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Sirka Elspaß: „Ich will weniger höflich sein“

Interview: Juli Zucker

Ob Gleichstellungsformate, Genderdiskussion oder Frauenquoten im deutschsprachigen Literaturbetrieb: Die Lyrikerin Sirka Elspaß wundert sich darüber, dass wir im Jahr 2017 immer noch über Gleichberechtigung diskutieren müssen. Als Autorin will sie sich deswegen deutlich im männerdominierten Literaturbetrieb positionieren.

Sirka Elspaß: „© Paula Freter

Schon Lyrik zu schreiben klingt widerspenstig, aber im Literaturbetrieb nicht höflich oder heterosexuell zu sein, gilt immer noch als bahnbrechend. Was steht noch auf deinen Fahnen?
Sirka Elspaß: Ich kokettiere mit der weißen, männlichen Warte des Betriebs, die viele Männer mit einer ganz anderen Selbstverständlichkeit einnehmen, als Frauen das tun. Unterschiede fangen meist beim Selbstbewusstsein im künstlerischen Schaffen an. Der Zweifel an der eigenen Arbeit erstreckt sich in den ganzen Prozess. Man sitzt zu Hause und  fragt sich: Ist das jetzt so richtig oder cool? Dann fällt es schwerer, mit dem eigenen Text rauszugehen. Diese Art von Zweifel sehe ich bei cis Männern seltener als bei Freund*innen, was an festgefahrenen gesellschaftlichen Strukturen liegt. Wenn man diese Schwierigkeit öffentlich anprangert, bekommt man die Kritik meistens als dreifachen Boomerang zurück. Und es ist ziemlich schwer, solche Sachen zu sagen, ohne sich angreifbar zu machen. Ich will tatsächlich weniger höflich sein. Damit sind nicht Basics gemeint, sondern vielmehr mir Raum zu nehmen, solange ich damit niemanden verletze – white male tears mal ausgenommen. Es gab eine Handvoll Personen in meinem Leben, die mich bestätigt haben, wenn wir über Homosexualität sprachen. „Du bist okay“, kann man zwar easy sagen, aber wenn das, was du bist, überhaupt nicht in gesellschaftlichen Strukturen vorkommt oder kommuniziert werden darf, wird es schon schwieriger. Mein Schreiben haben ziemlich viele Sachen beeinflusst: die Erfahrung, als Frau im Literaturbetrieb darum kämpfen zu müssen, überhaupt erst gesehen zu werden, oder meine Erkrankung an Magersucht in der Jugend, die mich seitdem mal mehr oder weniger begleitet, aber fast immer noch täglich eine Rolle spielt. Wenn dein Hirn 80 Prozent der Zeit versucht, dir weiszumachen, dass du eine Niete bist, musst du dem etwas entgegensetzen. Das wirkt sich auf den Text aus. Wertvoller literarischer Output ist nicht vom Grad der psychischen Gesundheit abhängig. Darum geht’s mir im Schreiben: Position zu beziehen.

Wann muss man als Autorin auf die Barrikaden gehen und wann reicht ein einfaches „Go Fuck Yourself“?
Mir passiert Sexismus im Literaturbetrieb, wenn Leute meine Gedichte „süß“ finden oder zuallererst meinen Busen wahrnehmen, wenn ich als Lyrikerin eine Bühne betrete. Es ärgert mich, wenn zu irgendeiner Preisverleihung zehn Männer eingeladen werden und, sagen wir, drei Frauen. Das wiederholt sich. Wenn im kleinen Kosmos des Literaturbetriebs Personen untergebuttert werden, will ich mich mit ihnen dafür einsetzen, dass sich was verändert. Man kann und sollte mit anderen Leuten wütend sein. Grundsätzlich bin ich mehr daran interessiert, Texte kennenzulernen, bei denen ich auch was für mich mitnehmen kann, was gesellschaftliche Relevanz hat und mehr als eine seichte, erfundene Story ist. Wenn aber in Textgesprächen mit anderen Autor*innen jemand sexistische Inhalte vorliest, ohne sie selbst reflektieren zu können oder wollen, ist die Frage auch, mit welcher Energie man diese Kämpfe austrägt. Ab und zu ist ein Schutzmechanismus notwendig, um sich zu entscheiden, wo man auf Grenzen stößt und in welchen Situationen es reicht, einfach ein „Go Fuck Yourself“ rauszukatapulieren, wenn man nur gegen Wände läuft.

Du sagst, dass du dir manchmal „the confidence of a bad male writer“ wünscht. Welche Arten von Männlichkeit im Literaturbetrieb kennst du?
Der Begriff der Männlichkeit ist im Literaturbetrieb erst mal negativ konnotiert, obwohl es auch coole Vertreter davon gibt: Personen, die ihre Privilegiertheit in einer männerdominierten Ära reflektieren. Mitdenken muss man, dass Texte von weißen cis Männern überrepräsentiert sind. Das fängt bei wissenschaftlichen Texten an, geht über fiktionale Texte, die werden gelesen und darüber wird geschrieben und so weiter. Wenn diese Texte schlecht sind, kommt mir das manchmal wie ein blöder Joke vor. Ich komme in die Bredouille zu sagen: Von der Selbstverständlichkeit, als Typ einen beschissenen Text rauszuhauen, würde ich mir gerne mal ne Scheibe abschneiden. Klar liegt das an festgefahrenen gesellschaftlichen Strukturen, die manche nicht reflektieren müssen, weil sie anders geprägt wurden. Aber es ist nicht so schwierig, sich selber um ein bisschen Diversität zu kümmern, wenn man das eigene Bücherregal checkt und feststellt: Wow, bei mir sind männliche Autoren überrepräsentiert und ich hab Lust, mehr Perspektiven auf die Welt zu lesen. Eine Forderung, die ich an Männlichkeit im Literaturbetrieb stelle, ist schlicht und einfach: Check dein Privileg, sieh ein, dass es nicht immer nur um dich geht und dass du manchmal zur Diskussion oder Thematik einfach nichts beitragen kannst, und sei froh, wenn du was lernen kannst, ohne dich in den Mittelpunkt zu stellen.

Welche Kritik stellst du als Autorin an dich selbst?
Als weiße, schlanke cis Frau bekomme ich mehr Platz als andere eingeräumt, über Themen zu schreiben, von denen ich vielleicht gar nicht so sehr betroffen bin. Wenn Literatur zu sehr von eigenen Erfahrungen abrückt, wirkt sie auf mich oft unglaubwürdig. Eine wahrhaftige Stimme kann ich nur für meine Themen sein. Das zu lernen, ist erst mal ein Prozess und man muss sich fragen: Wo nehme ich einen Raum ein, der mir vielleicht gar nicht so zusteht, und wo war mein Verhalten einfach nicht so super anderen gegenüber? Sich Fehler einzugestehen ist wichtig, weil man es immer besser machen kann. Manchmal bedeutet es einfach, die Schnauze zu halten und zu kapieren, dass der Moment gekommen ist, in dem ich besser jemand anderen sprechen oder schreiben lasse. Als Autorin muss man auf literarischer Ebene fremde und eigene Texte immer wieder dahingehend untersuchen – und einen Umgang damit finden.

Das Literaturfestival Prosanova läuft noch bis zum 12.06.2017 in Hildesheim. Mit dabei sind u. a. Anke Stelling, Bettina Wilpert, Birgit Birnbacher, Fatma Aydemir, Lann Hornscheidt, Margarete Stokowski, Mithu M. Sanyal und Olivia Wenzel.

Beim Literaturfestival PROSANOVA, das gerade stattfindet, zeigst du eine Rauminstallation. Das Festival hat hauptsächlich Künstler*innen eingeladen, die sonst nicht so oft gesehen werden, und will laut Aussage der Organisator*innen der Altbackenheit des Betriebs den „feministischen Mittelfinger“ zeigen. Ist das vor allem ein Zeigefinger?
Wenn man Leute auf ihre Privilegien hinweist, fühlen sie sich oft auf den Schlips getreten. Das Festival schafft aber einen Raum für Frauen, People Of Color und nicht-binäre Personen, der sonst im Betrieb nicht vorhanden ist. Und darum geht’s: über Themen sprechen zu können, ohne die Quotenfrau dabei haben zu müssen. Klar kann man den Vorwurf machen, dass man damit Leute ausstellt oder andere exkludiert, aber ich unterstelle den Organisator*innen, dass sie sich den nahezu perfekten Literaturbetrieb selber machen und sich fragen, wen sie fördern wollen und können. Damit diverse Zugänge endlich zu Selbstverständlichkeiten werden.

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Schweinderl