Tumblelog by Soup.io
Newer posts are loading.
You are at the newest post.
Click here to check if anything new just came in.
10:37

What is love?

Interview: Judith Werner

Es gibt Momente, die können ein ganzes Leben verändern. So auch, als ein Teenager namens Liv aus dem schwedischen Lund ihre Schwester in Stockholm besuchte. Die beiden jungen Frauen gingen zu einer Lesung und Liv hörte zum ersten Mal von Feminismus und patriarchalen Strukturen. Heute ist Liv Strömquist vierzig Jahre alt und eine der bekanntesten feministischen Comiczeichnerinnen in Skandinavien. Im Skype-Gespräch erzählt sie von der Entstehungsgeschichte ihres neuesten Comics „Der Ursprung der Liebe“.

Dein Comic „Prins Charles Känsla“, der in Schweden bereits 2010 publiziert wurde, erscheint nun unter dem Titel „Der Ursprung der Liebe“ auf Deutsch. Ist die Liebe – wie früher im Märchen – nur etwas für Prinzessinnen?
Ich habe mein Buch „Das Gefühl von Prinz Charles“ genannt, weil es sich auf ein Interview bezieht, das der britische Thronfolger einst bei seiner Verlobung mit Lady Diana gab. Er wurde gefragt, ob er Diana liebe, und er antwortete nach kurzem Zögern: „Yes – whatever love means.“ Eine bezeichnende und möglicherweise unfreiwillig ehrliche Aussage, wenn wir bedenken, wie die Geschichte der beiden verlief. Doch mir geht es gar nicht um diese royale Ehe, sondern um sein Zögern und die Fragen, die Charles damit aufgeworfen hat und die sich auch viele von uns stellen: Was bedeutet das eigentlich – Liebe? Habe ich dieses Gefühl oder doch nicht? Ich mag übrigens den deutschen Titel. Er bezieht sich auf die Herkunft dieses großen Gefühls: Ich frage nach den soziologischen Umständen, die unser Verständnis von Liebe heute prägen.  

Wie auch in „Der Ursprung der Welt“, das die Kulturgeschichte der Vulva behandelt, arbeitest du mit wissenschaftlichen Studien aus der Medizin, Soziologie, Literatur und Philosophie. Bei vielen Bildern kann man am Rand Fußnoten mit Quellenangaben entdecken. Wie kamst du auf die Idee, solche Inhalte in Comicform zu verarbeiten?
Ich habe schon während meiner Studienzeit angefangen zu zeichnen. Irgendwann habe ich mich gefragt, warum ich die Arbeitsweise, die ich in meinem Studium verwendete, nicht auch für meine Kunst einsetzen sollte. Wenn man wissenschaftlich arbeitet, liest man viel, stellt Thesen auf und versucht, Fragen zu beantworten. Das kann manchmal recht trocken sein. Bei meinen Recherchen bin ich aber auch immer wieder auf Theorien und Studienergebnisse gestoßen, bei denen mir der Mund vor Erstaunen offen stand. Genau die sind es, die ich mit meinen Comics anderen nahebringen will. Ich nenne meine Bücher übrigens bewusst Comics und nicht Graphic Novels. Der Ausdruck Graphic Novel wurde ja u. a. deswegen geschaffen, um dem Genre Comic eine Art Hochkultur-Stempel zu

<!--steady-paywall-->

verpassen. Ich mag aber gerade das Unprätentiöse und Kindliche, das einem dieses Genre bietet. Eine Graphic Novel liest du nicht eben mal zwischendurch oder nimmst sie mit auf die Toilette. Einen Comic schon – und das finde ich gut.

©Liv Strömquist

War Gender schon während deines Studiums der Politikwissenschaft das zentrale Thema für dich?
Überhaupt nicht! Heute sehen wir erfreulicherweise, dass Gender-Debatten und Fragen von Gleichberechtigung und Feminismus eine größere Aufmerksamkeit bekommen. Während meines Studiums in den 1990ern war in Schweden die Zeit eines feministischen Backlash. Ich bin mit dem Stereotyp von Feministinnen als verbitterte, ältere Frauen aufgewachsen. Auf dem schwedischen Land gab es keine positiven feministischen Role Models. Von der Idee, dass patriarchale Strukturen unsere Gesellschaft prägen, hörte ich zum ersten Mal in einem Psychologievortrag über junge Paare ohne Kinder: Selbst in diesen Beziehungen ließ sich bereits nach kurzer Zeit eine ungleiche Rollenverteilung feststellen, obwohl beide doch gleichberechtigt in die Partnerschaft eingetreten waren. Das hat mich aufgerüttelt und ich habe angefangen, die Welt mit ganz anderen Augen zu sehen. Plötzlich fiel mir auf, dass selbst in der linken, alternativen Szene, in der ich mich aufhielt, die Jungs die Graffitis sprühten oder in Bands spielten, während die Mädchen bei all dem im Wesentlichen nur zuschauten. Damit wollte ich mich nicht abfinden.    

In deinem neuen Buch thematisierst du den typischen Mann, der genervt ist von einer Frau: seiner Partnerin, Mutter oder Schwiegermutter, und keine Lust auf Kommunikation hat – was die Frau dazu bringt, genau diese immer vehementer einzufordern. Ist das nicht ein Klischee?
Es ist ein Muster, das gerade unsere Popkultur sehr stark tradiert. Ich habe mich mit US-amerikanischen Comedyserien beschäftigt. Egal ob „Hör mal, wer da hämmert“ oder „Two And A Half Man“, immer steht ein Mann im Zentrum, der vor allem eines will: seine Ruhe – außer natürlich er liegt krank auf der Couch. Dabei kommt der Typ immer recht gut weg. Er ist dann der Kerl, der einfach nur an seinem Auto schrauben will, der einsame Wolf, der mit sich allein klarkommt. Selbst der Eremit kann noch als heroische Figur durchgehen. Solche positiven Bilder fehlen für Frauen.

Wenn man deine Comics liest, erkennt man gelegentlich etwas wieder. Kann man „Der Ursprung der Liebe“ auch als Liebesratgeber lesen?
Anscheinend tun das manche! Einmal kam eine Frau auf der Straße auf mich zu und sagte mir, dass ihr mein Buch sehr geholfen hätte: Sie hatte es ihrem potenziellen Partner zu lesen gegeben und mit ihm darüber diskutiert, um herauszufinden, wie seine Einstellung zu Beziehungen und Liebe ist. Mein Buch wurde quasi als Einstiegstest für ihre spätere Partnerschaft benutzt. Auch wenn es mich natürlich freut, dass mein Comic Menschen auf diese Weise unterstützen kann – geplant war das nicht.  

Du hast dich so viel mit Beziehungen und deren Scheitern beschäftigt – kannst du noch an die romantische Liebe glauben?
Absolut! Ich bin mir sicher, dass es sie gibt. Liebe ist die vielleicht grundlegendste Eigenschaft des menschlichen Wesens. Wie sie dann in der Gesellschaft umgesetzt wird und ob das funktioniert, ist eine andere Frage – in der scheint mir aber glücklicherweise aktuell sehr viel Bewegung zu sein. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl