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March 30 2017

10:04

Eine Hülle von Film

Von Thi Yenhan Truong

Realverfilmungen von Animationen sind in Hollywood en vogue: Praktisch alle Disney-Filme werden derzeit mit Schauspieler*innen und allerhand Spezialeffekten umgesetzt. Jetzt war „Ghost In The Shell“ dran: Vorlage ist der Anime von 1995, der wiederum auf einem Manga von Masamune Shirow basiert. Bereits vor dem Kinostart des neuen Films gab es zahlreiche Kontroversen, als bekannt wurde, dass Scarlett Johansson die Hauptrolle des „Major“ übernehmen würde. Doch der Reihe nach.

Scarlett Johansson in der Hauptrolle als „Major“. © 2017 PARAMOUNT PICTURES

„Ghost In The Shell“ spielt in einer nicht genauer definierten Zukunft, in der die Technik so weit fortgeschritten ist, dass Menschen ihren Körper durch künstliche Organe und Gliedmaßen optimieren können. Alles ist miteinander vernetzt – eingeschlossen der eigene Körper, mit dem man bequem telepathisch kommunizieren kann. Die Handlung setzt an mit der Verpflanzung einer Seele, eines sogenannten „Ghost“, in eine künstliche Hülle, „the Shell“. Der Major, gespielt von Johansson, ist die Erste ihrer Art. Sie ist die ultimative Waffe, ein gelungenes Experiment, das perfekte Wesen aus menschlichem Geist und künstlicher Maschine. Gemeinsam mit den Verantwortlichen von Sektor 9 und ihrem Kollegen Batou versucht sie, einen geheimnisvollen Hacker dingfest zu machen, der sich in die künstlich erweiterten Menschen einhackt, in seine Kontrolle bringt und tötet.

Aus erzählerischer Sicht ist die Hollywoodverfilmung des Anime eher enttäuschend. Das japanische Original stellt wichtige Fragen zur menschlichen Existenz: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Was ist Bewusstsein? Welche Macht haben Daten, und wann kann man von einem Bewusstsein bei Maschinen sprechen? Doch anstatt sich diesen Themen zu widmen und sie mit dem Wissen von heute umzusetzen, erhalten die Zuschauer*innen nur eine bedeutungslose Hülle von einem Film. Trotz gut eingesetzter 3D-Effekte und eines interessanten Set-Designs schafft die Neuverfilmung das Kunststück, actiongeladener und zugleich langweiliger zu sein als sein Anime-Vorgänger.

Wir sehen die typische monochrome Ästhetik zeitgenössischer Superheld*innenfilme, eine Art Origin-Story, die so schon gefühlte tausend Mal erzählt wurde. Der Plot ist verflacht, die Dialoge erklären den Zuschauer*innen ein bisschen zu explizit, was passiert und wie sie darauf zu reagieren haben. Aus einem philosophischen Gedankenexperiment über die Konsequenzen fortschreitender Technologisierung für die Menschheit wird eine öde Nabelschau, gepaart mit einem wenig spannenden „Who done it“-Krimiplot.

Dass der Film nicht besonders gut ist, ist aber noch nicht einmal das Problematischste. Viel schwerer wiegt das Whitewashing. Schon im Vorfeld waren die Proteste groß: Der Charakter des Major wird von einer weißen Frau gespielt, die gesamte Umgebung ist aber dank Architektur und Schriftzeichen klar als futuristisches Japan zu erkennen. Johansson trägt eine schwarze Perücke, ihr Make-up wurde derart gestaltet, dass sie „asiatischer“ aussieht. Man kann getrost von Yellowfacing sprechen.

Alle „echten“ asiatischen Figuren sind Nebendarsteller*innen oder dekoratives Beiwerk. Besonders schlimm trifft es die Frauen: Bis auf eine im letzten Drittel des Films gibt es keine einzige Asiatin mit einer Sprechrolle. Und das in einem klar als asiatisch erkennbaren Universum. Asiatinnen sind entweder stumme Stripperinnen, Passantinnen oder Geisha-Bots, die Männer bedienen – frei nach der Devise: weibliche Kick-Ass-Charaktere ja, aber nur, wenn sie weiß sind. Den Film als feministisches Werk zu verstehen klappt nur, wenn man sich auf weißen Feminismus beschränkt.

Als wäre das nicht schlimm genug, eliminiert der Film asiatische Existenzen regelrecht und macht dies zu einem Teil des Plots (Achtung, Spoiler): Am Ende entdeckt der Major, wer sie einst war – eine japanische Anarchistin namens Motoko Kusanagi, die entführt und in einem Experiment eines bösen Konzerns zum Major gemacht wurde. Wenn man die Prämisse des Films konsequent durchdenkt, ist der Subtext atemberaubend rassistisch: Einer asiatischen Frau werden Körper und Identität weggenommen, sie wird missbraucht. Das Ergebnis des Frankenstein-Experiments ist der Major: der perfekte Cyborg. Die Hülle für dieses ideale Wesen ist eine weiße Frau. Das heißt im Umkehrschluss, dass der asiatische Körper mangelhaft ist. Und Motoko ist nicht die Einzige, die eine Weißwaschkur erhält (Achtung, Spoiler): Ihr Freund Hideo, natürlich ein Japaner, ist ein fehlgeschlagenes Experiment – und seine „Shell“ lilienweiß.

Ghost In The Shell US 2017. Regie: Rupert Sanders. Mit: Scarlett Johansson,  Takeshi Kitano, Juliette Binoche, Michael Pitt, Pilou Asbæk, Kaori Momoi u.a., 106 Min., Kinostart: 30.03.

Ob der Film erfolgreich sein wird und Scarlett Johansson die Star-Power besitzt, um einen Kassenschlager zu produzieren (weswegen sie überhaupt gecastet wurde), muss sich noch zeigen. Aber man kann fast froh sein, dass für dieses eher mäßige Werk mit einer Extraportion Rassismus keine asiatischen Schauspielerinnen verbrannt wurden.

Reposted bylordminx lordminx

March 29 2017

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Reposted fromcornymistick cornymistick
11:09

Normierte Körper

Von Lisa-Marie Davies

Das Buch aus der Reihe „Geschlechterdschungel“ im Unrast Verlag setzt sich mit der Diskriminierungskategorie „Lookismus“ auseinander. Anhand von Merkmalen wie Körpergröße, Gewicht oder sichtbaren Behinderungen zeigen die Autor*innen auf, wie sehr Menschen in unserer Gesellschaft abgewertet werden, wenn ihr Aussehen von der – vermeintlich gültigen – Norm abweicht. Deutlich wird auch, dass Lookismus immer auch mit anderen Diskriminierungskategorien wie „Hautfarbe“, Geschlechtszugehörigkeit oder Klasse betrachtet werden muss. Exemplarisch wird dies am Beispiel von Mode: Das Tragen von gebrauchter Kleidung oder von Kleidung vom Discounter (Stichwort: Jogginghose) kann bei dicken Personen die Zuschreibung „arm“ verstärken – und damit auch deren Ausgrenzung und Diskriminierung.

© Kathrin Tschirner

Anhand zahlreicher persönlicher Beispiele und Erzählungen in den Beiträgen wird deutlich, wie Lookismus wirkt und wie unterschiedliche äußere Körpermerkmale dazu führen, dass Menschen diskriminiert werden. So berichtet beispielsweise die Bloggerin und Missy-Magazine-Redakteurin Hengameh Yaghoobifarah davon, wie sie in der Schule als Kind aufgrund ihres Aussehens von ihren Mitschüler*innen beleidigt wurde und was dies mit ihr gemacht hat. Der Songtext „Schönheitsideale“ der HipHop-Artistin FaulenzA beschreibt, wie Normen in Bezug auf das Aussehen bei Menschen jenseits der Zweigeschlechtlichkeit wirken.

Doch das Buch macht auch Mut: Einige Autor*innen zeigen, wie sie selbst mit Diskriminierung umgehen, etwa indem sie sich mit anderen zusammenschließen, die aufgrund von Lookismus abgewertet werden. Auch werden verschiedene Empowerment-Konzepte vorgestellt. So hat etwa die Fat-Empowerment-Bewegung, die in den 1970ern in den USA entstanden und um die 2000er-Jahre in Deutschland angekommen ist, dazu beigetragen, dass sich auch hier viele feministische Gruppen explizit mit der Diskriminierung von Dicken und der Schönheitsindustrie auseinandersetzen. Für mehr Akzeptanz des eigenen Körpers plädiert auch die Body-Positivity-Bewegung. Beide Strömungen sind vor allem online präsent, etwa in Form von Blogs.

Lea Schmid/Darla Diamond/Petra Pflaster (Hg.) „Lookismus: Normierte Körper – Diskriminierende Mechanismen – (Self-)Empowerment“
Unrast Verlag, 80 S., 7,80 Euro

Zugleich kritisieren die Autor*innen, dass es innerhalb linker Zusammenhänge häufig zu Gegennormen komme, die zwar einen guten Ansatz verfolgen, aber selbst auch  diskriminierend wirken, wenn Menschen aufgrund ihres Aussehens nicht „hineinpassen“. Und auch wenn man nach außen hin von herrschenden Schönheitsnormen befreit wirkt – viele hinterfragen ihr Äußeres weiterhin ständig oder machen heimlich Diäten. Hier helfe den Autor*innen zufolge nur gegenseitige Offenheit und Stärkung untereinander.

Die Lektüre bietet mehr als nur eine gute und lesenswerte Einführung in das Thema. Vielmehr wird deutlich, warum es eine Diskussion um und Kritik an Lookismus braucht, der bislang auch in feministischen Zusammenhängen oft nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Reposted byp856 p856

March 28 2017

10:37

Familienduell im Lehrerzimmer

Von Amelia Umuhire

Disclaimer:
Im folgenden Text taucht das N-Wort unzensiert auf. Ich wurde selten davor verschont, es in seiner hässlichen Fülle zu hören, und bin davon überzeugt, dass es in einem Text, in dem es um die Wirkung des Wortes geht, zu erkennen sein sollte.

Es ist Donnerstagabend und eine sehr gute Freundin ist zu Besuch. Wir trinken und rauchen und kommen durch ein Gespräch über Kinder auf unsere unterschiedlichen Kindheiten zu sprechen. Plötzlich fragt sie mich, wann ich das erste Mal in meinem Leben das Wort „Neger“ oder „Nigger“ zu hören bekommen habe. Ich freue mich über die Frage und bin gleichermaßen verblüfft, da es tatsächlich das erste Mal ist, dass sie mir jemand stellt. Auf der Suche nach einer Antwort gehe ich in meinem Kopf verschiedene Szenen aus meiner Kindheit durch.

Durch die Zusammenwirkung von Kontext, Intention und Reaktion bekommt das Wort viel Gewicht. © Tine Fetz

Ich erinnere mich an einen meiner ersten Schultage in Deutschland, als David Blüma in der Pause vor mir steht und mir seinen Mittelfinger ins Gesicht hält, während er gleichzeitig einen affenähnlichen Tanz vorführt. Doch streng genommen zählt dieser Vorfall nicht, da er das Wort nie ausspricht. Auch wenn die Kombination aus Tanz und Mittelfinger dazu führt, dass ich mich zum ersten Mal wie einer fühle.

Nach und nach erinnere ich mich an ähnliche Ereignisse und gehe sie wie bei einer erfolgreichen Google-Suche nach Relevanz durch. Dabei sind die Kategorien, die zur Einschätzung und Einstufung der Relevanz dienen, Kontext, Intention und Reaktion.

Denn wenn dem großen, vermutlich Basketball spielenden Weißen, der beim RZA-Konzert neben dir steht, beim Mitsingen des Textes seines vermeintlichen Lieblingsrappers das Wort entgleitet, ist seine Intention nicht unbedingt böse und deine Freunde werden so tun, als hätten sie es nicht gehört. Und selbst wenn du darauf bestehst, ihn darauf aufmerksam zu machen, so wird er auf dein Naserümpfen hin seine Hände hochhalten und sich ungefähr so entschuldigen, wie man sich entschuldigt, wenn man jemanden auf der Straße anrempelt.

Ein Fall wie das des mitsingenden, vielleicht Basketball spielenden, weißen Typen taucht auf ca. Seite 14 der Suchergebnisse auf. Doch weiter vorne finde ich ein weiteres Ereignis, das veranschaulicht, wie eine Situation aussehen kann, in der die Zusammenwirkung von Kontext, Intention und Reaktion die Wirkung des Wortes in die Höhe schießen lässt. Ein Rassismus-Kopfstoß, wenn du so willst.

Diesmal auf dem Gymnasium. Ich laufe also eines Tages kichernd mit meinen Freundinnen den Flur entlang, als sich Paul Galesch, ein Klassenclown, der regelmäßig seine Intelligenz und Langeweile erfolgreich in Grausamkeit umwandelt, vor mich stellt und mir LENOR ins Gesicht schreit. Ich verstehe nicht, was er damit sagen will, und meine ausbleibende Empörung veranlasst ihn dazu, mir die Bedeutung jetzt in einer leiseren, aber immer noch sehr klaren Stimme zu erläutern. Leib Eigener Neger Ohne Rechte.

Meine Freundinnen schütteln mit dem Kopf und schauen erst mich und dann ihn mit einer abwechselnden Mischung aus Empörung und Scham an. Wir alle wollen aus unterschiedlichen Gründen nicht weiter darüber sprechen, also wechseln wir peinlich berührt das Thema.

Eine Reaktion, die ich noch öfter in Kombination mit besoffenen, aggressiven und dadurch scheinbar unweigerlich rassistischen Männern an Karneval und anderen größeren Veranstaltungen erleben werde. Nach der Pause hängt mir das Ganze dennoch nach. Ich beschließe, es zu melden und dabei strategisch vorzugehen.

Ich gehe zu Frau Wolther, der linken Pädagogik-Lehrerin meines Vertrauens, die sich oft und auch unaufgefordert als 68er-Feministin bezeichnet. Sie ist eine von den Lehrer*innen, die mir auf sehr unterschiedliche Weise das Gefühl geben, dass ich Potenzial habe.

Manchmal schreibt sie mir sehr detailliertes und ermunterndes Feedback unter eine gute Klassenarbeit und lobt meine „flotte Schreibe“. Und manchmal, da steht sie während des Sportfests ohne ersichtlichen Grund am Feldrand und prophezeit mir oder (wie sie liebevoll zu sagen pflegt) der „schwarzen Gazelle“ lautstark Rekordläufe.

Als ich also bei Frau Wolther ankomme und ihr von meinem American-History-X-Moment in der Pause erzähle, reagiert sie zunächst so, wie ich es mir erhofft habe. Sie lässt Paul mithilfe einer mysteriösen Durchsage aus der Klasse rufen und schon nach wenigen Minuten stehen wir drei etwas unbeholfen im Flur vor dem Lehrerzimmer. Es ist peinlich ruhig.

Sie fordert ihn auf sich zu entschuldigen und schafft es dabei, nie auszusprechen, was er eigentlich gesagt hat. Und er gibt mir, ohne jegliche Anzeichen von Widerwillen, die Hand und entschuldigt sich dafür, dass er mich beleidigt hat.

Die von mir als weiße Whoopi Goldberg völlig fehlbesetzte Frau Wolther schweigt zu der besonderen Schwere der Beleidigung. Ich werfe ihr einen leicht enttäuschten Blick zu, der sie wie erhofft sichtbar unter Druck setzt. Sie geht leicht in die Knie und diese neue Position macht, dass ich kaum bemerke, wie ihre Stimme eine kindliche Färbung bekommt.

„Und das nächste Mal wenn so etwas passiert, nennst du ihn einfach Kalkeimer …“ Ich stocke. Nach einer sehr kurzen Pause und in einem Ton, als beantworte sie eine Familienduell-Frage, fügt sie noch hastig hinzu:

„… oder Toastbrot.“

March 27 2017

10:00

Internet killed the Fernsehsucht

Von Brigitte Theißl

Süchtig nach „World of Warcraft“, Face­book und Instagram? Verschiedene wissenschaftliche Studien legen nahe, dass Internetabhängigkeit eine ernst zu nehmende Suchterkrankung ist. In Deutschland soll fast jede*r zehnte Jugendliche das Netz zu intensiv und in problematischer Weise nutzen, ein Prozent süchtig sein.

Jungen trainieren mit Computerspielen ihre Motorik-Skills, Mädchen mit Selfies und Drama ihren Narzissmus. © Shutterstock/Dragana Gordic

Worauf sich die Sucht konkret bezieht, daran scheiden sich die Geister – beziehungsweise auch die Geschlechter: Jungs verlieren sich in den Welten der Onlinerollenspiele, Mädchen verbringen besonders viel Zeit in sozialen Netzwerken wie Facebook, so die Studienergebnisse. Oder wie es eine Journalistin der „Welt“ formuliert: „Mädchen wollen quatschen, Jungs schießen“. Und da beginnt sie, die Welt der Geschlechterstereotype, der Ab- und Bewer­tungen des Onlineverhaltens.

Wenn Mädchen sich in einem sozialen Netzwerk be­wegen, sind sie verzweifelt auf der Suche nach Bestätigung, kultivieren ihren Narzissmus mit täglichem Selfie und unterhalten sich im Facebook-Chat mit Freundinnen über den neuesten Schwarm. Jungs hingegen messen sich mit den Geschlechtsgenossen und präzisieren ihre (virtuellen) kriegerischen Fähigkeiten. Wie durch Gaming die Konzentration geschärft oder motorische Skills trainiert werden, damit warten Forscher*innen sogleich auf. Bei Mädchenkram wird erst gar nicht danach gefragt – Beziehungen unter Mädchen und Frauen können schließlich nicht produktiv sein!

Brigitte Theißl ist Journalistin und Redakteurin des Magazins „an.schläge“. Sie bloggt auf denkwerkstattblog.net.

Aber auch klassenspezifische Diagnosen geistern durch die Medien. Zwar wird die sogenannte „digitale Demenz“ von zahlreichen Wissenschaftler*innen als Mythos bezeichnet, ein deutscher Hirnforscher behauptet aber hartnäckig, zu frühe Internetnutzung mache „dumm“. In einem Dokumentarfilm über die umstrittene Diagnose pries ein US-amerikanischer Psychologe die Vorzüge des guten alten Buchs und der Handschrift – und wetterte gegen die „Tablet-Kids“. Diese würden heute nicht mehr vor den Fernseher gesetzt, ihnen würde von den verantwortungslosen Eltern einfach ein Smartphone oder ein Tablet in die Hand gedrückt werden.

Vermutlich wird es nicht mehr lange dauern, bis sich Offline-Sein als gutbürgerliches Distinktionsmerkmal etabliert hat: Papa packt in der Straßenbahn bewusst die gedruckte „FAZ“ aus und reicht Waldorf-Sohnemann die Pocket-Schiefertafel. Darauf ließe sich doch prima ein Schlachtplan für das nächste Kriegsspiel entwerfen.

Der Text erschien zuerst in Missy  Magazine 02/17.

March 24 2017

12:55

Fat-Shaming führt nicht zum Bonding, sondern zu Essstörungen

Von Nike Hohenstein

In der Elternzeitschrift „Nido“ behauptete ein Autor, es sei förderlich für die Bindung zu seinem Kind, gemeinsam über Dicke zu lästern. Als das diskriminierende Verhalten in den sozialen Medien skandalisiert wurde, gab es eine schwammige Stellungnahme von der „Nido“-Redaktion: Man sei ja nicht für Bodyshaming zu haben. Na ja. Oder doch.

© Shutterstock/Iakov Filimonov

Mich erinnerte das Verhalten des Autors an meine eigenen Eltern. Leider.

In meiner Familie war – und ist – Dicksein ein No-go. Mein Vater war als Jugendlicher und junger Erwachsener Leichtathlet und sein ganzes Leben durchtrainiert. Weil er wahnsinnig gern und viel Schokolade aß, wurde am Wochenende exzessiv trainiert. Meine Mutter ist eine Jo-Jo-Diätkandidatin, die ihr ganzes Leben zwischen Konfektionsgröße 34 und 40 pendelt, dabei 40 für übergewichtig hält und sichtlich stolz ist, wenn ihr die kleinste Größe von der Hüfte rutscht.

Lästern über Dicke gehörte bei uns zum Alltag. Wir kommentierten untereinander die Figur anderer Menschen. Dann haben wir gemeinsam „Iiieh“ gerufen und gelacht.

Die Bindung zwischen mir und meinen Eltern festigte das gemeinsame Lästern nicht, das Gegenteil war der Fall. Ehrlich gesagt nervte mich schon damals – da war ich vielleicht 10 oder 11 Jahre alt –, wie fies meine Eltern über Menschen sprachen, die sie überhaupt nicht kannten. Ich war zu diesem Zeitpunkt nämlich selbst von Mobbing in der Schule betroffen: Eine Gruppe Mädchen hatte mich als dumm und hässlich auserkoren und grenzte mich aus, auch mit fiesen Sprüchen über mein Aussehen. Ich war furchtbar unglücklich in dieser Zeit. Ich hatte den Eindruck, dass ich meinen Eltern nicht vertrauen konnte, dass auch sie zu denjenigen gehörten, die sich willkürlich aufgrund von Äußerlichkeiten über andere erheben. Heute würde ich sagen: dass sie Täter*innen sind. So kam es, dass ich ihnen die Lästereien der anderen über mich gar nicht erst anvertraute, alles aushielt. Glücklicherweise endete das Mobbing irgendwann, als die Haupttäterin von der Schule abging – zwei Jahre später.

Außerdem war das Lästern über dicke Menschen Teil der – wie ich heute weiß – gestörten Körperwahrnehmung meiner Eltern, die sich auf mich übertrug. Dank Therapie weiß ich, dass es angesichts des Umgangs mit Essen und Gewicht in meiner Familie wenig verwunderlich ist, dass auch ich zum Ende der Pubertät hin diverse Essstörungen entwickelte, mal 48 und mal 80 Kilo wog. War ich dünn, wurde ich gelobt, war ich ein bisschen dicker, schämte man sich für mich.

Es hat viele Jahre gedauert, bis ich mich von all dem befreit habe.

Also, liebe Eltern, wenn ihr denkt, es sei cool, mit euren Kindern über dicke Menschen zu lästern, dann fasst euch lieber an die eigene Nase. Kinder wollen ihren Eltern gefallen und machen das, was diese von ihnen erwarten. Auch über etwas lachen, was sie sonst vielleicht gar nicht als problematisch oder witzig wahrnehmen würden. Vielleicht fördert das die Nähe zwischen euch. Noch wahrscheinlicher ist aber, dass es euch voneinander entfernt.

10:46

Das Leben der Assata Shakur

Von Sabine Rohlf

Assata Shakur ist die erste Frau auf der Liste der „meistgesuchten Terroristen“ des FBI, für ihre Auslieferung sind zwei Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt. Sie war Mitglied der Black Panther Party und der Black Liberation Army. 1977 wurde sie wegen Mordes an einem Polizisten verurteilt, obwohl die Beweislage mehr als dürftig war. Sechseinhalb Jahre lang war sie in Haft, bevor sie 1979 aus einem Hochsicherheitsgefängnis befreit wurde. Seit 1984 lebt sie als politischer Flüchtling in Kuba.

Was für ein Leben – Shakur schrieb es schon den 1980er-Jahren nieder. 1988 veröffentlichte Assata Shakur ihre Autobiografie in London, 1990 erschien diese erstmals auf Deutsch. Der Laika Verlag bringt sie nun in einer Neuübersetzung und mit einem Vorwort von Angela Davis in die Buchläden. Neu sind auch viele hilfreiche Anmerkungen mit Hintergrundinformationen über Schwarzen Widerstand und Rassismus in den USA.

Assata Shakur © Filmstill, Laika Verlag

Shakurs Erinnerungen beginnen im Krankenhaus, wo sie schwer verletzt nach jener Schießerei lag, die zur Mordanklage führte. Sie war auf einem Highway von der Polizei angehalten worden, die Begegnung endete für ihren Freund Zayd Shakur und einen der Polizisten tödlich. Ein weiterer Polizist und Shakur wurden lebensgefährlich verletzt. Im Vorwort zur Autobiografie schildert Angela Davis, wie sie selbst nach einer Benefizveranstaltung für Assata Shakur in eine Polizeikontrolle geriet und wie riskant diese Situation war. Auch heute sind Schwarze Menschen bei Begegnungen mit der US-Polizei in Lebensgefahr. Was genau in Shakurs Fall geschah, nach der zu diesem Zeitpunkt gefahndet wurde, ist nie endgültig geklärt worden.

In ihrer Autobiografie berichtet Shakur abwechselnd von ihrer Zeit im Gefängnis und vom Leben davor. Sie erzählt von ihrer Kindheit in South Carolina in den 1950ern, als es Strandabschnitte (oder gar keinen Meerzugang) nur für Schwarze, nach „Rassen“ getrennte Schulen, Parkbänke und Toiletten gab. Sie erzählt von ihren Großeltern, die versuchten, sie vor Demütigungen zu beschützen, und von Schwarzen Schulkindern, die sich gegenseitig als „hässliche N*“ beschimpften.

In New York, wo Assata Shakur ihre Jugend verbrachte, war der Rassismus verdeckter, aber nicht weniger grausam. Sie beschreibt die Herablassung durch Lehrer*innen und Chefs, analysiert die Ausschlüsse und Wertungen in Medien, Kultur und Politik und zeigt, nicht zuletzt an sich selbst, internalisierte Gewalt und Selbsthass auf.

Ende der 1960er-Jahre tritt Assata Shakur an der Uni in Kontakt mit der Bürgerrechtsbewegung. In dieser Zeit hört sie auf, sich die Haare zu glätten, und tauscht ihren „Sklavennamen“ Joanne Deborah Byron gegen den selbstgewählten afrikanischen. Sie stößt zur Black Panther Party, für die sie unter anderem an Universitäten aktiv ist, und arbeitet auch mit Kindern aus Schwarzen Communitys. In ihrem Buch legt sie ihre politische Entwicklung und Entscheidungen dar, die sie Anfang der 1970er schließlich in die Illegalität der Black Liberation Army führten.

Die Passagen über ihre Inhaftierung und Prozesse beschreiben einen offen rassistischen Strafvollzug und ein entsprechendes Justizsystem. Misshandlungen, dreckige Zellen, fehlende Gesundheitsversorgung, physische und psychische Quälerei, Schikane. Shakur schreibt über ihre eigene Isolationshaft und über Schwarze Mithäftlinge, die wegen einer Packung geklauter Windeln monatelang eingesperrt wurden. Von gefälschten Beweisen, voreingenommenen Geschworenen und unehrlichen Belastungszeugen bei ihren Prozessen. Sie wurde wegen mehrerer Morde und Banküberfälle angeklagt, die Verfahren wurden entweder eingestellt oder endeten mit einem Freispruch. Wegen des angeblichen Mordes auf dem Highway wurde sie schließlich zu lebenslanger Haft verurteilt.

Assata Shakur: Assata. Eine Autobiografie.
Aus dem Amerikanischen von Jutta Nickel. Laika Verlag, 368 S., 28 Euro

Assata Shakur spricht ihre Leser*innen sehr persönlich an, am Ende der Kapitel finden sich immer wieder Gedichte, in die sie ihre Gewalterfahrungen und Hoffnungen überführte. Sie erzählt anschaulich, präzise, eindrucksvoll, aber immer sachlich. In manchen Punkten bleibt sie allerdings auch vage – ihre spektakuläre Befreiung etwa klammert sie aus. Gründe nennt sie nicht, aber es hat sicher damit zu tun, dass sie kein Märchen erzählt, sondern eine wahre Geschichte. Und dass manche der Beteiligten bis heute gefährdet sind. Wie auch die Verfasserin selbst.

March 23 2017

11:57

„Warum muss ich erst erwachsen werden, um zu erfahren, dass es in der Geschichte auch Frauen gab?“

Von Mareice Kaiser

„Ich lese manchmal in Geschichtsbüchern, weil ich muss, aber alles, was darin steht, ärgert mich entweder oder es langweilt mich. Die Fehden von Päpsten oder Königen und dazu Kriege oder Seuchen auf jeder Seite, die Männer alle zu nichts zu gebrauchen, und fast keine Frauen dabei – das ist furchtbar öde.“ Dieses Zitat von Jane Austen haben Kerstin Lücker und Ute Daenschel ihrem gerade erschienenen Buch „Weltgeschichte für junge Leserinnen“ vorangestellt. Darauf folgen 528 Seiten, die alles andere als öde sind und sich an Erwachsene, vor allem aber an Jugendliche richten. Denn, wie die Autorinnen rhetorisch fragen: „Warum muss ich erst erwachsen werden, um zu erfahren, dass es in der Geschichte auch Frauen gab?“

Die Autorinnen Kerstin Lücker und Ute Daenschel © privat

„Ein Puzzle, in dem viele Teile fehlen“ – so beschreiben sie die Weltgeschichte. Kerstin Lücker und Ute Daenschel haben die „Weltgeschichte für junge Leserinnen“ aufgeschrieben und sich dabei auf die Suche nach bisher fehlenden Puzzleteilen gemacht. Als Grund für die Geschichte(n) ohne Frauen geben sie an, dass Care-Arbeit für sehr lange Zeit und mehr oder weniger auf der ganzen Welt den Frauen überlassen war. Für die Geschichtsschreibung, also für die Kriege und die Gründung von Staaten, neue Religionen und technische Erfindungen waren Männer zuständig – während sich die Frauen um Haushalt, Küche und Kinder kümmerten.

Gleichzeitig gab es aber auch immer sehr viele Frauen, die regierten, in Kriegen kämpften, als Philosophinnen, Schriftstellerinnen oder Ärztinnen arbeiteten. Sie alle kommen wenig bis gar nicht vor in unseren Geschichtsbüchern. Diese Frauen zu erwähnen, widersprach lange Zeit der Ordnung der Welt: „Für das Außergewöhnliche waren die Männer zuständig, für den Haushalt die Frauen.“ Lücker und Daenschel erklären, dass es deshalb immer wieder passierte, dass Männer, die die Ereignisse ihrer Zeit dokumentierten, den Beitrag der Frauen einfach leugneten. So sind Briefwechsel in die Geschichtsbücher eingegangen, in denen ein Teil fehlt. Der weibliche – der männliche wurde publiziert.

In der Geschichte der Proteste gegen den Vietnam-Krieg wird oft unterschlagen, dass sie inspiriert waren vom Women’s Strike for Peace – amerikanische Hausfrauen, die die Initiatorinnen waren. Gelehrt werden meist nur die Studierendenproteste, die es ohne die Frauen wahrscheinlich nicht gegeben hätte. Genauso unterschlagen werden die Frauen, die rund um die Französische Revolution den Vorschlag machten, dass es doch eigentlich heißen müsse: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Schwesterlichkeit“. Der Part der Frauen fällt oft unter den Geschichtsbüchertisch.

Ute Daenschel und Kerstin Lücker: „Weltgeschichte für junge Leserinnen“
Mit Illustrationen von Linda Hüetlin, Verlag Kein & Aber, 528 S., 25 Euro

Kerstin Lücker und Uta Daenschel haben kein Frauenbuch geschrieben. „Wir wollen nicht nur von Frauen und wir können nicht von allen starken, klugen und mutigen Frauen erzählen, auch wenn sie – oft trotz widriger Umstände – großartige Denkerinnen, Künstlerinnen, Herscherinnen waren“, sagen die Autorinnen. Dann wäre eine „Weltgeschichte der Frauen“ dabei herausgekommen. Eine Spezialgeschichte – und damit nicht die Intention der Autorinnen. Sie haben ein Buch geschrieben, in dem Frauen ein ganz selbstverständlicher Teil jener Weltgeschichte sind, die uns alle angeht. Ein Vorbild für alle weiteren Bücher, in denen Geschichte aufgeschrieben werden wird.

 

 

March 22 2017

10:54

Wider den Dualismen

Von Nadine Schildhauer

Elysia Crampton bewegt sich zwischen süd- und nordamerikanischen Welten – sowohl im Geiste als auch im geografischen Sinne. Dass ihr Kopf von den Widersprüchen nicht platzt, mag daran liegen, dass sie dem Weltverständnis der Aimara auf den Grund gehen möchte. Musik dient dabei als Ventil – dort verhandelt sie das Unbewusste, das undefinierte Unbehagen, das erst später in ihr Bewusstsein dringt.

© CTM Festival

Aber von vorn: Elysia Crampton hat nicht immer unter ihrem Namen Musik gemacht. Unter dem Synonym (Moniker) E+E veröffentlichte sie bereits 2005 auf YouTube, SoundCloud und Bandcamp polyrhythmische Soundcollagen, die in ihren Produktionsweisen weitestgehend DIY blieben. Die minimalistisch gehaltenen Keyboard-Produktionen fütterte sie mit glossy R&B-Samples – eine Hommage an ihre vielen Einflüsse. Zudem verpasst sie ihren Songs mit Anleihen von Cumbia und südamerikanischem Metal einen für nordamerikanische und europäische Verhältnisse völlig neuen Sound. Anfang der 2010er-Jahre galt das noch als spacy, heute ist es Zeitgeist und wird von Labels und Kollektiven wie NON, N.A.A.F.I. und Janus gehypet – dieser Sound verändert jetzt die Clubwelt von Mexiko City über London bis Berlin. Allerdings fühlen sich die frühen Songs für die latinx Künstlerin nicht wie ihre eigenen an: So verabschiedete sie sich nicht nur von den Pop-Samples, sondern auch von ihrem Projekt E+E.

Mit ihrem Studioalbum „American Drift“, das sie unter ihrem Namen Elysia Crampton im Jahr 2015 veröffentlichte, gräbt sie in der Geschichte von Virginia sowie in der ihrer Familie nach ihrer Identität. Neben Einflüssen wie bolivianischer Volksmusik, Jazz und psychedelischem Folk auf dem Album untersucht sie die indigenen Bezüge im südamerikanischen Christentum und begibt sich auch in theoretischere Sphären. Sie bezieht sich damit auf einen Essay des Theoretikers Jose Munoz über Braunsein und die Performativität von race. „American Drift“ fächert sich collagenartig auf – Distortion-Ambient, religiöse Predigten von Money Allah, synthetisch-südamerikanische Volksmusik – und bildet damit den wichtigen Zwischenschritt zu „Elysia Crampton Presents: Demon City“ (2016, Break World Records), das sie mit Rabit, Why Be, Lexxi und Chino Amobi aufgenommen hat.

„Demon City“ ist entrückt aus Zeit und Ort: So zieht Elysia Crampton Referenzen zur indigenen Rebellenführerin Bartolina Sisa, die 1782 von spanischen Truppen zerstückelt wurde, und zeichnet im Song „Demon City“ ein dystopisches Soundszenario. Diesen ungreifbaren Stilmix aus Cumbia, Huayno, schweren Bässen, knarzigen Synthies und Gelächter-Samples bezeichnet sie als Severo, eine Musikrichtung, die sich im stetigen Wandel befindet und von Künstler*innen wie Crampton, Chino Amobi und Lexxi vorangetrieben wird. „Demon City“ zollt der Geschichte der Aimara Tribut – ein Werk der Solidarität und ein Akt der Dekolonialisierung – und geht den Weg der Dystopie, um ultimativ Souveränität und Kolonialmacht zu kritisieren. Missy traf die Aimara-amerikanische Künstlerin zum Gespräch.

Du wirst als bolivianisch-amerikanische Künstlerin …
Ich möchte dich zuallerst darum bitten, nicht die Begriffe „bolivianisch-amerikanisch“ zu benutzen, wenn du dich auf mich beziehst. Weder habe ich eine Verbindung mit dem Militärstaat Bolivien, noch habe ich einen bolivianischen Pass, und ich wurde auch nicht in Bolivien geboren – was aber ständig in Artikeln über mich behauptet wird. Meine Familie stammt von Aimara ab, und ich wurde in den USA geboren. Bluts- oder genetisch verwandt bin ich also mit den Aimara, die zu den Native Americans gehören. Native American ist demnach die korrektere Beschreibung.

In einem Interview sagtest du, dass du auch in als futuristisch angepriesener Musik immer noch die koloniale Idee wiederfindest. Was sind diese Elemente des Kolonialen?
Schlussendlich bleibt die binäre Logik der weißen Siedler von Materie vs. Antimaterie, menschlich vs. nicht-menschlich, Ding vs. Lebendiges in ihren Denkstrukturen gefangen und kann nicht außerhalb des Kolonialen denken. Sogar Computer funktionieren mit binärem Code. Natürlich ist es nicht so, dass alles Binäre per se schlecht ist, aber es gibt mehr als das. Die Aimara wertschätzen zwar die Dualität, aber zwei Pole ermöglichen in ihrer Logik auch das intermediäre Dritte. Sie nennen es „taypi“ – die Fähigkeit zu verstehen, dass Widersprüche nebeneinander existieren. Es ist eine Methode, die Realität, in der wir leben, zu verstehen – wo Zukunft und Vergangenheit im Hier miteinander verwoben sind und Materie ins Nichts fließt, verworren in einer Bewegung, die wie Musik oder Tanz ist.
Ein anderes Beispiel: Wir sind es beispielsweise gewohnt, die Vergangenheit als lineare Weg-Zeit-Linie und nicht als einen vollkommen anderen Kosmos unter vielen, neben umstrittenen anderen Universen zu sehen. In der Tradition der Anden sprechen wir stattdessen von „Cosmovision“, was oftmals als Identitätspolitik missverstanden wird, wie das meiste, das nicht in die standardisierte Logik der weißen Vormachtstellung passt.
Um diese Gedanken zurück zur Musik zu führen: Die Sounds, die wir machen, erzählen uns, wie wir die Welt erfahren. Ich habe gelernt, dass Musik eine Kommunikationsform ist, die uns mehr erzählt als normierte Sprachoperationen – meine Musik vermittelt mir kontinuierlich ein neues Verständnis von meiner Verfassung. Als Musikerin ist mir wichtig, dass Menschen verstehen, dass es um viel mehr als die Geräusche geht. Ich produziere ein Kraftfeld, um mit meinen Vorfahren verbunden zu sein, ich höre dem pacha zu, was wir auch „space-time“ nennen.
Sobald der Geist anfängt abzuschweifen und sich der Vorstellungskraft öffnet, werden völlig neue Möglichkeiten offenbart. Wie nicht anders zu erwarten, ist unsere Vorstellungskraft ein sehr wichtiger Teil der Dekolonialisierung – die Fähigkeit, sich das Gegenteilige oder Andere vorzustellen, ist sehr bedeutsam.

Du meintest mal, dass du hässliche Musik machst. Was verstehst du darunter?
Ich glaube, ich habe versucht, das Verlangen auch außerhalb meiner vorhandenen Neigungen und Haltungen, wie zum Beispiel Schreiben, zu artikulieren. Ich habe da besonders an Dinge gedacht, die erst mal schwer zu verdauen bzw. schwer zu lesen sind. Es zahlt sich aus, diesen ersten Moment des Scheiterns, des Nicht-Gefallens auszuhalten. Mit „hässlich“ meine ich eine Form von Schönheit, die nach den gängigen Verständnisstrukturen, die uns dominieren, schwer lesbar ist.

Deine Beschreibungen, wie Geschichte durch deinen Körper fließt, ist sehr bildhaft. Es klingt nicht wie eine sinnbildliche Erfahrung, sondern wie eine tatsächlich körperliche. Wie nimmst du deine Nachforschungen wahr?
Das ist die Schwierigkeit. Wie studierst du etwas, wenn du dich nicht außerhalb platzierst? Du bevorteilst das Sichtbare. Du musst zwar außerhalb stehen, um reinzukommen, aber damit machst du den Gegenstand zum Objekt.

Welche Rolle spielt das „Außerhalbstehen“ und „Den-Gegenstand-zum-Objekt-Machen“ für dich?
Der herbeigesehnte „unumstößliche Bezugspunkt“, die Illusion eines vermeintlich außerhalb seiner Umwelt stehenden, allmächtigen Beobachters, ist für mich natürlich schwer zu verstehen, da ich ja oft einfach auf die andere Seite von diesem Bezugspunkt gestellt werde. Normalerweise bin ich das Objekt, das mit dem hegemonialen Blick, der nach verarbeitbaren Daten sucht, analysiert wird. In dieser Hinsicht habe ich gelernt, mich durch mein Leben zu navigieren – dieses Ding zu sein auf diesem brutalen Marktplatz. Bis zu einem gewissen Grad kann ich diese Außenperspektive aber auch nachvollziehen und zwar von dem Standpunkt einer Person aus, die immer auf einer Art Grenzlinie existiert, da ich aus mehreren Richtungen ausgeschlossen werde. Indem ich als Ausländerin markiert werde, verkörpere ich eine Form von Fremdartigkeit und Transness. Gleichzeitig bin ich aber auch von meiner sogenannten ausländischen Heimat ausgeschlossen. Parodoxerweise eine Zugehörigkeit ohne Zugehörigkeit, sogenannte „Inklusion für Exklusion“ – eine Taktik, die Staaten auf indigene Gruppen anwenden und damit deren Sein determinieren. Traurigerweise argumentieren manche genau mit diesem Schwellenzustand für eine indigene Souveränität – also eine Freiheit außerhalb juristischer Geformtheit. So ist sogar noch das Konzept indigener Souveränität von der Siedlerlogik durchdrungen, um die Natives besser kontrollieren, berauben und eliminieren zu können.
Dieser Schwellenzustand, Insider und Outsider zur gleichen Zeit zu sein, kann sehr erhellend sein, sobald man sich die Widersprüche, die man zunächst nicht versteht, zu eigen macht.
Aber auch ich wünsche mir Klarheit und Wiedergutmachung, auch wenn das vom Projekt ablenkt – ich kann nicht anders, als porös, durchlässig und unvollständig zu sein.

Du betonst die Rolle von Spiritualität, religiöser Erfahrung und Riten. Religiöse Rituale im Christentum erwecken heute oft den Anschein, völlig losgelöst von Spiritualität zu sein. Was ist es, dass dich an Religionen fasziniert?
Ich teile deine Ansicht nicht, dass die Gesten unbedeutend und losgelöst von Erfahrung seien. Je mehr ich nach den Spuren dessen suche, was im Zuge der Kolonialisierung aufgegeben wurde – der Glaube, die Verkörperungen, die Farben, die Klänge, die unterschiedlichen Weisen, zu sehen und Erfahrungen wahrzunehmen –, desto mehr realisiere ich, dass das alles niemals verloren gegangen ist. All dies ist nicht reduzierbar auf die Kolonialisierung, die versucht, es zu bezwingen. All das ist immer noch da, wenn man sehr genau hinschaut, eingeflochten im Gefüge des Hier und Jetzt, eingeflochten in die christlichen Erfahrungen.
Ein Beispiel: Der verrufene Guaman Poma hat dokumentiert, wie Handwerkerinnen aus den Anden von Kolonisatoren dazu gezwungen wurden, christliche Bildhauerkunst und christliche Ikonografie zu fertigen … Das klingt zunächst wie eine standardisierte Form der Unterwerfung. Die widerständigen Handwerkerinnen haben das aber als Gelegenheit genutzt, um ihren scheinbar besiegten Glauben und ihre Praktiken zu bewahren – nur eben versteckt. Anders gesagt: Sie haben Raum für ihren Glauben im Christentum geschaffen. In bestimmter Hinsicht haben sie es so geschafft, die gesamte christliche Welt in das tiefe Andean Universum einzupassen – als eine Überlebens- und Widerstandsstrategie.

Ich erinnere mich an ein Erlebnis, das ich als Kind in der Kirche hatte. Ich glaube, es war in Santa Cruz, ich war fasziniert von einer sehr gewalttätigen Darstellung von Jesus Christus. Ich werde niemals diese Statue vergessen – Jesus am Kreuz, der Körper brutal zugerichtet, mit dem Rücken fast komplett aufgerissen, sodass ganze Wirbel unter den Muskeln freigelegt waren. All das war in einer dreidimensionalen Holzschnitzerei dargestellt.
Später, als Erwachsene, habe ich durch meine Familiengeschichte gelernt, dass das Konzept von Zukunft bei den Aimara nicht als etwas nach vorn Gerichtetes betrachtet oder mit dem Sichtbaren assoziiert wird. Es ist etwas, was die Vergangenheit in sich trägt und mit ihr verbunden bleibt.
Ausgehend von der Andean Perspektive ist Verkörperung ein wichtiges Element, besonders für eine nicht-logozentrische Kultur oder ein Universum, das nicht das geschriebene Wort priorisiert. In der Darstellung von Christus habe ich also den verwüsteten indigenen Körper gesehen – ihre Zukunft aufgerissen, wie eine Wunde, eine Bürde, die ihr Universum zeigt, das in dieser Welt versteckt ist – markiert auf dem Körper von Gott.

Hast du Angst, dass indigene Musik vom Mainstream vereinnahmt werden könnte?
Ehrlich gesagt wäre ich sehr froh, wenn Musikrichtungen wie Tarqueada oder Huayno bekannter und auch in nordamerikanischen Pop-Radiostationen zu hören wären. Hören das überhaupt noch Leute? Das würde bedeuten, dass indigene Künstler*innen mehr Aufmerksamkeit und bessere Arbeit erhalten. Vielleicht würden die Leute so darauf aufmerksam werden, wie die Menschen an Orten wie Bolivien und Peru leben.

March 21 2017

10:49

Meine Hater und ich

Von Olja Alvir

Mittlerweile ist es nur mehr Faszination und ein fast wissenschaftliches Interesse, das meine Hater bei mir auslösen. Als Frau, die in der Öffentlichkeit steht, ihre Meinung publiziert und auch noch streitbare beziehungsweise radikale Positionen vertritt, bin ich selbstverständlich Ziel unzähliger -istischer Attacken.

„Meine Meinung ist nämlich, dass dein menschenverachtender Dreck auf meinem Profil nichts verloren hat.“ © Tine Fetz

Im Laufe der Jahre probierte ich viele verschiedene Strategien aus, um den Hass im Netz zu bewältigen. Ich sammelte Screenshots, um darauf aufmerksam zu machen, was für entsetzliche Nachrichten Frauen im Internet bekommen. Ich tauschte mich mit anderen Betroffenen über die Härte, die Absurdität und die übertriebene Intensität der Hassnachrichten aus. Ich mied die Foren und Kommentarsektionen unter meinen Artikeln, da sie vor Attacken und Vorurteilen nur so trieften. Ich redete zurück – und wie ich das tat! Zunächst sanft und ironisch, unnahbar. „Entlarvend“ und „vielsagend“ schrieb ich über die Kommentare der Hater. Dann wurde ich direkter, härter, strenger. Zuletzt schimpfte ich nur mehr zurück (und erfand dabei mein Lieblingsschimpfwort „Kackkopf“). Wenn die sich nicht zurückhalten, warum sollte ich es dann tun? I tried it all.

Vor ein paar Monaten bin ich dazu übergegangen, Hassnachrichten so weit wie möglich auszublenden (auf Twitter beispielsweise kann eins die Notifications gut filtern) und das Management verschiedener Kanäle, über die sie kommen, outzusourcen. Ich habe keine Energie mehr für all diesen Scheiß und ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, warum ich mich weiter diesem Hass aussetzen sollte. Ich und meine Social-Media-Hilfe löschen nun Hassnachrichten weitestgehend ungelesen. Auf meinem Facebook-Profil etwa wird sofort alles entfernt, was angriffig ist. Das ist mein Profil, ich bestimme, was da publiziert wird, und ich bin in keinster Weise dazu verpflichtet, irgendwelchen Hatern eine Plattform zu bieten. Nein, auch nicht im Sinne der „Meinungsfreiheit“. Meine Meinung ist nämlich, dass dein menschenverachtender Dreck auf meinem Profil nichts verloren hat.

Ich bekomme allerdings den Eindruck, dass die Nachrichten insgesamt weniger werden, seitdem ich überhaupt nicht mehr darauf reagiere. Wahrscheinlich ziehen die Angreifer einfach weiter, zu anderen Frauen, die mehr interagieren oder Reaktionen zeigen – auch nicht optimal. Doch ein paar hartnäckige, lästige Männer bleiben, sie beobachten alle Profile und lesen jedes Wort, das ich von mir gebe, und über Wochen und Monate schicken sie mir über verschiedenste Kanäle ihre immer strafrechtlich relevanter werdenden Beschimpfungen und Drohungen. Manche scheinen komplett durchzudrehen, wenn sie gar keine Aufmerksamkeit von ihrem Opfer bekommen; und ihre unbeantworteten Nachrichten, so ganz alleine für sich und für sie stehend, strahlen eine gewisse Tragikomik aus.

Ich käme ja nie auf die Idee, derart große Portionen meiner Lebenszeit, so viel Kraft und vor allem auch Nerven auf jemanden zu verschwenden, den oder die ich derart hasse. Und das hat mich zum Nachdenken gebracht: Ist euch schon mal aufgefallen, wie Männer fürs Attackieren bekannter Frauen immer belohnt werden? Wenn es Wirbel um bekannte Frauen gibt, steigen irgendwelche Typen auf den Harassment-Zug auf und profitieren von der resultierenden Bekanntheit. Das beste Beispiel ist wohl Milo Yiannopoulos, der zwar in einschlägigen Kreisen bereits berühmt/berüchtigt war, doch seinen Weltruhm erst durch Attacken gegen die „Ghostbusters“-Schauspielerin Leslie Jones erlangte. Er mag zwar von Twitter geschmissen worden sein und dies und das, aber in einer Mediengesellschaft ist Bekanntheit und Aufmerksamkeit, äh – bekanntlich – alles.

Das alles ist kein Zufall, sondern Strategie und Modus Operandi im Patriarchat. Das Bild, das Online-Hater armselige Gestalten seien, die „kein Leben haben“ – etwas, was ich selbst lange dachte –, stimmt so nicht. Nein, das ist einfach ihr Leben, integraler Bestandteil ihres Lebens. Es zahlt sich karriere- und bekanntheitstechnisch für sie aus; nicht zu schweigen vom sozialen Kapital, das im Patriarchat und in gewissen Kreisen durch aggressives Haten angesammelt wird.

Wie nun aus dem Kreislauf ausbrechen, ohne auf wichtige Gegenrede zu verzichten? Wie können wir diesem Verhalten entgegentreten, ohne Präsenzen und Karrieren zu fördern? Ich überlege schon länger, ob eine Art von „no-platforming“ hier vielleicht sinnvoll wäre – über das Phänomen zu sprechen, nicht über Einzelne (auch deshalb habe ich in diesem Text absichtlich auf Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum verzichtet). Mit den Hatern zu diskutieren ist erwiesenermaßen sinnlos und unterfüttert zudem meist nur ihr Narrativ.

Vielleicht lässt sich der Spieß sogar umdrehen? Ich muss ja zugeben, eine klitzekleine Genugtuung ist es schon, wenn derart viele Menschen tagein, tagaus über eine nachdenken. I live rent free inside your head. Auch wenn es ein Kackkopf ist – wie gesagt, Präsenz ist alles.

March 30 2017

10:04

Eine Hülle von Film

Von Thi Yenhan Truong

Realverfilmungen von Animationen sind in Hollywood en vogue: Praktisch alle Disney-Filme werden derzeit mit Schauspieler*innen und allerhand Spezialeffekten umgesetzt. Jetzt war „Ghost In The Shell“ dran: Vorlage ist der Anime von 1995, der wiederum auf einem Manga von Masamune Shirow basiert. Bereits vor dem Kinostart des neuen Films gab es zahlreiche Kontroversen, als bekannt wurde, dass Scarlett Johansson die Hauptrolle des „Major“ übernehmen würde. Doch der Reihe nach.

Scarlett Johansson in der Hauptrolle als „Major“. © 2017 PARAMOUNT PICTURES

„Ghost In The Shell“ spielt in einer nicht genauer definierten Zukunft, in der die Technik so weit fortgeschritten ist, dass Menschen ihren Körper durch künstliche Organe und Gliedmaßen optimieren können. Alles ist miteinander vernetzt – eingeschlossen der eigene Körper, mit dem man bequem telepathisch kommunizieren kann. Die Handlung setzt an mit der Verpflanzung einer Seele, eines sogenannten „Ghost“, in eine künstliche Hülle, „the Shell“. Der Major, gespielt von Johansson, ist die Erste ihrer Art. Sie ist die ultimative Waffe, ein gelungenes Experiment, das perfekte Wesen aus menschlichem Geist und künstlicher Maschine. Gemeinsam mit den Verantwortlichen von Sektor 9 und ihrem Kollegen Batou versucht sie, einen geheimnisvollen Hacker dingfest zu machen, der sich in die künstlich erweiterten Menschen einhackt, in seine Kontrolle bringt und tötet.

Aus erzählerischer Sicht ist die Hollywoodverfilmung des Anime eher enttäuschend. Das japanische Original stellt wichtige Fragen zur menschlichen Existenz: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Was ist Bewusstsein? Welche Macht haben Daten, und wann kann man von einem Bewusstsein bei Maschinen sprechen? Doch anstatt sich diesen Themen zu widmen und sie mit dem Wissen von heute umzusetzen, erhalten die Zuschauer*innen nur eine bedeutungslose Hülle von einem Film. Trotz gut eingesetzter 3D-Effekte und eines interessanten Set-Designs schafft die Neuverfilmung das Kunststück, actiongeladener und zugleich langweiliger zu sein als sein Anime-Vorgänger.

Wir sehen die typische monochrome Ästhetik zeitgenössischer Superheld*innenfilme, eine Art Origin-Story, die so schon gefühlte tausend Mal erzählt wurde. Der Plot ist verflacht, die Dialoge erklären den Zuschauer*innen ein bisschen zu explizit, was passiert und wie sie darauf zu reagieren haben. Aus einem philosophischen Gedankenexperiment über die Konsequenzen fortschreitender Technologisierung für die Menschheit wird eine öde Nabelschau, gepaart mit einem wenig spannenden „Who done it“-Krimiplot.

Dass der Film nicht besonders gut ist, ist aber noch nicht einmal das Problematischste. Viel schwerer wiegt das Whitewashing. Schon im Vorfeld waren die Proteste groß: Der Charakter des Major wird von einer weißen Frau gespielt, die gesamte Umgebung ist aber dank Architektur und Schriftzeichen klar als futuristisches Japan zu erkennen. Johansson trägt eine schwarze Perücke, ihr Make-up wurde derart gestaltet, dass sie „asiatischer“ aussieht. Man kann getrost von Yellowfacing sprechen.

Alle „echten“ asiatischen Figuren sind Nebendarsteller*innen oder dekoratives Beiwerk. Besonders schlimm trifft es die Frauen: Bis auf eine im letzten Drittel des Films gibt es keine einzige Asiatin mit einer Sprechrolle. Und das in einem klar als asiatisch erkennbaren Universum. Asiatinnen sind entweder stumme Stripperinnen, Passantinnen oder Geisha-Bots, die Männer bedienen – frei nach der Devise: weibliche Kick-Ass-Charaktere ja, aber nur, wenn sie weiß sind. Den Film als feministisches Werk zu verstehen klappt nur, wenn man sich auf weißen Feminismus beschränkt.

Als wäre das nicht schlimm genug, eliminiert der Film asiatische Existenzen regelrecht und macht dies zu einem Teil des Plots (Achtung, Spoiler): Am Ende entdeckt der Major, wer sie einst war – eine japanische Anarchistin namens Motoko Kusanagi, die entführt und in einem Experiment eines bösen Konzerns zum Major gemacht wurde. Wenn man die Prämisse des Films konsequent durchdenkt, ist der Subtext atemberaubend rassistisch: Einer asiatischen Frau werden Körper und Identität weggenommen, sie wird missbraucht. Das Ergebnis des Frankenstein-Experiments ist der Major: der perfekte Cyborg. Die Hülle für dieses ideale Wesen ist eine weiße Frau. Das heißt im Umkehrschluss, dass der asiatische Körper mangelhaft ist. Und Motoko ist nicht die Einzige, die eine Weißwaschkur erhält (Achtung, Spoiler): Ihr Freund Hideo, natürlich ein Japaner, ist ein fehlgeschlagenes Experiment – und seine „Shell“ lilienweiß.

Ghost In The Shell US 2017. Regie: Rupert Sanders. Mit: Scarlett Johansson,  Takeshi Kitano, Juliette Binoche, Michael Pitt, Pilou Asbæk, Kaori Momoi u.a., 106 Min., Kinostart: 30.03.

Ob der Film erfolgreich sein wird und Scarlett Johansson die Star-Power besitzt, um einen Kassenschlager zu produzieren (weswegen sie überhaupt gecastet wurde), muss sich noch zeigen. Aber man kann fast froh sein, dass für dieses eher mäßige Werk mit einer Extraportion Rassismus keine asiatischen Schauspielerinnen verbrannt wurden.

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March 29 2017

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11:09

Normierte Körper

Von Lisa-Marie Davies

Das Buch aus der Reihe „Geschlechterdschungel“ im Unrast Verlag setzt sich mit der Diskriminierungskategorie „Lookismus“ auseinander. Anhand von Merkmalen wie Körpergröße, Gewicht oder sichtbaren Behinderungen zeigen die Autor*innen auf, wie sehr Menschen in unserer Gesellschaft abgewertet werden, wenn ihr Aussehen von der – vermeintlich gültigen – Norm abweicht. Deutlich wird auch, dass Lookismus immer auch mit anderen Diskriminierungskategorien wie „Hautfarbe“, Geschlechtszugehörigkeit oder Klasse betrachtet werden muss. Exemplarisch wird dies am Beispiel von Mode: Das Tragen von gebrauchter Kleidung oder von Kleidung vom Discounter (Stichwort: Jogginghose) kann bei dicken Personen die Zuschreibung „arm“ verstärken – und damit auch deren Ausgrenzung und Diskriminierung.

© Kathrin Tschirner

Anhand zahlreicher persönlicher Beispiele und Erzählungen in den Beiträgen wird deutlich, wie Lookismus wirkt und wie unterschiedliche äußere Körpermerkmale dazu führen, dass Menschen diskriminiert werden. So berichtet beispielsweise die Bloggerin und Missy-Magazine-Redakteurin Hengameh Yaghoobifarah davon, wie sie in der Schule als Kind aufgrund ihres Aussehens von ihren Mitschüler*innen beleidigt wurde und was dies mit ihr gemacht hat. Der Songtext „Schönheitsideale“ der HipHop-Artistin FaulenzA beschreibt, wie Normen in Bezug auf das Aussehen bei Menschen jenseits der Zweigeschlechtlichkeit wirken.

Doch das Buch macht auch Mut: Einige Autor*innen zeigen, wie sie selbst mit Diskriminierung umgehen, etwa indem sie sich mit anderen zusammenschließen, die aufgrund von Lookismus abgewertet werden. Auch werden verschiedene Empowerment-Konzepte vorgestellt. So hat etwa die Fat-Empowerment-Bewegung, die in den 1970ern in den USA entstanden und um die 2000er-Jahre in Deutschland angekommen ist, dazu beigetragen, dass sich auch hier viele feministische Gruppen explizit mit der Diskriminierung von Dicken und der Schönheitsindustrie auseinandersetzen. Für mehr Akzeptanz des eigenen Körpers plädiert auch die Body-Positivity-Bewegung. Beide Strömungen sind vor allem online präsent, etwa in Form von Blogs.

Lea Schmid/Darla Diamond/Petra Pflaster (Hg.) „Lookismus: Normierte Körper – Diskriminierende Mechanismen – (Self-)Empowerment“
Unrast Verlag, 80 S., 7,80 Euro

Zugleich kritisieren die Autor*innen, dass es innerhalb linker Zusammenhänge häufig zu Gegennormen komme, die zwar einen guten Ansatz verfolgen, aber selbst auch  diskriminierend wirken, wenn Menschen aufgrund ihres Aussehens nicht „hineinpassen“. Und auch wenn man nach außen hin von herrschenden Schönheitsnormen befreit wirkt – viele hinterfragen ihr Äußeres weiterhin ständig oder machen heimlich Diäten. Hier helfe den Autor*innen zufolge nur gegenseitige Offenheit und Stärkung untereinander.

Die Lektüre bietet mehr als nur eine gute und lesenswerte Einführung in das Thema. Vielmehr wird deutlich, warum es eine Diskussion um und Kritik an Lookismus braucht, der bislang auch in feministischen Zusammenhängen oft nur eine untergeordnete Rolle spielt.

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March 28 2017

10:37

Familienduell im Lehrerzimmer

Von Amelia Umuhire

Disclaimer:
Im folgenden Text taucht das N-Wort unzensiert auf. Ich wurde selten davor verschont, es in seiner hässlichen Fülle zu hören, und bin davon überzeugt, dass es in einem Text, in dem es um die Wirkung des Wortes geht, zu erkennen sein sollte.

Es ist Donnerstagabend und eine sehr gute Freundin ist zu Besuch. Wir trinken und rauchen und kommen durch ein Gespräch über Kinder auf unsere unterschiedlichen Kindheiten zu sprechen. Plötzlich fragt sie mich, wann ich das erste Mal in meinem Leben das Wort „Neger“ oder „Nigger“ zu hören bekommen habe. Ich freue mich über die Frage und bin gleichermaßen verblüfft, da es tatsächlich das erste Mal ist, dass sie mir jemand stellt. Auf der Suche nach einer Antwort gehe ich in meinem Kopf verschiedene Szenen aus meiner Kindheit durch.

Durch die Zusammenwirkung von Kontext, Intention und Reaktion bekommt das Wort viel Gewicht. © Tine Fetz

Ich erinnere mich an einen meiner ersten Schultage in Deutschland, als David Blüma in der Pause vor mir steht und mir seinen Mittelfinger ins Gesicht hält, während er gleichzeitig einen affenähnlichen Tanz vorführt. Doch streng genommen zählt dieser Vorfall nicht, da er das Wort nie ausspricht. Auch wenn die Kombination aus Tanz und Mittelfinger dazu führt, dass ich mich zum ersten Mal wie einer fühle.

Nach und nach erinnere ich mich an ähnliche Ereignisse und gehe sie wie bei einer erfolgreichen Google-Suche nach Relevanz durch. Dabei sind die Kategorien, die zur Einschätzung und Einstufung der Relevanz dienen, Kontext, Intention und Reaktion.

Denn wenn dem großen, vermutlich Basketball spielenden Weißen, der beim RZA-Konzert neben dir steht, beim Mitsingen des Textes seines vermeintlichen Lieblingsrappers das Wort entgleitet, ist seine Intention nicht unbedingt böse und deine Freunde werden so tun, als hätten sie es nicht gehört. Und selbst wenn du darauf bestehst, ihn darauf aufmerksam zu machen, so wird er auf dein Naserümpfen hin seine Hände hochhalten und sich ungefähr so entschuldigen, wie man sich entschuldigt, wenn man jemanden auf der Straße anrempelt.

Ein Fall wie das des mitsingenden, vielleicht Basketball spielenden, weißen Typen taucht auf ca. Seite 14 der Suchergebnisse auf. Doch weiter vorne finde ich ein weiteres Ereignis, das veranschaulicht, wie eine Situation aussehen kann, in der die Zusammenwirkung von Kontext, Intention und Reaktion die Wirkung des Wortes in die Höhe schießen lässt. Ein Rassismus-Kopfstoß, wenn du so willst.

Diesmal auf dem Gymnasium. Ich laufe also eines Tages kichernd mit meinen Freundinnen den Flur entlang, als sich Paul Galesch, ein Klassenclown, der regelmäßig seine Intelligenz und Langeweile erfolgreich in Grausamkeit umwandelt, vor mich stellt und mir LENOR ins Gesicht schreit. Ich verstehe nicht, was er damit sagen will, und meine ausbleibende Empörung veranlasst ihn dazu, mir die Bedeutung jetzt in einer leiseren, aber immer noch sehr klaren Stimme zu erläutern. Leib Eigener Neger Ohne Rechte.

Meine Freundinnen schütteln mit dem Kopf und schauen erst mich und dann ihn mit einer abwechselnden Mischung aus Empörung und Scham an. Wir alle wollen aus unterschiedlichen Gründen nicht weiter darüber sprechen, also wechseln wir peinlich berührt das Thema.

Eine Reaktion, die ich noch öfter in Kombination mit besoffenen, aggressiven und dadurch scheinbar unweigerlich rassistischen Männern an Karneval und anderen größeren Veranstaltungen erleben werde. Nach der Pause hängt mir das Ganze dennoch nach. Ich beschließe, es zu melden und dabei strategisch vorzugehen.

Ich gehe zu Frau Wolther, der linken Pädagogik-Lehrerin meines Vertrauens, die sich oft und auch unaufgefordert als 68er-Feministin bezeichnet. Sie ist eine von den Lehrer*innen, die mir auf sehr unterschiedliche Weise das Gefühl geben, dass ich Potenzial habe.

Manchmal schreibt sie mir sehr detailliertes und ermunterndes Feedback unter eine gute Klassenarbeit und lobt meine „flotte Schreibe“. Und manchmal, da steht sie während des Sportfests ohne ersichtlichen Grund am Feldrand und prophezeit mir oder (wie sie liebevoll zu sagen pflegt) der „schwarzen Gazelle“ lautstark Rekordläufe.

Als ich also bei Frau Wolther ankomme und ihr von meinem American-History-X-Moment in der Pause erzähle, reagiert sie zunächst so, wie ich es mir erhofft habe. Sie lässt Paul mithilfe einer mysteriösen Durchsage aus der Klasse rufen und schon nach wenigen Minuten stehen wir drei etwas unbeholfen im Flur vor dem Lehrerzimmer. Es ist peinlich ruhig.

Sie fordert ihn auf sich zu entschuldigen und schafft es dabei, nie auszusprechen, was er eigentlich gesagt hat. Und er gibt mir, ohne jegliche Anzeichen von Widerwillen, die Hand und entschuldigt sich dafür, dass er mich beleidigt hat.

Die von mir als weiße Whoopi Goldberg völlig fehlbesetzte Frau Wolther schweigt zu der besonderen Schwere der Beleidigung. Ich werfe ihr einen leicht enttäuschten Blick zu, der sie wie erhofft sichtbar unter Druck setzt. Sie geht leicht in die Knie und diese neue Position macht, dass ich kaum bemerke, wie ihre Stimme eine kindliche Färbung bekommt.

„Und das nächste Mal wenn so etwas passiert, nennst du ihn einfach Kalkeimer …“ Ich stocke. Nach einer sehr kurzen Pause und in einem Ton, als beantworte sie eine Familienduell-Frage, fügt sie noch hastig hinzu:

„… oder Toastbrot.“

March 27 2017

10:00

Internet killed the Fernsehsucht

Von Brigitte Theißl

Süchtig nach „World of Warcraft“, Face­book und Instagram? Verschiedene wissenschaftliche Studien legen nahe, dass Internetabhängigkeit eine ernst zu nehmende Suchterkrankung ist. In Deutschland soll fast jede*r zehnte Jugendliche das Netz zu intensiv und in problematischer Weise nutzen, ein Prozent süchtig sein.

Jungen trainieren mit Computerspielen ihre Motorik-Skills, Mädchen mit Selfies und Drama ihren Narzissmus. © Shutterstock/Dragana Gordic

Worauf sich die Sucht konkret bezieht, daran scheiden sich die Geister – beziehungsweise auch die Geschlechter: Jungs verlieren sich in den Welten der Onlinerollenspiele, Mädchen verbringen besonders viel Zeit in sozialen Netzwerken wie Facebook, so die Studienergebnisse. Oder wie es eine Journalistin der „Welt“ formuliert: „Mädchen wollen quatschen, Jungs schießen“. Und da beginnt sie, die Welt der Geschlechterstereotype, der Ab- und Bewer­tungen des Onlineverhaltens.

Wenn Mädchen sich in einem sozialen Netzwerk be­wegen, sind sie verzweifelt auf der Suche nach Bestätigung, kultivieren ihren Narzissmus mit täglichem Selfie und unterhalten sich im Facebook-Chat mit Freundinnen über den neuesten Schwarm. Jungs hingegen messen sich mit den Geschlechtsgenossen und präzisieren ihre (virtuellen) kriegerischen Fähigkeiten. Wie durch Gaming die Konzentration geschärft oder motorische Skills trainiert werden, damit warten Forscher*innen sogleich auf. Bei Mädchenkram wird erst gar nicht danach gefragt – Beziehungen unter Mädchen und Frauen können schließlich nicht produktiv sein!

Brigitte Theißl ist Journalistin und Redakteurin des Magazins „an.schläge“. Sie bloggt auf denkwerkstattblog.net.

Aber auch klassenspezifische Diagnosen geistern durch die Medien. Zwar wird die sogenannte „digitale Demenz“ von zahlreichen Wissenschaftler*innen als Mythos bezeichnet, ein deutscher Hirnforscher behauptet aber hartnäckig, zu frühe Internetnutzung mache „dumm“. In einem Dokumentarfilm über die umstrittene Diagnose pries ein US-amerikanischer Psychologe die Vorzüge des guten alten Buchs und der Handschrift – und wetterte gegen die „Tablet-Kids“. Diese würden heute nicht mehr vor den Fernseher gesetzt, ihnen würde von den verantwortungslosen Eltern einfach ein Smartphone oder ein Tablet in die Hand gedrückt werden.

Vermutlich wird es nicht mehr lange dauern, bis sich Offline-Sein als gutbürgerliches Distinktionsmerkmal etabliert hat: Papa packt in der Straßenbahn bewusst die gedruckte „FAZ“ aus und reicht Waldorf-Sohnemann die Pocket-Schiefertafel. Darauf ließe sich doch prima ein Schlachtplan für das nächste Kriegsspiel entwerfen.

Der Text erschien zuerst in Missy  Magazine 02/17.

March 24 2017

12:55

Fat-Shaming führt nicht zum Bonding, sondern zu Essstörungen

Von Nike Hohenstein

In der Elternzeitschrift „Nido“ behauptete ein Autor, es sei förderlich für die Bindung zu seinem Kind, gemeinsam über Dicke zu lästern. Als das diskriminierende Verhalten in den sozialen Medien skandalisiert wurde, gab es eine schwammige Stellungnahme von der „Nido“-Redaktion: Man sei ja nicht für Bodyshaming zu haben. Na ja. Oder doch.

© Shutterstock/Iakov Filimonov

Mich erinnerte das Verhalten des Autors an meine eigenen Eltern. Leider.

In meiner Familie war – und ist – Dicksein ein No-go. Mein Vater war als Jugendlicher und junger Erwachsener Leichtathlet und sein ganzes Leben durchtrainiert. Weil er wahnsinnig gern und viel Schokolade aß, wurde am Wochenende exzessiv trainiert. Meine Mutter ist eine Jo-Jo-Diätkandidatin, die ihr ganzes Leben zwischen Konfektionsgröße 34 und 40 pendelt, dabei 40 für übergewichtig hält und sichtlich stolz ist, wenn ihr die kleinste Größe von der Hüfte rutscht.

Lästern über Dicke gehörte bei uns zum Alltag. Wir kommentierten untereinander die Figur anderer Menschen. Dann haben wir gemeinsam „Iiieh“ gerufen und gelacht.

Die Bindung zwischen mir und meinen Eltern festigte das gemeinsame Lästern nicht, das Gegenteil war der Fall. Ehrlich gesagt nervte mich schon damals – da war ich vielleicht 10 oder 11 Jahre alt –, wie fies meine Eltern über Menschen sprachen, die sie überhaupt nicht kannten. Ich war zu diesem Zeitpunkt nämlich selbst von Mobbing in der Schule betroffen: Eine Gruppe Mädchen hatte mich als dumm und hässlich auserkoren und grenzte mich aus, auch mit fiesen Sprüchen über mein Aussehen. Ich war furchtbar unglücklich in dieser Zeit. Ich hatte den Eindruck, dass ich meinen Eltern nicht vertrauen konnte, dass auch sie zu denjenigen gehörten, die sich willkürlich aufgrund von Äußerlichkeiten über andere erheben. Heute würde ich sagen: dass sie Täter*innen sind. So kam es, dass ich ihnen die Lästereien der anderen über mich gar nicht erst anvertraute, alles aushielt. Glücklicherweise endete das Mobbing irgendwann, als die Haupttäterin von der Schule abging – zwei Jahre später.

Außerdem war das Lästern über dicke Menschen Teil der – wie ich heute weiß – gestörten Körperwahrnehmung meiner Eltern, die sich auf mich übertrug. Dank Therapie weiß ich, dass es angesichts des Umgangs mit Essen und Gewicht in meiner Familie wenig verwunderlich ist, dass auch ich zum Ende der Pubertät hin diverse Essstörungen entwickelte, mal 48 und mal 80 Kilo wog. War ich dünn, wurde ich gelobt, war ich ein bisschen dicker, schämte man sich für mich.

Es hat viele Jahre gedauert, bis ich mich von all dem befreit habe.

Also, liebe Eltern, wenn ihr denkt, es sei cool, mit euren Kindern über dicke Menschen zu lästern, dann fasst euch lieber an die eigene Nase. Kinder wollen ihren Eltern gefallen und machen das, was diese von ihnen erwarten. Auch über etwas lachen, was sie sonst vielleicht gar nicht als problematisch oder witzig wahrnehmen würden. Vielleicht fördert das die Nähe zwischen euch. Noch wahrscheinlicher ist aber, dass es euch voneinander entfernt.

10:46

Das Leben der Assata Shakur

Von Sabine Rohlf

Assata Shakur ist die erste Frau auf der Liste der „meistgesuchten Terroristen“ des FBI, für ihre Auslieferung sind zwei Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt. Sie war Mitglied der Black Panther Party und der Black Liberation Army. 1977 wurde sie wegen Mordes an einem Polizisten verurteilt, obwohl die Beweislage mehr als dürftig war. Sechseinhalb Jahre lang war sie in Haft, bevor sie 1979 aus einem Hochsicherheitsgefängnis befreit wurde. Seit 1984 lebt sie als politischer Flüchtling in Kuba.

Was für ein Leben – Shakur schrieb es schon den 1980er-Jahren nieder. 1988 veröffentlichte Assata Shakur ihre Autobiografie in London, 1990 erschien diese erstmals auf Deutsch. Der Laika Verlag bringt sie nun in einer Neuübersetzung und mit einem Vorwort von Angela Davis in die Buchläden. Neu sind auch viele hilfreiche Anmerkungen mit Hintergrundinformationen über Schwarzen Widerstand und Rassismus in den USA.

Assata Shakur © Filmstill, Laika Verlag

Shakurs Erinnerungen beginnen im Krankenhaus, wo sie schwer verletzt nach jener Schießerei lag, die zur Mordanklage führte. Sie war auf einem Highway von der Polizei angehalten worden, die Begegnung endete für ihren Freund Zayd Shakur und einen der Polizisten tödlich. Ein weiterer Polizist und Shakur wurden lebensgefährlich verletzt. Im Vorwort zur Autobiografie schildert Angela Davis, wie sie selbst nach einer Benefizveranstaltung für Assata Shakur in eine Polizeikontrolle geriet und wie riskant diese Situation war. Auch heute sind Schwarze Menschen bei Begegnungen mit der US-Polizei in Lebensgefahr. Was genau in Shakurs Fall geschah, nach der zu diesem Zeitpunkt gefahndet wurde, ist nie endgültig geklärt worden.

In ihrer Autobiografie berichtet Shakur abwechselnd von ihrer Zeit im Gefängnis und vom Leben davor. Sie erzählt von ihrer Kindheit in South Carolina in den 1950ern, als es Strandabschnitte (oder gar keinen Meerzugang) nur für Schwarze, nach „Rassen“ getrennte Schulen, Parkbänke und Toiletten gab. Sie erzählt von ihren Großeltern, die versuchten, sie vor Demütigungen zu beschützen, und von Schwarzen Schulkindern, die sich gegenseitig als „hässliche N*“ beschimpften.

In New York, wo Assata Shakur ihre Jugend verbrachte, war der Rassismus verdeckter, aber nicht weniger grausam. Sie beschreibt die Herablassung durch Lehrer*innen und Chefs, analysiert die Ausschlüsse und Wertungen in Medien, Kultur und Politik und zeigt, nicht zuletzt an sich selbst, internalisierte Gewalt und Selbsthass auf.

Ende der 1960er-Jahre tritt Assata Shakur an der Uni in Kontakt mit der Bürgerrechtsbewegung. In dieser Zeit hört sie auf, sich die Haare zu glätten, und tauscht ihren „Sklavennamen“ Joanne Deborah Byron gegen den selbstgewählten afrikanischen. Sie stößt zur Black Panther Party, für die sie unter anderem an Universitäten aktiv ist, und arbeitet auch mit Kindern aus Schwarzen Communitys. In ihrem Buch legt sie ihre politische Entwicklung und Entscheidungen dar, die sie Anfang der 1970er schließlich in die Illegalität der Black Liberation Army führten.

Die Passagen über ihre Inhaftierung und Prozesse beschreiben einen offen rassistischen Strafvollzug und ein entsprechendes Justizsystem. Misshandlungen, dreckige Zellen, fehlende Gesundheitsversorgung, physische und psychische Quälerei, Schikane. Shakur schreibt über ihre eigene Isolationshaft und über Schwarze Mithäftlinge, die wegen einer Packung geklauter Windeln monatelang eingesperrt wurden. Von gefälschten Beweisen, voreingenommenen Geschworenen und unehrlichen Belastungszeugen bei ihren Prozessen. Sie wurde wegen mehrerer Morde und Banküberfälle angeklagt, die Verfahren wurden entweder eingestellt oder endeten mit einem Freispruch. Wegen des angeblichen Mordes auf dem Highway wurde sie schließlich zu lebenslanger Haft verurteilt.

Assata Shakur: Assata. Eine Autobiografie.
Aus dem Amerikanischen von Jutta Nickel. Laika Verlag, 368 S., 28 Euro

Assata Shakur spricht ihre Leser*innen sehr persönlich an, am Ende der Kapitel finden sich immer wieder Gedichte, in die sie ihre Gewalterfahrungen und Hoffnungen überführte. Sie erzählt anschaulich, präzise, eindrucksvoll, aber immer sachlich. In manchen Punkten bleibt sie allerdings auch vage – ihre spektakuläre Befreiung etwa klammert sie aus. Gründe nennt sie nicht, aber es hat sicher damit zu tun, dass sie kein Märchen erzählt, sondern eine wahre Geschichte. Und dass manche der Beteiligten bis heute gefährdet sind. Wie auch die Verfasserin selbst.

March 23 2017

11:57

„Warum muss ich erst erwachsen werden, um zu erfahren, dass es in der Geschichte auch Frauen gab?“

Von Mareice Kaiser

„Ich lese manchmal in Geschichtsbüchern, weil ich muss, aber alles, was darin steht, ärgert mich entweder oder es langweilt mich. Die Fehden von Päpsten oder Königen und dazu Kriege oder Seuchen auf jeder Seite, die Männer alle zu nichts zu gebrauchen, und fast keine Frauen dabei – das ist furchtbar öde.“ Dieses Zitat von Jane Austen haben Kerstin Lücker und Ute Daenschel ihrem gerade erschienenen Buch „Weltgeschichte für junge Leserinnen“ vorangestellt. Darauf folgen 528 Seiten, die alles andere als öde sind und sich an Erwachsene, vor allem aber an Jugendliche richten. Denn, wie die Autorinnen rhetorisch fragen: „Warum muss ich erst erwachsen werden, um zu erfahren, dass es in der Geschichte auch Frauen gab?“

Die Autorinnen Kerstin Lücker und Ute Daenschel © privat

„Ein Puzzle, in dem viele Teile fehlen“ – so beschreiben sie die Weltgeschichte. Kerstin Lücker und Ute Daenschel haben die „Weltgeschichte für junge Leserinnen“ aufgeschrieben und sich dabei auf die Suche nach bisher fehlenden Puzzleteilen gemacht. Als Grund für die Geschichte(n) ohne Frauen geben sie an, dass Care-Arbeit für sehr lange Zeit und mehr oder weniger auf der ganzen Welt den Frauen überlassen war. Für die Geschichtsschreibung, also für die Kriege und die Gründung von Staaten, neue Religionen und technische Erfindungen waren Männer zuständig – während sich die Frauen um Haushalt, Küche und Kinder kümmerten.

Gleichzeitig gab es aber auch immer sehr viele Frauen, die regierten, in Kriegen kämpften, als Philosophinnen, Schriftstellerinnen oder Ärztinnen arbeiteten. Sie alle kommen wenig bis gar nicht vor in unseren Geschichtsbüchern. Diese Frauen zu erwähnen, widersprach lange Zeit der Ordnung der Welt: „Für das Außergewöhnliche waren die Männer zuständig, für den Haushalt die Frauen.“ Lücker und Daenschel erklären, dass es deshalb immer wieder passierte, dass Männer, die die Ereignisse ihrer Zeit dokumentierten, den Beitrag der Frauen einfach leugneten. So sind Briefwechsel in die Geschichtsbücher eingegangen, in denen ein Teil fehlt. Der weibliche – der männliche wurde publiziert.

In der Geschichte der Proteste gegen den Vietnam-Krieg wird oft unterschlagen, dass sie inspiriert waren vom Women’s Strike for Peace – amerikanische Hausfrauen, die die Initiatorinnen waren. Gelehrt werden meist nur die Studierendenproteste, die es ohne die Frauen wahrscheinlich nicht gegeben hätte. Genauso unterschlagen werden die Frauen, die rund um die Französische Revolution den Vorschlag machten, dass es doch eigentlich heißen müsse: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Schwesterlichkeit“. Der Part der Frauen fällt oft unter den Geschichtsbüchertisch.

Ute Daenschel und Kerstin Lücker: „Weltgeschichte für junge Leserinnen“
Mit Illustrationen von Linda Hüetlin, Verlag Kein & Aber, 528 S., 25 Euro

Kerstin Lücker und Uta Daenschel haben kein Frauenbuch geschrieben. „Wir wollen nicht nur von Frauen und wir können nicht von allen starken, klugen und mutigen Frauen erzählen, auch wenn sie – oft trotz widriger Umstände – großartige Denkerinnen, Künstlerinnen, Herscherinnen waren“, sagen die Autorinnen. Dann wäre eine „Weltgeschichte der Frauen“ dabei herausgekommen. Eine Spezialgeschichte – und damit nicht die Intention der Autorinnen. Sie haben ein Buch geschrieben, in dem Frauen ein ganz selbstverständlicher Teil jener Weltgeschichte sind, die uns alle angeht. Ein Vorbild für alle weiteren Bücher, in denen Geschichte aufgeschrieben werden wird.

 

 

March 22 2017

10:54

Wider den Dualismen

Von Nadine Schildhauer

Elysia Crampton bewegt sich zwischen süd- und nordamerikanischen Welten – sowohl im Geiste als auch im geografischen Sinne. Dass ihr Kopf von den Widersprüchen nicht platzt, mag daran liegen, dass sie dem Weltverständnis der Aimara auf den Grund gehen möchte. Musik dient dabei als Ventil – dort verhandelt sie das Unbewusste, das undefinierte Unbehagen, das erst später in ihr Bewusstsein dringt.

© CTM Festival

Aber von vorn: Elysia Crampton hat nicht immer unter ihrem Namen Musik gemacht. Unter dem Synonym (Moniker) E+E veröffentlichte sie bereits 2005 auf YouTube, SoundCloud und Bandcamp polyrhythmische Soundcollagen, die in ihren Produktionsweisen weitestgehend DIY blieben. Die minimalistisch gehaltenen Keyboard-Produktionen fütterte sie mit glossy R&B-Samples – eine Hommage an ihre vielen Einflüsse. Zudem verpasst sie ihren Songs mit Anleihen von Cumbia und südamerikanischem Metal einen für nordamerikanische und europäische Verhältnisse völlig neuen Sound. Anfang der 2010er-Jahre galt das noch als spacy, heute ist es Zeitgeist und wird von Labels und Kollektiven wie NON, N.A.A.F.I. und Janus gehypet – dieser Sound verändert jetzt die Clubwelt von Mexiko City über London bis Berlin. Allerdings fühlen sich die frühen Songs für die latinx Künstlerin nicht wie ihre eigenen an: So verabschiedete sie sich nicht nur von den Pop-Samples, sondern auch von ihrem Projekt E+E.

Mit ihrem Studioalbum „American Drift“, das sie unter ihrem Namen Elysia Crampton im Jahr 2015 veröffentlichte, gräbt sie in der Geschichte von Virginia sowie in der ihrer Familie nach ihrer Identität. Neben Einflüssen wie bolivianischer Volksmusik, Jazz und psychedelischem Folk auf dem Album untersucht sie die indigenen Bezüge im südamerikanischen Christentum und begibt sich auch in theoretischere Sphären. Sie bezieht sich damit auf einen Essay des Theoretikers Jose Munoz über Braunsein und die Performativität von race. „American Drift“ fächert sich collagenartig auf – Distortion-Ambient, religiöse Predigten von Money Allah, synthetisch-südamerikanische Volksmusik – und bildet damit den wichtigen Zwischenschritt zu „Elysia Crampton Presents: Demon City“ (2016, Break World Records), das sie mit Rabit, Why Be, Lexxi und Chino Amobi aufgenommen hat.

„Demon City“ ist entrückt aus Zeit und Ort: So zieht Elysia Crampton Referenzen zur indigenen Rebellenführerin Bartolina Sisa, die 1782 von spanischen Truppen zerstückelt wurde, und zeichnet im Song „Demon City“ ein dystopisches Soundszenario. Diesen ungreifbaren Stilmix aus Cumbia, Huayno, schweren Bässen, knarzigen Synthies und Gelächter-Samples bezeichnet sie als Severo, eine Musikrichtung, die sich im stetigen Wandel befindet und von Künstler*innen wie Crampton, Chino Amobi und Lexxi vorangetrieben wird. „Demon City“ zollt der Geschichte der Aimara Tribut – ein Werk der Solidarität und ein Akt der Dekolonialisierung – und geht den Weg der Dystopie, um ultimativ Souveränität und Kolonialmacht zu kritisieren. Missy traf die Aimara-amerikanische Künstlerin zum Gespräch.

Du wirst als bolivianisch-amerikanische Künstlerin …
Ich möchte dich zuallerst darum bitten, nicht die Begriffe „bolivianisch-amerikanisch“ zu benutzen, wenn du dich auf mich beziehst. Weder habe ich eine Verbindung mit dem Militärstaat Bolivien, noch habe ich einen bolivianischen Pass, und ich wurde auch nicht in Bolivien geboren – was aber ständig in Artikeln über mich behauptet wird. Meine Familie stammt von Aimara ab, und ich wurde in den USA geboren. Bluts- oder genetisch verwandt bin ich also mit den Aimara, die zu den Native Americans gehören. Native American ist demnach die korrektere Beschreibung.

In einem Interview sagtest du, dass du auch in als futuristisch angepriesener Musik immer noch die koloniale Idee wiederfindest. Was sind diese Elemente des Kolonialen?
Schlussendlich bleibt die binäre Logik der weißen Siedler von Materie vs. Antimaterie, menschlich vs. nicht-menschlich, Ding vs. Lebendiges in ihren Denkstrukturen gefangen und kann nicht außerhalb des Kolonialen denken. Sogar Computer funktionieren mit binärem Code. Natürlich ist es nicht so, dass alles Binäre per se schlecht ist, aber es gibt mehr als das. Die Aimara wertschätzen zwar die Dualität, aber zwei Pole ermöglichen in ihrer Logik auch das intermediäre Dritte. Sie nennen es „taypi“ – die Fähigkeit zu verstehen, dass Widersprüche nebeneinander existieren. Es ist eine Methode, die Realität, in der wir leben, zu verstehen – wo Zukunft und Vergangenheit im Hier miteinander verwoben sind und Materie ins Nichts fließt, verworren in einer Bewegung, die wie Musik oder Tanz ist.
Ein anderes Beispiel: Wir sind es beispielsweise gewohnt, die Vergangenheit als lineare Weg-Zeit-Linie und nicht als einen vollkommen anderen Kosmos unter vielen, neben umstrittenen anderen Universen zu sehen. In der Tradition der Anden sprechen wir stattdessen von „Cosmovision“, was oftmals als Identitätspolitik missverstanden wird, wie das meiste, das nicht in die standardisierte Logik der weißen Vormachtstellung passt.
Um diese Gedanken zurück zur Musik zu führen: Die Sounds, die wir machen, erzählen uns, wie wir die Welt erfahren. Ich habe gelernt, dass Musik eine Kommunikationsform ist, die uns mehr erzählt als normierte Sprachoperationen – meine Musik vermittelt mir kontinuierlich ein neues Verständnis von meiner Verfassung. Als Musikerin ist mir wichtig, dass Menschen verstehen, dass es um viel mehr als die Geräusche geht. Ich produziere ein Kraftfeld, um mit meinen Vorfahren verbunden zu sein, ich höre dem pacha zu, was wir auch „space-time“ nennen.
Sobald der Geist anfängt abzuschweifen und sich der Vorstellungskraft öffnet, werden völlig neue Möglichkeiten offenbart. Wie nicht anders zu erwarten, ist unsere Vorstellungskraft ein sehr wichtiger Teil der Dekolonialisierung – die Fähigkeit, sich das Gegenteilige oder Andere vorzustellen, ist sehr bedeutsam.

Du meintest mal, dass du hässliche Musik machst. Was verstehst du darunter?
Ich glaube, ich habe versucht, das Verlangen auch außerhalb meiner vorhandenen Neigungen und Haltungen, wie zum Beispiel Schreiben, zu artikulieren. Ich habe da besonders an Dinge gedacht, die erst mal schwer zu verdauen bzw. schwer zu lesen sind. Es zahlt sich aus, diesen ersten Moment des Scheiterns, des Nicht-Gefallens auszuhalten. Mit „hässlich“ meine ich eine Form von Schönheit, die nach den gängigen Verständnisstrukturen, die uns dominieren, schwer lesbar ist.

Deine Beschreibungen, wie Geschichte durch deinen Körper fließt, ist sehr bildhaft. Es klingt nicht wie eine sinnbildliche Erfahrung, sondern wie eine tatsächlich körperliche. Wie nimmst du deine Nachforschungen wahr?
Das ist die Schwierigkeit. Wie studierst du etwas, wenn du dich nicht außerhalb platzierst? Du bevorteilst das Sichtbare. Du musst zwar außerhalb stehen, um reinzukommen, aber damit machst du den Gegenstand zum Objekt.

Welche Rolle spielt das „Außerhalbstehen“ und „Den-Gegenstand-zum-Objekt-Machen“ für dich?
Der herbeigesehnte „unumstößliche Bezugspunkt“, die Illusion eines vermeintlich außerhalb seiner Umwelt stehenden, allmächtigen Beobachters, ist für mich natürlich schwer zu verstehen, da ich ja oft einfach auf die andere Seite von diesem Bezugspunkt gestellt werde. Normalerweise bin ich das Objekt, das mit dem hegemonialen Blick, der nach verarbeitbaren Daten sucht, analysiert wird. In dieser Hinsicht habe ich gelernt, mich durch mein Leben zu navigieren – dieses Ding zu sein auf diesem brutalen Marktplatz. Bis zu einem gewissen Grad kann ich diese Außenperspektive aber auch nachvollziehen und zwar von dem Standpunkt einer Person aus, die immer auf einer Art Grenzlinie existiert, da ich aus mehreren Richtungen ausgeschlossen werde. Indem ich als Ausländerin markiert werde, verkörpere ich eine Form von Fremdartigkeit und Transness. Gleichzeitig bin ich aber auch von meiner sogenannten ausländischen Heimat ausgeschlossen. Parodoxerweise eine Zugehörigkeit ohne Zugehörigkeit, sogenannte „Inklusion für Exklusion“ – eine Taktik, die Staaten auf indigene Gruppen anwenden und damit deren Sein determinieren. Traurigerweise argumentieren manche genau mit diesem Schwellenzustand für eine indigene Souveränität – also eine Freiheit außerhalb juristischer Geformtheit. So ist sogar noch das Konzept indigener Souveränität von der Siedlerlogik durchdrungen, um die Natives besser kontrollieren, berauben und eliminieren zu können.
Dieser Schwellenzustand, Insider und Outsider zur gleichen Zeit zu sein, kann sehr erhellend sein, sobald man sich die Widersprüche, die man zunächst nicht versteht, zu eigen macht.
Aber auch ich wünsche mir Klarheit und Wiedergutmachung, auch wenn das vom Projekt ablenkt – ich kann nicht anders, als porös, durchlässig und unvollständig zu sein.

Du betonst die Rolle von Spiritualität, religiöser Erfahrung und Riten. Religiöse Rituale im Christentum erwecken heute oft den Anschein, völlig losgelöst von Spiritualität zu sein. Was ist es, dass dich an Religionen fasziniert?
Ich teile deine Ansicht nicht, dass die Gesten unbedeutend und losgelöst von Erfahrung seien. Je mehr ich nach den Spuren dessen suche, was im Zuge der Kolonialisierung aufgegeben wurde – der Glaube, die Verkörperungen, die Farben, die Klänge, die unterschiedlichen Weisen, zu sehen und Erfahrungen wahrzunehmen –, desto mehr realisiere ich, dass das alles niemals verloren gegangen ist. All dies ist nicht reduzierbar auf die Kolonialisierung, die versucht, es zu bezwingen. All das ist immer noch da, wenn man sehr genau hinschaut, eingeflochten im Gefüge des Hier und Jetzt, eingeflochten in die christlichen Erfahrungen.
Ein Beispiel: Der verrufene Guaman Poma hat dokumentiert, wie Handwerkerinnen aus den Anden von Kolonisatoren dazu gezwungen wurden, christliche Bildhauerkunst und christliche Ikonografie zu fertigen … Das klingt zunächst wie eine standardisierte Form der Unterwerfung. Die widerständigen Handwerkerinnen haben das aber als Gelegenheit genutzt, um ihren scheinbar besiegten Glauben und ihre Praktiken zu bewahren – nur eben versteckt. Anders gesagt: Sie haben Raum für ihren Glauben im Christentum geschaffen. In bestimmter Hinsicht haben sie es so geschafft, die gesamte christliche Welt in das tiefe Andean Universum einzupassen – als eine Überlebens- und Widerstandsstrategie.

Ich erinnere mich an ein Erlebnis, das ich als Kind in der Kirche hatte. Ich glaube, es war in Santa Cruz, ich war fasziniert von einer sehr gewalttätigen Darstellung von Jesus Christus. Ich werde niemals diese Statue vergessen – Jesus am Kreuz, der Körper brutal zugerichtet, mit dem Rücken fast komplett aufgerissen, sodass ganze Wirbel unter den Muskeln freigelegt waren. All das war in einer dreidimensionalen Holzschnitzerei dargestellt.
Später, als Erwachsene, habe ich durch meine Familiengeschichte gelernt, dass das Konzept von Zukunft bei den Aimara nicht als etwas nach vorn Gerichtetes betrachtet oder mit dem Sichtbaren assoziiert wird. Es ist etwas, was die Vergangenheit in sich trägt und mit ihr verbunden bleibt.
Ausgehend von der Andean Perspektive ist Verkörperung ein wichtiges Element, besonders für eine nicht-logozentrische Kultur oder ein Universum, das nicht das geschriebene Wort priorisiert. In der Darstellung von Christus habe ich also den verwüsteten indigenen Körper gesehen – ihre Zukunft aufgerissen, wie eine Wunde, eine Bürde, die ihr Universum zeigt, das in dieser Welt versteckt ist – markiert auf dem Körper von Gott.

Hast du Angst, dass indigene Musik vom Mainstream vereinnahmt werden könnte?
Ehrlich gesagt wäre ich sehr froh, wenn Musikrichtungen wie Tarqueada oder Huayno bekannter und auch in nordamerikanischen Pop-Radiostationen zu hören wären. Hören das überhaupt noch Leute? Das würde bedeuten, dass indigene Künstler*innen mehr Aufmerksamkeit und bessere Arbeit erhalten. Vielleicht würden die Leute so darauf aufmerksam werden, wie die Menschen an Orten wie Bolivien und Peru leben.

March 23 2017

11:57

„Warum muss ich erst erwachsen werden, um zu erfahren, dass es in der Geschichte auch Frauen gab?“

Von Mareice Kaiser

„Ich lese manchmal in Geschichtsbüchern, weil ich muss, aber alles, was darin steht, ärgert mich entweder oder es langweilt mich. Die Fehden von Päpsten oder Königen und dazu Kriege oder Seuchen auf jeder Seite, die Männer alle zu nichts zu gebrauchen, und fast keine Frauen dabei – das ist furchtbar öde.“ Dieses Zitat von Jane Austen haben Kerstin Lücker und Ute Daenschel ihrem gerade erschienenen Buch „Weltgeschichte für junge Leserinnen“ vorangestellt. Darauf folgen 528 Seiten, die alles andere als öde sind und sich an Erwachsene, vor allem aber an Jugendliche richten. Denn, wie die Autorinnen rhetorisch fragen: „Warum muss ich erst erwachsen werden, um zu erfahren, dass es in der Geschichte auch Frauen gab?“

Die Autorinnen Kerstin Lücker und Ute Daenschel © privat

„Ein Puzzle, in dem viele Teile fehlen“ – so beschreiben sie die Weltgeschichte. Kerstin Lücker und Ute Daenschel haben die „Weltgeschichte für junge Leserinnen“ aufgeschrieben und sich dabei auf die Suche nach bisher fehlenden Puzzleteilen gemacht. Als Grund für die Geschichte(n) ohne Frauen geben sie an, dass Care-Arbeit für sehr lange Zeit und mehr oder weniger auf der ganzen Welt den Frauen überlassen war. Für die Geschichtsschreibung, also für die Kriege und die Gründung von Staaten, neue Religionen und technische Erfindungen waren Männer zuständig – während sich die Frauen um Haushalt, Küche und Kinder kümmerten.

Gleichzeitig gab es aber auch immer sehr viele Frauen, die regierten, in Kriegen kämpften, als Philosophinnen, Schriftstellerinnen oder Ärztinnen arbeiteten. Sie alle kommen wenig bis gar nicht vor in unseren Geschichtsbüchern. Diese Frauen zu erwähnen, widersprach lange Zeit der Ordnung der Welt: „Für das Außergewöhnliche waren die Männer zuständig, für den Haushalt die Frauen.“ Lücker und Daenschel erklären, dass es deshalb immer wieder passierte, dass Männer, die die Ereignisse ihrer Zeit dokumentierten, den Beitrag der Frauen einfach leugneten. So sind Briefwechsel in die Geschichtsbücher eingegangen, in denen ein Teil fehlt. Der weibliche – der männliche wurde publiziert.

In der Geschichte der Proteste gegen den Vietnam-Krieg wird oft unterschlagen, dass sie inspiriert waren vom Women’s Strike for Peace – amerikanische Hausfrauen, die die Initiatorinnen waren. Gelehrt werden meist nur die Studierendenproteste, die es ohne die Frauen wahrscheinlich nicht gegeben hätte. Genauso unterschlagen werden die Frauen, die rund um die Französische Revolution den Vorschlag machten, dass es doch eigentlich heißen müsse: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Schwesterlichkeit“. Der Part der Frauen fällt oft unter den Geschichtsbüchertisch.

Ute Daenschel und Kerstin Lücker: „Weltgeschichte für junge Leserinnen“
Mit Illustrationen von Linda Hüetlin, Verlag Kein & Aber, 528 S., 25 Euro

Kerstin Lücker und Uta Daenschel haben kein Frauenbuch geschrieben. „Wir wollen nicht nur von Frauen und wir können nicht von allen starken, klugen und mutigen Frauen erzählen, auch wenn sie – oft trotz widriger Umstände – großartige Denkerinnen, Künstlerinnen, Herscherinnen waren“, sagen die Autorinnen. Dann wäre eine „Weltgeschichte der Frauen“ dabei herausgekommen. Eine Spezialgeschichte – und damit nicht die Intention der Autorinnen. Sie haben ein Buch geschrieben, in dem Frauen ein ganz selbstverständlicher Teil jener Weltgeschichte sind, die uns alle angeht. Ein Vorbild für alle weiteren Bücher, in denen Geschichte aufgeschrieben werden wird.

 

 

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