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10:37

Ware Freundschaft

Von Paula Irmschler

Im ostdeutschen Outback (Dresden) waren wir alle einsam. Wir waren gelangweilt, arrangierten uns mit vermeintlicher Perspektivlosigkeit und improvisierten Treffpunkte auf Spielplätzen oder vor Einkaufszentren. Das war schön und schrecklich gleichermaßen. Im Grunde waren es Zweckgemeinschaften gegen das Nichts: Wenn man ein Bier mittrank, gehörte man dazu. Zu den wirklich Coolen gehörten wir jedoch nicht, denn die gingen am Wochenende in Clubs, ins Blockbuster-Kino („Cinema XXL“) und trugen Markenklamotten. Dafür hatten wir keine Kohle, uns blieb nur das Bier. Dass „Dabeisein“ mit ökonomischen Zuständen zusammenhängt, war also eine ausgemachte Sache, man umgab sich automatisch mit finanziell ähnlich gestellten Leuten und musste so manche Widersprüche aushalten.

Vor der Pubertät reichte sogar noch weniger, um sich miteinander zu arrangieren. Die ersten Freund*innenschaften geht man gemeinhin in der Kindheit ein und da reicht es bereits, dass zwei kleine Menschlein gern Ball spielen, in derselben Straße wohnen oder schweigend nebeneinander nachmittags Cartoons gucken wollen. Ich hätte nicht benennen können, warum ich Steffi lieber mochte als Sören. Bedeutete Steffi mir wirklich etwas? Die Steffis in meinem Leben waren sicher super, wir hatten viel Spaß gemeinsam, aber ich habe sie mittlerweile vergessen, sogar ihre Namen – sie hießen auch gar nicht alle Steffi. Mittlerweile weiß ich, dass auch diese Beziehungen determiniert und nicht befreit von äußeren, kapitalistischen Zwängen waren. Zuerst einmal gingen wir überhaupt nur in den Kindergarten und in die Schule, damit aus uns mal etwas wird, wir konsumierten Serien, in denen wir lernten, wie es irgendwann mal für uns laufen würde, lernten Besitzdenken schon im Sandkasten und Eifersucht bei „Sailor Moon“. Ob man sich leisten konnte, am Diddlmaus-Merch-Tausch teilzunehmen, war ein durchaus wichtiges Kriterium und auch, ob das Zuhause, das man hatte, besuchenswert war. Wenn man stattdessen in einem „sozialen Brennpunkt“ wohnte, war man eben raus. Von unserem knappen Taschengeld kauften wir uns Freundschaftsarmbänder, weil man die haben musste, damit die Freundinnenschaft etwas galt. Und als „Steffi“ auf ein Gymnasium ging, damit aus ihr noch mehr wurde, und ich nur auf die Realschule, da war die Freundinnenschaft auch schon wieder vorbei.

Es gibt diese Erzählung von lebenslangen Freund*innenschaften, die trotz aller Widerstände Bestand haben, Krisen meistern und sogar Differenzen aushalten. Selten finden sich jedoch Freund*innenschaften, die über soziale Milieus hinweg zustande kommen. Als erwachsener Mensch geht es darum, sich das Essengehen oder Urlaube leisten zu können oder schlichtweg Zeit aufzubringen, wenn man Vollzeit arbeitet und

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Kinder oder Krankheiten hat, die einen in der Mobilität einschränken. Das Freundschaftsbändchen für Erwachsene heißt: Girls Night mit Sektchen, Junggesell*innen­abschiedsreisen, Männergrillfußballwochen oder eine Bahncard, um all die Verstreuten überhaupt mal zu Gesicht zu bekommen.

Mit der Herrschaft des Internets in der Kommunikation wird nun nicht nur die Möglichkeit zur Außendarstellung unserer Beziehungen instrumentalisiert, sondern direkt die Basis übernommen. Wir können auf Instagram, Facebook & Co nicht nur zeigen, mit wem wir rumhängen, sondern die Menschen gleich dort kennenlernen. Zu Sandkasten, Schule, Uni und Arbeitsplatz kommen heute die Social-Media-Plattformen hinzu, Freund*innenkreise werden zu Netzwerken, die Anzahl der Follower zeigt den Grad der Beliebtheit. Die Gemeinsamkeiten können sich über „special interests“ generieren und sind nicht zwingend an äußere Bedingungen geknüpft. Statt zu klingeln, kann man die Nachbarschaftsapp anschmeißen, um nach Zucker oder Mitstreiter*innen für einen Tanzkurs zu suchen, statt an der Theke zu sitzen und dort zu heulen, bis man ein offenes Ohr findet, begibt man sich in Facebook-Gruppen und weint sich dort aus. Wer existenzielle Probleme hat, inseriert bei „gofundme.com“, ­Genossenschaften sind Shared Economies und das größte Plenum der Welt heißt Twitter. Als Teil der Generation, die in der Kindheit noch nichts und heute alles über das Internet weiß, würde ich sagen: Vom Schulhof bis zu den sozialen Netzwerken hat sich vor allem geändert, dass man sich selbst besser findet und auch von anderen besser gefunden wird (im doppelten Wortsinn). Und das ist erst mal eine gute Sache: Denn nun kann potenziell jeder cool sein, egal wie viel Knete man hat, wo man wohnt und wie man aussieht.

In der Schule fing es an: Es gab für die Informatikstunde eine Handvoll Computer mit Internetanschluss, an die man nach Unterrichtsschluss mal kurz ran durfte. Schnell wurde mir klar, was ich im echten Leben vermisste: Da waren sie plötzlich, all die Menschen jenseits von konstruierten Verbänden wie Schulklassen, Nachbar*innenschaften oder kruden Gemeinschaften wie Christenlehre oder Tischtennisverein. Da waren Menschen, die musikbegeistert oder kunstaffin waren, Menschen, die, wie man selbst, zu dick, zu dünn, zu nerdig, zu wenig hetero, zu „zu“ waren. Menschen, die sich auch düstere Gedanken machten, Menschen, die sich für das Gleiche interessierten oder das gleiche Nischenproblem hatten wie man selbst, echte Seelenverwandte eben. Arschlöcher waren natürlich auch da, wie im richtigen Leben. In den damaligen Chatrooms und Foren wurden außer des originellen „Nickname89“ keine verwertbaren Daten von uns gesammelt. In den 2000er-Jahren blieben diese Internetbekanntschaften meist im Internet. Heute sind die meisten Facebook-„Freund*innen“ dieselben, die man auch im „real life“ hat, denn über ein paar Ecken kennt man sich immer. Sehr deutlich wird das bei Facebook durch die „Gemeinsame Freunde“-Liste.

Kritiker*innen merken an, dass Social-Media-Beziehungen beliebiger, unstetiger, quantitativer Natur seien. Klar: Man kann blocken, man kann ghosten, man kann schnell jemand anderen finden oder in andere Bubbles flüchten. Gleichzeitig wird man sich doch nicht so einfach los, weil Ausschluss im Internet eben nicht funktioniert wie im „echten Leben“ – man bleibt nämlich immer da, kann sich schwer unsichtbar machen, es sei denn, man entsagt der Onlinewelt komplett – aber dann wird es auch in anderen Lebensbereichen kompliziert, weil sich mittlerweile auch Berufliches oder Familiäres oft über das Netz organisiert. Freund*innenschaften haben sich heute – wie alle Lebensbereiche – an die globalisierte Welt angepasst. Man hat mit den Leuten nicht zwingend mehr Kontakt, wenn sie in der Nähe wohnen, man findet die Besten nicht unbedingt in der Nachbar*innenschaft – und man muss sich nicht mal gesehen haben, um einander nahe zu sein. Auf Facebook, Twitter, Instagram oder meinetwegen Jodel und Snapchat finden und befreunden wir die Menschen, die uns ähnlich sind, das macht uns wählerischer.

Gleichzeitig wird die Auswahl immer größer. Es gibt themenspezifische Gruppen, Hashtags, direkte Vernetzungen, wir können uns alle über den digitalen Weg laufen. Spätestens seit dem zehnten Facebook-Skandal weiß nun auch der Letzte, dass unsere Daten verkauft und verwertet werden. Doch unbeirrt nutzen wir Facebook weiter und damit uns gegenseitig für politische Agenden, für die Verbreitung unserer Kunst, um beruflich weiterzukommen, um uns darzustellen oder um Bestätigung zu erlangen. Wir wollen vorankommen, egal worin, dabei sind wir garantiert nicht entkoppelt vom Kapitalismus und unsere Beziehungen sind es erst recht nicht. Wir sind entweder Konkurrent*innen oder wir versuchen, es bewusst nicht zu sein, und schließen uns zusammen, um Freiräume zu schaffen, um Pausen zu generieren, um Druck abzulassen. Doch all das steht immer im Verhältnis zu den verdammten Verhältnissen.

Selbstverständlich wollen wir dennoch an etwas glauben, das über das Rationale hinausgeht. Wir wollen glauben, dass es so etwas wie Magie gibt zwischen Menschen, selbstlose Liebe ohne Nutzen, echte Verbindungen und wahre Gefühle. Wo früher die Ideologie der Kernfamilie das herrschende Bild von Gemeinschaft war, sind es jetzt die Freund*innenkreise, die aber immer noch als „familiär“, „Familienersatz“ und Ähnliches bezeichnet werden. Waren die beliebtesten Sitcoms in den 1990ern noch vorwiegend Familienserien, handeln sie mittlerweile davon: Eine Handvoll Freund*innen tut sich zusammen, lebt zusammen, geht zusammen durch persönliche Krisen. Die Krisen sind oft ökonomischer oder romantischer Natur, ab und an träumt jemand davon, allein zu leben, aber das geht finanziell nicht, also ergibt man sich dem Schicksal, macht ein paar Witze über die Unzulänglichkeiten der Mitbewohner*innen und das Publikum lacht. Man will einfach klarkommen in dieser Welt und das ist allein undenkbar. Und tatsächlich leben auch jenseits des Bildschirms immer mehr Leute noch in ihren Dreißigern oder länger in WGs. Vor dem Kapitalismus hieß das Konzept der nützlichen Freundschaft noch „Brüderlichkeit“ und diente Männern dazu, ihre Macht zu erhalten, ihre Familien durchzubringen und politisch agieren zu können. Frauen waren ans Haus gebunden und erst mit dem Eintritt in die Berufswelt, einer Notwendigkeit im Kapitalismus, erlangten sie die Art von Unabhängigkeit, die ihnen weitgehende soziale Kontakte außerhalb der Familie ermöglichte.

Wenn man also Freund*innenschaft als eine Zusammenkunft von Menschen erkennt, die nicht aus den Verhältnissen ausgeklammert werden kann, sondern vielmehr aus ihnen entsteht, ob aus Einsamkeit, Langeweile oder zum Durchhalten und zur gegenseitigen Unterstützung in einer zunehmend kapitalistischen Welt, ist das zwar sehr unromantisch. Ja, man will uns überall an den Kragen (wir uns gegenseitig allerdings auch) – aber das kann Solidarität befördern, die wiederum nicht selten in Freund*innenschaft mündet. Wenn wir Glück haben und uns Mühe geben, führt die weltweite Vernetzung nämlich dazu, dass wirklich alle Menschen zu Freund*innen werden (statt zu Brüdern) und man die äußeren Zwänge gemeinsam überwinden mag. Dann ist echte, ja nutzlose, Freund*innenschaft an der Tagesordnung und nicht nur in seltenen Momenten zu finden. Eine sehr optimistische Vorstellung, ich weiß. Vielleicht klappt es auch nie, aber dann bleibt zumindest die Gewissheit: „I get by with a little help from my friends“, und ich grüße hiermit: Steffi. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

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