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14:07

Im Bootcamp der Selbstzerlegung

Von Carolin Wiedemann

Maja musste gehen, obwohl sie laut Juror Thomas Hayo die stärkste Sozialkompetenz hatte. Obwohl sie edgy und modern war, wie die Chefin der „Cosmopolitan“ fand. Und so dünn wie keine andere. Aber in der mittlerweile 12. Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ ging es weniger ums Dünnsein und die Disziplinierung der Körper und um Sozialkompetenz sowieso nicht; dieses Mal war die Sendung mehr als je zuvor Psychoshow, Bootcamp der permanenten emotionalen Selbstzerlegung, und der Zugriff auf die Kandidat*innen invasiver denn je: Welche junge Frau konnte angetrieben von Heidi Klum und ihren beiden Lakaien, Thomas Hayo und Michael Michalsky, die eigenen Grenzen noch weiter überschreiten, ohne dabei die Fassung zu verlieren?

©Flickr/Julius Seelbach/CC BY 2.0

Maja konnte es, ihr kamen auf Knopfdruck die Tränen, nachdem eine angebliche Emo-Expertin mit den Kandidatinnen übte, das Schlimmste, was sie je erlebt hatten, wieder abzurufen, um danach vor der Kamera möglichst authentisch weinen zu können.

Bei zwei der Kandidat*innen klappte das Shooting nicht so, wie die „Jury“ sich das vorgestellt hatte: Serlina, die noch einmal den Tod ihres Vaters durchleben sollte, sah auf den Fotos leider nicht mehr „hübsch“ aus. Klum klickte von einem schmerzverzerrten Gesicht zum nächsten, und sagte zu ihr: „Siehst du, kein einziges Schönes dabei.“ Bei Carina flossen vor dem Fotografen keine Tränen. Obwohl sie doch auch schon Schlimmes erlebt hatte, wie Heidi Klum verwundert bis empört sagte – schließlich war Carinas langjähriger Partner gestorben.

Zu jeder neuen Staffel versammeln sich jeden Donnerstagabend über 2 Millionen Zuschauer*innen vor dem Fernseher. Vor allem Mädchen, deren sehnlichster Wunsch es ist, sich dort auch zu bewerben. Und genügend Menschen, die der Show mit großer Ambivalenz begegnen, die den Lookism und Sexismus der Show und der Branche, um die es in dieser Sendung natürlich geht, kritisieren und doch nicht nur zynisch distanziert vor dem Fernseher sitzen, sondern mit den Kandidatinnen mitfiebern, sich berühren lassen.

Denn jedes Mal kommen neue Elemente hinzu, die „GNTM“ irgendwie progressiv wirken lassen: In dieser Staffel nahmen zwei trans Frauen als Kandidat*innen teil, von denen eine, Giuliana, es auch weit schaffte und scheinbar für das Finale eingeplant war. Zumindest hatte Michalsky sich das versprochen. Er hatte das Team „Diversity“ zusammengestellt: Neben den zwei trans Frauen waren eine „Asiatin“ und eine „Schwarze“ (wie es immer wieder hieß) dabei  – und auch Kandidat*innen, die nicht ganz dünn oder durchtrainiert aussahen. Toll, dachte man kurz. Toll, dass sich manche jungen Mädchen vor dem Fernseher jetzt repräsentiert fühlen! „Diversity“  ist ein super Verkaufsargument und die Branche integriert immer noch mehr vormals marginalisierte Gruppen in die Maschinerie der Zurichtung.

Hauptsache man arbeitet an seiner Personality, denn die bringt die Einschaltquote, und man bekommt Jobs, denn die bringen dem Klum-Unternehmen Geld. Personality heißt bei „GNTM“ die Eigenschaft, sich nicht nur äußerlich zu optimieren, sondern auch an seinen Gefühlsäußerungen so zu arbeiten, dass sie am besten ausbeutbar sind. Sich trimmen, von außen und innen.

Das Bemühen darum, sich noch weiter drangsalieren zu lassen, wurde dieses Mal besonders ausgestellt – immer mit dem Fazit: Wer sich selbst überwindet und die anderen aussticht, schafft es. Denn es kann zwar nur eine Germany’s Next Topmodel werden, aber Heidi Klum findet, alle haben die gleichen Chancen. Wer dann beim Unterwassershooting eine Panikattacke bekommt, steht sich eben selbst im Weg. Wie Céline, die im Wasser keine Kontaktlinsen tragen konnte, ohne diese aber fast nichts sah. Sie ruderte im Pool verzweifelt mit den Armen und schluchzte am Beckenrand.

Und ich saß davor und schämte mich, dass ich weinte, weil Céline weinte. Ich schämte mich, weil die Sendung es wieder schaffte, dass ich mit den Kandidatinnen mit eifere und mit ihnen leide. Und weil ich doch außerdem wusste, dass Céline es sich freiwillig ausgesucht hat mitzumachen. Aber was heißt denn freiwillig? Erst recht, wenn knapp 40 Prozent der Zuschauer*innen zwischen drei und 13 Jahre alt sind?

Und heute Abend wird Céline weiter kämpfen, denn sie ist doch noch untergetaucht beim Shooting, sie hat, wie Heidi Klum sagt: die Zähne zusammengebissen. Und auch Serlina, deren Emo-Fotos laut Heidi Klum nicht schön waren, begann nach dem Shooting, gleich daran zu arbeiten, auch beim Weinen „hübsch“ auszusehen.

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Schweinderl