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February 06 2018

15:11

Was man noch darf

Von Tove Tovesson

Ständig lese ich von Verboten, die vermeintlich von pc culture durchgesetzt würden. „Man“ darf nicht mehr flirten, keine Filme mehr von Woody Allen gucken, Gedichte an Hauswände schreiben, das N-Wort sagen, überhaupt irgendwas sagen oder gar sein, insbesondere nicht privilegiert, ach, weh! Gleichzeitig tun etliche Menschen in genau diesem Moment all das, in Kombination, jetzt erst recht, für die Freiheit, aus Prinzip (Aufklärung etc.), als mutige, äh, Fackelträger – wenn auch prekär an den gesellschaftlichen Rand in Talkrunden und ins Feuilleton gedrängt.

Ist die Hand, die nach den Blumen greift, wirklich so unschuldig? © Tine Fetz

(Nicht) sollen und (nicht) dürfen nicht auseinanderhalten zu können, ist eigentlich eine peinliche Offenbarung, moralische Entwicklung ungefähr Keller (das ist dort, wo man denkt, einer sei kein Vergewaltiger, solange er nicht richterlich verurteilt wurde, und das für Unschuldsvermutung hält). Das lasse ich mir nicht nehmen, das müsst ihr mir schon verbieten! – Ja, müsste man anscheinend tatsächlich, wenn euch anders nicht beizukommen ist. Passiert aber selten, weil Macht seltsamerweise anders verteilt ist.

Außerdem ist ja nach Logik der „Mitte“ etwas gegen Unrecht zu tun mindestens genauso unrecht wie dieses Unrecht! Konkret: Wer Nazis boxt, ist selbst Nazi – oder so. Es lebt sich gut „unter der majestätischen Gleichheit des Gesetzes, das Reichen wie Armen verbietet, unter Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen“ (Anatole France).

Die Debatte ums N-Wort ist besonders eindrücklich für diese Vulgärdialektik, für das verdrehte Anspruchsdenken hinter der Verteidigung dessen, was man anderen genommen hat. Wie die Vegetarierin mit einem Insel-Hungersnot-Szenario doch überführt werden kann, unter bestimmten Umständen hypothetisch Fleisch zu essen, wird nach einem Umstand gesucht, unter dem weiße doch das N-Wort sagen dürfen müssen, einem legitimen Bruch der unbarmherzigen Regel. Z. B. muss es doch erlaubt sein, als weiße*r Autor*in einen rassistischen Charakter das N-Wort sagen zu lassen, selbstverständlich um damit bei den Leser*innen Bewusstsein für Rassismus zu schaffen!

Wie hervorragend dieses Bewusstsein durch das Ausschreiben und -sprechen des N-Worts allgemein schon entwickelt ist, spricht wohl für sich. Wohlgemerkt, diese Debatte wird unter Bezug auf geistige Freiheit geführt, kann aber nicht anders, als – auf den Verbots-Strohmann antwortend – in den verklemmten Parametern der Tyrannei zu denken, die sie anderen antut: Es ist nicht denkbar, etwas aus ethischer Einsicht und freien Stücken zu unterlassen. Es gibt keine Gnade. Alles, was ungestraft angetan werden kann, wird getan. Notfalls ironisch, denn wenn man das Gegenteil von dem meint, was man tut, hat das bekanntermaßen magische Wirkung.

Die Diskussion um „Avenidas“ dümpelt in ähnlichen Fahrwassern. Insbesondere in der Kunst muss doch alles erlaubt sein, sie ist wichtiger als menschliche Befindlichkeiten. Linker Tugendterror, der gestern erst niemand Geringeres als „Die Kleine Hexe“ nichts weniger als zensierte, überstreicht heute mit meuchelnder Hand ein harmloses Gedicht über Alleen und Frauen und Blumen und 1 Bewunderer.

Es ist fast lustig, wie nun dieses Gedicht, das an onkelhafter Bräsigkeit schwer zu überbieten ist, als progressive Hochkultur verteidigt und damit der Akt des Überstreichens zur faschistischen Unterdrückung stilisiert wird, als wäre nicht die ganze europäische Kunst- und Kulturwelt seit Jahrhunderten eine Plattform für exakt das gleiche Motiv aus exakt der gleichen Perspektive.

Als ich die Übersetzung erstmals las, musste ich lachen, weil ich es immer wieder unfassbar finde, wie unverhohlen mittelmäßig erfolgreiche Männer sein dürfen. „Avenidas“ ist ein Gedicht über Streetharassment aus Männerperspektive, das sich glücklich schätzen kann, zum Meme zu taugen. Es ist peinlich in seiner vorgeschobenen Arglosigkeit, peinlich in seiner Anschlussfähigkeit an Ignoranz, und der absehbare Vorwurf, den eine Dichterin auf einer vergleichbaren Plattform (wahrscheinlich zu Unrecht) ertragen müsste, träfe hier ins Schwarze: Das ist nicht universell zugänglich, sondern aus qua Geschlecht begrenzter Weltsicht geschrieben. Die Frage ist also nicht, warum „darf“ man so was nicht schreiben (man darf ja), sondern warum sollte irgendwer das noch lesen wollen?

Reposted bySirenensangGretelpaketRekrut-K

February 05 2018

11:44

Krebs durch Sex?

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Von Bettina Enzenhofer

Die meisten jungen Frauen wissen, dass es HPV gibt – aber damit hat es sich auch schon“, sagt Cornelia Burgert vom Feministischen Frauengesundheitszentrum in Berlin. „Dann höre ich in der Beratung: ,Hilfe, ich bin HPV-positiv!‘ Mehr als das teilen ihnen die Ärzt*innen meist auch nicht mit.“ Auch Veronika Graber vom Frauengesundheitszentrum in Graz bestätigt die Wissenslücke: „Den meisten Mädchen in meinen Workshops sagen HPV und Pap-Abstrich nichts. Außer sie sind geimpft, dann kennen sie das Wort HPV von der Impfung, wissen aber dennoch wenig dazu.“

Was wirklich wichtig ist: Aufklärung statt Panik über HPV ©Lisa Tegtmeier

Tatsächlich sind die meisten schon auf irgendeine Weise mit dem Thema HPV in Kontakt gekommen – wenn auch oft unwissentlich. HPV steht für humane Papillomaviren, darunter fallen sowohl gewöhnliche Hautwarzen als auch genitale HP-Viren. Infektionen mit Letzteren zählen zu den am häufigsten sexuell übertragenen Viruserkrankungen. Vier von fünf Personen stecken sich im Laufe ihres Lebens mit den Viren an. Das ist auch nicht verwunderlich, denn wirklich schützen kann man sich vor HPV nicht, wenn man sexuell aktiv ist. Die Viren werden durch direkten Haut- oder Schleimhautkontakt übertragen. Barrieren wie Kondome oder Dental Dams bieten hier einen gewissen, jedoch keinen vollständigen Schutz, weil die Viren auch an einer nicht abgedeckten Stelle sitzen können.

Wie und mit wem man dabei Sex hat, ist…

February 02 2018

15:35

Als hätte Mr. Burns die Macht übernommen

Von Anna Mayrhauser

Als Teenager trug ich im Turnunterricht ein T-Shirt aus dem Merchandise des österreichischen öffentlich-rechtlichen Jugendsenders FM4, auf dem stand „Ich bin die Internetgeneration“. Es war das Jahr 2001, das Internet spielte eine verschwindend geringe Rolle in meinem Leben. Der Schriftzug bezog sich auf eine Aussage von Wolfgang Schüssel, damaliger österreichischer Bundeskanzler der Regierung Schwarz-Blau 1, dass auf den Donnerstagsdemos, die seit 2000 wöchentlich gegen die gerade gewählte schwarz-blaue Regierungskoalition aus FPÖ und ÖVP stattfanden, nur ein paar „Alt-68er und die junge Internetgeneration“ demonstrieren würden.

© Eva Feuchter/Missy Magazine

Das fanden wir lustig. Auf meinem Schulrucksack trug ich einen „Ich habe diese Regierung nicht gewählt“-Button. (Ich war genau genommen auch noch nicht wahlberechtigt.) Gemeinsam mit Freund*innen nach Wien zu Demos fahren war aufregend. Man konnte es auch mit einem Besuch in einem der ominösen Clubs verbinden, von denen die auf FM4 immer redeten, und die aus unserer Perspektive sehr weit weg waren. Wir fühlten uns schon subversiv, weil wir nicht Ö3 hörten, den mainstreamigen Popsender des ORFs. So einfach war das.

In unserer Kolumne Missyverse bloggt die Redaktion des Missy Magazines, immer im Wechsel. Ab sofort, jeden Freitag.

Irgendwann, sehr viel später, fand ich das T-Shirt beim Ausmisten meines Kleiderschranks. Ach, wie entzückend, dachte ich, wie niedlich, mit einem dermaßen harmlosen und nichtssagenden Spruch politischen Protest auszudrücken. Ich brachte es nicht übers Herz, das T-Shirt in den Altkleidersack zu geben und verstaute es in einer Kiste im Keller, wer weiß, vielleicht könnten es es meine Enkelkinder eines Tages ironisch tragen.

Diesen Mittwoch hat das Wiener Stadtmagazin „Falter“ über das mögliche Aus von FM4 unter der Neuauflage der schwarz-blauen Regierung berichtet. 2019, so lauteten Gerüchte, solle der Sender, dessen Protagonist*innen, wie es im Artikel heißt, einen wichtigen Teil der österreichischen Gegenöffentlichkeit darstellen, eingestellt werden, mit der Begründung: Nichterfüllen des Bildungsauftrags. Sowohl der Sender selbst als auch ÖVP und FPÖ haben dies mittlerweile dementiert. Das Misstrauen ist noch da: Eine Online-Petionen ruft zum Erhalt des Senders auf, auf Social Media solidarisieren sich viele mit dem Sender, der mit alternativer Musik und wortlastigem Programm, wie es der Journalist Thomas Weber etwa im Deutschlandradio beschreibt, für ein „weltoffenes Österreich“ steht .

Eine Regierung, die einen öffentlich-rechtlichen Kultursender abdrehen will? Das klingt absurd, auch wenn es immer wieder Gerüchte um die Weiterexistenz des Senders gab.

Und trotzdem ist es in eine vorstellbare Nähe gerückt: Die Liste der Maßnahmen und Ideen der neuen Auflage der schwarz-blauen Regierung seit ihrer Angelobung liest sich manchmal, als hätte Mr. Burns die Macht übernommen: Rauchverbot abschaffen, Tempolimit aufheben, Sonne verdunkeln.

Projekte, die älteren Lanzeitarbeitslosen den Zugang zu Arbeitsmarkt erleichtern, werden eingestellt, Alleinerziehenden wird der Zugang zu Kindenbetreuung erschwert, ein Vizekanzler teilt auf seinem privaten Facebook-Profil Hetzartikel gegen eine Journalistin, ein Innenminister, der von „konzentrieren“ von Geflüchteten spricht, ein Politiker, der ziemlich lange zum Rücktritt braucht, nachdem rechtsextreme Liedtexte seiner Burschenschaft bekannt werden.

Derweil wurden im schon seit 2015 schwarz-blauen Oberösterreich zum Jahresende Vereinen und Beratungsstellen wie maiz – autonomes zentrum von & für migrantinnen*, FIFTITU% -Vernetzungs- und Beratungsstelle für Frauen* in Kunst und Kultur in OÖ und Arge SIE – Beratung und Wohnen für wohnungslose Frauen die Förderungen ersatzlos gestrichen. Die betroffenen Vereine machen nun bei der Initiative frauenlandretten.at darauf aufmerksam, dort kann man übrigens auch für sie spenden.

Anna Mayrhauser ist seit Anfang 2017 Redakteurin bei Missy. Sie schreibt gerne über Film, Kultur und Gesellschaft.

Das alles zeigt so unverhohlen, welche Personen derzeit in Österreich erwünscht sind und welche nicht, dass man sich auch das Beschneiden von Pressefreiheit in Form der Einstellung eines öffentlich-rechtlichen Kultursenders ganz gut vorstellen kann. Was für eine schreckliche Diskursverschiebung, wenn selbst Bedürfnisse wie Radiohören, das Einfordern von anspruchsvollem Kulturjournalismus und der Wunsch nach Indiemusik im Radio wieder zum widerständigen Akt werden.

11:49

Mehr als nur eine Rampe

Von Hengameh Yaghoobifarah

Warum hast du 2016 den Hashtag #beHindernisse gestartet?
Die Idee, den Hashtag zu starten, kam durch einen Twitter-Austausch auf. Ich schrieb eine Tweet-Kette darüber, wieso sich die Bezeichnung „Mensch mit Behinderung“ für mich nicht stimmig anfühlt. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass die Begriffe „identity-first language“ und „people-first language“ existieren. Ich wusste aber, dass „Mensch mit Behinderung“ im Gegensatz zu „beHinderter Mensch“ für mich so klingt, als wäre die Behinderung MEIN Ding, MEIN Problem, etwas, mit dem ich mich alleine auseinandersetzen muss, und ich wusste, dass mich das stört. Aus den Tweets, die ich dazu schrieb, entstand ein Gespräch über beHinderndes Verhalten und ich fragte mich, wie viele Dinge Menschen wohl schon allein deswegen vermeiden, weil sie sich dadurch behindertenfeindlichen Reaktionen und Situationen entziehen können. So kam ich auf die Idee, den Hashtag zu starten.

Initiator*in Ash ©_Fl_ash Wie ist er entstanden? Nachdem klar war, dass ein entsprechender Hashtag noch nicht existiert, tauschte ich mich mit einigen Menschen auf Twitter über mögliche griffige Hashtag-Beschreibungen aus. @FluffyMonoceros schlug schließlich #beHindernisse vor. Und wie ging es weiter? Der Hashtag trendete sehr schnell und an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen – das war einerseits schön, weil so viele Leute ihre Erfahrungen teilten, aber gleichzeitig zeigte sich dadurch auch, wie unglaublich viel in Richtung Barrierenabbau und Bewusstsein für Barrieren noch in allen Lebensbereichen passieren muss. Nachdem der Hashtag so rege genutzt wurde, teilte ich die Tweets in unterschiedliche Kategorien auf, um diese unterschiedlichen Bereiche möglichst gut sichtbar zu machen. Auch jetzt, zwei Jahre später, wird der Hashtag noch regelmäßig genutzt. ©yori_gagarim Wie war die Resonanz in queeren und feministischen Kontexten? In der queerfeministischen Twitter-Blase verbreitete der Hashtag sich recht schnell – viele von Behindertenfeindlichkeit betroffene Menschen haben ihre Erlebnisse geteilt. Leute, die nicht selbst betroffen sind, haben auch auf den Hashtag hingewiesen und teilweise darüber geschrieben, was sie in Bezug auf sich und ihre eigene Behindertenfeindlichkeit oder falsche Vorstellungen von Behinderung_en lernen konnten.  Leider wird Behinderung auch von Feminist*innen, die ihren Blickwinkel als intersektional betrachten, noch zu häufig vergessen, wenn es um mögliche Unterdrückungsebenen geht. ©hrmpfm Was können wir tun, um queere, feministische Räume – on- und offline  – inklusiver zu gestalten? Ich finde es sehr wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass verschiedene Menschen unterschiedliche Anpassungen benötigen. Auch in queerfeministischen Kreisen gehen viel zu viele Leute davon aus, dass ein Raum barrierefrei ist, wenn Rollstuhlfahrer*innen ihn nutzen können – wenn überhaupt an Barrieren gedacht wird. Dass auch schwer verständliche Sprache, Zigarettenrauch, Drogen- und Alkoholkonsum, enge Gänge, flackerndes Licht, spiegelnde Bodenbeläge und vieles mehr Barrieren darstellen (können), wird häufig außer Acht gelassen. Auch daran, behindertenfeindliche Begriffe zu vermeiden, könnte aus meiner Sicht mehr gearbeitet werden. Gerade Queers, die oft aufgrund ihres Seins Pathologisierung erfahren (haben), versuchen häufig, sich durch die Reproduktion ableistischer Strukturen von kranken_beHinderten Menschen abzugrenzen, anstatt diese Strukturen selbst anzugreifen. Da wünsche ich mir mehr Achtsamkeit. ©romluras Auch Aussagen wie „Das ist viel zu viel, das kann doch kein Mensch alles beachten!“ begegnen mir in Bezug auf Behinderung und Barrierenabbau häufiger. Es passiert genau das, was auch außerhalb queerfeministischer Räume passiert: Im Zweifel sind die Bedürfnisse beHinderter Menschen eben doch (vielen) zu viel, um sich darüber Gedanken zu machen. Ich möchte gern, dass sich das ändert, und wünsche mir mehr Bereitschaft dazu, Barrieren zu sehen und zu vermeiden. Eine Bildbeschreibung zu formulieren oder einen Text noch mal zu lesen und darüber nachzudenken, ob Wörter erklärt werden sollten, sind Dinge, die die meisten Menschen tun können. Es muss nicht immer alles auf einmal sein und natürlich kann kein Mensch alles wissen – aber schon die bloße Bereitschaft, auf Bedürfnisse von Menschen bestmöglich einzugehen, trägt zu einem weniger behindertenfeindlichen Klima bei.
Reposted bySirenensanglordminxTigerlefinkreghlillycreature
10:37

Sind böse Hexen die besseren Menschen?

Von Toby Ashraf

Die Schlüsselszene der ersten Realverfilmung von Otfried Preußlers Kinderbuchklassiker „Die kleine Hexe“ ist zum Schreien: Da will die „erst 127 Jahre alte“ kleine Hexe (Karoline Herfurth) auf dem Blocksberg Teil der Walpurgisnacht sein, fliegt aber als ungebetener Gast in der Gesellschaft der Althexen nach dem ersten Tanz auf. Der verbale Aufstand von Fastnachtshexe, Sumpfhexe, Nebelhexe und der Wetterhexe Rumpumpel lässt nicht lange auf sich warten: Zu dünn, zu jung, zu gut riechend sei die kleine Hexe. Währenddessen wird laut gefurzt und gelacht. Bei diesem Diss gegen die ziemlich lieblich anzusehende Identifikationsfigur des Films (prothetische Nase hin oder her) lacht das feministische Herz erst mal laut auf, und man kann die Augen weiden am Szenen-, Kostüm- und Maskenbild des Films (allesamt in Frauenhand) unter der Regie von Michael „Mike“ Schaerer.

© Studiocanal

Liebevoll altmodisch ist das anzusehen und auch sehr witzig zu bestaunen, mit wie viel Make-up, künstlichen Warzen und anderen Prothesen, dreckigen Rokokokleidern und Hütestapeln auf dem Kopf dieses geheime Hexenmatriarchat hier ihre Herrschaft zelebriert. Darunter: Schauspielerin und Ex-Showgirl Eveline Hall, die im Alter von 65 noch mal Model wurde. Man wünschte sich, der Film bliebe noch ein bisschen auf dem Blocksberg und weilte unter diesen wilden, alten Frauen, aber natürlich geht es hier um eine gute Hexe, denn Preußler schrieb das Buch 1957, um seiner Tochter die Angst vor Hexen zu nehmen.

Hier wird’s leider bereits langweilig. Schon in der Literaturvorlage waren nämlich die bösen Hexen böser als im Film: Von „ein bisschen ins Feuer werfen“ über „Gesicht zerkratzen“ bis „gehörig Schläge“ verpassen gingen die Drohungen gegen die kleine Hexe im Originaltext. Der Besen wird verbrannt und ein Jahr später darf die kleine Hexe Rache nehmen, sofern sie eine unbestimmte „Prüfung“ (Buch) bzw. das Auswendiglernen von 7892 Zaubersprüchen (Film) bestehen würde. Drei Tage nach Hause laufen muss sie, ein Jahr warten zudem.

© Studiocanal

Von nun an sind wir mit der gutmütigen und strebsamen, wenn auch angenehm chaotischen kleinen Hexe konfrontiert, die so klein gar nicht ist. Die Relativität des Hexenalters rechtfertigt natürlich jede Casting-Entscheidung, aber die Besetzung einer Anfang 30-jährigen Schauspielerin statt eines Kindes als „kleine Hexe“ verwundert dann doch etwas, zumal Karoline Herfurth konstant und etwas zu verbissen versucht, ein naseweises Mädchen zu spielen, was irgendwie befremdlich wirkt. Oder nervig.

Ein zweiter Störfaktor ist die Prämisse der guten Hexe: Rote Haare, trying to be a bad girl, aber eigentlich ist sie (wie auch schon bei Preußler) grundgütig und damit als Werberin von Grundwerten cool, als Filmfigur aber so spannend wie Naturjoghurt. Genauer betrachtet gibt sie mit ihren neuen Hexenkräften Nachhilfestunden in weiblicher Solidarität, etwa wenn sie einer Blumenverkäuferin hilft oder holzsuchende Frauen von einem dummen, männlichen Gesetzeshüter befreit. Das ist zwar super und Gerechtigkeit ein toller Grundwert – female empowerment auch unter netten Hexen wichtig –, aber böse Hexen haben halt ein anderes gesellschaftliches Störpotenzial. Das sind Frauen, vor denen die Menschheit Angst hat. Die Superkräfte haben. Die Kinder hassen. Die einen geheimen, männerfreien Bund zelebrieren.

© Studiocanal

Okay, jetzt könnte man historisch fundiert auch mit der Geschichts- und Misogyniekeule einmal kräftig gegen die positive (Neu-)Besetzung der Frau als Hexe hauen und damit alles (wie die kleine Hexe am Schluss) in Schutt und vor allem Asche legen. Die Hexe als kinderlose Frau, deshalb total verbittert und böse, fällt aus ihrer gesellschaftlichen Rolle als Gebärmaschine, versucht Hänsel und Gretel zu töten, landet auf dem Scheiterhaufen des Patriarchats und so weiter und so fort.

Doch wer jetzt noch mal Nicolas Roegs „Hexen hexen“ von 1990 nach dem Roman von Roald Dahl guckt und sagt, dass Angelica Houston nicht die allercoolste, most evil motherfuckerin der filmischen Hexengeschichte war, die*r lügt doch. Houston nimmt die Frauenmaske ab und zeigt ihre schleimigen Narben, zaubert Kinder in Gemälde oder macht sie zu Mäusen und tritt auf sie drauf. Ist allergisch gegen Hygiene und regiert die Welt im Untergrund. Take that, Heimchen am Herd! Oder die „Hexen von Eastwick“: Women’s Liberation als Vodoo-Aufstand. Am Ende muss der Teufel dran glauben, und Cher, Michelle Pfeiffer und Susan Surandon sind zwar dann Mütter, aber Überekel Jack Nicholson ist besiegt. Sind das nicht die Hexen, die die Welt braucht? Mit Tilda Swinton als White Witch in „Die Chroniken von Narnia“ fangen wir jetzt gar nicht erst an.

Die Geschichte lässt sich jedoch gerade bei „Die kleine Hexe“ nicht umschreiben. Die Tatsache, dass die erste Realverfilmung erst jetzt erfolgt (nach „Das kleine Gespenst“, „Räuber Hotzenplotz“ und „Krabat“), liegt daran, dass Otfried Preußler (der 2013 verstarb) selbst Verfilmungen seiner Werke im Allgemeinen und der kleinen Hexe im Besonderen gegenüber kritisch eingestellt war. Susanne Preußler-Bitsch, Tochter und Verwalterin des literarischen Nachlasses ihres Vaters, hat während der Filmvorbereitungen darauf geachtet, dass Geist und Charakter von Buch und Figur im Drehbuch erhalten geblieben sind.

©Studiocanal

Das tut dem toten Urvater der kleinen Hexe sicherlich einiges recht, und eine Neuinterpretation von Gut und Böse wäre sicherlich gegenüber der Frau, für die das Buch damals geschrieben wurde, irrsinnig. Außerdem ist die kleine Hexe ja auch eine tolle Figur, die ohne Mann, nur mit (männlich gegendertem) Raben und viel Freude am Hexenleben allein in einer kleinen Hütte im Wald wohnt und dort Kindern – statt sie zu essen – Bäder aus Milch und Honig herbeizaubert.

„Die kleine Hexe“ DE/CH 2018
Regie: Michael Schaerer. Mit: Karoline Herfurth, Suzanne von Borsody, Axel Prahl u. a., bereits im Kino

Dennoch bleibt der wehmütige Wunsch, dass man einen literarischen Stoff, der noch vor der Zweiten Frauenbewegung entstanden ist, aus heutiger Sicht noch einmal neu denkt und es vielleicht wagt, damit auch seine Vorlage ein bisschen mutiger hinter sich zu lassen. Dass da am Ende die große Bücherverbrennung stattfindet, ist die eine Sache. Die andere Sache ist dann eben auch, dass ein saucooler, böser Frauenbund am Ende von einer, die nicht dazugehören durfte, ausgelöscht wird. Harter Spoiler, aber wer kennt das Buch nicht? Was bleibt, ist eine liebe, leicht fehlbesetzte kleine Hexe, deren Nettigkeit ihr zum Verhängnis wird. Ob das noch in die Zeit passt und ob böse Hexen die besseren Menschen sind, hat letztlich jede*r selbst zu entscheiden. Hexe sein ist auf jeden Fall nie falsch. Reicht ja auch als Message.

February 01 2018

11:06

Vögeln mit Vorteilen

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Von Isa Wreither

Als ich noch hetero lebte und mit Typen befreundet war, dachten viele Unbeteiligte, eigentlich stünde ich in Wirklichkeit so richtig auf meine Kumpel. Aber wer steht schon in Wirklichkeit so richtig auf Typen, lol? Der Sex in heterosexuellen Freund*innschaften füllt als Pointe oder Plot-„Twist“ ganze Bücher, Filme und Serien. Beziehungen zwischen Männern und Frauen werden immer sexualisiert. Als heute queer lebende Person erlebe ich es ganz anders: Fast alle Freund*innenschaften werden von außen als platonisch gelesen und fast immer finde ich in Wirklichkeit den*die Freund*in ziemlich heiß.

© Anna Beil

Freund*innenschaften sind für mich die wichtigsten Beziehungen. In sie investiere ich den größten Teil meiner Ressourcen wie Zeit, Energie und auch Geld, weil sie beständiger sind als die meisten Liebesbeziehungen. Sie können aufgrund von Faktoren wie Hingabe und körperlicher – jedoch vorwiegend asexueller – Nähe auch etwas Romantisches beinhalten. Deshalb fällt es mir oft schwer zu benennen, was für mich der Unterschied zwischen platonischen und romantischen Beziehungen ist. Sex kann es für mich in beiden geben.

Das heißt nicht automatisch, dass…

January 31 2018

12:14

Yetundey: Die Djinn-Rapperin auf der Terrorliste der Musikindustrie

Von Nadine Schildhauer

Die 21-jährige Rapperin Yetundey stellt sich mit ihrer energetisch-selbstironischen Debüt-EP „See No Evil“ vor. Der erste Song „Yeye From Africa“ parodiert vor allem sie selbst. „Yeye“ steht für die Kurzform von Yetunde, ihrem zweiten Vornamen. Für den Style hat sie ihren Künstlerinnennamen um ein Y ergänzt. „Der Song handelt von mir als Schwarze in Sachsen“, erzählt sie. Darin haut sie eine Punchline nach der anderen raus. So steigt sie ein mit der Line: „I’m Yetundey and I’m a true Nadja (Kurzform für Nigerianierin), but I no speak the proper African grammar.“

©Yetundey

„Meine Eltern sind vom nigerianischen Yoruba-Clan. Ich spreche aber leider die Sprache nicht und kenne nur einige Wörter und Sätze. Das ist mein Versuch, den nigerianischen Dialekt zu imitieren. Yoruba ist eine coole Sprache. Mir gefällt der Klang.“

Deutscher Rap findet sich nur in Fetzen auf der EP, die Songs sind durchgängig auf Englisch: „Isch bin a rischtiger Sachse“, witzelt Yetundey und wechselt dann wieder ins Hochdeutsche. „Tatsächlich ist Englisch die natürlichste Sprache für mich. In der Grundschule war ich an einer International School. Meine Mama ist halb Französin, halb Nigerianerin, wir sprechen zu Hause Deutsch, Französisch und Englisch, weshalb ich mein Abitur auf einer AbiBac-Schule, einem deutsch-französischen Gymnasium, abgelegt habe.“

©Yetundey

Die Idee zum letzten Song Djinn lieferte die gleichnamige frankobelgische Comicreihe von Jean Dufaux. Der Song fasst die 13 Bände des bande dessinée (der französische Genre-Begriff für literarisch-künstlerische Comics) zusammen. Die beiden zentralen Figuren sind die englische Kim Nelson und ihre Großmutter Jade, die die letzte Favoritin des Sultans war. Beide verfügen über magische Verführungskräfte: „Gott, ich hab die Comics durchgesuchtet. Mir haben die Magie und die Stärke gefallen”, erzählt Yetundey. „Sie sind nicht die Opfer, die den Männern verfallen, sondern umgekehrt. Sie können Sultane dazu bringen, Entscheidungen zu treffen. Sie können die Stämme in Afrika dazu bringen, die Weißen rauszuschmeißen.“ Die Rapperin ist ein Fan der Pentatonik-Skala, und so gehören auch arabisch-afrikanische Tonleitern zu ihrem Sound. Ihr Song Djinn beweist, dass sie ihre Rhythmik auch mit zunehmendem Tempo nicht verliert und treibenden Rap und souligen Gesang fließend miteinander kombinieren kann.

Yetundey kann keinem Rap-Genre zugeordnet werden. Ihr Chamäleon-Style funktioniert in allen Rap-Genres und ist so sauber produziert, dass man sich fast eine dreckige Schlafzimmerproduktion auf ihre EP wünscht, die ihren eigenen Sound noch stärker definiert. Auf die Frage, welcher Song sie am meisten repräsentiert, überlegt Yetundey kurz und erklärt dann: „Ich glaube tatsächlich Terrorist, auf jeden Fall vom Flow, Humor und von den Skills her. Für den musste ich extrem lange üben, um die Aussprache auf das Tempo so tight zu bekommen. Ursprünglich war der 150 bpm, und ich bin auf 144 bpm runtergegangen, damit die Lyrics verständlicher sind.“

©Yetundey

Terrorist wartet mit tiefen Bässen, zynischen Raps und ernster Stimme auf und gehört neben Djinn zu den beiden stärksten Songs auf der EP. Den Song hat sie um die Line I am a terrorist, write me on your terror list herum aufgebaut: „Ich habe terroristische Klischees und historische Ereignisse zu meinem Gunsten umgedichtet, z.B. I make towers collapse thats the power I have oder I’m so fly I don’t need to die to get 72 vigins, aye, um diesen Worten Ihre Macht zu entziehen. In dem Song verübe ich einen Anschlag auf die Musikindustrie mit einer musikalischen Bombe. Das ist die Message“, stellt sie klar.

Auf See No Evil finden sich Elemente von Afro-Beats, Trap und UK-Grime, ohne sich auf eins der Genres festzulegen. Als Selbstbezeichnung wählt Yetundey Tribal Hip-Hop: „Ich bin Songwriterin und dadurch bin ich musikalisch auch nicht eingeschränkt. Ich wohne mit zwei Produzenten zusammen und bei uns zu Hause läuft alles von klassischer Musik über Hardcore-Trap bis zu 2000er-Musik.“ Derzeit beeinflussen sie besonders UK-Rapperinnen wie Lady Leshurr, Little Simz und Skepta: „Ich finds cool, wie Lady Leshurr ihre Reime formuliert und Vergleiche zieht. Das flowt unglaublich. Das habe ich versucht einzubauen.“ Sie nimmt sich aus der Musik, was ihr gefällt. So auch amerikanischen Rap von Eminem bis Kendrick Lamar. „Busta Rhymes hat auch großen Einfluss auf mich, einfach vom Speed her. Ich will sehen, wo das Metronom mir die Limits setzt.“

Reposted byCarridwengingerglue

January 30 2018

11:54

Videopremiere: „Squirten“ von Шaпκa (Schapka)

Шaпκa (sprich: Schapka, Russisch für „Haube“) gibt es seit 2012. Gegründet an jenem Tag, an dem Pussy Riot den Gerichtsprozess verloren – damals waren die Musikerinnen noch zwischen 14 und 17 Jahren alt. Schapka können das, was notwendig ist: berühren, motivieren, solidarisch sein. Manchmal wird geschrien, manchmal geflüstert. Manchmal wird nach dem Konzert gefragt, was das eigentlich für ein Genre ist. Es gibt unterschiedliche Antworten: Grrrlskrach. Glamour. Lärm. Wahrheit. Schall. Rauch. Schapka definieren Punk für sich neu: feministisch, queer, undogmatisch, divers, links.

© Fabian Kasper

Im Herbst 2017 erschien das Debütalbum „Wir sind Propaganda“ auf dem feministischen Wiener Label Unrecords. Zusätzlich zur CD ist ein umfangreiches, selbst gestaltetes „Schapkazine“ erschienen. In Tradition der Fanzines aus dem Riot-Grrrl-Movement werden darin nicht nur alle Songs des Albums samt Lyrics präsentiert, sondern auch viele andere queerfeministische Themen, mit denen sich Schapka auseinandersetzen, in Collagen und ähnlichen Formaten diskutiert.

Soeben ist das neue Video zum Song „Squirten“ fertig geworden, der von allerlei weiblichen Körpersekreten handelt. Und noch eine gute Neuigkeit: Am 09. März spielen Schapka als Vorband zum Event „Pussy Riot Theatre performs: Riot Days – Tage des Aufstands“ in der Arena in Wien.

10:45

#reichenhetze: Caring ohne Sharing

Von Janne Knödler

Ich habe ein neues Hobby. Abends, wenn ich nach Hause komme, setze ich mich auf die Couch, fahre meinen Laptop hoch und schaue wohlhabenden Menschen dabei zu, wie sie sich winden, um ja nicht zuzugeben, dass sie reich sind. Ermöglicht wird mir diese Freude durch die neue WDR-Serie „Docupy“ mit dem Namen „Ungleichland“. Die Idee: Zwei Menschen sitzen in einem dunklen Raum an einer Massivholztischplatte und reden über Geld. Eine Person hat davon viel, die andere wenig. Einer der beiden ist das Gespräch richtig unangenehm. Z. B., wenn Lars Eidinger und Nele Glier dort zusammen sitzen. Ratet mal, wer die Frage nach dem Einkommen nicht beantworten will.

Lars Eidinger ist auch DJ ©Flickr/Michael Mayer/CC BY 2.0

Scham ist ein Gefühl, das uns trifft, wenn wir soziale Grenzen überschreiten. Scham bestraft uns, wenn wir etwas falsch machen, und hält uns davon ab, noch mehr falsch zu machen. Was „falsch“ ist, entscheiden soziale Normen – wenn wir fragen, wer sich für was schämen muss in unserer Gesellschaft, treffen wir ganz schnell auf Marginalisierungsprozesse. Didier Eribon, ein französischer Schriftsteller, der als Homosexueller in der französischen Arbeiter*innenklasse aufgewachsen und heute Darling der linken Szene ist, meinte letztes Jahr in einer Lesung: „Scham ist kein Gefühl, sondern eine soziale Strukturierung“. Geld ist vermutlich der einfachste Weg, an der Spitze der Gesellschaft zu stehen. Warum schämen sich dann reiche Menschen dafür?

Schon das Vokabular, mit dem wir über Geld reden, zeigt, wie wir damit in Verbindung stehen wollen: Geld verdient man sich, den prestigeträchtigen Job erarbeitet man sich. Hauptsache, wir können in dem Glauben stehen, dass der eigene Wohlstand rechtmäßig und gerecht ist und im direkten Verhältnis zu den geleisteten Verdiensten steht. Die schleichende Ahnung, dass dem nicht so sei, wird verdrängt. Klar, gegen den Gender Pay Gap kämpfen in Deutschland alle (manche, weil sie Lohngerechtigkeit gut finden, andere kämpfen leider immer noch gegen den Begriff an sich). Laut statistischem Bundesamt lag der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen letztes Jahr bei 21 Prozent, was noch wenig scheint, wenn wir den Pay Gap erst mal intersektional denken und z. B. (zugeschriebene) Ethnizität miteinbeziehen. Obwohl uns diese Zahlen bekannt sind, bleibt der Pay Gap für die, die auf dessen guter Seite stehen, nichts als das: eine Zahl, ein abstraktes Konzept.

„Ungleichland“ gibt dem Ganzen ein Gesicht beziehungsweise zwei Gesichter. Ich wünschte ja, der WDR würde die Serie mit catchy Phrasen wie „gnadenlos“ oder „Deutschland lässt die Hüllen fallen“ anpreisen, aber dafür ist sie vermutlich zu seriös. Greifbar ist die Spannung im Raum trotzdem: Unter dem herausfordernden Blick der Wenigverdienerinnen (bisher immer Frauen) fällt es den Vielverdiener*innen schwer, zu sprechen. Sie rutschen auf ihren Stühlen herum, lachen nervös, blicken hilfesuchend zur Redakteurin im Off, ziehen Grimassen, kauen auf ihren Lippen und weichen am Ende aus oder antworten mit Allgemeinplätzen.

Mein Favorit:

„Können Sie uns sagen, wie viel Geld Sie im Monat zur Verfügung haben?“

„Für was jetzt?“

„Fürs Leben.“

„Wir kaufen Lebensmittel ein so für 100, 150 Euro in der Woche.“

Was war noch mal die Frage?

Dass nicht selbst verdientes Geld hierzulande ein schlechtes Image hat, hat natürlich auch mit der jüngeren deutschen Geschichte zu tun. In Deutschland brauchen wir nur ein, zwei Generationen zurückzublicken, um zu sehen, warum Reichtum stinkt: In der jüngeren deutschen Geschichte nämlich befand sich nach Enteignungen und Ermordungen plötzlich alles Geld in Nazihand. Das liegt zwar in Deutschland besonders kurz zurück, zieht sich aber durch alle Gesellschaften: Die Verteilung von Wohlstand ist das Resultat gewaltsamer Akte. Die Wohlstandsverteilung heute ist einfach eine Kontinuität davon.

Eine alternative Erklärung dafür, warum wir verschweigen, dass wir reich sind, hat uns der österreichische Kanzler Sebastian Kurz letztens bei „Maischberger“ präsentiert. In den letzten Jahren, meinte er nämlich, haben wir immer wieder erlebt, wie gegen Vielverdiener*innen gehetzt würde – „das ist genauso falsch, wie wenn gegen andere Gruppen gehetzt wird“. Endlich mal jemand, der Solidarität mit den Reichen fordert! Seitdem trendet der Hashtag #Reichenhetze, aber vermutlich nicht so, wie Herr Kurz sich das vorgestellt hat.

Lars Eidinger zumindest erkennt in seinem „Docupy“-Gespräch die Ungerechtigkeit sozialer Ungleichheit an. In guter Theatermackermanier mansplained er uns das mit einer Analogie aus Brechts „Johanna“. Die Beziehung zwischen Arm und Reich nämlich sei gar kein Hügel, sondern ein Schaukelbrett: „Wenn die Armen hochgehen, gehen die Reichen runter, und umgekehrt.“ Gesellschaftlichen Wohlstand als Nullsummenspiel zu betrachten ist schon sehr vereinfachend, aber in einem Punkt hat er wohl recht:  „Mein Reichtum gründet […] auf einer gewissen Ungerechtigkeit, nämlich dass es anderen dafür schlechter geht“, meint er und blickt seine Gesprächspartnerin an. Also die, die weniger verdient, damit er mehr verdienen kann. Was daraus folgt, ist unklar. Der Schulterklopfer für seine Wokeness bleibt im Video aus (den gab es aber durchaus im Internet). Lieber Lars, dich als reich zu outen, macht dich noch nicht zum Gerechtigkeitskämpfer. Falls du darauf aber mal Lust hättest, findest du bestimmt einen Weg, deine Plattform und deine Ressourcen der Lohngerechtigkeit zu widmen.  Im Zweifelsfall gilt auch immer: Sharing is Caring. Genügend Kontonummern findest du dafür in Ungleichland sicherlich.

January 29 2018

14:41

„Bist du… ähm…?“

— Kaufen Sie den vollständigen Inhalt für 0.99 EUR —

Von Stefanie Lohaus, Janne Knödler und Vina Yun

Schön, dass ihr da seid. Bitte stellt euch doch kurz vor.
Sharon Adler: Ich wurde 1962 in West-Berlin geboren. Aufgewachsen bin ich in Essen und in Holland, weil meine Mutter eine Affinität zu Holland hatte. Sie war dort als Kind versteckt und hat so den Holocaust überlebt. Außerdem war ich jedes Jahr bei meiner Großmutter in Israel, in Haifa. Seit 1983 lebe ich wieder in Berlin, auch weil meine Urgroßmutter hier gelebt hat. 1999 habe ich das Onlinemagazin „AVIVA-Berlin“ gegründet. Ich arbeite als Fotografin und Moderatorin, bin ehrenamtlich im Vorstand der Stiftung ZURÜCKGEBEN, gebe Workshops zu Antisemitismus und unterrichte Fotografie in inklusiven Gruppen.
Debora Antmann: Ich bin 1989 geboren, schreibe seit fünf Jahren auf meinem Blog „Don’t degrade Debs, Darling“ und bei Missy Magazine Online zu jüdischen und feministischen Themen. Ich arbeite als Frauen*beauftragte an einer Berliner Hochschule. Die ersten neun Jahre meines Lebens habe ich in Baden-Württemberg verbracht, danach bin ich in Berlin aufgewachsen. Seit ein paar Jahren arbeite ich zu jüdisch-lesbischem Feminismus in den 1980er- und 1990er-Jahren, etwa dem Shabbeskreis, zur AG Frauen gegen Antisemitismus und zur Gruppe Le Chaim …
Leah Carola Czollek: Le Chaim war ja eigentlich eine Partygruppe!
Debora: Das kommt darauf an, wen du fragst …
Leah: Ich war ja dabei! Jüdische Party ohne Ende, so cool! Aber wir haben uns immer mal wieder politisch eingebracht. Etwa so: Vor der Volksbühne hing das deutsche Wappen mit dem Adler – zufällig am Tag des CSD. Das gefiel uns gar nicht. Wir sind zu fünft hin und haben ein Gespräch mit dem Intendanten eingefordert und sofort wurden die Fahnen eingerollt. Doch nun zu mir: Ich bin 1954 in Ost-Berlin geboren, habe mein ganzes Leben in Berlin verbracht. Ich war drei Monate in den Niederlanden, um über mein Leben nachzudenken, weil alles, was es an therapeutischer Unterstützung in Deutschland gab, einfach gruselig war. In den Niederlanden gab es die einzige Klinik in Europa, die ein spezielles Angebot für Kinder von Holocaust-Überlebenden hatte. Ich bin als Dozentin für Soziale Arbeit an Hochschulen tätig, habe Rechtsextremismus-Aufklärung für Lehrende an Schulen gemacht, beschäftige mich seit Jahren mit Antidiskriminierung und Diversity und habe das Institut Social Justice and Diversity mitgegründet.

Wie habt ihr Antisemitismus in eurer Kindheit erlebt?
Debora: In Baden-Württemberg war es sehr anstrengend. Es ging etwa um die Frage: „Bist du katholisch oder evangelisch?“ Ich habe geantwortet: „Ich bin jüdisch“, und bekam die Antwort: „Du lügst, es gibt keine Juden mehr.“ Das war für mich irritierend, immer wieder zu hören, dass es mich eigentlich nicht gibt, dass wir alle tot sind. Zu Hause habe ich das nie thematisiert. Meine Mutter war alleinerziehend, sie hatte Psychiatrieerfahrung und wir wohnten in einer Kleinstadt, da wollte ich keine weiteren Probleme mitbringen. Meine Mutter ist gestorben, als ich neun war. Ich bin dann zu meinem Vater nach Berlin gezogen. Er ist kein Jude, das war ein Problem. Meine Schulklasse in Berlin war sehr viel diverser, das war einerseits besser, weil ich nicht als Einzige „anders“ war, andererseits gab es andere Auseinandersetzungen: Kinder, die mit dem Nahostkonflikt aufgewachsen sind, haben viel auf mich projiziert. Gleichzeitig hatte ich Lehrer*innen, die ihren Fetisch an mir ausleben wollten. Immer musste ich Expertin für die Shoah sein. Wenn die nicht-jüdischen Kinder etwas nicht wussten, war das okay. Bei mir nicht, weil das ja meine Geschichte sei, nicht die der anderen. Also, Schule war der Horror.
Leah: In der DDR war Antisemitismus staatlich legitimiert, „Juden“ waren die…

January 26 2018

09:25

Netflix and Frustration

Von Valerie-Siba Rousparast

Wenn ich US-amerikanische TV-Serien anschaue, sind Begriffe wie non-binary und intersectional selbst in der Primetime ganz normal. Sie werden selbstverständlich benutzt und alle wissen, was gemeint ist. Wieso fällt es den Deutschen also so schwer, auch außerhalb akademischer Kontexte gendersensibel zu sprechen – selbst im „Bildungsfernsehen“?

Erst kürzlich war ich als Zuschauerin zu Gast bei einer Podiumsdiskussion. Es wurde über das deutsche Fernsehen diskutiert und schnell unangenehm. Rassismus? Wer daran denkt, sei ein Strolch. Andererseits, wo kämen wir denn hin, wenn die Frau mit Kopftuch nun nicht als Reinigungskraft, sondern als Anwältin besetzt würde? Das verwirre doch die Zuschauer*innen – das könne man nicht verantworten. Das war nicht die Meinung einer bescheuerten Einzelperson, sondern die Kernaussage eines ganzen Podiums. Diese Aussage spiegelt wider, was wir alle längst merken und weshalb wir auf digitale Formate umschalten: Das deutsche Fernsehen ist konservativ, diskriminierend und rassistisch. Das Wort „PoC“ kannten die Panel-Teilnehmer*innen nicht. Muss ich noch mehr sagen?

In unserer Kolumne Missyverse bloggt die Redaktion des Missy Magazines, immer im Wechsel. Ab sofort, jeden Freitag.

Ja, muss ich. Denn ich sehe nur Pseudogangster, Kommissare, Bürohengste und Ärzte auf dem Bildschirm. Ich kann mir nichts Langweiligeres vorstellen und schalte schneller ab, als du Fernsehen sagen kannst. Und das alles, während (Spoiler!) in der US-amerikanischen Primetime der queere Teenager Ian Gallagher in der Serie „Shameless“, die von einer weißen Familie in einem Vorort jenseits von Gesundheitsversorgung und Jobchancen handelt, die „Church of gay Jesus“ anführt. Wieso ist so eine Storyline in Deutschland undenkbar und wieso sind wir sprachlich in Deutschland gefühlte zwanzig Jahre hinterher?

Es fehlt sicher nicht an mutigen Drehbuchautor*innen. Es ist Zeit für ein Aufstehen aus dem durchgemotteten Chefsessel, rein in den Crashkurs zu gendersensibler Sprache. Dort könnte die deutsche Allgemeinheit sich damit befassen, dass Gender nicht binär sind, dass Kanakin nach wie vor nicht das Wort ist, mit dem ich angesprochen werden möchte, und, dass nicht alle Töchter muslimischer Väter Kopftücher tragen. Sie könnten lernen, dass es für diese Situationen eine Bezeichnung gibt, Mikroaggressionen. Und dass es besser ist, manchmal einfach ruhig zu sein, wenn einer*m die Worte fehlen.

Valerie-Siba Rousparast arbeitet seit Ende 2016 als Redakteurin bei Missy. Wenn sie nicht gerade im Internet ist, schreibt sie darüber, über Popkultur und soziale Beziehungen.

Ich suche also nach Alternativen und lande zuletzt bei „Nola, Darling“ (Netflix),  die sich mit Guerillakunst gegen sexualisierte Gewalt wehrt und empowernden Feminismus praktiziert, bei „Easy“ (Netflix) und bei „Smilf“ (Sky). Alle folgen einer ähnlichen Ästhetik: unaufgeräumte Wohnungen, verschlafene und unfrisierte Darsteller*innen und eine wackelige, aber teure Kameraführung. „Easy“ verstrickt diverse Erzählstränge verlorener Millennials, langweiliger, aber experimentierfreudiger hetero Pärchen und queerem Begehren gleichermaßen. Auch „Smilf“ ist ein kleiner feministischer Fernsehmeilenstein. Frankie Shaw hat die Serie über eine alleinerziehende Mutter aus prekären Verhältnissen nicht nur selbst geschrieben, sondern auch noch produziert und spielt selbst die Hauptrolle.

Und wieder frage ich mich, wieso gibt es Figuren wie sie nicht im deutschen Fernsehen? Wieso gibt es überhaupt kaum Protagonist*innen mit what they call „Migrationshintergrund“ zu sehen? Und wo sind bitte die Queers im deutschen TV? Wann fängt Deutschland endlich an, sich öffentlich im Fernsehen mit einer Sprache zu befassen, die Diskriminierung thematisiert? Ich finde, es ist höchste Zeit, mal ein wenig Staub von den veralteten Geräten zu wischen.

Solange Diversität im deutschen Sprachgebrauch also keine Realität abbildet, in der auch meine Freund*innen und ich auftauchen, muss ich weiter internationale Produktionen konsumieren oder mir meine eigene Entertainment-Welt im Internet suchen.

January 25 2018

13:42

„Es hat mir Spaß gemacht, meiner Angst ein Gesicht zu geben“

Von Mareice Kaiser

„An guten Tagen wache ich auf und bin eine Schildkröte.
Dann spaziere ich bepanzert bis an die Zähne durch die Straßen und verrichte gemächlich mein Tagewerk, Tunnelblick an und los, im Bauch ein Gefühl wie Hühnerfrikassee: warm, weich und muskatig.
An diesen Tagen kann mir niemand was. Zu dick die Haut, zu hart die Hornschilde.

An schlechten Tagen wache ich auf und bin ein Sieb. Geräusche, Gerüche, Farben, Stimmungen und Menschen plätschern durch mich hindurch wie Nudelwasser, ihre Stärke bleibt an mir kleben und hinterlässt einen Film, der auch unter der Dusche nicht abgeht. An diesen Tagen ist alles zu laut, zu nah, zu präsent.
Diesen Zustand als dünnhäutig zu bezeichnen wäre untertrieben, denn da ist keine Haut; sie hat sich über Nacht abgeschält, und die Organe liegen blank und pochen vor sich hin.“

Franziska Seyboldt © Linda Rosa Saal

Franziska Seyboldt, Jahrgang 1984, hat ein Buch über ihre Tage als Sieb geschrieben: „Rattatatam, mein Herz“, aus dem dieses Zitat stammt, ist gerade im KiWi-Verlag erschienen. Das Buch über ihre Angststörung ist die Fortführung ihrer „Psycho“-Kolumne bei der „taz“. Franziska Seyboldt schreibt nicht nur über ihre Angst, sie lässt sie auch selbst sprechen. Sie gibt damit nicht nur ihrer Angststörung ein Gesicht, sondern auch Menschen mit psychischen Erkrankungen. In „Rattatatam, mein Herz“ schreibt sie:

„Es bringt nichts, darauf zu warten, dass die Gesellschaft so weit ist, einen als ’normal‘ anzuerkennen. Eine Gesellschaft passt sich Tatsachen an. Tatsachen werden dadurch geschaffen, dass sich sehr viele Menschen so zeigen, wie sie sind.“

Dein Buch trägt den Untertitel „Vom Leben mit der Angst“. Ich habe es auch als ein Buch gelesen, das aus dem Leben in der Leistungsgesellschaft erzählt.
Franziska Seyboldt: Natürlich geht es auch um die Leistungsgesellschaft, in der wir leben. Aber vor allem geht es um den Stress, Perfektionismus und Druck, den man sich selbst macht. Das ist zuallererst etwas sehr Persönliches.

Was macht dir am meisten Stress?
Wenn jemand anderes auf mein Leben schaut, würde die Person vielleicht nicht unbedingt sagen, dass mein Leben stressig ist. Stress ist ja nicht objektiv, sondern subjektiv. Mich persönlich stresst am meisten Multitasking, wenn ich mehrere Dinge und Themen gleichzeitig jonglieren muss. Dann werden irgendwann sogar eigentlich schöne Verabredungen mit Freund*innen anstrengend. Ich arbeite deshalb auch am liebsten zu Hause. Da kann ich mir meine Zeit selbst einteilen und es prasseln nicht so viele Reize auf mich ein wie etwa in einem Großraumbüro.

„Ich konnte keine Spannungen ertragen, deshalb eliminierte ich sie. Eine Zwangsstörung, nur dass ich keine Hände wusch, sondern das zwischenmenschliche Klima“, schreibst du in deinem Buch. Wie hast du das gemacht?
Bei mir funktioniert das über Humor. Ich war schon in der Schule manchmal das, was man den Klassenkasper nennt. Indem man Leute zum Lachen bringt, kann man sie ja gut aus ihrer Anspannung rausholen. Und das habe ich eigentlich ständig gemacht, auch bei der Arbeit.

Ganz schön anstrengend, oder?
Und wie! Das habe ich aber ganz lange gar nicht verstanden, weil das ja ein unbewusster Prozess war. Mir ist erst sehr spät aufgefallen, wie anstrengend es ist, immer lustig zu sein. Es ist eine schöne Maske, aber eben eine Maske. Auch ich bin ja nicht immer fröhlich. Ich habe das bloß immer überspielt.

Du schreibst: „Ich hatte das Gefühl, die erwachsene Arbeitnehmerin nur zu imitieren. Sie könnte auffliegen.“ Auch so eine Maske, oder?
Ja, das ist dieser Perfektionismus. Dieses Gefühl, eigentlich dumm und nie gut genug zu sein und irgendwann aufzufliegen. Ich versuche, immer 150 Prozent zu geben. Manchmal würden wahrscheinlich auch einfach achtzig Prozent reichen. Darauf arbeite ich hin, aber das ist schwer.

Du beschreibst neben deiner Angst auch deine Hochsensibilität und das Gefühl, dass du hattest, als du das erste Mal Fachliteratur zum Thema gelesen hast: „Endlich ergibt alles einen Sinn!“ Ist dieses Gefühl bei anderen auch der Grund für deine Kolumne und dein Buch?
Lustigerweise haben jetzt schon zwei Freundinnen mein Buch gelesen, die darin zum ersten Mal mit dem Thema Hochsensibilität konfrontiert wurden. Beide wissen mittlerweile, dass sie auch hochsensibel sind – eine ganz neue Welt für sie. Für mich ist die Hochsensibilität ein wichtiger Punkt in meiner Geschichte, weil dadurch noch mal ein anderer Blick auf psychische Erkrankungen möglich ist. Es gibt offenbar bestimmte Veranlagungen, die eine*n sensibler oder anfälliger dafür machen. Und vielleicht liegt der Fehler ja gar nicht bei einer*m selbst, sondern darin, dass die Gesellschaft Erwartungen an eine*n hat, die man so nicht erfüllen kann. Ich möchte deshalb ungern nur von einer psychischen Krankheit reden, sondern viel lieber über die Bedürfnisse von Menschen. Was brauche ich, um gut zu leben?

Welche Strategien hast du, um dich zu schützen?
Ich versuche, regelmäßig einen Gang runterzuschalten. Kein Multitasking, mehr Ruhepausen. Natur. Das sind natürlich alles so Sachen, die man gefühlt schon hundert Mal gehört hat, ziemliche Klischees: Yoga, Kloster, Meditation. Aber das hilft mir tatsächlich. Tiere und Kinder erden mich z. B. auch. Ich merke das immer beim Babysitten. Da kann ich vorher noch so gestresst sein – sobald ich mit den Kindern rede und spiele, habe ich das Gefühl: „Stimmt, das hier ist ja das echte Leben.“  Weil mich das aus dem Kopf rausholt. Und im Kopf sitzt eben die Angst und der Verstand, der so gerne Schleifen macht.

Du verwendest in deinem Buch eine therapeutische Strategie: Du personifizierst deine Angst. Wie kamst du darauf?
Ich hatte mal eine Kolumne, in der ich mich mit den Möbelstücken in meiner Wohnung unterhalten habe. Das mache ich grundsätzlich gerne: mir vorstellen, dass Dinge Personen sind, und mich in sie hineindenken. Es hat mir Spaß gemacht, meiner Angst ein Gesicht zu geben, obwohl das zunächst ein unbewusster Prozess war. Vorher war die Angst sehr diffus und nicht wirklich greifbar. Ihre Figur hat sich dann während des Schreibens nach und nach entwickelt – und irgendwann habe ich festgestellt, dass ich sogar beginne, sie zu mögen. Erst danach hat mir mein Therapeut erzählt, dass das eine Strategie ist, die auch in der Psychotherapie benutzt wird.

Namensgebend für dein Buch ist eine Stelle, an der du beginnst, deine Angst zu lieben. Wie geht das?
Das geht nur, wenn man erkennt, dass die Angst nicht der Feind ist, sondern der Freund. Die Angst ist nicht die Ursache, sondern das Symptom. Ich habe jahrelang gebraucht, um zu verstehen, dass sie dafür da ist, mir zu zeigen: Halt, Stopp! Du überforderst dich gerade. Geh mal einen Schritt zurück. Andere bekommen dann ein Magengeschwür oder Rückenschmerzen, bei mir ist es Panik. Das ist zwar unangenehm, aber letztlich nur eine ähnliche Funktion wie eine Alarmlampe.

Musstest du darüber nachdenken, das Buch und die Kolumne zu schreiben? Stichwort: Stigmatisierung. Du beschreibst ja im Buch, dass du das schon als Schulkind erlebt hast.
Bisher habe ich nur positive Rückmeldungen bekommen. Aber natürlich reden seither viele Menschen mit mir über das Thema – das ist mir manchmal auch zu viel. Auf Partys über meine Angststörung sprechen, das muss ich z. B. nicht immer haben. Das triggert mich auch gerne mal.

Es gibt dann keine Grenzen mehr?
Ja – nur weil ich ein Buch darüber geschrieben habe, heißt das noch lange nicht, dass ich andauernd und ausschließlich über meine Angststörung sprechen möchte. Das empfinde ich dann schon manchmal als grenzüberschreitend. Ich bin schließlich ein Mensch mit einer Angststörung, keine Angststörung mit einem menschlichen Anhängsel.

Franziska Seyboldt „Rattatatam, mein Herz“
Kiepenheuer & Witsch, 256 S., 16,99 Euro
Die Autorin liest am 05. 02 um  20.00 Uhr in der Kantine am Berghain in Berlin.

Bei deinem ersten Buch hat deine Angst gewonnen: Bei deiner Lesung hast nicht du selbst deine Texte gelesen, sondern Freund*innen und Kolleg*innen. Nun wirst du im Februar bei der Buchpremiere selbst lesen. Wie ist das für dich?
Ich freue mich wahnsinnig darauf, werde aber natürlich auch wahnsinnig aufgeregt sein. Es war damals einerseits eine total schöne Idee, dass meine Kolleginnen und Kollegen diese Lesung möglich gemacht haben, aber andererseits auch ein wirklich blödes Gefühl, als andere Menschen aus meinem Buch vorgelesen haben. Ich saß quasi inkognito zwischen den Zuhörerinnen und Zuhörern und war so nervös, als würde ich selbst lesen. Die Rückkopplung vom Publikum, die mich vielleicht etwas entspannt hätte, kam logischerweise nicht bei mir an, sondern bei den Vorlesenden auf der Bühne. Dabei hätte sie eigentlich mir gehört, denn es war ja mein Buch. Deshalb habe ich damals beschlossen,  dass ich beim nächsten Mal selbst lesen werde.

08:30

Die neuen Gendertrender

Von Sonja Eismann

Weiblich identifizierte Models führen Männerkleidung vor, männlich identifizierte Models zeigen Frauenkollektionen. Männermode wird rüschiger, Frauenmode tougher. Unisex- bzw. Agender-Entwürfe stoßen auf immer größeres Interesse in der Modebranche. Auf glossy High-Fashion-Anzeigen lächeln wunderschöne Menschen, die sowohl als feminin wie maskulin oder nichts davon gelesen werden können. Als androgyn beschriebene Models wie Tamy Glauser oder Rain Dove verweigern sich stereotypen Geschlechterrollen und werden von etablierten Häusern wie Louis Vuitton oder Vivienne Westwood gebucht. Topmodel Andreja Pejic durchlebt eine Transition, was die meisten Medien interessiert und respektvoll begleiten.

Tamy Glauser ist eins der bekanntesten androgynen Models © Goran Basic/NZZ

Es gibt Agenturen mit eigenen Abteilungen für nicht-binäre Models, wie My Friend Ned in Kapstadt, die sich Gedanken um die korrekte Adressierung ihrer Models machen, oder die New Yorker Agentur Trans Models, die nicht nur trans Personen, sondern auch all jene bei sich sehen möchte, die sich als gender non-conforming oder non-binary verstehen. Und sogar der „Playboy“, dessen härteste Währung bis dato das altbacken erotische Märchen von den zwei Geschlechtern war, zeigt – direkt nach dem Tod des Patriarchen Hugh Hefner – mit dem französischen Model Ines Rau zum ersten Mal eine trans Frau auf dem Cover. Während Donald Trump den Kleidungsbacklash herbeisehnt und möchte, dass Frauen, die für ihn arbeiten, sich „wie Frauen kleiden“ – was auch immer das konkret bedeuten mag –, weichen in der Fashionwelt alte Genderkategorien immer mehr auf.

Binäre Geschlechtergrenzen sind in der Mode, wie in der gesamten Gesellschaft, im weitesten Sinne ein Produkt der bürgerlichen Geschlechtertrennung. Verliefen doch die sozialen Trennlinien vor der Französischen Revolution auch modisch bekanntlich nicht primär zwischen den Geschlechtern, sondern zwischen den Klassen, sodass die Privilegierten sich, ungeachtet des Geschlechts, möglichst prunkig ausschmückten, während der Rest sich mehr oder weniger prosaisch gewanden musste. Doch auch nach dieser Neuordnung war das Überschreiten der Schranken der Zweiteilung immer wieder Teil des modischen Spiels – man denke nur an die femininen Männer der Hippies oder die maskulinen Frauen des Punk, um zwei willkürlich gewählte Beispiele aus dem Bereich westlicher Popkultur zu nennen.

Neu ist diese Begeisterung für die Auflösung der etablierten Geschlechterordnung also nicht. Gerade in den letzten Jahren hat die Fashionindustrie, stets auf der Suche nach neuen Kicks und Images, auch Reservoirs abseits cisnormativer Beautyideale angezapft. Mehr Diversität ist die Devise, wenn auch mithin nur zögerlich oder mit höchst fragwürdigem Freakfaktor.

Was für die einen ein aufregender neuer Trend ist, mit dem die eigene Weltoffenheit unter Beweis gestellt werden kann, bedeutet für die anderen jedoch Identität und Alltag. So setzte sich die „US Vogue“ mitten in die Nesseln, als sie im Juli dieses Jahres proklamierte, Model Gigi Hadid und ihr singender Boyfriend Zayn Malik seien „Teil einer neuen Generation, die Genderfluidität zelebriert“. Evidenz für diese mehr als steile These waren für die Zeitschrift Aussagen wie die von Hadid, sie bediene sich die ganze Zeit aus dem Kleiderschrank ihres Freundes. Oder die von Malik, er borge sich gerne mal ein Anna-Sui-T-Shirt seiner Partnerin, auch wenn es eigentlich für Mädchen gemacht worden sei und an ihm ziemlich eng aussehe.

Im darauf folgenden Shitstorm ärgerten sich viele, dass für die Illustration der – durchaus zutreffenden – Beobachtung, dass Gender für eine neue Generation junger Menschen in der Prioritätenliste ziemlich weit unten rangiert und deren Klamottenwahl diese Indifferenz widerspiegele, ausgerechnet ein Promi-Pärchen gewählt worden sei, das bis dahin mit eher konventionellen Genderbildern von sich reden gemacht hatte. Warum stattdessen nicht tatsächlich nicht-binäre Personen befragen? Molly Priddy, Autorin des Onlinemagazins „Autostraddle“ ätzte via Twitter: „Straightes cis Pärchen tauscht Klamotten, Vogue erklärt sie zu Genderfluiden. Das muss die Teen Vogue wohl wieder für Mama Vogue aufräumen.“

Dabei hatte die „Teen Vogue“ eben das einen Monat vorher, quasi ex ante, bereits gemacht. In einem Artikel über „Die Wichtigkeit von nicht-binären Models in der Modewelt“ beklagte Sian Ferguson die mangelnde Präsenz genau dieser Models in einer Umgebung, die sich beim Begriff „Androgynität“ gerne mit Bildern weißer, dünner, normschöner Models mit scharfen Wangenknochen zufriedengebe – und wies damit auch noch auf die mangelnde intersektionale Sensibilität innerhalb des Themas hin. Der androgyne Look sei derzeit zwar gefragt wie nie, werde aber oft mit sich selbst binär identifizierenden Models „aufgeführt“, was nicht unbedingt von einem tieferen Interesse an der gesellschaftlichen Dimension von nicht eindeutigen Geschlechter­identitäten zeuge. Auch die Medien, die beispielsweise über Models wie Tamy Glauser berichten, bemühen sich zu betonen, dass sie sich, trotz ihres früher stets kahl rasierten Schädels und ihres Tomboy-Styles, auf jeden Fall als Frau definiere. Andreja Pejic, die vor ihrer Transition als wunderschön gefeiert und im Hochzeitskleid als engelsgleiche Braut bestaunt wurde, kann heute nicht annähernd an die Erfolge von früher anknüpfen. Der Novelty- bzw. Schauwert der gefeierten Androgynität mag hoch sein, doch sobald die cisnormativen Grundfesten ins Wanken geraten könnten, wird schnell ein Rückzieher gemacht.

Die Nachhaltigkeit der momentanen Non-binary-Begeisterung muss in einem Kontext, in dem die überwältigende Mehrzahl der Designer*innen immer noch bleiern am Konzept der getrennten Frauen- und Männerkollektionen festhält und in dem die Kleidungsshoppingflächen weiterhin strikt nach Geschlecht segregiert sind, ohnehin infrage gestellt werden. Denn das mittlerweile omnipräsente Gendermarketing lehrt, dass Konsumen-t*innen sich mit ihrer Einteilung in explizit männlich oder weiblich gezielter angesprochen fühlen und ergo mehr Umsatz mit ihnen gemacht werden kann. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn alle nur noch Unisexklamotten einkaufen würden.

Davon unabhängig stellt sich jedoch auch die Frage, wer überhaupt gemeint ist, wenn Modehäuser und Medien Nicht-Binarität feiern. Denn die Bilder, die zu diesen Storys präsentiert werden, sind, wenn auch nicht immer so unpassend wie im „Vogue“-Artikel, meistens die einer überirdischen Schönheit. Der Subtext, der dabei stets mitläuft, ist der einer Amalgamierung sowohl höchster femininer wie auch maskuliner Perfektion, sodass am Ende eine Art optimierter Supermensch erscheint. Er flüstert uns zu: das Beste beider Welten, in einer Person vereint! Dass diese Form seltener und meist auch unkonventioneller Schönheit nun Bewunderung erfährt, ist für die Betroffenen mehr als befriedigend, zumal viele von ihnen unzählige Diskriminierungserfahrungen gemacht haben.

Es beweist, dass wir in der Lage sind, unseren Beauty­kanon abseits zementierter Mann/Frau-Schemata zu erweitern. Nur: Nicht alle non-binary oder trans Personen sind wunderschöne Models (und wollen es vermutlich auch gar nicht sein). Natürlich gehört es zum Wesen der Mode, Illusionen zu erzeugen und zu verkaufen, und den meisten Menschen ist dieser Umstand auch völlig bewusst. Doch wenn diese Bilder fast die einzigen sind, die von der Community in weiteren Zirkeln kursieren, wird für alle, die ihnen nicht entsprechen, neuer Druck aufgebaut.

Es ist illusorisch, von der Modeindustrie zu fordern, ihre eigenen Schönheitsstandards komplett zu unterminieren, denn im Kapitalismus müssen Sehnsüchte unstillbar sein, damit die Bedürfnisse nie komplett befriedigt werden können („ich möchte so aussehen wie die schöne Person auf dem Bild, und wenn ich mir Dinge kaufe, die diese schöne Person auf dem Bild hat, werde ich auch so schön sein, und wenn ich es dann doch nicht bin, muss ich noch mehr kaufen …“). Trotzdem sollten wir fordern, dass es auch Platz für die Looks von nicht-binären Leuten gibt, die vielleicht in sich das vereinen, was als das Schlechteste von männlich und weiblich gilt, oder die völlig unauffällig aussehen.

Auch wenn es erfreulich ist, dass die Modewelt Existenzweisen akzeptiert und positiv abbildet, die die alte cis Ordnung sprengen – wenn es ihr dabei auch wieder nur um die Kolonisierung des beständig Anderen geht –, kann es nicht sein, dass nicht-binäre und genderqueere Menschen neben allen anderen Grenzauflöser*innen nur um den Preis der Schönheit Anerkennung finden. Wir sollten der bildmächtigen Mode nicht die bildliche Definitionsmacht abtreten. Denn es muss auch noch von der Mehrheit als hässlich empfundene, widerständige Bilder des Anderen geben, um dem System ein bisschen Angst einzujagen.

Dieser Artikel erschien zuerst in Missy 06/17.

January 24 2018

14:10

50 Shades of Grauzonen

Von Mithu Sanyal

Zuerst einmal: Das Stück würde den Bechdel-Test nicht bestehen. Zwar haben alle weiblichen Charaktere Namen und sie reden auch miteinander, aber immer über Männer. Allerdings würde „Konsens“ bei einem entsprechenden Test für männliche Figuren auch durchfallen, weil die ebenfalls nahezu ausschließlich über Beziehungen reden, über Sex und sexuelle Grenzüberschreitungen. Als da wären: Ed (Torben Kessler) und Kitty (Sonja Beißwenger), seit fünf Jahren miteinander verheiratete Urban Professionals; er Anwalt, sie Pressesprecherin eines Verlags, aber zurzeit im Mutterschutz, weil sie gerade ihren Sohn Leo auf die Welt gebracht hat. Dann gibt es da noch ihre besten Freund*innen Rachel (Cathleen Baumann) und Jake (Thiemo Schwarz), sie Richterin, er Anwalt, sowie Matt, (Moritz Führmann) noch ein Anwalt, und Zara (Tabea Bettin), eine Schauspielerin. Sie alle treffen sich auf Dinnerpartys, flirten und konkurrieren miteinander und sind die Sorte von schrecklich netten Bildungsbürger*innen, über die TV-Dramen gedreht werden. Und tatsächlich ist „Konsens“ zu besuchen eher wie sich seine Lieblingsserie im Fernsehen anzuschauen. So naturalistisch ist die Handlung, so amüsant der Small Talk. Doch täuscht diese Einfachheit: Jeder Satz ist genau kalkuliert, jedes Detail eröffnet Abgründe.

Aus dem Stück „Konsens“. ©Sandra Then

So wie Kitty, Ed, Rachel und Jakin das Baby in der ersten Szene ständig von Arm zu Arm reichen, weil niemand es so richtig halten will, so will sich keine*r von ihnen auf dem Marktplatz der sexuellen Möglichkeiten Gedanken um die Konsequenzen für sich und andere machen. Bei der englischen Uraufführung in London hatten sie dafür ein echtes Baby auf der Bühne, Nina Raines eigenes Neugeborenes, was die Gespräche über Sex, Ehebruch und Vergewaltigung noch einmal beklemmender machte. Ed nämlich ist vor Gericht der Verteidiger eines Vergewaltigers. Sein Freund Matt wiederum ist  Staatsanwalt in dem selben Fall, und somit theoretisch auf der Seite des Opfers (Karin Pfammacher) – allerdings ist er nicht ihr Awalt, sondern der „Anwalt der Krone“. Im Gegensatz zu Deutschland, wo es die Möglichkeit der Nebenklage gibt, sind Opfer von Vergewaltigungen in Großbritannien vor Gericht nicht vertreten. Das ändert jedoch nichts an der Prägnanz der späteren Szene im Gerichtssaal, bei der es – wie auch in Deutschland – nicht um Verstehen und Vermitteln geht, sondern darum, Schuld zu beweisen. Fragen werden nicht gestellt, um Antworten zu erhalten, sondern um die eigene Argumentation zu stützen. Dieses Frage-Antwort-Verhalten überträgt das Stück in das Privatleben. In der Beziehung zwischen Ed und Kitty sagt Ed niemals „ich entschuldige mich“, sondern nur „es tut mir leid“: Wer sich entschuldigt, gesteht eine Schuld ein, während einem auch Dinge leidtun können, für die man keine Verantwortung trägt. Dass Ed trotzdem Verantwortung trägt, versucht er zu verdrängen.

Die Regie von Lore Stefanek in Düsseldorf arbeitet die psychologischen Abgründe der Figuren heraus und legt ihre Seelen unter den Anzügen und Designerkleidern bloß. Während die eben erwähnte, vor Gericht verhandelte Vergewaltigung eindeutig und eindeutig brutal ist – eine Vergewaltigung von einem Fremden an einer Fremden –, findet die zweite Vergewaltigung, die in diesem Stück eine Rolle trägt, innerhalb des Freundeskreises statt und plötzlich ist nichts mehr eindeutig.

Nina Raine erklärt: „Ich wollte zwei sehr, sehr unterschiedliche Vergewaltigungen behandeln. Die Puristen sagen, es gibt keine Unterschiede bei Vergewaltigungen, entweder ist es eine Vergewaltigung oder es ist keine. Aber Menschen erleben Dinge sehr unterschiedlich, weil Menschen nun einmal unterschiedlich sind. Und deshalb gibt es in dem Stück zwei Vergewaltigungen vom jeweils anderen Ende des Spektrums.“ Und während die Figuren damit ringen, ob das, was passiert ist, eine Vergewaltigung oder keine Vergewaltigung war (Ed: „Du behauptest, dass ich dich vergewaltigt habe, du weißt, dass das nicht wahr ist. Ich habe dich nicht vergewaltigt.“ – Kitty: „Für mich ist es aber wahr!“), zerbrechen daran Freundschaften und Loyalitäten (Rachel: „Also, wenn du das eine Vergewaltigung nennst, entwertest du in meinen Augen den Begriff.“) und in ihrem Versuch, gut dazustehen und die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen, respektive Rache zu nehmen, machen sich alle Figuren gleichermaßen schuldig – und werden zu Opfern.

Auch wenn Nina Raine die Arbeit an dem Stück bereits vor acht Jahren begonnen hat, ist „Konsens“ das Theaterstück zur #metoo-Debatte und scheut sich nicht vor Ambivalenzen. Die Fragen, wo sexualisierte Gewalt anfängt und was sexuelle Selbstbestimmung bedeutet, werden wieder und wieder in unterschiedlichen Spiegelungen durchgespielt. Trotzdem ist „Konsens“ kein Lehrstück. Es kommt ohne erhobenen Zeigefinger daher. Tatsächlich ist es sogar streckenweise schreiend komisch, so komisch, dass dem Publikum bei der Premiere in Düsseldorf immer wieder das Lachen im Hals stecken blieb. Das brillante Bühnenbild von Janina Audick (bestehend hauptsächlich aus einem Sofa und einem fünf Meter hohen Phönix hinter einem Vorhang), verstärkt diese Grenzgängerqualitäten des Stücks, die es zwischen griechischer Tragödie und „Gilmore Girls“ situieren. „Konsens“ ist gute Unterhaltung mit Vergewaltigung. Und das ist nicht ironisch gemeint.

Hier muss man sich nicht zusammenreißen, um sich mit einem schweren Thema auseinanderzusetzen: Sexualität und sexualisierte Gewalt sind eingebettet in den Rest des Lebens, so wie im wirklichen Leben auch. Und dann wagt sich Nina Raine an das ultimative Tabu: „Ich wollte eine Figur schreiben, die technisch ein Vergewaltiger ist, aber mit der wir trotzdem Mitgefühl haben. Und das war eine unglaubliche Herausforderung. Ich habe mich mit einem Freund darüber unterhalten, der Anwalt ist und sagte: ‚Das kannst du nicht machen, Nina. Wenn er sie vergewaltigt, werden wir ihn hassen. Da gibt es keine Grauzonen.‘ Und ich sagte: ‚Ja, aber er wusste zu dem Zeitpunkt nicht, dass das eine Vergewaltigung war.‘ Und mein Freund sagte: ‚Nein, nein, nein, nein.‘ Bis das Stück fertig war, und er zugab: ‚Ja, du hast recht.'“

Nina Raine entschuldigt keine Grenzüberschreitungen, aber lässt die Möglichkeit der Veränderung des Täters und der gesamten Gruppe offen. In England wird „Konsens“ bereits als moderner Klassiker gehandelt. Ein wenig, weil Nina Raine die Großnichte von Boris Pasternak ist, dem Autor von „Doktor Schiwago“, doch vor allem, weil es keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen gibt, sondern die Debatte erweitert.

„Konsens“ von Nina Raine läuft im Düsseldorfer Schauspielhaus, Im Central, Worringer Straße 140, Große Bühne.

January 23 2018

10:13

Money Money Money Must Be Funny in a Christian’s World

Von Debora Antmann

„Wir müssen mehr über Geld reden!“ Ich sitze in einem Gespräch über Klassismus. Eine Bekannte von mir regt sich – zu Recht – darüber auf, dass ständig alle so tun, als hätten sie keine Kohle. Sie hat es satt, dass die, die es sich leisten können, einerseits Gespräche über Geld tabuisieren und sich andererseits mit einer linken Ich-hab-doch-nix-Attitüde schmücken. Wir reden lange darüber, wer über Geld redet und wer nicht. Wer sich an das Tabu hält, für wen es überhaupt eins ist, über Geld zu sprechen, und wer es sich leisten kann, so zu tun, als wäre keins da, und ich stimme ihr in jedem einzelnen Punkt zu.

Ein Pfarrer hält einem Haufen Bargeld ein Kreuz entgegen, um sich zu schützenDas böse Geld! © Tine Fetz

Trotzdem merke ich die Unruhe, die sich in mir breitmacht. Über Geld reden – das ist nicht nur ein Tabu für jene, die es sich leisten können. Wer als Jüd*in in Deutschland aufwächst, den lehrt die deutsche Gesellschaft drei wichtige Regeln: Wirke nicht zu klug, werde nicht zu einflussreich, rede auf gar keinen Fall und unter keinen Umständen über Geld! Denn alles drei ist für wc-Deutsche die perfekte Grundlage, tief in die antisemitische Dreckkiste zu greifen. Oh ja, und große Nasen, aber darauf haben „wir“ vermutlich am wenigsten Einfluss.

Seit ich denken kann, ist es eine sehr, sehr schlechte Idee, als Jüdin über Geld zu sprechen, welches zu haben, keins zu haben oder mit welchem gesehen zu werden. Das fängt in der Schule an, wenn du dir ’ne Mark leihst, sie am nächsten Tag zurückgibst und von Gleichaltrigen Sprüche über Zinsen und (jüdische) Banken hörst. Geld leihen und verleihen wird ununterbrochen mit antisemitischen Motiven unterlegt und begleitet. So mal als Scherz am Rande auch in linken Kreisen. Geld ausgeben als Jüdin, Geld verdienen als Jüdin, Geld haben als Jüdin, kein Geld haben als Jüdin, leihen oder verleihen als Jüdin, über Ausgaben sprechen als Jüdin, kalkulieren als Jüdin, über Honorare und Bezahlung sprechen als Jüdin, alles, was irgendwie im Entferntesten mit Geld (oder Besitz) zu tun hat, verändert sich umgehend, sobald Menschen wissen, dass du Jüd*in bist.

Kommentare, Scherze, Anspielungen, Spötteleien, Aggression, Vorwürfe, Rumdrucksen, seltsame Pausen … Geld verwandelt sich in meinem Beisein in „Judengold“ [sic!], in potenzielles Raubgold, ich mich zur „Geldjüdin“ [sic!], zur raffgierigen Spekulantin, alles, was ich besitze, zu „raffendem Kapital“ [sic!] und alles, was ich nicht besitze, zu einer Lüge. Kaum etwas fördert so viel antisemitisches Gebaren zutage wie (Gespräche über) Geld.

Dabei scheinen die Bilder so tief und fest zu sitzen, dass selbst Menschen, die ich für reflektiert halte, sich dieser kaum erwehren können. Wer denkt, sich in linken oder feministischen Communitys davor in Sicherheit bringen zu können: Pustekuchen! Denn auch in antikapitalistischen Kontexten hat „der Jude“ [sic!] als Ursprung und Verkörperung des Kapitalismus eine lange Tradition und diese ist zu spüren. Egal ob in Filmen oder Zeichentrickserien, das Bild hält sich.

Dass wc-Deutsche, die es sich leisten können, nicht über Geld reden (wollen), hat übrigens ’ne Menge mit dem Christentum zu tun. Die Glorifizierung von Armut auch. Das antisemitische Bild von „den Juden“ [sic!] als raffgierige Bankbesitzer sowieso. In diesem Sinne: Intersektionalität forever! Denn heute bin ich auch mit Zeichen geizig.

January 22 2018

11:05

Wut und Schmerz

Von Ana Maria Michel

„Raped while dying“ – „And still no arrests?“ – „How come, Chief Willoughby?“ Drei riesige Werbetafeln mit schwarzen Lettern auf blutrotem Grund. So sieht sie aus, die Anklage von Mildred Hayes (Frances McDormand) an den lokalen Polizeichef William Willoughby (Woody Harrelson), der ihrer Meinung nach nichts tut, um den Mord an ihrer Tochter aufzuklären. Der Film „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ von Martin McDonagh erzählt von ihrem Kampf um Gerechtigkeit.

@ 20th Century Fox

Wie eine Kriegerin positioniert sich Mildred im Overall und mit Bandana vor den drei Tafeln, die sie vor der Stadt gemietet hat. Kaum jemand fährt dort noch vorbei. Trotzdem bringen die Plakate so manche Bewohner*innen auf, vom Pfarrer bis zum Zahnarzt. Auch die Polizei wird aktiv. Doch nicht etwa, um den Vergewaltiger und Mörder zu suchen, sondern um gegen Mildred in den Krieg zu ziehen.

Aber Mildred ist keine, die sich einschüchtern lässt: Autoritäten putzt sie gnadenlos herunter, sie ist schlagfertig, ohne Furcht. Frances McDormand verkörpert diese Figur perfekt und mit einzigartigem Witz. Sie zeigt ein Bild von einer Frau, wie man es gerne häufiger im Kino sehen würde. Unter anderem bei den Golden Globes wurde der Film mehrfach prämiert und McDormand als beste Hauptdarstellerin geehrt.

„Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ US/GB 2017
Regie: Martin McDonagh. Mit: Frances McDormand, Woody Harrelson, Sam Rockwell u. a., 115 Min., Start: 25.01.

Auch Sam Rockwell, der den rassistischen Polizisten Dixon darstellt, wurde für seine schauspielerische Leistung ausgezeichnet. Sein Charakter changiert zwischen herrlich dämlich, ekelhaft brutal und doch irgendwie menschlich. Die Figur Dixon ist streitbar, doch hier wird klar, wie komplex McDonaghs Charaktere sind. Auch Mildred ist keine ideale Heldin – sie ist stark in ihrer Forderung nach Gerechtigkeit, gleichzeitig kämpft sie mit einer tiefen Trauer und Schuldgefühlen. Die Vielschichtigkeit der Figuren macht diesen Film besonders. Ein Kino, das nicht bloß mit Schablonen arbeitet, kann etwas über das Menschsein erzählen – und das ist nun wirklich keine einfache Sache.

January 19 2018

12:46

The Odds Ever in my Favor

Von Janne Knödler

Nach der Scheidung meiner Eltern zog meine Mutter mit meinen zwei Geschwistern und mir in eine Sozialwohnung in Darmstadts grauen „Problembezirk“ Kranichstein. Meine Mutter hatte nach der Schule eine Ausbildung zur Friseurin gemacht, später ein Studium begonnen, und wieder abgebrochen, als sie schwanger wurde. Jetzt, aus unserem Wohnhochhaus, mit drei Kindern, sechs, neun und elf Jahre alt, wollte sie ihr Studium beenden. Das Geld war knapp, ich erinnere mich an hässliche Streits über Unterhaltszahlungen, die erst vor Gericht gelöst werden konnten. Nur mit staatlichem Zuschuss schafften wir es gerade so bis zum Monatsende. Vor Kurzem habe ich meine Mutter gefragt, ob sie damals eigentlich das Gefühl hatte, wir seien arm. Meine Mutter schaute mich an, überlegte kurz, und schüttelte entschieden den Kopf. Pleite, meinte sie, schon, aber nicht arm. Weil sie immer zuversichtlich war, dass unsere Situation nur temporär sei.

© Eva Feuchter/Missy Magazine

Der Begriff Armut ist kompliziert. Es geht um Geld, natürlich. In Deutschland gelten Menschen als arm, wenn ihnen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung stehen. Für einen Singlehaushalt heißt das, dass Nettogehalt, Kindergeld, Wohngeld o.Ä. weniger als 917 Euro im Monat bringen. Diese Definition wird der Komplexität von Armut aber nicht gerecht: Viele Student*innen leben von weniger als 917 Euro im Monat, trotzdem wäre es hirnrissig, zu behaupten, dass sie alle in Armut leben. Aber was ist dann der Unterschied?

In unserer Kolumne Missyverse bloggt die Redaktion des Missy Magazines, immer im Wechsel. Ab sofort, jeden Freitag.

Mit ihrer Antwort traf meine Mutter einen wichtigen Aspekt von Armut: Zeit. Armut ist nichts Vorübergehendes, kein kleiner finanzieller Engpass. Armut ist eine soziale Schicht. Pleite sein ist ein Zustand. Kein weißer Mann schreibt so schön über diese Unterscheidung wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu. Aufgewachsen in einer Arbeiter*innenfamilie in Frankreich spürte er am eigenen Leib, wie Armut vererbt wird und wie schwierig sozialer Aufstieg ist. Er fasste in Worte, was wir alle täglich erleben: Unsere soziale Position ist das Resultat einer komplizierten Gleichung, von der Geld nur eine Variable ist. Bourdieu versuchte, die anderen zu konzeptualisieren, und nutzte dafür den Begriff „Kapital“. Kennen wir klassischerweise aus der Wirtschaft, kann aber auch dazu genutzt werden, all die Ressourcen, die uns sonst noch zur Verfügung stehen, zu begreifen. Die Ressourcen eben, die Menschen, die von Armut betroffen sind, häufig fehlen.

Ökonomisches Kapital, das ist das Offensichtlichste, ist Geld und all das, was sich in Geld umwandeln lässt. Also auch die Eigentumswohnung, das Auto oder der Schmuck. Das soziale Kapital beschreibt unser soziales Netzwerk. Wen wir kennen, mit wem wir Kontakt haben und auch: wer uns auffangen kann. Wer arm ist, hat keine Eltern, die ihr*ihm in einem Engpass über die Runden helfen können. Auch Vitamin B gehört zu sozialem Kapital und hilft z.B. dabei, in Bewerbungsgesprächen zu landen. Um da zu überzeugen, braucht es außerdem eine bestimmte Art sich auszudrücken und genug Wissen über bestimmte gesellschaftliche Bereiche, um sich darüber zu unterhalten. Das ist das kulturelle Kapital. Kulturelles Kapital ist Bildung: Das kann ein Schulabschluss sein, kann aber auch heißen, die richtigen Autor*innen gelesen und verstanden zu haben.

Meine Mutter war zwar die Erste in ihrer Familie, die studierte, hatte es aber geschafft, inmitten einer turbulenten Familiensituation Abitur zu machen. Mitte 30 und pleite konnte meine Mutter auf ihr Kapital zurückgreifen: Sie wusste, welche Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung es für uns gab, beantragte erfolgreich eine Förderung für ihre Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin. Sie wusste, wie man welche Formulare ausfüllt und wie man mit Ämtern umgeht. Sie wusste auch, welche Rechte sie hatte und wo sie sich Rechtshilfe einholen konnte. Das alles ist kulturelles Kapital und nicht selbstverständlich. Trotz schwieriger Familienverhältnisse hätte sie in einer Notsituation Anlaufstellen gehabt, die sie unterstützen hätten können. Auch wenn es nicht einfach gewesen wäre, hätte sie eine Möglichkeit gefunden, einer übergriffigen Situation am Arbeitsplatz zu entkommen. Wem ein soziales Auffangnetz ganz fehlt, überlegt sich zweimal, ob sie*er sich beschwert.

Natürlich schließen sich Armut und Kapital nicht aus. Menschen ohne deutschen Pass haben zwar ein stark erhöhtes Armutsrisiko in Deutschland, aber viele davon sprechen eine weitere Sprache – eine Form kulturellen Kapitals, die leider von der Mehrheitsgesellschaft häufig nicht als solches anerkannt wird.  Das Gleiche gilt für die Zugehörigkeit zu einer Religion oder Kenntnisse über Traditionen und Rituale. Wer Teil einer Community ist, Ansprechpartner*innen und Rückhalt hat, hat eine Form sozialen Kapitals, das Angehörige aller Schichten haben können. (Hier sei angemerkt, dass Armut Möglichkeiten der gesellschaftliche Teilhabe verringert: Viele Aktivitäten kosten nun einmal Geld.) In einer Gesellschaft, die stark auf Hierarchien basiert, gilt aber leider, dass weder das kulturelle noch das soziale Kapital der unteren Schichten genutzt werden können, um der Armut zu entkommen. Genau deshalb ist die Aufwertung dieses spezifischen Kapitals so wichtig.

Das alles sind keine völlig starren Kategorien. In Armut kann man reinrutschen und auch wieder herauskommen. Für uns hätte es damals auch anders laufen können, auch das zeigt mir die Geschichte meiner Mutter. Als Alleinerziehende war sie besonders armutsgefährdet (44 Prozent Armutsrisiko in Deutschland), dazu kommt, dass wir als kinderreicher Haushalt gelten (25 Prozent Armutsrisiko). Hätte sich mein Vater einfach aus dem Staub gemacht – wie es leider immer noch viel zu viele Männer machen –, hätte meine Mutter ihr Studium nicht beenden können. Stattdessen zahlte mein Vater, meine Mutter zog drei Kinder neben dem Studium auf und konnte das kulturelle Kapital, das ihr Abschluss mit sich brachte, in Form eines Arbeitsplatzes als Lehrerin einlösen. Inzwischen ist sie verbeamtet.

Janne Knödler ist noch bis Ende Januar Praktikantin in der Missy-Redaktion und schreibt am liebsten über den Ort, an dem sich Theorie und Praxis, Pop und Politik und unten und oben begegnen.

Für mich bedeutet das Sicherheit. Kein Cash am Ende des Monats? Kein Problem, durch die zweifelhafte Ehre, unbezahlte Praktika machen zu dürfen, erarbeite ich mir kulturelles Kapital, das ich eines Tages in einen Arbeitsplatz einlösen kann. Dieses Privileg habe ich mir weder selbst verdient, noch haben die, die es nicht haben, selbst Schuld daran, darüber nicht zu verfügen. Aufstieg erfordert in unserer Gesellschaft spezifische Ressourcen. Schulen, Ämter und andere Institutionen sorgen aber nicht dafür, dass diese Ressourcen für alle zugänglich sind. Deshalb ist Armut politisch. Und wir als Gesellschaft im Zugzwang.

January 18 2018

11:43

Vereint gegen Rape Culture

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Von Janne Knödler

Vor fast einem Jahr habt ihr das Lied „You Are The Problem Here“ veröffentlicht, in dem es um Victim blaming geht. Was hat euch dazu bewogen?
Johanna Söderberg: Dass wir als Frauen im Patriarchat leben. Bevor wir das Lied geschrieben haben, ging gerade der Fall von Brock Turner durch die Medien, einem Collegestudenten, der eine bewusstlose Frau vergewaltigt hatte. Er wurde zu einer Haftstrafe von nur sechs Monaten verurteilt – und hat dagegen sogar Einspruch eingelegt. Der Richter begründete das milde Urteil damit, dass der Vorfall das Leben dieses jungen Mannes nicht ruinieren sollte. Wie es der betroffenen Frau damit ging, spielte keine Rolle. Mit dem Lied wollten wir die Schuldfrage dorthin richten, wo sie hingehört: an den Täter. Diesen Song auf Konzerten ins Mikro zu schreien, fühlt sich immer noch kathartisch an.

@lauren Dukoff/Columbia Records Ihr fordert in einem offenen Brief null Toleranz für Sexismus in der Musikbranche. Über zweitausend Künstler*innen haben mitgemacht. Wie war das bisherige Feedback?
JS: Man hofft natürlich immer, dass die Resonanz noch größer wird, als sie es dann ist. Uns ist es wichtig, dass die Debatte um #metoo nicht verebbt. Dass Täter*innen zur Rechenschaft gezogen werden und dass auch Unternehmen für ihre Angestellten Verantwortung übernehmen. Das wird oft vergessen: In vielen Fällen nutzen die Täter*innen ihre Machtposition am Arbeitsplatz aus.

January 17 2018

09:33

Uneingeschränkt Eltern sein

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Frauen mit Behinderung und Kinder, aber ohne Mann – alles geht, wenn man es nicht alleine stemmen muss. Die 53-jährige Daniela Schremm wohnt im ersten Stock eines alten Gewerbehofs in St. Georg, zentral, aber idyllisch gelegen, direkt an der Hamburger Außenalster. Im Wohnprojekt „Drachenbau“ lebt sie seit 1989 zusammen mit 75 anderen Personen. Sie ist Rollstuhlfahrerin und hat „Glasknochen“ (Osteogenesis imperfecta) – die vererbbare Beeinträchtigung wird so genannt, weil die Knochen leicht brechen. „Seit ich denken kann, haben meine Eltern mir klargemacht, dass ich keine Kinder bekommen soll“, so Schremm. Für die Eltern sei die Behinderung, die auch ihre Mutter hatte, wie ein „Fluch, der über der Familie liegt“.

Daniela Schremm wollte aber unbedingt schwanger werden, sie vermutet, weil es von der Umwelt so vehement ausgeschlossen wurde. Viele Männer „kamen zwar mit der Behinderung klar, konnten sich aber ein gemeinsames, potenziell behindertes Kind eher nicht vorstellen“. Schließlich war bei einer Vererbungswahrscheinlichkeit von fünfzig Prozent das Risiko, mit einer behinderten Frau ein behindertes Kind zu bekommen, relativ hoch. Und für Daniela Schremm war klar, dass sie…

November 06 2017

21:30

brause*mag ist online

ein neues feministisches jugendmagazin, wie cool!

brausemag header
nachdem hier ja nicht mehr wirklich was los ist, sei darauf verwiesen, dass heute mit brause*mag, dem „aufbrausenden onlinemagazin für teens“, ein neues spannendes projekt online gegangen ist, dass in professionellerer form das umsetzt, was so ähnlich die ursprungsidee von damals (2006!) auch mal hinter dem mädchenblog war. also, schaut schell vorbei dort und unterstützt das projekt!

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