Tumblelog by Soup.io
Newer posts are loading.
You are at the newest post.
Click here to check if anything new just came in.
10:37

Für die Community

Von Stefanie Lohaus

Was Menschen wirklich wichtig ist, erfährt man anhand der Aufkleber auf ihren Autos. Häufig sind das christliche Fische-Symbole oder „Baby an Bord“-Bekenntnisse. Ise Boschs blau-metallischen Toyota, mit dem sie mich am Bahnhof einer Kleinstadt in Norddeutschland abholt, zieren: eine Pride-Flag, ein Aufkleber mit der Web-Adresse der von ihr mitgegründeten Stiftung „filia.diefrauenstiftung“ und ein „Atomkraft? Nein Danke!“-Sticker.

Ise Bosch wohnt in einem kleinen Haus, in einem gewöhnlichen Ort auf dem Land, und fährt ein gewöhnliches Auto. Sie gibt Geld für feministische und LGBTIQ-Projekte und äußert sich explizit kapitalismuskritisch. Dadurch unterscheidet sie sich von anderen bekannten reichen Personen wie den Quandts oder Susanne Klatten, die an konservative Parteien wie die CDU oder die FDP spenden – also diejenigen, die für Besitzbewahrung stehen. Oder von Charity-Queen Ute Ohoven, die für Kinder und gegen Krebs spendet. Das hilft ohne Zweifel auch, stellt aber nicht die herrschenden Verhältnisse infrage. Und doch gibt es sie, die Reichen mit dem politischen Bewusstsein. Ise Bosch ist da nicht die einzige, mir fallen spontan noch George Soros’ „Open Society Foundation“ oder Jan Philipp Reemtsma ein. Aber vielleicht ist sie eine der konsequentesten – und der Name Bosch, auf den ich jeden Morgen blicke, wenn ich Milch aus meinem Kühlschrank hole, wirkt natürlich fast schon mystisch.

 

Wer mit Ise Bosch spricht, merkt ziemlich schnell, dass es ihr nicht um Steuersparen oder karitative Mildtätigkeit geht. Sie ist eine Menschenrechtsaktivistin, die die ihr vorhandene Ressource politisch nutzt und damit so weit von Charity entfernt ist wie das Missy Magazine vom Handelsblatt. Bosch ist eine Activist Donor, wie sie es selbst nennt, eine Spendenaktivistin, die mit „Geld politisch arbeitet“. Und sie ist Teil der weltweiten LGBTIQ-

<!--steady-paywall-->

Community, die sie zum ersten Mal während ihres Studiums am Reed College in Portland kennenlernte. Darauf angesprochen blitzt es in ihren Augen: „Das Reed College war links und alternativ, schon seit den 1930ern, ein Zufluchtsort für das alternative Obere-Mittelklassen-Amerika. Es gab intellektuelle Freiheit und sehr gute Kurse in Feminismus. Ich habe dort angefangen linkes Radio zu machen und habe das dann später bei Radio 100 in Berlin fortgeführt.“ Westberlin, Anfang der 1990er, für die junge, linke, lesbische Ise Bosch ein „logischer Ort“, um nach ihrem Bachelor in Portland zu leben und zu studieren.

Mit ihrem politischen Ansatz steht Ise Bosch in guter Familientradition. Schon ihr Großvater, Unternehmensgründer Robert Bosch, bemühte sich etwa um gute Arbeitsbedingungen und spendete einen großen Teil seiner Gewinne. Und entgegen des Zeitgeistes war er kein Antisemit. Er war Mitglied im 1890 gegründeten „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“. Eine Tatsache, die es Ise Bosch leichter mache, mit ihrem Erbe umzugehen, wie sie sagt. Auch wenn Robert Bosch während des Krieges von der durch die NS-Diktatur verordneten Beschäftigung von Zwangsarbeiter*innen ebenso profitierte wie von der allgemeinen Aufrüstung, so hat er das NS-Regime nicht aktiv gestützt. Die Robert-Bosch-Stiftung hat diese Verstrickungen bearbeitet.

©Kati Szilágyi

Ise Bosch wollte ihr Vermögen selbst verwalten. Es war ihr wichtig, ihr Geld selbst anzulegen, in nachhaltige Projekte. Konsequent wie sie nun mal ist, studierte sie gleich, wie man sozial investiert. Auf meine Frage, nach welchem Kriterium sie die Projekte auswähle, die sie fördert, antwortet sie verschmitzt: „Alles, was sich gegen das Patriarchat richtet“, und ergänzt: „Ich habe mich immer für internationale Zusammenhänge und LGBTIQ interessiert.“ Ich muss gestehen: So einen Satz hört man nicht oft, und allein die Tatsache, dass Ise Bosch ihn ausspricht, wirkt auf mich ermächtigend. Auch auf unserer Seite gibt es Menschen, die Ressourcen haben. Take That, Patriarchy! Aber dass Bosch alles fördert, das stimmt so natürlich nicht. Mit Sicherheit ist Ise Bosch keine Person, die man mal nach ein bisschen Knete für ein Projekt fragt. Mit ihrer Ressource geht sie strategisch und so demokratisch wie möglich um. „Es begann damit, dass ich aus internationalen Freund*innenkreisen angefragt wurde, etwa für Fahrtkosten zu einer Konferenz. Ich habe dann gemerkt, wie viel Arbeit das ist, und mir Hilfe geholt. Und ich brauchte Verbündete.“ In den 1990er-Jahren gab es immer mehr Veranstaltungen, wo Frauen mit Erbe zusammentrafen. Dort lernte Bosch Gleichgesinnte kennen, mit denen sie im Jahr 2000 filia.diefrauenstiftung und Pecunia, das Erbinnen-Netzwerk, gründete.

Nun begegnen viele Menschen vor allem aus linken Zusammenhängen privaten Geldgeber*innen in Deutschland skeptisch, durchaus zu Recht: Schließlich kann eine gewisse Willkür beim Geldverteilen nicht ausgeschlossen werden. Geldgeber*innen sind nicht automatisch Expert*innen für das Feld, in dem sie Veränderung anstoßen wollen. Geld geben kann auch schaden und Fehlentwicklungen hervorrufen, das haben die Auswertungen westlichen Entwicklungshilfeversagens gezeigt. Insbesondere im Globalen Süden wirkt das Engagement von weißen reichen Menschen und ihren NGOs oft wie eine kolonial-gönnerhafte Geste. Und ist das nicht irgendwie US-amerikanisch, dieses Spenden? Statt von öffentlichen Geldgebern sind dort viele soziale und kulturelle Organisationen von der Gönnerhaftigkeit reicher Individuen abhängig. Ein Vorbild sind die USA hier nicht.

Ise Bosch weiß das alles. Sie habe früh angefangen, sich damit zu beschäftigen, ihren Aktivismus deswegen nach den Prinzipien transformativer Philanthropie ausgerichtet, erklärt sie. Das bedeutet: Machtstrukturen verändern und Privilegien gezielt teilen, um tatsächlich mehr Gerechtigkeit herzustellen. Die größten Summen spendet sie daher langfristig an wenige Stiftungen und Träger, in denen Expert*innen und Menschen aus der geförderten Gruppe nach eigenen Kriterien entscheiden, wie das Geld verteilt wird – und eben nicht die Einzelperson Ise Bosch. Seit zwanzig Jahren gibt Ise Bosch einen Großteil ihres Vermögens – dass sie aus dem Verkauf ihrer Anteile an der Robert Bosch GmbH generiert hat – an die New Yorker Astraea Lesbian Foundation for Justice, wie sie erzählt. Mit diesen Mitteln wurde 1996 der International Fund for Sexual Minorities gegründet, der in 99 Ländern 19 Millionen Dollar direkt an LGBTIQ-Grassroots-Organisationen vergeben hat. filia.diefrauenstiftung hat einen intersektional besetzten Mädchenbeirat eingerichtet, der über die Mittelvergabe entscheidet. Transformative Philanthropie bedeutet auch, sich nicht auf einmal Erreichtem auszuruhen, sondern die Schwerpunkte und die politische Arbeit immer wieder neu zu überprüfen und auf diejenigen zu fokussieren, die am stärksten marginalisiert sind. So hat Bosch für einige Zeit der Heinrich-Böll-Stiftung eine Stelle für einen LGBTIQ-Koordinator bezahlt. Und zu den USA sagt Bosch: „Sie sind mit Sicherheit kein Vorbild, wenn es um den fehlenden Sozialstaat geht. Sie sind aber Vorbild in puncto Widerstand sozial marginalisierter Gruppen. Wenn es darum geht, den Bereich der privaten Geldvergabe politischer zu gestalten, dann sind sie wirklich viel weiter als Deutschland.“

Und das ist Boschs anderes Ziel: Sie will den Spendensektor an sich transformieren. Zum einen will sie mehr Menschen dazu ermuntern, ihr Geld nach den Prinzipien der transformativen Philanthropie zu teilen und selbst zu Spendenaktivist*innen zu werden. Zum anderen will sie Menschenrechtsorganisationen in Europa darin unterstützen, feministische und Gender-Kompetenzen zu erwerben. Und da gibt es einiges zu tun. Die Deutsche Stiftungslandschaft ist sehr konservativ, was Bosch zum großen Teil auf die Rechtslage zurückführt, die etwa vorschreibt, dass Stiftungen – die teilweise schon im Mittelalter entstanden sind – ihre Satzungen und damit ihren Stiftungszweck nur sehr schwer verändern können. Zudem herrscht eine Pflicht zum Kapitalerhalt, d. h. dass Stiftungen nur Zinsen ausgeben können, was in Niedrigzinsphasen, wie der derzeit andauernden, das Modell Stiftung an seine Grenzen bringt.

Immerhin hat Deutschland eine riesige Landschaft an Stiftungen: Knapp 27.000 teils auch sehr kleine Institutionen zählt der Deutsche Stifterverband. Wie viele davon sich explizit der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und/oder der Gleichberechtigung von LGBTIQ verschrieben haben: 158. Ein erschreckend kleiner Teil. Doch der Anfang ist gemacht. Die Aufmerksamkeit für diese Anliegen steigt endlich. Erst vor einer Woche bekam Bosch den Deutschen Stifterpreis des Bundesverbands Deutscher Stiftungen verliehen, der zu diesem Anlass kurzerhand in Deutscher Stifterinnenpreis umbenannt wurde.

Ise Bosch freut sich darüber, dass ihre Arbeit nun endlich auch in Deutschland die Anerkennung erhält, die ihr gebührt. Dass es dabei zu Szenen kommen wird wie vor einem Jahr, als sie den Transforma­tive Philanthropy Award erhalten hat, ist wohl eher unwahrscheinlich. Damals übergab die sichtlich gerührte Leiterin der Astrea Foundation J. Bob Alotta einer sichtlich bewegten Ise Bosch den Preis, der in Zukunft nach ihr benannt wird, mit den Worten: „Du hast wundervolle Entscheidungen in deinem Leben getroffen, die jede*n in diesem Raum beeinflusst haben. Deswegen ist dieser Preis nach dir benannt. Dein Vermächtnis ist von großer Bedeutung, Ise Bosch.“

Ise Bosch Geben mit Vertrauen – wie Philanthropie transformativ wird“ erscheint am 16.05. im Eigenverlag und ist bestellbar unter geben-mit-vertrauen.de, 20 Euro als Print,
8 Euro als E-Book.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl