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March 24 2017

10:46

Das Leben der Assata Shakur

Von Sabine Rohlf

Assata Shakur ist die erste Frau auf der Liste der „meistgesuchten Terroristen“ des FBI, für ihre Auslieferung sind zwei Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt. Sie war Mitglied der Black Panther Party und der Black Liberation Army. 1977 wurde sie wegen Mordes an einem Polizisten verurteilt, obwohl die Beweislage mehr als dürftig war. Sechseinhalb Jahre lang war sie in Haft, bevor sie 1979 aus einem Hochsicherheitsgefängnis befreit wurde. Seit 1984 lebt sie als politischer Flüchtling in Kuba.

Was für ein Leben – Shakur schrieb es schon den 1980er-Jahren nieder. 1988 veröffentlichte Assata Shakur ihre Autobiografie in London, 1990 erschien diese erstmals auf Deutsch. Der Laika Verlag bringt sie nun in einer Neuübersetzung und mit einem Vorwort von Angela Davis in die Buchläden. Neu sind auch viele hilfreiche Anmerkungen mit Hintergrundinformationen über Schwarzen Widerstand und Rassismus in den USA.

Assata Shakur © Filmstill, Laika Verlag

Shakurs Erinnerungen beginnen im Krankenhaus, wo sie schwer verletzt nach jener Schießerei lag, die zur Mordanklage führte. Sie war auf einem Highway von der Polizei angehalten worden, die Begegnung endete für ihren Freund Zayd Shakur und einen der Polizisten tödlich. Ein weiterer Polizist und Shakur wurden lebensgefährlich verletzt. Im Vorwort zur Autobiografie schildert Angela Davis, wie sie selbst nach einer Benefizveranstaltung für Assata Shakur in eine Polizeikontrolle geriet und wie riskant diese Situation war. Auch heute sind Schwarze Menschen bei Begegnungen mit der US-Polizei in Lebensgefahr. Was genau in Shakurs Fall geschah, nach der zu diesem Zeitpunkt gefahndet wurde, ist nie endgültig geklärt worden.

In ihrer Autobiografie berichtet Shakur abwechselnd von ihrer Zeit im Gefängnis und vom Leben davor. Sie erzählt von ihrer Kindheit in South Carolina in den 1950ern, als es Strandabschnitte (oder gar keinen Meerzugang) nur für Schwarze, nach „Rassen“ getrennte Schulen, Parkbänke und Toiletten gab. Sie erzählt von ihren Großeltern, die versuchten, sie vor Demütigungen zu beschützen, und von Schwarzen Schulkindern, die sich gegenseitig als „hässliche N*“ beschimpften.

In New York, wo Assata Shakur ihre Jugend verbrachte, war der Rassismus verdeckter, aber nicht weniger grausam. Sie beschreibt die Herablassung durch Lehrer*innen und Chefs, analysiert die Ausschlüsse und Wertungen in Medien, Kultur und Politik und zeigt, nicht zuletzt an sich selbst, internalisierte Gewalt und Selbsthass auf.

Ende der 1960er-Jahre tritt Assata Shakur an der Uni in Kontakt mit der Bürgerrechtsbewegung. In dieser Zeit hört sie auf, sich die Haare zu glätten, und tauscht ihren „Sklavennamen“ Joanne Deborah Byron gegen den selbstgewählten afrikanischen. Sie stößt zur Black Panther Party, für die sie unter anderem an Universitäten aktiv ist, und arbeitet auch mit Kindern aus Schwarzen Communitys. In ihrem Buch legt sie ihre politische Entwicklung und Entscheidungen dar, die sie Anfang der 1970er schließlich in die Illegalität der Black Liberation Army führten.

Die Passagen über ihre Inhaftierung und Prozesse beschreiben einen offen rassistischen Strafvollzug und ein entsprechendes Justizsystem. Misshandlungen, dreckige Zellen, fehlende Gesundheitsversorgung, physische und psychische Quälerei, Schikane. Shakur schreibt über ihre eigene Isolationshaft und über Schwarze Mithäftlinge, die wegen einer Packung geklauter Windeln monatelang eingesperrt wurden. Von gefälschten Beweisen, voreingenommenen Geschworenen und unehrlichen Belastungszeugen bei ihren Prozessen. Sie wurde wegen mehrerer Morde und Banküberfälle angeklagt, die Verfahren wurden entweder eingestellt oder endeten mit einem Freispruch. Wegen des angeblichen Mordes auf dem Highway wurde sie schließlich zu lebenslanger Haft verurteilt.

Assata Shakur: Assata. Eine Autobiografie.
Aus dem Amerikanischen von Jutta Nickel. Laika Verlag, 368 S., 28 Euro

Assata Shakur spricht ihre Leser*innen sehr persönlich an, am Ende der Kapitel finden sich immer wieder Gedichte, in die sie ihre Gewalterfahrungen und Hoffnungen überführte. Sie erzählt anschaulich, präzise, eindrucksvoll, aber immer sachlich. In manchen Punkten bleibt sie allerdings auch vage – ihre spektakuläre Befreiung etwa klammert sie aus. Gründe nennt sie nicht, aber es hat sicher damit zu tun, dass sie kein Märchen erzählt, sondern eine wahre Geschichte. Und dass manche der Beteiligten bis heute gefährdet sind. Wie auch die Verfasserin selbst.

March 23 2017

11:57

„Warum muss ich erst erwachsen werden, um zu erfahren, dass es in der Geschichte auch Frauen gab?“

Von Mareice Kaiser

„Ich lese manchmal in Geschichtsbüchern, weil ich muss, aber alles, was darin steht, ärgert mich entweder oder es langweilt mich. Die Fehden von Päpsten oder Königen und dazu Kriege oder Seuchen auf jeder Seite, die Männer alle zu nichts zu gebrauchen, und fast keine Frauen dabei – das ist furchtbar öde.“ Dieses Zitat von Jane Austen haben Kerstin Lücker und Ute Daenschel ihrem gerade erschienenen Buch „Weltgeschichte für junge Leserinnen“ vorangestellt. Darauf folgen 528 Seiten, die alles andere als öde sind und sich an Erwachsene, vor allem aber an Jugendliche richten. Denn, wie die Autorinnen rhetorisch fragen: „Warum muss ich erst erwachsen werden, um zu erfahren, dass es in der Geschichte auch Frauen gab?“

Die Autorinnen Kerstin Lücker und Ute Daenschel © privat

„Ein Puzzle, in dem viele Teile fehlen“ – so beschreiben sie die Weltgeschichte. Kerstin Lücker und Ute Daenschel haben die „Weltgeschichte für junge Leserinnen“ aufgeschrieben und sich dabei auf die Suche nach bisher fehlenden Puzzleteilen gemacht. Als Grund für die Geschichte(n) ohne Frauen geben sie an, dass Care-Arbeit für sehr lange Zeit und mehr oder weniger auf der ganzen Welt den Frauen überlassen war. Für die Geschichtsschreibung, also für die Kriege und die Gründung von Staaten, neue Religionen und technische Erfindungen waren Männer zuständig – während sich die Frauen um Haushalt, Küche und Kinder kümmerten.

Gleichzeitig gab es aber auch immer sehr viele Frauen, die regierten, in Kriegen kämpften, als Philosophinnen, Schriftstellerinnen oder Ärztinnen arbeiteten. Sie alle kommen wenig bis gar nicht vor in unseren Geschichtsbüchern. Diese Frauen zu erwähnen, widersprach lange Zeit der Ordnung der Welt: „Für das Außergewöhnliche waren die Männer zuständig, für den Haushalt die Frauen.“ Lücker und Daenschel erklären, dass es deshalb immer wieder passierte, dass Männer, die die Ereignisse ihrer Zeit dokumentierten, den Beitrag der Frauen einfach leugneten. So sind Briefwechsel in die Geschichtsbücher eingegangen, in denen ein Teil fehlt. Der weibliche – der männliche wurde publiziert.

In der Geschichte der Proteste gegen den Vietnam-Krieg wird oft unterschlagen, dass sie inspiriert waren vom Women’s Strike for Peace – amerikanische Hausfrauen, die die Initiatorinnen waren. Gelehrt werden meist nur die Studierendenproteste, die es ohne die Frauen wahrscheinlich nicht gegeben hätte. Genauso unterschlagen werden die Frauen, die rund um die Französische Revolution den Vorschlag machten, dass es doch eigentlich heißen müsse: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Schwesterlichkeit“. Der Part der Frauen fällt oft unter den Geschichtsbüchertisch.

Ute Daenschel und Kerstin Lücker: „Weltgeschichte für junge Leserinnen“
Mit Illustrationen von Linda Hüetlin, Verlag Kein & Aber, 528 S., 25 Euro

Kerstin Lücker und Uta Daenschel haben kein Frauenbuch geschrieben. „Wir wollen nicht nur von Frauen und wir können nicht von allen starken, klugen und mutigen Frauen erzählen, auch wenn sie – oft trotz widriger Umstände – großartige Denkerinnen, Künstlerinnen, Herscherinnen waren“, sagen die Autorinnen. Dann wäre eine „Weltgeschichte der Frauen“ dabei herausgekommen. Eine Spezialgeschichte – und damit nicht die Intention der Autorinnen. Sie haben ein Buch geschrieben, in dem Frauen ein ganz selbstverständlicher Teil jener Weltgeschichte sind, die uns alle angeht. Ein Vorbild für alle weiteren Bücher, in denen Geschichte aufgeschrieben werden wird.

 

 

March 22 2017

10:54

Wider den Dualismen

Von Nadine Schildhauer

Elysia Crampton bewegt sich zwischen süd- und nordamerikanischen Welten – sowohl im Geiste als auch im geografischen Sinne. Dass ihr Kopf von den Widersprüchen nicht platzt, mag daran liegen, dass sie dem Weltverständnis der Aimara auf den Grund gehen möchte. Musik dient dabei als Ventil – dort verhandelt sie das Unbewusste, das undefinierte Unbehagen, das erst später in ihr Bewusstsein dringt.

© CTM Festival

Aber von vorn: Elysia Crampton hat nicht immer unter ihrem Namen Musik gemacht. Unter dem Synonym (Moniker) E+E veröffentlichte sie bereits 2005 auf YouTube, SoundCloud und Bandcamp polyrhythmische Soundcollagen, die in ihren Produktionsweisen weitestgehend DIY blieben. Die minimalistisch gehaltenen Keyboard-Produktionen fütterte sie mit glossy R&B-Samples – eine Hommage an ihre vielen Einflüsse. Zudem verpasst sie ihren Songs mit Anleihen von Cumbia und südamerikanischem Metal einen für nordamerikanische und europäische Verhältnisse völlig neuen Sound. Anfang der 2010er-Jahre galt das noch als spacy, heute ist es Zeitgeist und wird von Labels und Kollektiven wie NON, N.A.A.F.I. und Janus gehypet – dieser Sound verändert jetzt die Clubwelt von Mexiko City über London bis Berlin. Allerdings fühlen sich die frühen Songs für die latinx Künstlerin nicht wie ihre eigenen an: So verabschiedete sie sich nicht nur von den Pop-Samples, sondern auch von ihrem Projekt E+E.

Mit ihrem Studioalbum „American Drift“, das sie unter ihrem Namen Elysia Crampton im Jahr 2015 veröffentlichte, gräbt sie in der Geschichte von Virginia sowie in der ihrer Familie nach ihrer Identität. Neben Einflüssen wie bolivianischer Volksmusik, Jazz und psychedelischem Folk auf dem Album untersucht sie die indigenen Bezüge im südamerikanischen Christentum und begibt sich auch in theoretischere Sphären. Sie bezieht sich damit auf einen Essay des Theoretikers Jose Munoz über Braunsein und die Performativität von race. „American Drift“ fächert sich collagenartig auf – Distortion-Ambient, religiöse Predigten von Money Allah, synthetisch-südamerikanische Volksmusik – und bildet damit den wichtigen Zwischenschritt zu „Elysia Crampton Presents: Demon City“ (2016, Break World Records), das sie mit Rabit, Why Be, Lexxi und Chino Amobi aufgenommen hat.

„Demon City“ ist entrückt aus Zeit und Ort: So zieht Elysia Crampton Referenzen zur indigenen Rebellenführerin Bartolina Sisa, die 1782 von spanischen Truppen zerstückelt wurde, und zeichnet im Song „Demon City“ ein dystopisches Soundszenario. Diesen ungreifbaren Stilmix aus Cumbia, Huayno, schweren Bässen, knarzigen Synthies und Gelächter-Samples bezeichnet sie als Severo, eine Musikrichtung, die sich im stetigen Wandel befindet und von Künstler*innen wie Crampton, Chino Amobi und Lexxi vorangetrieben wird. „Demon City“ zollt der Geschichte der Aimara Tribut – ein Werk der Solidarität und ein Akt der Dekolonialisierung – und geht den Weg der Dystopie, um ultimativ Souveränität und Kolonialmacht zu kritisieren. Missy traf die Aimara-amerikanische Künstlerin zum Gespräch.

Du wirst als bolivianisch-amerikanische Künstlerin …
Ich möchte dich zuallerst darum bitten, nicht die Begriffe „bolivianisch-amerikanisch“ zu benutzen, wenn du dich auf mich beziehst. Weder habe ich eine Verbindung mit dem Militärstaat Bolivien, noch habe ich einen bolivianischen Pass, und ich wurde auch nicht in Bolivien geboren – was aber ständig in Artikeln über mich behauptet wird. Meine Familie stammt von Aimara ab, und ich wurde in den USA geboren. Bluts- oder genetisch verwandt bin ich also mit den Aimara, die zu den Native Americans gehören. Native American ist demnach die korrektere Beschreibung.

In einem Interview sagtest du, dass du auch in als futuristisch angepriesener Musik immer noch die koloniale Idee wiederfindest. Was sind diese Elemente des Kolonialen?
Schlussendlich bleibt die binäre Logik der weißen Siedler von Materie vs. Antimaterie, menschlich vs. nicht-menschlich, Ding vs. Lebendiges in ihren Denkstrukturen gefangen und kann nicht außerhalb des Kolonialen denken. Sogar Computer funktionieren mit binärem Code. Natürlich ist es nicht so, dass alles Binäre per se schlecht ist, aber es gibt mehr als das. Die Aimara wertschätzen zwar die Dualität, aber zwei Pole ermöglichen in ihrer Logik auch das intermediäre Dritte. Sie nennen es „taypi“ – die Fähigkeit zu verstehen, dass Widersprüche nebeneinander existieren. Es ist eine Methode, die Realität, in der wir leben, zu verstehen – wo Zukunft und Vergangenheit im Hier miteinander verwoben sind und Materie ins Nichts fließt, verworren in einer Bewegung, die wie Musik oder Tanz ist.
Ein anderes Beispiel: Wir sind es beispielsweise gewohnt, die Vergangenheit als lineare Weg-Zeit-Linie und nicht als einen vollkommen anderen Kosmos unter vielen, neben umstrittenen anderen Universen zu sehen. In der Tradition der Anden sprechen wir stattdessen von „Cosmovision“, was oftmals als Identitätspolitik missverstanden wird, wie das meiste, das nicht in die standardisierte Logik der weißen Vormachtstellung passt.
Um diese Gedanken zurück zur Musik zu führen: Die Sounds, die wir machen, erzählen uns, wie wir die Welt erfahren. Ich habe gelernt, dass Musik eine Kommunikationsform ist, die uns mehr erzählt als normierte Sprachoperationen – meine Musik vermittelt mir kontinuierlich ein neues Verständnis von meiner Verfassung. Als Musikerin ist mir wichtig, dass Menschen verstehen, dass es um viel mehr als die Geräusche geht. Ich produziere ein Kraftfeld, um mit meinen Vorfahren verbunden zu sein, ich höre dem pacha zu, was wir auch „space-time“ nennen.
Sobald der Geist anfängt abzuschweifen und sich der Vorstellungskraft öffnet, werden völlig neue Möglichkeiten offenbart. Wie nicht anders zu erwarten, ist unsere Vorstellungskraft ein sehr wichtiger Teil der Dekolonialisierung – die Fähigkeit, sich das Gegenteilige oder Andere vorzustellen, ist sehr bedeutsam.

Du meintest mal, dass du hässliche Musik machst. Was verstehst du darunter?
Ich glaube, ich habe versucht, das Verlangen auch außerhalb meiner vorhandenen Neigungen und Haltungen, wie zum Beispiel Schreiben, zu artikulieren. Ich habe da besonders an Dinge gedacht, die erst mal schwer zu verdauen bzw. schwer zu lesen sind. Es zahlt sich aus, diesen ersten Moment des Scheiterns, des Nicht-Gefallens auszuhalten. Mit „hässlich“ meine ich eine Form von Schönheit, die nach den gängigen Verständnisstrukturen, die uns dominieren, schwer lesbar ist.

Deine Beschreibungen, wie Geschichte durch deinen Körper fließt, ist sehr bildhaft. Es klingt nicht wie eine sinnbildliche Erfahrung, sondern wie eine tatsächlich körperliche. Wie nimmst du deine Nachforschungen wahr?
Das ist die Schwierigkeit. Wie studierst du etwas, wenn du dich nicht außerhalb platzierst? Du bevorteilst das Sichtbare. Du musst zwar außerhalb stehen, um reinzukommen, aber damit machst du den Gegenstand zum Objekt.

Welche Rolle spielt das „Außerhalbstehen“ und „Den-Gegenstand-zum-Objekt-Machen“ für dich?
Der herbeigesehnte „unumstößliche Bezugspunkt“, die Illusion eines vermeintlich außerhalb seiner Umwelt stehenden, allmächtigen Beobachters, ist für mich natürlich schwer zu verstehen, da ich ja oft einfach auf die andere Seite von diesem Bezugspunkt gestellt werde. Normalerweise bin ich das Objekt, das mit dem hegemonialen Blick, der nach verarbeitbaren Daten sucht, analysiert wird. In dieser Hinsicht habe ich gelernt, mich durch mein Leben zu navigieren – dieses Ding zu sein auf diesem brutalen Marktplatz. Bis zu einem gewissen Grad kann ich diese Außenperspektive aber auch nachvollziehen und zwar von dem Standpunkt einer Person aus, die immer auf einer Art Grenzlinie existiert, da ich aus mehreren Richtungen ausgeschlossen werde. Indem ich als Ausländerin markiert werde, verkörpere ich eine Form von Fremdartigkeit und Transness. Gleichzeitig bin ich aber auch von meiner sogenannten ausländischen Heimat ausgeschlossen. Parodoxerweise eine Zugehörigkeit ohne Zugehörigkeit, sogenannte „Inklusion für Exklusion“ – eine Taktik, die Staaten auf indigene Gruppen anwenden und damit deren Sein determinieren. Traurigerweise argumentieren manche genau mit diesem Schwellenzustand für eine indigene Souveränität – also eine Freiheit außerhalb juristischer Geformtheit. So ist sogar noch das Konzept indigener Souveränität von der Siedlerlogik durchdrungen, um die Natives besser kontrollieren, berauben und eliminieren zu können.
Dieser Schwellenzustand, Insider und Outsider zur gleichen Zeit zu sein, kann sehr erhellend sein, sobald man sich die Widersprüche, die man zunächst nicht versteht, zu eigen macht.
Aber auch ich wünsche mir Klarheit und Wiedergutmachung, auch wenn das vom Projekt ablenkt – ich kann nicht anders, als porös, durchlässig und unvollständig zu sein.

Du betonst die Rolle von Spiritualität, religiöser Erfahrung und Riten. Religiöse Rituale im Christentum erwecken heute oft den Anschein, völlig losgelöst von Spiritualität zu sein. Was ist es, dass dich an Religionen fasziniert?
Ich teile deine Ansicht nicht, dass die Gesten unbedeutend und losgelöst von Erfahrung seien. Je mehr ich nach den Spuren dessen suche, was im Zuge der Kolonialisierung aufgegeben wurde – der Glaube, die Verkörperungen, die Farben, die Klänge, die unterschiedlichen Weisen, zu sehen und Erfahrungen wahrzunehmen –, desto mehr realisiere ich, dass das alles niemals verloren gegangen ist. All dies ist nicht reduzierbar auf die Kolonialisierung, die versucht, es zu bezwingen. All das ist immer noch da, wenn man sehr genau hinschaut, eingeflochten im Gefüge des Hier und Jetzt, eingeflochten in die christlichen Erfahrungen.
Ein Beispiel: Der verrufene Guaman Poma hat dokumentiert, wie Handwerkerinnen aus den Anden von Kolonisatoren dazu gezwungen wurden, christliche Bildhauerkunst und christliche Ikonografie zu fertigen … Das klingt zunächst wie eine standardisierte Form der Unterwerfung. Die widerständigen Handwerkerinnen haben das aber als Gelegenheit genutzt, um ihren scheinbar besiegten Glauben und ihre Praktiken zu bewahren – nur eben versteckt. Anders gesagt: Sie haben Raum für ihren Glauben im Christentum geschaffen. In bestimmter Hinsicht haben sie es so geschafft, die gesamte christliche Welt in das tiefe Andean Universum einzupassen – als eine Überlebens- und Widerstandsstrategie.

Ich erinnere mich an ein Erlebnis, das ich als Kind in der Kirche hatte. Ich glaube, es war in Santa Cruz, ich war fasziniert von einer sehr gewalttätigen Darstellung von Jesus Christus. Ich werde niemals diese Statue vergessen – Jesus am Kreuz, der Körper brutal zugerichtet, mit dem Rücken fast komplett aufgerissen, sodass ganze Wirbel unter den Muskeln freigelegt waren. All das war in einer dreidimensionalen Holzschnitzerei dargestellt.
Später, als Erwachsene, habe ich durch meine Familiengeschichte gelernt, dass das Konzept von Zukunft bei den Aimara nicht als etwas nach vorn Gerichtetes betrachtet oder mit dem Sichtbaren assoziiert wird. Es ist etwas, was die Vergangenheit in sich trägt und mit ihr verbunden bleibt.
Ausgehend von der Andean Perspektive ist Verkörperung ein wichtiges Element, besonders für eine nicht-logozentrische Kultur oder ein Universum, das nicht das geschriebene Wort priorisiert. In der Darstellung von Christus habe ich also den verwüsteten indigenen Körper gesehen – ihre Zukunft aufgerissen, wie eine Wunde, eine Bürde, die ihr Universum zeigt, das in dieser Welt versteckt ist – markiert auf dem Körper von Gott.

Hast du Angst, dass indigene Musik vom Mainstream vereinnahmt werden könnte?
Ehrlich gesagt wäre ich sehr froh, wenn Musikrichtungen wie Tarqueada oder Huayno bekannter und auch in nordamerikanischen Pop-Radiostationen zu hören wären. Hören das überhaupt noch Leute? Das würde bedeuten, dass indigene Künstler*innen mehr Aufmerksamkeit und bessere Arbeit erhalten. Vielleicht würden die Leute so darauf aufmerksam werden, wie die Menschen an Orten wie Bolivien und Peru leben.

March 21 2017

10:49

Meine Hater und ich

Von Olja Alvir

Mittlerweile ist es nur mehr Faszination und ein fast wissenschaftliches Interesse, das meine Hater bei mir auslösen. Als Frau, die in der Öffentlichkeit steht, ihre Meinung publiziert und auch noch streitbare beziehungsweise radikale Positionen vertritt, bin ich selbstverständlich Ziel unzähliger -istischer Attacken.

„Meine Meinung ist nämlich, dass dein menschenverachtender Dreck auf meinem Profil nichts verloren hat.“ © Tine Fetz

Im Laufe der Jahre probierte ich viele verschiedene Strategien aus, um den Hass im Netz zu bewältigen. Ich sammelte Screenshots, um darauf aufmerksam zu machen, was für entsetzliche Nachrichten Frauen im Internet bekommen. Ich tauschte mich mit anderen Betroffenen über die Härte, die Absurdität und die übertriebene Intensität der Hassnachrichten aus. Ich mied die Foren und Kommentarsektionen unter meinen Artikeln, da sie vor Attacken und Vorurteilen nur so trieften. Ich redete zurück – und wie ich das tat! Zunächst sanft und ironisch, unnahbar. „Entlarvend“ und „vielsagend“ schrieb ich über die Kommentare der Hater. Dann wurde ich direkter, härter, strenger. Zuletzt schimpfte ich nur mehr zurück (und erfand dabei mein Lieblingsschimpfwort „Kackkopf“). Wenn die sich nicht zurückhalten, warum sollte ich es dann tun? I tried it all.

Vor ein paar Monaten bin ich dazu übergegangen, Hassnachrichten so weit wie möglich auszublenden (auf Twitter beispielsweise kann eins die Notifications gut filtern) und das Management verschiedener Kanäle, über die sie kommen, outzusourcen. Ich habe keine Energie mehr für all diesen Scheiß und ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, warum ich mich weiter diesem Hass aussetzen sollte. Ich und meine Social-Media-Hilfe löschen nun Hassnachrichten weitestgehend ungelesen. Auf meinem Facebook-Profil etwa wird sofort alles entfernt, was angriffig ist. Das ist mein Profil, ich bestimme, was da publiziert wird, und ich bin in keinster Weise dazu verpflichtet, irgendwelchen Hatern eine Plattform zu bieten. Nein, auch nicht im Sinne der „Meinungsfreiheit“. Meine Meinung ist nämlich, dass dein menschenverachtender Dreck auf meinem Profil nichts verloren hat.

Ich bekomme allerdings den Eindruck, dass die Nachrichten insgesamt weniger werden, seitdem ich überhaupt nicht mehr darauf reagiere. Wahrscheinlich ziehen die Angreifer einfach weiter, zu anderen Frauen, die mehr interagieren oder Reaktionen zeigen – auch nicht optimal. Doch ein paar hartnäckige, lästige Männer bleiben, sie beobachten alle Profile und lesen jedes Wort, das ich von mir gebe, und über Wochen und Monate schicken sie mir über verschiedenste Kanäle ihre immer strafrechtlich relevanter werdenden Beschimpfungen und Drohungen. Manche scheinen komplett durchzudrehen, wenn sie gar keine Aufmerksamkeit von ihrem Opfer bekommen; und ihre unbeantworteten Nachrichten, so ganz alleine für sich und für sie stehend, strahlen eine gewisse Tragikomik aus.

Ich käme ja nie auf die Idee, derart große Portionen meiner Lebenszeit, so viel Kraft und vor allem auch Nerven auf jemanden zu verschwenden, den oder die ich derart hasse. Und das hat mich zum Nachdenken gebracht: Ist euch schon mal aufgefallen, wie Männer fürs Attackieren bekannter Frauen immer belohnt werden? Wenn es Wirbel um bekannte Frauen gibt, steigen irgendwelche Typen auf den Harassment-Zug auf und profitieren von der resultierenden Bekanntheit. Das beste Beispiel ist wohl Milo Yiannopoulos, der zwar in einschlägigen Kreisen bereits berühmt/berüchtigt war, doch seinen Weltruhm erst durch Attacken gegen die „Ghostbusters“-Schauspielerin Leslie Jones erlangte. Er mag zwar von Twitter geschmissen worden sein und dies und das, aber in einer Mediengesellschaft ist Bekanntheit und Aufmerksamkeit, äh – bekanntlich – alles.

Das alles ist kein Zufall, sondern Strategie und Modus Operandi im Patriarchat. Das Bild, das Online-Hater armselige Gestalten seien, die „kein Leben haben“ – etwas, was ich selbst lange dachte –, stimmt so nicht. Nein, das ist einfach ihr Leben, integraler Bestandteil ihres Lebens. Es zahlt sich karriere- und bekanntheitstechnisch für sie aus; nicht zu schweigen vom sozialen Kapital, das im Patriarchat und in gewissen Kreisen durch aggressives Haten angesammelt wird.

Wie nun aus dem Kreislauf ausbrechen, ohne auf wichtige Gegenrede zu verzichten? Wie können wir diesem Verhalten entgegentreten, ohne Präsenzen und Karrieren zu fördern? Ich überlege schon länger, ob eine Art von „no-platforming“ hier vielleicht sinnvoll wäre – über das Phänomen zu sprechen, nicht über Einzelne (auch deshalb habe ich in diesem Text absichtlich auf Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum verzichtet). Mit den Hatern zu diskutieren ist erwiesenermaßen sinnlos und unterfüttert zudem meist nur ihr Narrativ.

Vielleicht lässt sich der Spieß sogar umdrehen? Ich muss ja zugeben, eine klitzekleine Genugtuung ist es schon, wenn derart viele Menschen tagein, tagaus über eine nachdenken. I live rent free inside your head. Auch wenn es ein Kackkopf ist – wie gesagt, Präsenz ist alles.

March 20 2017

10:42

Gott ist nicht schüchtern

Von Cathrin Stadler

Damaskus 2011. Hammoudi, der in Kürze seine erste Stelle als plastischer Chirurg in Paris antreten soll, sitzt fest – sein Pass wird nicht verlängert. Bereits in den ersten Tagen des vermeintlichen Kurzaufenthalts fällt ihm die veränderte Stimmung auf, „als würde irgendetwas passieren. Die Menschen verstecken sich nicht mehr“.

Olga Grjasnowa © Aufbau Verlag/René Fietzek

Eine von ihnen ist Amal, eine junge Schauspielstudentin. Der Arabische Frühling greift auf Syrien über, in den Straßen formiert sich Widerstand gegen Assads Regime. Während Amal in der Hauptstadt, vom Geheimdienst auf die Fahndungslisten gesetzt, verhaftet und misshandelt wird, erlebt Hammoudi in einem Krankenhaus in Deir az-Zour in Ostsyrien den Ausbruch des Bürgerkriegs und die Belagerung der Stadt durch Regierungstruppen und Terrormilizen.

„Gott ist nicht schüchtern“ ist der Titel von Olga Grjasnowas neuestem Werk. Nüchtern und präzise erstellt sie darin eine Chronologie der Ereignisse, die Amal und Hammoudi vier Jahre später dazu zwingen, an der türkischen Küste dünne Schlauchboote zu besteigen. Eine kühle, immer auf Distanz bedachte Sprache spürt dem Unaussprechbaren unerbittlich nach und fasst es auch da, wo es eigentlich schon zurückgelassen scheint: „Im Hafen von Mytilini warten sie unter der gleißenden Sonne auf eine Fähre nach Athen. Die Touristen starren sie unverhohlen an. Hammoudi fragt sich, wann er das letzte Mal so viele unversehrte Körper gesehen hat.“

Olga Grjasnowa „Gott ist nicht schüchtern“
Aufbau Verlag, 309 S., 22 Euro

Am Ende ihrer Flucht steht für beide Deutschland: „Die Welt hat eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge, Refugees, Muslime oder Newcomer. Die Herablassung ist in jedem Atemzug spürbar.“ Ein dringliches, wichtiges Buch.

March 17 2017

14:38

Girls Heart Brussels Goes Art Brussels

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Was wäre ein Wochenende über Kunst, wenn die Perspektive auf weibliche, lesbische, feministische und queere Künstler*innen ausbliebe? Eben! Deshalb geht Girls Heart Brussels am Wochenende des Art Brussels, also am 21. bis zum 23. April, in die fünfte Runde.

Auch dieses Mal erwartet euch eine Städtereise mit einer tollen Unterbringung, besonderen Veranstaltungen und Zugang zu den spannendsten feministischen und lesbischen Orten der belgischen Hauptstadt. Das lose Wochenendprogramm bietet sowohl die Möglichkeit, sich von ihm leiten zu lassen, als auch flexibel zu bleiben und sich einen individuellen Plan zu machen.

Girls Heart Brussels bietet den kostenlosen Eintritt für die unterschiedlichen Kunstmessen, zur offiziellen Abschlussparty, diverse Sonderveranstaltungen und einen gemeinsamen, ebenfalls schon in den Kosten enthaltenen Umtrunk zum Auftakt am Freitagabend. Für die passende Musik sorgen eine DJ und die belgische Künstlerin Miaux, die live auftreten wird. Den restlichen Zauber bietet die Location, die restaurierte Kirche „Les Brigittines“ aus dem Mittelalter. Alle Details für das Wochenende gibt es hier im Überblick.

Es gibt zwei verschiedene Möglichkeiten, am Programm teilzunehmen: Das einfache GHB-Angebot gibt es für 25 Euro. Wer noch eine Unterkunft benötigt, kann ein Zimmer im Designhotel BLOOM! zu einem vergünstigten Preis dazubuchen. Ein Einzelzimmer gibt es für 179 Euro, ein Doppelzimmer für 199 Euro. Diese Preise enthalten selbstverständlich bereits das weitere Programm.

11:36

Into the Wild

Von Sophie Charlotte Rieger

Die Regisseurin Isabel Šuba wurde mit der feministischen Mockumentary „Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste“ bekannt. Demnächst bringt sie ihren zweiten Spielfilm „Hanni und Nanni“ heraus. Neben ihrer künstlerischen Arbeit setzt sie sich seit Jahren intensiv für Geschlechtergerechtigkeit im Filmbusiness ein. Mit „Into the Wild“ hat sie jetzt ein Mentoringprogramm ins Leben gerufen, das Filmstudentinnen auf den Berufseinsteig vorbereitet. Missy-Autorin und „Filmlöwin“ Sophie Charlotte Rieger hat sich mit ihr über dieses Pilotprojekt unterhalten.

© isabellsuba.com

Wie kamst du auf die Idee zu „Into the Wild“?
Isabel Šuba: Die Initialzündung war vor genau zwei Jahren, auf der Berlinale 2015. Ich war auf dem Empfang der Hochschulen und alle redeten immer wieder über die Frauen in der Branche. Und ich dachte: „Es reicht jetzt mit diesem Gelaber. Da muss sich was verändern. Bei den Hochschulen muss es ein Programm geben, das junge Regisseurinnen auf Gender sensibilisiert.“ Und plötzlich diskutierten wir mit gefühlt zehn Frauen, ob so ein Programm Sinn macht oder nicht. Am Ende war Susanne Stürmer, die Präsidentin der HFF, die erst sehr skeptisch war, die stärkste Befürworterin und meinte: „Wir machen das jetzt, Šuba.“

Das klingt erst mal so, als hättest du offene Türen eingerannt?
Nein, die Leute mussten auch überredet werden. Ich habe insgesamt zwei Jahre daran gearbeitet. Ich musste immer wieder anfragen, nachhaken, noch mal überzeugen … Und es hat ein Jahr gedauert, alle Hochschulen zu überreden mitzumachen. Hamburg macht als Einziges nicht mit.

Welche Rolle spielt das Thema Gender aktuell in den Hochschulen?
Auf den oberen Ebenen war das ziemlich präsent. Aber zwischen der höchsten Ebene, mit der ich zu tun hatte, und den Studentinnen liegen ja viele Abstufungen. Ich habe das Gefühl, dass die Studentinnen oft noch wenige Berührungspunkte mit dem Thema haben. Das liegt daran, dass eine Hochschule auf eine Art auch eine Utopie ist. Ich hatte selber in der Hochschule auch nie das Gefühl, die Jungs würden bevorzugt. Eine Hochschule hat in ihren Regularien ja schon einen Gleichstellungsauftrag. Und den hat der freie Markt eben nicht. Deswegen denken die Studentinnen, wenn sie aus der Hochschule kommen, geht es genauso blumig weiter. Aber so ist es nicht.

© isabellsuba.com

Du hast vorhin gesagt, es ginge darum, „auf Gender zu sensibilisieren“. Was bedeutet das für dich?
Inhaltlich ist es wichtig zu wissen: Was erzähle ich, was wurde erzählt? Wo befinde ich mich eigentlich auf der horizontalen Zeitlinie der Frauenbewegung? Bis hin zu einer Sensibilisierung: Wie ist es denn, mit Männerteams zu kommunizieren? Wie ist es, in Frauenteams zu kommunizieren? Wie fühle ich mich als Frau in einem männerdominierten Business? Wie kann ich Netzwerke knüpfen? Das ist ein komplexes und großes Themengebiet, auf das man mal mit der Lupe einer Genderwahrnehmung raufgucken kann.

 Wie läuft das Programm ab?
Es gibt am Anfang ein 14-tägiges Schreibcamp mit den Dramaturginnen und mir. Da wird schon sehr intensiv diskutiert und das reicht erst einmal, um die Teilnehmerinnen loszuschicken, mal die Augen aufzuhalten, sich ein bisschen zu belesen, zu Veranstaltungen zu gehen und dem Thema beizuwohnen. Und dann gibt es Workshops in Potsdam, in Köln und in München mit Impulsvorträgen, Workshops zu Selbstorganisation, Vernetzung, Körperarbeit und so weiter.

Warum macht ihr das nur für Frauen?
Weil die Zahlen, die jetzt rauskommen, ganz klar zeigen, dass es eine Schieflage gibt. So Zahlen wie: Die Gelder von Förderanstalten gehen zu 90 Prozent an Männer, Aufträge im Fernsehbereich gehen zu 85 Prozent an Männer, nur 17 Prozent der europäischen Filme sind von Frauen.

Was überzeugt dich, dass die Hochschule der richtige Punkt ist, um diese Schieflage zu korrigieren?
Irgendwann muss man sich fragen: Was kann man denn selber tun, um etwas zu verändern? Und ich kann jetzt nicht alle Redaktionen verändern und nicht den Produzentinnen oder Produzenten sagen, dass sie mehr Stoffe von Frauen nehmen sollen. Was ich halt machen konnte, ist, aus meinen Erfahrungen heraus ein Programm schaffen, das ich mir selber auch gewünscht hätte. Natürlich wird dieses Programm nicht das gesamtgesellschaftliche Bild verändern. Es ist nicht so einfach: Wir ändern nicht etwas an einer Stellschraube und dann verändert sich das ganze Ding. Nein, es ist viel zu komplex, sonst hätte es sich ja schon längst verändert.

© isabellsuba.com

Ist die Gendersensibilisierung nicht auch für Männer wichtig?
Ja, absolut. Ich glaube, dass das am Ende eigentlich ein Modul sein sollte, das für alle Studentinnen und Studenten angeboten wird. Weil es heutzutage eigentlich nicht mehr wegzudenken ist. Und es geht ja noch viel weiter, mit People of Color, Menschen mit Behinderung und so weiter. Das kann ich nicht alles auf einmal bieten. Nur weil ich etwas für Frauen tue, heißt das nicht, dass ich Männer ausschließe. Ich fang jetzt mal an dem Punkt an, an dem ich mit einer gewissen Selbstsicherheit sagen kann: Die Erfahrung hab ich gemacht und da kann ich anderen weiterhelfen. Und ob im nächsten Jahrgang Jungs mitmachen, guckt man dann.

Du hast gerade noch andere „ismen“ angesprochen: Rassismen, Ableismen. Was ist mit Klassismus? Ist Filmemachen etwas für Kinder reicher Eltern?
Ich glaube grundsätzlich nicht, weil gerade heute, wo die Technik so zugänglich geworden ist, es nun wirklich jeder mit ein bisschen Willen hinkriegen kann, sich eine Kamera zu organisieren. Du kannst ja sogar mit deinem Handy deinen ersten Film drehen und dich bei der Hochschule bewerben. Aber ich glaube, dass an den Filmhochschulen trotzdem oftmals im Querschnitt ähnliche Menschen aus bestimmten Bereichen ausgesucht werden. An meiner Hochschule waren wenige People of Color zum Beispiel. Und es waren auch immer weniger Leute, die Bafög bekommen haben, als die, die von ihren Eltern monatlich 700 bis 1.000 Euro überwiesen bekommen haben. Generell, wenn du dir die Filme anguckst, die rauskommen, handeln sie oft von bestimmten Menschen oder sind vor bestimmten Hintergründen entstanden.

© isabellsuba.com

In der Pressemitteilung zu „Into the Wild“ schreibst du „Maren Ade ist nur der Anfang“. Was bedeutet das für dich?
Ich finde, was Maren Ade jetzt geschafft hat, was Caroline Link auch immer geschafft hat mit ihren Filmen, ist, dass sie Filme macht, die für die gesamte Gesellschaft funktionieren und die nicht als Frauenfilme abgestempelt werden. Das liegt daran, dass ihre Figuren ein Thema haben, womit sich wahnsinnig viele Männer und Frauen identifizieren können. Und das ist meine Vision, dass Frauen Filme machen, die auch eine Allgemeingültigkeit haben.

Es geht dir also nicht darum, dass Frauen für Frauen erzählen, sondern dass andere Perspektiven mit einbezogen werden?
Ja, absolut. Es gibt ja diese ewigen Frauenthemen. Man sollte sich darüber bewusst werden: Was sind neue Frauenrollen und wie kann ich mein eigenes Leben wirklich adaptieren, ohne das zu wiederholen, was ich selber in Filmen oder in Medien gesehen oder in Büchern gelesen habe? Darum wird es auch bei „Into the Wild“ gehen: Will ich jetzt den 100.000. Film über eine abgebrochene Schwangerschaft oder eine Vergewaltigung oder eine Essstörung oder den „Bin ich schön“-Diskurs machen?

Also geht es doch um Frauenfiguren und ihre Geschichten?
Es geht darum, wie ich Figuren erzähle, die für etwas Allgemeines stehen, ein Gefühl widerspiegeln, das über ein Geschlecht hinausgeht.

Habt ihr denn jetzt alle Förderungen zusammen? Was fehlt euch noch?
Was ich auf jeden Fall noch brauche, ist Expertise. Also wenn sich jetzt Leute angesprochen fühlen, die sagen „Ich kann einen Impulsvortrag geben“, dann meldet euch gerne. Insbesondere zum Thema Selbstorganisation. Oder wenn eine Förderung noch miteinsteigen will: Geld kann man immer gebrauchen.

Wie kam es eigentlich zu dem Namen?
Der kam mir einfach so. Weil ich es irgendwie witzig finde, dass man fünf Jahre hochqualifiziert für dieses Business ausgebildet wird und dann als Frau einfach wahnsinnig wenig Chancen hat zu überleben. Und dann war einfach klar: Wenn du da überleben willst, musst du deine Machete rausholen und ab in den Dschungel. Into the Wild.

March 16 2017

15:56

Drei Worte Griechisch

Von Friederike Mehl

Die Journalistin Lena (Nina Kronjäger) macht eigentlich Urlaub in Griechenland. Doch in ihrer Redaktion drohen Entlassungen. Also sucht die Reporterin an der EU-Außengrenze nach Geschichten: Leihwagen, Pampa und triste Hotels statt Sightseeing und Sonnenbädern. Mittendrin trifft sie Amy (Anna Schmidt), die mit ihrem Freund zum Trampen verabredet war. Plötzlich sitzen gelassen wartet Amy auf ein neues Ziel.

© Grandfilm

Zu Hause in Berlin lebt die Vollzeitaktivistin in einer Wohnung ihrer Eltern ‒ von der Miete ihrer Mitbewohner*innen. All ihre Energie steckt sie in die Refugee-Bewegung.

Lena und Amy, die beiden ungleichen Frauen, werden zu Weggefährtinnen. Jede versucht auf ihre Weise, den Zuständen zu begegnen, die an Europas Grenzen herrschen. Unterwegs reflektieren die beiden über die Möglichkeit politischer Einmischung. Aus ihren Gesprächen werden Diskussionen. Aus Diskussionen wird Streit.

Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen DE 2016. Regie: Marita Neher & Tatjana Turanskyj. Mit: Nina Kronjäger, Anna Schmidt u. a., 76 Min., Kinostart: 16.03.

Die Regisseurinnen Marita Neher und Tatjana Turanskyj experimentieren in ihrem Film mit dokumentarischen, inszenierten und improvisierten Szenen. Die Auseinandersetzungen der beiden Protagonistinnen im Zentrum der Handlung kommen dabei oft etwas hölzern rüber. Doch wenn sich Lena und Amy mit drei Worten Griechisch zu ihrem Ziel durchfragen, entstehen ganz ungeahnt berührende Szenen. Nebenbei wird die Ödnis der europäischen Peripherie dramatisch in Szene gesetzt.

Reposted by02mysoup-aafinkregh

March 15 2017

14:13

Cybergewalt? Nicht mit uns!

Von Sônia Kewan

Hasskommentare auf Facebook, Shitstorms auf Twitter, intime Bilder in öffentlichen Internetforen. Digitale Gewalt und Diskriminierung hat viele Gesichter und sie betrifft nicht nur öffentliche Personen – wie jüngst etwa die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel. Cybergewalt ist ein weit verbreitetes Phänomen. Besonders Frauen, Migrant*innen, LGBTIQ, die bereits offline unter (mehrfacher) Diskriminierung leiden, werden auch im digitalen Kontext angegriffen.

© Shutterstock/Burdun Iliya

Obwohl die betroffenen Nutzer*innen häufig zu den sogenannten „digital natives“ gehören, also mit digitalen Medien aufgewachsen sind, wissen sie nicht, wie sie in solchen Situationen reagieren sollen. Häufig stammen die Täter*innen aus dem direkten Umfeld der Betroffenen: enttäuschte Exfreund*innen, eifersüchtige Partner*innen und Mitarbeiter*innen etwa. Das macht den Umgang mit digitaler Gewalt und Diskriminierung hochkomplex und emotional belastend.

Mit einem bundesweiten Projekt gegen Gewalt an Frauen im digitalen Zeitalter will der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe bff nun das Thema aufarbeiten. Auslöser für das im Januar 2017 gestartete Projekt war der Anstieg an Beratungsanfragen zu digitalen Gewaltformen gegen Frauen und Mädchen in den letzten Jahren.

Das eigenständige Projekt will Cybergewalt effektiv und unter einem genderspezifischen Blickwinkel entgegentreten. Anna Hartmann, Projektreferentin im bff, erläutert die Ziele: „Digitaler Gewalt wurde bisher zu wenig Beachtung geschenkt, sodass wir erst einmal grundlegende Informationen zur Verfügung stellen und eine Vernetzungsstruktur aufbauen wollen. Gemeinsam mit unseren Mitgliedseinrichtungen wollen wir außerdem herausfinden, welche besonderen Bedarfe sich in der Beratung zu digitaler Gewalt zeigen.“

Das Projekt ist auf zwei Jahre angesetzt und wird vom BMFSFJ finanziert.

March 14 2017

14:39

Inklusive Sprache ist kein dreckiger Hundesohn

Von Leyla Yenirce

In meiner Kindheit hatte ich zwei Lieblingsschimpfwörter: „Fetter Hurensohn“ und „hässliche Fotze“. Wenn es richtig böse wurde, habe ich „Pennwix“ gesagt, eine Kombination aus Penner und Wichser, die ich mir selber ausgedacht hatte, um doppelt so hart zu beleidigen. Ich bin schon immer gerne spielerisch mit Sprache umgegangen. Von vielen Wörtern habe ich mich im Laufe meines Lebens verabschiedet; -ismen wurden gegen Beleidigungen wie „hässliche Fotze“ getauscht.

Zugegeben: Ein Hundesohn, also ein Welpe, ist eigentlich ziemlich süß. Knallt als Beleidigung trotzdem. © Tine Fetz

Letzterer misogyner und lookistischer Ausdruck findet nur noch im Gespräch unter Freund*innen Verwendung, wenn es darum geht, Menschen zu bezeichnen, die in ihrem Handeln die Existenz anderer Menschen bedrohen. Auch den Gebrauch von „fetter Hurensohn“ habe ich weitestgehend eingestellt. Über die Dickenfeindlichkeit des Ausdruckes war ich mir früher nicht wirklich bewusst, deswegen hab ich irgendwann dreckiger Hurensohn gesagt. Klingt auch fies, ist dafür aber symbolischer, da sich dreckig nicht per se auf Dreck im Sinne von Schmutz bezieht, sondern auch einfach nur Scheiße meinen kann.

Vor Kurzem führte ich ein Gespräch mit einer befreundeten Person über die Verwendung des Begriffs Hurensohn. Wir benutzen beide gerne das Wort, nicht nur um uns über andere Menschen zu ärgern, sondern auch, weil ein wenig Herkunftsnostalgie aus unserer Sozialbaukindheit mitschwimmt, obwohl wir mittlerweile vollständig akademisiert und wohlstandisiert sind. Im Zuge dessen konnten wir unseren harschen Ausdruck auch nicht einfach im Raum stehen lassen. Schließlich benutzen wir ja auch bewusst den Ausdruck Sexarbeiter*innen und nicht Hure, Schlampe oder Nutte. Warum sagen wir dann aber Hurensohn, als sei es das Schlimmste der Welt, der Sohn einer Frau, die mit Sex ihr Geld verdient, zu sein? Wir kamen zu dem Entschluss, dass Schimpfwörter sehr erleichternd sein können, aber nicht auf Kosten von Sexarbeiter*innen und Müttern gehen sollten, wenn wir es doch anders wissen. Wir entschieden uns stattdessen für den Begriff Hund/Hundesohn (Sorry, Tierschützer*innen!), der im Straßenjargon bereits integraler Bestandteil ist und keine Sexarbeiter*innen für den Zweck einer Beleidigung missbraucht.

Warum erzähl ich das?

Ich habe neulich einen wissenschaftlichen Text für eine Person korrigiert. In einer Fußnote wurde darauf hingewiesen, dass in dem Text aus Platzgründen keine genderneutrale Schreibweise verwendet wird. Das markierte ich sofort rot, da ich es nicht für sinnvoll fand, dass Frauen und Menschen mit nicht binärer Identität, die in unserer Gesellschaft ohnehin wenig Platz einnehmen, bei 20 Seiten Text noch mal 200 Zeichen weniger Platz einnehmen sollen. Überholte Argumente, wie dass es zu kompliziert oder sperrig sei, höre ich oft. Dass Menschen in einer Sprache ausgeschlossen werden, ist für mich zwar sperriger als ein Sternchen, aber das generische Maskulinum scheint in der deutschen Sprache so fest verankert zu sein wie Journalist*innen in türkischen Gefängnissen.

Als ich begann, genderneutral zu schreiben, probierte ich verschiedene Schreibweisen aus. Anfänglich noch bescheiden mit dem Binnen-I merkte ich dann irgendwann, dass ich es zu kurzsichtig fand, ausschließend zwischen zwei Geschlechtern zu unterscheiden, das heißt binär zu gendern, wodurch ich dann anfing, das Gap zu nutzen. Auch das gefiel mir irgendwann nicht mehr, weil ich das Gefühl hatte, dass es optisch so tief sitzt und konkret-poetisch eine Hierarchie aufmacht, in der alles, was nicht zu männlich oder weiblich passt, wie in einem Abfalleimer in die Lücke da unten reingeschoben wird. Also ging ich zum Sternchen über. Es ist erhaben, sieht schön aus und lässt Platz für viele Identitäten, ohne sie in die Tonne zu kloppen.

Es hat also ein wenig Praxis gebraucht, bis ich mich mit genderneutraler Schreibweise so weit auseinandergesetzt hatte, dass ich einen Weg für mich gefunden habe, der immer noch nicht beendet ist. Sprache ist wandelbar und wird täglich neu geformt. Nur gehen viele in diesem Spiel als Verlierende hervor, z.B. durch eines der etabliertesten Schimpfwörter im deutschsprachigen Raum, das Sexarbeiter*innen degradiert.

Mittlerweile wirkt es oft befremdlich für mich, wenn ich einen Text lese, der nicht genderneutral geschrieben wurde, so wie die Fußnote in der wissenschaftlichen Arbeit oder 90 Prozent der Texte, die in der Allgemeinheit kursieren. Diese Wahrnehmung basiert aber weniger auf meinen Wunsch, Moralpolizei spielen zu wollen, als der Tatsache, dass ich einen Teil von inklusive Sprache so weit verinnerlicht habe, dass ich anfange, in diesen Strukturen zu denken und wahrzunehmen.

Wenn ich eine genderneutrale Schreibweise benutze, dann auch nicht, weil ich alles richtig machen will. Wer kann das schon. Es wäre auch eine zu große Erwartung, dessen Anforderung allein schon abschreckt. Vielmehr möchte ich, dass sich meine Gedanken auch in meiner Sprache manifestieren. Dort möchte ich auch niemanden diskriminieren oder es zu mindestens versuchen und es genauso in meiner Sprache ausdrücken. Im besten Falle entsteht dieser Gedanke kollektiv wie im Falle des Gesprächs mit einer befreundeten Person, in der wir feststellten, dass uns etwas an unserem sprachlichen Gebrauch stört, und wir uns deshalb etwas Neues ausdenken, so wie andere auf das * gekommen sind.

Ein dem Umfeld oder einer Situation angepasster ungenierter Ausdruck passt in manchen sozialen Räumen rein und in anderen nicht. Das hat damit zu tun, dass Sprache durchsiebt ist von sozialen Codes, die von unterschiedlichen Milieus unserer Gesellschaft verschieden bewusst und unbewusst angewendet werden. Mit meiner Cousine spreche ich anders als mit meiner Nachbarin als mit meiner besten Freundin als mit dem Bäcker von unten. Ein vielfältiger Sprachgebrauch eines Menschen spiegelt nicht zuletzt eine komplexe Persönlichkeit wider, in der mittels Sprache verschiedene Identitäten performt werden. Wenn ich harsche Beleidigung benutze, dann wahrscheinlich weniger unter dem Teil meiner Person, die sich als Akademikerin oder Journalistin identifiziert, sondern eher unter dem Teil meiner Person, die auch eine Bad Bitch sein kann, wenn sie das möchte oder muss. Vielleicht werde ich das Wort Hundesohn irgendwann aus meinem Wortschatz streichen, weil es auf Kosten von Tieren geht und ziemlich banal klingt, vielleicht streichen wir auch irgendwann andere Wörter wie Mann und Frau aus unserer Sprache, weil sich die Zweigeschlechtlichkeit dann endlich aufgelöst hat.

March 13 2017

10:40

Cunnilinguistik

Von Silvia Baum

Es fängt schon damit an, dass ermächtigende Bezeichnungen für Körperteile auf Deutsch kaum verbreitet sind. „Vulva“ klingt klinisch, „Fotze“ vulgär, „Muschi“ kindlich, „Pussy“ oft unpassend, alles andere einfach falsch. Und wie nenne ich den Zustand der Erregung? „Erregt“ klingt steril, „geil“ hingegen wie das Vokabular eines fünfzigjährigen Erdkundelehrers, der zu „Feuchtgebiete“ in seine Tennissocken onaniert.

Emojis können im Chat unangenehme Wörter ersetzen. © ZORZOR

Aus diesem Dilemma hilft nur, die eigenen Ansprüche zu prüfen: Soll es möglichst politisch korrekt oder sexy sein? Und was, wenn beides? Dass es möglich ist, machen englischsprachige Aktivist*innen vor. Etwa, wenn Elektropunkerin Peaches in „Rub“ in expliziter Sprache über Sex singt. Dass es mir beim Anhören nicht aufstößt, macht den Text nicht weniger anrüchig. Gleichzeitig ist die feministische Wiederaneignung von Begriffen wie „cunt“ und „pussy“ viel fortgeschrittener als im Deutschen. Es ist also eine Frage der Zeit, bis Anweisungen wie „Leck meine Fotze“ in feministischen Ohren keinen Alarm mehr auslösen. Bis dahin ist Kreativität gefragt. Beim sogenannten Sexting, also Sextalk über SMS oder Nachrichtenservices, können einzelne Begriffe, die eine*r nicht ausschreiben möchte, am Smartphone beispielsweise durch Emojis ersetzt werden. Die Wassertropfen, die Zunge, die Aubergine, der Pfirsich oder die verschiedenen Finger weisen bereits in unmissverständliche Richtungen – außerdem ist es verdammt lustig, kryptische Sexnachrichten zu verschicken.

Auf Cruising-Portalen wie Grindr oder Planet Romeo wird dagegen kaum etwas durch die Blume gesagt. Dort beginnen Chats schon mal mit „Ich möchte fünf Mal am Tag dein Gesicht ficken“, was bei meinen schwulen Freunden sogar gut ankommt – im Gegensatz zu meinen Heterofreundinnen, wenn sie von Typen solche Nachrichten auf Tinder & Co. erhalten. In straighten Konstellationen ist Dirty Talk in der Regel klar gegendert: „Nimm mich“ ist passiv konnotiert und wird aufgrund heteronormativer Penetrationslogik Frauen zugeschrieben. Selten ruft ein Mann einer Frau zu: „Umschließ meinen Schwanz mit deinem Arsch!“

Ich treffe Sexarbeiterin Pearl Love Lee, die beim queerfeministischen Sexshop Other Nature in Berlin regelmäßig Dirty-Talk-Workshops gibt – wenn auch nur auf Englisch. „In meinen Workshops reden wir sehr viel über Sprache“, erzählt sie bei einem Pommes-Date in Kreuzberg. „Ein deutsches Paar meinte mal, dass sie es total unangenehm und unsexy finden, beim Sex Dirty Talk auf Deutsch zu praktizieren. Deshalb machen sie ein Rollenspiel daraus: Sie spielen sich beide selbst, aber sind innerhalb dieses Spiels Englischsprachler*innen.“ Auch eine Mischung aus unterschiedlichen Sprachen könne sich gut anfühlen. „Es hilft, nicht gleich die krassesten Begriffe auszupacken, sondern sich langsam zu steigern. Auch kryptische oder harmlose Wörter können heiß sein.“

Pornos beeinflussen einen großen Teil unserer Assoziationen mit Dirty Talk, weshalb manche Wörter keine schönen Bilder hervorrufen. Pearl rät außerdem, zu Beginn die jeweilige(n) Person(en) – am besten spielerisch – zu fragen, wie sie selber ihre Genitalien bezeichnen möchten und ob es Bereiche oder Wörter gibt, die sie nicht in einem sexuellen Kontext hören wollen. Das baue einen sicheren Rahmen auf, innerhalb dessen eine*r herumexperimentieren kann. Na dann: 👅💦

March 10 2017

14:44

#GoldeneKameraSoWhite

Von Benita Bailey

Am Samstagabend, dem 4. März, wurde die Goldene Kamera zum 52. Mal verliehen. Eine Woche später warten viele Menschen, u.a. Künstler*innen und PoC, auf eine Entschuldigung oder zumindest auf eine Stellungnahme zu einem Vorfall, der bei der renommierten Preisverleihung vorgefallen ist.

So ikonisch wie das berüchtigte Oscar-Selfie wird dieses Bild bei der diesjährigen Verleihung der Goldenen Kamera nicht werden. © Eventpress / GOLDENE KAMERA

Die Rede ist von folgender Situation: Bei der Kategorie „Beste Schauspielerin und bester Schauspieler National“ sind Annette Frier und Matthias Matschke die Laudator*innen. Für die Ehrung hatten sie sich ein ganz besonderes „Geschenk“ überlegt:

„Heute Abend ist es hier sehr festlich und bunt und musikalisch“, eröffnete Matschke. „Der eigentliche Sinn einer Laudatio, der versteckt sich ja oft hinter großen Gesten und Worten und deswegen möchten Matthias und ich einen, ja, Raum der Wahrhaftigkeit eröffnen, einen ehrlichen, umarmenden Moment für die Schauspielkunst. Wir wollen euch, liebe Nominierte beschenken“, so Frier weiter. Jede Preisverleihung, so nannten beide ihre gemeinsame Vision, sei ein Ritus und eine Geburt. Es folgen ein Zitat von Hannelore Elsner und mit den Worten „Was ist, wenn so ein Ritual misslingt?“ verwiesen sie auf die Oscar-Panne der Vorwoche, bei der dieses Jahr versehentlich der Preis für den besten Film erst an „La La Land“ und dann korrekterweise an „Moonlight“ verliehen wurde. Während Matschke verschwindet, um als verkleideter, goldener Briefumschlag zurückzukehren, leitet Frier das „Ritual“ mit ausbreitenden Armen und den Worten ein: „Schauspiel muss heilen. Unser Ritual für euch. Denn was können wir mehr tun, als einfach nur zu geben.“

Was nun folgt, fällt schwer zu beschreiben: Zu den Klängen von Endrudarks „Island of Shadows“ (elektronische Musik mit Perkussion und Trommelbegleitung) beginnt Frier zu tanzen und merkwürdige Laute wie „utsulalala“ von sich zu geben, während Matschke, immer noch im goldenen Briefumschlag steckend, versucht miteinzustimmen. Es gibt keine Choreografie, es wird nur irgendwie „rumgehopst“ und die nominierten Schauspielerinnen werden mit einem Kunstsprachendialekt ausgerufen, dabei fasst sich Frier ab und an an die Brüste, oder tut so, als ob sie im Boden buddelt, und macht irgendwelche Zeichen in die Luft. Nachdem die Einspieler der Nominierten liefen, geht diese Tanzdarstellung weiter, diesmal mit affenähnlichen Tierlauten. Dieses Tanzintermezzo bizarrster Art wiederholt sich noch einmal, nachdem sich die Gewinnerin der Kategorie „Beste Schauspielerin“ Lisa Wagner ihren Preis abgeholt und ihre Dankesrede gehalten hat, sowie nach dem Nominierungsclip der Herren. Insgesamt vier Mal wird also an dem Abend dieser merkwürdige Ritualstanz auf die Bühne gebracht.

Ich musste es mir in der Tat immer und immer wieder ansehen, weil ich wirklich verstehen wollte, was da auf der Bühne, aber vor allem in den Köpfen der Laudator*innen vor sich ging. Vergeblich suchte ich im Anschluss an die Veranstaltung und in den darauffolgenden Tagen nach einer Erklärung der Laudator*innen. Nicht nur die Gesichter der Gäste des Abends zeigten deutlich die Verwirrung und Ratlosigkeit darüber, was die Performance zu bedeuten hätte, die Reaktionen im Internet waren nicht weniger unklar. So schreibt Schauspielerin Thelma Buabeng auf ihrer Facebook-Seite zur Frier-Matschke-Darbietung: „SHAME!!!! Message NOT received!!! Könnt ihr so ne scheiße einfach mal lassen???“ und Schauspielerin Dennenenesch Zoudé auf ihrer offiziellen Seite „Geehrte Macher der Goldenen Kamera, ich äußere mich, weil ich mich – als ein Mitglied unserer Film- und Fernsehbranche – gestern bei der Goldenen Kamera wirklich geärgert habe! Es betrübt mich sehr, dass dieser wunderbare Preis der besten Schauspielerin und des besten Schauspielers mit einer Persiflage des afrikanischen Tanzes und afrikanischen Lauten (Gesang kann ich das nicht nennen) untermalt wurde. Ich verstehe es nicht. (…)“

Selbst auf den offiziellen Facebook-Seiten von Frier und Matschke drücken ihre Anhänger*innen ihr Unverständnis aus und fragen nach einer Erklärung des Auftritts. Der Gesamttonus ist: „Wir halten ja viel von dir, aber das war daneben.“

Das einzige offizielle Statement von Annette Frier war in der „Bild“ zu finden: „Der Tanz war ein Geschenk, das wir den Nominierten gemacht haben. Es war ein Weltritual, das wir mit sehr bescheidenen ZDF-Mitteln versucht haben darzustellen“, und „Wir sind dafür immerhin vier Monate um die Welt gereist und auf Recherche gegangen!“

Dem Anschein nach scheint Annette Frier keinerlei Bedenken zu haben, dass ihr Auftritt eventuell nach hinten losgegangen sei. Auch Matthias Matschke scheint in seinem Verhalten letzten Samstag keinen Fehler zu erkennen, denn von ihm hat man rein gar nichts mehr zum Vorfall gehört. Vielleicht sollten wir dann einfach, auch, wenn gefühlt nicht zum ersten Mal, noch einmal erklären, warum dieser Auftritt nicht allein peinlich war. Online hatten sehr viele Zuschauer*innen ihr Entsetzen geäußert, meistens las man die Worte „peinlich“, „fremdschämen“ und „peinlich vor den amerikanischen Gästen“.

© GOLDENE KAMERA / Steffen Jänicke

Die Frage ist doch, was genau ist peinlich? Und warum benennt es keiner oder kaum einer konkreter? Das genauere Hinsehen beinhaltet, dass man nicht umhinkommt, es zu benennen.

In dieser von Frier und Matschke dargebotenen Darstellung ist Ritual und Ritus etwas, das ausschließlich von „indigenen Völkern“ ausgeübt wird, und damit ist ihre Darbietung rassistisch. Die Intentionen spielen hierbei keine Rolle, auch wird hier nicht von Rassismus geredet, sondern von der Einlage, die Frier und Matschke geboten haben. Das Praktizieren dieses „Rituals“ wird eindeutig als primitiv dargestellt und als Witz verkauft, weil die Laudator*innen einen solchen Tanz albern und banal performen. Selbst wenn sie sich Mühe gegeben hätten, einen solchen Tanz ernsthaft zu erlernen, wäre es immer noch hochgradig rassistisch. Da es nun mal so ist, dass wir sowohl in der Vergangenheit als auch heute in einer Welt leben, in der indigene Bevölkerungen überall auf der Welt von vornehmlich weißen Gesellschaften unterdrückt und vertrieben werden. Im besagten Moment wird mit kolonial geprägten, abwertenden Klischees rücksichtslos um sich geworfen.

Ich versuche es noch einmal mit dem Nachvollziehen: Selbst wenn sie das Ritualhafte der Oskars auf die Schippe hätten nehmen wollen, dass etwas „schief“gelaufen ist, aufgreifen und Veränderung vorantreiben wollten, hätten sie lieber eine andere Art der Darbietung wählen sollen, die solche kolonialen Bilder nicht hervorruft. In der Bezugnahme auf die Oscars gibt es gleich zwei Verlinkungen, die den ganzen Auftritt noch kritischer erscheinen lassen. Auf der einen Seite liegt hier eine unheimliche Hybris vor, das ein deutscher Filmpreis wie die Goldene Kamera sich, vertreten durch Matschke und Frier, anmaßt, den Academy Awards diese Panne zu verzeihen und noch dazu gleichzeitig einen Auftritt hinlegt, der die Oscar-Panne bei Weitem übersteigt. Auf der anderen Seite ist es sehr kritisch, einen klischeehaften Tanz aufzuführen, der koloniale Bilder hervorruft, die man dem afrikanischen Kontinent zuordnen würde, und es bei der Verwechslung bei den Oscars um einen historischen Moment ging, in dem zum ersten Mal in der Geschichte der Oscars ein Film gewann, der einen komplett Schwarzen Cast hatte.

Nun möchte ich nicht unterstellen, dass diese Verlinkungen beabsichtigt waren, jedoch hat jeder Laudator und jede Laudatorin eine Verantwortung und die oben genannten Beispiele sind Konsequenzen aus im besten Falle unbedachtem Handeln. Sich bei den Worten „beste Schauspielerin“ an die Brüste zu fassen, muss wohl nötig gewesen sein, um mitzuteilen, dass es sich um eine Frau handelt, denn das tut „die indigene Bevölkerung“ so – oder wie soll das verstanden werden? Ist es in Zeiten wie diesen, in denen Millionen von Frauen täglich an Unterdrückung leiden, notwendig, solche abwertenden Bilder zu benutzen?

Die nächste bizarre Situation entsteht, als Lisa Wagner ihre Dankesrede mit den Worten schließt, dass sie den Preis auch den Hinterbliebenen der Opfer der NSU-Morde würdigt, und es im Anschluss mit dieser kolonialen Reproduktion weitergeht. Nicht nur wird ihr dieser aufrichtige und wichtige Moment, für mich einer der Höhepunkte des Abends, genommen, sondern er wird auch gleichzeitig ins Gegenteil umgewandelt, nämlich in Hohn.

Wotan Wilke Möhring, der auch eine koloniale Einleitung bekommt, hält seine Dankesrede und am Ende fällt der Begriff „Indianer“. Vielleicht ein Ausrutscher, aber darüber wurde nichts berichtet. Wieso ist es in Deutschland möglich, solche Worte unkommentiert fallen zu lassen? Im Anschluss wird gar geklatscht, wo in anderen Ländern lediglich ein Raunen durch die Menge gehen würde. Und wieder erkläre ich, weil ich glauben möchte, dass man es nicht besser weiß. Während die beschriebenen Ritentänze von Frier und Matschke eine koloniale Projektion sind, handelt sich es bei „Indianer“ um eine kolonial-rassistische Fantasie. Kurz: Erst wird etwas zerstört, dann nutzt man es und idealisiert es und dann ist auch alles wieder gut. Man ignoriert den Aspekt, dass in diesem Bereich zerstört wurde und auch heute noch zerstört wird. Am Ende kommt es gar zu einer kolonialen Nostalgie: „Wir feiern, dass es mal Menschen gab, die im Einklang mit der Natur und im Kontakt mit Tieren nachhaltig gelebt haben.“ Man feiert es, weil man es umgebracht hat. Es kann einem ja nicht mehr gefährlich werden.

Nach all dem Gesagten fällt einfach auf, dass in einem mehrheitlich weißen Raum koloniale Zitate einfach hingenommen werden. Ethnozentrische Interpretationen von historischen Praktiken von indigenen Völkern dienen der Mehrheitsgesellschaft zur Unterhaltung. Nun ist das leider keine neue Situation. Klischeehafte Darstellungen im Showgeschäft und auf Bühnen, vor allem von indigenen Bevölkerungen oder PoC, sind leider Teil der deutschen Geschichte.

Man könnte mich als afrodeutsche Schauspielerin fragen, warum es mir wichtig ist, all diese Sachen aufzuzählen, zu erklären, und warum es mir nicht einfach egal ist, was Annette Frier und Matthias Matschke da tun. Es gibt einen einfachen Grund, es geht hier nicht um irgendeinen rassistischen Vorfall, der in einer Provinzstadt passiert ist. Der würde mich im Übrigen auch betroffen machen, allerdings würde ich mich damit nicht so intensiv auseinandersetzen. Hier geht es um eine Veranstaltung meiner Zunft, dem Schauspielhandwerk, hier wurde ein ehrwürdiger Preis an großartige Schauspieler*innen verliehen und ich finde, dass Laudator*innen auf einer solchen Bühne und vor einem Drei-Millionen-Publikum eine Verantwortung tragen, denn besagte Bilder, die reproduziert wurden, sind die gleichen Bilder, die wir, Menschen mit diversen Hintergründen, versuchen, aus den Schulbüchern und damit aus den Köpfen der nächsten Generation zu bekommen. Es sind Bilder, die manche Menschen an Afrika erinnern und für manche Menschen einfach infantil erscheinen. Und genau das gilt es zu vermeiden, Afrika beispielsweise mit Infantilität gleichzusetzen. Dies kann uns allen aber nur gelingen, wenn Auftritte dieser Art nicht mehr vorkommen werden. Es ist ein Missbrauch der Laudator*innenposition, auf so herabsetzende Art und Weise eine Ehrung vorzunehmen und bis heute weder eine Erklärung noch ein ernst zu nehmendes Statement abzugeben. Ich schreibe diese Zeilen auch mit dem Ziel, dass eine wichtige Verleihung wie die der Goldenen Kamera und ähnliche Veranstaltungen in der Zukunft weitaus mehr über progressive Werte reflektieren. Ein weiterer Schritt wäre, mehr PoC einzuladen: als Gäste, Mitglieder der Jury und auch auf der Bühne. Darbietungen à la Frier oder Matschke würde es dann auf deutschen Bühnen sicher nicht mehr geben.

Gemeinsam mit weiteren Vertreter*innen des Netzwerks Schwarze Filmschaffende werde ich einen offenen Brief verfassen, der besagt, dass eine solche Darbietung in so einem Rahmen und im öffentlichen Raum nicht geduldet werden darf. In den letzten Tagen haben wir auch Zuspruch bekommen. Sowohl Mitglieder vom BAFNET (Berlin Asian Film Network) als auch vom Politischen Film Forum werden sich unserem Schreiben anschließen. Es wird die Option geben, dass uns jede*r Gleichdenkende per Unterschrift unterstützen kann.

12:30

Raus aus der Blase

Von Christina Mohr

Ziemlich genau drei Jahre nach „Lila Samt“ ist Sookee wieder da – das neue Album der Berliner Rapperin trägt den Titel „Mortem & Makeup“ und hat keinen geringeren Anspruch, als genau bei denen zu landen, die die Tracks der „queeren Zecke“ früher niemals akzeptiert hätten. Also raus aus der linken Filterblase, rein in den Mainstream? No way! Zugeständnisse à la Sookee sehen so aus, dass sie eben noch expliziter wird: Lautete doch einst ein Vorwurf an die „Quing of Berlin“, dass ihre Texte wie „Vorlesungen aus dem Soziologie-Grundstudium“ klängen. Jetzt werden Namen genannt, wie im Opener „Q1“, der einem politischen Rundumschlag gleichkommt. Internationaler Rechtsruck, Flüchtlingskrise, Verschwörungstheorien, AfD – Sookees Haltung ist unmissverständlich, und zwar linkshumanistisch.

© Eylul Aslan

Im Stück „Hüpfburg“ nimmt sie die Perspektive eines Kindes aus einer Neonazi-Familie ein – ein geschickter Dreh, den Sookee auch bei „Hurensohn“ anwendet: Der Titel ist ganz wörtlich zu verstehen, denn hier geht’s um den Sohn einer Hure. Queerness und Feminismus stehen nach wie vor ganz oben auf Sookees Agenda, man siehe/höre das empowernde „Kontrollverlust“, das ganz klischeefrei das Zeug zur neuen Women’s-March-Hymne hat. In „Die Freundin Von“ geht Sookee mit sich selbst hart ins Gericht, rappt über vergangene Zeiten, als sie aus Unsicherheit Sachen machte, für die sie sich heute schämt – und die doch wichtig waren fürs gereifte Selbstverständnis.

Sookee „Mortem & Makeup“
Buback/Indigo, VÖ: 17.03.

Musikalisch ist „Mortem & Makeup“ Sookees bisher abwechslungsreichste Platte: Sie changiert zwischen Dubstep, Old-School-HipHop, Dancebeats und R’n’B-Balladen. Als Gaststars hat sich Sookee jede Menge interessante Leute eingeladen: Grim104 von Zugezogen Maskulin rappt beim bitter-nachdenklichen „You Only Die Once“, Charlotte Brandi (Me And My Drummer) ist bei „Who Cares“ zu hören. Wenn das Mainstream ist, sind wir doch gerne dabei!

March 09 2017

14:38

#allburntout – Genderkrise X Missy Mag

Von Missy-Redaktion

Durchschnittlich 67 Tage – so oft fehlen deutsche Burnout-Betroffene jährlich am Arbeitsplatz. Frauen sind dabei deutlich häufiger krankgeschrieben als Männer. „Burn out“ beschreibt einen Zustand tiefer emotionaler, körperlicher und geistiger Erschöpfung. Medizinisch gesehen, gilt das Syndrom nicht als Krankheit, sondern wird zu den „Problemen mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ gezählt. Zu den Betroffenen zählen hiernach vor allem Menschen mit schwachem Selbstbewusstsein oder sehr zielstrebige Menschen.

© Maxim Gorki Theater

Diese medizinische Definition verlagert das Risiko per se auf das Individuum, das entweder überempfindlich oder überengagiert ist. Nach dem Motto: Ist der Stress zu stark, bist du zu schwach!? Und auch die Lösungsansätze konzentrieren sich auf Wege aus der „persönlichen Krise“ durch Ruhe, Auszeit und Erholung mittels Yoga, Fitnessclub, Wellness und Wildnis-Retreat. Die Angst, durch Überbelastung die Leistungsfähigkeit vollständig zu verlieren, führt oftmals zu neuem Druck und Selbstoptimierungszwängen.

Aber ist Burnout wirklich ein privates Problem? Seit 2001 haben sich die Krankheitstage in Folge der Diagnose um 1.800 Prozent erhöht. Und: Burnout betrifft nicht nur „Manager*innen“, wie es das Klischee will, sondern normale Arbeitnehmer*innen, Arbeitssuchende, Alleinerziehende und privat wie professionell Pflegende.

Besonders das Zusammenwirken von Kapitalismus, Sexismus, Ableismus und Rassismus spitzen die Belastungen zu. Unter #allburntout könnt ihr auf Twitter mit uns diskutieren und schreiben, was euch so platt macht.

Am 10. März diskutieren wir zusammen mit Vlogger @tarik Tesfu und Aktivist*innen aus Politik und Kultur über die gesellschaftlichen Ursachen von (Activist) Burnout. Mit einem explizit queer-feministischen Ansatz hinterfragen wir das tabuisierte Thema und wollen dazu eure Meinungen und Erfahrungen hören.

Wir verlosen 1 x 2 Karten zur Veranstaltung. Schickt uns dazu bis Freitag, dem 10. März um 13 Uhr eine Mail mit dem Betreff „Ausgebrannt“ an verlosung(at)missy-mag(punkt)de und schreibt uns, was euch ausbrennt.

Für alle, die keine Karten ergattern konnten, gibt’s hier den Livestream direkt aus dem Gorki Studio Я ab 20:30 Uhr.

March 08 2017

12:19

Diese Frauen

Von Sophie Charlotte Rieger

Diese Frauen, diese ganz bestimmten Frauen … Der Titel von Kelly Reichardts neuem Film klingt wie die Einleitung zu einer sexistischen Anekdote, denn „Certain Women“ kann sowohl mit „selbstsichere Frauen“ als auch mit „gewisse Frauen“ übersetzt werden. Die Zuschauer*innen werden bewusst auf die falsche Fährte gelenkt und versuchen, aus der episodischen Erzählung dreier lose verknüpfter Einzelschicksale eine allgemeingültige Aussage zu generieren, die nicht getroffen werden kann. Diese ganz bestimmten Frauen gibt es nicht.

Kristen Stewart spielt eine der vier Frauen. © Peripher

Und doch existiert zwischen Laura (Laura Dern), Gina (Michelle Williams) und Jamie (Lily Gladstone) eine Verbindung. Es sind starke, aber auch einsame Frauen, die kleine Herausforderungen meistern, ohne in eine Krise zu geraten. Sie stehen im eklatanten Gegensatz zum Klischee der Hysterie, das weibliche Filmfiguren so oft bedienen müssen, sprechen betont leise, langsam und bedacht und nehmen das Leben als solches mit all seinen Hürden bedingungslos an. Kein Grund zur Aufregung, kein Grund zur Verzweiflung.

Kelly Reichardts Inszenierung dreier Kurzgeschichten von Maile Meloy spiegelt diese Ausgeglichenheit mit langen Einstellungen und einer unaufgeregten Inszenierung, die größtenteils ohne Musikuntermalung auskommt. Die Erzählung ist subtil und lebt von der Beobachtung: Durch Atmosphäre, Kameraperspektiven und Blickwechsel weiß Reichardt uns alles über ihre Figuren zu vermitteln, das wir zum Verständnis ihrer Persönlichkeit benötigen. Auf diese Weise zeichnet sie komplexe Porträts dreier Frauen unterschiedlichen Alters.

Da ist die Anwältin Laura, die vor der unangenehmen Aufgabe steht, ihrem Klienten Fuller (Jared Harris) die Ausweglosigkeit seiner Lage vor Augen zu führen. Hin- und hergerissen zwischen dem moralischen Bedürfnis, gegen die ihm widerfahrene Ungerechtigkeit zu kämpfen, und einer professionellen und von Vernunft getriebenen Distanz, bleibt sie schließlich der eigenen Linie treu und verliert doch nie ihre Menschlichkeit.

Da ist die beruflich erfolgreiche Gina, die sich mit Mann und Tochter aufs Land zurückziehen möchte und damit den Unmut des pubertierenden Teenagers auf sich zieht. Auch sie ist in einem Dilemma gefangen, möchte einem Nachbarn Baumaterial abkaufen und spürt zugleich die emotionale Bindung ihres Nachbarn Alberts (Rene Auberjonois) zu den Steinen auf seinem Grundstück. Auch Gina verfolgt selbstbewusst ihr Ziel – mit Rücksicht auf Verluste und doch entschieden.

Und da ist Jamie, eine Pferdepflegerin in der Einsamkeit des amerikanischen Westens, die sich in die Juristin und Teilzeitlehrerin Beth (Kristen Stewart) verliebt. Zögerlich und respektvoll nähert sich Jamie Beth an, unsicher nicht nur über deren Reaktion, sondern auch die eigenen Gefühle.

Von einer Episode zur nächsten bewegt sich der in Montana angesiedelte Film zunehmend aus der Stadt hinein in die Natur, an die „Frontier“, die sagenumwobene Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis, in das Spannungsfeld, auf dem sich in der US-amerikanischen Literatur, Musik, Malerei und Filmproduktion zahlreiche dramatische Westernhandlungen abspielen, Menschen sich beweisen und Grenzen, aber immer auch ihren Platz in der Gesellschaft suchen.

Es ist diese Suche, die Reichardts Figuren schließlich eint, selbst wenn sie nicht dasselbe Ziel verfolgen. Laura und Gina sehen sich auf beruflicher Ebene mit sexistischen Gesellschaftsstrukturen konfrontiert, die ihnen weniger als den verdienten Respekt zukommen lassen. Während Lauras Klient ihre Einschätzung der Lage erst nach der Bestätigung durch einen männlichen Anwalt akzeptiert, wird Gina wie selbstverständlich als Angestellte ihres Mannes behandelt, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Jamie wiederum befindet sich auch geografisch am Rande einer Gesellschaft, die sie als Frau jenseits des Stereotyps gar nicht wahrzunehmen scheint. Und so kämpfen alle drei Frauen um Anerkennung und Sichtbarkeit, darum, nicht nur als „diese gewissen Frauen“ gesehen zu werden, sondern als ganze Menschen.

Certain Women
Regie: Kelly Reichardt
u.a. mit Laura Dern, Kristen Stewart, Michelle Williams, Lily Gladstone
USA 2016, 105 Minuten
bereits im Kino

„Certain Women“ tut genau das, wirft einen umfassenden und feinfühligen Blick auf drei Figuren, die sich ihre Bühne nicht durch Dramen erkämpfen müssen. Mit einem zärtlichen und herzerwärmenden Humor zeichnet Kelly Reichardt melancholische und doch nie pessimistische Bilder.

Das Ende ihres Films, die Rückkehr zu allen drei Protagonistinnen, mag ein wenig zu versöhnlich geraten sein, zeigt aber auch das „ganz normale Leben“. Reichardts Hauptfiguren müssen keine Heldinnen sein, um unsere Aufmerksamkeit zu verdienen. Diese gewissen, ganz bestimmten Frauen, die eben keine ganz bestimmten sind, verdienen unser aufrichtiges und differenzierteres Interesse auch jenseits von Dramen und emanzipatorischen Siegeszügen. „Certain Women“ erzeugt Respekt, ohne zu überhöhen. Einen Respekt, den eben nicht nur „diese gewissen Frauen“ verdienen, sondern alle.

 

March 07 2017

09:43

Invisible Me

Von Tove Tovesson

Ich habe hier schon einmal über die Wichtigkeit von Repräsentation geschrieben, aber dabei meine persönliche Betroffenheit dezent umschifft. Zum einen, weil ich tatsächlich denke, es gibt Wichtigeres, es gibt Schlimmeres. Zum anderen, weil ich gemerkt habe, wie empowernd ich Solidarität empfinde und wie viel ich aus den Siegen anderer „Anderer“ ziehen kann. Es gibt mir Hoffnung, dass es jemanden wie Beyoncé gibt und Filme wie „Moonlight“, auch wenn das alles nicht für mich ist. Diese Raumeinnahmen sind gut und wichtig und geben mir Zuversicht, dass mehr existiert, als sichtbar ist. Dass es selbstbestimmte Erzählungen trotz Marginalisierung gibt.

Leere Namensschilder und das Dilemma der Unsichtbarkeit. © Tine Fetz

Ich merke aber auch, dass andere das bestreiten. Laut einem YouTube-Video gibt es drei Geschlechter, Mann, Frau, „Transgender“, der Rest wird lächerlich gemacht. Darauf wird sich dann in ernsthaften Diskussionen über die Existenz anderer Geschlechter berufen. Warum ist es cis Männern und cis Frauen so wichtig, dass ich nicht existiere? Oder nonbinäre Geschlechter, also Geschlechter jenseits der trennscharfen Kategorien Mann und Frau, werden als unvereinbar mit dem eigenen Feminismus verstanden und deshalb abgelehnt. Weil Theorien offenbar wichtiger als Menschen sind. Weil die Deutungshoheit über andere Menschen um jeden Preis bewahrt werden muss. Wo kämen wir hin, wenn Menschen über sich selbst bestimmten?

Und in diesem Moment denke ich, es ist doch nicht genug, durch die Selbstrealisierung und Sichtbarkeit anderer zu leben. Es ist nicht genug, dass Stevonnie in der Serie „Steven Universe“ die erste Figur ist, mit der ich mich in Hinblick auf Geschlecht identifizieren kann (Stevonnie ist eine sogenannte Fusion aus einem Jungen und einem Mädchen und wird mit dem geschlechtsneutralen Pronomen they“ bezeichnet). In einer Folge von „Buffy the Vampire Slayer“ geht es um eine Schülerin, die unsichtbar wird, weil alle sie ignorieren. Niemand spiegelt sie, deshalb hört sie irgendwann auf, da zu sein. Nicht gesehen zu werden ist ein mächtiger Zauber.

Manche Identitätsaspekte sind hypervisible, bei anderen Aspekten ist es möglich, sie zu verstecken oder dass sie eben ewig übersehen werden. Geschlecht gehört zur letzteren Kategorie. Man kann darin den Vorteil sehen, dass immerhin eine gewisse Wahl besteht, ob ich mich heute angreifen oder „nur“ misgendern lassen will. Leider besteht für manche nicht die Option, jemals als sie selbst gesehen zu werden.

Ich habe keine Lust, cis Männern und cis Frauen zu erklären, „warum das denn so wichtig ist“, oder auf die immer gleichen Einwürfe zu reagieren. Komischerweise habe ich das, was für sie eine Zumutung ist – die Pronomen, die wechselnden Namen! –, in trans Kontexten nie als Problem erlebt. Es ist auch keins, aber für jene, die sich schwertun: Ich habe keinen Namen, ich habe keine Pronomen, sprich nicht über mich, don’t talk to me or my child ever again.

Reposted bylordminx lordminx

March 06 2017

10:46

Das E-Wort

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Obwohl Endometriose die zweithäufigste gynäkologische Erkrankung ist, haben sehr viele Betroffene einen jahrelangen Leidensweg hinter sich, ehe sie die richtige Diagnose erhalten. Seitdem ich das Krankheitsbild kenne, werde ich hellhörig, wenn mir jemand von starken Regelschmerzen erzählt, die nur mit Medikamenten ertragen werden, oder von der schmerzbedingten Unmöglichkeit, während der Menstruation bei der Arbeit zu erscheinen. Schlimme Bauchkrämpfe während der Tage seien doch völlig normal, sagen eure Bekannten und Freund*innen? Und auch Ärzt*innen reagieren auf eure Schmerzschilderung nur mit Unverständnis? Dann helfen euch die folgenden Infos weiter.

Beschwerdebild Nummer eins einer Endometriose sind heftige Unterleibsschmerzen, insbesondere vor oder während der Menstruation. Auch oft vertreten: eine sehr lange oder starke Periode, Schmerzen beim penetrativen Sex, eine generelle Infektanfälligkeit oder Beschwerden beim Pinkeln oder Stuhlgang. Die Unterleibsschmerzen können bis in den Rücken oder die Beine ausstrahlen, in jedem Zyklus unterschiedlich stark und von Durchfall, Übelkeit oder Erbrechen begleitet sein. Auch ein unerfüllter Kinderwunsch könnte in einer Endometriose begründet liegen. Letztlich wirkt sich die Erkrankung negativ auf die allgemeine Lebensqualität aus. Das psychische Wohlbefinden, Berufs- und Alltagsleben, soziale Beziehungen, Partner*innenschaften und das Sexualleben können stark in Mitleidenschaft gezogen sein.

March 01 2017

11:10

Der „falsche“ Winkel

Von Vina Yun

In ihrem Buch „Das Bedürfnis nach gerechter Sühne“ (Mandelbaum Verlag 2016) arbeitet Sylvia Köchl die nur wenig bekannte Geschichte der sogenannten Berufsverbrecher*innen und deren Verfolgung unter dem NS-Regime auf. Jahrelang recherchierte die Wiener Politikwissenschaftlerin und Journalistin das Schicksal von acht „Berufsverbrecherinnen“ – Diebinnen und Abtreiberinnen –, die von Österreich nach Ravensbrück deportiert wurden, wo sich das größte Konzentrationslager für Frauen im „Deutschen Reich“ befand. Derart rekonstruiert Köchl auch das menschenverachtende System der „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ der Nazis, dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen.

Das Lagergelände des ehemaligen Frauen-KZ Ravensbrück: Von den Häftlingsbaracken ist nichts erhalten geblieben. © Sylvia Köchl / Beschnitt: Missy MagazineDas Lagergelände des ehemaligen Frauen-KZ Ravensbrück: Von den Häftlingsbaracken ist nichts erhalten geblieben. © Sylvia Köchl / Beschnitt: Missy Magazine

Der Titel deines Buchs ist eine Phrase, die dem sogenannten Gewohnheitsverbrechergesetz von 1941 entnommen ist. Wer galt als „Gewohnheits-“ bzw. „Berufsverbrecher*in“ und wie wurden diese identifiziert?
Sylvia Köchl: Diese Begriffe wurden interessanterweise gar nicht von den Nazis erfunden, sondern in dieser Schärfe bereits in der Weimarer Republik entwickelt. Ende der 1920er-, Anfang der 1930er-Jahre starteten rechtsextreme deutsche Kriminalisten eine Kampagne, in der vor allem der Rechtsstaat dieser ersten Republik massiv angegriffen wurde. Die Kampagne zielte auf eine Art Polizeistaat ab, in dem die Kriminalpolizei darüber bestimmen sollte, wer als „Berufsverbrecher*in“ gilt, und in dem die Arbeit der Kripo nicht mehr von den Gerichten überprüft werden sollte. Die Versprechung lautete: Auf diese Weise, also über reine polizeiliche Repression, kann Kriminalität als gesellschaftliches Phänomen beseitigt werden.

Die Nazis waren von dieser Idee begeistert und setzten sie ab 1933 sofort in die Tat um. Sie definierten „Berufsverbrecher*innen“ als Personen, die ihren Lebensunterhalt durch Verbrechen bestritten, die aus „Gewinnsucht“ handelten und die ausreichend einschlägige Vorstrafen hatten. Jene, die nicht exakt unter diese Definition fielen, konnten zu „Gewohnheitsverbrecher*innen“ erklärt werden, die aus „verbrecherischen Trieben und Neigungen“ heraus handelten. Sie alle konnten nun von der Kripo in Konzentrationslager deportiert werden. Das nannte sich dann „polizeiliche Vorbeugungshaft“, denn das war der Grundgedanke: die Betroffenen zur Vorbeugung weiterer Verbrechen, die diese in Zukunft begehen würden, in ein KZ einzusperren.
Begleitet wurden diese Entwicklungen von der pseudowissenschaftlichen Kriminalbiologie. Diese versuchte, das „Verbrecher-Gen“ ausfindig zu machen und mit Schädel- und Gesichtsvermessungen nachzuweisen, dass „geborene Verbrecher“ schon äußerlich erkennbar seien – Stichwort „Verbrechervisage“.

Eine deutsche Volksgemeinschaft, die so homogen wie möglich sein sollte, in der es keine „Störenfriede“ welcher Art auch immer mehr gab, ob politische Gegner*innen oder gesellschaftlich Unangepasste oder sogenannte Rassefeinde, in der diejenigen, die da übrig blieben, in trauter Einheit mit Führer und Partei glücklich und harmonisch leben würden – diese deutsche Volksgemeinschaft herzustellen, war ja das oberste Ziel des NS-Staats. Berufs- und Gewohnheitsverbrecher*innen gehörten mit zu den „inneren Feinden der Volksgemeinschaft“, die die innere Sicherheit bedrohten.

Damals begann die Polizei auch damit, neuartige Arbeitsmethoden anzuwenden. Wie sahen diese aus und was hatten sie mit diesen historischen Entwicklungen zu tun?
Auch diese neuen Methoden entstanden schon vor der Nazizeit. Da gehört einiges dazu, was heute selbstverständlich scheint: etwa die Analyse von Fingerabdrücken oder Werkzeugspuren an Tatorten, aber auch eine Menge an chemischen Analysen, etwa von Blutspuren. All das führte zu ebenfalls neuen Arbeitsteilungen innerhalb der Kripo – es wurden erstmals Morddezernate oder Einbruchsdezernate eingerichtet.

Dann brauchte es aus Sicht der Kripo auch eine bessere Datenaufbereitung, also ein Karteikartensystem, mit dem Informationen austauschbar wurden, indem sie im ganzen Land einheitlich kodiert wurden. Einer der wichtigsten Forscher auf diesem Gebiet, Patrick Wagner in Hamburg, meint, dass sich auf diese Weise der damalige Fokus, das „Raster“ der Kripo dermaßen verengte, dass sie am Ende wirklich glaubte, von einem unglaublich aktiven „Berufsverbrechertum“ umgeben zu sein, das die innere Sicherheit, besonders in den Städten, enorm bedrohte – eine klassische „self-fulfilling prophecy“.

Die Kripo legte bei der Inszenierung dieses „Berufsverbrechertums“ ein absolut klassenspezifisches Raster an. Die so erzeugten Bilder korrespondierten exakt mit den Ängsten des Bürgertums in den Städten, das die Sicherheit seines Eigentums bedroht sah von den „Massen“, die an den Rändern der Städte lebten, in der sprichwörtlichen „wilden Vorstadt“, und die zur Zeit der Weltwirtschaftskrise ganz furchtbar unter Arbeitslosigkeit und Verarmung und oft sogar Hunger litten. Es ist klar, wer dann am Ende als „Berufsverbrecher*in“ herausgefiltert wurde, wer in diesem sozial und rassistisch gerasterten polizeilichen Blick auffiel – und wer nicht.

Anhand der Lebensgeschichten verschiedener Frauen, die ins KZ Ravensbrück deportiert wurden, rekonstruierst du das Schicksal von acht „Berufsverbrecherinnen“ aus Österreich: Diebinnen und Abtreiberinnen. Welche Gefahr sahen die Nazis in diesen Frauen?
Diebinnen gehörten zu jenen Menschen, die für die Nazis den Kern des „Berufsverbrechertums“ ausmachten, den es zu vernichten galt, um das Phänomen Kriminalität loszuwerden. Diebinnen, also Frauen, die mehrfach wegen Eigentumsdelikten gerichtlich vorbestraft waren, waren stark gefährdet, bei der nächsten „Auffälligkeit“ dann als „Berufsverbrecherinnen“ mit dem „Grünen Winkel“ im KZ zu landen. Abtreibung an deutschen Frauen wiederum galt den Nazis als Verbrechen, das direkt gegen die Volksgemeinschaft gerichtet war. Der NS-Staat wollte die totale Verfügungsgewalt haben über den Volkskörper – im wahrsten Sinn des Wortes.

© Sylvia KöchlAuszug aus dem Gerichtsakt gegen eine Tiroler „Berufsverbrecherin“, die 1942 von der Kripo ins Frauen-KZ Ravensbrück deportiert wurde. © Sylvia Köchl

 

Über die Verfolgung der „Berufsverbrecher*innen“ durch die Nationalsozialisten wird erst seit Kurzem geforscht. Was hat dich am Schicksal dieser KZ-Häftlingsgruppe interessiert?
Im Grunde genau das: Dass wir praktisch nichts über sie wissen. Und dass gleichzeitig dauernd behauptet wird, die ganze Nazi- und KZ-Geschichte sei doch inzwischen komplett erforscht, weswegen auch immer weniger Geld dafür bereitgestellt wird.

Ich bin seit ungefähr Mitte der 1990er-Jahre in der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück, einer Selbstorganisation von KZ-Überlebenden und ihren Unterstützer*innen, aktiv. In mehreren Projekten haben wir versucht, die vielen verschiedenen Verfolgungszusammenhänge, denen Frauen im Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind, umfassend zu erforschen und darzustellen. Erst 2006 gelang es uns erstmals, die Geschichte einer österreichischen „Berufsverbrecherin“ zu veröffentlichen, die im KZ Ravensbrück den „Grünen Winkel“ als Kennzeichnung an der Häftlingskleidung tragen musste.

Das hat mich nicht mehr losgelassen: Dass es da eine ganze Opfergruppe gibt, die unbekannt ist und über die auch nur ungern gesprochen wurde von den Ravensbrück-Überlebenden, die ich noch kennengelernt habe – die übrigens alle ehemalige Widerstandskämpferinnen waren. Das Thema der „grünwinkligen“ Frauen in Ravensbrück sei ein zu schwieriges Thema, bekam ich zu hören, und viel zu kompliziert, um es sozusagen im polit-aktivistischen Alltag der Lagergemeinschaft erklären zu können.
Zu schwierig und zu kompliziert – mich hat das eher angestachelt als abgeschreckt. Und während der Arbeit am Buch kamen dann weitere Motivationen hinzu. In den Lebensgeschichten der Frauen entdeckte ich vieles, das meinen eigenen Erfahrungen entspricht: vom Leben in der „Unterschicht“, von Armut und, besonders für Frauen, kaum existierenden Bildungschancen, stattdessen ein prekärer Job nach dem anderen, und jedes Kind, ob gewollt oder nicht, verschlechterte die wirtschaftliche Situation massiv. Tatsache ist, dass diese Frauen sich an irgendeinem Punkt dafür entschieden haben, ein Verbrechen zu begehen, um etwas dazuzuverdienen, wenn die Alternativen schlimmer erschienen als die Gefahr, erwischt zu werden und ins Gefängnis zu müssen. Die meisten Frauen entschieden sich ja gegen den Weg in die Kriminalität, einen damals wie heute ganz und gar „unweiblichen“ Weg, und ich denke, gerade das hat mich an diesen Geschichten zusätzlich gereizt.

Nehmen denn die „Berufsverbrecher*innen“ in den Lagergemeinschaften und anderen KZ-Opferorganisationen wirklich gar keine Rolle ein?
Nein, eine aktive Rolle nehmen sie, soweit ich es weiß, nirgends ein, aber durchaus eine passive Rolle. Sie werden in den schriftlichen Berichten der Überlebenden, die ja überwiegend von ehemals politisch Verfolgten verfasst wurden, ziemlich oft erwähnt. Aber fast ausschließlich in negativer Weise, nämlich als gefährliche und unsolidarische Mithäftlinge, denen nicht zu trauen gewesen sei.

Bis heute haben „Berufsverbrecher*innen“ als „vergessene Opfer“ des NS-Regimes keine Lobby und werden nicht entschädigt. Mit welchem Argument wird ihnen der offizielle Opferstatus verweigert?
„Vergessene Opfer“ ist gut ausgedrückt, denn es gab einen einzigen Versuch der Selbstorganisierung, und zwar 1946. Die Organisation nannte sich damals schon „Schicksalsgemeinschaft der Vergessenen“. Sie versuchte, in Deutschland für Menschen, die die Verfolgung als Homosexuelle, „Asoziale“ und „Berufsverbrecher*innen“ überlebt hatten, jene Fürsorgeleistungen zu erreichen, die für andere Opfergruppen vorgesehen waren. Diese „Schicksalsgemeinschaft“ existierte jedoch nur sehr kurz, denn es wurde ihr nicht nur die offizielle Organisierung untersagt, sie dürfte auch übel beschimpft worden sein.

In den Nachkriegsgesellschaften Deutschlands und Österreichs, in denen sogar die politischen Opfer erbittert um Anerkennung streiten mussten, gab es für KZ-Überlebende mit dem „falschen“ Winkel eigentlich gar keinen Platz. In diesem Klima ist in Österreich ein Opferfürsorgegesetz entstanden, in dem bis heute im Paragraf 15 festgeschrieben ist, dass vorbestrafte NS-Opfer wegen „Missbrauchsgefahr“ keine Fürsorgeleistungen erhalten dürfen. Dieser Paragraf muss endlich abgeschafft werden! Nicht nur deswegen, weil er die „Berufsverbrecher*innen“ als ganze Gruppe betrifft, sondern weil er auch alle anderen Opfer, die Vorstrafen haben, angeht, völlig egal, was ihnen alles zugestoßen ist. Eine Änderung des Paragrafen hätte heute nur noch symbolischen Charakter – aber wir dürfen nicht unterschätzen, was es etwa für Angehörige bedeutet, wenn ihre Vorfahren endlich als NS-Opfer anerkannt würden und sie sich ihrer Familiengeschichte offener und mit weniger Angst vor neuerlichen Diskriminierungen zuwenden könnten.

In deinem Buch beschreibst du ausführlich den langjährigen Rechercheprozess selbst – und damit auch das gesellschaftliche Umfeld, das ein Nachforschen ermutigt oder aber behindert. Mit welchen Schwierigkeiten warst du dabei konfrontiert?
Abgesehen von der vielen Unterstützung, die ich erfahren habe, war das schon ein holpriger Ritt. Ein Problem war sicher der institutionelle Rückhalt, der bei mir fehlt, denn ich war und bin weder an einer Uni beschäftigt noch an einem wissenschaftlichen Institut. Mir scheint, da taucht dann bei vielen schnell die Frage der wissenschaftlichen Seriosität auf. Es mag unglaublich klingen: Dass ich Politikwissenschaftlerin bin und keine Historikerin, hat tatsächlich dazu geführt, dass mir eine wichtige Projektfinanzierung verweigert wurde. Gleichzeitig hatte ich aber auch nicht die geringste Lust, meine Forschung im Rahmen einer Dissertation zu machen, weil ich unabhängig von den universitären Zwängen arbeiten wollte. Ich wollte, dass der Output für alle Interessierten lesbar ist und nicht nur von einer akademischen Community, die das einschlägige Wording versteht. Es ist schade, dass es in Österreich keine wirkliche Kultur von Forschung und Wissenschaft außerhalb von akademischen Institutionen gibt.

Ich denke, das alles verknüpfte sich auch mit meinem Thema. Mir ist durchaus Misstrauen entgegengebracht worden, und zwar ausgerechnet von Kreisen, die selber sehr nah am KZ-Thema dran sind. Die Beschäftigung mit der KZ-Häftlingsgruppe der „Berufsverbrecherinnen“ scheint hier bei manchen die Befürchtung auszulösen, Leute wie ich wollten das bisherige Wissen über die KZs infrage stellen. Diese Befürchtung ist nicht unberechtigt: Unser Wissen über die KZs haben wir zum größten Teil von den Überlebenden erhalten. Von ihnen konnten und durften aber fast nur jene öffentlich sprechen, die als politische Gegner*innen der Nazis verfolgt wurden. Und innerhalb dieser Gruppe mussten sich die Frauen noch mal extra behaupten, um überhaupt wahr- und ernst genommen zu werden.

Termine

22. April, 11.00 Uhr, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück: Buchvorstellung mit Sylvia Köchl zur Geschichte der „grünwinkligen“ Häftlingsfrauen. Im Rahmen des 72. Jahrestags der Befreiung des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück.

25. April, k-fetisch, Berlin, Abendveranstaltung gemeinsam mit Dagmar Lieske, Autorin des Buches „Unbequeme Opfer? ‚Berufsverbrecher‘ als Häftlinge des KZ Sachsenhausen“, veranstaltet u.a. von Helle Panke e.V.

Von Ravensbrück wissen wir, dass von mindestens sechzig Prozent der knapp 100.000 Überlebenden unbekannt ist, wie sie die KZ-Haft erlebt haben, wie ihre Verfolgung und Verschleppung abgelaufen ist. Dazu gehören die ukrainischen Zwangsarbeiterinnen genauso wie die vielen „Asozialen“ und eben auch die „Berufsverbrecherinnen“ aus Deutschland und Österreich. Dabei waren der Grund der Verfolgung und die Markierung mit einem bestimmten Häftlingswinkel ausschlaggebend für die Existenzbedingungen und Überlebenschancen der Frauen. Von einem auch nur halbwegs vollständigen Bild der Geschichte und Nachgeschichte von Ravensbrück und den anderen KZs sind wir also immer noch weit entfernt.

Reposted byfinkreghlordminx

February 28 2017

09:50

Schlaflos in Ouagadougou oder sehr langsame E-M@il für dich

Von Amelia Umuhire

Diesmal schreibe ich aus Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos. Das Land wird alle zwei Jahre zum Zentrum des afrikanischen Kinos, seit es 1972 begann, das panafrikanische Filmfestival FESPACO auszurichten. Ich bin eingeladen worden, mit anderen afrikanischen Medienmacherinnen einen Guerilla-Film-Workshop für Jugendliche im Rahmen des Festivals zu geben.

Es lädt: Die Brazil-Version von Michael Jacksons Musikvideo "They Don't Really Care About Us". @ Tine FetzEs lädt: Die Brazil-Version von Michael Jacksons Musikvideo „They Don’t Really Care About Us“. @ Tine Fetz

Andere Workshopleiter*innen sind Ifrikia, eine Journalistin, Bloggerin und Medienunternehmerin aus Congo Brazzaville, Orphelie, Redakteurin beim afrikanischen Musiksender Trace TV und erfolgreiche Bloggerin aus Abidjan. Und Liz, eine Videokünstlerin aus Senegal, die in Paris lebt und arbeitet. Der einzige Mann in unserer Gruppe, Sobel, ein sozialer Unternehmer aus Dakar, hat es mit seinen sozialen und innovativen Projekten zur Förderung von sozialem Engagement von Jugendlichen sogar schon ins Weiße Haus geschafft.

Ich bin extrem beeindruckt und ein bisschen eingeschüchtert, als ich die Gruppe kennenlerne. Doch schon am ersten Tag fühlen wir uns durch den gemeinsamen Frust über den Mangel an einer ständigen Internetverbindung verbunden. Am Morgen begrüßen wir uns mit den Neuigkeiten zum aktuellen Verbindungsstatus, neue WLAN-Verbindungen und ihre Passwörter werden in konspirativen Sitzungen weitergegeben und wir debattieren, welche Uhrzeit die Beste ist, um fast problemlos ein Video bei YouTube hochzuladen. Vielleicht scheint es etwas übertrieben, aber das Ding ist, dass ohne Internet keine von uns die Karriere hätte, die uns an diesem Ort zusammengebracht hat. Dass keine von uns es geschafft hätte, ihre spezifische Weltsicht und Vision zu verwirklichen, Gleichgesinnte zu finden und so endlich unsere Geschichten in ihrer Vielfalt sichtbar zu machen. Das Ding ist, dass wir ohne das Internet schlichtweg nicht voneinander wüssten.

Seit Tagen macht die von der kamerunischen Regierung veranlasste Internetsperre im englischsprachigen Teil des Landes wieder Schlagzeilen in den regionalen Nachrichten. Junge Menschen in unserem Alter und mit ähnlichen und sehr berechtigten Bestrebungen halten Schilder mit Slogans wie „Bring back our Internet“ in die Fernsehkameras. Eine französische Stimme berichtet von der politisch motivierten Sperre, die seit Mitte Januar den südwestlichen und nordwestlichen Teil des Landes nach Protesten gegen die Regierung erfolgreich vom Internet abkappt.

Auf unserer Seite haben wir mittlerweile festgestellt, dass wir mehr gemeinsam haben als die bloße Liebe für fließendes Internet. Bei gegrilltem Hähnchen, Bier und sehr süßem Karton-Sangria schauen wir illegal heruntergeladene Filme an und erzählen einander von unserem jeweiligen Alltag in den unterschiedlichen Metropolen.

Als wir danach gegen zwei Uhr morgens alle in meinem Zimmer enden, hören wir das neueste Album von Stromae durch. In Deutschland vor allem durch „Alors on danse“ bekannt, ist er für mich und meine Generation Ruander*innen und Afrikaner*innen ein bisschen wie unser David Bowie. Auch ist er wie ich das Kind eines verstorbenen ruandischen Mannes und singt meiner Generation aus der Seele, indem er die Trauer und Schwere unserer Geschichte in leichte, einprägsame Beats einhüllt und so unsere Geschichte teilweise unbemerkt in die Popkultur schleicht.

Ifrikia kennt alle Texte auswendig. Über Stromae kommen wir auf Michael Jackson zu sprechen und debattieren, ob er nun 2010 oder 2009 gestorben ist und welches sein bestes Video war. Wir einigen uns auf „They don’t care about us“ (wobei wir bis heute noch unentschieden sind, ob die Brazil-Version oder die Gefängnis-Version) und während das Video ungewohnt schnell lädt, schaut Ifrikia auf die Uhr und reibt sich vor Freude die Hände. Ab zwei Uhr morgens beginne die beste Uhrzeit, um sich einzuloggen, verkündet sie mit ihrem kindlich-verschmitzten Lächeln, da um diese Zeit die Mehrheit des Landes schläft.

February 27 2017

12:22

Wege in die Freiheit

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Als ich aufgewacht bin, habe ich meinen Augen fast nicht getraut – ich dachte, dass ich Ordnung machen müsste, nachdem wir gestern so viele Gäste bewirtet hatten, aber alles war aufgeräumt und sauber. Fast hätte ich gedacht, dass wir einen Geist in der Wohnung haben!“ Mit vielen Smileys garniert beschreibt Rugo den ersten Tag ihres Ehelebens auf der chinesischen Plattform WeChat. Am Tag zuvor hat sie dort ein Bild von sich und ihrem frisch gebackenen Ehemann gepostet: wie sie in die Kamera lächeln und zwei dunkelrote Büchlein mit goldener Aufschrift hochhalten – ihre Heiratslizenzen. Doch Rugo hat nicht aus Liebe geheiratet, sondern aus Pragmatismus. Sie ist lesbisch, ihr Mann, mit dem sie seit der Grundschule befreundet ist, ist schwul. Und sie sind nicht alleine: In Foren, Apps und Chatgruppen suchen lesbische Frauen und schwule Männer in China nach einem*r homosexuellen Partner*in, den*die sie heiraten können.

Wer in Chinas Hauptstadt Kontakte zur Queer Community sucht, kann sich an verschiedene NGOs wenden – allen voran das Beijing LGBT Center. In einem unscheinbaren Bürogebäude im Nordosten Pekings organisiert das Zentrum Workshops, Talks und Englischkurse. „Früher hatten wir Events, bei denen die Leute Partner*innen für Scheinehen finden konnten“, erinnert sich Xiao, eine Mitarbeiterin des Zentrums. Warum es diese Veranstaltungen nicht mehr gibt? „Wir stehen Scheinehen neutral gegenüber – wir unterstützen sie nicht, sind aber auch nicht dagegen“, antwortet sie ausweichend.

Trotzdem fallen den Mitarbeiterinnen des Beijing LGBT Center auf Anhieb gleich mehrere Frauen ein, die in queer-freundlichen Umfeldern offen mit ihren Scheinehen umgehen. Innerhalb weniger Stunden ist über WeChat der Kontakt zu verschiedenen Personen hergestellt, die sich bereit erklären für ein Interview. Fotografiert oder bei ihrem richtigen Namen genannt werden möchten allerdings die wenigsten. Schließlich ist es der Zweck dieser Ehen, eine Fassade für das familiäre und soziale Umfeld aufzubauen und so dem allgegenwärtigen Heiratsdruck und arrangierten Blind Dates zu entkommen. Auf keinen Fall sollen Familie oder Bekannte herausfinden, was hinter den glücklichen Hochzeitsbildern steckt.

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Schweinderl