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10:54

Das Ende der Empathie

Von Janne Knödler

Dass Empathie nicht alles kann, beginne ich zu ahnen, als ich Lenas Textnachricht lese. Es ist Samstagnachmittag, ich bin im Café mit zwölf Seiten Text vor und drei Tassen Kaffee hinter mir. Den Flugzeugmodus habe ich nicht ganz unabsichtlich vergessen, anzuschalten. „Bei mir ist grad Chaos“ blinkt es auf meinem Handy „Ich hab grad den 2. Schwangerschaftstest gemacht und die sind beide positiv.“ Während ich zurücktippe, packe ich meine Sachen ein. „Komm nach Hause. Ich bin gleich da.“ Während ich warte, überlege ich, was ich jetzt zu tun habe. Zur Klarstellung: Für die Schwangerschaft trug ich keinerlei Verantwortung. Heißt auch: Von einem Augenblick auf den nächsten hat sich Lenas Lebensrealität meilenweit von meiner entfernt. Und ich fühle mich erleichtert, weil es um sie geht und nicht um mich. Und auch, wenn ich an dieser Situation schon haarscharf vorbeigeschlittert bin, kann ich mir nicht vorstellen, wie es ihr jetzt geht. Ich kann mich nicht in sie hineinfühlen.

©Anete Lusina

Empathie ist in den letzten Jahren zum Buzzword avanciert. In einer Zeit, in der Individualität und Flexibilität in den Vordergrund und traditionelle Bindungen an Familie, Wohnort oder Religionsgemeinschaft in den Hintergrund rücken, soll Empathie der Kitt sein, der uns zusammenhält. Während arm und reich immer weiter auseinanderrücken und das Zentrum immer rechter wird, soll Empathie es ermöglichen, die Position der Anderen nachzufühlen – und damit die Grundlage dafür sein, dass wir als Gesellschaft überhaupt noch kollektiv handlungsfähig sind. Empathie soll auf individueller Ebene – von-Mensch-zu-Mensch – das erfüllen, was uns als Gesellschaft fehlt:  Die Berücksichtigung aller Mitmenschen, ob sie nun unsere Meinung, unser soziales Umfeld oder unseren Haushalt teilen oder nicht. Damit die Empathie aber das Wunderheilmittel gegen gesellschaftliche Spaltungen sein kann, das sich ihre Jünger wünschen, muss eine Grundannahme erfüllt sein: Wir müssen davon ausgehen, dass wir uns angemessen in andere Menschen einfühlen können. Aber: Können wir das wirklich?

Montagmorgen klopfe ich um sieben an Lenas Tür. Wir wollen bei der Ärztin sein, bevor die Praxis aufmacht. Als Lena dreieinhalb Stunden später das Arztzimmer verlässt, wartet sie, bis wir im Restaurant um die Ecke Platz genommen haben, bevor sie anfängt zu reden. „Also es stimmt auf jeden Fall“, meint sie, Blick angestrengt auf die Karte vor ihr gerichtet.  „Ja scheiße. Krass.“ Ob sie sich sicher ist, was sie jetzt machen will, frage ich. Wir gehen die Optionen durch: Wir würden das Kind zusammen großziehen; wer braucht schon Männer. Vielleicht kommt ein Hund dazu. Es fällt uns nicht leicht, ernsthaft darüber zu reden. Alles, was mir einfällt, fühlt sich wie ein Klischee an. Der Situation, die wir beide hundertfach aus Filmen und Serien und Büchern kennen, scheinen wir nichts Neues hinzufügen zu können. Nichts, was ihr irgendwie helfen könnte. „Die Ärztin hat natürlich auch über die anderen Optionen gesprochen“, sagt Lena. Seit der ausführlichen Google-Recherche kann ich die auch ungefragt herunterbeten. „Hört sich alles nicht so geil an“, sagt sie und weicht meinem Blick aus. Ich gehe um den Tisch herum und setze mich neben sie, nehme ihre Hand.

„Kann ich mir vorstellen“, bekunden wir häufig als Zuhörer*innen. Viele Situationen und ganz besonders solche „Schlüsselerlebnisse“ haben wir als Gesellschaft kategorisiert und mit bestimmten Gefühlserwartungen verknüpft. Wir folgen dann emotionalen Skripten. Jemand macht Schluss: Wir sind traurig. Jemand stirbt: Noch trauriger. Wir haben Feierabend: Wir freuen uns. Wir werden befördert: Wir freuen uns noch mehr. Wissen wir das nicht aus eigenen Erfahrungen, dann haben wir es bei anderen gesehen oder eben in Filmen, Serien, Büchern. Diese Skripte lassen die Erfahrungen Anderer vertraut wirken und geben uns das Gefühl, die Situation zu kennen und einschätzen zu können. Aber was sind Skripte und Kategorien verglichen mit der Komplexität der Realität? Können wir wirklich behaupten, dass unsere Einordnung den Erfahrungen Anderer gerecht wird? Welche Aspekte der Erlebnisse Anderer können wir einfangen, und welche bleiben übrig? Und auch: Wem kommt dieses Beschwören von Empathie zugute?

Uns in andere hineinzufühlen ist umso leichter, je näher uns die andere Person ist. Empathie ist eine Transferleistung und je kürzer die Distanz zwischen zwei Lebenswelten ist, desto geringer die Leistung. Dabei geht es einerseits um Ähnlichkeit: Menschen, deren soziale, kulturelle oder ökonomische Position meiner ähnelt sind nahbarer. Andererseits, und das kann mit Ersterem verknüpft sein, ist es einfacher, sich die Situation anderer vorzustellen, wenn sie uns bekannt erscheint. Diese Bekanntheit kommt aus dem Real Life, kann aber auch aus Medientexten kommen: Aus Serien, aus Büchern, aus Filmen. Ein kurzer Blick auf die Zusammensetzung der Casts der IMDB-Bestenliste zeigt, wer dort im Mittelpunkt steht: weiße, heterosexuelle, cis Männer. Dass ihre Geschichten überall und in hoher Komplexität erzählt werden, lässt sie universalisierbar erscheinen. Für die Situationen, in denen sie sich befinden, werden uns hunderte emotionale Skripts angeboten. Ihre Geschichten werden uns nachvollziehbar gemacht, während alle anderen in den Hintergrund geraten. Wenn wir unsere Entscheidungen von Empathie leiten lassen, schaffen wir dann nicht eine Gesellschaft, die genau den Menschen zugutekommt, die sowieso schon ganz oben stehen?

Lena zählt zu den Personen, die mir am Nächsten sind auf der Welt. Damit meine ich jetzt nicht „nah am Herzen“ – das natürlich auch. Vor allem aber sind unsere Werdegänge, unsere Erfahrungen und unsere sozialen Positionen sich nah. Trotzdem erscheint es mir gerade unmöglich, Lenas Situation nachzufühlen. Auch wenn ich die Situation hundertfach aus Geschichten kenne, merke ich plötzlich, dass ihre und meine Realität getrennt sind. Dass diese Trennung hier körperlich ist – sie ist schwanger, ich nicht – macht sie unleugbar. Aber vielleicht macht die Körperlichkeit unserer Trennung damit nur materiell greifbar, was immer wahr ist: Lenas Erfahrungen sind genau das: ihre. Während die Sozialarbeiterin beim Gesundheitsamt das verpflichtende Aufklärungsgespräch mit dem aufwändigen Namen „Schwangerschaftskonfliktberatung“ führt, kann ich neben Lena sitzen. Ich kann ihre Gesichtsausdrücke beobachten, als es um die nächsten Schritte geht, als die Frau eine Liste mit Adressen ausdruckt und uns zum Schluss einen Flyer zur Kostenübernahme von Verhütungsmitteln in die Hand drückt (ich bekomme auch einen). Aber zu behaupten, dass ich mitfühlen kann, wie es ihr geht, würde sich übergriffig anfühlen.

Und dennoch: Die Menschen, die darüber entscheiden, welchen rechtlichen Rahmen ein Schwangerschaftsabbruch in Deutschland hat, nutzen als eine ihrer Entscheidungsgrundlagen ihr Empathievermögen. Wer über die „Angemessenheit“ der Regeln und Regulationen entscheidet, überlegt sich: Was würde ich wollen? Wie würde ich mich fühlen? Was wäre mir zumutbar? So als könnte ein kleines Gedankenexperiment die Komplexität der Situation anderer Menschen erfassen soll unser Empathievermögen dabei helfen, zu entscheiden, wie viele Tage zwischen Beratungsgespräch und Abbruch vergehen müssen, wie viel Bürokratieaufwand einer ungewollt schwangeren Frau zumutbar ist, oder was für ein Gefühl die Beschreibung „illegal aber unter bestimmten Umständen straffrei“ hervorruft.

Die Menschen, die unserer Gesellschaft mangelnde Empathie attestieren, haben häufig schon Lösungsvorschläge parat. Virtual Reality ist dabei nur der Neueste. Eine Virtual Reality Brille gibt es schon für unter hundert Euro auf Amazon. Sie dient als Portal in eine andere Welt – oder als Portal in einen anderen Körper: Sie erlaubt es, die Welt mit den Augen einer anderen Person zu sehen. Und zu erleben, wie meine Umwelt mit mir interagieren würde, wenn ich Y wäre. „Es ist eine Maschine, aber drinnen fühlt es sich wie echtes Leben an, wie Wahrheit“ erklärt der Künstler und Videoproduzent Chris Milk. Im Laufe seines elfminütigen TED Talks lädt er das Publikum ein; in die Maschine und nach Jordanien, zur zwölfjährigen Sidra, die seit eineinhalb Jahren in einem Camp für syrische Geflüchtete lebt. Im Hintergrund erklingen Pianoklänge (ist das Yann Tiersen?), während Sidra uns durch das Zimmer ihrer Familie, ihr Klassenzimmer und das mit Stacheldraht abgezäunte Campgelände führt. „Du sitzt auf dem gleichen Boden, auf dem sie sitzt“, erklärt Milk, „Du bist da. Das macht Virtual Reality zur ultimativen Empathiemaschine“.

Für alle, denen VR zu abgespaced ist, gibt es auch analoge Formen, die die Empathiemuskeln stärken sollen. In vielen Städten gibt es mittlerweile Dunkel-Bars oder -Restaurants, in denen Besucher*innen einen Abend ganz ohne Sehsinn verbringen können. Ein „Age-Suit“ soll, unter anderem dank Gewichten an den richtigen Stellen und Brille, die die Sicht verschleiert, simulieren, wie es sich anfühlt, alt zu sein. Ob Menschen durch einen solchen Empathietourismus aber wirklich lernen, die Situation anderer besser zu verstehen, bleibt fragwürdig: Menschen, die an solchen Versuchen teilnehmen, zeigen danach häufig eine wohlwollendere Einstellung der betroffenen Bevölkerungsgruppe gegenüber – schätzen aber die Fähigkeiten der Betroffenen, mit der Situation umzugehen, schlechter ein.

Vielleicht ist genau das die Crux von Mitgefühl: Es vermittelt den Eindruck, die Distanz zwischen zwei Lebenswelten aufzuheben und gibt damit das Gefühl selbst einschätzen zu können, was andere Menschen brauchen. Eine Überbetonung des Stellenwertes von Empathie läuft damit Gefahr, zum Ersatz zu werden für das sich-gegenseitig-zuhören und einander Glauben. Und gerade, wenn es darum geht, welche Möglichkeiten und Bedürfnisse andere Menschen haben, stößt unser Vorstellungsvermögen schnell an seine Grenzen. Als weiße Person kann ich mir nicht vorstellen, wie es ist, als Person of Color die Straße herunterzulaufen. Genauso hat ein Mann, egal wie wohlwollend und empathisch er ist, kein Gefühl dafür, wie ich mich als Frau im Raum bewege. Das kann ich viel besser erzählen, als jemand anderes das Nachfühlen kann. Dazu kommt: Empathie führt häufig nicht zu einer Begegnung auf Augenhöhe. Empathie erwarten wir schließlich immer nur von denen, die in der jeweiligen Situation privilegiert sind. Was marginalisierte Menschen aber brauchen, ist nicht Mitgefühl. Sondern Respekt. Respekt für ihre Leistungen, ihre Fähigkeiten und Respekt für ihre Bedürfnisse. Die Außenstehende nicht selber erfühlen können.

Als ich am Dienstag zu Lena in den Aufwachraum der Tagesklinik gerufen werde, ist sie schon wieder wach und knabbert an einem Keks, den die Pflegerin neben ihr Bett gestellt hat. Die Betten der Patient*innen sind durch dünne weiße Vorhänge voneinander getrennt. Neben uns weint jemand. „Danke, dass du da bist“, sagt Lena. Und das ist es wohl, das Einzige, was ich machen kann: Ihr zuhören, ihr glauben und versuchen, ihr das zu geben, was sie braucht. Fühlen muss ich es dafür nicht.

Reposted bymiriamino miriamino

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