert ein neues Personenstandsgesetz mit selbstbestimmtem dritten Geschlechtseintrag. Eine Gesetzesreform soll die diese zentralen Eckpunkte enthalten:

  • Nach der Geburt bleibt der Geschlechtseintrag für alle frei.
  • Wer will, kann das eigene Geschlecht selbstbestimmt eintragen lassen mit mehr Optionen als weiblich/männlich, unabhängig von Gutachten, Gerichtsverfahren und Nachweisen, unabhängig von der körperlichen Konstitution, unabhängig vom Alter, für alle, die dauerhaft in Deutschland leben, unabhängig von Staatsangehörigkeit.
Ob es ab Ende 2018 eine dritte Option oder grundsätzlich keine Geschlechtereingabe im Personeneintrag geben wird, ist bisher unklar © TheTruthAbout/Flickr/CC BY-SA 2.0

Außerdem fordert die Aktion einen umfassenden Diskriminierungsschutz und Neuregelungen zu allen Fragen, die mit dem Geschlechtseintrag zusammenhängen, wie z. B. die Eintragung als Eltern.

Wenn du gemeinsam mit der Aktion Standesamt 2018 deinen neuen Geschlechtsantrag beantragen möchtest, findet du auf deren Website verschiedene Musteranträge und einen Leitfaden für die einzelnen Schritte.

May 16 2018

09:44

Kotzt mich an!

Von Jacinta Nandi

Damals, als der ehemalige US-Präsident Obama die Krankenversicherung für alle einführen wollte, entwickelte ich ein neues Hobby: nach YouTube-Videos suchen, in denen Amis, die keine Versicherung hatten, sich drüber beschwerten, dass sie jetzt eine solche bekommen würden. Faszinierend! Warum bloß wollten sie unversichert bleiben? Dann habe ich es gecheckt: Wenn jemand, die*der bisher ohne Krankenversicherung gelebt hat, jetzt plötzlich versichert wird, muss sie*er zugeben, dass bis zu diesem Zeitpunkt etwas nicht in Ordnung war. Das nimmt Energie. Und manchmal ist das zu viel verlangt.

Genauso bin ich enttäuscht, wenn sich die Frauen unserer Müttergeneration über die #metoo-Bewegung lustig machen. Besonders schlimm finde ich es, wenn sich Frauen, die

sexualisierte Gewalt kleinreden, als Feministinnen definieren. Wenn Catherine Deneuve sagt, dass sexuelle Gewalt „normal“ sei, bin ich genervt. Aber wenn sich Germaine Greer despektierlich äußert, tut es weh.

©Josephin Ritschel

Greer, heute eine alte Frau, ist die angelsächsische Alice Schwarzer. Es gibt Sprüche von ihr, für die wir ihr immer dankbar sein werden: „Frauen haben keine Ahnung, wie sehr die Männer sie hassen.“ Trotzdem hat sie sich in der letzten Zeit immer wieder blamiert, etwa mit Transfeindlichkeit. Und jetzt lehnt sie #metoo ab, ganz unsolidarisch: Es sei eine „Jammerbewegung“, wie sie sagt. Die #metoo-Bewegung ist in meinen Augen eine Revolution. Und diese Revolution findet auch bei mir statt, tief drinnen, in mei…

May 15 2018

09:10

Zwei Seiten einer Münze

Von Casino

Bei meinen ersten Erfahrungen mit Sexarbeit hatte ich noch männlich performt. Genau gesagt: „Männlicher, Schwarzer Top mit hartem Schwanz, der geile Löcher zur Besamung sucht“, wie es in meinem Profil stand. Das hatte ich geschrieben, um aufzufallen, aber auch, um Geld zu verdienen. Ein Stereotyp über Schwarze Männer lautet, dass sie große Schwänze und einen Heißhunger auf Sex haben. Auch wenn ich diese Ansicht höchst problematisch finde, benutzte ich sie zu meinem Vorteil. Wenn so was in deinem Profil steht, dann heißt das, du meinst es ernst mit einer harten Ficksession.

Natürlich spielt Gender eine Rolle in der Sexarbeit – wie in jedem anderen Beruf auch © Tine Fetz

Ich habe viele Männer getoppt, deren Fantasie das war. „Oh ja, fick mich mit deinem Schwarzen Schwanz“, sagten sie. Einmal nannte mich einer seinen „Schokoladen-Fuckboy“. Ich weiß… Es fühlt sich jedoch meistens gut und seltsam an, wenn man bedenkt, dass ich in 90 Prozent der Fälle kleiner und viel jünger bin als die Männer, die ich dominiere. Ich bin 1,65 m groß, wenn man großzügig misst, und die meisten meiner Kunden sind größere, weiße, ältere Männer.

Diese schwule Sexarbeit hat am Anfang Spaß gemacht, als ich verehrt wurde und dafür bezahlt wurde, verehrt zu werden. Aber die Arbeit hat mich nicht erfüllt und ich hab sie weniger und weniger gemocht. Diese Männer versuchen ständig, meine Grenzen zu überschreiten, um zu sehen, wie weit sie bei mir gehen können. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich keine Lust mehr hatte, missachtet zu werden. Nicht von ihnen missachtet, sondern von mir.

In den letzten Jahren habe ich meine Femininität entdeckt. Ich trage Kleider und High Heels. Ein bisschen Eyeliner und Mascara und vielleicht ein bisschen Highlighter, wenn ich mich cheeky fühle. Ich musste feststellen, dass ein femininer Ausdruck es mir unmöglich machte, dem Male Gaze zu entkommen.

Seit ich mein Fem-Ich entdeckt habe, versuche ich, Sexarbeit als trans Frau zu machen. Dabei fühle ich mich wohler in meiner Haut! Für meine Schönheit anerkannt zu werden und die Aufmerksamkeit, die den Details meines Aussehens zukommt, war auf komische Art und Weise wertschätzend für mich und gleichzeitig widersprüchlich. Wisst ihr, sobald das Make-up abgewaschen und das Korsett geöffnet ist, verkörpere ich immer noch den Schwarzen Twinky Top.

Ich habe festgestellt, dass die Arbeit mich mehr fordert, aber lukrativer ist. Ich meine, ich hatte Sessions als trans Frau, in der die Männer einfach nur in Gegenwart einer Frau sein wollten. Ich musste nicht mal meine Klamotten ausziehen für leicht verdiente 200 Euro! Meistens hat diese Arbeit einen kinky Unterton, indem die Männer, die für diesen Service bezahlen, sich selbst unterdrücken, weil dieser Kink ein Tabu überschreitet. Wieder bin ich das schmutzige Geheimnis, für das sie sich schämen, sollte es jemals entdeckt werden. Ganz ehrlich, was ist der Unterschied? Ich werde immer noch exotifiziert, immer noch geheim gehalten; nur diesmal mit mehr Respekt und höherem Honorar.

Ein dominanter Mann zu sein ist für mich Schnee von gestern und eine trans Frau zu sein ist die Zukunft. Geschlecht ist irrelevant, aber bis es wirklich abgeschafft ist, werde ich mir seine Vorteile zunutze machen.

May 14 2018

10:32

Lieblingsstreberin Coco Conners

Von Valerie-Siba Rousparast

Colandrea „Coco“ Conners ist ambitioniert und fleißig – eine richtige Streberin eben. Allerdings ist sie keine, die sich hinter ihren Büchern versteckt. Coco fällt auf und das nicht immer freiwillig: Als Schwarze Frau an einer vorwiegend weißen Elite-Universität ist sie ohnehin schwer zu übersehen. Und als Erste in ihrer Familie, die es überhaupt an die Uni geschafft hat, kämpft sie mit demselben Rassismus, den sie schon aus Kindertagen kennt. Damals rief ihre Grundschulfreundin: „Du nimmst die hässliche Puppe.“ Gemeint war die Schwarze.

©Patu

Aber Coco, gespielt von Antoinette Robertson, hat eine Überlebensstrategie. Neben guten Noten schützt sie sich, indem sie versucht, möglichst wenig aufzufallen. Sie trägt ihre Haare glatt, hat reiche, weiße Freundinnen und erträgt deren latent rassistische Kommentare geduldig. Das funktioniert, allerdings eckt Coco damit an anderer Stelle an – vor allem bei Sam, Heldin der „Coalition of Racial Equality“, in der sich auch Coco engagiert. Sam ist radikal und verlangt das auch von Coco. Doch die hat weitaus weniger Ressourcen, um soziale Kämpfe auszufechten, als Sam. Während dieser Verehrer und Aktivist*innen zu Füßen liegen, kassiert Coco nur Abfuhren. Wo immer sie ist, sie ist die Andere. Selbst die Schwarze Studierendenverbindung will sie nicht. Das hält sie nicht davon ab, Outfits zu tragen, als wäre sie schon First Lady. Und nicht nur modisch behält sie den Durchblick. Ihr Realitätssinn zeigt sich vor allem in Bezug auf den scheinheiligen Umgang ihrer Mitstudent*innen mit Rassismus, an die sie appelliert: „Liebe weiße Menschen, einen schwarzen Vibrator zu besitzen, zählt noch nicht als interracial Beziehung.“ Coco gehört nirgendwo dazu und überstrahlt doch alle anderen. Kein Wunder, dass sie sich selbst die beste Freundin ist.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/18.

May 11 2018

12:56

Stars und Sternchen

Von Hengameh Yaghoobifarah

Gender und Sprache also mal wieder. Keine Sorge, es geht nicht um die Gendern-oder-nicht-Gendern-„Frage“. Alles, was es dazu zu sagen gibt, hat meine Kollegin Anna Mayrhauser erst vor Kurzem an dieser Stelle geschrieben, nämlich als es um den Protest einer Sparkassen-Kundin ging, die von ihrer Bank eine korrekte Ansprache forderte und damit einmal mehr eine Grundsatzdebatte auslöste.

© Eva Feuchter

Um beziehungsweise gegen das generische Maskulinum soll es dieses Mal jedoch nicht gehen, sondern um das Sternchen hinter Begriffen wie „Frau“ oder „Mann“ oder „Mutter“ oder „Aktivistin“. Manche Personen bevorzugen einen Asterix, also ein *, hinter Pronomen oder gegenderter Bezeichnung, mit denen sie angesprochen werden, wie bei „Frau*“ oder „Mutter*“ oder „Ingeneurin*“. Das ist völlig legitim, aber ebenfalls nicht das Thema dieser Kolumne.

Worum es dann überhaupt geht? Um den Gebrauch des Sternchens hinter gegenderten Begriffen als universale Lösung für alle. Denn wer ist schon alle? Als ich vor über drei Jahren in die Missy-Redaktion kam, führten wir einige inhaltliche Diskussionen, die auch die Sprache betrafen. Humorvoll bezeichne ich den Prozess, meinen politischen Input bei Missy einzubringen, manchmal als Entwicklungsarbeit. Unter anderem forderte ich damals, anstatt mit dem Binnen-I, wie es bis Anfang 2015 als grundsätzliche Genderung im Heft galt, mit einem Sternchen oder einem Gap zu gendern, denn es war mir wichtig, nicht-binäre Personen wie mich selbst damit einzubinden. Und außerdem: keine Sternchen hinter Begriffen wie „Frauen“ und „Männer“. Denn was auf den ersten Moment inklusiv und progressiv aussieht, wirft auf den zweiten Blick vor allem Fragen auf: Wer sind eigentlich Frauen*?

In unserer Kolumne Missyverse bloggt die Redaktion des Missy Magazines, immer im Wechsel. Ab sofort, jeden Freitag.

Frage ich Leute, die von Frauen* sprechen, so höre ich meistens als Antwort, dass alle sich als Frauen angesprochenen Menschen gemeint seien. Okay, aber bei Frauen ohne Sternchen sollte das doch auch zutreffen? Ja, heißt es dann, aber meistens werden trans Frauen oder nicht-binäre Leute ausgeschlossen und bei Frauen* sei dann klar, dass diese mitgemeint seien. Es geht also darum, sichtbar zu machen, wie eine*r sich gegenüber Cisnormativität und Geschlechterbinärität positioniert.

Doch der lange Rattenschwanz dieses nett gemeinten Sonderzeichens wird gerne ignoriert: Es impliziert, dass trans Frauen keine Frauen, sondern Frauen* sind. Also nur uneigentlich Frauen. Trans und cis Frauen machen nicht dieselben Erfahrungen, doch das tun schlanke und dicke, weiße und Schwarze Frauen und Frauen mit und ohne Behinderung genauso wenig. Weil Mehrfachdiskriminierung so funktioniert. Doch für jüdische, muslimische, Schwarze, dicke oder arme Frauen – oder Lesben – setzt niemand ein Sternchen, um klarzustellen, dass sie mitgemeint sind – obwohl sie aus hegemonialer Weiblichkeit ausgeschlossen werden und in weiß-feministischen Kontexten quasi nicht als Teil der Schwesternschaft vorkommen. Heißt: Wenn im Mainstream über die Erfahrung von „Frauen“ gesprochen wird, geht es in der Regel um weiße, heterosexuelle, mittelständische – meistens schlanke – cis Frauen ohne Behinderung. Auf wen diese soziale Position nicht zutrifft, die*der kann sich schon fragen, ob sie*er als „Frau“ ohne Sternchen mitgedacht ist. Doch kaum eine*r wird sagen: Dicke Frauen sind dicke Frauen, aber keine Frauen. Transmisogyne Sprüche wie „Trans Frauen sind trans Frauen und keine Frauen“ hingegen fallen des Öfteren. Und diese Haltung manifestiert sich stärker, wenn trans Frauen nur als Frauen mitgemeint werden, wenn es Frauen* heißt.

Und nun zu nicht-binären Leuten, die als Frauen* gemeint sind: Ich bin nicht-binär. Ich bin keine Frau* und erst Recht keine Frau. Und auch kein Mann. Die Tatsache, dass ich die meiste Zeit als Frau gelesen werde, führt dazu, dass ich Erfahrungen mache, die viele Frauen auch machen: Belästigung, Sexismus, eine eingeschränkte körperliche Selbstbestimmung oder Mansplaining zum Beispiel. Deshalb sind die Kämpfe von Frauen häufig auch meine Kämpfe. Einige meiner nicht-binären siblings fühlen sich als Frauen* aus diesem Grund angesprochen und sogar als sisters/sisters*. Doch es gibt mindestens genauso viele, die es nicht tun. Anstatt uns gegeneinander auszuspielen, erwarte ich von cis und binären Leuten, dass sie sich präziser ausdrücken und kein faules Sternchen setzen, mit dem vermeintlich alle Kästchen abgehakt werden.

Hengameh Yaghoobifarah ist seit Ende 2014 in der Missy-Redaktion.

Schließlich ist Cisnormativität in feministischen Kontexten nicht einfach erledigt, indem hier und da ein paar Sternchen auftauchen. Wenn ich beispielsweise an dem Satz „Frauen haben ein Recht auf Abtreibung“ lediglich ein Sternchen an „Frauen“ hänge, verschwindet die Transfeindlichkeit nicht automatisch. Nicht-binäre Leute und trans Männer haben ebenso sehr ein Recht auf Abtreibung, Abtreibungen sind für transfeminine Personen jedoch nicht das Hauptanliegen in reproduktiven Kämpfen, wenn sie bis vor Kurzem in der EU zwangssterilisiert wurden und weiterhin auf den Geburtsurkunden ihrer Kinder misgendert werden – eine Erfahrung, die sehr viele trans Leute in Deutschland machen. Während sich nicht-binäre Leute  teilweise als Frauen* mitgemeint fühlen, ist es eine ignorante Zumutung zu hoffen, dass es für trans Männer schon irgendwie okay sein sollte, weiblich adressiert zu werden – weil es ja keine „richtigen Männer“ (sic!) seien.

Gleichzeitig wäre das Sternchen als ausdrücklicher Einladungsimplikator für trans Leute redundant, wenn transfeindliche (meist Radikal-)Feministinnen einfach klarer formulieren würden, wer in ihrer Vorstellung von Frauen eingebunden ist – das sind meistens nur cis Frauen oder, ebenso essenzialistisch, nur Menschen, die als cis Frauen gelesen werden. Oder mit bestimmten Genitalien.

Beim nächsten generischen Sternchen lohnt es sich darum auf jeden Fall, kurz innezuhalten und zu überlegen, wie die Formulierung präziser werden könnten. Auf wen trifft eine Aussage zu? Wen lade ich auf dieser Veranstaltung wirklich ein? An wen richtet sich jener Text? Meine ich Frauen? Oder nur cis Frauen? Oder Frauen und nicht-binäre Personen? Oder Frauen und Femmes? Oder Frauen und trans Männer? Oder nur Menschen, die eine Vulva haben? Oder nur Menschen, die menstruieren? Oder Menschen, die schwanger werden können? Oder Menschen, die sexualisierte Belästigung erfahren? Oder Menschen mit X-Erfahrung? Oder pauschal alle außer cis Männer? Alle Frauen, Lesben, inter und trans Personen? Dann sag es doch entsprechend. ¯\_(ツ)_/¯

10:21

Cause we like to party!

Von Corinna Humuza

POSSY-Mitgründerin Isabelle Edi, Foto: Sophie Allerding

POSSY mischt das Hamburger Nachtleben auf. Die Deejays, Künstler*innen und Veranstalter*innen des Kollektivs hatten die Nase voll von männlicher Dominanz in der elektronischen Musikszene. Eine von ihnen ist die gebürtige Hamburgerin Isabelle Edi. Neben ihrem Kostümdesign-Studium, hat sie vor einem halben Jahr begonnen aufzulegen. Missy-Autorin Corinna Humuza sprach mit der 21-jährigen POSSY-Mitgründerin über Sicherheit auf Partys, Hamburger Spießigkeit und weshalb das Clubsterben in der Hansestadt auch eine Chance für frischen Wind sein kann.

POSSY möchte eine Lücke im Hamburger Nachtleben schließen. Was fehlt euch?
Was mir krass gefehlt hat sind Veranstaltungen mit neuen Ideen. Vieles von dem was in Hamburg stattfindet, gibt es schon seit Jahren. Das waren immer wieder die gleichen Partys, immer wieder die gleichen Leute. Ich hatte Lust, mich einzumischen und etwas Neues, das dem Zeitgeist entspricht, einzubringen. Natürlich gibt es Andere, die bereits feministische Partys schmeißen, so wie die DJ Yeşim. Aber es ist Zeit für mehr. Von anderen Veranstalter*innen wurde mir auch bestätigt, dass es Zeit für frischen Wind in der Szene ist.

Wie kam es zu POSSY?
Ich war vor eineinhalb Jahren in Leipzig bei einem female* DJ-Workshop, meine Freundin Luka nahm in Hildesheim bei einem ähnlichen Workshop teil. Dann haben wir die Ausschreibung einer interkulturellen Veranstaltung gesehen, die künstlerischen und interdisziplinären Austausch fördern sollte. Das Konzept fanden wir richtig cool. Wir haben dann die After Show-Party ausgerichtet, dort nur weibliche DJs gebucht und uns auch das ganze technische Know-How selbst beigebracht. Weil wir eben nicht wollten, dass uns beim Auflegen ins Pult gegriffen wird, was vielen weiblichen DJs passiert. Die Party war sehr erfolgreich, aber wir waren damals nur zu dritt, sodass wir danach völlig fertig waren. Wir hatten ja alles von der Pike auf selbst geplant und gemacht. Durch einen Freund, der das Booking im Club Yoko gemacht hat, hatten wir dann aber ein halbes Jahr später die Möglichkeit, dort zu spielen. Darüber haben wir eine neue Plattform bekommen.

Wer steckt hinter dem Kollektiv?
Wir sind insgesamt circa fünfzehn Leute. Anfangs waren wir zu dritt, aber wuchsen nach einem Open Call und mit ein paar Freund*innen stark an. POSSY besteht aus DJs und Künstler*innen, die zum Beispiel das Art Work machen, Performance-Künstler*innen und generell kulturell Interessierten. Die Aufgabenteilung ist frei wählbar. Das liegt uns am Herzen, damit wir uns ausprobieren können, je nachdem worauf jede einzelne gerade Lust hat.

Habt ihr auch trans und non-binary Personen im Team und wie achtet ihr darauf, inklusiv zu sein?
Nein, haben wir nicht. Bisher ist der Anteil queerer Personen in unserem Kollektiv (noch) gering. Für uns war es aber von Anfang an klar, dass alle auf unseren Partys und in unserem Team willkommen sind und sich sicher fühlen sollen. Auch deswegen stellt sich für uns aktuell die Frage, ob wir momentan neue Interessierte aufnehmen oder uns erstmal darauf konzentrieren sollen, Inhalte zu erarbeiten, wir begrüßen aber immer neue Ideen, Anregungen und die Künstler*innen mitzumachen.

Wo verortet ihr euch musikalisch?
Fine spielt z.B ziemlich harten Electro, Marie spielt eher House, aber auch Techno. Bei mir ist es ähnlich. Wir bewegen uns auf jeden Fall eher im elektronischen Bereich.

POSSY legt ja explizit einen Fokus, darauf, Frauen im Nachtleben zu fördern. Welche Rolle spielt das für dich?
Ich glaube gar nicht so auf Frauen bezogen. Was mir persönlich – und ich bin eine Frau – gefehlt hat, war ein sicherer Ort, wo ich auf politischer Ebene aber auch in einem Partykontext dazulernen und mich austauschen kann. Wo ich meine Bedürfnisse als Frau kommunizieren und in einem geschützten Raum Stärke daraus gewinnen kann, mit anderen auch über schlechte Erlebnisse auf Partys zu sprechen. Aber auch darüber, wie man damit umgehen und dem entgegenwirken kann.

Ist der Mangel an solchen Orten ein spezifisches Problem in Hamburg oder nimmst du das in anderen Städten ähnlich wahr?
Ich glaube, in anderen Städten gibt es das, was POSSY macht, bereits mehr. Die Idee kannte ich aus Leipzig. In Berlin gibt es solche Kollektive auch. Aber klar, generell glaube ich das Vernetzung unter Frauen überall wichtig ist.

Vernetzung und Repräsentanz ist ja immer auch eine intersektionale Frage. In Hamburg fällt mir immer auf, wie wenig sichtbar queere und BPoC Raver*innen, Deejays und generell Räume sind. Wie erklärst du dir das?
Hamburg ist da sehr spießig. Das fällt oft schon bei dem Publikum auf. Da ist wenig Lust, neue Sachen auszuprobieren, oder mal ein bisschen weiter zu fahren statt dahin zu gehen, wo man sowieso immer feiert. Bubble und Ogay sind die einzigen mir bekannten Partys die auf queeres Publikum abzielen. In anderen Städten wie Berlin gibt es vielleicht ein viel größeres Spektrum und viel mehr Möglichkeiten. Es besteht ein Wunsch nach mehr Diversität. Vielleicht hat sich hier einfach eine sehr elitäre Szene etabliert, die es schwer macht, sich mit Neuem einzubringen.

In den letzten Jahren mussten viele Clubs, wie das Kraniche, das Golem und kürzlich das Moloch schließen. Macht das Clubsterben es schwieriger, einen Fuß in die Tür zu kriegen?
Nein. Ich glaube es macht das sogar einfacher. Ich habe bei ganz kleinen Events angefangen zu spielen. Das war an der Hochschule für Bildende Künste. Es gibt also immer noch Orte, an denen man was Kleines veranstalten kann. Es ist schwierig, Räumlichkeiten zu mieten und Open Airs zu organisieren. Andererseits glaube ich, dass die Not kreativer macht und viele dazu bewegt, an neuen, anderen Orten vorbeizuschauen.

Du hast vorher über negative Situationen in der Partyszene gesprochen. Habt ihr Strategien gegen Diskriminierung auf euren Veranstaltungen?
Wir legen Wert auf Awareness und haben uns dafür z.B mit drei Personen getroffen, die sich damit viel auseinandergesetzt haben und die uns beraten und bei unserem nächsten Event unterstützen. Uns ist es wichtig, unsere Gäste schon vor der Party darauf hinzuweisen, dass wir einen respektvollen Umgang wichtig finden und diskriminierendes Verhaltenen nicht dulden. Außerdem haben wir Ansprechpartner*innen, sollte es zu Diskriminierung kommen.

Dieses Wochenende wird es auf eurem Sommerfest Workshops und Ausstellungen geben. Ist das ein Arschtritt für die weiße, mackerdominierte Kreativszene in Hamburg?
Ja, vielleicht (lacht). In erster Linie ist es uns wichtig, dass dieses Partyding nicht so im Mittelpunkt steht, sondern dass wir Räume für Austausch und Diskurs schaffen. Und da ist das Sommerfest erstmal ein Hammerprojekt. Die Organisationsarbeit war enorm, daran sind wir als Gruppe aber gewachsen. Wir freuen uns sehr darüber, diesen Diskurs aufblühen zu lassen und sind sehr gespannt, wie es wird.

Am 12.05. feiert POSSY ein Sommerfest in Hamburg. Neben Workshops, unter anderem zu Technik, Deejaying und Kritischer Männlichkeit, legen die Kollektivmitglieder in der Schaltzentrale auf. Ab 14 Uhr geht es los. Mehr Infos auf Facebook.

May 08 2018

13:28

Bitte keine Maden auf meinen Salat!

Von Debora Antmann

Ich esse gerne. SEHR gerne! Mit Ausnahme von Schweinefleisch – der Deutschen Lieblingsaas. Ja, es gibt viele Gründe, ganz auf Fleisch oder tierische Produnkte zu verzichten, aber darum soll es hier nicht gehen. Sondern um wc-Deutsche und ihr Schwein. Ich mag Schweine. Wenn sie lebendig sind und sich so richtig ordentlich von mir den Rücken durchkraulen lassen. Ich mag sie nicht als Fleisch auf meinem Teller. Das ist für wc-Deutsche häufig kaum zu ertragen. Aber eins nach dem anderen.

Schwein oder Katze essen? Manche machen, manche machen nicht. © Tine Fetz

Ich esse kein Schwein, weil ich Jüdin bin. Das ist naheliegend und doch weitaus komplexer, als ihr vermutlich denkt. Als ich Kind war, gab es kein Schweinefleisch bei uns zu Hause (außer einmal im Jahr einen Ikea-Hotdog – der war heilig). Ich habe darüber nie nachgedacht und es auch nie vermisst. War halt einfach so. Und ganz ehrlich, bis auf knusprigen Frühstücksspeck schmeckt Schweinefleisch eh meistens auch einfach NICHT. Als meine Mutter starb und ich von einer Sekunde auf die andere plötzlich nur noch von nicht-jüdischen Menschen umgeben war, bestand gefühlt plötzlich ALLLES aus Schwein. Ich war sehr irritiert, kulinarisch etwas abgestoßen, lernte aber schnell: Wer dazugehören will, isst Schwein! Schwein essen war mein Versuch der Assimilation, der Versuch, es richtig zu machen, der Zwang, deutsch zu sein, und zwar so richtig. Dabei vertrage ich das Zeug nicht mal besonders gut.

Es war ein harter, schmerzhafter Prozess, das Schweinefleisch-Essen wieder sein zu lassen. Hart vor allem aus drei Gründen: a) Es othert eine so absolut und endgültig. b) Es wird permanent als religiöses Glaubensbekenntnis fehlinterpretiert. c) wc-Deutsche kapieren einfach nicht, dass Speck kein Gemüse ist.

Beginnen wir mit a):

Weiße westliche Leute verstehen nicht, dass ihr Mittagsteller nicht der universelle Mittelpunkt der Welt ist. Zu sagen, mensch esse kein Schwein, macht eine Person erst mal verdächtig. Denn das machen nur „die Anderen“, „die Fremden“. Es ist ein augenblickliches Outing, das weder so stehen gelassen werden kann, sondern umgehend erklärt werden muss, noch einen anderen Schluss zulässt, als dass die Person nicht zum wc-deutschen „WIR“(sic!) gehören kann.

Das führt uns auch direkt zu Punkt b):

Dass ich kein Schweinefleisch esse, heißt nicht, dass ich religiös bin. Hääää?! Ja, ich esse kein Schwein, weil ich Jüdin bin. Ja, das sagt NICHT DAS GERINGSTE darüber aus, ob oder wie ich religiös bin. Unterschiedliche Kulturtraditionen haben unterschiedliche Speisepraxen. Wenn ich sagen würde: „Ähm, Entschuldigung, ist in dem Ragout Katze und wenn ja, könnte ich es ohne haben?“, wäre für alle wc-Deutschen klar: „Iiihhh!!! Wer isst denn schon Katze?!“ Ähm, genau! IIIIIHHHH, WER ISST DENN SCHON SCHWEIN?! Is(s)t ungefähr die gleiche Irritation und das gleiche kontextbedingte Verständnis von verzehrbar und nicht verzehrbar. Es gibt Orte auf diesem Kontinent, die noch unberührter von weißer kolonialistischer Verzehrpraxis sind, und an denen Katzen, Maden und Ratten auf den Tisch kommen. Das eklig zu finden, sagt vor allem was darüber aus, in welchen Kontexten wir aufgewachsen sind. Schwein nicht eklig zu finden genauso. Und das eine für normal zu halten und das andere nicht entspringt der Annahme, die eigene Essgewohnheit und der eigene Suppenteller müssten global allgemeine Verzückung auslösen. Auch hier wieder: Liebe wc(-Deutsche,) auch wenn der Kolonialismus euch was anderes gelehrt hat: Eure Perspektive hat keine universelle Gültigkeit. Ihr seid weder normal, noch ist es der Rest nicht. Ihr seid einfach nur ignoranter. Und, ja, Schweinefleisch IST eklig… 

Lebendige Schweine dagegen sind übrigens extrem cute! Nur für die Mimimi-ich-esse-keine-Katzen-weil-niedlich-Fraktion. Was für mich allerdings durchaus gegen Katzen, Hunde, aber auch Schweine spricht: Ich finde es extremst seltsam, Tiere zu essen, die selbst Fleisch/Aas essen. Das ist irgendwie schräg und mein Körper hat auf diese Vorstellung Schüttelreaktionen. Aber auch hier wieder: Kontext!

c) Speck ist kein Gemüse!

Diesen Satz kann ich nicht oft genug wiederholen. Speck ist kein Gemüse! Speck ist kein Gemüse! SPECK IST KEIN GEMÜSE!!! Was für die eine oder andere Leser*in vielleicht offensichtlich erscheint, ist es für viele wc-deutsche Bundesbürger*innen nicht. Eine Anekdote zu Verdeutlichung: Anfang 2017 war ich auf Reha im Spreewald. Und wer glaubt, das sei der Beginn eines Gruselfilms: Ja! Es gab drei Menü-Optionen: Menü 1 – Vollkost (eigentlich immer Schweinefleisch in unterschiedlichsten Variationen. Außer freitags!) Menü 2 – Leichte Vollkost (Ausgewiesen als „ohne Schwein“ meist Geflügel, Rind oder Fisch) Menü 3 – Vegetarisch (meist fad und leider viel zu oft Süßspeisen). Nun trug es sich mehr als einmal zu, dass ich Menü 2 (irgendwas mit Rind) bestellte und als Beilage gab es z. B. Bohnen. Mit Speck! Meine Irritation war groß: „Ähm, Entschuldigung, das sollte doch OHNE Schwein sein oder?“ Antwort: „Ja.“ Ich: „Aber das ist doch Speck bei den Bohnen oder?“ Antwort: „Ja.“ Ich: „Ist das Rinderspeck?“ Antwort: „Nein.“ Ich: „Aber was ist das denn dann für Speck?“ Antwort: „Na normaler Speck.“ Ich: „Aber da stand doch ohne Schwein.“ Antwort: „Aber das ist ja kein richtiges Schwein. Das ist nur Speck.“ Und wieder: Äääähmmm …

Noch absurder wurde es in meiner letzten Woche. Ich: „Ähm, ist das das vegetarische?“ Antwort: „Ja.“ Ich: „Sind Sie sicher?“ Antwort: „Ja.“ Ich: „Aber wie haben Sie es denn angebraten, ich habe das Gefühl …“ Die strahlende Antwort, ohne mich ausreden zu lassen: „Mit Schweineschmalz! Ist gut oder!?“

Ähnliches kann ich auch aus anderen Teilen der Bundesrepublik berichten. Deswegen noch mal mein Hinweis: Speck ist KEIN Gemüse!

May 04 2018

07:43

May has cum. And so should you

Von Lisa Tracy Michalik

Sich einen runterholen, Taschenbillard spielen, die Palme wedeln, wichsen, fünf gegen eins spielen, hobeln. Die Liste der Masturbationssynonyme ist lang und alle der Ausdrücke haben neben ihrer Albernheit noch etwas gemein: Sie beziehen sich auf die Masturbation bei Menschen mit Penissen, insbesondere auf cis Männer. Die zahlreichen flachsen Synonyme bestätigen nur noch einmal mehr, dass es für cis Männer als sehr viel selbstverständlicher gilt, es sich selbst zu machen, was für Frauen, non-binary Personen und trans Männer dagegen viel stärker mit Scham und Stigma beladen ist. Dabei haben wir es einer Frau zu verdanken, dass der Mai auch der internationale Masturbationsmonat ist, ganz nach dem Motto „May has cum. And so should you“.

© Eva Feuchter

Dr. Joycelyn Elders war die erste Schwarze Frau, die die oberste Gesundheitsbehörde in den USA leitete. Doch nicht nur das. Von Beginn an entzürnte sie Republikaner*innen mit ihren progressiven Aussagen zu reproduktiven Rechten oder der Legalisierung von Drogen. Sie machte auch den Vorschlag, Schüler*innen im Aufklärungsunterricht beizubringen, dass Masturbation völlig okay, normal und gesund ist. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und Elders verlor ihren Job. Ausgerechnet der Mann, der seine Machtposition als Präsident der USA ausnutzte, um mit einer Praktikantin Sex zu haben, drängte sie zur Kündigung. Als Reaktion auf diese Ungerechtigkeit und als Kampfansage gegen geplante Verbote zum Verkauf von Sextoys ernannten die Gründerinnen der queeren feministischen Good-Vibrations-Sexshops aus San Francisco den 28. Mai zum Masturbationstag und wenig später wurde der ganze Mai zum internationalen Monat der Masturbation deklariert.

Ich weiß noch, als ich 18 war, und es zu Geburtstagen immer ein Riesengag war, dem Geburtstagskind einen Dildo oder Vibrator zu schenken. Am besten in besonders kitschigem oder hässlichem Design, ist ja alles nur Spaß. Auf die Frage hin, ob die Beschenkte denn tatsächlich auch schon Spaß mit dem neuen Geschenk gehabt hatte, folgte meist ein „Ihh, nein!“ und rote Wangen. Dass wir alle zusammengelegt haben, um einer Freundin eine Freude zu machen, weil Sextoys ganz schön teuer werden können – unvorstellbar. Warum also nicht einen ganzen Monat zum Gedenken daran, dass Masturbation schön und gesund ist, damit sich 18-Jährige ganz unironisch Sextoys zum Geburtstag schenken können, Masturbation nicht mehr als irgendwie falsch oder schlechter Ersatz für Sex mit einer anderen Person steht und es endlich socially acceptable wird zu sagen: „Sorry für die Verspätung, ich habe noch masturbiert.“

May 02 2018

08:45

Entwurzelung in Zeiten der Globalisierung

Von Daniela Chmelik

Die Feuilletons feierten Anja Kampmanns Debüt „Wie hoch die Wasser steigen“ unisono, als herausstechenden Roman über globalisierte Arbeitswelten und Entwurzelung, als sprachgewaltig, poetisch, dicht. Und tatsächlich jongliert die Literatin gekonnt mit vielen Namen, noch mehr Orten und mit Erinnerungsfragmenten ihres Protagonisten Waclaw.

© Juliane Henrich

Vorweg: Es ist ein Männerroman. Waclaw verliert auf einer Bohrinsel seinen Freund Mátyás, wird beurlaubt, reist und weiß, dass es kein Heimkommen mehr gibt. Der Verlust seines Freundes zieht weitere Verluste nach sich. Zunehmend verliert Waclaw den Boden unter den Füßen, während die Welt sich weiterdreht. Die Ferne dringt in ihn ein, aber nicht als etwas Freundliches, wie es im Buch heißt. Waclaw begibt sich in die Einsamkeit und wird gewissermaßen selbst eine unerreichbare Insel.

Anja Kampmann „Wie hoch die Wasser steigen“
Hanser Verlag, 352 S., 23 Euro

In melancholischer Getragenheit schildert die Autorin Kargheit und satte Bilder, Berge, Wüsten, Meere. Inniglich und detailreich erzählt sie von erbarmungsloser Industrie, Erschöpfung und Entfernung. Unklar bleibt die Art der Beziehung zwischen Waclaw und Mátyás, angedeutet findet sich, dass sie einander körperlich zärtlich zugetan waren. Klar ist, dass Waclaw keinen Ort mehr findet, wo er hingehören könnte. Als Leser*in mag man sich mitunter etwas „lost in description“ fühlen. Aber so muss es sein. Ein derart voller, dichter Roman verweigert sich einer oberflächlichen Lektüre.

April 12 2018

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March 25 2018

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I believe in judging people by their online presence.
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May 15 2018

09:10

Zwei Seiten einer Münze

Von Casino

Bei meinen ersten Erfahrungen mit Sexarbeit hatte ich noch männlich performt. Genau gesagt: „Männlicher, Schwarzer Top mit hartem Schwanz, der geile Löcher zur Besamung sucht“, wie es in meinem Profil stand. Das hatte ich geschrieben, um aufzufallen, aber auch, um Geld zu verdienen. Ein Stereotyp über Schwarze Männer lautet, dass sie große Schwänze und einen Heißhunger auf Sex haben. Auch wenn ich diese Ansicht höchst problematisch finde, benutzte ich sie zu meinem Vorteil. Wenn so was in deinem Profil steht, dann heißt das, du meinst es ernst mit einer harten Ficksession.

Natürlich spielt Gender eine Rolle in der Sexarbeit – wie in jedem anderen Beruf auch © Tine Fetz

Ich habe viele Männer getoppt, deren Fantasie das war. „Oh ja, fick mich mit deinem Schwarzen Schwanz“, sagten sie. Einmal nannte mich einer seinen „Schokoladen-Fuckboy“. Ich weiß… Es fühlt sich jedoch meistens gut und seltsam an, wenn man bedenkt, dass ich in 90 Prozent der Fälle kleiner und viel jünger bin als die Männer, die ich dominiere. Ich bin 1,65 m groß, wenn man großzügig misst, und die meisten meiner Kunden sind größere, weiße, ältere Männer.

Diese schwule Sexarbeit hat am Anfang Spaß gemacht, als ich verehrt wurde und dafür bezahlt wurde, verehrt zu werden. Aber die Arbeit hat mich nicht erfüllt und ich hab sie weniger und weniger gemocht. Diese Männer versuchen ständig, meine Grenzen zu überschreiten, um zu sehen, wie weit sie bei mir gehen können. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich keine Lust mehr hatte, missachtet zu werden. Nicht von ihnen missachtet, sondern von mir.

In den letzten Jahren habe ich meine Femininität entdeckt. Ich trage Kleider und High Heels. Ein bisschen Eyeliner und Mascara und vielleicht ein bisschen Highlighter, wenn ich mich cheeky fühle. Ich musste feststellen, dass ein femininer Ausdruck es mir unmöglich machte, dem Male Gaze zu entkommen.

Seit ich mein Fem-Ich entdeckt habe, versuche ich, Sexarbeit als trans Frau zu machen. Dabei fühle ich mich wohler in meiner Haut! Für meine Schönheit anerkannt zu werden und die Aufmerksamkeit, die den Details meines Aussehens zukommt, war auf komische Art und Weise wertschätzend für mich und gleichzeitig widersprüchlich. Wisst ihr, sobald das Make-up abgewaschen und das Korsett geöffnet ist, verkörpere ich immer noch den Schwarzen Twinky Top.

Ich habe festgestellt, dass die Arbeit mich mehr fordert, aber lukrativer ist. Ich meine, ich hatte Sessions als trans Frau, in der die Männer einfach nur in Gegenwart einer Frau sein wollten. Ich musste nicht mal meine Klamotten ausziehen für leicht verdiente 200 Euro! Meistens hat diese Arbeit einen kinky Unterton, indem die Männer, die für diesen Service bezahlen, sich selbst unterdrücken, weil dieser Kink ein Tabu überschreitet. Wieder bin ich das schmutzige Geheimnis, für das sie sich schämen, sollte es jemals entdeckt werden. Ganz ehrlich, was ist der Unterschied? Ich werde immer noch exotifiziert, immer noch geheim gehalten; nur diesmal mit mehr Respekt und höherem Honorar.

Ein dominanter Mann zu sein ist für mich Schnee von gestern und eine trans Frau zu sein ist die Zukunft. Geschlecht ist irrelevant, aber bis es wirklich abgeschafft ist, werde ich mir seine Vorteile zunutze machen.

May 14 2018

10:32

Lieblingsstreberin Coco Conners

Von Valerie-Siba Rousparast

Colandrea „Coco“ Conners ist ambitioniert und fleißig – eine richtige Streberin eben. Allerdings ist sie keine, die sich hinter ihren Büchern versteckt. Coco fällt auf und das nicht immer freiwillig: Als Schwarze Frau an einer vorwiegend weißen Elite-Universität ist sie ohnehin schwer zu übersehen. Und als Erste in ihrer Familie, die es überhaupt an die Uni geschafft hat, kämpft sie mit demselben Rassismus, den sie schon aus Kindertagen kennt. Damals rief ihre Grundschulfreundin: „Du nimmst die hässliche Puppe.“ Gemeint war die Schwarze.

©Patu

Aber Coco, gespielt von Antoinette Robertson, hat eine Überlebensstrategie. Neben guten Noten schützt sie sich, indem sie versucht, möglichst wenig aufzufallen. Sie trägt ihre Haare glatt, hat reiche, weiße Freundinnen und erträgt deren latent rassistische Kommentare geduldig. Das funktioniert, allerdings eckt Coco damit an anderer Stelle an – vor allem bei Sam, Heldin der „Coalition of Racial Equality“, in der sich auch Coco engagiert. Sam ist radikal und verlangt das auch von Coco. Doch die hat weitaus weniger Ressourcen, um soziale Kämpfe auszufechten, als Sam. Während dieser Verehrer und Aktivist*innen zu Füßen liegen, kassiert Coco nur Abfuhren. Wo immer sie ist, sie ist die Andere. Selbst die Schwarze Studierendenverbindung will sie nicht. Das hält sie nicht davon ab, Outfits zu tragen, als wäre sie schon First Lady. Und nicht nur modisch behält sie den Durchblick. Ihr Realitätssinn zeigt sich vor allem in Bezug auf den scheinheiligen Umgang ihrer Mitstudent*innen mit Rassismus, an die sie appelliert: „Liebe weiße Menschen, einen schwarzen Vibrator zu besitzen, zählt noch nicht als interracial Beziehung.“ Coco gehört nirgendwo dazu und überstrahlt doch alle anderen. Kein Wunder, dass sie sich selbst die beste Freundin ist.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/18.

May 11 2018

12:56

Stars und Sternchen

Von Hengameh Yaghoobifarah

Gender und Sprache also mal wieder. Keine Sorge, es geht nicht um die Gendern-oder-nicht-Gendern-„Frage“. Alles, was es dazu zu sagen gibt, hat meine Kollegin Anna Mayrhauser erst vor Kurzem an dieser Stelle geschrieben, nämlich als es um den Protest einer Sparkassen-Kundin ging, die von ihrer Bank eine korrekte Ansprache forderte und damit einmal mehr eine Grundsatzdebatte auslöste.

© Eva Feuchter

Um beziehungsweise gegen das generische Maskulinum soll es dieses Mal jedoch nicht gehen, sondern um das Sternchen hinter Begriffen wie „Frau“ oder „Mann“ oder „Mutter“ oder „Aktivistin“. Manche Personen bevorzugen einen Asterix, also ein *, hinter Pronomen oder gegenderter Bezeichnung, mit denen sie angesprochen werden, wie bei „Frau*“ oder „Mutter*“ oder „Ingeneurin*“. Das ist völlig legitim, aber ebenfalls nicht das Thema dieser Kolumne.

Worum es dann überhaupt geht? Um den Gebrauch des Sternchens hinter gegenderten Begriffen als universale Lösung für alle. Denn wer ist schon alle? Als ich vor über drei Jahren in die Missy-Redaktion kam, führten wir einige inhaltliche Diskussionen, die auch die Sprache betrafen. Humorvoll bezeichne ich den Prozess, meinen politischen Input bei Missy einzubringen, manchmal als Entwicklungsarbeit. Unter anderem forderte ich damals, anstatt mit dem Binnen-I, wie es bis Anfang 2015 als grundsätzliche Genderung im Heft galt, mit einem Sternchen oder einem Gap zu gendern, denn es war mir wichtig, nicht-binäre Personen wie mich selbst damit einzubinden. Und außerdem: keine Sternchen hinter Begriffen wie „Frauen“ und „Männer“. Denn was auf den ersten Moment inklusiv und progressiv aussieht, wirft auf den zweiten Blick vor allem Fragen auf: Wer sind eigentlich Frauen*?

In unserer Kolumne Missyverse bloggt die Redaktion des Missy Magazines, immer im Wechsel. Ab sofort, jeden Freitag.

Frage ich Leute, die von Frauen* sprechen, so höre ich meistens als Antwort, dass alle sich als Frauen angesprochenen Menschen gemeint seien. Okay, aber bei Frauen ohne Sternchen sollte das doch auch zutreffen? Ja, heißt es dann, aber meistens werden trans Frauen oder nicht-binäre Leute ausgeschlossen und bei Frauen* sei dann klar, dass diese mitgemeint seien. Es geht also darum, sichtbar zu machen, wie eine*r sich gegenüber Cisnormativität und Geschlechterbinärität positioniert.

Doch der lange Rattenschwanz dieses nett gemeinten Sonderzeichens wird gerne ignoriert: Es impliziert, dass trans Frauen keine Frauen, sondern Frauen* sind. Also nur uneigentlich Frauen. Trans und cis Frauen machen nicht dieselben Erfahrungen, doch das tun schlanke und dicke, weiße und Schwarze Frauen und Frauen mit und ohne Behinderung genauso wenig. Weil Mehrfachdiskriminierung so funktioniert. Doch für jüdische, muslimische, Schwarze, dicke oder arme Frauen – oder Lesben – setzt niemand ein Sternchen, um klarzustellen, dass sie mitgemeint sind – obwohl sie aus hegemonialer Weiblichkeit ausgeschlossen werden und in weiß-feministischen Kontexten quasi nicht als Teil der Schwesternschaft vorkommen. Heißt: Wenn im Mainstream über die Erfahrung von „Frauen“ gesprochen wird, geht es in der Regel um weiße, heterosexuelle, mittelständische – meistens schlanke – cis Frauen ohne Behinderung. Auf wen diese soziale Position nicht zutrifft, die*der kann sich schon fragen, ob sie*er als „Frau“ ohne Sternchen mitgedacht ist. Doch kaum eine*r wird sagen: Dicke Frauen sind dicke Frauen, aber keine Frauen. Transmisogyne Sprüche wie „Trans Frauen sind trans Frauen und keine Frauen“ hingegen fallen des Öfteren. Und diese Haltung manifestiert sich stärker, wenn trans Frauen nur als Frauen mitgemeint werden, wenn es Frauen* heißt.

Und nun zu nicht-binären Leuten, die als Frauen* gemeint sind: Ich bin nicht-binär. Ich bin keine Frau* und erst Recht keine Frau. Und auch kein Mann. Die Tatsache, dass ich die meiste Zeit als Frau gelesen werde, führt dazu, dass ich Erfahrungen mache, die viele Frauen auch machen: Belästigung, Sexismus, eine eingeschränkte körperliche Selbstbestimmung oder Mansplaining zum Beispiel. Deshalb sind die Kämpfe von Frauen häufig auch meine Kämpfe. Einige meiner nicht-binären siblings fühlen sich als Frauen* aus diesem Grund angesprochen und sogar als sisters/sisters*. Doch es gibt mindestens genauso viele, die es nicht tun. Anstatt uns gegeneinander auszuspielen, erwarte ich von cis und binären Leuten, dass sie sich präziser ausdrücken und kein faules Sternchen setzen, mit dem vermeintlich alle Kästchen abgehakt werden.

Hengameh Yaghoobifarah ist seit Ende 2014 in der Missy-Redaktion.

Schließlich ist Cisnormativität in feministischen Kontexten nicht einfach erledigt, indem hier und da ein paar Sternchen auftauchen. Wenn ich beispielsweise an dem Satz „Frauen haben ein Recht auf Abtreibung“ lediglich ein Sternchen an „Frauen“ hänge, verschwindet die Transfeindlichkeit nicht automatisch. Nicht-binäre Leute und trans Männer haben ebenso sehr ein Recht auf Abtreibung, Abtreibungen sind für transfeminine Personen jedoch nicht das Hauptanliegen in reproduktiven Kämpfen, wenn sie bis vor Kurzem in der EU zwangssterilisiert wurden und weiterhin auf den Geburtsurkunden ihrer Kinder misgendert werden – eine Erfahrung, die sehr viele trans Leute in Deutschland machen. Während sich nicht-binäre Leute  teilweise als Frauen* mitgemeint fühlen, ist es eine ignorante Zumutung zu hoffen, dass es für trans Männer schon irgendwie okay sein sollte, weiblich adressiert zu werden – weil es ja keine „richtigen Männer“ (sic!) seien.

Gleichzeitig wäre das Sternchen als ausdrücklicher Einladungsimplikator für trans Leute redundant, wenn transfeindliche (meist Radikal-)Feministinnen einfach klarer formulieren würden, wer in ihrer Vorstellung von Frauen eingebunden ist – das sind meistens nur cis Frauen oder, ebenso essenzialistisch, nur Menschen, die als cis Frauen gelesen werden. Oder mit bestimmten Genitalien.

Beim nächsten generischen Sternchen lohnt es sich darum auf jeden Fall, kurz innezuhalten und zu überlegen, wie die Formulierung präziser werden könnten. Auf wen trifft eine Aussage zu? Wen lade ich auf dieser Veranstaltung wirklich ein? An wen richtet sich jener Text? Meine ich Frauen? Oder nur cis Frauen? Oder Frauen und nicht-binäre Personen? Oder Frauen und Femmes? Oder Frauen und trans Männer? Oder nur Menschen, die eine Vulva haben? Oder nur Menschen, die menstruieren? Oder Menschen, die schwanger werden können? Oder Menschen, die sexualisierte Belästigung erfahren? Oder Menschen mit X-Erfahrung? Oder pauschal alle außer cis Männer? Alle Frauen, Lesben, inter und trans Personen? Dann sag es doch entsprechend. ¯\_(ツ)_/¯

10:21

Cause we like to party!

Von Corinna Humuza

POSSY-Mitgründerin Isabelle Edi, Foto: Sophie Allerding

POSSY mischt das Hamburger Nachtleben auf. Die Deejays, Künstler*innen und Veranstalter*innen des Kollektivs hatten die Nase voll von männlicher Dominanz in der elektronischen Musikszene. Eine von ihnen ist die gebürtige Hamburgerin Isabelle Edi. Neben ihrem Kostümdesign-Studium, hat sie vor einem halben Jahr begonnen aufzulegen. Missy-Autorin Corinna Humuza sprach mit der 21-jährigen POSSY-Mitgründerin über Sicherheit auf Partys, Hamburger Spießigkeit und weshalb das Clubsterben in der Hansestadt auch eine Chance für frischen Wind sein kann.

POSSY möchte eine Lücke im Hamburger Nachtleben schließen. Was fehlt euch?
Was mir krass gefehlt hat sind Veranstaltungen mit neuen Ideen. Vieles von dem was in Hamburg stattfindet, gibt es schon seit Jahren. Das waren immer wieder die gleichen Partys, immer wieder die gleichen Leute. Ich hatte Lust, mich einzumischen und etwas Neues, das dem Zeitgeist entspricht, einzubringen. Natürlich gibt es Andere, die bereits feministische Partys schmeißen, so wie die DJ Yeşim. Aber es ist Zeit für mehr. Von anderen Veranstalter*innen wurde mir auch bestätigt, dass es Zeit für frischen Wind in der Szene ist.

Wie kam es zu POSSY?
Ich war vor eineinhalb Jahren in Leipzig bei einem female* DJ-Workshop, meine Freundin Luka nahm in Hildesheim bei einem ähnlichen Workshop teil. Dann haben wir die Ausschreibung einer interkulturellen Veranstaltung gesehen, die künstlerischen und interdisziplinären Austausch fördern sollte. Das Konzept fanden wir richtig cool. Wir haben dann die After Show-Party ausgerichtet, dort nur weibliche DJs gebucht und uns auch das ganze technische Know-How selbst beigebracht. Weil wir eben nicht wollten, dass uns beim Auflegen ins Pult gegriffen wird, was vielen weiblichen DJs passiert. Die Party war sehr erfolgreich, aber wir waren damals nur zu dritt, sodass wir danach völlig fertig waren. Wir hatten ja alles von der Pike auf selbst geplant und gemacht. Durch einen Freund, der das Booking im Club Yoko gemacht hat, hatten wir dann aber ein halbes Jahr später die Möglichkeit, dort zu spielen. Darüber haben wir eine neue Plattform bekommen.

Wer steckt hinter dem Kollektiv?
Wir sind insgesamt circa fünfzehn Leute. Anfangs waren wir zu dritt, aber wuchsen nach einem Open Call und mit ein paar Freund*innen stark an. POSSY besteht aus DJs und Künstler*innen, die zum Beispiel das Art Work machen, Performance-Künstler*innen und generell kulturell Interessierten. Die Aufgabenteilung ist frei wählbar. Das liegt uns am Herzen, damit wir uns ausprobieren können, je nachdem worauf jede einzelne gerade Lust hat.

Habt ihr auch trans und non-binary Personen im Team und wie achtet ihr darauf, inklusiv zu sein?
Nein, haben wir nicht. Bisher ist der Anteil queerer Personen in unserem Kollektiv (noch) gering. Für uns war es aber von Anfang an klar, dass alle auf unseren Partys und in unserem Team willkommen sind und sich sicher fühlen sollen. Auch deswegen stellt sich für uns aktuell die Frage, ob wir momentan neue Interessierte aufnehmen oder uns erstmal darauf konzentrieren sollen, Inhalte zu erarbeiten, wir begrüßen aber immer neue Ideen, Anregungen und die Künstler*innen mitzumachen.

Wo verortet ihr euch musikalisch?
Fine spielt z.B ziemlich harten Electro, Marie spielt eher House, aber auch Techno. Bei mir ist es ähnlich. Wir bewegen uns auf jeden Fall eher im elektronischen Bereich.

POSSY legt ja explizit einen Fokus, darauf, Frauen im Nachtleben zu fördern. Welche Rolle spielt das für dich?
Ich glaube gar nicht so auf Frauen bezogen. Was mir persönlich – und ich bin eine Frau – gefehlt hat, war ein sicherer Ort, wo ich auf politischer Ebene aber auch in einem Partykontext dazulernen und mich austauschen kann. Wo ich meine Bedürfnisse als Frau kommunizieren und in einem geschützten Raum Stärke daraus gewinnen kann, mit anderen auch über schlechte Erlebnisse auf Partys zu sprechen. Aber auch darüber, wie man damit umgehen und dem entgegenwirken kann.

Ist der Mangel an solchen Orten ein spezifisches Problem in Hamburg oder nimmst du das in anderen Städten ähnlich wahr?
Ich glaube, in anderen Städten gibt es das, was POSSY macht, bereits mehr. Die Idee kannte ich aus Leipzig. In Berlin gibt es solche Kollektive auch. Aber klar, generell glaube ich das Vernetzung unter Frauen überall wichtig ist.

Vernetzung und Repräsentanz ist ja immer auch eine intersektionale Frage. In Hamburg fällt mir immer auf, wie wenig sichtbar queere und BPoC Raver*innen, Deejays und generell Räume sind. Wie erklärst du dir das?
Hamburg ist da sehr spießig. Das fällt oft schon bei dem Publikum auf. Da ist wenig Lust, neue Sachen auszuprobieren, oder mal ein bisschen weiter zu fahren statt dahin zu gehen, wo man sowieso immer feiert. Bubble und Ogay sind die einzigen mir bekannten Partys die auf queeres Publikum abzielen. In anderen Städten wie Berlin gibt es vielleicht ein viel größeres Spektrum und viel mehr Möglichkeiten. Es besteht ein Wunsch nach mehr Diversität. Vielleicht hat sich hier einfach eine sehr elitäre Szene etabliert, die es schwer macht, sich mit Neuem einzubringen.

In den letzten Jahren mussten viele Clubs, wie das Kraniche, das Golem und kürzlich das Moloch schließen. Macht das Clubsterben es schwieriger, einen Fuß in die Tür zu kriegen?
Nein. Ich glaube es macht das sogar einfacher. Ich habe bei ganz kleinen Events angefangen zu spielen. Das war an der Hochschule für Bildende Künste. Es gibt also immer noch Orte, an denen man was Kleines veranstalten kann. Es ist schwierig, Räumlichkeiten zu mieten und Open Airs zu organisieren. Andererseits glaube ich, dass die Not kreativer macht und viele dazu bewegt, an neuen, anderen Orten vorbeizuschauen.

Du hast vorher über negative Situationen in der Partyszene gesprochen. Habt ihr Strategien gegen Diskriminierung auf euren Veranstaltungen?
Wir legen Wert auf Awareness und haben uns dafür z.B mit drei Personen getroffen, die sich damit viel auseinandergesetzt haben und die uns beraten und bei unserem nächsten Event unterstützen. Uns ist es wichtig, unsere Gäste schon vor der Party darauf hinzuweisen, dass wir einen respektvollen Umgang wichtig finden und diskriminierendes Verhaltenen nicht dulden. Außerdem haben wir Ansprechpartner*innen, sollte es zu Diskriminierung kommen.

Dieses Wochenende wird es auf eurem Sommerfest Workshops und Ausstellungen geben. Ist das ein Arschtritt für die weiße, mackerdominierte Kreativszene in Hamburg?
Ja, vielleicht (lacht). In erster Linie ist es uns wichtig, dass dieses Partyding nicht so im Mittelpunkt steht, sondern dass wir Räume für Austausch und Diskurs schaffen. Und da ist das Sommerfest erstmal ein Hammerprojekt. Die Organisationsarbeit war enorm, daran sind wir als Gruppe aber gewachsen. Wir freuen uns sehr darüber, diesen Diskurs aufblühen zu lassen und sind sehr gespannt, wie es wird.

Am 12.05. feiert POSSY ein Sommerfest in Hamburg. Neben Workshops, unter anderem zu Technik, Deejaying und Kritischer Männlichkeit, legen die Kollektivmitglieder in der Schaltzentrale auf. Ab 14 Uhr geht es los. Mehr Infos auf Facebook.

May 08 2018

13:28

Bitte keine Maden auf meinen Salat!

Von Debora Antmann

Ich esse gerne. SEHR gerne! Mit Ausnahme von Schweinefleisch – der Deutschen Lieblingsaas. Ja, es gibt viele Gründe, ganz auf Fleisch oder tierische Produnkte zu verzichten, aber darum soll es hier nicht gehen. Sondern um wc-Deutsche und ihr Schwein. Ich mag Schweine. Wenn sie lebendig sind und sich so richtig ordentlich von mir den Rücken durchkraulen lassen. Ich mag sie nicht als Fleisch auf meinem Teller. Das ist für wc-Deutsche häufig kaum zu ertragen. Aber eins nach dem anderen.

Schwein oder Katze essen? Manche machen, manche machen nicht. © Tine Fetz

Ich esse kein Schwein, weil ich Jüdin bin. Das ist naheliegend und doch weitaus komplexer, als ihr vermutlich denkt. Als ich Kind war, gab es kein Schweinefleisch bei uns zu Hause (außer einmal im Jahr einen Ikea-Hotdog – der war heilig). Ich habe darüber nie nachgedacht und es auch nie vermisst. War halt einfach so. Und ganz ehrlich, bis auf knusprigen Frühstücksspeck schmeckt Schweinefleisch eh meistens auch einfach NICHT. Als meine Mutter starb und ich von einer Sekunde auf die andere plötzlich nur noch von nicht-jüdischen Menschen umgeben war, bestand gefühlt plötzlich ALLLES aus Schwein. Ich war sehr irritiert, kulinarisch etwas abgestoßen, lernte aber schnell: Wer dazugehören will, isst Schwein! Schwein essen war mein Versuch der Assimilation, der Versuch, es richtig zu machen, der Zwang, deutsch zu sein, und zwar so richtig. Dabei vertrage ich das Zeug nicht mal besonders gut.

Es war ein harter, schmerzhafter Prozess, das Schweinefleisch-Essen wieder sein zu lassen. Hart vor allem aus drei Gründen: a) Es othert eine so absolut und endgültig. b) Es wird permanent als religiöses Glaubensbekenntnis fehlinterpretiert. c) wc-Deutsche kapieren einfach nicht, dass Speck kein Gemüse ist.

Beginnen wir mit a):

Weiße westliche Leute verstehen nicht, dass ihr Mittagsteller nicht der universelle Mittelpunkt der Welt ist. Zu sagen, mensch esse kein Schwein, macht eine Person erst mal verdächtig. Denn das machen nur „die Anderen“, „die Fremden“. Es ist ein augenblickliches Outing, das weder so stehen gelassen werden kann, sondern umgehend erklärt werden muss, noch einen anderen Schluss zulässt, als dass die Person nicht zum wc-deutschen „WIR“(sic!) gehören kann.

Das führt uns auch direkt zu Punkt b):

Dass ich kein Schweinefleisch esse, heißt nicht, dass ich religiös bin. Hääää?! Ja, ich esse kein Schwein, weil ich Jüdin bin. Ja, das sagt NICHT DAS GERINGSTE darüber aus, ob oder wie ich religiös bin. Unterschiedliche Kulturtraditionen haben unterschiedliche Speisepraxen. Wenn ich sagen würde: „Ähm, Entschuldigung, ist in dem Ragout Katze und wenn ja, könnte ich es ohne haben?“, wäre für alle wc-Deutschen klar: „Iiihhh!!! Wer isst denn schon Katze?!“ Ähm, genau! IIIIIHHHH, WER ISST DENN SCHON SCHWEIN?! Is(s)t ungefähr die gleiche Irritation und das gleiche kontextbedingte Verständnis von verzehrbar und nicht verzehrbar. Es gibt Orte auf diesem Kontinent, die noch unberührter von weißer kolonialistischer Verzehrpraxis sind, und an denen Katzen, Maden und Ratten auf den Tisch kommen. Das eklig zu finden, sagt vor allem was darüber aus, in welchen Kontexten wir aufgewachsen sind. Schwein nicht eklig zu finden genauso. Und das eine für normal zu halten und das andere nicht entspringt der Annahme, die eigene Essgewohnheit und der eigene Suppenteller müssten global allgemeine Verzückung auslösen. Auch hier wieder: Liebe wc(-Deutsche,) auch wenn der Kolonialismus euch was anderes gelehrt hat: Eure Perspektive hat keine universelle Gültigkeit. Ihr seid weder normal, noch ist es der Rest nicht. Ihr seid einfach nur ignoranter. Und, ja, Schweinefleisch IST eklig… 

Lebendige Schweine dagegen sind übrigens extrem cute! Nur für die Mimimi-ich-esse-keine-Katzen-weil-niedlich-Fraktion. Was für mich allerdings durchaus gegen Katzen, Hunde, aber auch Schweine spricht: Ich finde es extremst seltsam, Tiere zu essen, die selbst Fleisch/Aas essen. Das ist irgendwie schräg und mein Körper hat auf diese Vorstellung Schüttelreaktionen. Aber auch hier wieder: Kontext!

c) Speck ist kein Gemüse!

Diesen Satz kann ich nicht oft genug wiederholen. Speck ist kein Gemüse! Speck ist kein Gemüse! SPECK IST KEIN GEMÜSE!!! Was für die eine oder andere Leser*in vielleicht offensichtlich erscheint, ist es für viele wc-deutsche Bundesbürger*innen nicht. Eine Anekdote zu Verdeutlichung: Anfang 2017 war ich auf Reha im Spreewald. Und wer glaubt, das sei der Beginn eines Gruselfilms: Ja! Es gab drei Menü-Optionen: Menü 1 – Vollkost (eigentlich immer Schweinefleisch in unterschiedlichsten Variationen. Außer freitags!) Menü 2 – Leichte Vollkost (Ausgewiesen als „ohne Schwein“ meist Geflügel, Rind oder Fisch) Menü 3 – Vegetarisch (meist fad und leider viel zu oft Süßspeisen). Nun trug es sich mehr als einmal zu, dass ich Menü 2 (irgendwas mit Rind) bestellte und als Beilage gab es z. B. Bohnen. Mit Speck! Meine Irritation war groß: „Ähm, Entschuldigung, das sollte doch OHNE Schwein sein oder?“ Antwort: „Ja.“ Ich: „Aber das ist doch Speck bei den Bohnen oder?“ Antwort: „Ja.“ Ich: „Ist das Rinderspeck?“ Antwort: „Nein.“ Ich: „Aber was ist das denn dann für Speck?“ Antwort: „Na normaler Speck.“ Ich: „Aber da stand doch ohne Schwein.“ Antwort: „Aber das ist ja kein richtiges Schwein. Das ist nur Speck.“ Und wieder: Äääähmmm …

Noch absurder wurde es in meiner letzten Woche. Ich: „Ähm, ist das das vegetarische?“ Antwort: „Ja.“ Ich: „Sind Sie sicher?“ Antwort: „Ja.“ Ich: „Aber wie haben Sie es denn angebraten, ich habe das Gefühl …“ Die strahlende Antwort, ohne mich ausreden zu lassen: „Mit Schweineschmalz! Ist gut oder!?“

Ähnliches kann ich auch aus anderen Teilen der Bundesrepublik berichten. Deswegen noch mal mein Hinweis: Speck ist KEIN Gemüse!

May 04 2018

07:43

May has cum. And so should you

Von Lisa Tracy Michalik

Sich einen runterholen, Taschenbillard spielen, die Palme wedeln, wichsen, fünf gegen eins spielen, hobeln. Die Liste der Masturbationssynonyme ist lang und alle der Ausdrücke haben neben ihrer Albernheit noch etwas gemein: Sie beziehen sich auf die Masturbation bei Menschen mit Penissen, insbesondere auf cis Männer. Die zahlreichen flachsen Synonyme bestätigen nur noch einmal mehr, dass es für cis Männer als sehr viel selbstverständlicher gilt, es sich selbst zu machen, was für Frauen, non-binary Personen und trans Männer dagegen viel stärker mit Scham und Stigma beladen ist. Dabei haben wir es einer Frau zu verdanken, dass der Mai auch der internationale Masturbationsmonat ist, ganz nach dem Motto „May has cum. And so should you“.

© Eva Feuchter

Dr. Joycelyn Elders war die erste Schwarze Frau, die die oberste Gesundheitsbehörde in den USA leitete. Doch nicht nur das. Von Beginn an entzürnte sie Republikaner*innen mit ihren progressiven Aussagen zu reproduktiven Rechten oder der Legalisierung von Drogen. Sie machte auch den Vorschlag, Schüler*innen im Aufklärungsunterricht beizubringen, dass Masturbation völlig okay, normal und gesund ist. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und Elders verlor ihren Job. Ausgerechnet der Mann, der seine Machtposition als Präsident der USA ausnutzte, um mit einer Praktikantin Sex zu haben, drängte sie zur Kündigung. Als Reaktion auf diese Ungerechtigkeit und als Kampfansage gegen geplante Verbote zum Verkauf von Sextoys ernannten die Gründerinnen der queeren feministischen Good-Vibrations-Sexshops aus San Francisco den 28. Mai zum Masturbationstag und wenig später wurde der ganze Mai zum internationalen Monat der Masturbation deklariert.

Ich weiß noch, als ich 18 war, und es zu Geburtstagen immer ein Riesengag war, dem Geburtstagskind einen Dildo oder Vibrator zu schenken. Am besten in besonders kitschigem oder hässlichem Design, ist ja alles nur Spaß. Auf die Frage hin, ob die Beschenkte denn tatsächlich auch schon Spaß mit dem neuen Geschenk gehabt hatte, folgte meist ein „Ihh, nein!“ und rote Wangen. Dass wir alle zusammengelegt haben, um einer Freundin eine Freude zu machen, weil Sextoys ganz schön teuer werden können – unvorstellbar. Warum also nicht einen ganzen Monat zum Gedenken daran, dass Masturbation schön und gesund ist, damit sich 18-Jährige ganz unironisch Sextoys zum Geburtstag schenken können, Masturbation nicht mehr als irgendwie falsch oder schlechter Ersatz für Sex mit einer anderen Person steht und es endlich socially acceptable wird zu sagen: „Sorry für die Verspätung, ich habe noch masturbiert.“

May 02 2018

08:45

Entwurzelung in Zeiten der Globalisierung

Von Daniela Chmelik

Die Feuilletons feierten Anja Kampmanns Debüt „Wie hoch die Wasser steigen“ unisono, als herausstechenden Roman über globalisierte Arbeitswelten und Entwurzelung, als sprachgewaltig, poetisch, dicht. Und tatsächlich jongliert die Literatin gekonnt mit vielen Namen, noch mehr Orten und mit Erinnerungsfragmenten ihres Protagonisten Waclaw.

© Juliane Henrich

Vorweg: Es ist ein Männerroman. Waclaw verliert auf einer Bohrinsel seinen Freund Mátyás, wird beurlaubt, reist und weiß, dass es kein Heimkommen mehr gibt. Der Verlust seines Freundes zieht weitere Verluste nach sich. Zunehmend verliert Waclaw den Boden unter den Füßen, während die Welt sich weiterdreht. Die Ferne dringt in ihn ein, aber nicht als etwas Freundliches, wie es im Buch heißt. Waclaw begibt sich in die Einsamkeit und wird gewissermaßen selbst eine unerreichbare Insel.

Anja Kampmann „Wie hoch die Wasser steigen“
Hanser Verlag, 352 S., 23 Euro

In melancholischer Getragenheit schildert die Autorin Kargheit und satte Bilder, Berge, Wüsten, Meere. Inniglich und detailreich erzählt sie von erbarmungsloser Industrie, Erschöpfung und Entfernung. Unklar bleibt die Art der Beziehung zwischen Waclaw und Mátyás, angedeutet findet sich, dass sie einander körperlich zärtlich zugetan waren. Klar ist, dass Waclaw keinen Ort mehr findet, wo er hingehören könnte. Als Leser*in mag man sich mitunter etwas „lost in description“ fühlen. Aber so muss es sein. Ein derart voller, dichter Roman verweigert sich einer oberflächlichen Lektüre.

April 12 2018

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