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10:38

Juwelen für die Armee

Von Fatma Aydemir
Interview: Jesse R. Buendia

Die beliebtesten arabischen Liebeslieder des zwanzigsten Jahrhunderts stammen aus dem Repertoire einer Künstlerin, die offiziell niemals verliebt gewesen ist. Einer Sängerin, die mit ihren breiten Schultern und schiefen Zähnen allen Schönheitsidealen ihrer Zeit widersprach und in die dennoch Millionen von Menschen verknallt waren. Es sind zahlreiche Mythen, die Leben und Werk von Oum Kulthum umranken. Die ägyptische Diva mit der imposanten Hochsteckfrisur und dem tiefen Timbre diente zeit ihres Lebens als Projektionsfläche für die Erhabenheit moderner arabischer Kultur und tut dies noch heute – über vierzig Jahre nach ihrem Tod.

„Oum Kulthum ist eher eine Vorstellung als eine reale Person und sie wollte auch eine Vorstellung bleiben. Manchmal denke ich, sie hat sehr bewusst kalkuliert, wie wir sie nach ihrem Tod in Erinnerung behalten sollen“, sagt Shirin Neshat. Die iranische Künstlerin hat mit „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ einen Spielfilm über die Ikone gedreht. Oder viel eher: einen Spielfilm über Kulthums Bedeutung für Künstler*innen aus dem Nahen Osten. Im Mittelpunkt steht die iranische Regisseurin Mitra (gespielt von Neda Rahmanian), die während der Arbeit an einem Biopic über Oum Kulthum mit immer neuen Hürden konfrontiert wird. Männliche Kollegen am Set zweifeln an Mitras Können, werfen ihr vor, Kulthum falsch darzustellen und ihr ohne Arabischkenntnisse nicht gerecht werden zu können.

„Auch ich spreche kein Arabisch und werde Oum Kulthum nie auf dieselbe Art verstehen können wie arabischsprachige Hörer*innen“, erzählt Neshat im Gespräch mit Missy. „Trotzdem glaube ich, dass Musik eine viel tiefgreifendere Erfahrung ist als das reine

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Verständnis von Lyrics. Unsere Musiktraditionen im Iran sind ja verwandt mit den arabischen. Ich fühle den Schmerz und die Sehnsucht in Kulthums Liedern. Denn ich verstehe die Tradition, aus der sie kommen.“

Düster bis kühl sind die Stimmungen, die „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ zum Großteil dominieren. Glamouröse Drehorte und schillernde Bühnenkostüme vergegenwärtigen die „Goldene Ära“ Ägyptens, wie die Periode der 1950er- und 1960er Jahre aufgrund der lebhaften Kulturlandschaft genannt wurde. Prägend war zu dieser Zeit vor allem Oum Kulthum, die es mit ihren monatlichen Radiokonzerten schaffte, dass sich die Straßen Kairos leerten, weil alle sich um ihre Radios versammelt hatten. Und nicht nur in ihrer Heimat wurde die Volksheldin, deren einzelne Lieder mal gut eine Stunde dauern konnten, wie eine Heilige gefeiert. Jeder Auslandsbesuch wurde zum medialen Großevent. So schreibt die libanesische Presse über Kulthums Auftritt beim Musikfestival Baalbeck 1966: „Hunderte Besucher aus verschiedenen arabischen Ländern durften an diesem Abend das Paradies betreten. Oum Kulthum ist ein Wunder Gottes.“

Foto: Najia Skalli als Oum Kulthum. Razorfilm.

Diese Ausnahmestellung als wichtigste Stimme ihrer Zeit mache Oum Kulthum noch heute zum Vorbild vieler Frauen im Nahen Osten, so Neshat: „Sie hat so viele Dinge erreicht, die uns immer noch unmöglich scheinen. Ihr Erfolg ist ein Traum. Für Frauen ist es sehr schwer, Karriere mit Privatleben zu vereinbaren, etwa als Mutter.“ Oum Kulthum selbst hat nie Kinder bekommen. Geheiratet hat sie erst, als sie über fünfzig war, für die damalige Zeit mehr als ungewöhnlich. Es soll sich um eine Vernunftehe gehandelt haben, mit ihrem Hausarzt. Kulthum litt in ihrer fast sechzigjährigen Bühnenkarriere immer wieder an gesundheitlichen Problemen.

Manche Fans glauben heute, dass Oum Kulthum lesbisch war. Auch Shirin Neshat: „Bei meinen Recherchen habe ich herausgefunden, dass sie zwar bei der Arbeit nur von Männern umgeben war, im Privaten aber blieb sie stets unter Frauen. Vieles deutet darauf hin, dass sie Frauen liebte. Aber Ägypter werden ziemlich sauer, wenn ich danach frage. Sie sagen, sie interessieren sich nicht für ihr Privatleben.“

Dennoch spielt Kulthums Herkunft aus einfachen Verhältnissen eine große Rolle in der kollektiven Wahrnehmung. Als Kind bot sie gemeinsam mit ihrem Vater Koranrezitationen auf Veranstaltungen dar. In der Pubertät begann sie, sich als Junge zu verkleiden, da öffentliche Auftritte von Frauen in der Provinz verpönt waren. Später feierte sie das Volk dafür, dass sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere all ihre Juwelen und Konzertgagen an die ägyptische Armee spendete, die nach der Niederlage beim Sechstagekrieg gegen Israel wiederaufgebaut werden musste. So ist und bleibt Oum Kulthum auch eine nationalistische Figur, eine Botschafterin der panarabischen Ideologie des Präsidenten Gamal Abdel Nasser, der regelmäßig neue Kompositionen bei ihr in Auftrag gab.

„Es ist bekannt, dass Kulthum zuvor loyal zu König Faruq I.  gewesen war. Als er 1952 gestürzt wurde, verfiel sie in eine Depression“, sagt Shirin Neshat. Dass Kulthum sich aber mit den Nationalisten bloß gut stellte, um weiterhin auftreten zu können, glaubt Neshat nicht: „Sie hat sich persönlich mehr und mehr von den westlichen Positionen und dem Elitismus der Monarchie entfernt. Oum Kulthum sah sich als Repräsentantin des Volkes und stellte sich gemeinsam mit dem Volk gegen den Einfluss der britischen Kolonialmacht.“

So gibt es auch zahlreiche antisemitische Parolen, die Oum Kulthum während der Krise zwischen Israel und Ägypten von sich gab. „Ich glaube, das hat viel mit der Stimmung ihrer Zeit zu tun“, so Neshat. „Trotzdem ging sie nach Israel, um Konzerte zu geben. Trotzdem wuchsen auch Israelis mit ihrer Musik auf. Aber wenn ich nun öffentlich davon spreche, wie beliebt sie in Israel ist, werde ich vom Publikum attackiert. Auch das ist ein Teil der Wahrheit.“

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

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