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10:38

Abgeschottet und vergessen

Von Caren Miesenberger

Die Gefängnisdirektorin mit den glatten, blonden Haaren lächelt und bittet in ihr Büro: „Herzlich Willkommen!“ Ihren Namen verrät sie aus Sicherheitsgründen nicht. Eine Insassin, erkennbar am grünen T-Shirt der Gefängnisuniform, bietet Getränke an. Zwei weitere Frauen werden in das Büro geführt. Sie stehen mit dem Rücken an der weißen Wand, die Hände vor der Hüfte verschränkt, ihre Blicke wirken bedrückt. Sie sind die Insassinnen, mit denen ich später sprechen darf. Im Hintergrund surrt die Klimaanlage.

Dies ist der einzige klimatisierte Raum im Gefängnis Nelson Hungria, einer von vier Vollzugsanstalten für Frauen im Complexo Penitenciário de Gericino, dem größten Gefängniskomplex des Bundesstaates Rio de Janeiro. Er liegt im Stadtteil Bangu, vierzig Kilometer vom Stadtzentrum Rio de Janeiros entfernt. 26.000 Gefangene sind hier in verschiedenen Haftanstalten untergebracht, 1300 davon sind Frauen. Ein eigenes Viertel in der zweitgrößten Stadt Brasiliens, deren Kerngebiet doppelt so viele Einwohner*innen zählt wie Berlin.

Brasilien verzeichnet die drittmeisten Inhaftierten weltweit. 720.000 Menschen sitzen im größten Land Südamerikas hinter Gittern, die meisten wegen Drogendelikten. Der Weg vom Konsum zum Handel mit Rauschgift bis ins Gefängnis ist oftmals kurz: Gerichtsprozesse dauern häufig nur wenige Minuten. Anwaltlichen Beistand haben nur diejenigen, die ihn sich leisten können, auch Pflichtverteidiger*innen werden nur selten gestellt. Die Masseninhaftierung ist Schauplatz des Krieges gegen die Drogen, in dem der Staat die ohnehin schon marginalisierte Bevölkerung bekämpfe – Schwarze, Arme, Peripherisierte –, so kritisieren Anti-Haft-Aktivist*innen. Die Haftbedingungen sind extrem prekär: Die Kapazität der Gefängnisse wird bis zum Fünffachen überschritten. Der Staat kommt seiner Pflicht nicht nach: Hygiene und gesundheitliche Versorgung werden vernachlässigt.

Staub wirbelt auf, als sich zwischen Bananenstauden das große Tor des Gefängnisses Nelson Hungria öffnet. Abgeschottet und vergessen sitzen hier, ganz am Ende des großen Komplexes, die Frauen ein. Die Pressesprecherin der staatlichen Gefängnisbehörde SEAP

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(Secretaria de Estado de Administração Penitenciária) empfängt mich.

Meine Interviewpartnerinnen wurden von der Gefängnisdirektorin ausgewählt. Ob ein Gespräch unter vier Augen geführt werden dürfe, frage ich. Die Pressesprecherin muss lachen. Natürlich nicht. Also nimmt Insassin Fabiola Da Silva Platz, um mit mir vor der Gefängnisdirektorin, der Pressesprecherin, einer  Mitinsassin und der mich begleitenden Fotografin über das Leben hinter Gittern zu sprechen. Eine einschüchternde Situation. Da Silva sitzt seit einem Jahr hier ein. „Ich war in einer Beziehung mit einem Drogenhändler. Er starb bei einer Schießerei. Zwei Monate danach wurde ich ins Gefängnis gesteckt, weil mein Telefon abgehört wurde“, erzählt sie. Da Silva ist 25 Jahre alt, Schwarz und wuchs in der Favela Retiro in Petrópolis, rund sechzig Kilometer von Rio de Janeiro entfernt, auf. Weshalb genau sie im Gefängnis ist, weiß sie nicht. Am Drogenhandel ihres verstorbenen Lebenspartners sei sie nicht beteiligt gewesen. Sie arbeitete in Vollzeit bei der Fast-Food-Kette Subway, als er starb. Nun sitzt sie hinter Gittern. „Ich habe eine kleine Tochter. Sie ist drei Jahre alt. Ich habe keinen Anwalt und bekomme keinen Besuch. Das Einzige, was ich bekomme, ist ein monatlicher Brief von der Patentante meiner Tochter“, fährt Da Silva betrübt fort.

© Jessica Santos

Ein typisches Profil: Die brasilianische Durchschnittsinhaftierte ist Schwarz, arm und sitzt wegen kleinerer Delikte im Zusammenhang mit Drogenhandel ein. Zwischen 2006 und 2014 stieg die Anzahl inhaftierter Frauen laut einer Studie des brasilianischen Justizministeriums um mehr als fünfhundert Prozent an – im Vergleich zu zweihundert Prozent bei Männern. Heute befinden sich insgesamt 37.380 Frauen in brasilianischen Gefängnissen. Nach den USA, China, Russland und Thailand verzeichnet das Land die fünfthöchste Zahl inhaftierter Frauen weltweit. Zwei Drittel der inhaftierten Frauen sind Schwarz, die Hälfte ist zwischen 18 und 29 Jahre alt. Die meisten haben nur einen niedrigen Bildungs-abschluss.

„Frauen, die im Drogenhandel tätig sind, arbeiten in diesem meist in niedrigen Positionen. Dadurch geraten sie leichter ins Visier der Polizei“, erklärt Luciana Boiteux ein paar Tage später in einem der schickeren Viertel der Stadt. Die Strafrechtlerin und Kriminologin der Bundesuniversität Rio de Janeiro hat eine Studie über inhaftierte Mütter in Bangu durchgeführt. Dabei stellte sie fest, dass 66 Prozent der Frauen keinen Besuch erhalten. „Wenn Sie am Besuchstag zu einem Männergefängnis gehen, gibt es eine riesige Schlange. Ehefrauen, Mütter und Kinder kommen zu Besuch. Im Frauengefängnis ist dies völlig anders. Wenn die Frauen überhaupt Besuch erhalten, dann von ihren Müttern“, fährt Boiteux fort. Die Pflege und Assistenz der inhaftierten Frauen werde also hauptsächlich durch ihre weiblichen Angehörigen getragen. „Die Einsamkeit ist sehr groß. Dass sie vergessen werden, hat mit dem Stigma der Haft zu tun: Frauen schämen sich und die Gesellschaft beschuldigt sie“, sagt Boiteux.

Die Haftstrafen hätten gravierende Folgen für die einsitzenden Mütter: „Wenn eine Frau ihre Strafe abgesessen hat, wird ihre Situation noch prekärer.“ Frauen würden infolge ihrer Haft stärker stigmatisiert, was ihre Reintegration in die Gesellschaft erschwert. „Von Männern wird irgendwie erwartet, dass sie gegen Gesetze verstoßen. Von Frauen nicht. Sie haben darin versagt, den sozialen Anforderungen gerecht zu werden: als Frau und als Mutter, die zu Hause bleibt und sich sensibel und verantwortlich um ihre Kinder kümmert“, erklärt die Kriminologin.

Für Da Silva ist die Trennung von ihrer Tochter schmerzvoll: „Sie ist in Obhut ihrer Patentante. Die schreibt mir, dass es der Kleinen gut geht. Jeden Tag wird sie schlauer. Sie weiß, wo ich bin. Und ihr geht es gut“, sagt sie mit gebrochener Stimme und hält einen Augenblick inne, Tränen laufen ihre Wangen hi-nunter. Ob sie Sehnsucht nach ihrer Tochter habe? „Sehr starke“, seufzt sie.

©Jessica Santos

Drei Viertel aller inhaftierten Frauen in Brasilien sind Mütter. Und nicht nur sie sind inhaftiert, sondern teilweise auch ihre Kinder. Wenn die Mütter schwanger ins Gefängnis kommen und ihr Kind dort zur Welt bringen oder wenn ihre bis zu sieben Jahre alten Kinder nicht von Verwandten aufgezogen werden können, bleiben sie bei den Müttern. Im Februar 2018 urteilte der Oberste Gerichtshof, dass noch nicht verurteilte schwangere Gefangene oder Gefangene mit Kindern bis zu zwölf Jahren ihre Strafe nicht mehr im Gefängnis absitzen müssen, sondern in ihren eigenen Häusern. Ein Fortschritt, der die überfüllten Gefängnisse entlasten soll, denn dies betrifft fast zehn Prozent aller gefangenen Frauen. Für Da Silva würde es bedeuten, dass sie sich künftig zu Hause um ihre kleine Tochter kümmern könnte. Unterdessen wartet sie noch auf ihr Urteil. Da Silva weiß nicht, wie lange sie im Gefängnis bleiben muss. Sie fühlt sich einsam. „Ich habe mich von meiner Mutter und meinen Geschwistern verlassen gefühlt. Aber heute verstehe ich, weshalb sie mich nicht besuchen können“, flüstert sie mit Tränen in den Augen.

Vor ein paar Monaten ist Da Silva in die Igreja Universal do Reino de Deus eingetreten, seitdem kann sie ihren Angehörigen vergeben und trägt ihnen die ausbleibenden Besuche nicht mehr nach. Die evangelikale Kirche füllt die Lücke, die Staat und Gesellschaft hinterlassen: Sie leistet nicht nur emotionalen Beistand, der den Insassinnen häufig fehlt. Da die Versorgung mit Hygieneprodukten unzulänglich ist, bringen die Pastor*innen neben Trost auch Toilettenpapier, Seife und Binden mit – in Männergefängnissen werden Hygieneprodukte oft von Angehörigen bereitgestellt. Täglich besucht Da Silva den Gottesdienst und singt in einem evangelikalen Chor.

Aber die Unterstützung der Kirche bietet Fallstricke für die Inhaftierten, schließlich ist es der Igreja Universal nicht nur an Nächstenliebe gelegen: Die Pfingstkirche ist bekannt dafür, ihre Anhänger*innen finanziell an sich zu binden. Ihr Gründer Edir Macedo hat aus Spiritualität ein Geschäftsmodell gemacht und missioniert mit der Igreja Universal weltweit. Außerdem legen ihre Pastor*innen die Bibel homofeindlich aus und vertreten weitere konservative Positionen. Doch Da Silvas Notsituation treibt sie der Kirche in die Arme. „Ich will meine Familie wieder zusammenführen, einen guten Job haben und mein Leben weiter evangelisieren, bis ich bei Gott ankomme“, wünscht sich die junge Frau für die Zeit nach ihrer Freilassung.

Roseane Aparecido Feira ist ganz anders als die zurückhaltende Da Silva. Sie ist die zweite Inhaftierte, mit der ich sprechen darf. Die Fünfzigjährige fällt aus dem durchschnittlichen Raster: Sie ist weiß, hat eine Universität besucht und bekommt regelmäßigen Besuch von ihrer Familie. Anders als Da Silva formuliert sie im Gespräch direkte Kritik am Justizsystem: „Wenn die Justiz funktionieren würde, wäre es gut. Die funktioniert aber nur für einige, zum Beispiel für Politiker. Aber für uns, die wir hier drinnen auf Gerechtigkeit warten, nicht“, sagt sie und blickt in Da Silvas Richtung. Die eben noch weinende junge Frau nickt zustimmend in Richtung ihrer Mitinsassin. Wie Da Silva wartet auch Feira noch auf ihr Urteil. Vor ihrer Inhaftierung arbeitete sie als Krankenschwester in einer illegalen Abtreibungsklinik in Campo Grande, unweit des Gefängniskomplexes, in dem sie nun sitzt. Niemals hätte sie sich träumen lassen, sich eines Tages hinter diesen Gittern wiederzufinden. Ihr Vergehen: Mord. „Es war furchtbar. Eine Frau hat einen Schwangerschaftsabbruch in unserer Klinik durchführen lassen und ist an den Folgen gestorben. Weil ich für die Abteilung zuständig war, bin ich für ihren Tod verantwortlich“, berichtet sie mit ernstem Blick.

©Jessica Santos

Auch wenn Feira eine untypische Insassin ist, so ist ihr Fall doch Sinnbild für eine Gesetzeslage, die Frauen benachteiligt. In Brasilien sind Schwangerschaftsabbrüche illegal und nur in drei Fällen straffrei: wenn die Schwangerschaft aus einer Vergewaltigung resultiert, das Leben der schwangeren Person gefährdet ist oder der Fötus an Anenzephalie leidet, einer Fehlbildung des Gehirns, bei der die Schädeldecke sich nicht schließt. Deswegen gibt es viele illegale Kliniken für Abtreibung, deren Kosten das brasilianische Durchschnittseinkommen exorbitant übersteigen. Wer sich diese nicht leisten kann, kauft illegale Abtreibungspillen oder treibt mit Hausmitteln ab, die die schwangere Person das Leben kosten können. Laut einer Studie des brasilianischen Gesundheitsministeriums sterben täglich vier Personen infolge der Komplikationen illegaler Abtreibungen. Wer überlebt und angezeigt wird, sich aber keinen guten rechtlichen Beistand leisten kann, kommt ins Gefängnis. 42 Frauen sitzen in Rio de Janeiro hinter Gittern, weil sie selbst abgetrieben haben. Im Nelson Hungria ist Feira derzeit die Einzige, die im Zusammenhang mit Schwangerschaftsabbrüchen inhaftiert wurde – wenngleich sie sich als Mitarbeiterin der Klinik vor Gericht für Mord verantworten muss. „Ich denke, dass Abtreibungen legalisiert werden sollen. Sie sind Angelegenheiten der öffentlichen Gesundheit“, sagt sie bestimmt. Wären Schwangerschaftsabbrüche in größerem Umfang erlaubt, gäbe es weder illegale Kliniken noch prekäre Bedingungen, unter denen diese durchgeführt werden. Dann säße Feira wahrscheinlich nicht im Gefängnis – denn weniger Frauen würden sterben.

Vor allem Schwarze Femi-nist*innen setzen sich in Rio de Janeiro für bessere Haftbedingungen und die Unterstützung von Insass*innen ein. Dies ist nicht immer einfach, wie eine Aktivistin des Kollektivs „Elas Existem“ (auf Deutsch: sie existieren) anführt: „Wir wollen ein Literaturprojekt mit den Frauen machen und mit ihnen feministische Texte lesen. Aber wir müssen lange auf die Genehmigung warten“, erklärt sie in einem Telefongespräch. Auch Journalist*innen warten mitunter jahrelang darauf, brasilianische Gefängnisse besuchen zu können. Kritik am abgeschotteten System soll vermieden, die katastrophalen Haftbedingungen sollen unter Verschluss gehalten werden. In meinem Fall wurde die Genehmigung von der Sicherheitsbehörde schnell erteilt, weil ich mich zeitlich befristet im Land aufgehalten habe.

Zurück in Bangu. Nach hartnäckigem Insistieren erlaubt mir die Direktorin, die beiden Interview-partnerinnen zu ihren Zellen zu begleiten. Im Innenhof lädt eine Gruppe inhaftierter Frauen Essenspakete aus. Nieselregen fällt auf die in Plastikfolie verpackten Kekse. Ein Korb Bananen steht unter einem kleinen Dachvorsprung. „Guten Morgen“, murmelt eine der Gefangenen in gebetsmühlenartigem Ton, als seien wir eine wichtige Kommission. Vögel zwitschern, der Himmel ist grau, frische 15 Grad. Die Temperaturen in Bangu steigen im Hochsommer bis auf vierzig Grad an. In den Zellen gibt es keine Klimaanlage. Feira bedankt sich für das Interview und wird von einer Aufseherin in ihre Zelle begleitet. „Nimm die Hand von den Gittern!“, brüllt dieselbe Gefängnisdirektorin, die gerade noch so freundlich zu mir war, eine Insassin an. Fabiola Da Silva verabschiedet sich, um zur Chorprobe zu gehen. Wann sie das nächste Mal Besuch erhalten wird, ist ungewiss.

Diese Reportage entstand während einer Residenz in der Casa Pública der Agência Pública in Brasilien (apublica.org) und wurde durch die gemeinnützige Initiative investigate e.V. gefördert.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

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