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April 12 2017

12:34

Get Out Of My Hair

— Kaufen Sie den vollständigen Inhalt für 0.99 EUR —

Von Hengameh Yaghoobifarah

Es ist ein windiger Februartag in Hoxton, einem Stadtteil im Osten Londons. Die Gegend wirkt ein wenig trostlos, denn obwohl sonntags die Geschäfte geöffnet haben, sind hier mehr geparkte Autos als Menschen zu sehen. Wohnblocks aus beigebraunen Ziegelsteinen reihen sich hintereinander. Auf einem Balkon weht ein Union Jack im Großformat. Gleich hinter der Siedlung befindet sich neben einem kleinen türkischen Supermarkt und einem Waschsalon ein Friseurladen. Mit seiner leuchtend roten Fassade hebt er sich von der sonst farblosen Umgebung ab. Die Retro-Ästhetik des Ladens namens Open Barbers erinnert auf den ersten Blick an jene heteronormativen Rockabilly-Schuppen, in denen Männern der Bart frisiert und die frisch geschnittene Tolle gegelt wird. Doch das hier ist alles andere als ein nostalgischer Barbier.

Im Unterschied zu vielen anderen Herrenfriseuren herrscht hier eine entspannte, herzliche Atmosphäre. Schon der barrierefreie Zugang hebt den Laden von den üblichen Friseursalons ab. Rechts steht ein großer Tisch mit Stühlen, an dem jemand am Laptop arbeitet. Links sitzen zwei Leute auf Sofas, die eine blättert durch ein Buch, die andere unterhält sich mit dem Typen, der der Person auf dem Frisierstuhl gerade die nassen Haare kämmt. Der Friseur heißt Greygory Vass und hat den Laden im März 2011 mit Klara Vanova gegründet. Mittlerweile leitet er ihn gemeinsam mit Felix Lane und arbeitet mit einem Team aus festen und freiberuflichen Friseur*innen zusammen, darunter auch Hank Bobbit von BUTCH CUT aus Berlin.

Was ihn dazu motivierte, einen eigenen Friseursalon zu eröffnen, waren unter anderem die geschlechtsabhängigen Maßregelungen, mit denen viele Personen, besonders queere, beim Haareschneiden konfrontiert werden. Viele Frauen und Femmes mit langen Haaren erzählen, dass sich ihre Friseur*innen geweigert hätten, ihnen Kurzhaarfrisuren zu schneiden. Personen, denen Geschlechter­uneindeutigkeit zugeschrieben wird, müssen sich oft auf dem Frisierstuhl erklären – und noch häufiger…

April 11 2017

09:46

EASY does it NOT

Von Leyla Yenirce

Immer mehr Frauen kapern die deutsche Musikindustrie. Egal ob Pop, Rap oder R&B. Sängerinnen wie Ace Tee, SXTN oder das Duo Chefboss erobern die Szene. Zu Recht: Sie haben Flow, Attitüde und ziemlich viel Selbstbewusstsein. Dinge, die es braucht, um sich in der Männerdomäne durchzusetzen. Was auf den ersten Blick wie ein Trend wirkt, der schleichend die Geschlechterstrukturen im Musikbusiness ändern könnte, wirkt auf den zweiten ein wenig faul. Im Hintergrund ziehen leider immer noch Männer die Fäden. Das Problem: Die Oberfläche wird zwar angekratzt, strukturell passiert aber sehr wenig. Oder noch schlimmer: Sexismus wird unter einem pseudofeministischen Deckmantel reproduziert.

Das Gefühl, wenn der Male Gaze und seine sexistischen Begehren für dein Musikvideo deinen eigentlichen Inhalte verdecken. @ Tine Fetz

Bestes Beispiel hierfür ist das HipHop-Duo SXTN. Die beiden Berlinerinnen Juju und Nura rappen übers Feiern, Drogen und Fotzen. Frech und mit einer großen Schnauze eignen sie sich Charakteristika an, die sonst eher von Männern im Rapbusiness performt werden. Aussagen wie „Ich ficke deine Mutter ohne Schwanz“ stellen die männliche Penetration mit einer großen Prise Humor infrage und wirken dabei undogmatisch feministisch. Cool, mein erster Gedanke, bis ich das Video zu „Deine Mutter“ sah. Juju rappt sitzend auf einem goldenen Thron umgeben von splitternackten Frauen, die mit ihren Ärschen wackeln. Soll das jetzt ermächtigend sein?

Dass Frauen in Rapvideos ihren Arsch bewegen, ist nichts Neues, aber Lil’Kim oder Foxy Brown haben in ihren Videos wenigstens selbstermächtigend mit ihrem eigenen Hintern gewackelt, während sie ihre Lines ins Mic spitteten. SXTN hingegen lässt andere Frauen ihre Fotzen in die Kamera halten. Warum geben sie diesen Frauen nicht das Mic? Oder warum strecken SXTN nicht selber ihre Vulva ins Bild? Nein, darauf haben sie wahrscheinlich keine Lust. Sexistischen Rap reproduzieren gepaart mit ein paar provokanten Lines reicht, um sich das Business anzueignen. Verändern tut es aber gar nichts, die Objektivierung von Frauen wird von Rappern ebenso vollzogen wie von Rapper*innen.

Und wer steckt eigentlich hinter solchen Videos, in denen Frauen nackt performen? Im Falle von SXTN heißt der Regisseur Maxim Rosenbauer. Früher professioneller Skater, heute Teil der selbst ernannten „creative production company“ EASY does it, die Videos für Musiker*innen und Werbung produzieren. Wer einen Blick auf die Videografie des Kollektivs wirft, kann sich schon denken, warum so ein sexistischer Müll dabei herauskommt. Ähnlich wie bei meinem Hassobjekt Nr. 1 Cro wird ein lässiger Lifestyle propagiert, in dem den ganzen Tag feiern und heiße Chicks das Wichtigste im Leben darstellen. Kommerzieller Erfolg vorprogrammiert. Und so ein Rosenbauer dreht dann ein Musikvideo für ein Rapperinnen-Duo, das als neues Takeover gehyped wird und am Ende selbst nackte Frauen für sich tanzen lässt. High life. Hätte Maxim lieber mal auf seinem Brett bleiben sollen.

Wie so ein Musikvideo besser funktioniert, wird deutlich, wenn die Künstlerin selber Regie führt. So wie im Video der R&B-Durchstarterin Ace Tee, das durch seine 1990er-Jahre-Ästhetik zum viralen Superhit wurde. Gemeinsam mit anderen Frauen bewegt sie sich zum Beat von „Bist du Down“ und zeigt, was sie draufhat, ohne andere Personen für sich nackt tanzen zu lassen. Die Idee zu dem Video kam von ihr selbst. Selbstverständlich variieren Ästhetiken je nach Musikgenre; ein R&B-Video kann weniger herb sein als ein Rapvideo. Gegen nackte Frauen im Bild ist auch nichts einzuwenden, dennoch ist entscheidend, wer im Hintergrund mit welchem Blick die Zügeln zieht.

Der Blick von Männern auf Frauen hängt nicht selten von patriarchalen Vorstellungen, ästhetischen Vorlieben und neoliberalen Absichten ab. Das fängt bei einem Video an und hört im Studio auf. Weibliche Produzentinnen finden in der elektronischen Musikszene mittlerweile großen Platz, im Rap, Pop und R&B ist es aber trotzdem immer noch eine Armada an Männern, die das Image einer Künstlerin aus ihrer Sicht produzieren. Damit sich das ändert, müssen mehr Frauen auch hinter den Kulissen mitwirken. Die Frage ist, ob sich SXTN auch für splitternackte Frauen entschieden hätten, wenn sie die Regie übernommen hätten, oder ob das Video von Ace Tee so fresh geworden wäre, wenn nicht sie, sondern irgendein Maxim hinter den Kulissen oder der Kamera seine frauenverachtenden Fantasien hätte spielen lassen.

April 10 2017

10:41

Lieblingsstreberin: Selina Meyer

Von Gabriela Kielhorn

Im Team des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu arbeiten klingt eigentlich nach DEM Höhepunkt einer Politkarriere. Man trifft weltrettende Entscheidungen, lässt sich auf schnieken Veranstaltungen teuren Champagner servieren und beeindruckt die Presse mit Stil und Charme.

© Stephanie F. Scholz

Doch der Arbeitsalltag der Vize­präsidentin Selina Meyer sieht ganz anders aus. Denn die „Veep“, so der Spitzname für die Vizepräsidentin in der gleichnamigen HBO-Serie, merkt schnell, dass diese Position vor allem bedeutet, dem Chef die ganze Arbeit abzunehmen, während der lieber Golf spielt oder ein Schläfchen hält, anstatt seine Mitarbeiter*innen im Weißen Haus zu briefen.

Alle wichtigen Entscheidungen muss Selina (Julia Louis-Dreyfus) alleine treffen. Sie muss zu jeder Galaeröffnung, für die sich der „POTUS“ zu schade ist, und ist verpflichtet, das Weiße Haus immer galant zu repräsentieren. Dort muss sie nicht nur die absolute Inkompetenz ihres Vorgesetzten ausbügeln, als erste weibliche Veep bekommt sie auch die gesamte Kritik der Presse ab. Nicht selten stehen ihre Haare, ihr Style oder einfach die Tatsache, dass sie eine Frau ist, im Fokus der Klatschblätter. Ihren Sarkasmus und ihre messerscharfen Kommentare kennen allerdings nur die internen Mitarbeiter*innen – nach außen versucht sie mit Humor und Souveränität die Fehler des Präsidenten zu vertuschen, um ihn dann hinter verschlossener Tür mit vielen „Fucks“ zu verfluchen.

Derzeit können wir der „Veep“ auf Sky Atlantic bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Selina Meyer ist nicht nett, zuvorkommend oder bedächtig. Sie denkt in erster Linie an ihre Position und an ihren Ruf. Oft ignoriert sie die Bedürfnisse und das Privatleben von Beraterin, Assistent und ihrer eigenen Tochter und zwingt das ganze Team zu unzähligen Überstunden – sie ist nicht wie Leslie Knope aus „Parks and Recreation“, die durch Aufmerksamkeiten die Belegschaft zusammenhält. Doch von ihrem Team nimmt sie durchaus Kritik entgegen und in ihrem Job gibt sie alles.

April 07 2017

10:14

Opre Rom*nja!

Interview von Hengameh Yaghoobifarah

Am Samstag ist der Internationale Tag der Rom*nja, damit schließt ihr den Rom*nja Power Month ab. Was waren eure persönlichen Highlights des Themenmonats?
Da wir den Monat organisieren, haben wir aus unseren persönlichen Highlights eine Veranstaltungsreihe gemacht. Jede der Veranstaltungen hatte ihren eigenen Charme und Wert. Da sie sich auch an unterschiedliche Adressat*innen richteten, ist es unmöglich auszuwählen. Ich zum Beispiel höre sehr gerne langjährigen Bürgerrechtler*innen zu, die über die erinnerungspolitischen Kämpfe und über die Kontinuitäten der Diskriminierung nach dem Nationalsozialismus berichten. Das sind sehr wertvolle und wirklich einmalige Zeugnisse der deutschen Geschichte. Gleichzeitig habe ich die Kooperation mit dem Bündnis gegen Rassismus sehr genossen, bei dem wir uns den aktuellen Themen wie der Demonstration am 8. April gewidmet haben. Das gemeinsame Gestalten eines 6 x 3,9 m großen Plakats, welches mit der IniRromnja Rose zur Demo am 8. April aufruft, war sowohl ein verbindendes Gruppenereignis als auch mal eine kreative und schöne Form des Engagements. Der Demoslogan bzw. die Aufforderung: „take back your future“ ist uns sehr wichtig – sozusagen „Zukunft für alle!“.

Jedes Jahr fordern Rom*nja am 8. April ihre Freiheit. © Andrea Linss

Wer organisiert die Reihe und seit wann besteht sie?
Die Reihe wird maßgeblich von dem feministischen Romnja Archiv RomaniPhen (in Trägerschaft des VIA Berlin/Brandenburg e.V.) sowie von der Initiative IniRromja organisiert und ist deutschlandweit einzigartig. Diese Kampagne vom 8. März, dem Internationalen Tag der Frauen*, bis zum 8. April, dem Internationalen Tag der Rom*nja, einen Veranstaltungsmonat zu organisieren, startet in Serbien. Wir haben gerade in diesem Monat eine der Begründer*innen der Kampagne kennengelernt und werden nun stärker in einen Austausch treten. In Berlin kooperieren wir eng mit verschiedenen Vereinen, wie z.B. der RAA Berlin, aber auch mit politischen Initiativen wie z.B. dem Bündnis gegen Rassismus oder mit der ADEFRA – Schwarze Frauen in Deutschland. Selbstverständlich kooperieren wir auch mit anderen Rom*nja Selbstorganisationen wie z.B. dem Bundesromaverband e.V., dem Rroma Informations Centrum e.V., aktuell zur Demo auch mit Amaro Foro und Roma Arts in Action usw. Der Romnja Power Month ist im vergangenem Jahr von uns ins Leben gerufen worden und wir hoffen natürlich, dass sich die Idee in den nächsten Jahren verbreitet.

Was sind derzeit die wichtigsten Forderungen von Rom*nja in Deutschland?
Es gibt verschiedene Forderungen von Rom*nja in Deutschland – wir können für uns also für unsere Gruppe IniRromnja und unser feministisches Archiv sprechen. Eine der wichtigsten Forderung ist Bleiberecht für Rom*nja, in Anerkennung der massiven jahrhundertealten Verfolgung, aber auch der Tatsche, dass Rom*nja seit Jahrhunderten dazugehören und aktiver, gestaltender Teil der unterschiedlichen Gesellschaften sind.

Uns als Archiv ist es sehr wichtig, mit den immer gleichen stereotypen Bildern aufzuräumen. Hierbei könnten Medien eine wichtige Rolle spielen, indem sie öfter mal von den erwarteten Pfaden abweichen und ein komplexeres und damit realistisches Bild von Rom*nja zeichnen, anstatt Klischees immer wieder neu aufzuwärmen.

Eine wichtige Forderung ist auch, auf politischer und Förderebene die Arbeit von Selbstorganisationen ernsthaft wertzuschätzen und einen gleichberechtigteren Zugang sowohl hinsichtlich von Artikulationsmöglichkeiten als auch von Förderung zuzulassen – und dies auch für die Organisationen, die nicht dem Mainstream zusprechen. Selbstverständlich gibt es noch viel mehr zu fordern, aber lassen wir es bei den berühmten drei Wünschen.

Internationaler Tag der Rom*nja
Demonstration in Berlin um 14 Uhr vor dem Paul-Löbe-Haus (U-Bhf. Bundestag)
Abschlussparty ab 22 Uhr im Südblock

Wie wichtig ist die Archivarbeit gegen die Repression von Rom*nja?
Ich glaube, Archiv klingt etwas verstaubt und diese Arbeit wird oft nicht als originär politische Arbeit verstanden – wir sehen das allerdings ganz anders. Zum einen sind wir kein Kulturarchiv, wir sammeln nicht Musik, Texte, Sprachen der Rom*nja – das ist nicht unser Thema. Wir arbeiten mit Aktivist*innen zusammen und dokumentieren die Rom*nja–Bewegungen beziehungsweise einzelne politische, wissenschaftliche, künstlerische Perspektive auf die Gesellschaft. Wir sind Teil dieser Bewegungen und wir wertschätzen deren/unsere Geschichte und tragen damit auch zu einer politischen, einer feministischen Selbstreflexion bei.

Die massive, gewaltvolle Diskriminierung von Rom*nja, das Leben in Ghettos, die militanten Neonazi-Angriffe, die Deportationen aus den westlichen Ländern, die Selbstverständlichkeit, mit der sie auch hier in Deutschland Familien in Sammellagern „unterbringen“, medial gegen die Ärmsten der Armen hetzen – all diese manifeste Gewalt ist auch deshalb möglich, weil eine unglaublich verzerrte, eine hochrassistische und einseitige Darstellung von Rom*nja gesellschaftlich fest etabliert ist. Diese Bilder, diese rassistischen Geschichten brauchen Entgegnung nicht nur, um die anderen von dem Wert der Rom*nja zu überzeugen, sondern vor allem auch um uns selbst mit unserer positiven Geschichte, mit dem Schönen und Gutem, dem Gestalterischen und Kämpferischen in uns selbst und miteinander in Verbindung zu bringen!

Ein fulminantes Event: Die Abschlussparty des Rom*nja Power Months, hier mit allen Beitragenden des Jahres 2016. @ RomaniPhen

Was macht ihr am 8. April, dem Internationalen Tag der Rom*nja?
Am Internationalen Tag der Rom*nja tragen wir zunächst mit einer Demonstration um 14 Uhr unseren Protest gegen die restriktive Geflüchtetenpolitik auf die Straße. Um 14 Uhr startet die Demo vor dem Paul-Löbe-Haus (U-Bhf. Bundestag) und endet mit einer Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor. Danach laden wir direkt im Herzen vom Kotti in den Südblock, Admiralstrasse 1–2, ab 22 Uhr zu unserer legendären Abschlussparty ein. Wir haben ein ganz feines Bühnenprogramm zusammengestellt mit einer satirisch-politischen Theaterperformance von Melanie Weiß und Sandra Selimovć zum Einstieg in den Abend. Danach füllen wir den Raum mit Musik von der fantastischen Bläserformation Fanfare Kalashnikov und als Höhepunkt hören wir den wundervollen Klängen des Soul, R&B und Musik der Sinti & Roma von der Sängerin TAYO zu. The amazing DJ Ford Kelly (Afrobeats, Hip Hop, Dancehall) sowie amaro phral DJ MAKY (romane beats) führen durch die Party bis in die Morgenstunden. Kommt alle vorbei und lasst uns gemeinsam feiern!

Isidora Randjelović ist Dipl. Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin und beschäftigt im feministischen Romani Archiv RomaniPhen. Interessiert sich für und schreibt über Verflechtungen im Schnittpunkt von race und gender sowie soziale Bewegungen und Selbstorganisierung und ist in der IniRromnja engagiert.

April 06 2017

09:04

Die Zukunft ist düster

Von Hengameh Yaghoobifarah

Hintergründe in Grundfarben, ein eingängiger Beat und experimentelle Lyrics: Das Studium an der Londoner Kunsthochschule lässt grüßen, wenn sich die simbabwisch-britische Poetin und Musikerin Farai in ihrem Musikvideo „Inhale Exhale“ in Camouflage und nahezu in Trance vor der Kamera bewegt. Mit ihrem gelungenen Mix aus Post-Punk und Elektro fängt sie nicht nur zeitgenössische Trends auf, sondern transformiert diese auf eine kunstvolle und experimentelle Art in eine Ästhetik der Zukunft. Das Überleben in ihrer Heimat London, so die Newcomerin, sei so stressig wie eine Drachenjagd.

@ Luke Farley

Ihre erste EP „Kisswell“ erschien im März auf NON Worldwide, einem Sound-Kollektiv panafrikanischer und panafrikanisch-diasporischer Künstler*innen. Ihre lang ersehnte EP schließt an ihren 2015 für die NON Worldwide Compilation produzierten Track „The Sinner“ an, der lange Zeit das einzige Material auf ihrer SoundCloud-Page war.

Ihre Einflüsse reichen von der südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba über den afroamerikanischen Maler Jean-Michel Basquiat und dem britischen Supermodel Naomi Campbell, ihre Arbeit ist auch als multimediale Collage zu verstehen. So unterlegt sie in „Intro“ ein Gedicht über Selbstliebe mit Halleffekten und atmosphärischen Synthesizer-Klängen. Ihre vorab veröffentlichte Single „Lion Warrior“ hat mit dem verzerrten Summen und den episch-hellen Tönen das nötige Potenzial zur Art-Punk-Hymne. „Inhale Exhale“ und „Vagabond“ bringen hingegen eine düster-robuste, nahezu dystopische Stimmung mit eindringlichen Bässen auf die Platte.

Farai „Kisswell“,
NON Worldwide, bereits ersch.

Farai spielt mit Princess Nokia und Mechatok am 18. April im Festsaal Kreuzberg in Berlin.

Gemeinsam mit ihrem Produzenten Basil Anthony Harewood alias TØNE lässt sie ihre diversen Einflüsse mit elektronischen und Post-Punk-Klängen miteinander zu einem Klangkosmos der Zukunft verschmelzen. Und die ist angesichts der politischen Herausforderungen finster.

April 05 2017

09:16

About Who?

Von Frederik Müller

Der New Yorker Teenager Ray (Elle Fanning) benötigt die Unterschrift beider Eltern, um seine Hormontherapie mit Testosteron beginnen zu können. Er lebt mit seiner Mutter (Naomi Watts) und Großmutter (Susan Sarandon) sowie deren Partnerin in einem gemütlich-chaotischen Haushalt. Der abwesende Vater muss aber für die Unterschrift kontaktiert und überzeugt werden.

Elle Fanning als trans Teenager Ray © TOBIS Film

Für Ray besteht das Leben aus Warten: auf den Schulwechsel, auf den gewünschten Körper, auf den Neuanfang. Andere Jugendliche sind für ihn außer Reichweite, er ist umgeben von Erwachsenen. Er ist oft zu Hause, umgeben von jener quirky-klaustrophoben Familie, in der alle Zimmer durchsichtige Türen oder hellhörige Wände besitzen.

Trans zu sein ist ein Zustand und kein Handlungsstrang – Ray wird also vor allem in dieser Verfasstheit gezeigt. Er trägt Strickmütze, filmt seine Transition, macht Sport, rasiert sich und weiß nicht, welches Klo er benutzen soll. Regisseurin Gaby Dellal erhebt jeden Satz zum Symbol, jede Situation zur Metapher und lässt kein Klischee des Transgender-Films aus. Aber Ray will kein Symbol sein, er will ein ganz normales Leben.

Alle Farben des Lebens (US 2016)
Regie: Gaby Dellal. Mit: Naomi Watts, Elle Fanning, Susan Sarandon u. a., 89 Min., DVD-VÖ: 07.04.

Der Fokus auf den medizinischen Aspekt eines trans Lebens ist verständlich, weil Ray Teenager ist. Irritierend ist jedoch, dass trotz des Titels (im Original „About Ray“) der Film in Wirklichkeit von Rays Familie handelt. Alle sind weiß, Mittelschicht, irgendwie progressiv eingestellt und haben keine anderen Sorgen außer ihrem trans Sohn. Und so ist die Geschichte ein Patchworkfamilien-Feelgood-Film in schönen Herbstfarben, in dem Ray nur die Funktion eines Konfliktverdichters innehat.

April 04 2017

11:06

Horny For Justice

Von Tove Tovesson

Ich habe nur bruchstückhafte Erinnerungen daran, von meinen Eltern oder in der Schule aufgeklärt worden zu sein. Die Lücken habe ich mit Gruselgeschichten aus dem kollektiven Gedächtnis, wie Aufklärung eben so ist — etwas peinlich und generell unzureichend —, gefüllt. Ich erinnere mich an zwei Bücher, den Klassiker „Peter, Ida und Minimum“ und einen mit Fotos illustrierten Band über Schwangerschaft, bei dem mich besonders eine Seite beschäftigte. Sie zeigte eine junge Frau, die voll bekleidet in der Meeresbrandung steht, das Kapitel dazu hieß „Eisprung“, von mir gelesen als „Eis-Sprung“. Wohl, weil das Meer kalt ist, aber weiter reichte meine Erklärung nicht.

Auf eine Zigarette danach mit der Raupe Nimmersatt und der Mutter in der Jeansjacke. @ Tine Fetz

 

Als Leseanfänger*in schnappte ich nur Brocken aus dem Text auf und mein Verständnis vom hormonellen Zyklus vermischte sich mit der Vorstellung, dass Leute für ihren Eissprung regelmäßig nach St. Peter-Ording fahren müssen, und mit meinem Biologiewissen aus „Die kleine Raupe Nimmersatt“. So blieb dieses Aufklärungsbuch voller Geheimnisse und warf mehr Fragen auf, als es beantwortete. Zum Beispiel auch, warum die Frau auf dem einen Bild im Bett eine Jeansjacke trug und nichts darunter. (Antwort: Weil es die 1980er waren.)

Mir schien diese „Information“ jedenfalls genauso relevant für Sex wie jede andere unsinnige Information, die ich in Ermangelung von Verständnis sehr wörtlich nahm. So auch die Formulierung, „miteinander schlafen“ oder „eine Nacht miteinander verbringen“. Ich könnte nun einen Witz darüber machen, welch große Enttäuschung ich ungefähr zehn Jahre später erlebte, aber eigentlich war es eine Erleichterung herauszufinden, dass Sex nicht so lange wie die Bahnfahrt zu Oma und Opa oder die Autofahrt in den Familienurlaub dauern muss, auf der mir immer übel wurde.

Meine Kindersorgen hinsichtlich Aufklärung waren offenbar hauptsächlich logistischer Natur, zumindest erinnere ich mich daran, meine Mutter gefragt zu haben, was Leute tun, wenn sie beim Sex mal auf die Toilette müssen. Im Zug gibt es Toiletten, auf der Autobahn Raststätten, aber beim Sex? Meine Mutter antwortete mir leicht verkrampft und final, „Man muss da nicht!“, was mir verdächtig vorkam und meine Sorgen nicht minderte.

Bis es dann so weit war, hatten sich diese ganzen known Unknowns, also Dinge, von denen ich wusste, dass ich sie nicht weiß, irgendwie geklärt, danke Internet. Es blieb ein Berg von unknown Unknowns, verdeckt von einer Schicksalsergebenheit gegenüber obligatorischer cis Heterosexualität. Auch wenn mir immer noch schleierhaft war wieso, wusste ich nun, dass alle und so auch ich da durch müssen, sei es nun als Hetero- oder als Homosexuelle. Mir war in diesem Rahmen zwar die Idee von Konsens bekannt, also dass ich nein sagen kann, aber es war trotzdem klar, dass dieses Nein nicht für immer gelten kann, danke Rape Culture.

Wo Heterosexualität normativ ist, bezieht sich diese Norm eben nicht nur darauf, selbstverständlich hetero zu sein, sondern macht auch Sexualität zur Pflicht. Weitere implizite Normen, die schon Peter-Ida-und-Minimum-Aufklärung transportiert, beziehen sich auf Körper und Geschlecht: Der angenommene Normmensch ist cisgender, also das ihm bei (oder vor) Geburt zugeschriebene Geschlecht stimmt überein mit seinem tatsächlichen Geschlecht, und er ist dyadisch, also nicht intersex.

Von Asexualität als legitimer Orientierung hatte ich nie gehört, höchstens von sogenannten frigiden Frauen und pathologisiertem (fehlendem) Begehren und all den Ideen, die Rape Culture zur „Heilung“ ersinnt. (Das Problem hierbei ist nicht nur und in erster Linie, etwas als Krankheit zu bezeichnen, das keine ist, sondern wie eine ableistische Gesellschaft mit ihren Kranken umgeht. Sie hält sie für minderwertig und behandelt sie entsprechend. Diese Behandlung kann ich für Kranke jedoch genau so wenig gutheißen wie für fälschlicherweise als krank Bezeichnete.)

Wo die Begriffe fehlen, ist es schwierig mit der Positionierung. Der Vorwurf, beispielsweise „transtrender“ zu sein, also nur trans, weil das jetzt modisch ist, ignoriert das Vakuum, das Begriffen, die sich plötzlich verbreiten, vorausgegangen sein muss. (Und selbst wenn Aufmerksamkeitsmangel dabei eine Rolle spielt, was ist das Problem daran, „nur Aufmerksamkeit“ zu wollen? Eigentlich ein ziemlich schlüssiger Wunsch in Bezug auf marginalisierte Identitätsaspekte und überhaupt ein schönes Leben.) Wenn mit den neuen Begriffen, die für Identitäten und Begehren gefunden werden, kein tiefer gehender Inhalt verknüpft wäre, für den diese Begriffe fehlten, würden sie sich nicht etablieren.

Dies muss nicht immer emanzipatorisch sein, wie beispielsweise der Begriff „sapiosexuell“, der sexuelle Anziehung mit Intellekt verknüpfen will und damit doch nur ableistisch und oft klassistisch ist, oder „transracial“, das plump die soziale Konstruiertheit von Geschlecht mit der sozialen Konstruiertheit von Race gleichsetzt und damit Rassismus und Transfeindlichkeit beinhaltet. Es gibt eben auch ein Vakuum für die differenzierte (Selbst-)Bezeichnung von Kackleuten, die nicht immer nur Nazi, sondern lieber Alt-Right heißen wollen.

Diese Label, die andere sich selbst geben, für sie zu verwenden und ihnen Raum zu geben, ist eine Form von Validierung, sie zu verweigern, eine Absage an ihre Legitimität — nicht nur der Label, sondern ihrer Inhalte. Nun wird über Dyacisheterosexualität auch nicht permanent geredet, eben mit Ausnahme des für alle Beteiligten peinlichen Aufklärungsunterrichts, so könnte man meinen. Für Menschen, die diesen Normen weitestgehend entsprechen, ist das Thema offenbar herrlich nonexistent. Und wirklich, wo kommt es denn schon vor, außer ungefähr überall im Alltag?

Tatsächlich aus dem öffentlichen Raum verbannt ist die Abweichung, weshalb Aufklärung unter Berücksichtigung der LGBTIQ-Community als „Frühsexualisierung“ in die Schmuddelecke bugsiert wird. Dieser Einteilung hat sich nun auch YouTube angeschlossen, indem dort ein (opt-in) Filtermodus zur Verfügung steht, der Videos zu angeblich sensiblen oder nicht jugendfreien Themen herausfiltert, in der Praxis jedoch vor allem LGBTIQ-YouTuber*innen trifft.

Dies ist aus mehreren Gründen problematisch: Viele queere YouTuber*innen bestreiten durch ihren Videokanal ihren Lebensunterhalt, zumal insbesondere trans Frauen auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert werden und häufiger erwerbslos sind. Für viele queere Jugendliche bieten Plattformen wie YouTube und Tumblr außerdem die einzige oder wenigstens eine wichtige Möglichkeit zum Austausch, zur gegenseitigen Information und zum Bilden von unterstützenden Netzwerken. Der Filter ist ein Service für ihre queerfeindlichen Eltern. Depression und andere psychische Erkrankungen sind nicht assoziiert mit Queerness an sich, sehr wohl aber der gesellschaftlichen Stigmatisierung queerer Menschen. Die Unterdrückung ihrer Stimmen ist jugendgefährdend in einer existenziellen Weise.

April 03 2017

13:53

Hä? Was heißt denn People of Color?

Von Tina Adomako

Gerne wird die Welt in Gegensätze eingeteilt: männlich und weiblich, reich und arm, schwarz und weiß. Doch wenn es um „Hautfarbe“ geht, ist eine
derartige Sicht schwierig. Wer ist weiß? Wer ist Schwarz? Und gibt es nicht viele Schattierungen dazwischen? Die Mehrheit der Deutschen sieht sich als weiß*.

Schwarze, das sind Menschen aus Afrika oder mit afrikanischem Migrationshintergrund, oder? Doch was ist mit Leuten wie mir? Weiße Mutter, Schwarzer Vater. Bin ich Schwarz? Oder weiß? Weder noch oder doch beides?

Lange wurde ich als „Mischlingskind“ bezeichnet. Im Deutschland der 1980er-Jahre nannte man mich eine „Farbige“. Farbig? Nein, das sagt man heute nicht mehr. Da schwingt zu viel Kolonialgeschichte mit. Heute bin ich eine Person of Color oder kurz: PoC (sprich: „pieh-oh-ßi“). Hä? Color, das heißt doch Farbe? Dabei geht es nur bedingt darum, wie „dunkel“ mein Teint ist.

PoC ist eine selbst gewählte Bezeichnung von verschiedensten Menschen, die sich als nicht-weiß definieren. In der Mehrheitsgesellschaft gilt weiß nach wie vor als Norm und nicht-weiß als Abweichung davon. Was PoC miteinander verbindet, sind geteilte Rassismuserfahrungen, Ausgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft und kollektive Zuschreibungen des „Andersseins“. In weiß dominierten Gesellschaften sind nicht-weiße Menschen seit der Kolonialzeit von Rassismus und Diskriminierung betroffen – bis heute.

Aufbauend auf den negativen Erfahrungen, die Nicht-Weiße erleben, wurde „Person/People of Color“ zu einer kollektiven Selbstbezeichnung, die Solidarität unter rassistisch Diskriminierten herstellt. Sich so zu bezeichnen ist auch politisch. PoC fordern gleiche Chancen und Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen. Ursprünglich wurde der Begriff im 18. Jahrhundert in den karibischen Kolonien Frankreichs verwendet, um befreite Sklav*innen „gemischter Herkunft“ zu bezeichnen. Diese „gens de couleur libre“ besaßen mehr Rechte als gewöhnliche Versklavte. In Anlehnung daran tauchte der Begriff „People of Color“ im angloamerikanischen Raum erstmals 1781 auf. Fast 180 Jahre später entdeckte die US-Bürgerrechtsbewegung die Bezeichnung für sich neu. In den 1960ern und 1970ern waren es politische Aktivist*innen wie Frantz Fanon und Malcolm X, die eine gemeinsame Bezeichnung für alle von Rassismen betroffenen Menschen propagierten. Im Kampf um mehr Rechte umfasste PoC nicht nur Schwarze US-Amerikaner*innen, sondern auch Menschen in Lateinamerika, Südafrika oder Asien, die sich gegen weiße Machtverhältnisse und Kolonialismus auflehnten. So wurde „People of Color“ zu einer verbindenden Bezeichnung für nicht-weiße Menschen in rassistischen Gesellschaften. Als politischer Begriff hilft er, multiethnische Allianzen zu schmieden, um gemeinsam gegen Unterdrückung und weiße Machtstrukturen einzutreten.

In Deutschland wird der Begriff PoC vorrangig im akademischen Umfeld benutzt und setzt sich nur langsam im Alltag durch. Viele Menschen in Afrika und Asien können mit der Bezeichnung nichts anfangen. PoC wird eher im Kontext weißer Mehrheitsgesellschaften gebraucht, weniger dort, wo Nicht-Weiße die Mehrheit stellen. In solchen Ländern kann es passieren, dass Personen, die sich in Deutschland als PoC sehen, als weiß angesehen werden. In Zeiten der Globalisierung plädiere ich allerdings für eine ganz einfache Zuschreibung: Wie wäre es mit einem verbindenden „Mensch mit globaler Geschichte“?

* weiß ist keine ermächtigende Selbstbezeichnung, sondern eine privilegierte Position innerhalb eines rassistischen Systems. Deshalb wird weiß klein und kursiv geschrieben. (Anm. der Redaktion)

Dieser Text erschien zuerst in Missy Magazine 02/17.

March 31 2017

14:19

„Jackson“ oder die letzte Abtreibungsklinik in Mississippi

Von Sônia Kewan

Eine von drei US-Bürgerinnen treibt in ihrem Leben einmal ab. 60 Prozent der Patientinnen sind Women of Color. Die Kosten für den Eingriff bezahlen die Frauen aus eigener Tasche. Im US-Bundesstaat Mississippi gibt es eine einzige Abtreibungsklinik. Die Letzte von ehemals vierzehn. Die Klinik liegt in Jackson, der Hauptstadt von Mississippi. Und sie kämpft um ihr Bestehen.

Die Entscheidung für eine Abtreibung ist besonders in den Südstaaten für viele Women of Color ein Privileg. © Jackson Film

Die preisgekrönte Dokumentation „Jackson“ zeigt den Kampf gegen die Schließung der letzten Abtreibungsklinik von Mississippi. Ein zermürbender Kampf gegen die Anti-Abtreibungslobby. Aus der Perspektive von drei unterschiedlichen Frauen zeigt die Regisseurin Maisie Crow, wie die drohende Schließung der Klinik deren Leben – indirekt wie direkt – beeinflusst.

Einerseits ist da April Jackson: 25 Jahre alt, Mutter von vier Kindern, ungewollt schwanger, Woman of Color, wohnhaft am Rande von Jackson. Andererseits begleitet Crow die politischen Kontrahentinnen Shannon Brewer und Barbara Beaver im Kampf um das Bestehen der Abtreibungsklinik. Brewer ist Leiterin der Abtreibungsklinik und engagiert sich mit Herzblut für die Rechte junger, sozial schwacher Frauen im Gesundheitswesen. Barbara Beaver hingegen ist vehemente Abtreibungsgegnerin und Wortführerin der sogenannten „Pro Life“-Bewegung, einer fundamentalistisch christlichen Organisation, die in speziellen Beratungszentren zweifelnde junge Schwangere vom Mutterglück überzeugt.

Die christliche Moral wird von den Abtreibungsgegnern hochgehalten. Doch für die Durchsetzung ihrer politischen Ziele sind ihnen alle Mittel recht. Die Leidtragenden sind Frauen wie April. Sie werden mit Geschenken und geheuchelter Zuwendung abgespeist. Grundsätzliche Probleme werden komplett ignoriert. Es sind erschütternde Bilder, die Crow mit einer eleganten Ästhetik auf die Leinwand bringt.

„Jackson“
Ein Dokumentarfilm von Maisie Crow
USA 2016
Der Film feiert am 01. April 2017 im Rahmen des 10. Lichter Filmfest Frankfurt Deutschland-Premiere.

„Jackson“ bewegt sich geschickt zwischen den Ängsten und dem Kampfeswillen von feministischen Frauen wie Shannon Brewer, der aggressiven Scheinheiligkeit der Anti-Abtreibungslobby und der Realität einer mittellosen Mutter – ohne dabei ein Urteil zu fällen. Die ungeschönte Realität hinterlässt bei der*m Zuschauerin ein beklemmendes Gefühl. Aber auch den Drang, etwas daran ändern zu wollen.

Reposted bylordminx lordminx

March 30 2017

15:42

#amland

Von Anna Mayrhauser

Paula ist siebzehn Jahre alt, klug und selbstbewusst. Sie besucht ein Gymnasium in der niederösterreichischen Provinz, genauer in Lanzenkirchen, nahe Wiener Neustadt. Sie ist in Charlotte aus ihrer Klasse verliebt, die aber eine erschütternd ernsthafte Beziehung mit dem Schüler*innenzeitungsredakteur Michael führt. Außerdem weiß Paula nicht so recht, was ihre Schulkollegin Lilly von ihr will, die sie einerseits immer wieder provoziert, aber auch offensiv anflirtet. Außerdem gibt’s da noch Tim, der wiederum in Paula verliebt ist, und ihre besten Freund*innen Marvin und Kathrin. So weit, so normal – nicht nur mit siebzehn.

So fühlt sich Siebzehnsein manchmal an. Manchmal auch nicht. @ Orbrock Film

Die österreichische Regisseurin Monja Art, selbst in den 1990er-Jahren in Lanzenkirchen aufgewachsen, betont bei der Österreich-Premiere ihres vor Kurzem mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichneten Films in Graz, dass sie keinen Coming-out-Film drehen wollte. Stattdessen erzählt sie eine ruhige und authentische Coming-of-Age-Geschichte und ohne pathetisch zu sein von dem großen Pathos, den so eine Teenagerliebe oft mit sich bringt. Tatsächlich ist eine der großen Stärken des Films, dass „Siebzehn“ die Sexualität seiner Protagonist*innen niemals problematisiert. Dass Mädchen auf Mädchen stehen, ist für alle Teenager und scheinbar auch Erwachsenen in „Siebzehn“ selbstverständlich. Ihre Gespräche darüber, ob Charlotte wohl auf Paula steht oder nicht, hören sich genauso an, wie die darüber, ob Kathrin ihren Schwarm Mesut endlich ansprechen soll. Im Vergleich zu Filmen wie etwa Lukas Moodyssons „Fucking Åmal“, der vor mittlerweile fast zwanzig Jahren von zwei Mädchen, die sich – hier in der schwedischen Provinz – verlieben, erzählte, hat sich also einiges getan.

„Siebzehn“ ist ein bezaubernder Film, der abwechselnd das Gefühl auslöst, unbedingt wieder ein Teenager sein zu wollen und das alles auf keinen Fall nochmals durchstehen zu wollen. Wer eine Jugend in der österreichischen Provinz (und wahrscheinlich auch anderswo in ländlichen Regionen) verbracht hat, wird ein hohes Identifikationspotenzial verspüren. Die Sehnsucht nach Wien, das eigentlich gar nicht so weit weg ist, aber unendlich fern scheint, das irgendwie alternative Lokal, in dem ausschließlich Teenager verkehren, aber ein alter Mann das Bier und den Pfirsichspritzer ausschenkt (ohne je nach dem Ausweis zu fragen), die dramatischen Gespräche beim endlosen Warten auf dem Bus, der eine*n in die Schule und wieder nach Hause bringt – von all diesen Dingen erzählt Monja Art unaufgeregt und Caroline Bobeks Kamera findet nahe und unmittelbare Bilder dazu. Die jungen Schaupieler*innen, u.a. Elisabeth Wabitsch als Paula, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten selbst 17 Jahre alt,  die teilweise auch Szenen improvisiert haben, sorgen ebenfalls dafür, dass sich „Siebzehn“ immer frisch anfühlt – egal, wie oft die Geschichte vom Erwachsenwerden schon erzählt wurde.

Siebzehn AT 2017. Regie: Monja Art. Mit: Elisabeth Wabitsch, Anaelle Dézsy, Alexandra Schmidt u.a., 104 Min., Kinostart: 28.04. Außerdem zu sehen auf der Diagonale – Festival des österreichischen Films in Graz am 01.04.

Es gibt viele kleine Momente, die in „Siebzehn“ von Freiheit und Sehnsucht erzählen. Einmal tanzen Marvin, Paula und Kathrin zu dritt alleine zu Wandas „Auseinandergehen ist schwer“ und singen laut mit. Jeder Machochismus dieser Band wird subversiert – nie hat sich Wanda besser angehört.
10:04

Eine Hülle von Film

Von Thi Yenhan Truong

Realverfilmungen von Animationen sind in Hollywood en vogue: Praktisch alle Disney-Filme werden derzeit mit Schauspieler*innen und allerhand Spezialeffekten umgesetzt. Jetzt war „Ghost In The Shell“ dran: Vorlage ist der Anime von 1995, der wiederum auf einem Manga von Masamune Shirow basiert. Bereits vor dem Kinostart des neuen Films gab es zahlreiche Kontroversen, als bekannt wurde, dass Scarlett Johansson die Hauptrolle des „Major“ übernehmen würde. Doch der Reihe nach.

Scarlett Johansson in der Hauptrolle als „Major“. © 2017 PARAMOUNT PICTURES

„Ghost In The Shell“ spielt in einer nicht genauer definierten Zukunft, in der die Technik so weit fortgeschritten ist, dass Menschen ihren Körper durch künstliche Organe und Gliedmaßen optimieren können. Alles ist miteinander vernetzt – eingeschlossen der eigene Körper, mit dem man bequem telepathisch kommunizieren kann. Die Handlung setzt an mit der Verpflanzung einer Seele, eines sogenannten „Ghost“, in eine künstliche Hülle, „the Shell“. Der Major, gespielt von Johansson, ist die Erste ihrer Art. Sie ist die ultimative Waffe, ein gelungenes Experiment, das perfekte Wesen aus menschlichem Geist und künstlicher Maschine. Gemeinsam mit den Verantwortlichen von Sektor 9 und ihrem Kollegen Batou versucht sie, einen geheimnisvollen Hacker dingfest zu machen, der sich in die künstlich erweiterten Menschen einhackt, in seine Kontrolle bringt und tötet.

Aus erzählerischer Sicht ist die Hollywoodverfilmung des Anime eher enttäuschend. Das japanische Original stellt wichtige Fragen zur menschlichen Existenz: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Was ist Bewusstsein? Welche Macht haben Daten, und wann kann man von einem Bewusstsein bei Maschinen sprechen? Doch anstatt sich diesen Themen zu widmen und sie mit dem Wissen von heute umzusetzen, erhalten die Zuschauer*innen nur eine bedeutungslose Hülle von einem Film. Trotz gut eingesetzter 3D-Effekte und eines interessanten Set-Designs schafft die Neuverfilmung das Kunststück, actiongeladener und zugleich langweiliger zu sein als sein Anime-Vorgänger.

Wir sehen die typische monochrome Ästhetik zeitgenössischer Superheld*innenfilme, eine Art Origin-Story, die so schon gefühlte tausend Mal erzählt wurde. Der Plot ist verflacht, die Dialoge erklären den Zuschauer*innen ein bisschen zu explizit, was passiert und wie sie darauf zu reagieren haben. Aus einem philosophischen Gedankenexperiment über die Konsequenzen fortschreitender Technologisierung für die Menschheit wird eine öde Nabelschau, gepaart mit einem wenig spannenden „Who done it“-Krimiplot.

Dass der Film nicht besonders gut ist, ist aber noch nicht einmal das Problematischste. Viel schwerer wiegt das Whitewashing. Schon im Vorfeld waren die Proteste groß: Der Charakter des Major wird von einer weißen Frau gespielt, die gesamte Umgebung ist aber dank Architektur und Schriftzeichen klar als futuristisches Japan zu erkennen. Johansson trägt eine schwarze Perücke, ihr Make-up wurde derart gestaltet, dass sie „asiatischer“ aussieht. Man kann getrost von Yellowfacing sprechen.

Alle „echten“ asiatischen Figuren sind Nebendarsteller*innen oder dekoratives Beiwerk. Besonders schlimm trifft es die Frauen: Bis auf eine im letzten Drittel des Films gibt es keine einzige Asiatin mit einer Sprechrolle. Und das in einem klar als asiatisch erkennbaren Universum. Asiatinnen sind entweder stumme Stripperinnen, Passantinnen oder Geisha-Bots, die Männer bedienen – frei nach der Devise: weibliche Kick-Ass-Charaktere ja, aber nur, wenn sie weiß sind. Den Film als feministisches Werk zu verstehen klappt nur, wenn man sich auf weißen Feminismus beschränkt.

Als wäre das nicht schlimm genug, eliminiert der Film asiatische Existenzen regelrecht und macht dies zu einem Teil des Plots (Achtung, Spoiler): Am Ende entdeckt der Major, wer sie einst war – eine japanische Anarchistin namens Motoko Kusanagi, die entführt und in einem Experiment eines bösen Konzerns zum Major gemacht wurde. Wenn man die Prämisse des Films konsequent durchdenkt, ist der Subtext atemberaubend rassistisch: Einer asiatischen Frau werden Körper und Identität weggenommen, sie wird missbraucht. Das Ergebnis des Frankenstein-Experiments ist der Major: der perfekte Cyborg. Die Hülle für dieses ideale Wesen ist eine weiße Frau. Das heißt im Umkehrschluss, dass der asiatische Körper mangelhaft ist. Und Motoko ist nicht die Einzige, die eine Weißwaschkur erhält (Achtung, Spoiler): Ihr Freund Hideo, natürlich ein Japaner, ist ein fehlgeschlagenes Experiment – und seine „Shell“ lilienweiß.

Ghost In The Shell US 2017. Regie: Rupert Sanders. Mit: Scarlett Johansson,  Takeshi Kitano, Juliette Binoche, Michael Pitt, Pilou Asbæk, Kaori Momoi u.a., 106 Min., Kinostart: 30.03.

Ob der Film erfolgreich sein wird und Scarlett Johansson die Star-Power besitzt, um einen Kassenschlager zu produzieren (weswegen sie überhaupt gecastet wurde), muss sich noch zeigen. Aber man kann fast froh sein, dass für dieses eher mäßige Werk mit einer Extraportion Rassismus keine asiatischen Schauspielerinnen verbrannt wurden.

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March 29 2017

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11:09

Normierte Körper

Von Lisa-Marie Davies

Das Buch aus der Reihe „Geschlechterdschungel“ im Unrast Verlag setzt sich mit der Diskriminierungskategorie „Lookismus“ auseinander. Anhand von Merkmalen wie Körpergröße, Gewicht oder sichtbaren Behinderungen zeigen die Autor*innen auf, wie sehr Menschen in unserer Gesellschaft abgewertet werden, wenn ihr Aussehen von der – vermeintlich gültigen – Norm abweicht. Deutlich wird auch, dass Lookismus immer auch mit anderen Diskriminierungskategorien wie „Hautfarbe“, Geschlechtszugehörigkeit oder Klasse betrachtet werden muss. Exemplarisch wird dies am Beispiel von Mode: Das Tragen von gebrauchter Kleidung oder von Kleidung vom Discounter (Stichwort: Jogginghose) kann bei dicken Personen die Zuschreibung „arm“ verstärken – und damit auch deren Ausgrenzung und Diskriminierung.

© Kathrin Tschirner

Anhand zahlreicher persönlicher Beispiele und Erzählungen in den Beiträgen wird deutlich, wie Lookismus wirkt und wie unterschiedliche äußere Körpermerkmale dazu führen, dass Menschen diskriminiert werden. So berichtet beispielsweise die Bloggerin und Missy-Magazine-Redakteurin Hengameh Yaghoobifarah davon, wie sie in der Schule als Kind aufgrund ihres Aussehens von ihren Mitschüler*innen beleidigt wurde und was dies mit ihr gemacht hat. Der Songtext „Schönheitsideale“ der HipHop-Artistin FaulenzA beschreibt, wie Normen in Bezug auf das Aussehen bei Menschen jenseits der Zweigeschlechtlichkeit wirken.

Doch das Buch macht auch Mut: Einige Autor*innen zeigen, wie sie selbst mit Diskriminierung umgehen, etwa indem sie sich mit anderen zusammenschließen, die aufgrund von Lookismus abgewertet werden. Auch werden verschiedene Empowerment-Konzepte vorgestellt. So hat etwa die Fat-Empowerment-Bewegung, die in den 1970ern in den USA entstanden und um die 2000er-Jahre in Deutschland angekommen ist, dazu beigetragen, dass sich auch hier viele feministische Gruppen explizit mit der Diskriminierung von Dicken und der Schönheitsindustrie auseinandersetzen. Für mehr Akzeptanz des eigenen Körpers plädiert auch die Body-Positivity-Bewegung. Beide Strömungen sind vor allem online präsent, etwa in Form von Blogs.

Lea Schmid/Darla Diamond/Petra Pflaster (Hg.) „Lookismus: Normierte Körper – Diskriminierende Mechanismen – (Self-)Empowerment“
Unrast Verlag, 80 S., 7,80 Euro

Zugleich kritisieren die Autor*innen, dass es innerhalb linker Zusammenhänge häufig zu Gegennormen komme, die zwar einen guten Ansatz verfolgen, aber selbst auch  diskriminierend wirken, wenn Menschen aufgrund ihres Aussehens nicht „hineinpassen“. Und auch wenn man nach außen hin von herrschenden Schönheitsnormen befreit wirkt – viele hinterfragen ihr Äußeres weiterhin ständig oder machen heimlich Diäten. Hier helfe den Autor*innen zufolge nur gegenseitige Offenheit und Stärkung untereinander.

Die Lektüre bietet mehr als nur eine gute und lesenswerte Einführung in das Thema. Vielmehr wird deutlich, warum es eine Diskussion um und Kritik an Lookismus braucht, der bislang auch in feministischen Zusammenhängen oft nur eine untergeordnete Rolle spielt.

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March 28 2017

10:37

Familienduell im Lehrerzimmer

Von Amelia Umuhire

Disclaimer:
Im folgenden Text taucht das N-Wort unzensiert auf. Ich wurde selten davor verschont, es in seiner hässlichen Fülle zu hören, und bin davon überzeugt, dass es in einem Text, in dem es um die Wirkung des Wortes geht, zu erkennen sein sollte.

Es ist Donnerstagabend und eine sehr gute Freundin ist zu Besuch. Wir trinken und rauchen und kommen durch ein Gespräch über Kinder auf unsere unterschiedlichen Kindheiten zu sprechen. Plötzlich fragt sie mich, wann ich das erste Mal in meinem Leben das Wort „Neger“ oder „Nigger“ zu hören bekommen habe. Ich freue mich über die Frage und bin gleichermaßen verblüfft, da es tatsächlich das erste Mal ist, dass sie mir jemand stellt. Auf der Suche nach einer Antwort gehe ich in meinem Kopf verschiedene Szenen aus meiner Kindheit durch.

Durch die Zusammenwirkung von Kontext, Intention und Reaktion bekommt das Wort viel Gewicht. © Tine Fetz

Ich erinnere mich an einen meiner ersten Schultage in Deutschland, als David Blüma in der Pause vor mir steht und mir seinen Mittelfinger ins Gesicht hält, während er gleichzeitig einen affenähnlichen Tanz vorführt. Doch streng genommen zählt dieser Vorfall nicht, da er das Wort nie ausspricht. Auch wenn die Kombination aus Tanz und Mittelfinger dazu führt, dass ich mich zum ersten Mal wie einer fühle.

Nach und nach erinnere ich mich an ähnliche Ereignisse und gehe sie wie bei einer erfolgreichen Google-Suche nach Relevanz durch. Dabei sind die Kategorien, die zur Einschätzung und Einstufung der Relevanz dienen, Kontext, Intention und Reaktion.

Denn wenn dem großen, vermutlich Basketball spielenden Weißen, der beim RZA-Konzert neben dir steht, beim Mitsingen des Textes seines vermeintlichen Lieblingsrappers das Wort entgleitet, ist seine Intention nicht unbedingt böse und deine Freunde werden so tun, als hätten sie es nicht gehört. Und selbst wenn du darauf bestehst, ihn darauf aufmerksam zu machen, so wird er auf dein Naserümpfen hin seine Hände hochhalten und sich ungefähr so entschuldigen, wie man sich entschuldigt, wenn man jemanden auf der Straße anrempelt.

Ein Fall wie das des mitsingenden, vielleicht Basketball spielenden, weißen Typen taucht auf ca. Seite 14 der Suchergebnisse auf. Doch weiter vorne finde ich ein weiteres Ereignis, das veranschaulicht, wie eine Situation aussehen kann, in der die Zusammenwirkung von Kontext, Intention und Reaktion die Wirkung des Wortes in die Höhe schießen lässt. Ein Rassismus-Kopfstoß, wenn du so willst.

Diesmal auf dem Gymnasium. Ich laufe also eines Tages kichernd mit meinen Freundinnen den Flur entlang, als sich Paul Galesch, ein Klassenclown, der regelmäßig seine Intelligenz und Langeweile erfolgreich in Grausamkeit umwandelt, vor mich stellt und mir LENOR ins Gesicht schreit. Ich verstehe nicht, was er damit sagen will, und meine ausbleibende Empörung veranlasst ihn dazu, mir die Bedeutung jetzt in einer leiseren, aber immer noch sehr klaren Stimme zu erläutern. Leib Eigener Neger Ohne Rechte.

Meine Freundinnen schütteln mit dem Kopf und schauen erst mich und dann ihn mit einer abwechselnden Mischung aus Empörung und Scham an. Wir alle wollen aus unterschiedlichen Gründen nicht weiter darüber sprechen, also wechseln wir peinlich berührt das Thema.

Eine Reaktion, die ich noch öfter in Kombination mit besoffenen, aggressiven und dadurch scheinbar unweigerlich rassistischen Männern an Karneval und anderen größeren Veranstaltungen erleben werde. Nach der Pause hängt mir das Ganze dennoch nach. Ich beschließe, es zu melden und dabei strategisch vorzugehen.

Ich gehe zu Frau Wolther, der linken Pädagogik-Lehrerin meines Vertrauens, die sich oft und auch unaufgefordert als 68er-Feministin bezeichnet. Sie ist eine von den Lehrer*innen, die mir auf sehr unterschiedliche Weise das Gefühl geben, dass ich Potenzial habe.

Manchmal schreibt sie mir sehr detailliertes und ermunterndes Feedback unter eine gute Klassenarbeit und lobt meine „flotte Schreibe“. Und manchmal, da steht sie während des Sportfests ohne ersichtlichen Grund am Feldrand und prophezeit mir oder (wie sie liebevoll zu sagen pflegt) der „schwarzen Gazelle“ lautstark Rekordläufe.

Als ich also bei Frau Wolther ankomme und ihr von meinem American-History-X-Moment in der Pause erzähle, reagiert sie zunächst so, wie ich es mir erhofft habe. Sie lässt Paul mithilfe einer mysteriösen Durchsage aus der Klasse rufen und schon nach wenigen Minuten stehen wir drei etwas unbeholfen im Flur vor dem Lehrerzimmer. Es ist peinlich ruhig.

Sie fordert ihn auf sich zu entschuldigen und schafft es dabei, nie auszusprechen, was er eigentlich gesagt hat. Und er gibt mir, ohne jegliche Anzeichen von Widerwillen, die Hand und entschuldigt sich dafür, dass er mich beleidigt hat.

Die von mir als weiße Whoopi Goldberg völlig fehlbesetzte Frau Wolther schweigt zu der besonderen Schwere der Beleidigung. Ich werfe ihr einen leicht enttäuschten Blick zu, der sie wie erhofft sichtbar unter Druck setzt. Sie geht leicht in die Knie und diese neue Position macht, dass ich kaum bemerke, wie ihre Stimme eine kindliche Färbung bekommt.

„Und das nächste Mal wenn so etwas passiert, nennst du ihn einfach Kalkeimer …“ Ich stocke. Nach einer sehr kurzen Pause und in einem Ton, als beantworte sie eine Familienduell-Frage, fügt sie noch hastig hinzu:

„… oder Toastbrot.“

March 27 2017

10:00

Internet killed the Fernsehsucht

Von Brigitte Theißl

Süchtig nach „World of Warcraft“, Face­book und Instagram? Verschiedene wissenschaftliche Studien legen nahe, dass Internetabhängigkeit eine ernst zu nehmende Suchterkrankung ist. In Deutschland soll fast jede*r zehnte Jugendliche das Netz zu intensiv und in problematischer Weise nutzen, ein Prozent süchtig sein.

Jungen trainieren mit Computerspielen ihre Motorik-Skills, Mädchen mit Selfies und Drama ihren Narzissmus. © Shutterstock/Dragana Gordic

Worauf sich die Sucht konkret bezieht, daran scheiden sich die Geister – beziehungsweise auch die Geschlechter: Jungs verlieren sich in den Welten der Onlinerollenspiele, Mädchen verbringen besonders viel Zeit in sozialen Netzwerken wie Facebook, so die Studienergebnisse. Oder wie es eine Journalistin der „Welt“ formuliert: „Mädchen wollen quatschen, Jungs schießen“. Und da beginnt sie, die Welt der Geschlechterstereotype, der Ab- und Bewer­tungen des Onlineverhaltens.

Wenn Mädchen sich in einem sozialen Netzwerk be­wegen, sind sie verzweifelt auf der Suche nach Bestätigung, kultivieren ihren Narzissmus mit täglichem Selfie und unterhalten sich im Facebook-Chat mit Freundinnen über den neuesten Schwarm. Jungs hingegen messen sich mit den Geschlechtsgenossen und präzisieren ihre (virtuellen) kriegerischen Fähigkeiten. Wie durch Gaming die Konzentration geschärft oder motorische Skills trainiert werden, damit warten Forscher*innen sogleich auf. Bei Mädchenkram wird erst gar nicht danach gefragt – Beziehungen unter Mädchen und Frauen können schließlich nicht produktiv sein!

Brigitte Theißl ist Journalistin und Redakteurin des Magazins „an.schläge“. Sie bloggt auf denkwerkstattblog.net.

Aber auch klassenspezifische Diagnosen geistern durch die Medien. Zwar wird die sogenannte „digitale Demenz“ von zahlreichen Wissenschaftler*innen als Mythos bezeichnet, ein deutscher Hirnforscher behauptet aber hartnäckig, zu frühe Internetnutzung mache „dumm“. In einem Dokumentarfilm über die umstrittene Diagnose pries ein US-amerikanischer Psychologe die Vorzüge des guten alten Buchs und der Handschrift – und wetterte gegen die „Tablet-Kids“. Diese würden heute nicht mehr vor den Fernseher gesetzt, ihnen würde von den verantwortungslosen Eltern einfach ein Smartphone oder ein Tablet in die Hand gedrückt werden.

Vermutlich wird es nicht mehr lange dauern, bis sich Offline-Sein als gutbürgerliches Distinktionsmerkmal etabliert hat: Papa packt in der Straßenbahn bewusst die gedruckte „FAZ“ aus und reicht Waldorf-Sohnemann die Pocket-Schiefertafel. Darauf ließe sich doch prima ein Schlachtplan für das nächste Kriegsspiel entwerfen.

Der Text erschien zuerst in Missy  Magazine 02/17.

March 24 2017

12:55

Fat-Shaming führt nicht zum Bonding, sondern zu Essstörungen

Von Nike Hohenstein

In der Elternzeitschrift „Nido“ behauptete ein Autor, es sei förderlich für die Bindung zu seinem Kind, gemeinsam über Dicke zu lästern. Als das diskriminierende Verhalten in den sozialen Medien skandalisiert wurde, gab es eine schwammige Stellungnahme von der „Nido“-Redaktion: Man sei ja nicht für Bodyshaming zu haben. Na ja. Oder doch.

© Shutterstock/Iakov Filimonov

Mich erinnerte das Verhalten des Autors an meine eigenen Eltern. Leider.

In meiner Familie war – und ist – Dicksein ein No-go. Mein Vater war als Jugendlicher und junger Erwachsener Leichtathlet und sein ganzes Leben durchtrainiert. Weil er wahnsinnig gern und viel Schokolade aß, wurde am Wochenende exzessiv trainiert. Meine Mutter ist eine Jo-Jo-Diätkandidatin, die ihr ganzes Leben zwischen Konfektionsgröße 34 und 40 pendelt, dabei 40 für übergewichtig hält und sichtlich stolz ist, wenn ihr die kleinste Größe von der Hüfte rutscht.

Lästern über Dicke gehörte bei uns zum Alltag. Wir kommentierten untereinander die Figur anderer Menschen. Dann haben wir gemeinsam „Iiieh“ gerufen und gelacht.

Die Bindung zwischen mir und meinen Eltern festigte das gemeinsame Lästern nicht, das Gegenteil war der Fall. Ehrlich gesagt nervte mich schon damals – da war ich vielleicht 10 oder 11 Jahre alt –, wie fies meine Eltern über Menschen sprachen, die sie überhaupt nicht kannten. Ich war zu diesem Zeitpunkt nämlich selbst von Mobbing in der Schule betroffen: Eine Gruppe Mädchen hatte mich als dumm und hässlich auserkoren und grenzte mich aus, auch mit fiesen Sprüchen über mein Aussehen. Ich war furchtbar unglücklich in dieser Zeit. Ich hatte den Eindruck, dass ich meinen Eltern nicht vertrauen konnte, dass auch sie zu denjenigen gehörten, die sich willkürlich aufgrund von Äußerlichkeiten über andere erheben. Heute würde ich sagen: dass sie Täter*innen sind. So kam es, dass ich ihnen die Lästereien der anderen über mich gar nicht erst anvertraute, alles aushielt. Glücklicherweise endete das Mobbing irgendwann, als die Haupttäterin von der Schule abging – zwei Jahre später.

Außerdem war das Lästern über dicke Menschen Teil der – wie ich heute weiß – gestörten Körperwahrnehmung meiner Eltern, die sich auf mich übertrug. Dank Therapie weiß ich, dass es angesichts des Umgangs mit Essen und Gewicht in meiner Familie wenig verwunderlich ist, dass auch ich zum Ende der Pubertät hin diverse Essstörungen entwickelte, mal 48 und mal 80 Kilo wog. War ich dünn, wurde ich gelobt, war ich ein bisschen dicker, schämte man sich für mich.

Es hat viele Jahre gedauert, bis ich mich von all dem befreit habe.

Also, liebe Eltern, wenn ihr denkt, es sei cool, mit euren Kindern über dicke Menschen zu lästern, dann fasst euch lieber an die eigene Nase. Kinder wollen ihren Eltern gefallen und machen das, was diese von ihnen erwarten. Auch über etwas lachen, was sie sonst vielleicht gar nicht als problematisch oder witzig wahrnehmen würden. Vielleicht fördert das die Nähe zwischen euch. Noch wahrscheinlicher ist aber, dass es euch voneinander entfernt.

10:46

Das Leben der Assata Shakur

Von Sabine Rohlf

Assata Shakur ist die erste Frau auf der Liste der „meistgesuchten Terroristen“ des FBI, für ihre Auslieferung sind zwei Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt. Sie war Mitglied der Black Panther Party und der Black Liberation Army. 1977 wurde sie wegen Mordes an einem Polizisten verurteilt, obwohl die Beweislage mehr als dürftig war. Sechseinhalb Jahre lang war sie in Haft, bevor sie 1979 aus einem Hochsicherheitsgefängnis befreit wurde. Seit 1984 lebt sie als politischer Flüchtling in Kuba.

Was für ein Leben – Shakur schrieb es schon den 1980er-Jahren nieder. 1988 veröffentlichte Assata Shakur ihre Autobiografie in London, 1990 erschien diese erstmals auf Deutsch. Der Laika Verlag bringt sie nun in einer Neuübersetzung und mit einem Vorwort von Angela Davis in die Buchläden. Neu sind auch viele hilfreiche Anmerkungen mit Hintergrundinformationen über Schwarzen Widerstand und Rassismus in den USA.

Assata Shakur © Filmstill, Laika Verlag

Shakurs Erinnerungen beginnen im Krankenhaus, wo sie schwer verletzt nach jener Schießerei lag, die zur Mordanklage führte. Sie war auf einem Highway von der Polizei angehalten worden, die Begegnung endete für ihren Freund Zayd Shakur und einen der Polizisten tödlich. Ein weiterer Polizist und Shakur wurden lebensgefährlich verletzt. Im Vorwort zur Autobiografie schildert Angela Davis, wie sie selbst nach einer Benefizveranstaltung für Assata Shakur in eine Polizeikontrolle geriet und wie riskant diese Situation war. Auch heute sind Schwarze Menschen bei Begegnungen mit der US-Polizei in Lebensgefahr. Was genau in Shakurs Fall geschah, nach der zu diesem Zeitpunkt gefahndet wurde, ist nie endgültig geklärt worden.

In ihrer Autobiografie berichtet Shakur abwechselnd von ihrer Zeit im Gefängnis und vom Leben davor. Sie erzählt von ihrer Kindheit in South Carolina in den 1950ern, als es Strandabschnitte (oder gar keinen Meerzugang) nur für Schwarze, nach „Rassen“ getrennte Schulen, Parkbänke und Toiletten gab. Sie erzählt von ihren Großeltern, die versuchten, sie vor Demütigungen zu beschützen, und von Schwarzen Schulkindern, die sich gegenseitig als „hässliche N*“ beschimpften.

In New York, wo Assata Shakur ihre Jugend verbrachte, war der Rassismus verdeckter, aber nicht weniger grausam. Sie beschreibt die Herablassung durch Lehrer*innen und Chefs, analysiert die Ausschlüsse und Wertungen in Medien, Kultur und Politik und zeigt, nicht zuletzt an sich selbst, internalisierte Gewalt und Selbsthass auf.

Ende der 1960er-Jahre tritt Assata Shakur an der Uni in Kontakt mit der Bürgerrechtsbewegung. In dieser Zeit hört sie auf, sich die Haare zu glätten, und tauscht ihren „Sklavennamen“ Joanne Deborah Byron gegen den selbstgewählten afrikanischen. Sie stößt zur Black Panther Party, für die sie unter anderem an Universitäten aktiv ist, und arbeitet auch mit Kindern aus Schwarzen Communitys. In ihrem Buch legt sie ihre politische Entwicklung und Entscheidungen dar, die sie Anfang der 1970er schließlich in die Illegalität der Black Liberation Army führten.

Die Passagen über ihre Inhaftierung und Prozesse beschreiben einen offen rassistischen Strafvollzug und ein entsprechendes Justizsystem. Misshandlungen, dreckige Zellen, fehlende Gesundheitsversorgung, physische und psychische Quälerei, Schikane. Shakur schreibt über ihre eigene Isolationshaft und über Schwarze Mithäftlinge, die wegen einer Packung geklauter Windeln monatelang eingesperrt wurden. Von gefälschten Beweisen, voreingenommenen Geschworenen und unehrlichen Belastungszeugen bei ihren Prozessen. Sie wurde wegen mehrerer Morde und Banküberfälle angeklagt, die Verfahren wurden entweder eingestellt oder endeten mit einem Freispruch. Wegen des angeblichen Mordes auf dem Highway wurde sie schließlich zu lebenslanger Haft verurteilt.

Assata Shakur: Assata. Eine Autobiografie.
Aus dem Amerikanischen von Jutta Nickel. Laika Verlag, 368 S., 28 Euro

Assata Shakur spricht ihre Leser*innen sehr persönlich an, am Ende der Kapitel finden sich immer wieder Gedichte, in die sie ihre Gewalterfahrungen und Hoffnungen überführte. Sie erzählt anschaulich, präzise, eindrucksvoll, aber immer sachlich. In manchen Punkten bleibt sie allerdings auch vage – ihre spektakuläre Befreiung etwa klammert sie aus. Gründe nennt sie nicht, aber es hat sicher damit zu tun, dass sie kein Märchen erzählt, sondern eine wahre Geschichte. Und dass manche der Beteiligten bis heute gefährdet sind. Wie auch die Verfasserin selbst.

March 23 2017

11:57

„Warum muss ich erst erwachsen werden, um zu erfahren, dass es in der Geschichte auch Frauen gab?“

Von Mareice Kaiser

„Ich lese manchmal in Geschichtsbüchern, weil ich muss, aber alles, was darin steht, ärgert mich entweder oder es langweilt mich. Die Fehden von Päpsten oder Königen und dazu Kriege oder Seuchen auf jeder Seite, die Männer alle zu nichts zu gebrauchen, und fast keine Frauen dabei – das ist furchtbar öde.“ Dieses Zitat von Jane Austen haben Kerstin Lücker und Ute Daenschel ihrem gerade erschienenen Buch „Weltgeschichte für junge Leserinnen“ vorangestellt. Darauf folgen 528 Seiten, die alles andere als öde sind und sich an Erwachsene, vor allem aber an Jugendliche richten. Denn, wie die Autorinnen rhetorisch fragen: „Warum muss ich erst erwachsen werden, um zu erfahren, dass es in der Geschichte auch Frauen gab?“

Die Autorinnen Kerstin Lücker und Ute Daenschel © privat

„Ein Puzzle, in dem viele Teile fehlen“ – so beschreiben sie die Weltgeschichte. Kerstin Lücker und Ute Daenschel haben die „Weltgeschichte für junge Leserinnen“ aufgeschrieben und sich dabei auf die Suche nach bisher fehlenden Puzzleteilen gemacht. Als Grund für die Geschichte(n) ohne Frauen geben sie an, dass Care-Arbeit für sehr lange Zeit und mehr oder weniger auf der ganzen Welt den Frauen überlassen war. Für die Geschichtsschreibung, also für die Kriege und die Gründung von Staaten, neue Religionen und technische Erfindungen waren Männer zuständig – während sich die Frauen um Haushalt, Küche und Kinder kümmerten.

Gleichzeitig gab es aber auch immer sehr viele Frauen, die regierten, in Kriegen kämpften, als Philosophinnen, Schriftstellerinnen oder Ärztinnen arbeiteten. Sie alle kommen wenig bis gar nicht vor in unseren Geschichtsbüchern. Diese Frauen zu erwähnen, widersprach lange Zeit der Ordnung der Welt: „Für das Außergewöhnliche waren die Männer zuständig, für den Haushalt die Frauen.“ Lücker und Daenschel erklären, dass es deshalb immer wieder passierte, dass Männer, die die Ereignisse ihrer Zeit dokumentierten, den Beitrag der Frauen einfach leugneten. So sind Briefwechsel in die Geschichtsbücher eingegangen, in denen ein Teil fehlt. Der weibliche – der männliche wurde publiziert.

In der Geschichte der Proteste gegen den Vietnam-Krieg wird oft unterschlagen, dass sie inspiriert waren vom Women’s Strike for Peace – amerikanische Hausfrauen, die die Initiatorinnen waren. Gelehrt werden meist nur die Studierendenproteste, die es ohne die Frauen wahrscheinlich nicht gegeben hätte. Genauso unterschlagen werden die Frauen, die rund um die Französische Revolution den Vorschlag machten, dass es doch eigentlich heißen müsse: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Schwesterlichkeit“. Der Part der Frauen fällt oft unter den Geschichtsbüchertisch.

Ute Daenschel und Kerstin Lücker: „Weltgeschichte für junge Leserinnen“
Mit Illustrationen von Linda Hüetlin, Verlag Kein & Aber, 528 S., 25 Euro

Kerstin Lücker und Uta Daenschel haben kein Frauenbuch geschrieben. „Wir wollen nicht nur von Frauen und wir können nicht von allen starken, klugen und mutigen Frauen erzählen, auch wenn sie – oft trotz widriger Umstände – großartige Denkerinnen, Künstlerinnen, Herscherinnen waren“, sagen die Autorinnen. Dann wäre eine „Weltgeschichte der Frauen“ dabei herausgekommen. Eine Spezialgeschichte – und damit nicht die Intention der Autorinnen. Sie haben ein Buch geschrieben, in dem Frauen ein ganz selbstverständlicher Teil jener Weltgeschichte sind, die uns alle angeht. Ein Vorbild für alle weiteren Bücher, in denen Geschichte aufgeschrieben werden wird.

 

 

March 22 2017

10:54

Wider den Dualismen

Von Nadine Schildhauer

Elysia Crampton bewegt sich zwischen süd- und nordamerikanischen Welten – sowohl im Geiste als auch im geografischen Sinne. Dass ihr Kopf von den Widersprüchen nicht platzt, mag daran liegen, dass sie dem Weltverständnis der Aimara auf den Grund gehen möchte. Musik dient dabei als Ventil – dort verhandelt sie das Unbewusste, das undefinierte Unbehagen, das erst später in ihr Bewusstsein dringt.

© CTM Festival

Aber von vorn: Elysia Crampton hat nicht immer unter ihrem Namen Musik gemacht. Unter dem Synonym (Moniker) E+E veröffentlichte sie bereits 2005 auf YouTube, SoundCloud und Bandcamp polyrhythmische Soundcollagen, die in ihren Produktionsweisen weitestgehend DIY blieben. Die minimalistisch gehaltenen Keyboard-Produktionen fütterte sie mit glossy R&B-Samples – eine Hommage an ihre vielen Einflüsse. Zudem verpasst sie ihren Songs mit Anleihen von Cumbia und südamerikanischem Metal einen für nordamerikanische und europäische Verhältnisse völlig neuen Sound. Anfang der 2010er-Jahre galt das noch als spacy, heute ist es Zeitgeist und wird von Labels und Kollektiven wie NON, N.A.A.F.I. und Janus gehypet – dieser Sound verändert jetzt die Clubwelt von Mexiko City über London bis Berlin. Allerdings fühlen sich die frühen Songs für die latinx Künstlerin nicht wie ihre eigenen an: So verabschiedete sie sich nicht nur von den Pop-Samples, sondern auch von ihrem Projekt E+E.

Mit ihrem Studioalbum „American Drift“, das sie unter ihrem Namen Elysia Crampton im Jahr 2015 veröffentlichte, gräbt sie in der Geschichte von Virginia sowie in der ihrer Familie nach ihrer Identität. Neben Einflüssen wie bolivianischer Volksmusik, Jazz und psychedelischem Folk auf dem Album untersucht sie die indigenen Bezüge im südamerikanischen Christentum und begibt sich auch in theoretischere Sphären. Sie bezieht sich damit auf einen Essay des Theoretikers Jose Munoz über Braunsein und die Performativität von race. „American Drift“ fächert sich collagenartig auf – Distortion-Ambient, religiöse Predigten von Money Allah, synthetisch-südamerikanische Volksmusik – und bildet damit den wichtigen Zwischenschritt zu „Elysia Crampton Presents: Demon City“ (2016, Break World Records), das sie mit Rabit, Why Be, Lexxi und Chino Amobi aufgenommen hat.

„Demon City“ ist entrückt aus Zeit und Ort: So zieht Elysia Crampton Referenzen zur indigenen Rebellenführerin Bartolina Sisa, die 1782 von spanischen Truppen zerstückelt wurde, und zeichnet im Song „Demon City“ ein dystopisches Soundszenario. Diesen ungreifbaren Stilmix aus Cumbia, Huayno, schweren Bässen, knarzigen Synthies und Gelächter-Samples bezeichnet sie als Severo, eine Musikrichtung, die sich im stetigen Wandel befindet und von Künstler*innen wie Crampton, Chino Amobi und Lexxi vorangetrieben wird. „Demon City“ zollt der Geschichte der Aimara Tribut – ein Werk der Solidarität und ein Akt der Dekolonialisierung – und geht den Weg der Dystopie, um ultimativ Souveränität und Kolonialmacht zu kritisieren. Missy traf die Aimara-amerikanische Künstlerin zum Gespräch.

Du wirst als bolivianisch-amerikanische Künstlerin …
Ich möchte dich zuallerst darum bitten, nicht die Begriffe „bolivianisch-amerikanisch“ zu benutzen, wenn du dich auf mich beziehst. Weder habe ich eine Verbindung mit dem Militärstaat Bolivien, noch habe ich einen bolivianischen Pass, und ich wurde auch nicht in Bolivien geboren – was aber ständig in Artikeln über mich behauptet wird. Meine Familie stammt von Aimara ab, und ich wurde in den USA geboren. Bluts- oder genetisch verwandt bin ich also mit den Aimara, die zu den Native Americans gehören. Native American ist demnach die korrektere Beschreibung.

In einem Interview sagtest du, dass du auch in als futuristisch angepriesener Musik immer noch die koloniale Idee wiederfindest. Was sind diese Elemente des Kolonialen?
Schlussendlich bleibt die binäre Logik der weißen Siedler von Materie vs. Antimaterie, menschlich vs. nicht-menschlich, Ding vs. Lebendiges in ihren Denkstrukturen gefangen und kann nicht außerhalb des Kolonialen denken. Sogar Computer funktionieren mit binärem Code. Natürlich ist es nicht so, dass alles Binäre per se schlecht ist, aber es gibt mehr als das. Die Aimara wertschätzen zwar die Dualität, aber zwei Pole ermöglichen in ihrer Logik auch das intermediäre Dritte. Sie nennen es „taypi“ – die Fähigkeit zu verstehen, dass Widersprüche nebeneinander existieren. Es ist eine Methode, die Realität, in der wir leben, zu verstehen – wo Zukunft und Vergangenheit im Hier miteinander verwoben sind und Materie ins Nichts fließt, verworren in einer Bewegung, die wie Musik oder Tanz ist.
Ein anderes Beispiel: Wir sind es beispielsweise gewohnt, die Vergangenheit als lineare Weg-Zeit-Linie und nicht als einen vollkommen anderen Kosmos unter vielen, neben umstrittenen anderen Universen zu sehen. In der Tradition der Anden sprechen wir stattdessen von „Cosmovision“, was oftmals als Identitätspolitik missverstanden wird, wie das meiste, das nicht in die standardisierte Logik der weißen Vormachtstellung passt.
Um diese Gedanken zurück zur Musik zu führen: Die Sounds, die wir machen, erzählen uns, wie wir die Welt erfahren. Ich habe gelernt, dass Musik eine Kommunikationsform ist, die uns mehr erzählt als normierte Sprachoperationen – meine Musik vermittelt mir kontinuierlich ein neues Verständnis von meiner Verfassung. Als Musikerin ist mir wichtig, dass Menschen verstehen, dass es um viel mehr als die Geräusche geht. Ich produziere ein Kraftfeld, um mit meinen Vorfahren verbunden zu sein, ich höre dem pacha zu, was wir auch „space-time“ nennen.
Sobald der Geist anfängt abzuschweifen und sich der Vorstellungskraft öffnet, werden völlig neue Möglichkeiten offenbart. Wie nicht anders zu erwarten, ist unsere Vorstellungskraft ein sehr wichtiger Teil der Dekolonialisierung – die Fähigkeit, sich das Gegenteilige oder Andere vorzustellen, ist sehr bedeutsam.

Du meintest mal, dass du hässliche Musik machst. Was verstehst du darunter?
Ich glaube, ich habe versucht, das Verlangen auch außerhalb meiner vorhandenen Neigungen und Haltungen, wie zum Beispiel Schreiben, zu artikulieren. Ich habe da besonders an Dinge gedacht, die erst mal schwer zu verdauen bzw. schwer zu lesen sind. Es zahlt sich aus, diesen ersten Moment des Scheiterns, des Nicht-Gefallens auszuhalten. Mit „hässlich“ meine ich eine Form von Schönheit, die nach den gängigen Verständnisstrukturen, die uns dominieren, schwer lesbar ist.

Deine Beschreibungen, wie Geschichte durch deinen Körper fließt, ist sehr bildhaft. Es klingt nicht wie eine sinnbildliche Erfahrung, sondern wie eine tatsächlich körperliche. Wie nimmst du deine Nachforschungen wahr?
Das ist die Schwierigkeit. Wie studierst du etwas, wenn du dich nicht außerhalb platzierst? Du bevorteilst das Sichtbare. Du musst zwar außerhalb stehen, um reinzukommen, aber damit machst du den Gegenstand zum Objekt.

Welche Rolle spielt das „Außerhalbstehen“ und „Den-Gegenstand-zum-Objekt-Machen“ für dich?
Der herbeigesehnte „unumstößliche Bezugspunkt“, die Illusion eines vermeintlich außerhalb seiner Umwelt stehenden, allmächtigen Beobachters, ist für mich natürlich schwer zu verstehen, da ich ja oft einfach auf die andere Seite von diesem Bezugspunkt gestellt werde. Normalerweise bin ich das Objekt, das mit dem hegemonialen Blick, der nach verarbeitbaren Daten sucht, analysiert wird. In dieser Hinsicht habe ich gelernt, mich durch mein Leben zu navigieren – dieses Ding zu sein auf diesem brutalen Marktplatz. Bis zu einem gewissen Grad kann ich diese Außenperspektive aber auch nachvollziehen und zwar von dem Standpunkt einer Person aus, die immer auf einer Art Grenzlinie existiert, da ich aus mehreren Richtungen ausgeschlossen werde. Indem ich als Ausländerin markiert werde, verkörpere ich eine Form von Fremdartigkeit und Transness. Gleichzeitig bin ich aber auch von meiner sogenannten ausländischen Heimat ausgeschlossen. Parodoxerweise eine Zugehörigkeit ohne Zugehörigkeit, sogenannte „Inklusion für Exklusion“ – eine Taktik, die Staaten auf indigene Gruppen anwenden und damit deren Sein determinieren. Traurigerweise argumentieren manche genau mit diesem Schwellenzustand für eine indigene Souveränität – also eine Freiheit außerhalb juristischer Geformtheit. So ist sogar noch das Konzept indigener Souveränität von der Siedlerlogik durchdrungen, um die Natives besser kontrollieren, berauben und eliminieren zu können.
Dieser Schwellenzustand, Insider und Outsider zur gleichen Zeit zu sein, kann sehr erhellend sein, sobald man sich die Widersprüche, die man zunächst nicht versteht, zu eigen macht.
Aber auch ich wünsche mir Klarheit und Wiedergutmachung, auch wenn das vom Projekt ablenkt – ich kann nicht anders, als porös, durchlässig und unvollständig zu sein.

Du betonst die Rolle von Spiritualität, religiöser Erfahrung und Riten. Religiöse Rituale im Christentum erwecken heute oft den Anschein, völlig losgelöst von Spiritualität zu sein. Was ist es, dass dich an Religionen fasziniert?
Ich teile deine Ansicht nicht, dass die Gesten unbedeutend und losgelöst von Erfahrung seien. Je mehr ich nach den Spuren dessen suche, was im Zuge der Kolonialisierung aufgegeben wurde – der Glaube, die Verkörperungen, die Farben, die Klänge, die unterschiedlichen Weisen, zu sehen und Erfahrungen wahrzunehmen –, desto mehr realisiere ich, dass das alles niemals verloren gegangen ist. All dies ist nicht reduzierbar auf die Kolonialisierung, die versucht, es zu bezwingen. All das ist immer noch da, wenn man sehr genau hinschaut, eingeflochten im Gefüge des Hier und Jetzt, eingeflochten in die christlichen Erfahrungen.
Ein Beispiel: Der verrufene Guaman Poma hat dokumentiert, wie Handwerkerinnen aus den Anden von Kolonisatoren dazu gezwungen wurden, christliche Bildhauerkunst und christliche Ikonografie zu fertigen … Das klingt zunächst wie eine standardisierte Form der Unterwerfung. Die widerständigen Handwerkerinnen haben das aber als Gelegenheit genutzt, um ihren scheinbar besiegten Glauben und ihre Praktiken zu bewahren – nur eben versteckt. Anders gesagt: Sie haben Raum für ihren Glauben im Christentum geschaffen. In bestimmter Hinsicht haben sie es so geschafft, die gesamte christliche Welt in das tiefe Andean Universum einzupassen – als eine Überlebens- und Widerstandsstrategie.

Ich erinnere mich an ein Erlebnis, das ich als Kind in der Kirche hatte. Ich glaube, es war in Santa Cruz, ich war fasziniert von einer sehr gewalttätigen Darstellung von Jesus Christus. Ich werde niemals diese Statue vergessen – Jesus am Kreuz, der Körper brutal zugerichtet, mit dem Rücken fast komplett aufgerissen, sodass ganze Wirbel unter den Muskeln freigelegt waren. All das war in einer dreidimensionalen Holzschnitzerei dargestellt.
Später, als Erwachsene, habe ich durch meine Familiengeschichte gelernt, dass das Konzept von Zukunft bei den Aimara nicht als etwas nach vorn Gerichtetes betrachtet oder mit dem Sichtbaren assoziiert wird. Es ist etwas, was die Vergangenheit in sich trägt und mit ihr verbunden bleibt.
Ausgehend von der Andean Perspektive ist Verkörperung ein wichtiges Element, besonders für eine nicht-logozentrische Kultur oder ein Universum, das nicht das geschriebene Wort priorisiert. In der Darstellung von Christus habe ich also den verwüsteten indigenen Körper gesehen – ihre Zukunft aufgerissen, wie eine Wunde, eine Bürde, die ihr Universum zeigt, das in dieser Welt versteckt ist – markiert auf dem Körper von Gott.

Hast du Angst, dass indigene Musik vom Mainstream vereinnahmt werden könnte?
Ehrlich gesagt wäre ich sehr froh, wenn Musikrichtungen wie Tarqueada oder Huayno bekannter und auch in nordamerikanischen Pop-Radiostationen zu hören wären. Hören das überhaupt noch Leute? Das würde bedeuten, dass indigene Künstler*innen mehr Aufmerksamkeit und bessere Arbeit erhalten. Vielleicht würden die Leute so darauf aufmerksam werden, wie die Menschen an Orten wie Bolivien und Peru leben.

March 21 2017

10:49

Meine Hater und ich

Von Olja Alvir

Mittlerweile ist es nur mehr Faszination und ein fast wissenschaftliches Interesse, das meine Hater bei mir auslösen. Als Frau, die in der Öffentlichkeit steht, ihre Meinung publiziert und auch noch streitbare beziehungsweise radikale Positionen vertritt, bin ich selbstverständlich Ziel unzähliger -istischer Attacken.

„Meine Meinung ist nämlich, dass dein menschenverachtender Dreck auf meinem Profil nichts verloren hat.“ © Tine Fetz

Im Laufe der Jahre probierte ich viele verschiedene Strategien aus, um den Hass im Netz zu bewältigen. Ich sammelte Screenshots, um darauf aufmerksam zu machen, was für entsetzliche Nachrichten Frauen im Internet bekommen. Ich tauschte mich mit anderen Betroffenen über die Härte, die Absurdität und die übertriebene Intensität der Hassnachrichten aus. Ich mied die Foren und Kommentarsektionen unter meinen Artikeln, da sie vor Attacken und Vorurteilen nur so trieften. Ich redete zurück – und wie ich das tat! Zunächst sanft und ironisch, unnahbar. „Entlarvend“ und „vielsagend“ schrieb ich über die Kommentare der Hater. Dann wurde ich direkter, härter, strenger. Zuletzt schimpfte ich nur mehr zurück (und erfand dabei mein Lieblingsschimpfwort „Kackkopf“). Wenn die sich nicht zurückhalten, warum sollte ich es dann tun? I tried it all.

Vor ein paar Monaten bin ich dazu übergegangen, Hassnachrichten so weit wie möglich auszublenden (auf Twitter beispielsweise kann eins die Notifications gut filtern) und das Management verschiedener Kanäle, über die sie kommen, outzusourcen. Ich habe keine Energie mehr für all diesen Scheiß und ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, warum ich mich weiter diesem Hass aussetzen sollte. Ich und meine Social-Media-Hilfe löschen nun Hassnachrichten weitestgehend ungelesen. Auf meinem Facebook-Profil etwa wird sofort alles entfernt, was angriffig ist. Das ist mein Profil, ich bestimme, was da publiziert wird, und ich bin in keinster Weise dazu verpflichtet, irgendwelchen Hatern eine Plattform zu bieten. Nein, auch nicht im Sinne der „Meinungsfreiheit“. Meine Meinung ist nämlich, dass dein menschenverachtender Dreck auf meinem Profil nichts verloren hat.

Ich bekomme allerdings den Eindruck, dass die Nachrichten insgesamt weniger werden, seitdem ich überhaupt nicht mehr darauf reagiere. Wahrscheinlich ziehen die Angreifer einfach weiter, zu anderen Frauen, die mehr interagieren oder Reaktionen zeigen – auch nicht optimal. Doch ein paar hartnäckige, lästige Männer bleiben, sie beobachten alle Profile und lesen jedes Wort, das ich von mir gebe, und über Wochen und Monate schicken sie mir über verschiedenste Kanäle ihre immer strafrechtlich relevanter werdenden Beschimpfungen und Drohungen. Manche scheinen komplett durchzudrehen, wenn sie gar keine Aufmerksamkeit von ihrem Opfer bekommen; und ihre unbeantworteten Nachrichten, so ganz alleine für sich und für sie stehend, strahlen eine gewisse Tragikomik aus.

Ich käme ja nie auf die Idee, derart große Portionen meiner Lebenszeit, so viel Kraft und vor allem auch Nerven auf jemanden zu verschwenden, den oder die ich derart hasse. Und das hat mich zum Nachdenken gebracht: Ist euch schon mal aufgefallen, wie Männer fürs Attackieren bekannter Frauen immer belohnt werden? Wenn es Wirbel um bekannte Frauen gibt, steigen irgendwelche Typen auf den Harassment-Zug auf und profitieren von der resultierenden Bekanntheit. Das beste Beispiel ist wohl Milo Yiannopoulos, der zwar in einschlägigen Kreisen bereits berühmt/berüchtigt war, doch seinen Weltruhm erst durch Attacken gegen die „Ghostbusters“-Schauspielerin Leslie Jones erlangte. Er mag zwar von Twitter geschmissen worden sein und dies und das, aber in einer Mediengesellschaft ist Bekanntheit und Aufmerksamkeit, äh – bekanntlich – alles.

Das alles ist kein Zufall, sondern Strategie und Modus Operandi im Patriarchat. Das Bild, das Online-Hater armselige Gestalten seien, die „kein Leben haben“ – etwas, was ich selbst lange dachte –, stimmt so nicht. Nein, das ist einfach ihr Leben, integraler Bestandteil ihres Lebens. Es zahlt sich karriere- und bekanntheitstechnisch für sie aus; nicht zu schweigen vom sozialen Kapital, das im Patriarchat und in gewissen Kreisen durch aggressives Haten angesammelt wird.

Wie nun aus dem Kreislauf ausbrechen, ohne auf wichtige Gegenrede zu verzichten? Wie können wir diesem Verhalten entgegentreten, ohne Präsenzen und Karrieren zu fördern? Ich überlege schon länger, ob eine Art von „no-platforming“ hier vielleicht sinnvoll wäre – über das Phänomen zu sprechen, nicht über Einzelne (auch deshalb habe ich in diesem Text absichtlich auf Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum verzichtet). Mit den Hatern zu diskutieren ist erwiesenermaßen sinnlos und unterfüttert zudem meist nur ihr Narrativ.

Vielleicht lässt sich der Spieß sogar umdrehen? Ich muss ja zugeben, eine klitzekleine Genugtuung ist es schon, wenn derart viele Menschen tagein, tagaus über eine nachdenken. I live rent free inside your head. Auch wenn es ein Kackkopf ist – wie gesagt, Präsenz ist alles.

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Schweinderl