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May 26 2017

08:27

Lieblingsstreberin: Yağmur Öztürk

Von Hengameh Yaghoobifarah

Es ist nicht leicht, Yağmur Öztürk (gespielt von Pegah Ferydoni) zu sein. Als orthodoxe, deutsch-türkische Muslima zieht sie in ihrer neuen Patchworkfamilie die größte Arschkarte: Weder ihr Vater Metin noch ihr Bruder Cem, der Möchtegern-Gangster, sind besonders religiös. Ihre Stiefmutter Doris Schneider ist dafür eine esoterische Schamanin, ihre Stiefschwester Lena Atheistin, die auf sie das Bild der unterdrückten Hijabi projiziert, und ihr Stiefopa ein Nazi. In ihrer Korangruppe steht sie wegen ihrer Familie unter ständigem Haram-Verdacht, zu Hause gilt sie als Spaßbremse. Nicht mal ihr deutsch griechischer Verlobter spricht ihren Vornamen korrekt aus.

Yağmur Öztürk © Tamar Moshkovitz

Als wäre das nicht schon schwer genug auszuhalten, wurde ihre Figur auch noch für eine extrem stereotype Serie geschrieben, deren Pointen auf dem „Kulturschock“ beim Zusammenführen der Familien Schneider und Öztürk basieren. „Lustige“ Integrationsimperative dürfen da natürlich nicht fehlen. Durch ihren Glauben fühlt sich Yağmur ihrer verstorbenen Mutter näher und grenzt sich gleichzeitig von ihrem Vater ab. Für sie ist Metin aufgrund seiner neuen Liebesbeziehung ein Verräter. Doch letztlich zieht sie ihre Anti-Schneider- und Anti-Alman-Haltung nicht durch und zeigt sich immer öfter als gute Freundin ihrer einst verachteten Stiefschwester.

„Türkisch für Anfänger“ lief 2005 bis 2007 als ARD-Produktion im Fernsehen. Nun gibt es alle drei Staffeln auf Netflix.

In erster Linie ist Yağmur eine Streberin in Sachen Frömmigkeit. Das führt zu witzigen Szenen, etwa die, in der Lena und sie in eine Disco gehen und Doris ihnen CS-Gas zur Selbstverteidigung mitgibt. „Was ist das? Ecstasy?“, fragt sie mit kritischem Blick auf die kleine Sprühflasche und zeigt, welches Bild sie von ihrer Stiefmutter hat. Entgegen ihrem ursprünglichen Plan, Hausfrau und Mutter zu werden, macht Yağmur schließlich ihr Abitur und arbeitet als Dolmetscherin, etwa für den Bundestag, und ist so die strebsame „gute Ausländerin“, die das deutsche Fernsehpublikum so gerne sehen will.

Dieser Artikel erschien zuerst in Missy 03/2017. 

May 25 2017

14:07

Im Bootcamp der Selbstzerlegung

Von Carolin Wiedemann

Maja musste gehen, obwohl sie laut Juror Thomas Hayo die stärkste Sozialkompetenz hatte. Obwohl sie edgy und modern war, wie die Chefin der „Cosmopolitan“ fand. Und so dünn wie keine andere. Aber in der mittlerweile 12. Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ ging es weniger ums Dünnsein und die Disziplinierung der Körper und um Sozialkompetenz sowieso nicht; dieses Mal war die Sendung mehr als je zuvor Psychoshow, Bootcamp der permanenten emotionalen Selbstzerlegung, und der Zugriff auf die Kandidat*innen invasiver denn je: Welche junge Frau konnte angetrieben von Heidi Klum und ihren beiden Lakaien, Thomas Hayo und Michael Michalsky, die eigenen Grenzen noch weiter überschreiten, ohne dabei die Fassung zu verlieren?

©Flickr/Julius Seelbach/CC BY 2.0

Maja konnte es, ihr kamen auf Knopfdruck die Tränen, nachdem eine angebliche Emo-Expertin mit den Kandidatinnen übte, das Schlimmste, was sie je erlebt hatten, wieder abzurufen, um danach vor der Kamera möglichst authentisch weinen zu können.

Bei zwei der Kandidat*innen klappte das Shooting nicht so, wie die „Jury“ sich das vorgestellt hatte: Serlina, die noch einmal den Tod ihres Vaters durchleben sollte, sah auf den Fotos leider nicht mehr „hübsch“ aus. Klum klickte von einem schmerzverzerrten Gesicht zum nächsten, und sagte zu ihr: „Siehst du, kein einziges Schönes dabei.“ Bei Carina flossen vor dem Fotografen keine Tränen. Obwohl sie doch auch schon Schlimmes erlebt hatte, wie Heidi Klum verwundert bis empört sagte – schließlich war Carinas langjähriger Partner gestorben.

Zu jeder neuen Staffel versammeln sich jeden Donnerstagabend über 2 Millionen Zuschauer*innen vor dem Fernseher. Vor allem Mädchen, deren sehnlichster Wunsch es ist, sich dort auch zu bewerben. Und genügend Menschen, die der Show mit großer Ambivalenz begegnen, die den Lookism und Sexismus der Show und der Branche, um die es in dieser Sendung natürlich geht, kritisieren und doch nicht nur zynisch distanziert vor dem Fernseher sitzen, sondern mit den Kandidatinnen mitfiebern, sich berühren lassen.

Denn jedes Mal kommen neue Elemente hinzu, die „GNTM“ irgendwie progressiv wirken lassen: In dieser Staffel nahmen zwei trans Frauen als Kandidat*innen teil, von denen eine, Giuliana, es auch weit schaffte und scheinbar für das Finale eingeplant war. Zumindest hatte Michalsky sich das versprochen. Er hatte das Team „Diversity“ zusammengestellt: Neben den zwei trans Frauen waren eine „Asiatin“ und eine „Schwarze“ (wie es immer wieder hieß) dabei  – und auch Kandidat*innen, die nicht ganz dünn oder durchtrainiert aussahen. Toll, dachte man kurz. Toll, dass sich manche jungen Mädchen vor dem Fernseher jetzt repräsentiert fühlen! „Diversity“  ist ein super Verkaufsargument und die Branche integriert immer noch mehr vormals marginalisierte Gruppen in die Maschinerie der Zurichtung.

Hauptsache man arbeitet an seiner Personality, denn die bringt die Einschaltquote, und man bekommt Jobs, denn die bringen dem Klum-Unternehmen Geld. Personality heißt bei „GNTM“ die Eigenschaft, sich nicht nur äußerlich zu optimieren, sondern auch an seinen Gefühlsäußerungen so zu arbeiten, dass sie am besten ausbeutbar sind. Sich trimmen, von außen und innen.

Das Bemühen darum, sich noch weiter drangsalieren zu lassen, wurde dieses Mal besonders ausgestellt – immer mit dem Fazit: Wer sich selbst überwindet und die anderen aussticht, schafft es. Denn es kann zwar nur eine Germany’s Next Topmodel werden, aber Heidi Klum findet, alle haben die gleichen Chancen. Wer dann beim Unterwassershooting eine Panikattacke bekommt, steht sich eben selbst im Weg. Wie Céline, die im Wasser keine Kontaktlinsen tragen konnte, ohne diese aber fast nichts sah. Sie ruderte im Pool verzweifelt mit den Armen und schluchzte am Beckenrand.

Und ich saß davor und schämte mich, dass ich weinte, weil Céline weinte. Ich schämte mich, weil die Sendung es wieder schaffte, dass ich mit den Kandidatinnen mit eifere und mit ihnen leide. Und weil ich doch außerdem wusste, dass Céline es sich freiwillig ausgesucht hat mitzumachen. Aber was heißt denn freiwillig? Erst recht, wenn knapp 40 Prozent der Zuschauer*innen zwischen drei und 13 Jahre alt sind?

Und heute Abend wird Céline weiter kämpfen, denn sie ist doch noch untergetaucht beim Shooting, sie hat, wie Heidi Klum sagt: die Zähne zusammengebissen. Und auch Serlina, deren Emo-Fotos laut Heidi Klum nicht schön waren, begann nach dem Shooting, gleich daran zu arbeiten, auch beim Weinen „hübsch“ auszusehen.

May 24 2017

11:34

Schwerelose Andacht

Von Christina Mohr

Die isländische Singer/Songwriterin Sóley ist eine im Grunde tief melancholische Person. Vor den Aufnahmen zu ihrem neuen Album schrieb sie sich einen Merkzettel, dass sie dieses Mal unbedingt über Hoffnung und den Frühling schreiben müsste. Sie malte sogar ihr Studio in bunten Farben an, damit nicht doch wieder die Schwermut überhandnähme.

© Birgisdóttir Ingibjörg

Und tatsächlich unterscheidet sich die neue Platte stark von ihrem düsteren, morbiden Vorgänger „Ask The Deep“ – selbst das Cover von „Endless Summer“ ist in zarten Pastellfarben gehalten, die ihre klangliche Entsprechung in den schwerelos hingetüpfelten Klavierklängen Sóleys finden, zu denen sie mehr haucht als singt. Die Grundtonart ist eindeutig Dur, kein niederdrückendes Moll mehr.

Multiinstrumentalistin Sóley sitzt jedoch nicht nur am Klavier, es sind auch Klarinetten, Posaunen und Streicher zu hören – vergleichbar mit Agnes Obel und Joanna Newsom erweitert auch Sóley den Folk-Pop-Rahmen, klingt mehr nach klassischer Musikerin als nach Indie-Pop. Manche Stücke wie der ihrer kleinen Tochter gewidmete Opener „Úa“ oder „Sing Wood To Silence“ wirken so fragil wie erhaben, beinah sakral. Es passt daher gut, dass Sóley auf ihrer anstehenden Tournee gleich in mehreren ehemaligen Kirchen auftreten wird: Diese Musik fordert bei aller Zurückhaltung eine gewisse Andacht, ist in Bars und auf Partys fehl am Platz.

Sóley „Endless Summer“
(Morr Music/Indigo), bereits ersch.

Trotz der heiteren Dur-Stimmung kommt die Melancholikerin in Sóley aber dann doch immer wieder durch: „We grow up and then we die“, wiederholt sie mantraartig in einem ansonsten fröhlich klingenden Song, und vielleicht ist es doch die viel beschworene Natur Islands, die ihren Bewohner*innen zeigt, dass sich auch im endlosesten Sommer schon der Winter ankündigt.

May 23 2017

13:25

Entwurzelte Seelen

Von Ana Maria Michel

Ein Zufall führt Katharina und Erich zusammen: Als Katharina von zu Hause abhaut, werden sie Nachbarn und freunden sich an. Erich erforscht als Wissenschaftler die Wälder Sibiriens, Katharina hofft auf seine Hilfe. Ihr Vater arbeitet seit kurzem irgendwo in Russland, doch sie weiß nicht wo. Alleine mit der Mutter hält sie es nicht aus.

© Detlef Heese

Erich lernte auf einer Forschungsreise in Sibirien seine Frau kennen, zusammen gingen sie nach Deutschland. Die Abmachung, im Alter wieder zurück in ihre Heimat zu ziehen, hält er nicht ein – seine Frau geht ohne ihn. So pfanzt Erich Bäume in sein Schlafzimmer, um wenigstens in seinen Träumen wieder in Russland zu sein. Aber der alte Mann kann sich nicht mehr um seinen Wald kümmern, er ist zu groß geworden.

Ada Dorians erster Roman – für den die Autorin 2016 für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert wurde – setzt die Geschichten der zwei Figuren parallel. Verbunden werden sie dabei durch die sibirischen Wälder, die voller Gefahren sind, aber auch Trost spenden. „Betrunkene Bäume“ heißt das Phänomen, das Erich erforscht: Im schmelzenden Permafrost verlieren die Bäume den Halt, sie geraten in Schieflage. Dieses Bild lässt sich auf Dorians Figuren übertragen – sie geraten aus dem Gleichgewicht, wissen nicht, wohin sie gehören.

Ada Dorian „Betrunkene Bäume“
Ullstein, 272 S., 18 Euro

Katharina und Erich bleiben in ihren Rollen zwar schablonenartig – sie, der rebellische Teenager, der auf die schiefe Bahn gerät, er, der sture Alte, der nicht anerkennen will, dass er Hilfe braucht – und zu viele Zufälle lassen die Geschichte stark konstruiert wirken. Doch Dorians Roman enthält auch immer wieder Unerwartetes. Auch das gelungene Bild des Waldes im Schlafzimmer gehört dazu.

Reposted by02mysoup-aa 02mysoup-aa
09:22

Not Your Goy*Toy

Von Debora Antmann

Who is the Goy here?

Als ich nach einem Titel für die Kolumne gesucht habe, war ich ziemlich schnell von „Not Your GoyToy“ begeistert. Als ich den Titel allerdings an meinen Freund*innen ausprobiert habe, war die Reaktion immer sehr verhalten. Die meisten von ihnen hatten keine Ahnung, wer oder was ein Goy ist und was der Titel bedeuten soll. Witzigerweise lag das Unverständnis bei den meisten daran, dass sie genau das sind – Goys. Welch eine Ironie! Und im kleinen Rahmen ist es auch noch mal die Bestätigung für das, was queere Jüd*innen schon lange wissen: dass jüdisches Wissen und jüdische Perspektive kein sichtbarer Teil (queer-)feministischer Communitys ist.

Die wc-deutsche Norm umgibt uns fast immer – auch, wenn sie nicht augenscheinlich ist. © Tine Fetz

Wenn ich mich unter Feminist*innen und Queers befinde und sage „Hey there! Lasst uns mal über jüdischen Feminismus reden!“, sehe ich sie verlegen mit den Füßen scharren, verunsichert zu ihren Geschichtsbüchern schielend; nicht so sicher, was ich eigentlich von ihnen will. Nein, es geht mir nicht um irgendwas mit Nazi-Deutschland und erst recht nicht um Israel. Ich meine so ganz in der Gegenwart und in unseren Communitys. Ich sehe die Verwirrung, die Genervtheit, das Unverständnis und ich weiß sogar, wo es herkommt. Jüdische Perspektive als feministische Praxis ist für wc-Deutsche in ihrer Normblase ungefähr so verständlich und naheliegend wie, na ja … die Bezeichnung „Goy“. Ich will nicht sagen, dass das okay ist, aber überrascht bin ich nicht. Nun gut. Jetzt bin ich ja da …

Dennoch ist „Goy“ eigentlich nur meine zweite Wahl, wenn es mir darum geht, christliche Dominanz unter Feminist*innen und Queers sichtbar zu machen und mich davon abzugrenzen. Es ist fantastisch, wenn ich mal so richtig in jüdischer Tradition ranten will. Aber meine super mega Empowerment-Wortentdeckung seit 2015 ist eigentlich „wc-deutsch“!

Wc-deutscher Feminismus ist auch keine Lösung

Ich habe mir in den letzten zwei Jahren angewöhnt, nicht nur von weißem Feminismus zu sprechen (dass der langweilig, eindimensional und sinnlos ist, sind keine Breaking News), sondern von wc-deutschem Feminismus. In Schland sind weiße Debatten an sich nicht nur weiß, sondern auch aus christlicher Kulturtradition heraus entstanden. Was bedeutet, dass sich weißer bzw. wc-deutscher Feminismus in seinem weißen Universalismus unausgesprochen immer auch auf eine christliche Norm bezieht. „Wc-deutsch“ als Abkürzung für „weiß und christlich (sozialisiert)“ ist damit nicht nur ein kritischer Bezug auf Enthnisierungspraxen in weißen feministischen Zusammenhängen, sondern Teil von Abgrenzungspolitiken, Empowerment und eine Chance für Bündnisse.

So weit so theoretisch. Wenn ich in Räumen weißer Feminist*innen oder Queers bin (und sind wir ehrlich, das sind die meisten), mag ich auf den ersten Blick erst mal da sein, wo ich hingehöre. Und ich will jetzt an dieser Stelle keine Diskussion eröffnen, ob ich als Jüdin weiß bin beziehungsweise sein kann oder nicht. Denn selbst wenn ich je nach Diskurs geschichtlich bedingt nicht weiß sein sollte, bin ich doch mit Sicherheit nicht Of Color oder Schwarz und habe damit erst mal einfachen Zugang zu weißen Räumen. Faktisch hat das, was da passiert, aber dann trotzdem reichlich wenig mit mir zu tun. Ganz abgesehen davon, dass ich von einem weirden Konglomerat aus linkem philosemitischen Schicksalsvoyeurismus und Exotisierungen einerseits und antisemitischen Ethnisierungsversuchen andererseits überrollt werde, sobald ich als Jüdin sichtbar werde, bleibe ich auch nur Teil der glücklichen weißen Femi-Familie, wenn ich mich als brav assimilierte Jüdin gebe. Sobald ich auf die vor Christentum triefenden und für mich oft befremdlichen Inhalte und Diskussionen aufmerksam mache, war’s das mit der weißen Happyness.

In den 1980ern und 1990ern gab es sehr sichtbare Versuche von Jüd*innen, darauf aufmerksam zu machen, dass es für Jüd*innen in feministischen Kontexten keine Sichtbarkeit und in den Debatten keinen Raum für sie gibt. Sie entwickelten die Bezeichnung „wc-deutsch“ als Abgrenzung zu dem Feminismus, der sie nicht meinte und nicht hören wollte, und als Zeichen der Solidarität gegenüber marginalisierten Gruppen, denen es ähnlich ging. Mit dem Gefühl, dass die Situation in (queer-)feministischen Räumen heute nicht besonders anders ist, war die Reaktivierung von „wc-deutsch“ einer meiner größeren Empowerment-Momente der letzten Jahre. Ich feiere den Begriff besonders, weil er anders als „Goy“ Bündnismöglichkeiten aufmacht. Er bietet Raum für Allianzen, z.B. zwischen Menschen, die von Rassismus, antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus betroffen sind, ohne dass wir uns in Identitätspolitken verstricken oder versuchen müssen, wegen unterschiedlicher Betroffenheiten um Abgrenzungen zu ringen.

Außerdem regen sich wc-Deutsche so herrlich darüber auf, weil Toilette und so. Besser geht es also eigentlich gar nicht und deswegen kann ich nicht anders, als „wc-deutsch“ bei jeder sich bietenden Gelegenheit als intervenierende Vokabel zu promoten. Also: wc-deutsch! wc-deutsch! wc-deutsch!

Reposted byxmascolara xmascolara

May 22 2017

14:55

„Musik und Mathe sind für mich eins“

— Kaufen Sie den vollständigen Inhalt für 0.99 EUR —

Von Sonja Eismann

Die Elektronikproduzentin Jlin wurde mit ihrem ersten Album 2015 als Erneuerin des halsbrecherisch schnellen Footwork bejubelt. Jetzt geht sie mit dem Nachfolger „Black Origami“ noch einen Schritt weiter. Ganz ohne Samples schafft sie eine noch nie gehörte Form perkussiv-experimenteller Tanzmusik.

Bei einer so physischen Musik wie Footwork geht man davon aus, dass Fans sie im Club oder auf der Straße kennenlernen, an bewegten, öffentlichen Orten. Wie war das bei dir?
Jlin: Komplett anders. Ich entdeckte das Genre bei Nachbar*innen, als ich vier Jahre alt war. Ich spielte im Haus einer Freundin und eine ihrer Cousinen machte mit einem Kopfhörer auf den Ohren Hausaufgaben. Auf einmal vernahm ich einen Rhythmus, den ich nie zuvor gehört hatte, und fragte sie, ob ich auch mal den Walkman haben dürtfe. …

12:15

Pflicht oder Liebe

Von Gabriele Summen

Ridley Scotts 1979 erschienener Sci-Fi-Horrorfilm „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ stellte einen bemerkenswerten Wendepunkt der Filmgeschichte dar: Der Regisseur hatte den Nerv, die Hauptrolle mit einer Frau zu besetzen. So bekam das Mainstreamkino seine erste Actionheldin im All und Sigourney Weaver wurde über Nacht zum Idol. Zudem griff der Film die Urängste vor (weiblicher) Sexualität, Vergewaltigung, Geburt und Müttern auf. Zu guter Letzt besiegte auch noch die starke Frau ganz allein das phallische Monster.

Katherine Watston als Alien-Jägerin Daniels © 2017 Twentieth Century Fox

Im Vergleich zum Klassiker hat Scotts jüngstes Sci-Fi-Epos „Alien: Covenant“ so seine Schwächen: Die Dialoge sind punktuell unterirdisch und einzelne Crewmitglieder verhalten sich zuweilen recht dämlich. Zudem könnte frau sich über Scotts Entscheidung streiten, die Erwartung vieler Fans nach blutspritzenden, virtuos inszenierten Schockmomenten – jede Menge „Facehugger“ und „Chestburster“ inklusive – etwas zu offensichtlich zu bedienen.

Dennoch weist Scotts „Baby“ auch außergewöhnliche Stärken auf, die den Kinobesuch allemal lohnenswert machen. Zum einen lässt der Film wieder eine toughe Heldin den entscheidenden Kampf mit dem Alien austragen – und bereitet so quasi den Auftritt Ripleys vor. „Covenant“ spielt nämlich vor dem ersten „Alien“-Teil, etwa zehn Jahre nach dem ambitioniert gescheiterten Prequel „Prometheus“. Der warf immerhin beunruhigende Fragen nach dem Ursprung des menschlichen Lebens auf, die nun weiter verfolgt werden. So will im Gänsehaut erzeugenden Prolog der unsterbliche Android David (unfassbar nuanciert gespielt von Michael Fassbender) von seinem menschlichen Schöpfer wissen, wer ihn denn eigentlich erschaffen habe. Jahre später ist sein verbessertes, weniger aufmüpfiges Nachfolgemodell Walter (ebenfalls Fassbender) mit dem Raumschiff „Covenant“ und 2000 schlafenden Siedler*innen unterwegs zu einer potenziellen Kolonie.

Die Crew, die Jahre zu früh von Walter geweckt werden muss, da ein Sonnensegel beschädigt worden ist, besteht dieses Mal hauptsächlich aus – dramatische Fallhöhen ermöglichenden – Pärchen (immerhin befindet sich auch ein homosexuelles darunter). Die erste Offizierin Daniels (Katherine Waterston) verliert ihren Lebensgefährten gleich beim Aufwachen, da er in seiner Hyperschlafkabine verbrennt. Dramaturgisch wird damit für die Kapitänswitwe der Weg frei, Teil der aufwühlenden, philosophischen Metaebene des Films zu werden, denn Daniels zeigt tiefe, menschliche Regungen gegenüber dem Androiden Walter, womit ein prickelnder Hauch von „Blade Runner“ in den Film strömt.

Zufällig macht die verbliebene Crew einen erdähnlichen Planeten aus und der neue, schwache Kapitän wider Willen beschließt, ihn näher zu erkunden. Schon bald werden die ersten Opfer von Aliens und Android David erscheint überraschend auf der Bildfläche – eine teuflische Schöpfung, die den Zuschauer*innen eine Höllenangst einjagen wird.

Alien: Covenant US/GB 2017. Regie: Ridley Scott. Mit Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup u.a., 122 Min., bereits im Kino

Walter fragt den erkennbar in Daniels verliebten David einmal, warum er sie gerettet habe. „Das war meine Pflicht“, antwortet dieser und jede*r spürt, dass dies gelogen ist. Ebenso wird fühlbar, dass dem 79-jährigen Ridley Scott der Alien-Mythos und die spannenden philosophischen Fragen, die er aufwirft, nach wie vor am Herzen liegen – und dies macht die Verfilmungen, bei denen er seine Hand im Spiel hat, unbedingt sehenswert.

May 26 2017

08:27

Lieblingsstreberin: Yağmur Öztürk

Von Hengameh Yaghoobifarah

Es ist nicht leicht, Yağmur Öztürk (gespielt von Pegah Ferydoni) zu sein. Als orthodoxe, deutsch-türkische Muslima zieht sie in ihrer neuen Patchworkfamilie die größte Arschkarte: Weder ihr Vater Metin noch ihr Bruder Cem, der Möchtegern-Gangster, sind besonders religiös. Ihre Stiefmutter Doris Schneider ist dafür eine esoterische Schamanin, ihre Stiefschwester Lena Atheistin, die auf sie das Bild der unterdrückten Hijabi projiziert, und ihr Stiefopa ein Nazi. In ihrer Korangruppe steht sie wegen ihrer Familie unter ständigem Haram-Verdacht, zu Hause gilt sie als Spaßbremse. Nicht mal ihr deutsch griechischer Verlobter spricht ihren Vornamen korrekt aus.

Yağmur Öztürk © Tamar Moshkovitz

Als wäre das nicht schon schwer genug auszuhalten, wurde ihre Figur auch noch für eine extrem stereotype Serie geschrieben, deren Pointen auf dem „Kulturschock“ beim Zusammenführen der Familien Schneider und Öztürk basieren. „Lustige“ Integrationsimperative dürfen da natürlich nicht fehlen. Durch ihren Glauben fühlt sich Yağmur ihrer verstorbenen Mutter näher und grenzt sich gleichzeitig von ihrem Vater ab. Für sie ist Metin aufgrund seiner neuen Liebesbeziehung ein Verräter. Doch letztlich zieht sie ihre Anti-Schneider- und Anti-Alman-Haltung nicht durch und zeigt sich immer öfter als gute Freundin ihrer einst verachteten Stiefschwester.

„Türkisch für Anfänger“ lief 2005 bis 2007 als ARD-Produktion im Fernsehen. Nun gibt es alle drei Staffeln auf Netflix.

In erster Linie ist Yağmur eine Streberin in Sachen Frömmigkeit. Das führt zu witzigen Szenen, etwa die, in der Lena und sie in eine Disco gehen und Doris ihnen CS-Gas zur Selbstverteidigung mitgibt. „Was ist das? Ecstasy?“, fragt sie mit kritischem Blick auf die kleine Sprühflasche und zeigt, welches Bild sie von ihrer Stiefmutter hat. Entgegen ihrem ursprünglichen Plan, Hausfrau und Mutter zu werden, macht Yağmur schließlich ihr Abitur und arbeitet als Dolmetscherin, etwa für den Bundestag, und ist so die strebsame „gute Ausländerin“, die das deutsche Fernsehpublikum so gerne sehen will.

Dieser Artikel erschien zuerst in Missy 03/2017. 

May 25 2017

14:07

Im Bootcamp der Selbstzerlegung

Von Carolin Wiedemann

Maja musste gehen, obwohl sie laut Juror Thomas Hayo die stärkste Sozialkompetenz hatte. Obwohl sie edgy und modern war, wie die Chefin der „Cosmopolitan“ fand. Und so dünn wie keine andere. Aber in der mittlerweile 12. Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ ging es weniger ums Dünnsein und die Disziplinierung der Körper und um Sozialkompetenz sowieso nicht; dieses Mal war die Sendung mehr als je zuvor Psychoshow, Bootcamp der permanenten emotionalen Selbstzerlegung, und der Zugriff auf die Kandidat*innen invasiver denn je: Welche junge Frau konnte angetrieben von Heidi Klum und ihren beiden Lakaien, Thomas Hayo und Michael Michalsky, die eigenen Grenzen noch weiter überschreiten, ohne dabei die Fassung zu verlieren?

©Flickr/Julius Seelbach/CC BY 2.0

Maja konnte es, ihr kamen auf Knopfdruck die Tränen, nachdem eine angebliche Emo-Expertin mit den Kandidatinnen übte, das Schlimmste, was sie je erlebt hatten, wieder abzurufen, um danach vor der Kamera möglichst authentisch weinen zu können.

Bei zwei der Kandidat*innen klappte das Shooting nicht so, wie die „Jury“ sich das vorgestellt hatte: Serlina, die noch einmal den Tod ihres Vaters durchleben sollte, sah auf den Fotos leider nicht mehr „hübsch“ aus. Klum klickte von einem schmerzverzerrten Gesicht zum nächsten, und sagte zu ihr: „Siehst du, kein einziges Schönes dabei.“ Bei Carina flossen vor dem Fotografen keine Tränen. Obwohl sie doch auch schon Schlimmes erlebt hatte, wie Heidi Klum verwundert bis empört sagte – schließlich war Carinas langjähriger Partner gestorben.

Zu jeder neuen Staffel versammeln sich jeden Donnerstagabend über 2 Millionen Zuschauer*innen vor dem Fernseher. Vor allem Mädchen, deren sehnlichster Wunsch es ist, sich dort auch zu bewerben. Und genügend Menschen, die der Show mit großer Ambivalenz begegnen, die den Lookism und Sexismus der Show und der Branche, um die es in dieser Sendung natürlich geht, kritisieren und doch nicht nur zynisch distanziert vor dem Fernseher sitzen, sondern mit den Kandidatinnen mitfiebern, sich berühren lassen.

Denn jedes Mal kommen neue Elemente hinzu, die „GNTM“ irgendwie progressiv wirken lassen: In dieser Staffel nahmen zwei trans Frauen als Kandidat*innen teil, von denen eine, Giuliana, es auch weit schaffte und scheinbar für das Finale eingeplant war. Zumindest hatte Michalsky sich das versprochen. Er hatte das Team „Diversity“ zusammengestellt: Neben den zwei trans Frauen waren eine „Asiatin“ und eine „Schwarze“ (wie es immer wieder hieß) dabei  – und auch Kandidat*innen, die nicht ganz dünn oder durchtrainiert aussahen. Toll, dachte man kurz. Toll, dass sich manche jungen Mädchen vor dem Fernseher jetzt repräsentiert fühlen! „Diversity“  ist ein super Verkaufsargument und die Branche integriert immer noch mehr vormals marginalisierte Gruppen in die Maschinerie der Zurichtung.

Hauptsache man arbeitet an seiner Personality, denn die bringt die Einschaltquote, und man bekommt Jobs, denn die bringen dem Klum-Unternehmen Geld. Personality heißt bei „GNTM“ die Eigenschaft, sich nicht nur äußerlich zu optimieren, sondern auch an seinen Gefühlsäußerungen so zu arbeiten, dass sie am besten ausbeutbar sind. Sich trimmen, von außen und innen.

Das Bemühen darum, sich noch weiter drangsalieren zu lassen, wurde dieses Mal besonders ausgestellt – immer mit dem Fazit: Wer sich selbst überwindet und die anderen aussticht, schafft es. Denn es kann zwar nur eine Germany’s Next Topmodel werden, aber Heidi Klum findet, alle haben die gleichen Chancen. Wer dann beim Unterwassershooting eine Panikattacke bekommt, steht sich eben selbst im Weg. Wie Céline, die im Wasser keine Kontaktlinsen tragen konnte, ohne diese aber fast nichts sah. Sie ruderte im Pool verzweifelt mit den Armen und schluchzte am Beckenrand.

Und ich saß davor und schämte mich, dass ich weinte, weil Céline weinte. Ich schämte mich, weil die Sendung es wieder schaffte, dass ich mit den Kandidatinnen mit eifere und mit ihnen leide. Und weil ich doch außerdem wusste, dass Céline es sich freiwillig ausgesucht hat mitzumachen. Aber was heißt denn freiwillig? Erst recht, wenn knapp 40 Prozent der Zuschauer*innen zwischen drei und 13 Jahre alt sind?

Und heute Abend wird Céline weiter kämpfen, denn sie ist doch noch untergetaucht beim Shooting, sie hat, wie Heidi Klum sagt: die Zähne zusammengebissen. Und auch Serlina, deren Emo-Fotos laut Heidi Klum nicht schön waren, begann nach dem Shooting, gleich daran zu arbeiten, auch beim Weinen „hübsch“ auszusehen.

May 24 2017

11:34

Schwerelose Andacht

Von Christina Mohr

Die isländische Singer/Songwriterin Sóley ist eine im Grunde tief melancholische Person. Vor den Aufnahmen zu ihrem neuen Album schrieb sie sich einen Merkzettel, dass sie dieses Mal unbedingt über Hoffnung und den Frühling schreiben müsste. Sie malte sogar ihr Studio in bunten Farben an, damit nicht doch wieder die Schwermut überhandnähme.

© Birgisdóttir Ingibjörg

Und tatsächlich unterscheidet sich die neue Platte stark von ihrem düsteren, morbiden Vorgänger „Ask The Deep“ – selbst das Cover von „Endless Summer“ ist in zarten Pastellfarben gehalten, die ihre klangliche Entsprechung in den schwerelos hingetüpfelten Klavierklängen Sóleys finden, zu denen sie mehr haucht als singt. Die Grundtonart ist eindeutig Dur, kein niederdrückendes Moll mehr.

Multiinstrumentalistin Sóley sitzt jedoch nicht nur am Klavier, es sind auch Klarinetten, Posaunen und Streicher zu hören – vergleichbar mit Agnes Obel und Joanna Newsom erweitert auch Sóley den Folk-Pop-Rahmen, klingt mehr nach klassischer Musikerin als nach Indie-Pop. Manche Stücke wie der ihrer kleinen Tochter gewidmete Opener „Úa“ oder „Sing Wood To Silence“ wirken so fragil wie erhaben, beinah sakral. Es passt daher gut, dass Sóley auf ihrer anstehenden Tournee gleich in mehreren ehemaligen Kirchen auftreten wird: Diese Musik fordert bei aller Zurückhaltung eine gewisse Andacht, ist in Bars und auf Partys fehl am Platz.

Sóley „Endless Summer“
(Morr Music/Indigo), bereits ersch.

Trotz der heiteren Dur-Stimmung kommt die Melancholikerin in Sóley aber dann doch immer wieder durch: „We grow up and then we die“, wiederholt sie mantraartig in einem ansonsten fröhlich klingenden Song, und vielleicht ist es doch die viel beschworene Natur Islands, die ihren Bewohner*innen zeigt, dass sich auch im endlosesten Sommer schon der Winter ankündigt.

May 23 2017

13:25

Entwurzelte Seelen

Von Ana Maria Michel

Ein Zufall führt Katharina und Erich zusammen: Als Katharina von zu Hause abhaut, werden sie Nachbarn und freunden sich an. Erich erforscht als Wissenschaftler die Wälder Sibiriens, Katharina hofft auf seine Hilfe. Ihr Vater arbeitet seit kurzem irgendwo in Russland, doch sie weiß nicht wo. Alleine mit der Mutter hält sie es nicht aus.

© Detlef Heese

Erich lernte auf einer Forschungsreise in Sibirien seine Frau kennen, zusammen gingen sie nach Deutschland. Die Abmachung, im Alter wieder zurück in ihre Heimat zu ziehen, hält er nicht ein – seine Frau geht ohne ihn. So pfanzt Erich Bäume in sein Schlafzimmer, um wenigstens in seinen Träumen wieder in Russland zu sein. Aber der alte Mann kann sich nicht mehr um seinen Wald kümmern, er ist zu groß geworden.

Ada Dorians erster Roman – für den die Autorin 2016 für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert wurde – setzt die Geschichten der zwei Figuren parallel. Verbunden werden sie dabei durch die sibirischen Wälder, die voller Gefahren sind, aber auch Trost spenden. „Betrunkene Bäume“ heißt das Phänomen, das Erich erforscht: Im schmelzenden Permafrost verlieren die Bäume den Halt, sie geraten in Schieflage. Dieses Bild lässt sich auf Dorians Figuren übertragen – sie geraten aus dem Gleichgewicht, wissen nicht, wohin sie gehören.

Ada Dorian „Betrunkene Bäume“
Ullstein, 272 S., 18 Euro

Katharina und Erich bleiben in ihren Rollen zwar schablonenartig – sie, der rebellische Teenager, der auf die schiefe Bahn gerät, er, der sture Alte, der nicht anerkennen will, dass er Hilfe braucht – und zu viele Zufälle lassen die Geschichte stark konstruiert wirken. Doch Dorians Roman enthält auch immer wieder Unerwartetes. Auch das gelungene Bild des Waldes im Schlafzimmer gehört dazu.

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09:22

Not Your Goy*Toy

Von Debora Antmann

Who is the Goy here?

Als ich nach einem Titel für die Kolumne gesucht habe, war ich ziemlich schnell von „Not Your GoyToy“ begeistert. Als ich den Titel allerdings an meinen Freund*innen ausprobiert habe, war die Reaktion immer sehr verhalten. Die meisten von ihnen hatten keine Ahnung, wer oder was ein Goy ist und was der Titel bedeuten soll. Witzigerweise lag das Unverständnis bei den meisten daran, dass sie genau das sind – Goys. Welch eine Ironie! Und im kleinen Rahmen ist es auch noch mal die Bestätigung für das, was queere Jüd*innen schon lange wissen: dass jüdisches Wissen und jüdische Perspektive kein sichtbarer Teil (queer-)feministischer Communitys ist.

Die wc-deutsche Norm umgibt uns fast immer – auch, wenn sie nicht augenscheinlich ist. © Tine Fetz

Wenn ich mich unter Feminist*innen und Queers befinde und sage „Hey there! Lasst uns mal über jüdischen Feminismus reden!“, sehe ich sie verlegen mit den Füßen scharren, verunsichert zu ihren Geschichtsbüchern schielend; nicht so sicher, was ich eigentlich von ihnen will. Nein, es geht mir nicht um irgendwas mit Nazi-Deutschland und erst recht nicht um Israel. Ich meine so ganz in der Gegenwart und in unseren Communitys. Ich sehe die Verwirrung, die Genervtheit, das Unverständnis und ich weiß sogar, wo es herkommt. Jüdische Perspektive als feministische Praxis ist für wc-Deutsche in ihrer Normblase ungefähr so verständlich und naheliegend wie, na ja … die Bezeichnung „Goy“. Ich will nicht sagen, dass das okay ist, aber überrascht bin ich nicht. Nun gut. Jetzt bin ich ja da …

Dennoch ist „Goy“ eigentlich nur meine zweite Wahl, wenn es mir darum geht, christliche Dominanz unter Feminist*innen und Queers sichtbar zu machen und mich davon abzugrenzen. Es ist fantastisch, wenn ich mal so richtig in jüdischer Tradition ranten will. Aber meine super mega Empowerment-Wortentdeckung seit 2015 ist eigentlich „wc-deutsch“!

Wc-deutscher Feminismus ist auch keine Lösung

Ich habe mir in den letzten zwei Jahren angewöhnt, nicht nur von weißem Feminismus zu sprechen (dass der langweilig, eindimensional und sinnlos ist, sind keine Breaking News), sondern von wc-deutschem Feminismus. In Schland sind weiße Debatten an sich nicht nur weiß, sondern auch aus christlicher Kulturtradition heraus entstanden. Was bedeutet, dass sich weißer bzw. wc-deutscher Feminismus in seinem weißen Universalismus unausgesprochen immer auch auf eine christliche Norm bezieht. „Wc-deutsch“ als Abkürzung für „weiß und christlich (sozialisiert)“ ist damit nicht nur ein kritischer Bezug auf Enthnisierungspraxen in weißen feministischen Zusammenhängen, sondern Teil von Abgrenzungspolitiken, Empowerment und eine Chance für Bündnisse.

So weit so theoretisch. Wenn ich in Räumen weißer Feminist*innen oder Queers bin (und sind wir ehrlich, das sind die meisten), mag ich auf den ersten Blick erst mal da sein, wo ich hingehöre. Und ich will jetzt an dieser Stelle keine Diskussion eröffnen, ob ich als Jüdin weiß bin beziehungsweise sein kann oder nicht. Denn selbst wenn ich je nach Diskurs geschichtlich bedingt nicht weiß sein sollte, bin ich doch mit Sicherheit nicht Of Color oder Schwarz und habe damit erst mal einfachen Zugang zu weißen Räumen. Faktisch hat das, was da passiert, aber dann trotzdem reichlich wenig mit mir zu tun. Ganz abgesehen davon, dass ich von einem weirden Konglomerat aus linkem philosemitischen Schicksalsvoyeurismus und Exotisierungen einerseits und antisemitischen Ethnisierungsversuchen andererseits überrollt werde, sobald ich als Jüdin sichtbar werde, bleibe ich auch nur Teil der glücklichen weißen Femi-Familie, wenn ich mich als brav assimilierte Jüdin gebe. Sobald ich auf die vor Christentum triefenden und für mich oft befremdlichen Inhalte und Diskussionen aufmerksam mache, war’s das mit der weißen Happyness.

In den 1980ern und 1990ern gab es sehr sichtbare Versuche von Jüd*innen, darauf aufmerksam zu machen, dass es für Jüd*innen in feministischen Kontexten keine Sichtbarkeit und in den Debatten keinen Raum für sie gibt. Sie entwickelten die Bezeichnung „wc-deutsch“ als Abgrenzung zu dem Feminismus, der sie nicht meinte und nicht hören wollte, und als Zeichen der Solidarität gegenüber marginalisierten Gruppen, denen es ähnlich ging. Mit dem Gefühl, dass die Situation in (queer-)feministischen Räumen heute nicht besonders anders ist, war die Reaktivierung von „wc-deutsch“ einer meiner größeren Empowerment-Momente der letzten Jahre. Ich feiere den Begriff besonders, weil er anders als „Goy“ Bündnismöglichkeiten aufmacht. Er bietet Raum für Allianzen, z.B. zwischen Menschen, die von Rassismus, antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus betroffen sind, ohne dass wir uns in Identitätspolitken verstricken oder versuchen müssen, wegen unterschiedlicher Betroffenheiten um Abgrenzungen zu ringen.

Außerdem regen sich wc-Deutsche so herrlich darüber auf, weil Toilette und so. Besser geht es also eigentlich gar nicht und deswegen kann ich nicht anders, als „wc-deutsch“ bei jeder sich bietenden Gelegenheit als intervenierende Vokabel zu promoten. Also: wc-deutsch! wc-deutsch! wc-deutsch!

Reposted byxmascolara xmascolara

May 22 2017

14:55

„Musik und Mathe sind für mich eins“

— Kaufen Sie den vollständigen Inhalt für 0.99 EUR —

Von Sonja Eismann

Die Elektronikproduzentin Jlin wurde mit ihrem ersten Album 2015 als Erneuerin des halsbrecherisch schnellen Footwork bejubelt. Jetzt geht sie mit dem Nachfolger „Black Origami“ noch einen Schritt weiter. Ganz ohne Samples schafft sie eine noch nie gehörte Form perkussiv-experimenteller Tanzmusik.

Bei einer so physischen Musik wie Footwork geht man davon aus, dass Fans sie im Club oder auf der Straße kennenlernen, an bewegten, öffentlichen Orten. Wie war das bei dir?
Jlin: Komplett anders. Ich entdeckte das Genre bei Nachbar*innen, als ich vier Jahre alt war. Ich spielte im Haus einer Freundin und eine ihrer Cousinen machte mit einem Kopfhörer auf den Ohren Hausaufgaben. Auf einmal vernahm ich einen Rhythmus, den ich nie zuvor gehört hatte, und fragte sie, ob ich auch mal den Walkman haben dürtfe. …

May 26 2017

08:27

Lieblingsstreberin: Yağmur Öztürk

Von Hengameh Yaghoobifarah

Es ist nicht leicht, Yağmur Öztürk (gespielt von Pegah Ferydoni) zu sein. Als orthodoxe, deutsch-türkische Muslima zieht sie in ihrer neuen Patchworkfamilie die größte Arschkarte: Weder ihr Vater Metin noch ihr Bruder Cem, der Möchtegern-Gangster, sind besonders religiös. Ihre Stiefmutter Doris Schneider ist dafür eine esoterische Schamanin, ihre Stiefschwester Lena Atheistin, die auf sie das Bild der unterdrückten Hijabi projiziert, und ihr Stiefopa ein Nazi. In ihrer Korangruppe steht sie wegen ihrer Familie unter ständigem Haram-Verdacht, zu Hause gilt sie als Spaßbremse. Nicht mal ihr deutsch griechischer Verlobter spricht ihren Vornamen korrekt aus.

Yağmur Öztürk © Tamar Moshkovitz

Als wäre das nicht schon schwer genug auszuhalten, wurde ihre Figur auch noch für eine extrem stereotype Serie geschrieben, deren Pointen auf dem „Kulturschock“ beim Zusammenführen der Familien Schneider und Öztürk basieren. „Lustige“ Integrationsimperative dürfen da natürlich nicht fehlen. Durch ihren Glauben fühlt sich Yağmur ihrer verstorbenen Mutter näher und grenzt sich gleichzeitig von ihrem Vater ab. Für sie ist Metin aufgrund seiner neuen Liebesbeziehung ein Verräter. Doch letztlich zieht sie ihre Anti-Schneider- und Anti-Alman-Haltung nicht durch und zeigt sich immer öfter als gute Freundin ihrer einst verachteten Stiefschwester.

„Türkisch für Anfänger“ lief 2005 bis 2007 als ARD-Produktion im Fernsehen. Nun gibt es alle drei Staffeln auf Netflix.

In erster Linie ist Yağmur eine Streberin in Sachen Frömmigkeit. Das führt zu witzigen Szenen, etwa die, in der Lena und sie in eine Disco gehen und Doris ihnen CS-Gas zur Selbstverteidigung mitgibt. „Was ist das? Ecstasy?“, fragt sie mit kritischem Blick auf die kleine Sprühflasche und zeigt, welches Bild sie von ihrer Stiefmutter hat. Entgegen ihrem ursprünglichen Plan, Hausfrau und Mutter zu werden, macht Yağmur schließlich ihr Abitur und arbeitet als Dolmetscherin, etwa für den Bundestag, und ist so die strebsame „gute Ausländerin“, die das deutsche Fernsehpublikum so gerne sehen will.

Dieser Artikel erschien zuerst in Missy 03/2017. 

May 25 2017

14:07

Im Bootcamp der Selbstzerlegung

Von Carolin Wiedemann

Maja musste gehen, obwohl sie laut Juror Thomas Hayo die stärkste Sozialkompetenz hatte. Obwohl sie edgy und modern war, wie die Chefin der „Cosmopolitan“ fand. Und so dünn wie keine andere. Aber in der mittlerweile 12. Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ ging es weniger ums Dünnsein und die Disziplinierung der Körper und um Sozialkompetenz sowieso nicht; dieses Mal war die Sendung mehr als je zuvor Psychoshow, Bootcamp der permanenten emotionalen Selbstzerlegung, und der Zugriff auf die Kandidat*innen invasiver denn je: Welche junge Frau konnte angetrieben von Heidi Klum und ihren beiden Lakaien, Thomas Hayo und Michael Michalsky, die eigenen Grenzen noch weiter überschreiten, ohne dabei die Fassung zu verlieren?

©Flickr/Julius Seelbach/CC BY 2.0

Maja konnte es, ihr kamen auf Knopfdruck die Tränen, nachdem eine angebliche Emo-Expertin mit den Kandidatinnen übte, das Schlimmste, was sie je erlebt hatten, wieder abzurufen, um danach vor der Kamera möglichst authentisch weinen zu können.

Bei zwei der Kandidat*innen klappte das Shooting nicht so, wie die „Jury“ sich das vorgestellt hatte: Serlina, die noch einmal den Tod ihres Vaters durchleben sollte, sah auf den Fotos leider nicht mehr „hübsch“ aus. Klum klickte von einem schmerzverzerrten Gesicht zum nächsten, und sagte zu ihr: „Siehst du, kein einziges Schönes dabei.“ Bei Carina flossen vor dem Fotografen keine Tränen. Obwohl sie doch auch schon Schlimmes erlebt hatte, wie Heidi Klum verwundert bis empört sagte – schließlich war Carinas langjähriger Partner gestorben.

Zu jeder neuen Staffel versammeln sich jeden Donnerstagabend über 2 Millionen Zuschauer*innen vor dem Fernseher. Vor allem Mädchen, deren sehnlichster Wunsch es ist, sich dort auch zu bewerben. Und genügend Menschen, die der Show mit großer Ambivalenz begegnen, die den Lookism und Sexismus der Show und der Branche, um die es in dieser Sendung natürlich geht, kritisieren und doch nicht nur zynisch distanziert vor dem Fernseher sitzen, sondern mit den Kandidatinnen mitfiebern, sich berühren lassen.

Denn jedes Mal kommen neue Elemente hinzu, die „GNTM“ irgendwie progressiv wirken lassen: In dieser Staffel nahmen zwei trans Frauen als Kandidat*innen teil, von denen eine, Giuliana, es auch weit schaffte und scheinbar für das Finale eingeplant war. Zumindest hatte Michalsky sich das versprochen. Er hatte das Team „Diversity“ zusammengestellt: Neben den zwei trans Frauen waren eine „Asiatin“ und eine „Schwarze“ (wie es immer wieder hieß) dabei  – und auch Kandidat*innen, die nicht ganz dünn oder durchtrainiert aussahen. Toll, dachte man kurz. Toll, dass sich manche jungen Mädchen vor dem Fernseher jetzt repräsentiert fühlen! „Diversity“  ist ein super Verkaufsargument und die Branche integriert immer noch mehr vormals marginalisierte Gruppen in die Maschinerie der Zurichtung.

Hauptsache man arbeitet an seiner Personality, denn die bringt die Einschaltquote, und man bekommt Jobs, denn die bringen dem Klum-Unternehmen Geld. Personality heißt bei „GNTM“ die Eigenschaft, sich nicht nur äußerlich zu optimieren, sondern auch an seinen Gefühlsäußerungen so zu arbeiten, dass sie am besten ausbeutbar sind. Sich trimmen, von außen und innen.

Das Bemühen darum, sich noch weiter drangsalieren zu lassen, wurde dieses Mal besonders ausgestellt – immer mit dem Fazit: Wer sich selbst überwindet und die anderen aussticht, schafft es. Denn es kann zwar nur eine Germany’s Next Topmodel werden, aber Heidi Klum findet, alle haben die gleichen Chancen. Wer dann beim Unterwassershooting eine Panikattacke bekommt, steht sich eben selbst im Weg. Wie Céline, die im Wasser keine Kontaktlinsen tragen konnte, ohne diese aber fast nichts sah. Sie ruderte im Pool verzweifelt mit den Armen und schluchzte am Beckenrand.

Und ich saß davor und schämte mich, dass ich weinte, weil Céline weinte. Ich schämte mich, weil die Sendung es wieder schaffte, dass ich mit den Kandidatinnen mit eifere und mit ihnen leide. Und weil ich doch außerdem wusste, dass Céline es sich freiwillig ausgesucht hat mitzumachen. Aber was heißt denn freiwillig? Erst recht, wenn knapp 40 Prozent der Zuschauer*innen zwischen drei und 13 Jahre alt sind?

Und heute Abend wird Céline weiter kämpfen, denn sie ist doch noch untergetaucht beim Shooting, sie hat, wie Heidi Klum sagt: die Zähne zusammengebissen. Und auch Serlina, deren Emo-Fotos laut Heidi Klum nicht schön waren, begann nach dem Shooting, gleich daran zu arbeiten, auch beim Weinen „hübsch“ auszusehen.

May 24 2017

11:34

Schwerelose Andacht

Von Christina Mohr

Die isländische Singer/Songwriterin Sóley ist eine im Grunde tief melancholische Person. Vor den Aufnahmen zu ihrem neuen Album schrieb sie sich einen Merkzettel, dass sie dieses Mal unbedingt über Hoffnung und den Frühling schreiben müsste. Sie malte sogar ihr Studio in bunten Farben an, damit nicht doch wieder die Schwermut überhandnähme.

© Birgisdóttir Ingibjörg

Und tatsächlich unterscheidet sich die neue Platte stark von ihrem düsteren, morbiden Vorgänger „Ask The Deep“ – selbst das Cover von „Endless Summer“ ist in zarten Pastellfarben gehalten, die ihre klangliche Entsprechung in den schwerelos hingetüpfelten Klavierklängen Sóleys finden, zu denen sie mehr haucht als singt. Die Grundtonart ist eindeutig Dur, kein niederdrückendes Moll mehr.

Multiinstrumentalistin Sóley sitzt jedoch nicht nur am Klavier, es sind auch Klarinetten, Posaunen und Streicher zu hören – vergleichbar mit Agnes Obel und Joanna Newsom erweitert auch Sóley den Folk-Pop-Rahmen, klingt mehr nach klassischer Musikerin als nach Indie-Pop. Manche Stücke wie der ihrer kleinen Tochter gewidmete Opener „Úa“ oder „Sing Wood To Silence“ wirken so fragil wie erhaben, beinah sakral. Es passt daher gut, dass Sóley auf ihrer anstehenden Tournee gleich in mehreren ehemaligen Kirchen auftreten wird: Diese Musik fordert bei aller Zurückhaltung eine gewisse Andacht, ist in Bars und auf Partys fehl am Platz.

Sóley „Endless Summer“
(Morr Music/Indigo), bereits ersch.

Trotz der heiteren Dur-Stimmung kommt die Melancholikerin in Sóley aber dann doch immer wieder durch: „We grow up and then we die“, wiederholt sie mantraartig in einem ansonsten fröhlich klingenden Song, und vielleicht ist es doch die viel beschworene Natur Islands, die ihren Bewohner*innen zeigt, dass sich auch im endlosesten Sommer schon der Winter ankündigt.

May 23 2017

13:25

Entwurzelte Seelen

Von Ana Maria Michel

Ein Zufall führt Katharina und Erich zusammen: Als Katharina von zu Hause abhaut, werden sie Nachbarn und freunden sich an. Erich erforscht als Wissenschaftler die Wälder Sibiriens, Katharina hofft auf seine Hilfe. Ihr Vater arbeitet seit kurzem irgendwo in Russland, doch sie weiß nicht wo. Alleine mit der Mutter hält sie es nicht aus.

© Detlef Heese

Erich lernte auf einer Forschungsreise in Sibirien seine Frau kennen, zusammen gingen sie nach Deutschland. Die Abmachung, im Alter wieder zurück in ihre Heimat zu ziehen, hält er nicht ein – seine Frau geht ohne ihn. So pfanzt Erich Bäume in sein Schlafzimmer, um wenigstens in seinen Träumen wieder in Russland zu sein. Aber der alte Mann kann sich nicht mehr um seinen Wald kümmern, er ist zu groß geworden.

Ada Dorians erster Roman – für den die Autorin 2016 für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert wurde – setzt die Geschichten der zwei Figuren parallel. Verbunden werden sie dabei durch die sibirischen Wälder, die voller Gefahren sind, aber auch Trost spenden. „Betrunkene Bäume“ heißt das Phänomen, das Erich erforscht: Im schmelzenden Permafrost verlieren die Bäume den Halt, sie geraten in Schieflage. Dieses Bild lässt sich auf Dorians Figuren übertragen – sie geraten aus dem Gleichgewicht, wissen nicht, wohin sie gehören.

Ada Dorian „Betrunkene Bäume“
Ullstein, 272 S., 18 Euro

Katharina und Erich bleiben in ihren Rollen zwar schablonenartig – sie, der rebellische Teenager, der auf die schiefe Bahn gerät, er, der sture Alte, der nicht anerkennen will, dass er Hilfe braucht – und zu viele Zufälle lassen die Geschichte stark konstruiert wirken. Doch Dorians Roman enthält auch immer wieder Unerwartetes. Auch das gelungene Bild des Waldes im Schlafzimmer gehört dazu.

Reposted by02mysoup-aa 02mysoup-aa
09:22

Not Your Goy*Toy

Von Debora Antmann

Who is the Goy here?

Als ich nach einem Titel für die Kolumne gesucht habe, war ich ziemlich schnell von „Not Your GoyToy“ begeistert. Als ich den Titel allerdings an meinen Freund*innen ausprobiert habe, war die Reaktion immer sehr verhalten. Die meisten von ihnen hatten keine Ahnung, wer oder was ein Goy ist und was der Titel bedeuten soll. Witzigerweise lag das Unverständnis bei den meisten daran, dass sie genau das sind – Goys. Welch eine Ironie! Und im kleinen Rahmen ist es auch noch mal die Bestätigung für das, was queere Jüd*innen schon lange wissen: dass jüdisches Wissen und jüdische Perspektive kein sichtbarer Teil (queer-)feministischer Communitys ist.

Die wc-deutsche Norm umgibt uns fast immer – auch, wenn sie nicht augenscheinlich ist. © Tine Fetz

Wenn ich mich unter Feminist*innen und Queers befinde und sage „Hey there! Lasst uns mal über jüdischen Feminismus reden!“, sehe ich sie verlegen mit den Füßen scharren, verunsichert zu ihren Geschichtsbüchern schielend; nicht so sicher, was ich eigentlich von ihnen will. Nein, es geht mir nicht um irgendwas mit Nazi-Deutschland und erst recht nicht um Israel. Ich meine so ganz in der Gegenwart und in unseren Communitys. Ich sehe die Verwirrung, die Genervtheit, das Unverständnis und ich weiß sogar, wo es herkommt. Jüdische Perspektive als feministische Praxis ist für wc-Deutsche in ihrer Normblase ungefähr so verständlich und naheliegend wie, na ja … die Bezeichnung „Goy“. Ich will nicht sagen, dass das okay ist, aber überrascht bin ich nicht. Nun gut. Jetzt bin ich ja da …

Dennoch ist „Goy“ eigentlich nur meine zweite Wahl, wenn es mir darum geht, christliche Dominanz unter Feminist*innen und Queers sichtbar zu machen und mich davon abzugrenzen. Es ist fantastisch, wenn ich mal so richtig in jüdischer Tradition ranten will. Aber meine super mega Empowerment-Wortentdeckung seit 2015 ist eigentlich „wc-deutsch“!

Wc-deutscher Feminismus ist auch keine Lösung

Ich habe mir in den letzten zwei Jahren angewöhnt, nicht nur von weißem Feminismus zu sprechen (dass der langweilig, eindimensional und sinnlos ist, sind keine Breaking News), sondern von wc-deutschem Feminismus. In Schland sind weiße Debatten an sich nicht nur weiß, sondern auch aus christlicher Kulturtradition heraus entstanden. Was bedeutet, dass sich weißer bzw. wc-deutscher Feminismus in seinem weißen Universalismus unausgesprochen immer auch auf eine christliche Norm bezieht. „Wc-deutsch“ als Abkürzung für „weiß und christlich (sozialisiert)“ ist damit nicht nur ein kritischer Bezug auf Enthnisierungspraxen in weißen feministischen Zusammenhängen, sondern Teil von Abgrenzungspolitiken, Empowerment und eine Chance für Bündnisse.

So weit so theoretisch. Wenn ich in Räumen weißer Feminist*innen oder Queers bin (und sind wir ehrlich, das sind die meisten), mag ich auf den ersten Blick erst mal da sein, wo ich hingehöre. Und ich will jetzt an dieser Stelle keine Diskussion eröffnen, ob ich als Jüdin weiß bin beziehungsweise sein kann oder nicht. Denn selbst wenn ich je nach Diskurs geschichtlich bedingt nicht weiß sein sollte, bin ich doch mit Sicherheit nicht Of Color oder Schwarz und habe damit erst mal einfachen Zugang zu weißen Räumen. Faktisch hat das, was da passiert, aber dann trotzdem reichlich wenig mit mir zu tun. Ganz abgesehen davon, dass ich von einem weirden Konglomerat aus linkem philosemitischen Schicksalsvoyeurismus und Exotisierungen einerseits und antisemitischen Ethnisierungsversuchen andererseits überrollt werde, sobald ich als Jüdin sichtbar werde, bleibe ich auch nur Teil der glücklichen weißen Femi-Familie, wenn ich mich als brav assimilierte Jüdin gebe. Sobald ich auf die vor Christentum triefenden und für mich oft befremdlichen Inhalte und Diskussionen aufmerksam mache, war’s das mit der weißen Happyness.

In den 1980ern und 1990ern gab es sehr sichtbare Versuche von Jüd*innen, darauf aufmerksam zu machen, dass es für Jüd*innen in feministischen Kontexten keine Sichtbarkeit und in den Debatten keinen Raum für sie gibt. Sie entwickelten die Bezeichnung „wc-deutsch“ als Abgrenzung zu dem Feminismus, der sie nicht meinte und nicht hören wollte, und als Zeichen der Solidarität gegenüber marginalisierten Gruppen, denen es ähnlich ging. Mit dem Gefühl, dass die Situation in (queer-)feministischen Räumen heute nicht besonders anders ist, war die Reaktivierung von „wc-deutsch“ einer meiner größeren Empowerment-Momente der letzten Jahre. Ich feiere den Begriff besonders, weil er anders als „Goy“ Bündnismöglichkeiten aufmacht. Er bietet Raum für Allianzen, z.B. zwischen Menschen, die von Rassismus, antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus betroffen sind, ohne dass wir uns in Identitätspolitken verstricken oder versuchen müssen, wegen unterschiedlicher Betroffenheiten um Abgrenzungen zu ringen.

Außerdem regen sich wc-Deutsche so herrlich darüber auf, weil Toilette und so. Besser geht es also eigentlich gar nicht und deswegen kann ich nicht anders, als „wc-deutsch“ bei jeder sich bietenden Gelegenheit als intervenierende Vokabel zu promoten. Also: wc-deutsch! wc-deutsch! wc-deutsch!

Reposted byxmascolara xmascolara

May 24 2017

11:34

Schwerelose Andacht

Von Christina Mohr

Die isländische Singer/Songwriterin Sóley ist eine im Grunde tief melancholische Person. Vor den Aufnahmen zu ihrem neuen Album schrieb sie sich einen Merkzettel, dass sie dieses Mal unbedingt über Hoffnung und den Frühling schreiben müsste. Sie malte sogar ihr Studio in bunten Farben an, damit nicht doch wieder die Schwermut überhandnähme.

© Birgisdóttir Ingibjörg

Und tatsächlich unterscheidet sich die neue Platte stark von ihrem düsteren, morbiden Vorgänger „Ask The Deep“ – selbst das Cover von „Endless Summer“ ist in zarten Pastellfarben gehalten, die ihre klangliche Entsprechung in den schwerelos hingetüpfelten Klavierklängen Sóleys finden, zu denen sie mehr haucht als singt. Die Grundtonart ist eindeutig Dur, kein niederdrückendes Moll mehr.

Multiinstrumentalistin Sóley sitzt jedoch nicht nur am Klavier, es sind auch Klarinetten, Posaunen und Streicher zu hören – vergleichbar mit Agnes Obel und Joanna Newsom erweitert auch Sóley den Folk-Pop-Rahmen, klingt mehr nach klassischer Musikerin als nach Indie-Pop. Manche Stücke wie der ihrer kleinen Tochter gewidmete Opener „Úa“ oder „Sing Wood To Silence“ wirken so fragil wie erhaben, beinah sakral. Es passt daher gut, dass Sóley auf ihrer anstehenden Tournee gleich in mehreren ehemaligen Kirchen auftreten wird: Diese Musik fordert bei aller Zurückhaltung eine gewisse Andacht, ist in Bars und auf Partys fehl am Platz.

Sóley „Endless Summer“
(Morr Music/Indigo), bereits ersch.

Trotz der heiteren Dur-Stimmung kommt die Melancholikerin in Sóley aber dann doch immer wieder durch: „We grow up and then we die“, wiederholt sie mantraartig in einem ansonsten fröhlich klingenden Song, und vielleicht ist es doch die viel beschworene Natur Islands, die ihren Bewohner*innen zeigt, dass sich auch im endlosesten Sommer schon der Winter ankündigt.

May 23 2017

13:25

Entwurzelte Seelen

Von Ana Maria Michel

Ein Zufall führt Katharina und Erich zusammen: Als Katharina von zu Hause abhaut, werden sie Nachbarn und freunden sich an. Erich erforscht als Wissenschaftler die Wälder Sibiriens, Katharina hofft auf seine Hilfe. Ihr Vater arbeitet seit kurzem irgendwo in Russland, doch sie weiß nicht wo. Alleine mit der Mutter hält sie es nicht aus.

© Detlef Heese

Erich lernte auf einer Forschungsreise in Sibirien seine Frau kennen, zusammen gingen sie nach Deutschland. Die Abmachung, im Alter wieder zurück in ihre Heimat zu ziehen, hält er nicht ein – seine Frau geht ohne ihn. So pfanzt Erich Bäume in sein Schlafzimmer, um wenigstens in seinen Träumen wieder in Russland zu sein. Aber der alte Mann kann sich nicht mehr um seinen Wald kümmern, er ist zu groß geworden.

Ada Dorians erster Roman – für den die Autorin 2016 für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert wurde – setzt die Geschichten der zwei Figuren parallel. Verbunden werden sie dabei durch die sibirischen Wälder, die voller Gefahren sind, aber auch Trost spenden. „Betrunkene Bäume“ heißt das Phänomen, das Erich erforscht: Im schmelzenden Permafrost verlieren die Bäume den Halt, sie geraten in Schieflage. Dieses Bild lässt sich auf Dorians Figuren übertragen – sie geraten aus dem Gleichgewicht, wissen nicht, wohin sie gehören.

Ada Dorian „Betrunkene Bäume“
Ullstein, 272 S., 18 Euro

Katharina und Erich bleiben in ihren Rollen zwar schablonenartig – sie, der rebellische Teenager, der auf die schiefe Bahn gerät, er, der sture Alte, der nicht anerkennen will, dass er Hilfe braucht – und zu viele Zufälle lassen die Geschichte stark konstruiert wirken. Doch Dorians Roman enthält auch immer wieder Unerwartetes. Auch das gelungene Bild des Waldes im Schlafzimmer gehört dazu.

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