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10:37

Grabsteine aus Pappe

Von Toby Ashraf

Der Begriff der „Follies“ lässt sich wörtlich mit „Torheiten“, „Unsinn“ oder vielleicht sogar „Schabernack“ übersetzen. Im Theaterkontext waren die „Ziegfeld Follies“ am New Yorker Broadway zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausladend inszenierte Nummernrevuen mit Tanzeinlagen, hohem Unterhaltungswert und geringem politischen Anspruch. Johannes Müller und Philine Rinnert arbeiten seit 2010 eng zusammen und haben ihr neues gemeinsames Stück zum Thema HIV nun „Aids Follies“ betitelt und es als „Virus-Panorama“ bezeichnet. Um Unsinn geht es dabei nicht und von geringem politischen Anspruch kann auch keine Rede sein. Warum also diese Form?

Müller sieht die Revue als eine Form der Collage, ein Prinzip, nach dem die Zusammenarbeit von ihm und Philine Rinnert funktioniert. „Wir sammeln und collagieren eine große Menge an Material zu einem Thema, das uns interessiert, und stellen daraus eine revuehafte Abfolge zusammen aus verschiedenen Nummern, Musiken, Texten und Bewegungen“, erklärt er im Gespräch. Das Stück ist eine Mischung aus Auftritten und Lectures. Auf der Bühne: Popsängerin und Performerin Valerie Renay, Vokalartistin Sirje Viise, Bariton und Drag-Performer Shlomi Wagner und Schauspieler Hauke Heumann.

Natürlich habe das etwas „Polit-Theater-Mäßiges“, wenn man sein Stück „Aids Follies“ nennt, sagt Müller auf die Frage, ob ihr Projekt in der Tradition vom Aids-Aktivismus der

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Transen und Tunten stehe. Ein Stück über Aids sei eben zwangsläufig immer auch politisch.   

©Philine Rinnert

Philine Rinnert erklärt in ihrem Atelier anhand eines Miniatur-Modells das Bühnenbild. Sie spricht von verschiedenen Versatzstücken und Bausteinen und versteht ihre Arbeit als „anti-dekorativ“. Nicht illustrativ, sondern diskursiv. Schwarz ist der Raum, weiß und schematisch sind die unterschiedlichen Objekte darin. Grell neonfarben hingegen das Bodenraster, das den Spielraum in den Sophiensælen absteckt. Die 1980er-Jahre sind hier visuell zurück und mit ihnen der Ausbruch des HI-Virus. „Klinisch“ und „white“ nennt Johannes Müller die (popkulturelle) Kunstästhetik der Zeit, an der sich das Bühnenbild orientiert.

Wir sehen eine Leinwand, auf die ein Live-Video projiziert wird: Absurde Objekte werden auf einem Labortisch bewegt. Eine Wolke aus Kondomen schwebt über der Bühne. Papp-Grabsteine im Bühnenvordergrund. Verweise auf den Interessenverband Act Up, Aids-Aktivismus und queeren Widerstand. Ein überdimensionaler Telefonhörer als Erinnerung an eine Zeit, in der es Aids-Hotlines gab und kein Internet. Ein kleiner Raum des Privaten im Hintergrund. In der Summe: Assoziationsräume, durch die sich die Figuren bewegen. „Über eine dokumentarische Suche sind wir zur Abstraktion und Verfremdung gekommen und bauen damit eine neue und eigene Struktur“, fasst Rinnert zusammen.

Die „Aids Follies“ als „durchgetaktete Kombination“ verschiedener Elemente. Mal mit Figuren, mal ohne. Mal mit Video, mal mit gesprochenem oder gesungenem Text, mal mit Text zum Lesen. Mal mit Tanz. Theater als Laborablauf, als Maschine, die vor dem Publikum läuft – das sind Analogien, die Müller und Rinnert in den Sinn kommen. Dazu gibt es eine eigens von Genoël von Lilienstern komponierte Musik, die live auf der Bühne gespielt wird. Von kamerunischem Pop bis hin zu Porno-Klängen, heißt es in der Ankündigung. Antworten auf Fetzen einer langen Recherche.

Die begann bereits im Sommer 2017: In der British Library haben Rinnert und Müller Interviewaufnahmen von Bekannten des sogenannten „Patient Zero“ Gaëtan Dugas gefunden. Dem franko-kanadischen Flugbegleiter wurde vorgeworfen, das Virus in die USA eingeschleppt zu haben. Neben Aids-Poetry, Zeitungsartikeln und theoretischen Schriften recherchierten sie im ACT-UP-Archiv der New York Public Library. Zudem sprachen sie mit Wissenschaftler*innen.

Ein loser Bogen: vom Aufkommen der Aids-Hysterie bis zum „Prep Nirwana“, einer Zeit, in der man sich per Pille vor HIV schützen kann. Dazwischen: die immer neue Suche nach Schuldigen, neue Verschwörungstheorien und Fronten. Das Stück sei eine „Landschaft von Feindbildern, die wir aufzeigen und analysieren wollen“, sagt Müller. Eine spannende Versuchsanordnung, die in den Proben zur endgültigen Form findet. Eine Aids-Revue. Alles andere als Schabernack.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

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