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09:25

Netflix and Frustration

Von Valerie-Siba Rousparast

Wenn ich US-amerikanische TV-Serien anschaue, sind Begriffe wie non-binary und intersectional selbst in der Primetime ganz normal. Sie werden selbstverständlich benutzt und alle wissen, was gemeint ist. Wieso fällt es den Deutschen also so schwer, auch außerhalb akademischer Kontexte gendersensibel zu sprechen – selbst im „Bildungsfernsehen“?

Erst kürzlich war ich als Zuschauerin zu Gast bei einer Podiumsdiskussion. Es wurde über das deutsche Fernsehen diskutiert und schnell unangenehm. Rassismus? Wer daran denkt, sei ein Strolch. Andererseits, wo kämen wir denn hin, wenn die Frau mit Kopftuch nun nicht als Reinigungskraft, sondern als Anwältin besetzt würde? Das verwirre doch die Zuschauer*innen – das könne man nicht verantworten. Das war nicht die Meinung einer bescheuerten Einzelperson, sondern die Kernaussage eines ganzen Podiums. Diese Aussage spiegelt wider, was wir alle längst merken und weshalb wir auf digitale Formate umschalten: Das deutsche Fernsehen ist konservativ, diskriminierend und rassistisch. Das Wort „PoC“ kannten die Panel-Teilnehmer*innen nicht. Muss ich noch mehr sagen?

In unserer Kolumne Missyverse bloggt die Redaktion des Missy Magazines, immer im Wechsel. Ab sofort, jeden Freitag.

Ja, muss ich. Denn ich sehe nur Pseudogangster, Kommissare, Bürohengste und Ärzte auf dem Bildschirm. Ich kann mir nichts Langweiligeres vorstellen und schalte schneller ab, als du Fernsehen sagen kannst. Und das alles, während (Spoiler!) in der US-amerikanischen Primetime der queere Teenager Ian Gallagher in der Serie „Shameless“, die von einer weißen Familie in einem Vorort jenseits von Gesundheitsversorgung und Jobchancen handelt, die „Church of gay Jesus“ anführt. Wieso ist so eine Storyline in Deutschland undenkbar und wieso sind wir sprachlich in Deutschland gefühlte zwanzig Jahre hinterher?

Es fehlt sicher nicht an mutigen Drehbuchautor*innen. Es ist Zeit für ein Aufstehen aus dem durchgemotteten Chefsessel, rein in den Crashkurs zu gendersensibler Sprache. Dort könnte die deutsche Allgemeinheit sich damit befassen, dass Gender nicht binär sind, dass Kanakin nach wie vor nicht das Wort ist, mit dem ich angesprochen werden möchte, und, dass nicht alle Töchter muslimischer Väter Kopftücher tragen. Sie könnten lernen, dass es für diese Situationen eine Bezeichnung gibt, Mikroaggressionen. Und dass es besser ist, manchmal einfach ruhig zu sein, wenn einer*m die Worte fehlen.

Valerie-Siba Rousparast arbeitet seit Ende 2016 als Redakteurin bei Missy. Wenn sie nicht gerade im Internet ist, schreibt sie darüber, über Popkultur und soziale Beziehungen.

Ich suche also nach Alternativen und lande zuletzt bei „Nola, Darling“ (Netflix),  die sich mit Guerillakunst gegen sexualisierte Gewalt wehrt und empowernden Feminismus praktiziert, bei „Easy“ (Netflix) und bei „Smilf“ (Sky). Alle folgen einer ähnlichen Ästhetik: unaufgeräumte Wohnungen, verschlafene und unfrisierte Darsteller*innen und eine wackelige, aber teure Kameraführung. „Easy“ verstrickt diverse Erzählstränge verlorener Millennials, langweiliger, aber experimentierfreudiger hetero Pärchen und queerem Begehren gleichermaßen. Auch „Smilf“ ist ein kleiner feministischer Fernsehmeilenstein. Frankie Shaw hat die Serie über eine alleinerziehende Mutter aus prekären Verhältnissen nicht nur selbst geschrieben, sondern auch noch produziert und spielt selbst die Hauptrolle.

Und wieder frage ich mich, wieso gibt es Figuren wie sie nicht im deutschen Fernsehen? Wieso gibt es überhaupt kaum Protagonist*innen mit what they call „Migrationshintergrund“ zu sehen? Und wo sind bitte die Queers im deutschen TV? Wann fängt Deutschland endlich an, sich öffentlich im Fernsehen mit einer Sprache zu befassen, die Diskriminierung thematisiert? Ich finde, es ist höchste Zeit, mal ein wenig Staub von den veralteten Geräten zu wischen.

Solange Diversität im deutschen Sprachgebrauch also keine Realität abbildet, in der auch meine Freund*innen und ich auftauchen, muss ich weiter internationale Produktionen konsumieren oder mir meine eigene Entertainment-Welt im Internet suchen.

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl