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June 20 2018

11:04

Lucrecia Dalt: Haut und Heliopause

Von Liz Weidinger

Bevor Lucrecia Dalt in Berlin vielschichtige Kunst produzierte, arbeitete sie als Ingenieurin der Geotechnik in Kolumbien. Ihre Faszination für Gesteinsschichten und Erdgeschichte nutzt sie inzwischen als kraftvolle Metaphern, um über die Grenzen des Menschlichen nachzudenken.

© Regina de Miguel

Der Titel ihres Album „Anticlines“ ist der geologische Name für eine besondere Art von Bodenfalte, bei der die älteste und tiefste Gesteinsschicht in der Mitte der Bodenwölbung liegt und so manchmal nach oben dringt und sichtbar wird. Dalt sagt dazu in der Mai-Ausgabe des Magazins „Wire“: „Ich habe gelesen, dass Bewusstsein durch mehrfaches Falten entsteht, bis das Innere zum Äußeren wird. Das bringt für mich diese zwei Themen zusammen.“

So heterogen und assoziationsfreudig wie die Gedanken zum Titel ist auch der Rest ihres sechsten Albums. Dalt macht nicht nur Musik, sondern führt die Soundexperimente in Theorie, Lyrik, Artwork und Live-Performance fort. Die neuen Tracks komponierte sie mit einem virtuell-analogen Synthesizer, für den sie viele neue Patches programmierte, mit Effektpedalen und ihrer Stimme. Auf etwa der Hälfte der Tracks spricht sie konzentriert und bestimmt z. B. über Haut, sich auflösende Grenzen oder die Heliopause, während es im Hintergrund aufgeregt piepst, unheimlich flirrt oder verschwörerisch brodelt. Dalts Begeisterung für Gedanken und Gehirne führt dazu, dass das Video zur ersten Single „Tar“ zu einer Internetart-Interpretation von Tropfsteinen wird.

Lucrecia Dalt „Anticlines“
(RVNG Intl./Cargo)

Das Mitlesen der Lyrics ist im beiliegenden Booklet möglich, dessen Texte in Zusammenarbeit mit dem australischen Künstler Henry Andersen entstanden sind. Die Fotos stammen von der spanischen Künstlerin Regina de Miguel, mit der Dalt schon häufiger an der Schnittstelle von Natur, Wissenschaft und Technik gearbeitet hat. Das kann auch witzig und romantisch sein: etwa wenn sie in „Edge“ zum Monster einer kolumbianischen Legende wird, das menschliche Körper aussaugt und anschließend als riesige Luftballons in den Himmel steigen lässt – um sich so vorzustellen, wie es ist, mit einer anderen Person zu verschmelzen.

June 19 2018

10:41

Die Reste aus der Kaffeekanne

Von Leyla Yenirce Meine Mutter erzählte mir mal von einer Erfahrung, die sie bei der Arbeit machte. Wer meine Texte verfolgt, weiß, dass ich viel schreibe über ihr Dasein als Putzfrau und das Leben einer kurdischen Frau in einer weißen Mehrheitsgesellschaft. Eine Zeit lang hat sie sich neben ihrem festen Job als Reinigungskraft in einem Unternehmen auch privat um den Haushalt einer weißen Familie gekümmert. Es handelte sich lediglich um zwei Stunden an zwei Tagen die Woche und es gab ein paar Groschen auf die Hand. Für meine Mutter ein kleiner Obolus zusätzlich zum Mindestlohn, den sie verdient. Jedenfalls erzählte sie mir von dem lauen Kaffee, den die Dame ihr servierte, für die sie putzte. Sie machte sich morgens zum Frühstück eine Kanne Kaffe fertig, die sie dann im Laufe des Vormittags trank. Die Reste aus der Kanne stellte sie dann ihrer Putzfrau hin. Ist der kalte Kaffee doch nur als liebevolle Geste gemeint? Wohl kaum. © Tine Fetz Ich erinnere mich an den Ton, in dem sie mir dies erzählte. Meine Mutter klang wütend, aber vor allem gekränkt. Sie fand es entwürdigend, so wenig Wertschätzung zu erhalten. Sie wollte lieber keinen Kaffe angeboten bekommen als die Reste aus der Kanne, nach denen sie nie gefragt hatte. „Ich habe den Kaffe nur einmal probiert, weil ich mich über die Geste gefreut hatte. Als ich wusste, dass es der kalte Rest vom Frühstück war, habe ich ihn nie wieder angerührt“, erzählte sie mir enttäuscht.  Wahrscheinlich hat sich die Arbeitgeberin auch noch gut dabei gefühlt. Immerhin bekommt die Putze ja einen Kaffee, wenn dieser lau ist und schon scheiße schmeckt ist, es auch egal, weil sie wahrscheinlich eh einen so geringen Anspruch besitzt, dass für sie auch lauer Kaffee wie ein Geschenk vom Himmel ist. Die Dame war immer nett zu ihr, aber das Gefühl, das sie meiner Mutter mit ihren subtilen Handlungsweisen gab, hinterließ seine Spuren und sie entschied bald, dass es die 30 Euro für zwei Stunden nicht wert waren. Die Erinnerung aber blieb und ich hörte meine Mutter noch oft vom lauwarmen Kaffee in der Gegenwart ihrer Freundinnen sprechen und spürte immer wieder, wie sie ihre Wut am liebsten in die Welt rausgesprochen hätte, aber sie hat die Mittel dazu nicht. Ich habe sie aber, deswegen schreibe ich darüber. Es lässt mich an einen Spruch denken, den ich auf diversen Memes und T-Shirts immer wieder lese: „The Future is Female“. No, it is not. Die Zukunft ist nicht weiblich, die Zukunft ist intersektional. Ich sehe die Frau, die meiner Mutter die Reste aus der Kanne anbietet, nicht an ihrer Seite kämpfen. Sie mögen zwar beide mit den strukturellen Diskriminierungen eines patriarchalen Systems zu schaffen haben, aber so lange der Kaffee aus der Kanne nicht heiß ist, sehe ich sie nicht nebeneinander stehen, sondern meine Mutter nur unter ihr. Und da unten steht sie mit vielen anderen Frauen, denen kalter Kaffee nicht schmeckt. Diese Frauen, mit denen sie sich den Platz teilt, sind aber nicht alle of Color, sondern jene Frauen, die ähnliche Erfahrungen machen und auch jene, die sich mit ihr solidarisieren und es nicht übers Herz bringen, einem anderen Menschen kalten Kaffee zu servieren, unabhängig davon, wie viel sie verdienen oder welche Hautfarbe sie besitzen.  Eine Person kann intersektional ganz oben auf der Überlebensskala stehen: körperlich unversehrt, weiß, wohlhabend, hetero, aber sie kann trotzdem frischen Kaffee kochen. Dafür braucht man auch keinen Talk über Klassismus, Rassismus oder Sexismus. Es reicht ein wenig Empathie, Höflichkeit und Respekt. Aber diese Dinge scheinen am Ende doch oft an den ganzen -ismen zu hängen und leider auch an ihnen zu scheitern. Mit diesen Zeilen verabschiede ich mich von meiner Kolumne und allen Leser*innen und bedanke mich für das produktive, positive und kritische Feedback. Ihr werdet weiter von mir hören, aber ich begebe mich erst mal in neue künstlerische Ausdrucksformen. Die Tastatur lege ich selbstverständlich nicht aus der Hand, dafür passiert ja immer noch genügend Bullshit, über den es zu schreiben gilt. So wie z. B. neulich, als ich bei einem Konzert war und ein Typ auf der Bühne eine Bierflasche vor seinen Schwanz hielt und damit ins Publikum spritzte, um die übermäßige Ejakulationsfähigkeit seines Glieds unter Beweis zu stellen. Im Anschluss des Konzerts tanzte er dann ziemlich unbeholfen um mich herum und versuchte offensichtlich, einen Flirt anzufangen, zu dem er sich nicht überwinden konnte, und starrte mich stattdessen einfach penetrant an. Das Bild, das bleibt, ist aber nicht das des schüchternen Möchtegern-Rappers, der nicht die Eier in der Hose hat, jemanden anzusprechen, sondern die vielen Videos, die im Netz kursieren und auf denen er machomäßig seine Männlichkeit demonstriert und dafür tosenden Applaus kassiert. The struggle continues.  Love an alle Femmes, Queers und Allies da draußen,  Leyla

June 18 2018

09:51

Soulfood: Pickles machen Courtney Barnett happy

Protokoll: Verena Reygers

Ich bin definitiv der salzige Typ. Was ganz lustig ist, weil ich für dieses Bild mit einem Pfannkuchenberg posiere. Das Foto zeigt mich in einem Laden in Los Angeles, der berühmt ist für seine Pancakes. Kaum betraten wir das erste Mal das Lokal, hatten wir schon die Pickles als Appetizer vor uns stehen. Über die würde ich mich jederzeit sofort wieder hermachen. Deshalb liebe ich auch japanisches Essen, nicht nur Sushi. Ich genieße es, mit meinen Freund*innen an diesen großen Platten zu sitzen, die sich drehen lassen. Dann kann man sich an allem Möglichen bedienen – Suppen, Salate oder eben Pickles. Ich mag nicht nur die Speisen, sondern vor allem die Art des gemeinsamen Essens. Futterneid gibt es zum Glück nicht – es ist immer genügend für alle da und wahrscheinlich sind wir auch alle zu höflich, um gierig zu sein.

© Pooneh Ghana

Ich selbst koche nicht wirklich gut, das übernimmt eher meine Partnerin Jen Cloher. Sie kocht tolle vegetarische oder vegane Gerichte mit Gemüse, Reis und Tofu oder auch sehr leckere Suppen. Es gibt auch wahnsinnig tolle Sachen, die sie mit Bohnen kocht. Wir sind Pescetarierinnen, das heißt, wir essen kein Fleisch, aber ab und zu Fisch. Das hilft oft auf Reisen. Obwohl ich, trotz meiner Vorliebe für japanisches Essen, damit schon Probleme in Japan hatte. Als ich zuletzt in Tokio war, wollte ich in einem Teil der Stadt eine Ramensuppe essen – es gab aber nur Suppen mit Fleischgeschmack und keine vegetarische oder fischige Alternative. Das war ein bisschen anstrengend.

Sonst bin ich ziemlich entspannt, etwas zu probieren, das ich nicht kenne oder das ungewöhnlich aussieht. Habe ich alles schon gemacht. Klar, es ist manchmal befremdlich, aber auch schön, etwas Neues zu probieren. Und es einfach auszuspucken, wenn es mir nicht schmeckt, dafür wäre ich auch zu höflich.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

June 15 2018

13:39

Wir Knoblauchfresser

Von Vina Yun

Kimchi, Bibimbap & Co.: In den letzten Jahren ist in den westlichen Metropolen ein regelrechter Hype um die koreanische Küche entstanden. Wer könnte auch Kimchi, diesem knackigen Salat aus fermentiertem, mit Chili und anderen Gewürzen eingelegtem Chinakohl, einer süchtig machenden Kombination aus scharf, süß, salzig und sauer, widerstehen? Oder Doenjang Jiigae, einem Eintopf auf Basis einer dicken, fermentierten Sojabohnenpaste, die unter anderem mit Dashima (getrocknetem Seetang) und Myeolchi (getrockneten Sardellen) gewürzt wird, ebenfalls ein Klassiker der koreanischen Cuisine – und ein garantierter Seelenwärmer.

© Missy Magazine/Eva Feuchter

Als ich in den 1970er- und 1980er-Jahren in Österreich aufwuchs, gab man sich davon alles andere als begeistert. Damals war „exotisches“ Essen weder Teil eines schicken Lifestyle, noch galt es als gesund. Ganz im Gegenteil: Etwas, das so seltsam aussah und noch merkwürdiger roch, war ebenso minderwertig wie verdächtig. Mit Stäbchen zu essen stellte ohnedies ein Kuriosum dar: Ob wir denn überhaupt wüssten, wie man mit Messer und Gabel – den Wahrzeichen europäischer „Zivilisiertheit“ und bürgerlichen Klassenbewusstseins – isst?

Auch der Umstand, dass in Asien viele Speisen von gemeinsamen Tellern gegessen werden, erschien suspekt – war das nicht total unhygienisch? Einmal saß ich am Mittagstisch einer Schulfreundin, vor mir stand eine große Schüssel mit Salat. Toll, dachte ich, genug da für alle, und langte beherzt zu. Den peinlich berührten Blick der Familie der Freundin werde ich nie vergessen: Dieses Mädchen hatte offensichtlich keinerlei Manieren. Erst nachdem jede*r ein Portiönchen Grünzeug aus besagter Schüssel auf den eigenen Teller gehievt hatte, durfte die Beilage genossen werden. Ich genierte mich.

Im Rückblick mag die Panik weißer Österreicher*innen vor aromatisch und kreativ gewürzten Speisen und unbekannten Zutaten lächerlich und provinziell erscheinen. Doch für Kinder aus migrantischen Familien, wie ich es war, stellte das Essen, das wir von zu Hause kannten und liebten, eine Quelle der Scham dar. Was unsere Eltern und uns zu „Ausländern“ machte, war vor allem unser angeblicher Gestank. Ich erinnere mich noch gut an die Angst, selbst aufzufliegen, wenn meine türkischen Mitschüler*innen als „Knoblauchfresser“ beschimpft wurden. Knoblauch essen und Primitivsein waren praktisch synonym.

Unter keinen Umständen hätte ich es gewagt, den Schulfreundinnen, die ich zu mir nach Hause einlud, koreanische Gerichte vorzusetzen – dies wäre einem Anschlag auf deren Leib und Leben gleichgekommen. Stattdessen gab es den Fertigmix „Pasta asciutta“ aus dem Päckchen und Rote-Beete-Salat aus dem Glas (viel gesünder!). Und ich ließ mir nichts anmerken, wenn ich am Mittagstisch meiner österreichischen Freundinnen den süßen Reisauflauf hinunterwürgte, der mir wohlwollend präsentiert wurde. Niemals hätten sie verstanden, wie viel Geborgenheit und Zugehörigkeit, Erinnerung und Stärkung uns das fremde, stinkige Essen gab, das sie die längste Zeit so sehr verachteten.

10:27

Konflikt als Kulturgut

Foto: Dr. Antke Engel fotografiert von Tali Tiller

 

Wie gehen wir mit konfliktträchtigen Unterschieden und Machtverhältnissen um, ohne dass fliegende Teller Zerstörung anrichten? Antke Engel ist Leiterin des Berliner Instituts für Queer Theory und maßgeblich an der Planung und Durchführung des Projekts „Caring for Conflict“ und des Klirrr Festival – Queere Konfliktkulturen beteiligt. Engel erzählt im Interview, was es damit auf sich hat.

Von Sabine Rohlf

Was ist „Caring for Conflict“ und wer macht mit?
Ausgegangen ist das Ganze vom Institut für Queer Theory und dem Kunstraum District. Wir wollten etwas gemeinsam machen, was Kunst und theoretische Reflektion zusammenzubringt, und zwar in Bezug auf die Frage: wie eigentlich umgehen mit gesellschaftlicher Heterogenität.

Aber ihr macht das nicht allein, oder?
„Caring for Conflict“ ist ein Projekt mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wir hatten die Intuition, dass Kinder und Jugendliche mit einem hohen Maß an Konfliktfähigkeit oder Konfliktwissen ausgestattet sind – weil sie in ihren Schul- und Sozialkontexten mit vielfältigen Perspektiven konfrontiert sind.

Und wie sieht das konkret aus?
Es gibt Angebote, die von unserer Seite, das heißt, von Künstler*innen oder Sozialpädagog*innen organisiert werden (oft in Kooperation) und die dann in den Jugendeinrichtungen oder Schulen in die Praxis umgesetzt werden. Die, die in den Projekten arbeiten, und die Jugendlichen, die sie als ihren Ort begreifen, gestalten dies gemeinsam. Das läuft seit einem Jahr und wird ein weiteres Jahr mit ähnlichen Projekten weitergehen.

Was lässt sich aus eurer bisherigen Projektarbeit lernen?
Wir haben jetzt nicht das praktische Werkzeugpaket oder Kuchenrezept, mit dem sich Konflikte lösen lassen. Aber das ist auch nicht der Anspruch, dazu gibt es Mediation und Konfliktpädagogik und Regalmeter an Material und sehr sinnvolle Workshops. An all das knüpfen wir an, interessieren uns aber dafür, was aus queerfeministischer Perspektive zusätzlich einzubringen ist. Wichtig ist z. B., dass wir Konflikte als produktiv ansehen, dass es nicht darum geht, sie zu überwinden und einen konfliktfreien Zustand zu erreichen. Vielmehr möchten wir Formen des Umgangs mit ihnen entwickeln, die (strukturelle) Gewalt abbauen. Üblicherweise werden Konflikte entweder unter den Teppich gekehrt oder mit Polemik (Diffamierung, Hate Spech) und Gewalt beantwortet. Doch Konflikte können den kritischen Umgang mit Machtverhältnissen eröffnen.

Deswegen das „Caring“? Sollten wir deshalb Konflikte umsorgen?
Die feministische Care- oder Sorgepraxis weiß, dass wir alle aufeinander angewiesen sind, dass autonome Individuen eine Illusion sind. Es geht darum, miteinander Sorgeverhältnisse zu schaffen, die aufmerksam damit umgehen, dass Asymmetrien, Ungleichgewichte bestehen. Gleichzeitig geht Care immer mit Erschöpfung einher. Welche Kontexte braucht es, um das kollektiv abzufedern?

Queerfeministische Kontexte?
Klar! (lacht) Aber queere Sozialität stößt auch an Grenzen, weil wir damit konfrontiert sind, dass Rassismus, dass unterschiedliche Klassenherkünfte, dass unterschiedliche körperliche und sprachliche Befähigungen immer Hierarchien in unsere Beziehungen hereintragen. Aus queerer Perspektive versuchen wir mitzudenken, dass Beziehungen, Begehren, der Wunsch nach Kontakt in Konflikten eine große Rolle spielen. Der Wunsch nach Kontakt stolpert über den Wunsch nach Selbstbehauptung und umgekehrt. Während Selbstbehauptung und Bindung oft arbeitsteilig verantwortet werden, zeichnet sich queeres Begehren dadurch aus, dass diese Spannung ausgehalten und immer neu ausgehandelt wird.

Was erwartet uns beim Festival?
Viel mehr als ich hier aufzählen kann! Es gibt eine Ausstellung mit Arbeiten der Projektgruppen und Gäste, es gibt Performances, eine Comic Live Show und einen VIDEO CHANNEL mit Filmen aus unterschiedlichen Perspektiven, z. B. den einer geflüchteten Iranerin, die sich queer identifiziert, oder von einer Künstlerin, die sich mit den feministischen Bewegungen in Kurdistan befasst. Aicha Diallo moderiert eine Diskussionsrunde zum Thema „Wem gehört die Stadt“. Sie hat ein halbes Jahr in einer Schule dazu gearbeitet und greift mit den Schüler*innen den Streit darüber auf, wie und von wem öffentlicher Raum genutzt werden kann, welche Lebensweise bevorzugt, welche an den Stadtrand gedrängt werden.

Gibt es etwas, dass dich in einem Jahr „Caring for Conflict“ besonders beschäftigt oder überrascht hat?
Ja. Wir sind damit konfrontiert worden, dass Menschen mit unterschiedlichen Befähigungen in den queerfeministischen Szenen auch nicht mehr Teilhabemöglichkeiten haben als generell im pseudotoleranten Berlin. Um zumindest einige Möglichkeiten für den Austausch zu eröffnen, ist das Festival rollstuhlzugänglich und bieten wir für fast alle Veranstaltungen eine Übersetzung zwischen deutsch und deutscher Gebärdensprache an. Eine Gruppe Jugendlicher ist mit einem Video zu Tauber Kultur in der Ausstellung vertreten.

June 14 2018

11:40

Digitaler Nachlass

Von Birgit Aurelia Janetzky

Jedes Jahr sterben Millionen von Facebook-Nutzer*innen. Doch auf ihrem Account und auch überall sonst im Internet bleibt alles, wie es war. Die wenigsten machen sich Gedanken darüber, was nach ihrem Tod mit den Bildern auf Instagram geschieht. Bei WhatsApp verstummt die Person und nur nahe Angehörige und Freund*innen wissen überhaupt, dass sie gestorben ist.

Obwohl fast jede*r achte Internetnutzer*in es wichtig findet, schon zu Lebzeiten für ihre*seine Angehörigen Hinweise auf ihre*seine Accounts und die Zugangsdaten zu hinterlassen, hat das bisher nicht einmal jede*r Zehnte getan. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie des Digitalverbands BITKOM.

Die wenigsten jungen Menschen denken daran, was mit ihren vielen Selfies, Kommentaren und Kontakten geschieht, falls sie sterben sollten. Das kommt zwar statistisch nicht so häufig vor – nicht einmal zwei Prozent der Verstorbenen sind in Deutschland unter vierzig Jahre alt. Aber wenn es passiert, ist die Trauer groß und der digitale Nachlass stellt eine riesige Hürde für die Angehörigen dar.

©Collage Missy – Dimitri Tyan/Roman Kraft

Gibt es kein Testament mit anderweitigen Regelungen, werden die Erb*innen Eigentümer aller Gegenstände des Verstorbenen, also auch des Computers, Smartphones und sämtlicher Speichermedien. Sie dürfen dort nun uneingeschränkt lesen. Und oft müssen sie das auch, denn sie sind u. a. dafür zuständig, dass die letzte Bestellung storniert oder bezahlt wird. Deshalb sollte der Zugang zum Rechner einer Vertrauensperson bekannt sein. Wer nicht möchte, dass die Hinterbliebenen nach dem Tod Einblick in alles erhalten, kann bestimmte Inhalte in einen passwortgeschützten Tresor legen oder eine*n Nachlassverwalter*in damit beauftragen, entsprechende Dateien oder ganze Datenträger vernichten zu lassen.

E-Mail-Accounts und Profile in sozialen Netzwerken sollten nach dem Tod nicht einfach weiterlaufen. Es irritiert schon sehr, wenn man aufgefordert wird, einer verstorbenen Freundin zum Geburtstag zu gratulieren. Bei Facebook gibt es zwischen Nichtstun und Profil löschen noch ein Mittelding: den Gedenkzustand. Der wird über ein Meldeformular und einen Nachweis des Todes beantragt. Wie bei den Google-Diensten gibt es inzwischen auch eine Funktion, mit der man eine*n Nachlassverwalter*in einsetzen kann, die*der im Todesfall Zugriff auf das Profil, aber nicht auf den Chat bekommt.

In den meisten Fällen brauchen Angehörige eine Sterbeurkunde, manchmal sogar einen Erbschein, um über digitale Accounts verfügen zu können. Das kann umgangen werden, wenn die Zugangs­daten vorsorglich hinterlegt sind.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/18.

June 13 2018

11:35

Der Fall Kristina Hänel

Von Tasnim Rödder

Es ist der 24. November 2017, als das Haarsträubende passiert: Das Amtsgericht Gießen verurteilt die Allgemeinmedizinerin Kristina Hänel wegen „Werbung für Schwangerschaftsabbrüche“ zu einer vierstelligen Geldstrafe. Der Grund: Auf der Homepage ihrer Praxisgemeinschaft gab die Ärztin an, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen, und bot darüber hinaus Informationen über Methoden und Risiken des Eingriffs zum Herunterladen an. Das reichte, um eine Geldstrafe von 6000 Euro zu verhängen.

Knapp drei Wochen später sitzt Kristina Hänel in einem kleinen Raum im Presse- und Informationsamt in Berlin-Mitte. Neben ihr stehen Kersten Artus, Vorstandsvorsitzende von pro familia, und Stefan Nachtwey, Geschäftsführer des Familienplanungszentrums Balance in Berlin, Rede und Antwort. Der Raum ist bis auf den letzten Zentimeter gefüllt: Journalist*innen drängen sich aneinander, um zu hören, was die verurteilte Ärztin zu sagen hat. Kurz zuvor übergab sie mit einigen Unterstützer*innen die Petition „Informationsrecht für Frauen zum Schwangerschaftsabbruch“ an den Bundestag. 155.892 Menschen unterschrieben Hänels Aufruf auf der Petitionsplattform „change.org“.

Seit dem legendären Memminger Urteil von 1989 gegen den Frauenarzt Horst Theissen hat wohl kein Ereignis zum Thema Schwangerschaftsabbruch so viele Menschen mobilisiert wie der Fall Hänel. Damals wurden Hunderte Frauen gegen ihren Willen zu Aussagen gezwungen und ihr Gynäkologe Horst Theissen wurde wegen illegaler Abtreibung zunächst zu Gefängnis und Berufsverbot, später zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. „Ich werde

weiter für das Informationsrecht der Frauen kämpfen“, versichert die Gießener Ärztin. Sie habe sich nichts zuschulden kommen lassen. Die 61-Jährige mit roten Locken und Brille spricht langsam, wägt jeden Satz ab. Sie ist sich ihrer Lage bewusst.

©Paula Bulling

Hänel verstieß mit den Informationen auf der Webseite gegen den Paragrafen 219a des Strafgesetzbuchs, nach dem sich jemand strafbar macht, wenn sie*er „öffentlich seines Vermögensvorteils wegen oder in grob anstößiger Weise eigene oder fremde Dienste zur Vornahme oder Förderung eines Schwangerschaftsabbruchs anbietet, ankündigt, anpreist oder Erklärungen solchen Inhalts bekannt gibt“. In welcher Form die Information als „grob anstößig“ und als Angebot, Ankündigung oder Anpreisung gi…

June 12 2018

11:17

Jeder Tag ist Hurentag

Von Christian Schmacht

Am Samstag, dem zweiten Juni, haben wir den internationalen Hurentag gefeiert. An diesem Tag besetzten im Jahr 1975 über hundert Sexarbeiter*innen die Kirche Saint-Nizier im französischen Lyon. Damit protestierten sie gegen Polizeirepression und für bessere Arbeitsbedingungen. Den Begriff „Sexarbeiter*in“ schuf übrigens drei Jahre später Carol Leigh, eine US-amerikanische Hure, die als Aktivistin, Dichterin und Autorin unter dem Namen Scarlot Harlot für unsere Rechte kämpft. Dieses Jahr feierten Berliner Sexarbeiter*innen bei einer Soliparty, die für die Kampagne „Sexarbeit ist Arbeit. Respekt!“ Geld einbringen sollte. Einige verkauften sexuelle und erotische Dienstleistungen an das Partypublikum, der Erlös wurde an die Kampagne gespendet. Es ist ein mutiger, radikaler Schritt, die Arbeit auch mal vor den Augen der eigenen Freund*innen und Unterstützer*innen durchzuführen – denn für viele sind die Details unseres Broterwerbs unbewusst mit Scham und Ekel verbunden und Sexarbeit soll am besten außer Sichtweite und hinter verschlossenen Türen stattfinden. Ich bin stolz, dass sich einige von uns getraut haben, mit ihren Körpern die Sexarbeit ein Stück mehr zu normalisieren!

© Tine Fetz

Ebenfalls am zweiten Juni veranstalteten Aktivist*innen in Stockholm die jährliche anarchistische Buchmesse. Ursprünglich war ein Workshop geplant, in dem die Sozialanthropologin Niina Vuolajärvi mit Mitgliedern des schwedischen Sexarbeiter*innenkollektivs Fuckförbundet über Sicherheit, Rechte und die Situation der Prostitution in Schweden sprechen sollte. In Schweden herrscht das sogenannte „Schwedische“ oder „Nordische Modell“, das mit der Freierkriminalisierung die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen abschaffen will. Anders als in Deutschland, wo Sexarbeit von der Öffentlichkeit durchaus vielseitig diskutiert wird, ist die schwedische öffentliche Meinung, vor allem die linke und feministische, radikal gegen Sexarbeit. So gilt Fuckförbundet als Lobbygruppe für Freier und Zuhälter und die darin organisierten Sexarbeiter*innen werden beschimpft, verhöhnt und zum Schweigen gebracht. Schwedische Feminist*innen kritisierten die Buchmesse, dass der Workshop zu einseitig besetzt sei und die Perspektive von Personen fehle, die Erfahrungen in der Sexarbeit gesammelt hatten, aber für ihre Kriminalisierung sind. Zeitgleich mit den Verhandlungen zwischen Fuckfödbundet, Buchmesse und den Sexarbeitsgegner*innen wurde Fuckförbundet in den sozialen Medien vorgeworfen, „bezahlte Vergewaltigung“ und Trafficking zu verherrlichen. Letzten Endes sagte die Buchmesse den ganzen Workshop ab.

Besonders in Schweden erleben Sexarbeiter*innen einen Diskurs, der verbittert und fern der Realität geführt wird. Sexarbeit wird immer wieder mit Trafficking und Vergewaltigung gleichgesetzt, wobei meist eine Unkenntnis herrscht, was dieses vielgenannte Trafficking ist. Erhellung gibt aktuell der Podcast „The Underbelli“, dessen Macher*innen anlässlich des Hurentags ausführlich die rassistischen Ursprünge und Diskurse um (Anti-)Trafficking untersuchen: Das erste Anti-Trafficking-Gesetz, das in den USA erlassen wurde, war eine direkte Reaktion auf chinesische Migrant*innen, die von den Kongressmännern als Opfer von Menschenhandel dargestellt wurden.

Je mehr Chines*innen migrierten, desto mehr antichinesische Gesetze wurden erlassen, die besonders auf Prostitution und deren Überwachung abzielten. Dies gipfelte im Chinese Exclusion Act 1882, der die Migration aller Arbeiter*innen aus China untersagte. Die weitere Abfolge von Gesetzen und Staatspraxis, die im Namen der Bekämpfung von Menschenhandel Sexarbeit und Migration kriminalisierten, richtete sich gegen Native Americans genauso wie gegen Migrant*innen und Schwarze Personen. Trafficking wird hier als Überschreitung nationaler und gesellschaftlicher Grenzen, nicht als gewaltvolle Ausbeutung von menschlicher Arbeitskraft kriminalisiert. Es lohnt sich, die Geschichte nachzuvollziehen, um die Gegenwart und ihre Diskurse zu verstehen, wie Madame Rosa von „Underbelli“ es formuliert.

09:24

Missy präsentiert: Call for Web Residencies von Solitude & ZKM „Refiguring the Feminist Future“ kuratiert von Morehshin Allahyari

Image by Morehshin Allahyari: „She Who Sees The Unknown: Aisha Qandisha“, video still, courtesy of artist, 2018.

Von Lisa Tracy Michalik

Die Webkunstszene und Techwelt braucht einen neuen feministischen Fokus: queer, nicht westlich, of Color. Der Ausschluss dieser Thematiken ist ein Problem, das Kunst und Technologie schon seit jeher plagt. Wenn es doch um feministische Themen geht, sind die geladenen Künstler*innen und die feministische Ausrichtung meist weiß. Dieser Call for Web Residencies möchte das ändern! Er richtet sich an Künstler*innen, Aktivist*innen, Poet*innen, Autor*innen, Feminist*innen und Träumer*innen, die bestehende Narrative und Historien durch Storytelling und Gegennarrative hinterfragen und dabei das Internet als ihre Platform nutzen. Dabei ist von Webperformances, über Webskulpturen, verschiedenen Formen von Netzkunst und Onlineinteraktionen alles möglich, solange die Arbeit in das Format von Storytelling passt: Webseiten, Videos, Geschriebenes, 3D-Objekte, Musik oder Apps.  

Dieser Call ist ein Aufruf für einen Feminismus, der all jene einschließt und anspricht, die durch soziale Unterdrückungsmechanismen als „weniger wert“ erachtet werden: Menschen, die nicht cis sind, Menschen, die nicht weiß sind, Menschen, die nicht westlich sind. Menschen, die in einem System leben, das nicht dazu ausgerichtet ist, ihre Bedürfnisse, Ängste, Hoffnungen und Träume anzuerkennen und zu fördern. Wie können neue Möglichkeiten und Räume geschaffen werden? Wie können Mythologie, Fiktion, Science-Fiction und weitere Formen digitalen Storytellings sichtbarer werden?

Ihr könnt euch noch bis zum 02. Juli 2018 für die Web Residency bewerben. Die diesjährige Kuratorin ist die Künstlerin und Aktivistin Morehshin Allahyari. Unter allen Bewerbungen wählt sie vier Projektvorschläge aus, die am vierwöchigen Residency-Programm (09. Juli bis 06. August) teilnehmen dürfen und 500 US-Dollar erhalten. Genauere Informationen zum Aufbau der Bewerbung findet ihr hier. Die Web Residencies konzentrieren sich nicht auf das fertige Kunstwerk, sondern viel eher auf den Prozess. Künstler*innen sind dazu eingeladen, mit digitalen Technologien und neuen Kunstformen zu experimentieren und über die von der Kuratorin gegebenen Themen zu reflektieren. Die Residencies werden komplett online ausgeführt und die Kunstwerke werden auf schloss-post.com und web-residencies.zkm.de präsentiert.

Viel Erfolg!

07:59

Wissen als Widerstand

Foto: Verena Melgarejo Weinandt, Luisa Lobo liest für Nico Lobo, Wiener Festwochen, Into the City

Die Künstlerin und Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Verena Melgarejo Weinandt beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit Wissen als Widerstandsform. Wer hat Zugang dazu und wessen Wissen wird unsichtbar gemacht? Dieser Fragestellung widmet sie sich unter anderem in ihrer letzten Fotoarbeit „Reading Resistance“ für die sie latinx Frauen in Wien fotografiert hat, die ihr Wissen durch Vorlesen an Kinder weitergeben. Wir haben sie zum Gespräch getroffen.

Von Valerie-Siba Rousparast

Du bist am 15. und 16. Juni Teil des Klirrrr – Festival für queere Konfliktkulturen zum Thema „Caring for Conflict“ in Berlin mit einem Workshop. Was bedeutet Konflikt für dich?
Ich denke dabei erst mal an Konfliktzonen, wie bei Gloria E. Anzaldúa. Daran, dass es Orte gibt – nicht nur physische, in denen unterschiedliche Vorstellungen, Sprachen, Kulturen aufeinandertreffen und verhandelt werden. Sie thematisiert in ihrer Arbeit die Grenzregion Mexiko-USA, aber erweitert den Begriff von Grenze auf viele andere Aspekte, an denen Empowerment stattfinden kann. In ihren Zeichnungen beschreibt sie den Ort des Konflikts als einen Körper, der am Äquator in beide Richtungen gezogen wird. Ich kannte diese Form des Begreifens von Konflikt noch nicht. 

Du arbeitest viel zu Gloria E. Anzaldúa, wie kam es dazu?
Auf einer persönlichen Ebene hat es mich sehr beeinflusst, eine Theoretikerin zu lesen, mit deren Schreiben und Themen ich mich identifizieren kann. Zu ihren Zeichnungen bin ich über die Benson Latin American Foundation gekommen, die verwalten das ganze Archiv ihrer Arbeiten. Sie suchten nach Orten, an denen ihre Zeichnungen ausgestellt werden können, also habe ich sie in Wien gezeigt und dann weitere Orte gesucht. Anzaldúas Konzepte basieren auf Bildern, über die sie anschließend zu schreiben begonnen hat. Für ihre Vorträge, die sie ihre Gigs genannt hat, hat sie diese auf Overheadfolien gezeichnet. Ich finde den Zusammenhang zwischen Bild und Vorstellung (image und imagine)  interessant.

Du hast schon vorher künstlerisch gearbeitet und kuratiert. Wie fing das an?
Ich habe eine Ausbildung zur Fotografin in Wien gemacht und für einen Fotografen gearbeitet. Anschließend habe ich an der Akademie der bildenden Künste Kunst studiert. Da bin ich total in die Theorie reingerutscht, in die Kunst- und Kulturwissenschaft. Als ich zum Austausch in Buenos Aires war, habe ich dann wieder Kunst gemacht, vor allem in kollektiven Zusammenhängen. Zurück in Wien habe ich dann in beiden Fächern meinen Abschluss gemacht – in bildender Kunst und Kunst- und Kulturwissenschaft. Gerade mache ich meinen Doktor in Philosophie. 

Du machst auch viel Vernetzungsarbeit, worum geht es dabei?
Ich bin stark vernetzt in die Latinx Community, habe ein Kollektiv gegründet – Trenza. Das Kollektiv ist sehr heterogen, was ich sehr schätze. Mir ist es wichtig, dass sich dort verschiedene Identitäten, Sexualitäten, Klassenzugehörigkeiten und Alter vereinen. Aber alle bezeichnen sich als deskoloniale Feminist*innen und uns ist der Austausch auf einer praktischen, spirituellen und körperlichen Ebene wichtig. Ich bin außerdem Teil vom Verein Großes Schiff. Dort bieten wir von latinx Frauen* für Frauen* und Kinder Empowermentworkshops, Kreativworkshops an.

Was bedeutet Wissensweitergabe für dich?
Wissensweitergabe beschäftigt mich in meinen unterschiedlichen Praxen, bei meinen künstlerischen Arbeiten, aber auch innerhalb meiner akademischen Forschung. Ich bin immer noch am Herausfinden, wie ich mit dem Wahnsinnsapparat der Uni umgehen kann. Je weiter ich da reinsacke, desto mehr werden die ganzen Widersprüche sichtbar. Aber ich unterrichte sehr gerne, ob an der Universität, in Kindergärten oder Schulen. Ich hab mich immer dagegen gewehrt, dass es mich beeinflusst hat, dass meine Mutter Grundschullehrerin ist, aber sie hat ihre Vermittlungsposition sehr ernst genommen und ich hab wohl was davon abbekommen (lacht). Ich wünsche mir, dass wir andere Formen von Lernen erlernen!

Was den künstlerischen und akademischen Kontext angeht, sind das fast immer extrem elitäre Veranstaltungen, wo viele Codes gebraucht werden und verschiedene Formen von Kapital, um Zugang zu erhalten. Ich finde es wichtig, daran zu arbeiten, dass sich das verändert. Denn Leute, die außerhalb dieser Räume sind, denken, sie wissen nichts, oder ihnen wird vermittelt, dass ihr Wissen nicht von Bedeutung ist, und das stimmt nicht.

Foto: Verena Melgarejo Weinandt fotografiert von Quip Nayr

Was bedeutet Unsichtbarmachung im Kontext queerer Theorie?
Gloria E. Anzaldúa ist ein krasses Beispiel dafür, dass Wissen nicht gleichwertig bewertet wird. Sie hat zur gleichen Zeit wie Judith Butler über Queer Theory geschrieben. Anders als Butler hat sie jedoch keine lange akademische Karriere fortsetzen können. Sie ist an Diabetes gestorben, weil sie keine Krankenversicherung bezahlen konnte, und die Universitäten haben ihr nie eine etablierte Stelle finanziert. Bis heute wird sie im deutschsprachigen queeren akademischen Kontext kaum rezipiert, vor allem im Vergleich zu Butler, und „This Bridge Called My Back“ ist der wichtigste erste Sammelband für queere Women of Color Writings in der Geschichte. Es ist also alles schon da, wir müssen die Geschichte nicht neu schreiben.

Wie schaffst du es, deine Kritik an der akademischen Elite mit deiner Doktorarbeit zu vereinen?
Ich hinterfrage dort Fragen nach Methoden. Was sind Methoden von Wissensproduktion, die nicht Teil von einer eurozentrischen Form von Wissen sind? Silvia Rivera Cusicanqui, von der noch nichts übersetzt wurde, hat ein Buch geschrieben, das heißt „Sociología de la Imagen, Miradas ch’ixi desde la historia andina (Soziologie des Bildes, Ch’ixi Blicke der Andengeschichte). Darin beschreibt sie eine von ihr entwickelte Methode der De(s)kolonisierung des Blickes und der Geschichte, vor allem in Hinblick auf die Geschichte Boliviens und jene der indigenen Frauen.

Sie selbst würde den Terminus de- oder deskolonial vielleicht nicht verwenden, sie äußert viel Kritik daran. Auch die Bezeichnung ihrer Praxis ändert sie immer wieder, mal ist sie Historikerin, mal Soziologin – sie spielt damit. Sie ist auf jeden Fall Vorreiterin für die Auseinandersetzung mit indigenen Frauen in der Geschichtsschreibung. Sie arbeitete bereits in den 80ern mit der Methode der Oral History und beschäftigte sich damit, wie sich das Wissen indigener Frauen als Wissensform, die unsichtbar gemacht wird, in den Vordergrund stellen lässt.

Auch in deinen Fotoarbeiten geht es um Wissen als Widerstand.
Ja, es geht dort um Kinderbücher und heißt „Reading resistance/Widerstand lesen/Leyendo Resistencia“.  Es geht darum, die Frauen in meinem Umfeld sichtbar zu machen, die Wissen weitergeben, und diese in eine Superhero-Position zu heben.

Wie kann der Akt des Weitergebens von Wissen durch Kinderbücher ein Akt des Widerstands sein?
Das Wissen über soziale Bewegungen weiterzugeben ist ein Widerstand. Das Wissen indigener Communitys über deren Verständnis von Kultur und Natur weiterzugeben ist ein Akt des Widerstands. Auch ihr Verständnis und die Wahrnehmung von Ressourcen in einem nicht akademischen Sinne ist die Weiterführung von Kämpfen, die immer noch aktuell sind.

Es gibt zu wenig Kinderbücher, die Kinder reflektieren, die Schwarz sind, homosexuelle Eltern haben oder andere Familienkonzepte leben. Diese Lücke muss geschlossen werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

June 11 2018

13:30

Hä, was heißt denn prekär?

Von Janne Knödler

Prekarität ist überall“, meinte der französische Soziologe Pierre Bourdieu schon 1997. Im 21. Jahrhundert gilt: Prekarität durchzieht alle Gesellschaftsschichten und Lebensbereiche. Prekarität, das bedeutet Unsicherheit, Unvorhersehbarkeit. Der Begriff wird meistens auf den Arbeitsmarkt bezogen und beschreibt dort „die Abkehr vom Normalarbeitsverhältnis“. Das Normalarbeitsverhältnis ist unbefristet, wird in Vollzeit ausgeübt und tariflich entlohnt. Wer einen solchen Job ergattert, ist außerdem vollständig in das Sozialsystem eingebunden – hat also Zugang zu Arbeitslosen-, Kranken- und Rentenversicherung.

©Dyadya Lyosha

„Normal“ ist dieses Arbeitsverhältnis aber heute nicht mehr. Stattdessen lautet das Credo des 21. Jahrhunderts „Flexibilisierung des Arbeitsmarktes“. Das klingt erst mal positiv, heißt aber vor allem, dass der Anteil an Leiharbeit, befristeten Stellen, (Schein-)Selbstständigkeit und geringfügigen Beschäftigungen steigt. Dies bietet Arbeitgeber*innen eine willkommene Gelegenheit, Tarifverträge und Sozialversicherungsabgaben zu umgehen. Prekär ist eine Beschäftigung vor allem dann, wenn sie nicht mehr zur dauerhaften Existenzsicherung reicht.

Im Prekariat verlieren die traditionellen Interessenvertretungen an Bedeutung. Eindrückliches Beispiel sind die Gewerkschaften: Sinkende Mitgliedszahlen schwächen die Verhandlungsposition von Arbeitnehmer*innen. Die Bindung an den Arbeitsplatz lässt nach, Solidarität und Kollegialität schwinden. Weil in unserer Gesellschaft Identität stark an den Job geknüpft ist, bedeutet Prekarisierung oft auch den Verlust von Anerkennung durch andere.

Aber zur Peitsche gehört auch ein Zuckerbrot. Theoretisch bietet Prekarität die Möglichkeit, flexibel zu arbeiten und eigenen Interessen nachzugehen, mehr Entscheidungsmacht über Arbeitszeiten zu haben, bei Freiberufler*innen gar: eigener Boss zu sein. Doch diese Freiheiten kommen in der Praxis, wenn überhaupt, nur einigen wenigen zugute. Stattdessen werden im Prekariat die Disziplinierungsmechanismen nämlich nach innen verlagert: Weil wir alleine verantwortlich für (Miss-)Erfolge sind, muss niemand aufpassen, dass wir ordentlich arbeiten – das machen wir selber. Und so zwingt uns das Leben im Prekariat zur Vermischung von Arbeit und Freizeit, zu ständiger Verfügbarkeit, und führt dazu, dass wir die Strukturen, in denen wir uns befinden, nicht oder seltener hinterfragen. Wir sind ja schließlich selbst verantwortlich für unsere Arbeitszeit, oder?

Auch wenn die Prekarität überall ist, betrifft sie nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen. Prekarisierung muss intersektional gedacht werden: Wer bekommt noch unbefristete Arbeitsstellen? Wessen Gehalt reicht aus, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben? Das Risiko, prekär zu arbeiten, betrifft nicht alle Menschen gleich. Klasse, Geschlecht, Bildungshintergrund, Alter, körperliche und mentale Gesundheit spielen dabei eine Rolle. Dauerhafte Prekarität ist zwar nicht mit Armut oder Marginalität gleichzusetzen, tritt dort aber gehäuft auf.

Doch auch wenn wir uns an die Goldenen Zeiten des Normalarbeitsverhältnisses erinnern, blicken wir auf ein zutiefst sexistisches, klassistisches und rassistisches System zurück. Weder Gewerkschaften noch staatliche Institutionen noch Arbeitgeber*innen haben sich historisch viel Mühe gegeben, alle Mitglieder der Gesellschaft zu repräsentieren. So sollten wir die Prekarisierung als Anlass nehmen, Interessenorganisation neu und besser zu denken: nicht-repräsentativ, nicht-hierarchisch und in Netzwerken organisiert.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

13:30

Hä, was heißt denn prekär?

Von Janne Knödler

Prekarität ist überall“, meinte der französische Soziologe Pierre Bourdieu schon 1997. Im 21. Jahrhundert gilt: Prekarität durchzieht alle Gesellschaftsschichten und Lebensbereiche. Prekarität, das bedeutet Unsicherheit, Unvorhersehbarkeit. Der Begriff wird meistens auf den Arbeitsmarkt bezogen und beschreibt dort „die Abkehr vom Normalarbeitsverhältnis“. Das Normalarbeitsverhältnis ist unbefristet, wird in Vollzeit ausgeübt und tariflich entlohnt. Wer einen solchen Job ergattert, ist außerdem vollständig in das Sozialsystem eingebunden – hat also Zugang zu Arbeitslosen-, Kranken- und Rentenversicherung.

©Dyadya Lyosha

„Normal“ ist dieses Arbeitsverhältnis aber heute nicht mehr. Stattdessen lautet das Credo des 21. Jahrhunderts „Flexibilisierung des Arbeitsmarktes“. Das klingt erst mal positiv, heißt aber vor allem, dass der Anteil an Leiharbeit, befristeten Stellen, (Schein-)Selbstständigkeit und geringfügigen Beschäftigungen steigt. Dies bietet Arbeitgeber*innen eine willkommene Gelegenheit, Tarifverträge und Sozialversicherungsabgaben zu umgehen. Prekär ist eine Beschäftigung vor allem dann, wenn sie nicht mehr zur dauerhaften Existenzsicherung reicht.

Im Prekariat verlieren die traditionellen Interessenvertretungen an Bedeutung. Eindrückliches Beispiel sind die Gewerkschaften: Sinkende Mitgliedszahlen schwächen die Verhandlungsposition von Arbeitnehmer*innen. Die Bindung an den Arbeitsplatz lässt nach, Solidarität und Kollegialität schwinden. Weil in unserer Gesellschaft Identität stark an den Job geknüpft ist, bedeutet Prekarisierung oft auch den Verlust von Anerkennung durch andere.

Aber zur Peitsche gehört auch ein Zuckerbrot. Theoretisch bietet Prekarität die Möglichkeit, flexibel zu arbeiten und eigenen Interessen nachzugehen, mehr Entscheidungsmacht über Arbeitszeiten zu haben, bei Freiberufler*innen gar: eigener Boss zu sein. Doch diese Freiheiten kommen in der Praxis, wenn überhaupt, nur einigen wenigen zugute. Stattdessen werden im Prekariat die Disziplinierungsmechanismen nämlich nach innen verlagert: Weil wir alleine verantwortlich für (Miss-)Erfolge sind, muss niemand aufpassen, dass wir ordentlich arbeiten – das machen wir selber. Und so zwingt uns das Leben im Prekariat zur Vermischung von Arbeit und Freizeit, zu ständiger Verfügbarkeit, und führt dazu, dass wir die Strukturen, in denen wir uns befinden, nicht oder seltener hinterfragen. Wir sind ja schließlich selbst verantwortlich für unsere Arbeitszeit, oder?

Auch wenn die Prekarität überall ist, betrifft sie nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen. Prekarisierung muss intersektional gedacht werden: Wer bekommt noch unbefristete Arbeitsstellen? Wessen Gehalt reicht aus, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben? Das Risiko, prekär zu arbeiten, betrifft nicht alle Menschen gleich. Klasse, Geschlecht, Bildungshintergrund, Alter, körperliche und mentale Gesundheit spielen dabei eine Rolle. Dauerhafte Prekarität ist zwar nicht mit Armut oder Marginalität gleichzusetzen, tritt dort aber gehäuft auf.

Doch auch wenn wir uns an die Goldenen Zeiten des Normalarbeitsverhältnisses erinnern, blicken wir auf ein zutiefst sexistisches, klassistisches und rassistisches System zurück. Weder Gewerkschaften noch staatliche Institutionen noch Arbeitgeber*innen haben sich historisch viel Mühe gegeben, alle Mitglieder der Gesellschaft zu repräsentieren. So sollten wir die Prekarisierung als Anlass nehmen, Interessenorganisation neu und besser zu denken: nicht-repräsentativ, nicht-hierarchisch und in Netzwerken organisiert.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

10:03

Intersectionalising Holocaust

Von Eva Tepest

Am 13. Juni vor 80 Jahren wurden in der „Aktion Arbeitsscheu Reich“ viele sogenannte Asoziale verfolgt und verhaftet. Als Opfergruppe sind sie bis heute nicht offiziell anerkannt. Auch Versuche, die vielen Lesben unter ihnen als Opfer des Nationalsozialismus sichtbar zu machen, stießen auf Widerstand: Eine 2015 in Ravensbrück – nahe des Mädchen-Konzentrationslagers Uckermark – niedergelegte Kugel gedachte etwa an „alle lesbischen Frauen und Mädchen“, die „als ‚Verrückte‘, Widerständige, ‚Asoziale‘ und aus anderen Gründen verfolgt und ermordet“ wurden. Im Jahr darauf wurde sie entfernt. Grund: Bis heute darf in Ravensbrück nicht Lesben als Kollektiv (und systematisch Verfolgten) gedacht werden, sondern nur individuellen Frauen, die gewissermaßen zufällig manchmal auch lesbisch waren. Dabei liegt ein Zusammendenken von „Lesbe“ und „Asozial“ – als Begriffe der nationalsozialistischen Täter, als weiterhin wirkende Stigmata – auf der Hand.

©Selbstuniversität

„Wir haben es bei allen im NS-Regime als ‚asozial‘ Verfolgten mit dem Problem der Unsichtbarkeit zu tun. Die Geschichten von Lesben unter den Verfolgten sind weitestgehend unbekannt. Das Problem der fehlenden Geschichte(n) zeigt sich jedoch auch bei anderen Gruppen: Auch trans Personen wurden verfolgt und werden häufig weiter diskriminiert. Was ist bekannt von den Sexarbeiter*innen, die im Nationalsozialismus kriminalisiert und verfolgt wurden? Die Forschung zu den Lagerbordellen hat erst vor einigen Jahren begonnen und ist noch am Anfang. Die Verfolgungsgeschichte der Rom*nja und Sint*ezza wird noch immer nicht in den Schulen unterrichtet“, erklären die Veranstalter*innen Tine Rahel Völcker und Sabrina Saase vom queeren Kollektiv Raumerweiterungshalle. Neben einem Fokus darauf, wie Unsichtbarkeit und Stigmatisierung in die Gegenwart hineinwirken, widmet sich die Reihe widerständigen Praktiken unterschiedlichster Art: „Die Veranstaltungsreihe ist eine Arbeit an und mit der Leerstelle. Den verschiedenen Leerstellen. Wir wollen gemeinsam unterschiedliche Sprachen sammeln, die der Sprachlosigkeit antworten. Wir wollen Widerstände und erfolgreiche Kämpfe thematisieren, wie die der Bürgerrechtsbewegung der Sint*ezza und Rom*nja in den 80er-Jahren in der BRD oder selbstorganisierten lesbischen Gruppen in der DDR“, so Völcker und Saase.

Die Reihe „ASOZIAL GELIEBT“, GELIEBT ASOZIAL? widmet sich vom 28. Mai bis 12. Juni in Berlin mit Podien, Filmen und Aktionen dem Stigma der Asozialität aus queer-lesbischer, intersektionaler Perspektive – vom Nationalsozialismus über die Zeit deutscher Teilung bis zu gegenwärtiger Verfolgung. Sie stößt in erinnerungspolitische Lücken vor.

Das vollständige Programm zur Reihe findet ihr hier.

Mit der Kontinuität von Stigmata, erinnerungspolitischen Lücken und widerständigen Kämpfen beschäftigen sich vom 28. Mai bis 12. Juni Beitragende wie etwa Tucké Royale, der den Zentralrat der Asozialen Deutschland gründete, oder die Filmemacherin Tayo Awosusi-Onutor, deren Dokumentarfilm „Phral mende – Wir über uns“ über Perspektiven von Rom*nja und Sint*ezza in Deutschland zu sehen ist. Parallel zur Reihe ist die Dokumentation der Initiative Autonome feministische FrauenLesben aus Deutschland und Österreich zum Thema der Verfolgung lesbischer Frauen in der NS-Zeit ausgestellt.

„ASOZIAL GELIEBT“, GELIEBT ASOZIAL? wirft die richtigen Fragen auf: Wie können wir Allianzen schmieden, die mehr sind als die Summe ihrer vermeintlich getrennten Teile? Wie dem nachspüren, was war und weiter schmerzt? Wie daraus eine Utopie entwickeln, die Unterschiede nicht kleinmacht, sondern „der Vermassung abgesonnen, ausgerichtet auf Unterschiedenheit“ (Roland Barthes) ist? Hier stehen wir. Wohin gehen?

10:03

Intersectionalising Holocaust

Von Eva Tepest

Am 13. Juni vor 80 Jahren wurden in der „Aktion Arbeitsscheu Reich“ viele sogenannte Asoziale verfolgt und verhaftet. Als Opfergruppe sind sie bis heute nicht offiziell anerkannt. Auch Versuche, die vielen Lesben unter ihnen als Opfer des Nationalsozialismus sichtbar zu machen, stießen auf Widerstand: Eine 2015 in Ravensbrück – nahe des Mädchen-Konzentrationslagers Uckermark – niedergelegte Kugel gedachte etwa an „alle lesbischen Frauen und Mädchen“, die „als ‚Verrückte‘, Widerständige, ‚Asoziale‘ und aus anderen Gründen verfolgt und ermordet“ wurden. Im Jahr darauf wurde sie entfernt. Grund: Bis heute darf in Ravensbrück nicht Lesben als Kollektiv (und systematisch Verfolgten) gedacht werden, sondern nur individuellen Frauen, die gewissermaßen zufällig manchmal auch lesbisch waren. Dabei liegt ein Zusammendenken von „Lesbe“ und „Asozial“ – als Begriffe der nationalsozialistischen Täter, als weiterhin wirkende Stigmata – auf der Hand.

©Selbstuniversität

„Wir haben es bei allen im NS-Regime als ‚asozial‘ Verfolgten mit dem Problem der Unsichtbarkeit zu tun. Die Geschichten von Lesben unter den Verfolgten sind weitestgehend unbekannt. Das Problem der fehlenden Geschichte(n) zeigt sich jedoch auch bei anderen Gruppen: Auch trans Personen wurden verfolgt und werden häufig weiter diskriminiert. Was ist bekannt von den Sexarbeiter*innen, die im Nationalsozialismus kriminalisiert und verfolgt wurden? Die Forschung zu den Lagerbordellen hat erst vor einigen Jahren begonnen und ist noch am Anfang. Die Verfolgungsgeschichte der Rom*nja und Sint*ezza wird noch immer nicht in den Schulen unterrichtet“, erklären die Veranstalter*innen Tine Rahel Völcker und Sabrina Saase vom queeren Kollektiv Raumerweiterungshalle. Neben einem Fokus darauf, wie Unsichtbarkeit und Stigmatisierung in die Gegenwart hineinwirken, widmet sich die Reihe widerständigen Praktiken unterschiedlichster Art: „Die Veranstaltungsreihe ist eine Arbeit an und mit der Leerstelle. Den verschiedenen Leerstellen. Wir wollen gemeinsam unterschiedliche Sprachen sammeln, die der Sprachlosigkeit antworten. Wir wollen Widerstände und erfolgreiche Kämpfe thematisieren, wie die der Bürgerrechtsbewegung der Sint*ezza und Rom*nja in den 80er-Jahren in der BRD oder selbstorganisierten lesbischen Gruppen in der DDR“, so Völcker und Saase.

Die Reihe „ASOZIAL GELIEBT“, GELIEBT ASOZIAL? widmet sich vom 28. Mai bis 12. Juni in Berlin mit Podien, Filmen und Aktionen dem Stigma der Asozialität aus queer-lesbischer, intersektionaler Perspektive – vom Nationalsozialismus über die Zeit deutscher Teilung bis zu gegenwärtiger Verfolgung. Sie stößt in erinnerungspolitische Lücken vor.

Das vollständige Programm zur Reihe findet ihr hier.

Mit der Kontinuität von Stigmata, erinnerungspolitischen Lücken und widerständigen Kämpfen beschäftigen sich vom 28. Mai bis 12. Juni Beitragende wie etwa Tucké Royale, der den Zentralrat der Asozialen Deutschland gründete, oder die Filmemacherin Tayo Awosusi-Onutor, deren Dokumentarfilm „Phral mende – Wir über uns“ über Perspektiven von Rom*nja und Sint*ezza in Deutschland zu sehen ist. Parallel zur Reihe ist die Dokumentation der Initiative Autonome feministische FrauenLesben aus Deutschland und Österreich zum Thema der Verfolgung lesbischer Frauen in der NS-Zeit ausgestellt.

„ASOZIAL GELIEBT“, GELIEBT ASOZIAL? wirft die richtigen Fragen auf: Wie können wir Allianzen schmieden, die mehr sind als die Summe ihrer vermeintlich getrennten Teile? Wie dem nachspüren, was war und weiter schmerzt? Wie daraus eine Utopie entwickeln, die Unterschiede nicht kleinmacht, sondern „der Vermassung abgesonnen, ausgerichtet auf Unterschiedenheit“ (Roland Barthes) ist? Hier stehen wir. Wohin gehen?

Reposted byStadtgespenst Stadtgespenst

June 08 2018

11:10

Das Problem heißt Macht

Von Sonja Eismann

Vor Kurzem wurde ich nach einer feministischen Diskussionsveranstaltung von einem jungen Mann gefragt, wie ich zu nackten Männerkörpern in der Öffentlichkeit stünde. Er wollte von mir wissen, ob ich fände, dass Männer aus feministischer Solidarität mit Frauen auf dieses Privileg verzichten sollten, da Frauen dieses – zumindest vermutlich in den meisten Regionen der Welt – derzeit nicht besäßen. Ich zerbrach mir den Kopf über eine „richtige“ Antwort (die ich letztlich natürlich nicht geben konnte) und freute mich. Nicht darüber, dass immer noch stärker über weibliche Körper als über männliche bestimmt wird, sondern darüber, dass dies ein dringliches Anliegen eines jungen Mannes war, dem es offensichtlich wichtig war, Frauen weder zu verletzen noch einzuschränken. Wenn das die essenziellen Fragen sind, über die es jetzt noch zu diskutieren gilt, sind wir ja schon bei den Feinheiten angelangt, dachte ich mir erleichtert.

Missyverse: Missy/ Eva Feuchter

Aber so ist es, außerhalb der freundlich-feministischen Blase, in der ich mich so oft bewegen darf, natürlich nicht. Während der Veranstaltung selbst war es auch um die leider immer noch nicht überholten Klassiker wie Sexismus und sexualisierte Gewalt gegangen, und ich stellte mir danach eine Frage, die ich mir schon sehr oft gestellt habe und bei der ich mich wundere, warum sie nie in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert wird: Warum haben sich während der #metoo-Debatte unzählige Personen geöffnet und von dem berichtet, was sie erleiden mussten, viele Frauen und auch ein paar Männer, aber warum wurde nie die andere Seite befragt? Warum wurde nie erforscht und debattiert, was Leute dazu treibt, andere solchen Formen von Gewalt auszusetzen? Sich einfach über psychische und physische Grenzen hinwegzusetzen, ohne jedes Interesse am Willen der anderen Person?

Selbstverständlich war und ist mir klar, dass es wohl kaum jemals eine Hashtag-Flut à la #IwasAnAsshole oder #PleaseHelpMeToBecomeASensitiveFeministIndividual geben wird – und dass es aus feministischer Sicht höchst problematisch wäre, wenn auf einmal Täter*innen große Aufmerksamkeit bekämen und sich eventuell noch selbst als Opfer gerieren oder ihre Position unwidersprochen verteidigen könnten. Außerdem haben wohl die wenigsten Menschen Lust, sich in einer nicht gerade vor verständnisvoller Zärtlichkeit strotzenden (sozialen) Medienlandschaft als Bösewichte zu outen, um dann an den Pranger gestellt oder von Shitstorms überkübelt zu werden.

Aber da ist noch etwas: Es übersteigt zwar meinen affektiven Gedankenhorizont (wenn es so etwas gibt), aber dennoch bin ich überzeugt davon, dass viele Personen das Unrecht ihres Handelns nicht sehen (wollen). Damit meine ich nicht einmal, dass sie das „Nein“ oder den Widerwillen oder die Angst ihres Gegenübers nicht wahrnehmen, sondern dass sie davon ausgehen, dass es ihnen trotzdem zusteht, so zu handeln, wie sie es möchten. Einfach deswegen, weil sie in diesem speziellen Moment oder in mehr oder weniger allen Momenten die Macht dazu haben. Und Macht korrumpiert.

Vor einer Weile erschien in der „taz“ ein Artikel, in dem ein männlicher Journalist sich zu einer Art persönlichem #metoo-Moment äußerte und sich dabei auch fragte, ob es ihm zustehe, dies selbst so zu empfinden. Er schilderte, wie eine ihm kaum bekannte, hierarchisch weit über ihm stehende ältere Frau in seinem Arbeitsumfeld vor den Augen von Kolleg*innen auf der Suche nach Speckröllchen sein Jacket zur Seite geschoben und ihn in seine Taille gekniffen habe. Für sie war es vermutlich ein harmloses Geplänkel, für ihn eine demütigende Erfahrung. Meine erste Regung beim Lesen war eine ablehnende Haltung, nach dem Motto „Was stellt der Dude sich so an, das ist ja ein Witz gegen all die Übergriffe, die Frauen jahrtausendelang ertragen mussten“, aber nach einer Weile des Nachdenkens fielen mir andere Vorfälle ein. Ein Bekannter, dem von seiner Chefin vor wichtigen Geschäftspartnern mit den Worten „Tu das Ding runter, du bist doch kein Berufsjugendlicher“ die Basecap vom Kopf genommen worden war. Oder mein eigenes Verhalten früher, als ich eine Zeit lang einem Mann in meinem Umfeld öfters auf den Hintern geklopft hatte, obwohl er mehrfach geäußert hatte, er möge das überhaupt nicht. Ich jedoch fand es „lustig“ und wollte einfach nicht glauben, dass es ihm wirklich nicht gefiel. Vielleicht war es mir auch egal – mir gefiel es und ich hatte wohl den Eindruck, das stünde mir zu.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto unangenehmer ist es mir natürlich, aber es hat mir noch einmal klargemacht, was wir sowieso schon alle längst wissen: Das Problem heißt Macht. Klar wurde das innerhalb der #metoo-Debatten bereits thematisiert, aber nur im Hinblick darauf, dass Frauen beigebracht werden soll, wie sie sich vor zu viel Macht schützen oder wie sie selbst sich mehr von ihr auf sich konzentrieren können und dadurch unverletzbarer werden. Doch ich glaube eben nicht, dass wir es mit einer Neu- oder Umverteilung lösen können, im Sinne von „Wir brauchen mehr Frauen in Machtpositionen“ oder „Wir müssen nur alle Schwachen empowern“ etc. Denn Macht funktioniert nur dann als solche, wenn es auch Machtlose gibt.

Dieser Aspekt geht in den gängigen #metoo-Debatten wie auch in vulgärfeministischen Schlussfolgerungen dazu meiner Meinung nach unter. Es kann nicht das Ziel sein, machtvolles und damit immer auch verletzendes, unterjochendes Verhalten zu kopieren, sondern darum, die Mechanismen von Machtdynamiken an sich aktiv zu verlernen. Auch wenn gesellschaftlich immer etwas anderes suggeriert wird: Macht ist ungeil, weil sie immer auch bedeutet, sich über die Wünsche und Anliegen anderer hinwegzusetzen.

Damit sage ich nicht, dass all jene, die in unserer nach wie vor patriarchal-rassistischen Gesellschaft über keine Macht verfügen, sich mit diesem Zustand arrangieren sollen. Stattdessen wünsche ich mir, dass wir alle zusammen für eine utopische Form des Zusammenlebens ackern, in der Jungs und Männern und all denen, die bis heute näher am Machtpol sind, beigebracht wird, sich von dieser loszusagen, genau wie wir auch jetzt schon ganz real beibringen müssen, nicht zu vergewaltigen, statt nicht vergewaltigt zu werden. Damit wir uns alle, und nicht nur ein paar Privilegierte von uns, ebenbürtig und frei begegnen können. Ob wir uns dann in dieser Utopie mit nacktem oder bedecktem Oberkörper gegenüberstehen, ist für mich ehrlich gesagt nicht so wichtig.

11:10

Das Problem heißt Macht

Von Sonja Eismann

Vor Kurzem wurde ich nach einer feministischen Diskussionsveranstaltung von einem jungen Mann gefragt, wie ich zu nackten Männerkörpern in der Öffentlichkeit stünde. Er wollte von mir wissen, ob ich fände, dass Männer aus feministischer Solidarität mit Frauen auf dieses Privileg verzichten sollten, da Frauen dieses – zumindest vermutlich in den meisten Regionen der Welt – derzeit nicht besäßen. Ich zerbrach mir den Kopf über eine „richtige“ Antwort (die ich letztlich natürlich nicht geben konnte) und freute mich. Nicht darüber, dass immer noch stärker über weibliche Körper als über männliche bestimmt wird, sondern darüber, dass dies ein dringliches Anliegen eines jungen Mannes war, dem es offensichtlich wichtig war, Frauen weder zu verletzen noch einzuschränken. Wenn das die essenziellen Fragen sind, über die es jetzt noch zu diskutieren gilt, sind wir ja schon bei den Feinheiten angelangt, dachte ich mir erleichtert.

Missyverse: Missy/ Eva Feuchter

Aber so ist es, außerhalb der freundlich-feministischen Blase, in der ich mich so oft bewegen darf, natürlich nicht. Während der Veranstaltung selbst war es auch um die leider immer noch nicht überholten Klassiker wie Sexismus und sexualisierte Gewalt gegangen, und ich stellte mir danach eine Frage, die ich mir schon sehr oft gestellt habe und bei der ich mich wundere, warum sie nie in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert wird: Warum haben sich während der #metoo-Debatte unzählige Personen geöffnet und von dem berichtet, was sie erleiden mussten, viele Frauen und auch ein paar Männer, aber warum wurde nie die andere Seite befragt? Warum wurde nie erforscht und debattiert, was Leute dazu treibt, andere solchen Formen von Gewalt auszusetzen? Sich einfach über psychische und physische Grenzen hinwegzusetzen, ohne jedes Interesse am Willen der anderen Person?

Selbstverständlich war und ist mir klar, dass es wohl kaum jemals eine Hashtag-Flut à la #IwasAnAsshole oder #PleaseHelpMeToBecomeASensitiveFeministIndividual geben wird – und dass es aus feministischer Sicht höchst problematisch wäre, wenn auf einmal Täter*innen große Aufmerksamkeit bekämen und sich eventuell noch selbst als Opfer gerieren oder ihre Position unwidersprochen verteidigen könnten. Außerdem haben wohl die wenigsten Menschen Lust, sich in einer nicht gerade vor verständnisvoller Zärtlichkeit strotzenden (sozialen) Medienlandschaft als Bösewichte zu outen, um dann an den Pranger gestellt oder von Shitstorms überkübelt zu werden.

Aber da ist noch etwas: Es übersteigt zwar meinen affektiven Gedankenhorizont (wenn es so etwas gibt), aber dennoch bin ich überzeugt davon, dass viele Personen das Unrecht ihres Handelns nicht sehen (wollen). Damit meine ich nicht einmal, dass sie das „Nein“ oder den Widerwillen oder die Angst ihres Gegenübers nicht wahrnehmen, sondern dass sie davon ausgehen, dass es ihnen trotzdem zusteht, so zu handeln, wie sie es möchten. Einfach deswegen, weil sie in diesem speziellen Moment oder in mehr oder weniger allen Momenten die Macht dazu haben. Und Macht korrumpiert.

Vor einer Weile erschien in der „taz“ ein Artikel, in dem ein männlicher Journalist sich zu einer Art persönlichem #metoo-Moment äußerte und sich dabei auch fragte, ob es ihm zustehe, dies selbst so zu empfinden. Er schilderte, wie eine ihm kaum bekannte, hierarchisch weit über ihm stehende ältere Frau in seinem Arbeitsumfeld vor den Augen von Kolleg*innen auf der Suche nach Speckröllchen sein Jacket zur Seite geschoben und ihn in seine Taille gekniffen habe. Für sie war es vermutlich ein harmloses Geplänkel, für ihn eine demütigende Erfahrung. Meine erste Regung beim Lesen war eine ablehnende Haltung, nach dem Motto „Was stellt der Dude sich so an, das ist ja ein Witz gegen all die Übergriffe, die Frauen jahrtausendelang ertragen mussten“, aber nach einer Weile des Nachdenkens fielen mir andere Vorfälle ein. Ein Bekannter, dem von seiner Chefin vor wichtigen Geschäftspartnern mit den Worten „Tu das Ding runter, du bist doch kein Berufsjugendlicher“ die Basecap vom Kopf genommen worden war. Oder mein eigenes Verhalten früher, als ich eine Zeit lang einem Mann in meinem Umfeld öfters auf den Hintern geklopft hatte, obwohl er mehrfach geäußert hatte, er möge das überhaupt nicht. Ich jedoch fand es „lustig“ und wollte einfach nicht glauben, dass es ihm wirklich nicht gefiel. Vielleicht war es mir auch egal – mir gefiel es und ich hatte wohl den Eindruck, das stünde mir zu.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto unangenehmer ist es mir natürlich, aber es hat mir noch einmal klargemacht, was wir sowieso schon alle längst wissen: Das Problem heißt Macht. Klar wurde das innerhalb der #metoo-Debatten bereits thematisiert, aber nur im Hinblick darauf, dass Frauen beigebracht werden soll, wie sie sich vor zu viel Macht schützen oder wie sie selbst sich mehr von ihr auf sich konzentrieren können und dadurch unverletzbarer werden. Doch ich glaube eben nicht, dass wir es mit einer Neu- oder Umverteilung lösen können, im Sinne von „Wir brauchen mehr Frauen in Machtpositionen“ oder „Wir müssen nur alle Schwachen empowern“ etc. Denn Macht funktioniert nur dann als solche, wenn es auch Machtlose gibt.

Dieser Aspekt geht in den gängigen #metoo-Debatten wie auch in vulgärfeministischen Schlussfolgerungen dazu meiner Meinung nach unter. Es kann nicht das Ziel sein, machtvolles und damit immer auch verletzendes, unterjochendes Verhalten zu kopieren, sondern darum, die Mechanismen von Machtdynamiken an sich aktiv zu verlernen. Auch wenn gesellschaftlich immer etwas anderes suggeriert wird: Macht ist ungeil, weil sie immer auch bedeutet, sich über die Wünsche und Anliegen anderer hinwegzusetzen.

Damit sage ich nicht, dass all jene, die in unserer nach wie vor patriarchal-rassistischen Gesellschaft über keine Macht verfügen, sich mit diesem Zustand arrangieren sollen. Stattdessen wünsche ich mir, dass wir alle zusammen für eine utopische Form des Zusammenlebens ackern, in der Jungs und Männern und all denen, die bis heute näher am Machtpol sind, beigebracht wird, sich von dieser loszusagen, genau wie wir auch jetzt schon ganz real beibringen müssen, nicht zu vergewaltigen, statt nicht vergewaltigt zu werden. Damit wir uns alle, und nicht nur ein paar Privilegierte von uns, ebenbürtig und frei begegnen können. Ob wir uns dann in dieser Utopie mit nacktem oder bedecktem Oberkörper gegenüberstehen, ist für mich ehrlich gesagt nicht so wichtig.

08:52

Lieblingsstreberin: Miranda Hobbes

Von Katja Peglow

We should all be Mirandas! So lautet ein populärer Slogan, der zurzeit das Internet und T-Shirts verschönert. 14 Jahre nach dem Finale der US-Kultserie bekommt die unterschätzteste aller „Sex and the City“-Figuren endlich ihre verdiente Anerkennung: Sechs Staffeln lang verkörperte Cynthia Nixon die erfolgreiche New Yorker Anwältin Miranda Hobbes. Besonders beliebt war die rothaarige Darstellerin damals nicht – unvergessen die Folge, in der niemand mit ihr einen Dreier wollte. In den hedonistisch geprägten 1990er-Jahren konnte man mit einer praktischen Kurzhaarfrisur eben keinen Blumentopf gewinnen.

© Patu

Als Stimme der Vernunft hatte es Miranda oft nicht leicht mit ihren beziehungssüchtigen Freundinnen: „Wie kann es sein, dass vier kluge Frauen über nichts anderes reden können als über ihre Männer?“ Zwar datete auch sie reichlich, machte Männer in ihrem arbeitsamen Leben aber nie zum Mittelpunkt ihres Universums. Generell war ihr Ausgehverhalten viel progressiver als das ihrer statusbesessenen Peergroup. Männer konnten ihr nur selten beruflich oder finanziell das Wasser reichen. Sie datete – whoa! – sogar außerhalb ihrer sozialen Schicht und zog nach Brooklyn, bevor es hip wurde.

Miranda wurde oft unterschätzt. Dabei studierte sie in Harvard und kämpfte sich in einer renommierten New Yorker Anwaltskanzlei gegen alle sexistischen Widerstände bis nach oben. Trotz einer Sechzig-Stunden-Woche nahm sie sich Zeit für ihre geschwätzigen Freundinnen. Carrie mag zwar die schickeren Outfits getragen haben, dafür bekam Miranda aber die realistischsten Storylines. Die schönsten Geschichten schreibt aber immer noch das echte Leben: Kürzlich gab die Schauspielerin und Aktivistin auf Twitter bekannt, Gouverneurin von New York werden zu wollen. Go, Miranda!

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

08:52

Lieblingsstreberin: Miranda Hobbes

Von Katja Peglow

We should all be Mirandas! So lautet ein populärer Slogan, der zurzeit das Internet und T-Shirts verschönert. 14 Jahre nach dem Finale der US-Kultserie bekommt die unterschätzteste aller „Sex and the City“-Figuren endlich ihre verdiente Anerkennung: Sechs Staffeln lang verkörperte Cynthia Nixon die erfolgreiche New Yorker Anwältin Miranda Hobbes. Besonders beliebt war die rothaarige Darstellerin damals nicht – unvergessen die Folge, in der niemand mit ihr einen Dreier wollte. In den hedonistisch geprägten 1990er-Jahren konnte man mit einer praktischen Kurzhaarfrisur eben keinen Blumentopf gewinnen.

© Patu

Als Stimme der Vernunft hatte es Miranda oft nicht leicht mit ihren beziehungssüchtigen Freundinnen: „Wie kann es sein, dass vier kluge Frauen über nichts anderes reden können als über ihre Männer?“ Zwar datete auch sie reichlich, machte Männer in ihrem arbeitsamen Leben aber nie zum Mittelpunkt ihres Universums. Generell war ihr Ausgehverhalten viel progressiver als das ihrer statusbesessenen Peergroup. Männer konnten ihr nur selten beruflich oder finanziell das Wasser reichen. Sie datete – whoa! – sogar außerhalb ihrer sozialen Schicht und zog nach Brooklyn, bevor es hip wurde.

Miranda wurde oft unterschätzt. Dabei studierte sie in Harvard und kämpfte sich in einer renommierten New Yorker Anwaltskanzlei gegen alle sexistischen Widerstände bis nach oben. Trotz einer Sechzig-Stunden-Woche nahm sie sich Zeit für ihre geschwätzigen Freundinnen. Carrie mag zwar die schickeren Outfits getragen haben, dafür bekam Miranda aber die realistischsten Storylines. Die schönsten Geschichten schreibt aber immer noch das echte Leben: Kürzlich gab die Schauspielerin und Aktivistin auf Twitter bekannt, Gouverneurin von New York werden zu wollen. Go, Miranda!

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

June 07 2018

12:39

Neko Case: Die Amazone lebt!

Von Verena Reygers

Neko, im Titelstück zu deinem neuen Album „Hell-On“ singst du sowohl über Gott als auch über deine Stimme. Wem vertraust du mehr?
Tja, meine Stimme, die akzeptiere ich einfach so, wie sie ist. Manche Leute denken, das hieße, ich könne sie nicht leiden, aber das stimmt nicht. Jede*r Sänger*in ist sich sehr bewusst über die Möglichkeiten einer Stimme und die Begrenzungen der eigenen. Das muss man akzeptieren. Und was Gott betrifft: Die Zeile ist eher als Rätsel zu verstehen, das eine Unterhaltung auf eine neue Ebene bringen soll. Es ist ein sehr persönlicher Song, der auch ein bisschen rätselhaft wirkt. Aber so ist es eben mit Songs. Sie beschreiben etwas, das du anders nicht ausdrücken kannst.

© Emily Shur

Ein anderes Wort, das du oft benutzt, ist „wild“. In „Hell-On“ singst du: „I’m a wilderness, yes.“ Und im finalen Song „Pitch Or Honey“: „Hey, I love you better when you’re wild“, auch dazwischen taucht das Wort immer wieder auf. Was steckt dahinter?
Das passt zu deiner ersten Frage nach Gott: Ich finden keinen Halt im Glauben. Die Menschen denken, sie seien die wichtigste Schöpfung. Aber das sind sie nicht – bei Weitem nicht. Egal, was wir tun oder wie fortschrittlich wir sind, wir sind der Natur ausgeliefert. Das ist ein enormer Trost für mich. Es erinnert mich an unseren Platz auf dieser Erde und daran, dass das, was uns tagtäglich widerfährt, im Grunde nicht der Rede wert ist.

Das klingt ziemlich gelassen, verglichen mit dem Titel deines letzten Albums „The Worse Things Get, The Harder I Fight, The Harder I Fight, The More I Love You“.
Meine letzte Platte entstand aus einem ähnlichen Gefühl heraus, aber da war ich noch zu sehr verstrickt im Prozess.

© Emily Shur

Es scheint, dass das Buch „The Amazons“ von Adrienne Mayor dir dabei geholfen hat, dich zu „entstricken“. Aber Amazonen sind ja eigentlich Sagenfiguren.
Sie haben wirklich existiert. Und es waren nicht nur Frauen. Stattdessen haben Männer und Frauen in einer gleichberechtigten Welt gelebt, in der nicht nach Geschlecht, sondern nach Fähigkeiten und Interessen bewertet wurde. Das alles steht in diesem großartigen Buch!

Wie kamst du darauf?
All das hat mich einfach fertiggemacht: die Zustände, die Gesetze, mein Land, wo Frauen gehasst werden – wie an so vielen anderen Orten der Welt auch. Ich musste herausfinden, an welchen Punkt die Gesellschaft angefangen hat, Frauen zu benachteiligen, sie abzulehnen. Also habe ich sehr viel recherchiert und gelesen, unter anderem Mayors Buch.

Das klingt nicht nur wütend, sondern auch um Klärung bemüht.
Ja, es macht mich wütend zu sehen, wie die Geschichtsschreibung Frauen einfach ausspart. Wir sind keine Nebendarstellerinnen oder Babymaschinen, auch wenn wir so behandelt worden sind. Ich weiß, es hat immer starke und handelnde Frauen gegeben – sie sind bloß ignoriert worden. Aber das ändert sich. Aktuelle Forschungen untersuchen ihre Geschichte neu. Und natürlich macht es mich genauso wütend, für eine Bildung bezahlt zu haben, die Frauen nicht beinhaltet. Doch jetzt bin ich klüger. Und froh zu sehen, dass die jungen Menschen beginnen, die Dinge anders sehen. Meine Stieftochter ist jetzt neun, und sie nimmt so viele Sachen für selbstverständlich, die es für mich nie waren. Das berührt mich sehr.

Apropos Zeitgeschichte: Thematisierst du in „Last Lion Of Albion“ den Brexit? Schließlich ist Albion der urtümliche Name für England …
Das könnte man denken. Aber es ist eher ein symbolischer Song. Löwen stehen für Stärke und Kraft, und wir nutzen ihr Symbol auf Flaggen und Wappen. In „Last Lion Of Albion“ fantasiere ich von einer großen Löwenmeute, die den Menschen ähnlich veräußert: uns frisst und auf Geldscheinen oder T-Shirts abbildet.

Du selbst lebst zwischen den Kulturen, du bist US-Amerikanerin, hast aber auch jahrelang in Kanada gewohnt und warst dort kreativ aktiv. Wie nimmst du die Unterschiede zwischen den beiden Ländern wahr?
Ich lebe zwar aktuell in Vermont, aber bin nahe der kanadischen Grenze aufgewachsen. Ich würde gar nicht so sehr zwischen USA und Kanada unterscheiden, sondern eher von einer nordamerikanischen Mentalität sprechen. Schließlich sind beide Staaten weit davon entfernt, „nett“ zu den Native Americans zu sein. Aber trotzdem hat mir Kanada in vielen Dingen die Augen geöffnet. Und nicht nur, weil ich dort gelernt habe, mit Messer und Gabel zu essen (lacht). Es ist toll, in einem Land zu leben, das Kultur schätzt und Künstler*innen unterstützt, indem es ihnen die Möglichkeit gibt, als Botschafter*innen in aller Welt zu wirken.

Vor deiner Solokarriere bist du als Mitglied der New Pornographers bekannt geworden. Wie blickst du auf diese Zeit zurück?
Ich bin damals zu der Band gestoßen, weil ich Teil von etwas sein wollte. Ich bin Einzelkind, quasi nur in Gemeinschaft mit meinen Eltern gefühlt am Ende der Welt aufgewachsen. Ich war ziemlich einsam und habe wenig Kontakt zu anderen Menschen gehabt. Ich musste lernen, mit anderen in Kontakt zu kommen. Dann habe ich gemerkt, dass ich eigentlich alles andere als schüchtern bin. (lacht)

Zumindest mutig genug, um zusammen mit Laura Veirs und k.d. lang 2016 ein Album herauszubringen.
Du meinst, dieses Album mit den zwei rauchenden Babes? (lacht) Das war eine interessante Herausforderung, weil wir von Anfang an beschlossen hatten, gemeinsam an den Songs zu arbeiten. Das ist eher ungewöhnlich bei solchen Kollaborationen. Wir aber haben es so gemacht und gelernt, uns trotz unserer unterschiedlichen Charaktere gemeinsam durch die Arbeit zu navigieren und ein Team zu werden.

Neko Case „Hell-On“ (Anti-Records/Indigo)

Was war für dich dabei die größte Herausforderung?
Die beiden arbeiten ganz anders als ich, schon allein deswegen, weil sie immer gut organisiert und perfekt vorbereitet sind. K.d. weiß genau, was sie hören will, sie kann es exakt beschreiben und ist die perfekte Produzentin. Laura ist ebenfalls hervorragend vorbereitet, erweitert ständig ihre Fähigkeiten an der Gitarre. Sie will nicht, dass sie jemanden fragen muss, was sie da tut. Ich dagegen bin der Typ, der den freien Fall bevorzugt. Ich schlage mit ein paar mehr oder weniger fertigen Songs auf und schaue, was passiert. Aber die Zusammenarbeit hat mich auch sehr dazu inspiriert, mehr zu produzieren.

Laura Veirs‘ Ehemann Tucker Martine hat das Album produziert, nicht wahr?
Ja, Tucker hatte „The Worse Things Get …“ produziert, daher stammt die Idee für unsere „case/lang/veirs“-Platte. Tucker war eigentlich das vierte Bandmitglied. Er ist toll. Er hat seine eigenen Ideen und weiß, sie genügen. Er fühlt sich nicht bedroht davon, was andere Frauen oder auch andere Männer tun. Er kann einfach Tucker Martine sein. Das ist etwas, das jedes menschliche Wesen haben sollte, dieses Gefühl, einfach präsent und dabei er*sie selbst zu sein.

12:39

Neko Case: Die Amazone lebt!

Von Verena Reygers

Neko, im Titelstück zu deinem neuen Album „Hell-On“ singst du sowohl über Gott als auch über deine Stimme. Wem vertraust du mehr?
Tja, meine Stimme, die akzeptiere ich einfach so, wie sie ist. Manche Leute denken, das hieße, ich könne sie nicht leiden, aber das stimmt nicht. Jede*r Sänger*in ist sich sehr bewusst über die Möglichkeiten einer Stimme und die Begrenzungen der eigenen. Das muss man akzeptieren. Und was Gott betrifft: Die Zeile ist eher als Rätsel zu verstehen, das eine Unterhaltung auf eine neue Ebene bringen soll. Es ist ein sehr persönlicher Song, der auch ein bisschen rätselhaft wirkt. Aber so ist es eben mit Songs. Sie beschreiben etwas, das du anders nicht ausdrücken kannst.

© Emily Shur

Ein anderes Wort, das du oft benutzt, ist „wild“. In „Hell-On“ singst du: „I’m a wilderness, yes.“ Und im finalen Song „Pitch Or Honey“: „Hey, I love you better when you’re wild“, auch dazwischen taucht das Wort immer wieder auf. Was steckt dahinter?
Das passt zu deiner ersten Frage nach Gott: Ich finden keinen Halt im Glauben. Die Menschen denken, sie seien die wichtigste Schöpfung. Aber das sind sie nicht – bei Weitem nicht. Egal, was wir tun oder wie fortschrittlich wir sind, wir sind der Natur ausgeliefert. Das ist ein enormer Trost für mich. Es erinnert mich an unseren Platz auf dieser Erde und daran, dass das, was uns tagtäglich widerfährt, im Grunde nicht der Rede wert ist.

Das klingt ziemlich gelassen, verglichen mit dem Titel deines letzten Albums „The Worse Things Get, The Harder I Fight, The Harder I Fight, The More I Love You“.
Meine letzte Platte entstand aus einem ähnlichen Gefühl heraus, aber da war ich noch zu sehr verstrickt im Prozess.

© Emily Shur

Es scheint, dass das Buch „The Amazons“ von Adrienne Mayor dir dabei geholfen hat, dich zu „entstricken“. Aber Amazonen sind ja eigentlich Sagenfiguren.
Sie haben wirklich existiert. Und es waren nicht nur Frauen. Stattdessen haben Männer und Frauen in einer gleichberechtigten Welt gelebt, in der nicht nach Geschlecht, sondern nach Fähigkeiten und Interessen bewertet wurde. Das alles steht in diesem großartigen Buch!

Wie kamst du darauf?
All das hat mich einfach fertiggemacht: die Zustände, die Gesetze, mein Land, wo Frauen gehasst werden – wie an so vielen anderen Orten der Welt auch. Ich musste herausfinden, an welchen Punkt die Gesellschaft angefangen hat, Frauen zu benachteiligen, sie abzulehnen. Also habe ich sehr viel recherchiert und gelesen, unter anderem Mayors Buch.

Das klingt nicht nur wütend, sondern auch um Klärung bemüht.
Ja, es macht mich wütend zu sehen, wie die Geschichtsschreibung Frauen einfach ausspart. Wir sind keine Nebendarstellerinnen oder Babymaschinen, auch wenn wir so behandelt worden sind. Ich weiß, es hat immer starke und handelnde Frauen gegeben – sie sind bloß ignoriert worden. Aber das ändert sich. Aktuelle Forschungen untersuchen ihre Geschichte neu. Und natürlich macht es mich genauso wütend, für eine Bildung bezahlt zu haben, die Frauen nicht beinhaltet. Doch jetzt bin ich klüger. Und froh zu sehen, dass die jungen Menschen beginnen, die Dinge anders sehen. Meine Stieftochter ist jetzt neun, und sie nimmt so viele Sachen für selbstverständlich, die es für mich nie waren. Das berührt mich sehr.

Apropos Zeitgeschichte: Thematisierst du in „Last Lion Of Albion“ den Brexit? Schließlich ist Albion der urtümliche Name für England …
Das könnte man denken. Aber es ist eher ein symbolischer Song. Löwen stehen für Stärke und Kraft, und wir nutzen ihr Symbol auf Flaggen und Wappen. In „Last Lion Of Albion“ fantasiere ich von einer großen Löwenmeute, die den Menschen ähnlich veräußert: uns frisst und auf Geldscheinen oder T-Shirts abbildet.

Du selbst lebst zwischen den Kulturen, du bist US-Amerikanerin, hast aber auch jahrelang in Kanada gewohnt und warst dort kreativ aktiv. Wie nimmst du die Unterschiede zwischen den beiden Ländern wahr?
Ich lebe zwar aktuell in Vermont, aber bin nahe der kanadischen Grenze aufgewachsen. Ich würde gar nicht so sehr zwischen USA und Kanada unterscheiden, sondern eher von einer nordamerikanischen Mentalität sprechen. Schließlich sind beide Staaten weit davon entfernt, „nett“ zu den Native Americans zu sein. Aber trotzdem hat mir Kanada in vielen Dingen die Augen geöffnet. Und nicht nur, weil ich dort gelernt habe, mit Messer und Gabel zu essen (lacht). Es ist toll, in einem Land zu leben, das Kultur schätzt und Künstler*innen unterstützt, indem es ihnen die Möglichkeit gibt, als Botschafter*innen in aller Welt zu wirken.

Vor deiner Solokarriere bist du als Mitglied der New Pornographers bekannt geworden. Wie blickst du auf diese Zeit zurück?
Ich bin damals zu der Band gestoßen, weil ich Teil von etwas sein wollte. Ich bin Einzelkind, quasi nur in Gemeinschaft mit meinen Eltern gefühlt am Ende der Welt aufgewachsen. Ich war ziemlich einsam und habe wenig Kontakt zu anderen Menschen gehabt. Ich musste lernen, mit anderen in Kontakt zu kommen. Dann habe ich gemerkt, dass ich eigentlich alles andere als schüchtern bin. (lacht)

Zumindest mutig genug, um zusammen mit Laura Veirs und k.d. lang 2016 ein Album herauszubringen.
Du meinst, dieses Album mit den zwei rauchenden Babes? (lacht) Das war eine interessante Herausforderung, weil wir von Anfang an beschlossen hatten, gemeinsam an den Songs zu arbeiten. Das ist eher ungewöhnlich bei solchen Kollaborationen. Wir aber haben es so gemacht und gelernt, uns trotz unserer unterschiedlichen Charaktere gemeinsam durch die Arbeit zu navigieren und ein Team zu werden.

Neko Case „Hell-On“ (Anti-Records/Indigo)

Was war für dich dabei die größte Herausforderung?
Die beiden arbeiten ganz anders als ich, schon allein deswegen, weil sie immer gut organisiert und perfekt vorbereitet sind. K.d. weiß genau, was sie hören will, sie kann es exakt beschreiben und ist die perfekte Produzentin. Laura ist ebenfalls hervorragend vorbereitet, erweitert ständig ihre Fähigkeiten an der Gitarre. Sie will nicht, dass sie jemanden fragen muss, was sie da tut. Ich dagegen bin der Typ, der den freien Fall bevorzugt. Ich schlage mit ein paar mehr oder weniger fertigen Songs auf und schaue, was passiert. Aber die Zusammenarbeit hat mich auch sehr dazu inspiriert, mehr zu produzieren.

Laura Veirs‘ Ehemann Tucker Martine hat das Album produziert, nicht wahr?
Ja, Tucker hatte „The Worse Things Get …“ produziert, daher stammt die Idee für unsere „case/lang/veirs“-Platte. Tucker war eigentlich das vierte Bandmitglied. Er ist toll. Er hat seine eigenen Ideen und weiß, sie genügen. Er fühlt sich nicht bedroht davon, was andere Frauen oder auch andere Männer tun. Er kann einfach Tucker Martine sein. Das ist etwas, das jedes menschliche Wesen haben sollte, dieses Gefühl, einfach präsent und dabei er*sie selbst zu sein.

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