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June 14 2017

06:49

Ein supergutes Team

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Von Mareice Kaiser

Es ist morgens um viertel vor fünf, in den angrenzenden Häusern sind alle Fenster schwarz. Wenn der Wecker von Ines Little klingelt, ist es noch dunkel. Der Stadtteil Köln-Kalk schläft noch, während Ines um kurz vor fünf den Kaffee neben den Computer auf ihren Schreibtisch stellt und diesen einschaltet. Dann beginnt Ines’ Arbeitstag im Wohnzimmer, das in die Wohnküche übergeht.

„Von hier aus habe ich alles im Blick“, sagt die 41-Jährige. Mit „alles“ meint sie ihre vier Kinder. Sophia, Sonia, Sarah und Felix werden von ihrer Mutter zwischendurch geweckt. Die Zeit, die sie dafür braucht, kann Ines später wieder aufholen oder an ihre Arbeitszeit dranhängen. „Das ist kein Problem, solange ich die Abgabetermine einhalte“, erklärt sie. Ihre Arbeitszeiten kann sie als Redakteurin für ein großes Medienunternehmen einigermaßen flexibel gestalten. Fünf Stunden pro Tag schreibt sie englischsprachige Texte, überarbeitet Artikel und bereitet sie für die Kund*innen des Unternehmens auf. Nachdem Felix, ihr jüngstes Kind, zur Welt gekommen war, machte Ines eine Ausbildung als Übersetzerin und begann diesen Job – allerdings anfangs noch (zu anderen Konditionen) im Büro. Diese zwei Jahre beschreibt sie heute als „heillose Katastrophe“.

Um vier Uhr aufstehen, der Fahrtweg zum Büro und – nach der Trennung vom Vater der Kinder – keine Kinderbetreuung nach dem Aufstehen. „Erst hat er sich noch morgens um die Kinder gekümmert“, erzählt Ines, „aber nachdem er mir ein blaues Auge verpasst
hat, habe ich einen Schlussstrich gezogen“. Sie belegte einen Frauen Selbstverteidigungskurs und beantragte eine Kinderbetreuung für die Morgenstunden. „In der Theorie ist das möglich, in der Praxis aber nicht“, ist ihre Erfahrung.

Von den zertifizierten Betreuer*innen gab es in der Stadt Köln zu wenige – und Arbeitszeiten von fünf bis acht Uhr sind nicht gerade beliebt. Auch das „Wohnen für Hilfe“-Programm hat die Familie Little in Anspruch genommen. …

June 13 2017

12:15

Nicht eure Party Animals

Von Leyla Yenirce

Letztes Wochenende lud mich ein Freund zu einem Musik- und Performancefestival nach Dänemark ein. Als ich mir das Line-up anschaute, überzeugte es mich zu einem Abstecher. Yves Tumor, Cakes da Killa, Mykki Blanco: Künstler*innen, die ich mir gerne anhöre. Also fuhr ich hin, um dann enttäuscht festzustellen, dass sie alle erst ab ein Uhr nachts spielen. Ich war aber schon um 14 Uhr da, denn das Festival begann offiziell um zwölf Uhr. Tagsüber liefen statt meinen Lieblingskünstler*innen ziemlich viele Noise-Konzerte von weißen Musiker*innen und Panels, bei denen es um Politik und Nachhaltigkeit ging. Was mich wunderte, war, dass alle queeren, Schwarzen Musiker*innen nachts spielen und alle explizit hintereinander.

© Tine Fetz

Der Gedanke lag nahe, dass die drei Schwarzen Künstler*innen nachts performen, da alle drei tanzbare Musik machen. Ein Party-Line-up also. Tagsüber dann die Musik von weißen Acts, die ziemlich düsteren Shit machen, weil ihr Leben so verdammt hart und schwer ist, während die Schwarzen Künstler*innen die wilden Party-Performances abliefern. Als ich unterschiedliche Besucher*innen fragte, auf wen sie sich am meisten freuten, war die Antwort überwiegend einheitlich; Mykki Blanko, weil die so richtig abgeht. Yeahhhhh Party!!!

Schwarze Künstler*innen sind also dazu da, die Menge bei Laune zu halten und ’ne fette Show abzuliefern. Ihre extrovertierten Auftritte haben nichts damit zu tun, dass sie vielleicht von einem Ort kommen, der gezeichnet ist von Rassismuserfahrungen und Identitätskämpfen, nein, sie dienen einzig und allein dazu, zu unterhalten. Was dabei unter den Tisch fällt, ist, dass ihre ekstatischen Shows einen tiefen politischen Kern besitzen. Sie sind laut, weil sie etwas zu sagen haben, und nicht, um eine weiße Menge bei einer von weißen Männern kuratierten Veranstaltung bei Laune zu halten.

Das Schlimmste: Die weiße Menge kann noch nicht mal richtig dazu tanzen, weil ihre Hüften zu steif sind. Am Ende werden mit ziemlich schlechten Moves dann postkoloniale Praktiken reproduziert, indem die Schwarzen Personen zu den Wilden, Verrückten, Bunten, Queeren gemacht werden, die laut ins Mikro schreien, während die weißen Acts cool und reserviert mit düsteren Klängen das Nachmittagsprogramm zieren. Parallel dazu läuft dann ein Panel zu nachhaltiger Entwicklung. Wenn es nämlich tagsüber um Inhalte geht, hat Mykki Blanco nichts zu suchen. Dass sie als Aktivistin ebenso relevant und politisch ist wie ihre Musik, interessiert niemanden. Dass Mykki in einem Tütü auf der Bühne steht, reicht schon.

Beim nächsten Mal, liebes Click-Festival: Durchmischt das Line-up doch ein bisschen besser. Mykki Blanco hätte ruhig auch schon um 18 Uhr spielen dürfen, während nebenan ein Talk über Nachhaltigkeit läuft. Ist ja schließlich ein Festival und dort wird auch tagsüber gefeiert und diskutiert. Dann wäre es nicht einfach nur Party, Party, bei der sich dann alle richtig auslassen können, während sie tagsüber konzentriert den weißen Performern zuhören, weil in ihren drohnigen Soundlandschaften ja mehr als nur Boom Bang und Spaß verhandelt wird.

Vielleicht können die Kurator*innen dann beim nächsten Jahr auch ein zweites Mal überlegen, ob sie eine Performancegruppe namens Asian Dope Boys einladen. Von denen ist nämlich weder jemand Schwarz, noch aus finanziellen Zwängen zum Drogenverkauf gezwungen. Sie geben sich aber trotzdem den Namen Dope Boys – einen Namen, den sich Schwarze Straßendealer aus den US-Südstaaten gegeben haben. Damit liefern sie dann eine Performance ab, die mit Schwarzer Kultur wenig zu tun hat. Das ist ziemlich „Anti-Black“, wie es der Musiker Yves Tumor ausdrückte, als wir uns über Rassismus auf dem Festival unterhielten. Aber dass kulturelle Aneignung nicht nur durch weiße Menschen geschieht, benötigt sein eigenes Kapitel.

June 12 2017

14:14

Klassenkampf in Oklahoma?

Von Lisa Klinkenberg

Es fängt lustig an. Ein bourgeoiser Regisseur (Julian Radlmaier spielt sich selbst) – irgendwo zwischen der Berufung zum sozialkritischen Filmemacher, Erwerbslosigkeit und der pubertären Suche nach „Mädchen“ – muss zur Apfelernte. Ganz Medienprofi verkauft Julian seinen Freunden und Kolleginnen die Zwangsmaßnahme vom Jobcenter als „neues Projekt“: Er wolle recherchieren für seinen nächsten Film, ein kommunistisches Märchen. Was hier als weitere Neurose eines Hipsters eingeführt wird, erweist sich im Laufe des Films als dessen zentrales Motiv. Welche Träume sind in einer Gesellschaft verfügbar, die von Arbeitszwang, Selbstoptimierungswahn und bürgerlichen Individualtugenden geprägt ist?

© Grandfilm

Dass diese Frage nicht einfach abstrakt ist, bezeugen auch Sancho und Hong, die sich nach Museumsjob und Flaschensammeln ebenfalls in der Apfelplantage namens „Oklahoma“ einfinden. Mit Camille, einer gleichgültig-linken Amerikanerin, die er beeindrucken will, fährt Julian aufs Land. In der Zwickmühle zwischen a) den anderen Apfelpflücker*innen, die ihn nicht so recht leiden können (weil er nervt und langsam ist und eine Brille hat), b) seiner absoluten Bocklosigkeit gegenüber Apfelpflücken generell, c) dem Dilemma, Camille gegenüber die Fassade des Rechercheprojekts aufrechtzuerhalten, und d) dem heimlichen Ziel der Ernte, nämlich Camille zu verführen, fällt Julian alles zunehmend vom Kopf auf die Füße.

Schön ist das anzuschauen, wie der Salonkommunist Julian nicht nur an der Arbeitsrealität scheitert, sondern sich auch vor der Verwirklichung seiner „radikalen Forderungen“ fürchtet. Auch im Märchen ist nicht alles schön. Die Guten treffen auf die Bösen. Die Erntetruppe wird von der fiesen Gutsherrin mit neoliberalen Tricks zur Mehrarbeit gedrängt, während der Vorarbeiter es genießt, die Arbeiter*innen gegeneinander auszuspielen. Leider verpasst es der Film hier, zum wirklichen Märchen zu werden, in dem die Arbeiter*innen aus eigener Kraft die Ausbeuter*innen plattmachen. So bleibt nur eine glückliche Fügung, durch die die Gutsherrin vorerst außer Kraft gesetzt ist.

Doch während die Arbeiter*innen (abgesehen von dem an mangelnder revolutionärer Vorstellungskraft leidenden Julian) das Ende ihrer Knechtschaft feiern, ist der Quasi-Umsturz schon wieder vorbei: Julian wird wieder Regisseur, die meisten arbeiten weiter und die ehemaligen Museumsarbeiter und Camille folgen dem Ruf eines Mönchs. Vöglein haben diesem nämlich gezwitschert, dass in Italien schon Revolution ist! An der Grenze wird der Mönch, in Italien die beiden Exkollegen aus dem Museum verhaftet. Jetzt der Abspann – huch, wir befinden uns also in einem Film! Dessen Regisseur, der mittlerweile erfolgreiche Julian, verwandelt sich nach der Premiere in einen Hund. Zum Schluss bleibt ihm, dem Mönch und Camille nichts anderes übrig, als zu versuchen, die beiden Pechvögel Sancho und Hong zu befreien.

So absurd die Handlung des Films klingen mag, so gut wird sie durch die von Radlmaier entwickelten Figuren zusammengehalten. Bloß gibt uns die Symbolik einige Rätsel auf: Wieso weiß ein Mönch von einer Revolution in Italien? Wieso wird der Nerv-Regisseur in einen Hund verwandelt? Hat er es einfach verdient, erniedrigt zu werden, oder gibt’s einen tieferen Sinn für diese Zauberei? Wir wissen es nicht, die Fantasie scheint die Handlung an manchen Stellen zu verschleiern, die Zeichen verbleiben im luftleeren Raum.

Dabei ist es eine der Errungenschaften des Films, wie leicht er mit historisch schwer beladenen politischen Begriffen wie Kommunismus, Kapital, Ausbeutung und Revolution umgeht. Und dass er sie tatsächlich ernst nimmt. Was den Film auch für einen feministischen Blick interessant macht, ist, wie selbstverständlich emanzipiert und klar die Frauenfiguren auftreten. Camille zum Beispiel hat ihren eigenen Kopf und lässt sich nicht lange von Julian an der Nase herumführen – geschweige denn, dass sie auf seine Flirtversuche eingeht. Eine Apfelpflückerin hält nach dem vermeintlichen Tod der Gutsherrin eine Brandrede darauf, dass nun die Dinge selbst in die Hand zu nehmen seien, und der Gutsherrin mit klarem Klassenstandpunkt kann eh keine*r was. Zudem wird Julians sexistisches „Mädchen-Hinterherschauen“ gnadenlos vorgeführt – auch von der Kamera: Wir sehen die im Film anwesenden Frauen nicht als Sexobjekte, er dagegen schon.

Dennoch: Die allermeisten Widersprüche bleiben nur angedeutet, wie z. B. in der Figur des schmierigen Vorarbeiters, der einerseits nach Fassbinder oder Volksbühne riecht, aber klarer Handlanger des Kapitals ist. Und sind die Figuren arm und haben deswegen kleine Rucksäcke, oder handelt es sich um „young urban internationals“, immer unterwegs zwischen den Hauptstädten der Welt, die kein Eigentum brauchen? Warum hinterlässt eine Woche Feldarbeit keine Flecken auf der Hipsterhose? Das alles ist leider ziemlich unscharf und ungenau. Keine Positionierung, am Ende doch irgendwie alles postmodern, meta. Allein der Humor vermag den Film vor seiner zur Leere gewordenen Fantasie zu retten.

„Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ (DE 2017)
Regie: Julian Radlmaier. Mit: Julian Radlmaier, Deragh Campbell, Kyung-Taek Lie, Beniamin Forti u. a., 99 Min., bereits im Kino

Der Regisseur wird im Film im Film gefragt, was man denn heute noch machen könne, um die Welt zu verändern, und er antwortet: Kunst, denn einzig das Reflektieren über den Zustand der Welt wäre noch möglich, alles andere gescheitert. Das ist natürlich zynisch und eine gezielte Spitze Radlmaiers gegen Filmemacher*innen, denen es zu mühsam ist, sich im Klassenkampf die Finger schmutzig zu machen. „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ deutet an, dass da Ideen in der Welt sind, die zu Veränderung auf dem Weg in die Selbstbestimmtheit taugen – aber wir können sie nicht greifen und damit scheitert der Film an seinen eigenen Ansprüchen. Er vertut die Chance, über seine eigene Kritik an bürgerlicher Kulturproduktion hinauszuweisen.

07:45

Radikale Gedächtnisarbeit

Von Friederike Mehl

Mexiko-Stadt am Rande des Viertels Colonia Doctores: Hier befinden sich die Räume des feministischen Kollektivs Producciones y milagros, das seit 1991 Foto-, Video- und Kunstprojekte entwickelt und die Frauenbewegungen in Mexiko und anderen lateinamerikanischen Ländern dokumentiert. Gegründet wurde das Kollektiv von Rotmi Enciso, die bereits Anfang der 1980er-Jahre feministische und vor allem lesbische Kreise zu dokumentieren begann.

„Ni una más“ („Keine mehr“), Demo vom 8. März 2011 © Producciones y Milagros Agrupación Feminista

Seit 2004 stemmt sie gemeinsam mit Ina Riaskov die tägliche Arbeit. Zusammen mit Aktivist*innen und Interessierten vom Teenie- bis ins Rentenalter entwickeln sie Projekte, bei denen das Material ihres stetig wachsenden Film- und Fotoarchivs eine zentrale Rolle spielt. Neben viel ehrenamtlicher Arbeit finanziert sich das selbstverwaltete Kollektiv durch den Verkauf von Fotos und Grafiken, Workshops, Spenden und sporadische Fördergelder.

Missy-Autorin Friederike Mehl hat Ina Riaskov von Producciones y milagros getroffen, um sich mit ihr über Gedächtnisarbeit, Selbstfürsorge und feministischen Aktivismus in einem Land zu unterhalten, in dem im Schnitt jeden Tag sieben Frauen aus geschlechtsspezifischen Gründen ermordet werden.

Was bezweckt ihr mit eurer Arbeit bei Producciones y milagros?
Ina Riaskov: Radikale bildbasierte Gedächtnisarbeit. Aus aktivistischer Perspektive bedeutet das, die Vergangenheit in die Gegenwart mit hineinzuholen. Darauf basiert unsere Dokumentations- und Archivtätigkeit. Eines unserer Ziele ist, das Archiv über künstlerische Arbeiten in Bezug zum Hier und Jetzt zu stellen. Dass es nicht bei der Fotografie bleibt, sondern dass sich die Fotografie oder das Video wieder in ein anderes Medium verwandelt und in Form einer Grafik, einer Malerei, eines Drucks erneut in den Bewegungskontext zurückfließt.

„El eje del mal es heterosexual“ („Die Achse des Bösen ist heterosexuell“), Mexiko-Stadt 2014 © Producciones y Milagros Agrupación Feminista

Welche Themen beschäftigen euch hauptsächlich?
Abtreibung ist ein wichtiges Thema, ebenso Gewalt gegen Frauen. Als Unterthemen zu Gewalt gegen Frauen arbeiten wir zu gewalttätigem Verschwindenlassen, sexuellen Übergriffen im öffentlichen Raum und Feminizid. Kunst innerhalb von feministischer Aktion ist ein weiteres Thema und der Schwerpunkt lesbisch-feministische Aktion spielt überall eine Rolle. Was sich auch widerspiegelt, ist indigener Feminismus bzw. Frauen* in sozialen indigenen Bewegungen.

Kannst du einige Beispiele für eure aktivistische Arbeit nennen?
Wir arbeiten Fotos als Grafik auf, zum Wheatpasten auf der Straße. Wir projizieren außerdem Bilder aus dem Archiv im öffentlichen Raum oder machen Stickeraktionen. Vieles von dem, was wir auf die Straße tragen, endet an Hauswänden als Streetart oder taucht bei Aktionen und Demos auf. Manchmal sehen wir dort unsere Bilder, die die Leute zu Hause ausgedruckt haben. Da wir viel Material im Netz hochladen, ist das ganz einfach.

© Producciones y Milagros Agrupación Feminista

Wie bringt ihr Aktivismus, Erwerbs- und Archivarbeit unter einen Hut?
Heute Morgen habe ich Bilder hochgeladen von der Aktion zu den verbrannten, ermordeten Mädchen in Guatemala und dabei festgestellt, was allein in den letzten neun Monaten passiert ist an Protest und Widerstand. Ich habe zig Ordner auf meinem Computer mit Fotos, die noch nicht upgeloadet sind, weil wir keine Zeit dazu hatten. Das ist immer so: Entweder ist auf der Straße gerade Wichtigeres los oder es gibt eine Phase von bezahlten Aufträgen. Dann fällt die Archivarbeit unter den Tisch.

Gibt es in Mexiko eine Frauenbewegung im Sinne einer Massenbewegung?
Da gibt es verschiedene Ansichten. Wenn ich es mit dem vergleiche, was ich aus Deutschland kenne, dann würde ich sagen: Ja. In Mexiko-Stadt habe ich am 24. April 2016 eine Massenbewegung auf der Straße gesehen. Damals gingen allein in der Großstadtregion über zehntausend Menschen gegen sexistische Gewalt auf die Straße – natürlich auch in einem Kontext, der einfach untragbar ist. Tagtäglich werden Frauen vergewaltigt, ermordet, sexuell missbraucht und verschwinden gelassen, und das in einem unfassbaren Ausmaß.

Feministischer Block bei der Demo für die Verschwundengelassenen von Ayotzinapa 2015 © Producciones y Milagros Agrupación Feminista

Was bedeutet feministischer Aktivismus in einem Land mit derart stark ausgeprägten gesellschaftliche Unterschieden, sei es zwischen arm und reich, Stadt und Land, weiß und of Color oder indigen? Wie geht ihr mit diesen vielfältigen Unterschieden um?
Wir versuchen, möglichst empathisch in die Kreise reinzugehen, mit denen wir zusammenarbeiten. Ich lebe seit 13 Jahren als privilegierte Deutsche in Mexiko. Für mich ist es eine tägliche Dekonstruktion eines Privilegs einer weißen Deutschen mit einem deutschen, also einem EU-Pass. Meine Arbeits- und Lebenspartnerin ist in Mexiko-Stadt aufgewachsen und wird von ihrer äußeren Erscheinung her oft als indigen gelesen. Wir thematisieren das für uns. Und wir thematisieren natürlich Mexikos koloniale und rassistische Strukturen in unserer alltäglichen Fotoarbeit.

Ihr wohnt direkt neben dem Archiv. Gibt es einen Rückzugsraum jenseits eurer Arbeit?
Es ist schwierig, Privates und Arbeit voneinander zu trennen, wenn du so arbeitest wie wir, mit sehr unregelmäßigen Arbeitszeiten. Das freie Arbeiten wird durchkreuzt von Aktivismus. Dadurch fällt die Planung sehr schwer. Dann habe ich oft keine Zeit, weil wir schon dabei sind, die nächste Aktion vorzubereiten.

Demo-Aktion „Bis wir sie finden“ im April 2015 in Mexiko-Stadt © Producciones y Milagros Agrupación Feminista

Wie schafft ihr es, täglich zu Themen zu arbeiten, die so hart und Angst einflößend sind?
Na ja. Du sitzt vor dem Computer, wie ich gestern, und bearbeitest Bilder. Dann kommt ein simples Foto von einer jungen Frau mit ihrer kleinen Tochter. Und dann kannst du erst einmal eine Stunde lang nichts als heulen. Mittlerweile ist es schon besser. 2009 wurde hier in der Nähe eine junge Lesbe von zwei Brüdern vergewaltigt. Einer von ihnen wollte sie erstechen. Sie verletzte ihn im Kampf so stark, dass er verblutete. Die Frau wurde sofort vom Opfer zur Täterin gemacht. Das war ein Fall, in den wir ein paar Monate lang stark involviert waren, mit Aktionen auf der Straße, auf allen Ebenen. Das hat mich sehr mitgenommen.
Auch hier ist „auto-cuidado“, also „self-care“, in feministischen Kreisen ein großes Thema. Ich bin fest davon überzeugt, dass es nicht ohne geht. Es ist schwer, die Balance zu finden. Unser Ausgleich ist die künstlerische Arbeit. Das ist für uns Selbstfürsorge. Kreatives Arbeiten ist heilend.

June 09 2017

01:41

Sirka Elspaß: „Ich will weniger höflich sein“

Interview: Juli Zucker

Ob Gleichstellungsformate, Genderdiskussion oder Frauenquoten im deutschsprachigen Literaturbetrieb: Die Lyrikerin Sirka Elspaß wundert sich darüber, dass wir im Jahr 2017 immer noch über Gleichberechtigung diskutieren müssen. Als Autorin will sie sich deswegen deutlich im männerdominierten Literaturbetrieb positionieren.

Sirka Elspaß: „© Paula Freter

Schon Lyrik zu schreiben klingt widerspenstig, aber im Literaturbetrieb nicht höflich oder heterosexuell zu sein, gilt immer noch als bahnbrechend. Was steht noch auf deinen Fahnen?
Sirka Elspaß: Ich kokettiere mit der weißen, männlichen Warte des Betriebs, die viele Männer mit einer ganz anderen Selbstverständlichkeit einnehmen, als Frauen das tun. Unterschiede fangen meist beim Selbstbewusstsein im künstlerischen Schaffen an. Der Zweifel an der eigenen Arbeit erstreckt sich in den ganzen Prozess. Man sitzt zu Hause und  fragt sich: Ist das jetzt so richtig oder cool? Dann fällt es schwerer, mit dem eigenen Text rauszugehen. Diese Art von Zweifel sehe ich bei cis Männern seltener als bei Freund*innen, was an festgefahrenen gesellschaftlichen Strukturen liegt. Wenn man diese Schwierigkeit öffentlich anprangert, bekommt man die Kritik meistens als dreifachen Boomerang zurück. Und es ist ziemlich schwer, solche Sachen zu sagen, ohne sich angreifbar zu machen. Ich will tatsächlich weniger höflich sein. Damit sind nicht Basics gemeint, sondern vielmehr mir Raum zu nehmen, solange ich damit niemanden verletze – white male tears mal ausgenommen. Es gab eine Handvoll Personen in meinem Leben, die mich bestätigt haben, wenn wir über Homosexualität sprachen. „Du bist okay“, kann man zwar easy sagen, aber wenn das, was du bist, überhaupt nicht in gesellschaftlichen Strukturen vorkommt oder kommuniziert werden darf, wird es schon schwieriger. Mein Schreiben haben ziemlich viele Sachen beeinflusst: die Erfahrung, als Frau im Literaturbetrieb darum kämpfen zu müssen, überhaupt erst gesehen zu werden, oder meine Erkrankung an Magersucht in der Jugend, die mich seitdem mal mehr oder weniger begleitet, aber fast immer noch täglich eine Rolle spielt. Wenn dein Hirn 80 Prozent der Zeit versucht, dir weiszumachen, dass du eine Niete bist, musst du dem etwas entgegensetzen. Das wirkt sich auf den Text aus. Wertvoller literarischer Output ist nicht vom Grad der psychischen Gesundheit abhängig. Darum geht’s mir im Schreiben: Position zu beziehen.

Wann muss man als Autorin auf die Barrikaden gehen und wann reicht ein einfaches „Go Fuck Yourself“?
Mir passiert Sexismus im Literaturbetrieb, wenn Leute meine Gedichte „süß“ finden oder zuallererst meinen Busen wahrnehmen, wenn ich als Lyrikerin eine Bühne betrete. Es ärgert mich, wenn zu irgendeiner Preisverleihung zehn Männer eingeladen werden und, sagen wir, drei Frauen. Das wiederholt sich. Wenn im kleinen Kosmos des Literaturbetriebs Personen untergebuttert werden, will ich mich mit ihnen dafür einsetzen, dass sich was verändert. Man kann und sollte mit anderen Leuten wütend sein. Grundsätzlich bin ich mehr daran interessiert, Texte kennenzulernen, bei denen ich auch was für mich mitnehmen kann, was gesellschaftliche Relevanz hat und mehr als eine seichte, erfundene Story ist. Wenn aber in Textgesprächen mit anderen Autor*innen jemand sexistische Inhalte vorliest, ohne sie selbst reflektieren zu können oder wollen, ist die Frage auch, mit welcher Energie man diese Kämpfe austrägt. Ab und zu ist ein Schutzmechanismus notwendig, um sich zu entscheiden, wo man auf Grenzen stößt und in welchen Situationen es reicht, einfach ein „Go Fuck Yourself“ rauszukatapulieren, wenn man nur gegen Wände läuft.

Du sagst, dass du dir manchmal „the confidence of a bad male writer“ wünscht. Welche Arten von Männlichkeit im Literaturbetrieb kennst du?
Der Begriff der Männlichkeit ist im Literaturbetrieb erst mal negativ konnotiert, obwohl es auch coole Vertreter davon gibt: Personen, die ihre Privilegiertheit in einer männerdominierten Ära reflektieren. Mitdenken muss man, dass Texte von weißen cis Männern überrepräsentiert sind. Das fängt bei wissenschaftlichen Texten an, geht über fiktionale Texte, die werden gelesen und darüber wird geschrieben und so weiter. Wenn diese Texte schlecht sind, kommt mir das manchmal wie ein blöder Joke vor. Ich komme in die Bredouille zu sagen: Von der Selbstverständlichkeit, als Typ einen beschissenen Text rauszuhauen, würde ich mir gerne mal ne Scheibe abschneiden. Klar liegt das an festgefahrenen gesellschaftlichen Strukturen, die manche nicht reflektieren müssen, weil sie anders geprägt wurden. Aber es ist nicht so schwierig, sich selber um ein bisschen Diversität zu kümmern, wenn man das eigene Bücherregal checkt und feststellt: Wow, bei mir sind männliche Autoren überrepräsentiert und ich hab Lust, mehr Perspektiven auf die Welt zu lesen. Eine Forderung, die ich an Männlichkeit im Literaturbetrieb stelle, ist schlicht und einfach: Check dein Privileg, sieh ein, dass es nicht immer nur um dich geht und dass du manchmal zur Diskussion oder Thematik einfach nichts beitragen kannst, und sei froh, wenn du was lernen kannst, ohne dich in den Mittelpunkt zu stellen.

Welche Kritik stellst du als Autorin an dich selbst?
Als weiße, schlanke cis Frau bekomme ich mehr Platz als andere eingeräumt, über Themen zu schreiben, von denen ich vielleicht gar nicht so sehr betroffen bin. Wenn Literatur zu sehr von eigenen Erfahrungen abrückt, wirkt sie auf mich oft unglaubwürdig. Eine wahrhaftige Stimme kann ich nur für meine Themen sein. Das zu lernen, ist erst mal ein Prozess und man muss sich fragen: Wo nehme ich einen Raum ein, der mir vielleicht gar nicht so zusteht, und wo war mein Verhalten einfach nicht so super anderen gegenüber? Sich Fehler einzugestehen ist wichtig, weil man es immer besser machen kann. Manchmal bedeutet es einfach, die Schnauze zu halten und zu kapieren, dass der Moment gekommen ist, in dem ich besser jemand anderen sprechen oder schreiben lasse. Als Autorin muss man auf literarischer Ebene fremde und eigene Texte immer wieder dahingehend untersuchen – und einen Umgang damit finden.

Das Literaturfestival Prosanova läuft noch bis zum 12.06.2017 in Hildesheim. Mit dabei sind u. a. Anke Stelling, Bettina Wilpert, Birgit Birnbacher, Fatma Aydemir, Lann Hornscheidt, Margarete Stokowski, Mithu M. Sanyal und Olivia Wenzel.

Beim Literaturfestival PROSANOVA, das gerade stattfindet, zeigst du eine Rauminstallation. Das Festival hat hauptsächlich Künstler*innen eingeladen, die sonst nicht so oft gesehen werden, und will laut Aussage der Organisator*innen der Altbackenheit des Betriebs den „feministischen Mittelfinger“ zeigen. Ist das vor allem ein Zeigefinger?
Wenn man Leute auf ihre Privilegien hinweist, fühlen sie sich oft auf den Schlips getreten. Das Festival schafft aber einen Raum für Frauen, People Of Color und nicht-binäre Personen, der sonst im Betrieb nicht vorhanden ist. Und darum geht’s: über Themen sprechen zu können, ohne die Quotenfrau dabei haben zu müssen. Klar kann man den Vorwurf machen, dass man damit Leute ausstellt oder andere exkludiert, aber ich unterstelle den Organisator*innen, dass sie sich den nahezu perfekten Literaturbetrieb selber machen und sich fragen, wen sie fördern wollen und können. Damit diverse Zugänge endlich zu Selbstverständlichkeiten werden.

June 08 2017

15:06

Zeit, gehört zu werden: Die Künstlerin Bosaina bringt Kairo nach Berlin

Interview: Tasnim Rödder

Die Sängerin, Produzentin, Schauspielerin und DJ Bosaina aus Kairo ist einer der Hauptacts des diesjährigen Torstraßen Festivals in Berlin. Als Teil des Kollektivs Kairo is Koming wird sie das Musikfestival am Donnerstag eröffnen.

Mit deiner progressiven Elektromusik hast du die ägyptische Musikszene und die Gesellschaft immer wieder an ihre Grenzen gebracht. Du beschließt immer wieder, dich anderen Projekten zu widmen. Welche Art von Diskriminierung musstest du erfahren? 
Ich wurde oft ausgebuht, meistens von Machos. Das Publikum in Kairo war feindselig und urteilend wegen der Musikinhalte, also wurde ich absichtlich lauter und widerstandsfähiger. Aber allmählich verlor ich das Interesse an Auftritten in Kairo vor einem Publikum, das mich nicht verstand, weil ich andere Visionen hatte.

Als du aufgrund deines progressiven Musikstils immer seltener gebucht wurdest, hast du entschieden, deine Musik ins Ausland zu tragen – mit Erfolg. Dann bist du allerdings wieder nach Kairo zurückgekehrt, um die lokale Musikszene zu stärken. Seit 2013 bist du an dem kulturellen Veranstaltungsort VENT beteiligt. Bist du zufrieden mit den Entwicklungen in der Szene? 
Unser Veranstaltungsort VENT war eine Inspiration, ein Ergebnis kollektiver Arbeit mit anderen Künstler*innen, die für ihre Kunst in Kairo auch keinen Raum fanden. Wir wollten uns gegenseitig durch diese Shows und Live-Events  unterstützen. Leider zwangen uns unglückliche Umstände dazu, VENT zu schließen. Das hat uns alle sehr enttäuscht. Die Bösen haben gewonnen. Derzeit jedenfalls noch.

Woran arbeitest du momentan? 
Ich bin dann erneut für eine Weile verschwunden, um an meinem aktuellen Projekt „Herein lies“ zu arbeiten und ich freue mich darauf, es hoffentlich nächstes Jahr in Kairo uraufzuführen, wenn die Theaterproduktion finanziert werden kann. Das Stück hat auch politische Hintergründe: Es geht um Wahnsinn als gegendertes Konstrukt.

Wie fühlst du dich als Frau in einer von Männern dominierten Musikszene? 
Ich musste immer hart darum kämpfen, als gleichwertig respektiert zu werden. Allerdings war ich nie ein „gutes ägyptisches Mädchen“. Allein das wurde schon als Rebellion wahrgenommen. Ich bemerke den Sexismus in der Szene, wenn Promoter mich nur für ausschließlich weiblich besetzte Line-ups buchen. Ich begegne Sexismus, wenn Männer sich angeblich für meine Kunst interessieren, obwohl sie eigentlich ganz andere Motive haben.

Doch allein aufgrund meiner weiblichen Existenz, ganz unabhängig davon, dass ich Künstlerin bin, begegne ich Sexismus – jeden Tag. Auf den Straßen Kairos werde ich als Frau wie eine zweitklassiger Bürgerin behandelt. Zuletzt habe ich sogar Rückenprobleme bekommen, weil ich mich gegen das Tragen von BHs entschieden hatte. Ich fühlte mich darin wie eine eingesperrte Frau und wollte es Männern beweisen, die Brüste anstarren. Selbst meine relativ liberalen Verwandten haben andere Ideen von mir und für meine Zukunft – das ist nicht gerade bestärkend.

Du wurdest auch für dein Engagement in der LGBTQ*-Szene diskriminiert. Wie hat sich die Szene entwickelt? 
Ich war nun eine längere Zeit nicht aktiv. Aber ich sehe keinen wirklichen Fortschritt in Sachen Akzeptanz in der Gesellschaft. Ich bin nicht sehr optimistisch.

Jetzt spielst du mit deinem Kollektiv Kairo is Koming in Deutschland. Was ist eure Botschaft? 
Es wird Zeit, uns zuzuhören!

Unter dem Motto „The 7 Year Ich“ reflektiert das Torstraßenfestival vom 08. bis 11. Juni 2017 Positionen und Mittel von Festival und Popmusik in einer krisenhaften Gegenwart. Die verflixte siebte Ausgabe des Festivals präsentiert aktuelle Popmusik als Haltung selbstbestimmten künstlerischen Ausdrucks, als Stimme zur Zeit – gegen Vereinfachungen und für Auseinandersetzung, für Diversität und Community – ein Experiment aus Musik, Stadt und Welt.

Zum Auftakt spielt am Donnerstag, den 08. Juni, das ägyptische Kollektiv Kairo is Koming im Roten Salon. ZULI, Hussein Sherbini, Bosaina, $$$TAG$$$ und Ismael geben Einblicke in einen elektronischen Sound, der sich westlichen Erwartungen an ägyptische Clubmusik entzieht. Um 19.00 Uhr ist Einlass.

June 07 2017

09:51

Boys will be not ALL Men

Von Tove Tovesson

Wenige Themen bringen mein Blut derart zum Kochen wie häusliche Gewalt und der mediale und gesellschaftliche Umgang damit. Immer wieder erstaunlich ist für mich die anscheinend große Verbreitung von Wissen um „Gewalt im sozialen Nahbereich“, „intimate partner violence“ oder „gendered violence“, wie sie auch genannt wird, das sich fiktionalisiert in Büchern, Filmen, Serien niederschlägt. Manchmal als schlechter Witz oder Andeutung, oft als quasi normale Facette von Beziehungen, zu oft als Schlüsselerlebnis in der Geschichte einer meist weiblichen Figur, dann gerne auch in Melange mit sexualisierter Gewalt, so wird von häuslicher Gewalt erzählt.

The Shining, revisited. © Tine Fetz

In diesen Erzählungen wird Gewalttätigkeit häufig mit Sucht- oder psychischer Krankheit zusammengelegt, der Alkoholiker tickt aus, der Irgendwie-Irre schlägt alles kurz und klein. Tatsächlich ist es möglich, friedlich besoffen zu sein, und die Stigmatisierung von Suchtkranken stellt ein großes Problem bei der Überwindung von Abhängigkeit dar. Auch psychisch Kranke sind eher Opfer von Gewalt als selbst Täter*innen. Als Sicherungsnetz unter diesen Scheinerklärungen bleibt das schulterzuckende „Boys will be boys“, denn es sind meistens Männer und Männer sind eben so, die ultimative Bankrotterklärung in Sachen Verantwortungsübernahme, wiederum abgesichert mit einem entschiedenen „not ALL men“.

Gewalttätige Männer, das sind einfach ganz besondere Arschlöcher, oder nicht? Wegen dieser Vorstellung ist es so leicht, Donald (unfassbares Arschloch) als gewalttätig gegenüber Melania Trump zu vermuten und sich zu freuen, wenn sie ihn öffentlich ablehnt, seine Patschehände wegwatscht oder ihm höchstens ein aufgesetztes Lächeln schenkt. Vielleicht hat die Beliebtheit dieser Lesart auch mit der unerschütterlichen Unschuldsvermutung gegenüber weißen Frauen in Sachen Rassismus zu tun, Melania Trump muss einfach irgendwie Opfer sein, passt auch besser mit der Vorstellung zusammen, dass sie wegen des Geldes mit Donald verheiratet ist. Die Alternative dazu ist die Bezeichnung als „Nazi-Schl*mpe“.

Es ist ein Kuriosum, dass hier einer Frau Gewalterfahrung angedichtet wird, die sie mit keinem Wort selbst behauptet, während etliche Frauen, die genau das genau diesem Mann vorwerfen, keinen Fuß in die Tür kriegen. Noch schwieriger wird es, wenn der Beklagte eigentlich ein ganz Netter zu sein scheint. Die juristische Ahndung von Gewalt gegen Frauen ist ein weltweites Trauerspiel, zumal auch Polizei und Richter*innen nicht vor Schuldumkehr und verinnerlichten Bildern von guten Opfern und echten Gewalttätern gefeit sind. So befand ein Richter in Großbritannien, dass einem Mann, der seine Exfrau, Fakhara Hakim, mit Säure und einem Kricketschläger angegriffen hatte, das Gefängnis doch lieber erspart bleiben sollte, da dieser (fälschlich) angab, bald eine professionelle Kricketkarriere zu beginnen. Es klingt wie ein schlechter Witz, aber etliche Urteile dieser Art bezeugen, dass die Befindlichkeit und Zukunft eines Mannes wichtiger als das Leben einer Frau sind, sofern der Angriff nicht rassistisch ausgeschlachtet werden kann. (Ungefähr das einzige Szenario, in dem Gewaltvorwürfe einer Frau gegen einen Mann für diesen garantiert negative Folgen haben, scheint zu sein, wenn es sich um eine weiße Frau und einen Mann oder Jungen of Color handelt. Ein schreckliches Beispiel hierfür ist der Lynchmord am unschuldigen 14-jährigen Emmett Till.)

Besonders perfide manifestiert sich dieses Verständnis von Frauen als Menschen zweiter Klasse in der „trans panic defense“ (abgeleitet von „gay panic defense“), also der Berufung auf einen schuldmindernden Panikzustand des (meist männlich heterosexuellen) Angreifers, in dem er eine trans Frau angegriffen oder gar getötet hat. Dieser Verteidigung zuzustimmen bedeutet, Transmisogynie zu legitimieren, trans Frauen ihre Authentizität abzusprechen und als Menschen zu entwerten. Es bedeutet, eine inhärent gewaltvolle Konstruktion männlicher Ehre für relevanter zu halten als die Unversehrtheit von trans Frauen.

Eine solche Verteidigung wurde im Fall von Mercedes Williams zunächst versucht, die 2015 mit 17 Jahren von ihrem Exfreund in Mississippi brutal ermordet wurde. Es griff schließlich erstmals der „Hate Crimes Prevention Act“ in Bezug auf ein Verbrechen, das aus Transfrauenfeindlichkeit motiviert war. Mercedes Williams’ Mörder begründete seine Tat später damit, dass er Angriffe gegen sich befürchtete, wäre in seinem Gang affiliierten Umfeld bekannt geworden, dass Williams trans war. In einem Interview gab er an, er wünschte, er könne alles rückgängig machen, er würde sogar ihren Platz einnehmen, weil er dann nicht all das durchmachen müsste, was er nun durchmachen muss. Er. Die Reue, das eigene Leben verbockt zu haben.

Sich aus häuslicher Gewalt zu befreien heißt ganz praktisch für viele, von einem auf den anderen Tag abtauchen zu müssen, das vielleicht noch mit Kindern. Als Nicht-EU-Bürgerin in einem Frauenhaus unterkommen zu wollen, ist ein bürokratisches Drama für sich, als trans Frau oft vermutlich nicht mal den Versuch wert. Und doch sind es die Opfer, die ständig hören, wie aberwitzig es doch sei, bei einem gewalttätigen Partner zu bleiben.

Es gibt anscheinend keinen Punkt, an dem Opfer und Überlebende häuslicher Gewalt sicher mit Solidarität rechnen können. Bresha Meadows, ein 14-jähriges Schwarzes Mädchen aus Ohio, ist nach zehnmonatiger Jugendhaft für die fahrlässige Tötung ihres Vaters verurteilt worden, nachdem ihre Familie über zwanzig Jahre unter seiner Gewalttätigkeit gelitten haben soll. Nachdem ihr ursprünglich eine zwanzigjährige Haftstrafe hätte drohen können, verbringt sie nun weitere sechzig Tage in Haft, danach wird sie für sechs Monate in richterlich angeordnete stationäre psychiatrische Behandlung überstellt, die ihre Familie selbst finanzieren muss. Dieser Deal wurde hart erkämpft und ist doch eine traurige Absage an alle in ähnlichen Situationen.

Mädchen und Frauen, die durch die Hand eines Partners ums Leben kommen, werden postum ein letztes Mal grausam auf ihren vermeintlichen Platz verwiesen, wenn Nachrichtenseiten Artikel über ihren gewaltsamen Tod mit Fotos von Opfer und Täter in glücklicher Eintracht illustrieren, dank Social Media eine leichte Aufgabe. Wessen Perspektive setzt das voraus?

June 02 2017

09:12

Warum #BlackLivesMatter in Beziehungen unverzichtbar ist

Von Josephine Apraku

„What is love?
Baby don’t hurt me
Don’t hurt me
No more“
– Haddaway

Ich finde ja offen gestanden nicht, dass ich eine ausgeklügelte Argumentation dafür brauche, weshalb ich gemeinsam mit fünf anderen Frauen den Black-Lives-Matter-Monat in Berlin in diesem Jahr organisiere. Rassismus ist in Deutschland lebendig und wohlauf. Mehr Begründung braucht es nicht.

Rassismus vergiftet zwischenmenschliche Beziehungen ©Kollage/Missy Magazine

Als Schwarze Frau in einer weißen Mehrheitsgesellschaft kann ich inzwischen gebetsmühlenartig wiedergeben, dass Rassismus individuell, institutionell und strukturell auf allen Ebenen des menschlichen Erfahrens und Seins wirksam ist. Das ist zugegebenermaßen mein Job: Ich gebe z. B. Workshops zu rassismuskritischer Unterrichtsgestaltung. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich selten das Gefühl, dass, wer auch immer teilnimmt, versteht, wie ernst ich es meine, wenn ich sage, dass Rassismus IMMER relevant ist.

Ich kann nicht einmal mit meinem besten Freund an einem Sonntagnachmittag ein Eis essen gehen, ohne dass hinter uns eine Person steht, die einen widerwärtigen Kommentar abgibt. Diese Worte der Verbitterung, aus Genervtheit oder irgendeiner anderen Emotion heraus, die rassistische Äußerungen genauso wenig rechtfertigen, gelten an diesem Tag nicht zwingend mir. Dennoch meinen sie mich und in diesem Fall auch meinen besten Freund, einen Schwarzen Deutschen, immer mit.

Wenn ich aber von IMMER spreche, dann meine ich nicht die Beschimpfungen von fremden Personen oder die Frage danach, warum ich so gut Deutsch spreche. Wenn ich von IMMER spreche, dann denke ich vor allem an die Situationen, in denen ich mich besonders verletzlich mache – meine freiwilligen zwischenmenschlichen Beziehungen. Heimtückische Saat, die Rassismus ist, infiziert sie auch diese mir so wichtigen Verbindungen. Genau das ist es, was so schmerzhaft ist: Ich bin, Schwarze Menschen sind vor rassistischer Dehumanisierung selbst in den für sie intimsten Beziehungen nicht sicher.

Einmal mehr gewahr wurde mir das, als mein Freund und ich uns im letzten Jahr nach knapp einem Jahrzehnt trennten. Als weißer heterosexueller cis Mann muss er sich nicht dem ganzen widerwärtigen Scheiß aussetzen, der für mich trauriger Standard ist. Seine Menschlichkeit wird in einer Welt, die auf die Bedürfnisse von weißen ableisierten hetero cis Männern ausgelegt ist, nicht infrage gestellt.

Meine Menschlichkeit hingegen schon. Ich werde exotisiert und meine Eigenschaften werden regelmäßig meinem Schwarz-Sein zugeschrieben. Dazu gehört, auf der Suche nach neuen sexuellen und romantischen Bekanntschaften z. B., dass ich hypersexualisiert werde und nicht als die komplexe Persönlichkeit wahrgenommen werde, die ich bin. Dazu gehört auch, dass es regelmäßig weiße Männer gibt, die meinen, ich wäre ein tolle heimliche Liebschaft – neben ihrer weißen Freundin versteht sich. Das Eingehen einer neuen zwischenmenschlichen Beziehung bedeutet für mich, dass ich meine Menschlichkeit beweisen und verteidigen muss.

Klar, auch in dem knappen Jahrzehnt meiner letzten Beziehung war Rassismus auf unterschiedliche Weise ein Thema: Ich erinnere mich noch lebhaft an eine unserer ersten Auseinandersetzungen. Es war Frühling und seine Familie wollte gemeinsam mit uns in das Haus der Eltern einer Freundin nach Namibia fahren. Unser Streit bestand im Wesentlichen darin, dass ich irgendwas wie, „Hast du ’ne Macke, Digga?! Ich fahr doch nicht mit dir und deiner Familie ausgerechnet nach Namibia und lasse mich da dann noch von Schwarzen bedienen, während deine Familie irgendnen Scheiß ‚arbeitsscheue Afrikaner‘ labert!“, woraufhin er fassungslos etwas wie, „Ich verstehe nicht, warum du das jetzt boykottieren musst“, sagte. Ein paar Jahre, und kaum freiwillige Beschäftigung mit dem Thema Rassismus, später schlage ich ihm vor, dass er das Buch „Deutschland Schwarz Weiß“ von Noah Sow lesen könnte. Seine Begeisterung über das Buch, die zugängliche Art, in der es geschrieben ist, hält kaum mehr als 30 Seiten an. Danach staubt es mit den Monaten auf dem Nachttisch auf seiner Seite unseres gemeinsamen Bettes ein. Unsere Streits brechen mit der dicker werdenden Staubschicht nicht ab.

Ich weiß, dass seinem mangelnden Interesse an meiner alltäglichen Realität keine „böse“ Absicht vorausging. Ich weiß auch, dass sich diese Erlebnisse nicht an meinem Exfreund festmachen und dass ich mit diesen Erfahrungen nicht alleine bin. Vor ein paar Tagen erst lachten eine Freundin von mir – eine Schwarze Deutsche – und ich resigniert über die Erkenntnis, dass sie genau den gleichen Streit um das Buch von Noah Sow mit ihrem Freund hatte. Wir beide sind uns einig: Verletzend sind weniger die Dinge, die Menschen bösartig im Vorübergehen nuscheln. Verletzend ist, wenn die Person, mit der du zusammen bist, dich permanent nicht mitdenkt. Das ist ignorant, das ist schmerzlich, das ist bitter. Mir stellt sich da schon die Frage, was „ich liebe dich“ eigentlich heißt, wenn der Mensch, der es sagt, im Grunde keinen Fick auf deine Lebensrealität gibt.

Ich kann meine Rassismuserfahrungen nicht auf „weiß“ übersetzen, nicht für andere erfahrbar machen. Rassismuskritik, und Diskriminierungskritik generell, ist für mich letztlich Arbeit an meiner eigenen Beziehungsfähigkeit. Wir existieren nicht im Vakuum. Rassistische Machtstrukturen sind immer präsent. Sie auszublenden bedeutet mehr Entmenschlichung.

Die Eröffnungsveranstaltung des BLM-Monats 2017 findet am 02. Juni ab 20 Uhr in der Galerie SAVVY Contemporary in der Plantagenstraße 31 in 13347 Berlin statt.

Ja, der Grundsatz Black Lives Matter bezieht sich auf institutionalisierte rassistische Gewalt. Genauso relevant ist der Grundsatz Black Lives Matter für meinen Alltag, meine alltäglichen zwischenmenschlichen Interaktionen. Wenn ich also auf der Demo, am 24. Juni, mit meinen Freund*innen Hand in Hand durch die sommerlichen Straßen Berlins laufe und „Black Lives Matter“ rufe, dann meine ich mein alltägliches Leben mit.

June 01 2017

09:48

Fünf Snickers und eine Tüte Pombären

Von Daniela Chmelik

Doris Anselms Debüt ist ein Erzählband, in dem die zurückschlagende Liebe zwar nicht das Leitmotiv, aber eine von vielen kraftvollen Formulierungen ist – neben einem Blick, der sich auf einem Tisch abstützt; einem Herz, das mit American Spirit ausgeräuchert werden soll; einem Satz wie eine Ladung Schrot, damit nicht genauer gezielt werden muss. Die sprachliche Form spielt eine zentrale Rolle. Jedes Detail, jeder Satz ist fein justiert.

© Heike Bogenberger/autorenfotos.com

Anselms Beschreibungen sind bunt und lebendig, als würde sie mit Worten malen. Die Geschichten sind nichtsdestoweniger exakt erzählt, vielschichtig und stimmig verwoben: Es geht um einen sterbenden Vater, Liköre und Kalenderblätter, Ringfingerbrüche als Treueschwur, fünf Snickers und eine peinliche Tüte Pombären, Autorennbahn und Plastikpony, Vergeblichkeiten, unschöne Wahrheiten und Kränkungen, die sich brutal entladen. Erzählt wird von Familien, Kindern, alten Frauen und Freund*innen von früher im Heute.

Doris Anselm „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“
Luchterhand Literaturverlag, 192 S., 18 Euro

Symptomatisch erscheint das beklommene Gefühl der Businessfrau, eine Laufmasche bewege sich sichtbar ihre Wade herunter; dabei ist die Laufmasche lange nur die Vorstellung einer solchen. Derlei scheinbare Nebensächlichkeiten nutzt die Autorin zum Überlagern von unter der Eisbergspitze Spürbarem. Prädikat: gefühlvoll, pathosfrei, auf jeden Fall literarisch wertvoll.

May 31 2017

08:29

„Der Klassismus in feministischen Gruppen ist heute größer als in den 1980er-Jahren.“

— Kaufen Sie den vollständigen Inhalt für 0.99 EUR —

Von Brigitte Theißl

Du hast in deiner Arbeit nach konkreten Strategien feministischer Aktivistinnen gesucht, Klassenunterschieden bzw. Klassismus in den eigenen Reihen entgegenzuarbeiten. Gab es Interventionen, die dich besonders beeindruckt haben?
Julia Roßhardt: Da fällt mir sofort das Umverteilungskonto einer Berliner Prolllesben- Gruppe ein. Und zwar haben sie ein Konto gegründet, in das anonym eingezahlt und von dem auch anonym abgehoben werden konnte. Die Idee dahinter war, Geld innerhalb der lesbischen Community in Berlin umzuverteilen. Das Konto existierte zwei Jahre lang – und es funktionierte.

Wie du in deinem Buch nacherzählst, fiel es Aktivistinnen aus der Mittelschicht allerdings leichter, Geld anzunehmen. Öhnliche Berichte gibt es von „Pay as you wish“- Veranstaltungen, wo jede*r nach eigenem ermessen einen Beitrag leisten soll. Wie ist das zu erklären?
Menschen, die in relativem Wohlstand aufgewachsen sind, können Geld leichter annehmen, weil es für sie eine gewisse Selbstverständlichkeit ist – so erklären das verschiedene Autorinnen. Menschen, für die Geld hingegen aufgrund fehlender Ressourcen stets Thema war und die auch immer selbst dafür arbeiten mussten, fällt es schwieriger, einfach zu sagen: Ja klar, dieses Geld nehme ich, oder ich zahle weniger Eintritt, weil mir das zusteht! …

May 30 2017

13:30

Ich Jane, du Jane

Von Amelia Umuhire

Letztens war ich auf dem Geburtstag einer Bekannten in einer Neuköllner Bar eingeladen. Es war eine dieser neueren Bars, in denen das alternative Jagdzimmer-Feeling aus der Weserstraße von Beton und minimalistischem Design abgelöst worden war. Sie war voller junger und hipper Menschen, die bereitwillig 10,90 Euro für einen Longdrink zahlten. Die meisten Gespräche handelten von Umzügen, neuen gestalterischen Projekten und dem „Struggle“ junger, subventionierter Künstler*innen und wurden zum größten Teil auf Englisch geführt, da die Gastgeberin aus dem europäischen Ausland stammt.

Keine Deutschkenntnisse? Für manche kein Problem. © Tine Fetz

Als der Kellner, ein junger, blonder und recht hipper Mann, an unseren Tisch kam und ich meine Bestellung auf Deutsch aufgab, antwortete er mir auf Englisch.

„I don’t speak German, can you repeat?“

Ich war überrascht darüber, wie furchtlos er zugab, kein Deutsch zu sprechen, obwohl er in einer Bar in Deutschland arbeitete. Sein Akzent und die blonden Haare verorteten seinen Migrationshintergrund irgendwo in Skandinavien. Ich bestellte noch mal auf Englisch und scherzte anschließend zu meiner Tischnachbarin in einer ironischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Stimme, dass in den 10,90 Euro vermutlich die Kosten für seine Deutschkurse verrechnet worden waren.

Sie verstand meinen Humor nicht beziehungsweise fand mich einfach nicht lustig und lachte etwas angewidert. Vermutlich hielt sie mich für eine dieser Schwarzen CSU-Wählerinnen. Doch ich war ehrlich überrascht und auch ein bisschen empört über die Selbstsicherheit, mit der mich der Neu-Neuköllner Kellner aufgefordert hatte, ihn in der Sprache anzusprechen, die er verstand. Auch weil in der Gastronomie, zumindest im restlichen Deutschland, Menschen ohne Deutschkenntnisse meistens mit Haarnetzen und Handschuhen hinter verschlossenen Türen arbeiten.

Das weiß ich von den zahllosen Orten, in denen ich im Laufe der Jahre gearbeitet habe und mein einziger Kontakt mit anderen Schwarzen Menschen aus dem verlegenen Kopfnicken durch offene Küchentüren bestand. Kurzum, es widersprach allem, was mir dieses Land bis dahin gelehrt hatte.

Mit acht Jahren kam ich ohne jegliche Deutschkenntnisse nach Deutschland. In der Linguistik befand ich mich damit noch circa fünf Jahre unter der Akzentgrenze. Denn laut der modernen Sprachforschung ist der Mensch ab ungefähr dreizehn Jahren nicht mehr in der Lage, eine neu erlernte Sprache akzentfrei zu sprechen.

Damals war uns diese kritische Grenze nicht bekannt, aber in unserem Haushalt war es trotzdem sehr schnell klar, dass meine Schwestern und ich so schnell wie möglich die neue Sprache lernen mussten.

Der akzentfreie Erwerb würde darüber entschieden, welche weiterführende Schule wir besuchten, welche Freund*innen wir haben würden, welche akzentfreien Räume wir später betreten würden, und würde uns in einer Umgebung, in der dieselbe Sprache in unterschiedlichen Mündern offensichtliche und weniger offensichtliche Angriffe bereithielt, die nötige Munition geben.

Es zahlte sich aus.

Immer, wenn ich ein Geschäft betrete und ein deutsches Gesicht hinter der Kasse erblicke, verändert sich meine Stimme. Ich grüße laut und sage schwungvoll „Morgen“ oder „N’Abend“ in einer Weise, die klarmachen soll, dass ich wie die Person vor mir bin. Es ist das sprachliche Äquivalent der Friedenspfeife oder um aus der unendlichen Quelle kolonialrassistisch geprägter Geschichten zu schöpfen, ähnlich dem berühmten „Ich Tarzan, du Jane“, abgewandelt in „Du Jane, ich auch Jane“.

Dieselbe Stimme setze ich bei offiziellen Telefonaten auf und fliege meistens erst auf, sobald ich meinen Nachnamen mehrmals buchstabieren muss.

In Deutschland ist der Akzent beziehungsweise seine Abwesenheit mächtig.

Er macht, dass meine Mutter von Busfahrer*innen, Arzthelfer*innen, Nachbar*innen, Kassierer*innen usw. minderwertig behandelt wird und führt dazu, dass ich mich als Teenie für sie schäme. Er führt dazu, dass einer Freundin bei der Ausländerbehörde die Verlängerung ihres Aufenthaltstitels unrechtmäßig verweigert wird, da die zuständige Sachbearbeiterin vortäuscht, sie aufgrund ihres Akzentes leider nicht verstehen und ihr daher auch nicht weiterhelfen zu können.

Er macht den Komiker und Moderator Kaya Yanar berühmt und führt dazu, dass viele aus Angst vor der Karikatur, die ihr Mund von ihnen zeichnet, lieber schweigen.

Seine Ab- und Anwesenheit macht manche mündig und viele stumm.

Deswegen überraschte es mich, dass der Berliner Skarsgård so offen zugab, kein Deutsch zu sprechen. Es widersprach fast allem, was mir dieses Land bisher gelehrt hatte, außer vielleicht einer Sache: Hier sind manche Tarzan und andere Jane.

 

 

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May 29 2017

09:58

HÄ? Was heißt denn Intersektionalität?

Von Natasha A. Kelly

Der Begriff „Intersektionaliät“ wurde ursprünglich von Schwarzen Feministinnen in den USA geprägt: Das erste Mal verwendet hat ihn die US-amerikanische Juristin Kimberlé Williams Crenshaw 1989 in einem wissenschaftlichen Aufsatz. Doch Intersektionalität ist so alt wie die Kämpfe gegen Versklavung und Kolonialismus. Schon 1851 stellte die Frauenrechtlerin Sojourner Truth die Frage: „Ain’t I a Woman?“ Damit kritisierte sie erstens die Tatsache, dass Frauen aufgrund ihres Geschlechts generell kein Stimmrecht besaßen, und zweitens die Präsenz von Rassismus und Klassenunterdrückung in der Frauenbewegung selbst. Sowie drittens die sexistische Diskriminierung, die Schwarze Frauen innerhalb der Schwarzen Community erfahren.

Missy erklärt. © Shutterstock/Javier Brosch

Truth brachte zum Ausdruck, dass Schwarze Frauen spezifische Diskriminierungserfahrungen machen, die sich sowohl von den Erfahrungen Schwarzer Männer als auch von denen weißer Frauen unterscheiden. Diese Erfahrungen – die Überschneidung von Rassismus und Sexismus – stellen eine Mehrfachdiskriminierung dar und kennzeichnen die gesellschaftliche Position von Schwarzen Frauen und Frauen of Color.

Deren kritische Stimmen wurden im ausgehenden 19. Jahrhundert stets dadurch übertönt, dass sie in der Kategorie „Frau“ zusammengefasst wurden. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Hypothese der Mehrfachunterdrückung von Schwarzen Feministinnen erneut aufgegriffen. In ihrem 1977 erschienenen Manifest kritisierte das Combahee River Collective sowohl die Beschränkung des Feminismus auf die Bedürfnisse der weißen Mittelschichtfrauen als auch den Androzentrismus, also die gesellschaftliche Fixierung auf den Mann. Denn ohne die Betrachtung der Diskriminierungserfahrungen von Schwarzen Frauen würden im Kampf gegen Sexismus immer wieder rassistische, im Kampf gegen Rassismus sexistische Strukturen reproduziert werden.

Führend in der frühen Intersektionalitätsdebatte war auch Audre Lorde, die während einer Gastprofessur an der Freien Universität in Berlin Anfang der 1980er-Jahre das Thema Rassismus in die bis dahin homogene weiße deutsche Frauenbewegung einführte. Lorde, die sich selbst als „black lesbian feminist mother poet warrior“ bezeichnete, war der Meinung, dass Frauen einander in ihren Unterschieden anerkennen und diese als Quelle der Kraft und Kreativität nutzen sollten.

Wissenschaftlich betrachtet ist Intersektionalität ein soziologisches Konzept, das erlaubt, Identität als vielschichtiges Konstrukt zu verstehen. Im Gegensatz zur Queer Theory, die Identitätskategorien an sich infrage stellt, funktioniert die Intersektionalitätstheorie wie ein Prisma, durch das die einzelnen Kategorien und ihre Verbundenheit miteinander betrachtet werden können. „Intersektionalität“ dient demnach als „Lupe“, die die unterschiedlichen Bedingungen einer Diskriminierung erkennbar macht.

Grundlegend für dieses Verständnis ist, dass Diskriminierung Differenzen schafft (zum Beispiel Schwarz/weiß, männlich/weiblich) – und nicht umgekehrt. Diese Unterschiede werden als „Differenzlinien“ bezeichnet. Im Prozess der Diskriminierung kann es zu einer Überschneidung dieser Differenzlinien kommen und damit zur Schaffung intersektioneller Identitäten, etwa als Schwarze Frau. Dieser Ansatz hilft, eine vermeintliche Diskriminierungshierarchie und damit die unterschiedliche Gewichtung verschiedener Formen von Diskriminierung kritisch zu analysieren.

Dieser Artikel ist zuerst in Missy 03/2017 erschienen

May 26 2017

08:27

Lieblingsstreberin: Yağmur Öztürk

Von Hengameh Yaghoobifarah

Es ist nicht leicht, Yağmur Öztürk (gespielt von Pegah Ferydoni) zu sein. Als orthodoxe, deutsch-türkische Muslima zieht sie in ihrer neuen Patchworkfamilie die größte Arschkarte: Weder ihr Vater Metin noch ihr Bruder Cem, der Möchtegern-Gangster, sind besonders religiös. Ihre Stiefmutter Doris Schneider ist dafür eine esoterische Schamanin, ihre Stiefschwester Lena Atheistin, die auf sie das Bild der unterdrückten Hijabi projiziert, und ihr Stiefopa ein Nazi. In ihrer Korangruppe steht sie wegen ihrer Familie unter ständigem Haram-Verdacht, zu Hause gilt sie als Spaßbremse. Nicht mal ihr deutsch griechischer Verlobter spricht ihren Vornamen korrekt aus.

Yağmur Öztürk © Tamar Moshkovitz

Als wäre das nicht schon schwer genug auszuhalten, wurde ihre Figur auch noch für eine extrem stereotype Serie geschrieben, deren Pointen auf dem „Kulturschock“ beim Zusammenführen der Familien Schneider und Öztürk basieren. „Lustige“ Integrationsimperative dürfen da natürlich nicht fehlen. Durch ihren Glauben fühlt sich Yağmur ihrer verstorbenen Mutter näher und grenzt sich gleichzeitig von ihrem Vater ab. Für sie ist Metin aufgrund seiner neuen Liebesbeziehung ein Verräter. Doch letztlich zieht sie ihre Anti-Schneider- und Anti-Alman-Haltung nicht durch und zeigt sich immer öfter als gute Freundin ihrer einst verachteten Stiefschwester.

„Türkisch für Anfänger“ lief 2005 bis 2007 als ARD-Produktion im Fernsehen. Nun gibt es alle drei Staffeln auf Netflix.

In erster Linie ist Yağmur eine Streberin in Sachen Frömmigkeit. Das führt zu witzigen Szenen, etwa die, in der Lena und sie in eine Disco gehen und Doris ihnen CS-Gas zur Selbstverteidigung mitgibt. „Was ist das? Ecstasy?“, fragt sie mit kritischem Blick auf die kleine Sprühflasche und zeigt, welches Bild sie von ihrer Stiefmutter hat. Entgegen ihrem ursprünglichen Plan, Hausfrau und Mutter zu werden, macht Yağmur schließlich ihr Abitur und arbeitet als Dolmetscherin, etwa für den Bundestag, und ist so die strebsame „gute Ausländerin“, die das deutsche Fernsehpublikum so gerne sehen will.

Dieser Artikel erschien zuerst in Missy 03/2017. 

May 25 2017

14:07

Im Bootcamp der Selbstzerlegung

Von Carolin Wiedemann

Maja musste gehen, obwohl sie laut Juror Thomas Hayo die stärkste Sozialkompetenz hatte. Obwohl sie edgy und modern war, wie die Chefin der „Cosmopolitan“ fand. Und so dünn wie keine andere. Aber in der mittlerweile 12. Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ ging es weniger ums Dünnsein und die Disziplinierung der Körper und um Sozialkompetenz sowieso nicht; dieses Mal war die Sendung mehr als je zuvor Psychoshow, Bootcamp der permanenten emotionalen Selbstzerlegung, und der Zugriff auf die Kandidat*innen invasiver denn je: Welche junge Frau konnte angetrieben von Heidi Klum und ihren beiden Lakaien, Thomas Hayo und Michael Michalsky, die eigenen Grenzen noch weiter überschreiten, ohne dabei die Fassung zu verlieren?

©Flickr/Julius Seelbach/CC BY 2.0

Maja konnte es, ihr kamen auf Knopfdruck die Tränen, nachdem eine angebliche Emo-Expertin mit den Kandidatinnen übte, das Schlimmste, was sie je erlebt hatten, wieder abzurufen, um danach vor der Kamera möglichst authentisch weinen zu können.

Bei zwei der Kandidat*innen klappte das Shooting nicht so, wie die „Jury“ sich das vorgestellt hatte: Serlina, die noch einmal den Tod ihres Vaters durchleben sollte, sah auf den Fotos leider nicht mehr „hübsch“ aus. Klum klickte von einem schmerzverzerrten Gesicht zum nächsten, und sagte zu ihr: „Siehst du, kein einziges Schönes dabei.“ Bei Carina flossen vor dem Fotografen keine Tränen. Obwohl sie doch auch schon Schlimmes erlebt hatte, wie Heidi Klum verwundert bis empört sagte – schließlich war Carinas langjähriger Partner gestorben.

Zu jeder neuen Staffel versammeln sich jeden Donnerstagabend über 2 Millionen Zuschauer*innen vor dem Fernseher. Vor allem Mädchen, deren sehnlichster Wunsch es ist, sich dort auch zu bewerben. Und genügend Menschen, die der Show mit großer Ambivalenz begegnen, die den Lookism und Sexismus der Show und der Branche, um die es in dieser Sendung natürlich geht, kritisieren und doch nicht nur zynisch distanziert vor dem Fernseher sitzen, sondern mit den Kandidatinnen mitfiebern, sich berühren lassen.

Denn jedes Mal kommen neue Elemente hinzu, die „GNTM“ irgendwie progressiv wirken lassen: In dieser Staffel nahmen zwei trans Frauen als Kandidat*innen teil, von denen eine, Giuliana, es auch weit schaffte und scheinbar für das Finale eingeplant war. Zumindest hatte Michalsky sich das versprochen. Er hatte das Team „Diversity“ zusammengestellt: Neben den zwei trans Frauen waren eine „Asiatin“ und eine „Schwarze“ (wie es immer wieder hieß) dabei  – und auch Kandidat*innen, die nicht ganz dünn oder durchtrainiert aussahen. Toll, dachte man kurz. Toll, dass sich manche jungen Mädchen vor dem Fernseher jetzt repräsentiert fühlen! „Diversity“  ist ein super Verkaufsargument und die Branche integriert immer noch mehr vormals marginalisierte Gruppen in die Maschinerie der Zurichtung.

Hauptsache man arbeitet an seiner Personality, denn die bringt die Einschaltquote, und man bekommt Jobs, denn die bringen dem Klum-Unternehmen Geld. Personality heißt bei „GNTM“ die Eigenschaft, sich nicht nur äußerlich zu optimieren, sondern auch an seinen Gefühlsäußerungen so zu arbeiten, dass sie am besten ausbeutbar sind. Sich trimmen, von außen und innen.

Das Bemühen darum, sich noch weiter drangsalieren zu lassen, wurde dieses Mal besonders ausgestellt – immer mit dem Fazit: Wer sich selbst überwindet und die anderen aussticht, schafft es. Denn es kann zwar nur eine Germany’s Next Topmodel werden, aber Heidi Klum findet, alle haben die gleichen Chancen. Wer dann beim Unterwassershooting eine Panikattacke bekommt, steht sich eben selbst im Weg. Wie Céline, die im Wasser keine Kontaktlinsen tragen konnte, ohne diese aber fast nichts sah. Sie ruderte im Pool verzweifelt mit den Armen und schluchzte am Beckenrand.

Und ich saß davor und schämte mich, dass ich weinte, weil Céline weinte. Ich schämte mich, weil die Sendung es wieder schaffte, dass ich mit den Kandidatinnen mit eifere und mit ihnen leide. Und weil ich doch außerdem wusste, dass Céline es sich freiwillig ausgesucht hat mitzumachen. Aber was heißt denn freiwillig? Erst recht, wenn knapp 40 Prozent der Zuschauer*innen zwischen drei und 13 Jahre alt sind?

Und heute Abend wird Céline weiter kämpfen, denn sie ist doch noch untergetaucht beim Shooting, sie hat, wie Heidi Klum sagt: die Zähne zusammengebissen. Und auch Serlina, deren Emo-Fotos laut Heidi Klum nicht schön waren, begann nach dem Shooting, gleich daran zu arbeiten, auch beim Weinen „hübsch“ auszusehen.

May 24 2017

11:34

Schwerelose Andacht

Von Christina Mohr

Die isländische Singer/Songwriterin Sóley ist eine im Grunde tief melancholische Person. Vor den Aufnahmen zu ihrem neuen Album schrieb sie sich einen Merkzettel, dass sie dieses Mal unbedingt über Hoffnung und den Frühling schreiben müsste. Sie malte sogar ihr Studio in bunten Farben an, damit nicht doch wieder die Schwermut überhandnähme.

© Birgisdóttir Ingibjörg

Und tatsächlich unterscheidet sich die neue Platte stark von ihrem düsteren, morbiden Vorgänger „Ask The Deep“ – selbst das Cover von „Endless Summer“ ist in zarten Pastellfarben gehalten, die ihre klangliche Entsprechung in den schwerelos hingetüpfelten Klavierklängen Sóleys finden, zu denen sie mehr haucht als singt. Die Grundtonart ist eindeutig Dur, kein niederdrückendes Moll mehr.

Multiinstrumentalistin Sóley sitzt jedoch nicht nur am Klavier, es sind auch Klarinetten, Posaunen und Streicher zu hören – vergleichbar mit Agnes Obel und Joanna Newsom erweitert auch Sóley den Folk-Pop-Rahmen, klingt mehr nach klassischer Musikerin als nach Indie-Pop. Manche Stücke wie der ihrer kleinen Tochter gewidmete Opener „Úa“ oder „Sing Wood To Silence“ wirken so fragil wie erhaben, beinah sakral. Es passt daher gut, dass Sóley auf ihrer anstehenden Tournee gleich in mehreren ehemaligen Kirchen auftreten wird: Diese Musik fordert bei aller Zurückhaltung eine gewisse Andacht, ist in Bars und auf Partys fehl am Platz.

Sóley „Endless Summer“
(Morr Music/Indigo), bereits ersch.

Trotz der heiteren Dur-Stimmung kommt die Melancholikerin in Sóley aber dann doch immer wieder durch: „We grow up and then we die“, wiederholt sie mantraartig in einem ansonsten fröhlich klingenden Song, und vielleicht ist es doch die viel beschworene Natur Islands, die ihren Bewohner*innen zeigt, dass sich auch im endlosesten Sommer schon der Winter ankündigt.

May 23 2017

13:25

Entwurzelte Seelen

Von Ana Maria Michel

Ein Zufall führt Katharina und Erich zusammen: Als Katharina von zu Hause abhaut, werden sie Nachbarn und freunden sich an. Erich erforscht als Wissenschaftler die Wälder Sibiriens, Katharina hofft auf seine Hilfe. Ihr Vater arbeitet seit kurzem irgendwo in Russland, doch sie weiß nicht wo. Alleine mit der Mutter hält sie es nicht aus.

© Detlef Heese

Erich lernte auf einer Forschungsreise in Sibirien seine Frau kennen, zusammen gingen sie nach Deutschland. Die Abmachung, im Alter wieder zurück in ihre Heimat zu ziehen, hält er nicht ein – seine Frau geht ohne ihn. So pfanzt Erich Bäume in sein Schlafzimmer, um wenigstens in seinen Träumen wieder in Russland zu sein. Aber der alte Mann kann sich nicht mehr um seinen Wald kümmern, er ist zu groß geworden.

Ada Dorians erster Roman – für den die Autorin 2016 für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert wurde – setzt die Geschichten der zwei Figuren parallel. Verbunden werden sie dabei durch die sibirischen Wälder, die voller Gefahren sind, aber auch Trost spenden. „Betrunkene Bäume“ heißt das Phänomen, das Erich erforscht: Im schmelzenden Permafrost verlieren die Bäume den Halt, sie geraten in Schieflage. Dieses Bild lässt sich auf Dorians Figuren übertragen – sie geraten aus dem Gleichgewicht, wissen nicht, wohin sie gehören.

Ada Dorian „Betrunkene Bäume“
Ullstein, 272 S., 18 Euro

Katharina und Erich bleiben in ihren Rollen zwar schablonenartig – sie, der rebellische Teenager, der auf die schiefe Bahn gerät, er, der sture Alte, der nicht anerkennen will, dass er Hilfe braucht – und zu viele Zufälle lassen die Geschichte stark konstruiert wirken. Doch Dorians Roman enthält auch immer wieder Unerwartetes. Auch das gelungene Bild des Waldes im Schlafzimmer gehört dazu.

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09:22

Not Your Goy*Toy

Von Debora Antmann

Who is the Goy here?

Als ich nach einem Titel für die Kolumne gesucht habe, war ich ziemlich schnell von „Not Your GoyToy“ begeistert. Als ich den Titel allerdings an meinen Freund*innen ausprobiert habe, war die Reaktion immer sehr verhalten. Die meisten von ihnen hatten keine Ahnung, wer oder was ein Goy ist und was der Titel bedeuten soll. Witzigerweise lag das Unverständnis bei den meisten daran, dass sie genau das sind – Goys. Welch eine Ironie! Und im kleinen Rahmen ist es auch noch mal die Bestätigung für das, was queere Jüd*innen schon lange wissen: dass jüdisches Wissen und jüdische Perspektive kein sichtbarer Teil (queer-)feministischer Communitys ist.

Die wc-deutsche Norm umgibt uns fast immer – auch, wenn sie nicht augenscheinlich ist. © Tine Fetz

Wenn ich mich unter Feminist*innen und Queers befinde und sage „Hey there! Lasst uns mal über jüdischen Feminismus reden!“, sehe ich sie verlegen mit den Füßen scharren, verunsichert zu ihren Geschichtsbüchern schielend; nicht so sicher, was ich eigentlich von ihnen will. Nein, es geht mir nicht um irgendwas mit Nazi-Deutschland und erst recht nicht um Israel. Ich meine so ganz in der Gegenwart und in unseren Communitys. Ich sehe die Verwirrung, die Genervtheit, das Unverständnis und ich weiß sogar, wo es herkommt. Jüdische Perspektive als feministische Praxis ist für wc-Deutsche in ihrer Normblase ungefähr so verständlich und naheliegend wie, na ja … die Bezeichnung „Goy“. Ich will nicht sagen, dass das okay ist, aber überrascht bin ich nicht. Nun gut. Jetzt bin ich ja da …

Dennoch ist „Goy“ eigentlich nur meine zweite Wahl, wenn es mir darum geht, christliche Dominanz unter Feminist*innen und Queers sichtbar zu machen und mich davon abzugrenzen. Es ist fantastisch, wenn ich mal so richtig in jüdischer Tradition ranten will. Aber meine super mega Empowerment-Wortentdeckung seit 2015 ist eigentlich „wc-deutsch“!

Wc-deutscher Feminismus ist auch keine Lösung

Ich habe mir in den letzten zwei Jahren angewöhnt, nicht nur von weißem Feminismus zu sprechen (dass der langweilig, eindimensional und sinnlos ist, sind keine Breaking News), sondern von wc-deutschem Feminismus. In Schland sind weiße Debatten an sich nicht nur weiß, sondern auch aus christlicher Kulturtradition heraus entstanden. Was bedeutet, dass sich weißer bzw. wc-deutscher Feminismus in seinem weißen Universalismus unausgesprochen immer auch auf eine christliche Norm bezieht. „Wc-deutsch“ als Abkürzung für „weiß und christlich (sozialisiert)“ ist damit nicht nur ein kritischer Bezug auf Enthnisierungspraxen in weißen feministischen Zusammenhängen, sondern Teil von Abgrenzungspolitiken, Empowerment und eine Chance für Bündnisse.

So weit so theoretisch. Wenn ich in Räumen weißer Feminist*innen oder Queers bin (und sind wir ehrlich, das sind die meisten), mag ich auf den ersten Blick erst mal da sein, wo ich hingehöre. Und ich will jetzt an dieser Stelle keine Diskussion eröffnen, ob ich als Jüdin weiß bin beziehungsweise sein kann oder nicht. Denn selbst wenn ich je nach Diskurs geschichtlich bedingt nicht weiß sein sollte, bin ich doch mit Sicherheit nicht Of Color oder Schwarz und habe damit erst mal einfachen Zugang zu weißen Räumen. Faktisch hat das, was da passiert, aber dann trotzdem reichlich wenig mit mir zu tun. Ganz abgesehen davon, dass ich von einem weirden Konglomerat aus linkem philosemitischen Schicksalsvoyeurismus und Exotisierungen einerseits und antisemitischen Ethnisierungsversuchen andererseits überrollt werde, sobald ich als Jüdin sichtbar werde, bleibe ich auch nur Teil der glücklichen weißen Femi-Familie, wenn ich mich als brav assimilierte Jüdin gebe. Sobald ich auf die vor Christentum triefenden und für mich oft befremdlichen Inhalte und Diskussionen aufmerksam mache, war’s das mit der weißen Happyness.

In den 1980ern und 1990ern gab es sehr sichtbare Versuche von Jüd*innen, darauf aufmerksam zu machen, dass es für Jüd*innen in feministischen Kontexten keine Sichtbarkeit und in den Debatten keinen Raum für sie gibt. Sie entwickelten die Bezeichnung „wc-deutsch“ als Abgrenzung zu dem Feminismus, der sie nicht meinte und nicht hören wollte, und als Zeichen der Solidarität gegenüber marginalisierten Gruppen, denen es ähnlich ging. Mit dem Gefühl, dass die Situation in (queer-)feministischen Räumen heute nicht besonders anders ist, war die Reaktivierung von „wc-deutsch“ einer meiner größeren Empowerment-Momente der letzten Jahre. Ich feiere den Begriff besonders, weil er anders als „Goy“ Bündnismöglichkeiten aufmacht. Er bietet Raum für Allianzen, z.B. zwischen Menschen, die von Rassismus, antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus betroffen sind, ohne dass wir uns in Identitätspolitken verstricken oder versuchen müssen, wegen unterschiedlicher Betroffenheiten um Abgrenzungen zu ringen.

Außerdem regen sich wc-Deutsche so herrlich darüber auf, weil Toilette und so. Besser geht es also eigentlich gar nicht und deswegen kann ich nicht anders, als „wc-deutsch“ bei jeder sich bietenden Gelegenheit als intervenierende Vokabel zu promoten. Also: wc-deutsch! wc-deutsch! wc-deutsch!

Reposted byxmascolara xmascolara

May 22 2017

14:55

„Musik und Mathe sind für mich eins“

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Von Sonja Eismann

Die Elektronikproduzentin Jlin wurde mit ihrem ersten Album 2015 als Erneuerin des halsbrecherisch schnellen Footwork bejubelt. Jetzt geht sie mit dem Nachfolger „Black Origami“ noch einen Schritt weiter. Ganz ohne Samples schafft sie eine noch nie gehörte Form perkussiv-experimenteller Tanzmusik.

Bei einer so physischen Musik wie Footwork geht man davon aus, dass Fans sie im Club oder auf der Straße kennenlernen, an bewegten, öffentlichen Orten. Wie war das bei dir?
Jlin: Komplett anders. Ich entdeckte das Genre bei Nachbar*innen, als ich vier Jahre alt war. Ich spielte im Haus einer Freundin und eine ihrer Cousinen machte mit einem Kopfhörer auf den Ohren Hausaufgaben. Auf einmal vernahm ich einen Rhythmus, den ich nie zuvor gehört hatte, und fragte sie, ob ich auch mal den Walkman haben dürtfe. …

12:15

Pflicht oder Liebe

Von Gabriele Summen

Ridley Scotts 1979 erschienener Sci-Fi-Horrorfilm „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ stellte einen bemerkenswerten Wendepunkt der Filmgeschichte dar: Der Regisseur hatte den Nerv, die Hauptrolle mit einer Frau zu besetzen. So bekam das Mainstreamkino seine erste Actionheldin im All und Sigourney Weaver wurde über Nacht zum Idol. Zudem griff der Film die Urängste vor (weiblicher) Sexualität, Vergewaltigung, Geburt und Müttern auf. Zu guter Letzt besiegte auch noch die starke Frau ganz allein das phallische Monster.

Katherine Watston als Alien-Jägerin Daniels © 2017 Twentieth Century Fox

Im Vergleich zum Klassiker hat Scotts jüngstes Sci-Fi-Epos „Alien: Covenant“ so seine Schwächen: Die Dialoge sind punktuell unterirdisch und einzelne Crewmitglieder verhalten sich zuweilen recht dämlich. Zudem könnte frau sich über Scotts Entscheidung streiten, die Erwartung vieler Fans nach blutspritzenden, virtuos inszenierten Schockmomenten – jede Menge „Facehugger“ und „Chestburster“ inklusive – etwas zu offensichtlich zu bedienen.

Dennoch weist Scotts „Baby“ auch außergewöhnliche Stärken auf, die den Kinobesuch allemal lohnenswert machen. Zum einen lässt der Film wieder eine toughe Heldin den entscheidenden Kampf mit dem Alien austragen – und bereitet so quasi den Auftritt Ripleys vor. „Covenant“ spielt nämlich vor dem ersten „Alien“-Teil, etwa zehn Jahre nach dem ambitioniert gescheiterten Prequel „Prometheus“. Der warf immerhin beunruhigende Fragen nach dem Ursprung des menschlichen Lebens auf, die nun weiter verfolgt werden. So will im Gänsehaut erzeugenden Prolog der unsterbliche Android David (unfassbar nuanciert gespielt von Michael Fassbender) von seinem menschlichen Schöpfer wissen, wer ihn denn eigentlich erschaffen habe. Jahre später ist sein verbessertes, weniger aufmüpfiges Nachfolgemodell Walter (ebenfalls Fassbender) mit dem Raumschiff „Covenant“ und 2000 schlafenden Siedler*innen unterwegs zu einer potenziellen Kolonie.

Die Crew, die Jahre zu früh von Walter geweckt werden muss, da ein Sonnensegel beschädigt worden ist, besteht dieses Mal hauptsächlich aus – dramatische Fallhöhen ermöglichenden – Pärchen (immerhin befindet sich auch ein homosexuelles darunter). Die erste Offizierin Daniels (Katherine Waterston) verliert ihren Lebensgefährten gleich beim Aufwachen, da er in seiner Hyperschlafkabine verbrennt. Dramaturgisch wird damit für die Kapitänswitwe der Weg frei, Teil der aufwühlenden, philosophischen Metaebene des Films zu werden, denn Daniels zeigt tiefe, menschliche Regungen gegenüber dem Androiden Walter, womit ein prickelnder Hauch von „Blade Runner“ in den Film strömt.

Zufällig macht die verbliebene Crew einen erdähnlichen Planeten aus und der neue, schwache Kapitän wider Willen beschließt, ihn näher zu erkunden. Schon bald werden die ersten Opfer von Aliens und Android David erscheint überraschend auf der Bildfläche – eine teuflische Schöpfung, die den Zuschauer*innen eine Höllenangst einjagen wird.

Alien: Covenant US/GB 2017. Regie: Ridley Scott. Mit Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup u.a., 122 Min., bereits im Kino

Walter fragt den erkennbar in Daniels verliebten David einmal, warum er sie gerettet habe. „Das war meine Pflicht“, antwortet dieser und jede*r spürt, dass dies gelogen ist. Ebenso wird fühlbar, dass dem 79-jährigen Ridley Scott der Alien-Mythos und die spannenden philosophischen Fragen, die er aufwirft, nach wie vor am Herzen liegen – und dies macht die Verfilmungen, bei denen er seine Hand im Spiel hat, unbedingt sehenswert.

14:55

„Musik und Mathe sind für mich eins“

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Von Sonja Eismann

Die Elektronikproduzentin Jlin wurde mit ihrem ersten Album 2015 als Erneuerin des halsbrecherisch schnellen Footwork bejubelt. Jetzt geht sie mit dem Nachfolger „Black Origami“ noch einen Schritt weiter. Ganz ohne Samples schafft sie eine noch nie gehörte Form perkussiv-experimenteller Tanzmusik.

Bei einer so physischen Musik wie Footwork geht man davon aus, dass Fans sie im Club oder auf der Straße kennenlernen, an bewegten, öffentlichen Orten. Wie war das bei dir?
Jlin: Komplett anders. Ich entdeckte das Genre bei Nachbar*innen, als ich vier Jahre alt war. Ich spielte im Haus einer Freundin und eine ihrer Cousinen machte mit einem Kopfhörer auf den Ohren Hausaufgaben. Auf einmal vernahm ich einen Rhythmus, den ich nie zuvor gehört hatte, und fragte sie, ob ich auch mal den Walkman haben dürtfe. …

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Schweinderl