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April 21 2017

12:37

Perfektion, Piss Off!

Von Daniela Chmelik

Der Melancholie versprechende Titel „Das Alphabet der traurigen Frauen“ ist zugleich ernst und augenzwinkernd gemeint. Jeder der 26 Vierzeiler ist einem Frauennamen gewidmet. Manche Gedichte kommen etwas lahm rüber – so wie das Leben eben mitunter auch sein kann, mal geht das Metrum nicht auf, mal ist der Reim nicht astrein. Die Botschaft ist: Perfektion, piss off!

Mia Grau © Andree Weissert

Die lakonischen Texte thematisieren weibliche Selbstzerfleischung, Wirkungsbedürfnis, das Gefühl, immer ungerecht behandelt zu werden, auf unbestimmte Weise fehl zu sein. Sie beinhalten müßige Träume von einem besseren Ich, Zweifel, Selbstreflexion, Aggression. Inhalt und Form disharmonieren auf merkwürdige Weise und ergeben eine feine Ironie: „Céleste. Ach, Céleste – du verlässt das rauschende Fest. Und in der U-Bahn fragst du dich: ‚War ich heut peinlich oder nich’?'“ Oder: „Monika. Oh Monika – du trinkst gern Alkoholika. Du trinkst vor allem, wenn bekümmert, obschon das Trinken das verschlimmert.“

Mia Grau „Das Alphabet der traurigen Frauen“
Mit Illustrationen von Martin Fengel. Berlin Verlag, 64 S., 14 Euro

Wie wahr, wie wahr, denkt die Leserin da mit ertappt-zerknirscht-traurigem Schmunzeln. Die Autorin erfasst die Ambivalenz des Seins: heiter und trüb, schwarz und weiß. Mia Grau: gute Frau! Zum Humor Mia Graus passt ihre schmucke Kunstserie futur-nostalgischer Atomteller: blau-weißes Porzellanservice mit Bildern (nicht von Landschaft mit Mühle, sondern) von Atomkraftwerken. Bäm!

April 20 2017

10:50

Lesbisch, verfolgt, vergessen

— Kaufen Sie den vollständigen Inhalt für 0.99 EUR —

Von Sylvia Köchl

Ravensbrück, eine Bahnstunde nördlich von Berlin, im April 2015: Bei den Feierlichkeiten zum siebzigsten Jahrestag der Befreiung des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers wird eine „Gedenkkugel“ niedergelegt. Sie soll „alle lesbischen Frauen und Mädchen“, die hier oder im nahegelegenen Mädchen-KZ Uckermark inhaftiert waren, sichtbar machen. „Sie wurden als ,Verrückte‘, Widerständige, ,Asoziale‘ und aus anderen Gründen verfolgt und ermordet“, lautet die Inschrift. Die Gedenkkugel – anstelle eines Gedenksteins, der unverrückbar da steht oder fest in der Erde verankert ist – war als Kommentar gedacht: Sie kann weggerollt werden, sie beschädigt nichts, sie braucht keine Erlaubnis. Ein Jahr später, im Mai 2016, war sie wieder verschwunden. Die Leitung der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück hatte offenbar eine Weisung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten erhalten, die „illegale“ Kugel zu entfernen.

Aber was ist denn das Problem, fragen sich seither viele, denen durch diese Aktion überhaupt erst klargeworden ist, dass ausgerechnet am Gedenkort Ravensbrück, dem einstigen zentralen Frauenkonzentrationslager der Nazis, Lesben keinerlei Erwähnung finden. Wo Frauen sind, sind auch Lesben, und wurden Lesben – oder wen die Nazis dafür hielten – etwa nicht als unerwünschte gesellschaftliche Gruppe verfolgt? Seit den 1980er-Jahren wird eben darüber gestritten

April 19 2017

12:02

Recht diskriminierend

Von Armaghan Naghipour

Die juristische Ausbildung hat ein Sexismusproblem. Das fiel mir früh in meinem Studium der Rechtswissenschaften auf. Angesprochen habe ich es erst spät. Mit meiner Migrationsgeschichte fühlte ich mich an meinem Erststudienort Heidelberg in einem Fach wie Jura ohnehin schon als bunter Vogel. Meinen Namen konnte/wollte niemand richtig aussprechen. Und dann: Duktus, Habitus, Witze, Fallübungen, alles überwiegend männliche Narrative. Ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die glaubten, das Studium des Rechts diene der Durchsetzung von Gerechtigkeit für alle.

Die Juristenausbildung (sic!) ist sehr androzentristisch. © Shutterstock/vchal

Anfang diesen Jahres dann plötzlich ein auf Krawall gebürsteter, verdammt scharfsinniger Aufsatz dreier Juristinnen, die das Thema Sexismus in der Jurist*innenausbildung aufgreifen und obendrauf noch einen passenden Blog dazu ins Leben rufen.

Zum Relaunch ihres Blogs wurde es allerhöchste Eisenbahn, Lucy Chebout, Selma Gather und Dana-Sophia Valentiner persönlich kennenzulernen.

Wie ist euer Projekt entstanden?
Selma Gather: Wir drei kannten uns schon aus dem Kontext des Feministischen Juristinnentags. Näher haben wir uns dann im letzten Jahr bei dem studentisch organisierten Kongress „Sexismus in der (juristischen) Ausbildung“ in Münster kennengelernt.

Dana-Sophia Valentiner: Daran anknüpfend ist unser Beitrag in der Zeitschrift des deutschen Juristinnenbundes (djbZ) entstanden, in dem wir einfach mal aufgeschrieben haben, was wir in der juristischen Ausbildung als sexistisch wahrnehmen. Und im Anschluss daran nun der Blog.

Lucy Chebout: Wir haben gemerkt: Das Thema betrifft nicht nur jede von uns individuell, sondern es ist ein strukturelles Problem. Derzeit wird eine umfassende Reform der juristischen Ausbildung vorbereitet. Sexismus, Rassismus, Homofeindlichkeit und so weiter kommen in der Reformdiskussion überhaupt nicht vor. Sollten sie aber. Gerade bei so einem wichtigen Instrument wie dem Recht, wo es um Gerechtigkeitsfragen geht, müssen exkludierende und diskriminierende Ausbildungsbedingungen problematisiert oder überhaupt angesprochen werden.

Worin zeigen sich diese Ausschließungsmechanismen?
DV: Jura wird anhand von Übungsfällen gelehrt und gelernt. Ich habe im Rahmen des Projekts „(Geschlechter)Rollenstereotype in juristischen Ausbildungsfällen“ an der Uni Hamburg empirisch die Geschlechterrollen von Frauen in Jurafällen untersucht. In den insgesamt 87 Examensübungsklausuren, die wir uns angeschaut haben, sind weniger als 20 Prozent der knapp 400 Protagonist*innen weiblich. Geschlechtsidentitäten jenseits der binären Geschlechterordnung finden sich gar nicht. Die wenigen Frauen werden sehr häufig über ihre Beziehung zu Männern definiert, sie treten als Ehefrauen, Töchter, Geliebte auf, ihre Namen werden sehr häufig auf diese Beziehungen reduziert. Wir haben uns auch die Berufe angeschaut: Frauen werden seltener berufstätig dargestellt als Männer. So hat nur knapp ein Drittel der Frauen einen Beruf, aber fast zwei Drittel der Männer. Bei den Berufen werden geschlechtsbezogene Stereotype bedient: Frauen arbeiten als Verkäuferinnen und im Dienstleistungssektor, im handwerklichen und technischen Bereich werden hingegen nur Männer dargestellt, Richter*innen und Anwält*innen sind ganz überwiegend männlich. Und schließlich: Gerade einmal 5 Prozent der Fälle sind in geschlechtergerechter Form verfasst.

SG: Sehr viel hat darüber hinaus mit den juristischen Räumen zu tun, wie sich dort bewegt wird, was dort für ein Ton und Selbstverständnis vorherrscht. Sowie auch damit, dass der Anteil an weiblichem Ausbildungspersonal oder weiblich besetzten Lehrstühlen prozentual sehr gering ist.

Wie hoch ist der Anteil an weiblichem Ausbildungspersonal?
SG: Der Anteil der mit Frauen besetzten Lehrstühle in Deutschland beträgt gerade einmal 16 Prozent. Das heißt, über 80 Prozent der Lehrstühle sind männlich besetzt. Auf jeder Sprosse der universitären Karriereleiter nimmt der Anteil an Frauen ab. Das wirkt sich natürlich auch auf das Lehrpersonal aus. 

Mir ist es in meiner eigenen juristischen Ausbildung häufig so ergangen, dass ich immer, wenn ich mich gegen eine meines Erachtens sexistische Fallgestaltung oder Bemerkung geäußert habe, nicht nur von der männlichen Front, sondern leider ebenso häufig von weiblichen Mitstudierenden belächelt wurde. Wie war das bei euch?
LC: Das ist schon ein großer Schritt, das überhaupt anzusprechen. Ich hab ehrlich gesagt oft gar nicht interveniert.

Weil der Raum dafür einfach nicht vorhanden war?
LC: Ja, auch weil ich Angst hatte vor negativen Konsequenzen. Man sitzt in der Vorlesung und der Prof macht vermeintlich witzige Bemerkungen über Geschlechterrollen oder so und der Saal lacht, und man selbst denkt: Das find ich überhaupt nicht witzig. Mein Grundgefühl im Studium war entsprechend: Ich gehöre hier nicht wirklich dazu, meine Lebenswirklichkeit ist hier null repräsentiert. Das hat meist dazu geführt, dass ich einfach gar nicht mehr in die Veranstaltungen gegangen bin.

SG: Es gibt auch konkrete Erfahrungen von Leuten, die etwas gesagt haben und die dann als Sprachpolizei bezeichnet werden. Aber keine von uns hat die Erfahrung gemacht: Ich habe es angesprochen und wurde dabei unterstützt.

DV: Im Vorgespräch zu meiner mündlichen Prüfung teilte ein Prüfer meinen drei Kommilitoninnen und mir zum Beispiel mit, wir sollten uns keine Sorge machen, da die Prüfungskommission rein männlich besetzt sei und wir uns einfach einen netten Rock anziehen sollten.

SG: Es gab aber auch Lichtblicke, beispielsweise wenn geschlechtergerechte Sprache auf Folien verwendet wurde oder eine Fallkonstellation im Uni Repetitorium Racial Profiling thematisierte, ohne Rassismus zu reproduzieren. Das fand ich total gut, und das sollte es viel mehr geben.

Jetzt, wo ihr von Racial Profiling sprecht, nehme ich an, dass ihr eine Intersektionalität in der Diskriminierung beobachtet.
LC: Absolut. Unser Ausgangspunkt war Sexismus. Aber selbstverständlich ist unser Verständnis von Ungleichheiten umfassender. Es geht genauso um Rassismus, um Heteronormativität, auch um ableistische Perspektiven und vieles mehr. Wenn man beispielsweise Rassismus in den Fokus nimmt, ist das Problem noch deutlicher, gerade was die Repräsentation betrifft: Lehrende oder gar Professorinnen of Color sind an juristischen Fakultäten höchst selten zu finden.

DV: Wenn es hingegen um bestimmte Delikte im Strafrecht geht, sind die Täter ganz häufig Migranten. Auch die scheinbar neutralen Namenskürzel in Jurafällen, zum Beispiel A oder B, werden da schnell mal zu Ö oder Ü.

 

Die Macherinnen des Blogs: 

Lucy Chebout:
Rechtsreferendarin in Potsdam. Studierte Rechtswissenschaften sowie Gender Studies und Islamwissenschaften in Berlin.

Selma Gather:
Rechtsreferendarin in Berlin. Studierte Rechtswissenschaften in Berlin und Genf.

Dana-Sophia Valentiner:
Mitglied der djb-Kommission Verfassungsrecht, Öffentliches Recht, Gleichstellung; wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof.in Dr.in Margarete Schuler-Harms an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Studierte Rechtswissenschaften und Genderkompetenz in Hamburg.

Und warum, meint ihr, ist diese Art von Sprache und Verhaltensweise in der Juristerei so stark ausgeprägt?
LC: Ich glaube, das liegt erstens daran, dass Jura eine Machtdisziplin ist. Das Recht ist ein Herrschaftsinstrument, was in spezifischer Weise dazu befähigt, an der Gesellschaft teilzuhaben und Entscheidungen zu beeinflussen. Bei anderen – zum Beispiel geisteswissenschaftlichen – Fächern ist das anders.

Zweitens verändert sich durch den Zugang von marginalisierten Personen zum Jurastudium das Ganze zwar. Aber gleichzeitig geht mit der Ausbildung eine gewisse Sozialisation in das Fach einher. Beispielsweise die Orientierung am Staatsexamen, das Konkurrenzdenken, enormer Leistungsdruck und damit verbundene Aussiebungsmechanismen sind etwas sehr Juraspezifisches. Du wirst in der juristischen Ausbildung an keiner Stelle dazu animiert, dich kritisch mit dem auseinanderzusetzen, was du erlernst – zumindest hilft es dir im Examen null.

Wie war die Resonanz auf euren Blog in der Studierendenschaft?
SG: Das mit dem Blog ist ja ein ziemlich spontanes Projekt gewesen. Die Idee gab es schon länger, aber gestartet haben wir ihn in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Wir haben das dann in unsere Netzwerke rausgeschickt und waren ziemlich überwältigt von der Resonanz. Jetzt sind wir sehr gespannt, wie es sich entwickelt, wenn wir den Blog relaunchen und uns ausdrücklich an Lehrpersonal, Fachschaften und Studierende wenden.

DV: Es gibt auf der Homepage verschiedene Beteiligungsmöglichkeiten. Denn darum geht es uns letztlich: dass wir Beispiele sammeln und damit eine Sichtbarmachung der Problematik erreichen.

Und was erhofft ihr euch nach dem Prozess der Sichtbarmachung?
SG: Unser primäres Anliegen mit dem Blog ist es, den Leuten, die sagen‚ sie sähen das Problem nicht, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dabei wollen wir nicht einzelne Leute an den Pranger stellen, sondern vielmehr das strukturelle Problem aufzeigen. Die Beispiele im Blog sind deshalb auch alle anonymisiert. Zudem haben wir unter anderem kürzlich einen Arbeitsstab im Deutschen Juristinnenbund gegründet bzw. wiederbelebt, wo wir das Thema strukturierter, konstruktiver angehen und auf die diskriminierungskritische Agenda setzen wollen. Der Blog ist ein Baustein, ein Argumentationsstützpunkt in dem Ganzen.

 

Reposted bymkaynoa mkaynoa

April 18 2017

11:18

Welcome To The Struggle

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Von Dominique Haensell Meine Freundin Martha ist in der Stadt. Eine gute Gelegenheit, um endlich all den spannenden Kram zu machen, für den ich sonst zu faul bin. „Aber nicht zu viel vornehmen“, lacht Martha. „Ich hab nämlich einen Vertrag abgeschlossen: I Will Always Do What I Say I Am Going To Do.“ Das muss sie mir erklären. Vor zwe…

April 13 2017

10:09

Seilspringende Mannsbilder und Rabenmütter auf Koks

Von Maxi Braun

Rogash, Mitglied des Transnationalen Ensembles Labsa, steht auf der Bühne im Scheinwerferlicht. Er atmet einmal kurz durch. Er streift sein Axelshirt mit der Aufschrift „It’s weekend, bitches!“ ab, darunter kommen Brustmuskeln und Sixpack zum Vorschein, auf die der junge Mann sichtlich stolz ist. Dann beginnt er, Seil zu springen. Seine Brustmuskeln wippen, der Sixpack glänzt. Er wird immer schneller und steigert die irre Seilspringnummer bis zu einer wahnwitzigen Geschwindigkeit. Das Publikum beim 30. Internationalen Frauenfilmfestival – mehrheitlich weiblich und überzeugt feministisch – klatscht im Takt und johlt. Da soll noch mal jemand behaupten, Feminismus und Humor, das passe nicht zusammen.

Die Rabenmütter-Knetfiguren aus „Moms on Fire“ von Joanna Rytel. © Internationales Frauenfilmfestival Köln | Dortmund

Dreißig Jahre Frauenfilmfestival Dortmund | Köln, das heißt drei Jahrzehnte Stärkung feministischer Diskurse im und über Film und Vernetzung von weiblichen Filmschaffenden auf internationaler Ebene. Bei der diesjährigen Ausgabe wurden mehr als 120 Filme gezeigt, unterschiedlich in Genre, Form und Ästhetik. Alle stammen von Regisseurinnen (bis auf die Beiträge der filmhistorischen Reihe). Der Anteil von Drehbuchschreiberinnen und Kamerafrauen ist überdurchschnittlich hoch. Neben den reinen Lang- und Kurzfilmprogrammen ist 2017 auch der Anteil an Performances gewachsen und hat das Spektrum des Festivals um weitere Formen feministischer Kunst erweitert. Zwei dieser interdisziplinären Veranstaltungen haben dabei besonderen Eindruck hinterlassen.

Einen furiosen Mix aus Performance, Lesung, Poetry, Tanz und Video liefert das Transnationale Ensemble Labsa ab. 27 junge Menschen mit und ohne Fluchterfahrung aus 17 Nationen erarbeiten dabei künstlerische Projekte. Das Ensemble ist Teil des gemeinnützigen Vereins Labsa, der 2007 als „Labor für sensorische Annehmlichkeiten“ in Dortmund gegründet wurde und interdisziplinär arbeitet. Emilia Hagelganz ist eine der Mitbegründerinnen und neben Lena Tempich und Anna Buchta eine der Künstlerinnen, die bei der Projektentwicklung hilft. Sie selbst kam vor mehr als 20 Jahren aus Russland und findet: „Improvisation ist das Einzige, worauf wir uns im Leben verlassen können.“ Das gilt auch für den Abend mit dem Ensemble im sweetSixteen-Kino in Dortmund.

Gezeigt werden zum Beispiel acht Videos, die das Ensemble in den letzten zwei Jahren realisiert hat. In „Wohnungssuche“ werfen groteske Maskengesichter gierige Blicke in ein Papphaus, dessen Wände mit Blanko-Passpapieren ausgekleidet sind. Die Betrachter*innen sind perspektivisch in der Wohnung ihren Blicken ausgesetzt und Teil der schlichten Behausung. Menschen ohne Flucht- oder Migrationserfahrung, die das Video sehen, kennen das Problem, aufgrund der eigenen Herkunft keine Wohnung zu bekommen, nicht und werfen so einen voyeuristischen Blick zurück auf die, die ausgeschlossen sind.

Ein anderes Video lässt die Protagonist*innen Briefe an ihre Heimat vortragen, auf Deutsch, Englisch, Französisch. Die Verfasser*innen stammen aus Afghanistan, von der Elfenbeinküste, aus Guniea oder Eritrea, ihre Botschaften verraten ebenso viel über die verlorene Heimat wie die neu gefundene. Seruta aus Sierre Leone genießt heiße Milch mit Honig und findet, dass auch Deutschland „a country full of milk and honey“ sei. Wehmut, Verlust und Einsamkeit durchziehen diese Briefbotschaften, aber auch ein Gefühl des Ankommens.

In kurzen Clips unter dem Titel „Sugar Snap TV“ philosophiert Fortune regelmäßig im Netz zu bestimmten Themen. Im gezeigten Video stellt sie vier Minuten lang Überlegungen zu „Nationalität“ an: „Was hast du richtig gemacht und ich falsch? Ist das Leben eine Prüfung, die ich schon verloren habe, als ich in Afrika geboren wurde?“

Bei den von Live-Musik begleiteten Performances treten die meisten Protagonist*innen aus den Videos noch mal live auf die Bühne. Neben HipHop, Tanz und lyrischen Vorträgen hinterlässt vor allem Amirs Auftritt Eindruck. Er erzählt von seiner Kindheit in Afghanistan, wo er als Kind beim Ziegenhüten von einem Mann um Obdach gebeten wurde. Amir nimmt den Fremden mit, erst die Eltern merken, dass es sich um eine verkleidete Frau handelt, die vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen ist. Sie darf nicht im Dorf bleiben und wird zurück zu ihrem Mann gebracht. Amir hört erst später, dass die Frau zur Strafe für ihre Flucht gesteinigt wurde. Der junge Mann mit den langen Haaren streift sich ein rosafarbenes Kleid über und widmet dieser Frau einen wilden, ekstatisch endenden Tanz.

Die Darsteller agieren entgegen gängiger Geschlechterrollen und gleichzeitig gegen westlich-europäische Vorurteile bezüglich Geschlechterrollen in nicht-westlichen Ländern. Für ein Frauenfilmfestival sind sehr viele Männer auf der Bühne – genau genommen alle bis auf Emilia. „Frauen überwiegen im Team, aber die Darsteller*innen sind zu drei Vierteln männlich. Das bildet aber auch die Demografie der Fluchtbewegungen ab. Es kommen nun mal mehr Männer“, erklärt Emilia. „Viele der Frauen, die hier ankommen, gehen einen anderen Weg, kümmern sich um Kinder und die Familie, statt sich künstlerisch zu betätigen.“

In den zwei Stunden, die das Transnationale Ensemble Labsa performt, spielen Geschlecht, Herkunft und alles andere, was Menschen trennt, keine Rolle. Die gemeinsame Sprache der Kunst hilft zu verstehen, was es bedeutet, fremd zu sein, veranschaulicht dies subtil und trotzdem politisch. „Wenn wir uns treffen, geht es nur um die Projekte und darum, diese zu fühlen. Es wird von außen aber natürlich als Politikum betrachtet“, bringt Emilia diese Verbindung von Kunst und politischer Botschaft auf den Punkt.

Lisa Gornick’s „Lesbian Film Live Drawing Show“
Eine andere performative Veranstaltung ist die lange Kurzfilmnacht, die durch die Performances „Whats good?“ und Lisa Gornicks „Lesbian Film Live Drawing Show“ gerahmt wird. Gornick, britische Filmemacherin, Künstlerin und Performerin, ist hier vor allem Entertainerin. Wie in ihrem Atelier sitzt sie hinter einem Schreibtisch und entwirft zeichnend Geschichten und Anekdoten rund um ihr Werk, alles live auf die Leinwand projiziert.

Bekannt geworden ist Gornick durch ihr Langfilmdebüt „Do I Love You?“ (2003), eine urbane, lesbische Break-up-Story. Zuerst protzt sie mit Kritiker*innenlob für ihren ersten Film, um danach genüsslich die schlechtesten Amazon-User-Bewertungen zu rezitieren. Ungezwungen plaudert sie über den Uniformfetisch diverser Liebhaberinnen, alle inspiriert von dem 1930er-Jahre-Spielfilm „Mädchen in Uniform“ von Leontine Sagan, laut Gornick der erste lesbische Film überhaupt. Später schikaniert Gornick ein anderes Genre des lesbischen Films: „You know who gets the money for lesbian films? Right, men do, for lesbian porn.“ Langmähnige, großbusige Frauen mit langen Fingernägeln entstehen unter Gornicks Strichen.

Obwohl sich auf Gornicks Aufforderung „Are there any non-lesbians?“ so gut wie niemand als hetero outet, scheinen lesbische Kultfilme wie Lisa Cholodenkos „High Art“ oder Donna Deitchs „Desert Hearts“ weitgehend unbekannt, vielleicht ist das Publikum auch einfach zu schüchtern. Die US-amerikanische Filmemacherin Su Friedrich, die zufällig im Publikum sitzt, rettet Gornick schließlich die Show. In rauchigem Englisch schildert Friedrich aus der letzten Reihe den Plot von „Desert Hearts“, den Gornick parallel zeichnend erzählt. Friedrich ist beim Frauenfilmfestival mit zwei Dokumentationen über ihre deutsche Mutter, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Chicago emigrierte, zu Gast.

Durch den Abend führt Gornick. Ihr neuer Langfilm ist übrigens zu keinem lesbischen Filmfestival zugelassen worden. „They told me it’s not lesbian enough … what the hell is that supposed to mean?“

Abschließend erschafft sie noch in zarten Aquarellstrichen einen erotischen Moment zwischen einer gewissen „Angela“ und einer „Theresa“, von denen Letztere immer wieder haucht „Don’t leave me“ – ein zärtlicherer Kommentar auf die Brexit-Verhandlungen ist kaum denkbar.

Was für den lesbischen Film gilt, stimmt auch für den feministischen. Das anschließende Kurzfilmprogramm zeigt kluge, witzige und provokative Werke von Regisseurinnen, genauso vielfältig wie feministische Strömungen heutzutage sind. Marion Pfaus steuert neben „Women acting like Staubsaugerroboter“ (der hält, was der Titel verspricht) noch zwei Persiflagen auf den Comedian Mario Barth bei. Die „entspezialisierte Medienartistin“ aus Berlin offenbart mit ihrer lippensynchronen Imitation, wie stereotyp, aber vor allem platt und langweilig Barths Witze sind.

In Renata Gasiorowska Animationsfilm „Cipka“ (polnisch für Pussy) wird eine junge Frau so oft beim friedlichen Masturbieren gestört, bis ihre Vulva die Schnauze voll hat und davonhüpft. Erst im Flur – angewachsen auf die Größe einer Bulldogge, die den Nachbarn knurrend verjagt und aussieht, wie ich mir Gregor Samsa vorstelle – kann die überdrehte Pussy mit fröhlich grinsendem Klitoris-Köpfchen wieder in die Wohnung bugsiert werden. Dort genießt sie losgelöst vom Schoß sämtliche sensorische Genüsse des Interieurs, vom Teppichboden bis zur Haarbürste.

Aus Polen stammt auch Zofia Kawaleskas Dokumentation „Więzi“ (Close Ties). Das Kammerspiel in Schwarz-Weiß zeigt den Alltag eines Ehepaares kurz vor dem 45. Hochzeitstag. War sie schon immer ein kontrollsüchtiger Drachen? Oder liegt es daran, dass er zwischendurch acht Jahre lang verschwunden war und mit einer anderen Frau zusammengelebt hat? Wenn sich neckt, was sich liebt, sind Barbaras und Zdzisławs Wortgefechte die Love-Story des Jahrtausends. Irgendwo zwischen Vorhaltungen, Zynismus und emotionalen Fleischwunden der Paarbeziehung hat die erst 22-jährige Regisseurin ein Gefühl lebenslanger Verbundenheit zwischen zwei Menschen aufgespürt, das schwer beschreibbar ist.

Höhepunkt ist der schwedische Animationsfilm „Moms on Fire“ von Joanna Rytel. Zwei Mütter, vier Tage vor der Geburt. Die Männer sind nicht da und ohnehin nicht identisch mit den leiblichen Vätern, die Erstgeborenen fungieren als Erzähler und rauchen Bleistifte. Die beiden Hochschwangeren streicheln ihre Wampen und einander, träumen von Koks und flotten Dreiern, Masturbieren und tauschen Zungenküsse mit der Katze. Alles in einer Knetoptik, als hätte man Wallace & Gromit in einen Mixer gestopft, grauenvoll verstümmelt und lieblos zusammengepappt, was übrig war. Am Ende bleiben die nutz- und gesichtslosen Väter mit den Kuckuckskindern zurück, die Mütter setzen sich nach Jamaika ab.

Bei so viel abwechslungsreicher Filmkost ist verschmerzbar, dass die LGBTQ- und Riot-Grrrl-Performance „What’s Good“ von Katharina Merten und Grafikdesignerin Anja Kaiser eine wahnsinnig aufwendige, aber an der digitalen Oberfläche verharrende Collage bleibt. Ein bisschen „Paris Is Burning“ hier, ein wenig Kritik am feministischen Tinder dort, dazu pseudoprivate Chat-Fragmente und Schmink-Tutorial-Schleifen, zwischen denen Porno-Gifs und Avatare aufpoppen, das alles live gestreamt. Vielleicht ist die Performance spannender, wenn all die kleinen Zitationen und popkulturellen Fetzen bekannt sind, vielleicht bin ich auch eine Generation zu alt für so viel eklektisches Bling-Bling. Immerhin die beiden DJanes haben ihren Spaß.

 

April 12 2017

12:34

Get Out Of My Hair

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Von Hengameh Yaghoobifarah

Es ist ein windiger Februartag in Hoxton, einem Stadtteil im Osten Londons. Die Gegend wirkt ein wenig trostlos, denn obwohl sonntags die Geschäfte geöffnet haben, sind hier mehr geparkte Autos als Menschen zu sehen. Wohnblocks aus beigebraunen Ziegelsteinen reihen sich hintereinander. Auf einem Balkon weht ein Union Jack im Großformat. Gleich hinter der Siedlung befindet sich neben einem kleinen türkischen Supermarkt und einem Waschsalon ein Friseurladen. Mit seiner leuchtend roten Fassade hebt er sich von der sonst farblosen Umgebung ab. Die Retro-Ästhetik des Ladens namens Open Barbers erinnert auf den ersten Blick an jene heteronormativen Rockabilly-Schuppen, in denen Männern der Bart frisiert und die frisch geschnittene Tolle gegelt wird. Doch das hier ist alles andere als ein nostalgischer Barbier.

Im Unterschied zu vielen anderen Herrenfriseuren herrscht hier eine entspannte, herzliche Atmosphäre. Schon der barrierefreie Zugang hebt den Laden von den üblichen Friseursalons ab. Rechts steht ein großer Tisch mit Stühlen, an dem jemand am Laptop arbeitet. Links sitzen zwei Leute auf Sofas, die eine blättert durch ein Buch, die andere unterhält sich mit dem Typen, der der Person auf dem Frisierstuhl gerade die nassen Haare kämmt. Der Friseur heißt Greygory Vass und hat den Laden im März 2011 mit Klara Vanova gegründet. Mittlerweile leitet er ihn gemeinsam mit Felix Lane und arbeitet mit einem Team aus festen und freiberuflichen Friseur*innen zusammen, darunter auch Hank Bobbit von BUTCH CUT aus Berlin.

Was ihn dazu motivierte, einen eigenen Friseursalon zu eröffnen, waren unter anderem die geschlechtsabhängigen Maßregelungen, mit denen viele Personen, besonders queere, beim Haareschneiden konfrontiert werden. Viele Frauen und Femmes mit langen Haaren erzählen, dass sich ihre Friseur*innen geweigert hätten, ihnen Kurzhaarfrisuren zu schneiden. Personen, denen Geschlechter­uneindeutigkeit zugeschrieben wird, müssen sich oft auf dem Frisierstuhl erklären – und noch häufiger…

April 11 2017

09:46

EASY does it NOT

Von Leyla Yenirce

Immer mehr Frauen kapern die deutsche Musikindustrie. Egal ob Pop, Rap oder R&B. Sängerinnen wie Ace Tee, SXTN oder das Duo Chefboss erobern die Szene. Zu Recht: Sie haben Flow, Attitüde und ziemlich viel Selbstbewusstsein. Dinge, die es braucht, um sich in der Männerdomäne durchzusetzen. Was auf den ersten Blick wie ein Trend wirkt, der schleichend die Geschlechterstrukturen im Musikbusiness ändern könnte, wirkt auf den zweiten ein wenig faul. Im Hintergrund ziehen leider immer noch Männer die Fäden. Das Problem: Die Oberfläche wird zwar angekratzt, strukturell passiert aber sehr wenig. Oder noch schlimmer: Sexismus wird unter einem pseudofeministischen Deckmantel reproduziert.

Das Gefühl, wenn der Male Gaze und seine sexistischen Begehren für dein Musikvideo deinen eigentlichen Inhalte verdecken. @ Tine Fetz

Bestes Beispiel hierfür ist das HipHop-Duo SXTN. Die beiden Berlinerinnen Juju und Nura rappen übers Feiern, Drogen und Fotzen. Frech und mit einer großen Schnauze eignen sie sich Charakteristika an, die sonst eher von Männern im Rapbusiness performt werden. Aussagen wie „Ich ficke deine Mutter ohne Schwanz“ stellen die männliche Penetration mit einer großen Prise Humor infrage und wirken dabei undogmatisch feministisch. Cool, mein erster Gedanke, bis ich das Video zu „Deine Mutter“ sah. Juju rappt sitzend auf einem goldenen Thron umgeben von splitternackten Frauen, die mit ihren Ärschen wackeln. Soll das jetzt ermächtigend sein?

Dass Frauen in Rapvideos ihren Arsch bewegen, ist nichts Neues, aber Lil’Kim oder Foxy Brown haben in ihren Videos wenigstens selbstermächtigend mit ihrem eigenen Hintern gewackelt, während sie ihre Lines ins Mic spitteten. SXTN hingegen lässt andere Frauen ihre Fotzen in die Kamera halten. Warum geben sie diesen Frauen nicht das Mic? Oder warum strecken SXTN nicht selber ihre Vulva ins Bild? Nein, darauf haben sie wahrscheinlich keine Lust. Sexistischen Rap reproduzieren gepaart mit ein paar provokanten Lines reicht, um sich das Business anzueignen. Verändern tut es aber gar nichts, die Objektivierung von Frauen wird von Rappern ebenso vollzogen wie von Rapper*innen.

Und wer steckt eigentlich hinter solchen Videos, in denen Frauen nackt performen? Im Falle von SXTN heißt der Regisseur Maxim Rosenbauer. Früher professioneller Skater, heute Teil der selbst ernannten „creative production company“ EASY does it, die Videos für Musiker*innen und Werbung produzieren. Wer einen Blick auf die Videografie des Kollektivs wirft, kann sich schon denken, warum so ein sexistischer Müll dabei herauskommt. Ähnlich wie bei meinem Hassobjekt Nr. 1 Cro wird ein lässiger Lifestyle propagiert, in dem den ganzen Tag feiern und heiße Chicks das Wichtigste im Leben darstellen. Kommerzieller Erfolg vorprogrammiert. Und so ein Rosenbauer dreht dann ein Musikvideo für ein Rapperinnen-Duo, das als neues Takeover gehyped wird und am Ende selbst nackte Frauen für sich tanzen lässt. High life. Hätte Maxim lieber mal auf seinem Brett bleiben sollen.

Wie so ein Musikvideo besser funktioniert, wird deutlich, wenn die Künstlerin selber Regie führt. So wie im Video der R&B-Durchstarterin Ace Tee, das durch seine 1990er-Jahre-Ästhetik zum viralen Superhit wurde. Gemeinsam mit anderen Frauen bewegt sie sich zum Beat von „Bist du Down“ und zeigt, was sie draufhat, ohne andere Personen für sich nackt tanzen zu lassen. Die Idee zu dem Video kam von ihr selbst. Selbstverständlich variieren Ästhetiken je nach Musikgenre; ein R&B-Video kann weniger herb sein als ein Rapvideo. Gegen nackte Frauen im Bild ist auch nichts einzuwenden, dennoch ist entscheidend, wer im Hintergrund mit welchem Blick die Zügeln zieht.

Der Blick von Männern auf Frauen hängt nicht selten von patriarchalen Vorstellungen, ästhetischen Vorlieben und neoliberalen Absichten ab. Das fängt bei einem Video an und hört im Studio auf. Weibliche Produzentinnen finden in der elektronischen Musikszene mittlerweile großen Platz, im Rap, Pop und R&B ist es aber trotzdem immer noch eine Armada an Männern, die das Image einer Künstlerin aus ihrer Sicht produzieren. Damit sich das ändert, müssen mehr Frauen auch hinter den Kulissen mitwirken. Die Frage ist, ob sich SXTN auch für splitternackte Frauen entschieden hätten, wenn sie die Regie übernommen hätten, oder ob das Video von Ace Tee so fresh geworden wäre, wenn nicht sie, sondern irgendein Maxim hinter den Kulissen oder der Kamera seine frauenverachtenden Fantasien hätte spielen lassen.

April 10 2017

10:41

Lieblingsstreberin: Selina Meyer

Von Gabriela Kielhorn

Im Team des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu arbeiten klingt eigentlich nach DEM Höhepunkt einer Politkarriere. Man trifft weltrettende Entscheidungen, lässt sich auf schnieken Veranstaltungen teuren Champagner servieren und beeindruckt die Presse mit Stil und Charme.

© Stephanie F. Scholz

Doch der Arbeitsalltag der Vize­präsidentin Selina Meyer sieht ganz anders aus. Denn die „Veep“, so der Spitzname für die Vizepräsidentin in der gleichnamigen HBO-Serie, merkt schnell, dass diese Position vor allem bedeutet, dem Chef die ganze Arbeit abzunehmen, während der lieber Golf spielt oder ein Schläfchen hält, anstatt seine Mitarbeiter*innen im Weißen Haus zu briefen.

Alle wichtigen Entscheidungen muss Selina (Julia Louis-Dreyfus) alleine treffen. Sie muss zu jeder Galaeröffnung, für die sich der „POTUS“ zu schade ist, und ist verpflichtet, das Weiße Haus immer galant zu repräsentieren. Dort muss sie nicht nur die absolute Inkompetenz ihres Vorgesetzten ausbügeln, als erste weibliche Veep bekommt sie auch die gesamte Kritik der Presse ab. Nicht selten stehen ihre Haare, ihr Style oder einfach die Tatsache, dass sie eine Frau ist, im Fokus der Klatschblätter. Ihren Sarkasmus und ihre messerscharfen Kommentare kennen allerdings nur die internen Mitarbeiter*innen – nach außen versucht sie mit Humor und Souveränität die Fehler des Präsidenten zu vertuschen, um ihn dann hinter verschlossener Tür mit vielen „Fucks“ zu verfluchen.

Derzeit können wir der „Veep“ auf Sky Atlantic bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Selina Meyer ist nicht nett, zuvorkommend oder bedächtig. Sie denkt in erster Linie an ihre Position und an ihren Ruf. Oft ignoriert sie die Bedürfnisse und das Privatleben von Beraterin, Assistent und ihrer eigenen Tochter und zwingt das ganze Team zu unzähligen Überstunden – sie ist nicht wie Leslie Knope aus „Parks and Recreation“, die durch Aufmerksamkeiten die Belegschaft zusammenhält. Doch von ihrem Team nimmt sie durchaus Kritik entgegen und in ihrem Job gibt sie alles.

April 07 2017

10:14

Opre Rom*nja!

Interview von Hengameh Yaghoobifarah

Am Samstag ist der Internationale Tag der Rom*nja, damit schließt ihr den Rom*nja Power Month ab. Was waren eure persönlichen Highlights des Themenmonats?
Da wir den Monat organisieren, haben wir aus unseren persönlichen Highlights eine Veranstaltungsreihe gemacht. Jede der Veranstaltungen hatte ihren eigenen Charme und Wert. Da sie sich auch an unterschiedliche Adressat*innen richteten, ist es unmöglich auszuwählen. Ich zum Beispiel höre sehr gerne langjährigen Bürgerrechtler*innen zu, die über die erinnerungspolitischen Kämpfe und über die Kontinuitäten der Diskriminierung nach dem Nationalsozialismus berichten. Das sind sehr wertvolle und wirklich einmalige Zeugnisse der deutschen Geschichte. Gleichzeitig habe ich die Kooperation mit dem Bündnis gegen Rassismus sehr genossen, bei dem wir uns den aktuellen Themen wie der Demonstration am 8. April gewidmet haben. Das gemeinsame Gestalten eines 6 x 3,9 m großen Plakats, welches mit der IniRromnja Rose zur Demo am 8. April aufruft, war sowohl ein verbindendes Gruppenereignis als auch mal eine kreative und schöne Form des Engagements. Der Demoslogan bzw. die Aufforderung: „take back your future“ ist uns sehr wichtig – sozusagen „Zukunft für alle!“.

Jedes Jahr fordern Rom*nja am 8. April ihre Freiheit. © Andrea Linss

Wer organisiert die Reihe und seit wann besteht sie?
Die Reihe wird maßgeblich von dem feministischen Romnja Archiv RomaniPhen (in Trägerschaft des VIA Berlin/Brandenburg e.V.) sowie von der Initiative IniRromja organisiert und ist deutschlandweit einzigartig. Diese Kampagne vom 8. März, dem Internationalen Tag der Frauen*, bis zum 8. April, dem Internationalen Tag der Rom*nja, einen Veranstaltungsmonat zu organisieren, startet in Serbien. Wir haben gerade in diesem Monat eine der Begründer*innen der Kampagne kennengelernt und werden nun stärker in einen Austausch treten. In Berlin kooperieren wir eng mit verschiedenen Vereinen, wie z.B. der RAA Berlin, aber auch mit politischen Initiativen wie z.B. dem Bündnis gegen Rassismus oder mit der ADEFRA – Schwarze Frauen in Deutschland. Selbstverständlich kooperieren wir auch mit anderen Rom*nja Selbstorganisationen wie z.B. dem Bundesromaverband e.V., dem Rroma Informations Centrum e.V., aktuell zur Demo auch mit Amaro Foro und Roma Arts in Action usw. Der Romnja Power Month ist im vergangenem Jahr von uns ins Leben gerufen worden und wir hoffen natürlich, dass sich die Idee in den nächsten Jahren verbreitet.

Was sind derzeit die wichtigsten Forderungen von Rom*nja in Deutschland?
Es gibt verschiedene Forderungen von Rom*nja in Deutschland – wir können für uns also für unsere Gruppe IniRromnja und unser feministisches Archiv sprechen. Eine der wichtigsten Forderung ist Bleiberecht für Rom*nja, in Anerkennung der massiven jahrhundertealten Verfolgung, aber auch der Tatsche, dass Rom*nja seit Jahrhunderten dazugehören und aktiver, gestaltender Teil der unterschiedlichen Gesellschaften sind.

Uns als Archiv ist es sehr wichtig, mit den immer gleichen stereotypen Bildern aufzuräumen. Hierbei könnten Medien eine wichtige Rolle spielen, indem sie öfter mal von den erwarteten Pfaden abweichen und ein komplexeres und damit realistisches Bild von Rom*nja zeichnen, anstatt Klischees immer wieder neu aufzuwärmen.

Eine wichtige Forderung ist auch, auf politischer und Förderebene die Arbeit von Selbstorganisationen ernsthaft wertzuschätzen und einen gleichberechtigteren Zugang sowohl hinsichtlich von Artikulationsmöglichkeiten als auch von Förderung zuzulassen – und dies auch für die Organisationen, die nicht dem Mainstream zusprechen. Selbstverständlich gibt es noch viel mehr zu fordern, aber lassen wir es bei den berühmten drei Wünschen.

Internationaler Tag der Rom*nja
Demonstration in Berlin um 14 Uhr vor dem Paul-Löbe-Haus (U-Bhf. Bundestag)
Abschlussparty ab 22 Uhr im Südblock

Wie wichtig ist die Archivarbeit gegen die Repression von Rom*nja?
Ich glaube, Archiv klingt etwas verstaubt und diese Arbeit wird oft nicht als originär politische Arbeit verstanden – wir sehen das allerdings ganz anders. Zum einen sind wir kein Kulturarchiv, wir sammeln nicht Musik, Texte, Sprachen der Rom*nja – das ist nicht unser Thema. Wir arbeiten mit Aktivist*innen zusammen und dokumentieren die Rom*nja–Bewegungen beziehungsweise einzelne politische, wissenschaftliche, künstlerische Perspektive auf die Gesellschaft. Wir sind Teil dieser Bewegungen und wir wertschätzen deren/unsere Geschichte und tragen damit auch zu einer politischen, einer feministischen Selbstreflexion bei.

Die massive, gewaltvolle Diskriminierung von Rom*nja, das Leben in Ghettos, die militanten Neonazi-Angriffe, die Deportationen aus den westlichen Ländern, die Selbstverständlichkeit, mit der sie auch hier in Deutschland Familien in Sammellagern „unterbringen“, medial gegen die Ärmsten der Armen hetzen – all diese manifeste Gewalt ist auch deshalb möglich, weil eine unglaublich verzerrte, eine hochrassistische und einseitige Darstellung von Rom*nja gesellschaftlich fest etabliert ist. Diese Bilder, diese rassistischen Geschichten brauchen Entgegnung nicht nur, um die anderen von dem Wert der Rom*nja zu überzeugen, sondern vor allem auch um uns selbst mit unserer positiven Geschichte, mit dem Schönen und Gutem, dem Gestalterischen und Kämpferischen in uns selbst und miteinander in Verbindung zu bringen!

Ein fulminantes Event: Die Abschlussparty des Rom*nja Power Months, hier mit allen Beitragenden des Jahres 2016. @ RomaniPhen

Was macht ihr am 8. April, dem Internationalen Tag der Rom*nja?
Am Internationalen Tag der Rom*nja tragen wir zunächst mit einer Demonstration um 14 Uhr unseren Protest gegen die restriktive Geflüchtetenpolitik auf die Straße. Um 14 Uhr startet die Demo vor dem Paul-Löbe-Haus (U-Bhf. Bundestag) und endet mit einer Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor. Danach laden wir direkt im Herzen vom Kotti in den Südblock, Admiralstrasse 1–2, ab 22 Uhr zu unserer legendären Abschlussparty ein. Wir haben ein ganz feines Bühnenprogramm zusammengestellt mit einer satirisch-politischen Theaterperformance von Melanie Weiß und Sandra Selimovć zum Einstieg in den Abend. Danach füllen wir den Raum mit Musik von der fantastischen Bläserformation Fanfare Kalashnikov und als Höhepunkt hören wir den wundervollen Klängen des Soul, R&B und Musik der Sinti & Roma von der Sängerin TAYO zu. The amazing DJ Ford Kelly (Afrobeats, Hip Hop, Dancehall) sowie amaro phral DJ MAKY (romane beats) führen durch die Party bis in die Morgenstunden. Kommt alle vorbei und lasst uns gemeinsam feiern!

Isidora Randjelović ist Dipl. Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin und beschäftigt im feministischen Romani Archiv RomaniPhen. Interessiert sich für und schreibt über Verflechtungen im Schnittpunkt von race und gender sowie soziale Bewegungen und Selbstorganisierung und ist in der IniRromnja engagiert.

April 06 2017

09:04

Die Zukunft ist düster

Von Hengameh Yaghoobifarah

Hintergründe in Grundfarben, ein eingängiger Beat und experimentelle Lyrics: Das Studium an der Londoner Kunsthochschule lässt grüßen, wenn sich die simbabwisch-britische Poetin und Musikerin Farai in ihrem Musikvideo „Inhale Exhale“ in Camouflage und nahezu in Trance vor der Kamera bewegt. Mit ihrem gelungenen Mix aus Post-Punk und Elektro fängt sie nicht nur zeitgenössische Trends auf, sondern transformiert diese auf eine kunstvolle und experimentelle Art in eine Ästhetik der Zukunft. Das Überleben in ihrer Heimat London, so die Newcomerin, sei so stressig wie eine Drachenjagd.

@ Luke Farley

Ihre erste EP „Kisswell“ erschien im März auf NON Worldwide, einem Sound-Kollektiv panafrikanischer und panafrikanisch-diasporischer Künstler*innen. Ihre lang ersehnte EP schließt an ihren 2015 für die NON Worldwide Compilation produzierten Track „The Sinner“ an, der lange Zeit das einzige Material auf ihrer SoundCloud-Page war.

Ihre Einflüsse reichen von der südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba über den afroamerikanischen Maler Jean-Michel Basquiat und dem britischen Supermodel Naomi Campbell, ihre Arbeit ist auch als multimediale Collage zu verstehen. So unterlegt sie in „Intro“ ein Gedicht über Selbstliebe mit Halleffekten und atmosphärischen Synthesizer-Klängen. Ihre vorab veröffentlichte Single „Lion Warrior“ hat mit dem verzerrten Summen und den episch-hellen Tönen das nötige Potenzial zur Art-Punk-Hymne. „Inhale Exhale“ und „Vagabond“ bringen hingegen eine düster-robuste, nahezu dystopische Stimmung mit eindringlichen Bässen auf die Platte.

Farai „Kisswell“,
NON Worldwide, bereits ersch.

Farai spielt mit Princess Nokia und Mechatok am 18. April im Festsaal Kreuzberg in Berlin.

Gemeinsam mit ihrem Produzenten Basil Anthony Harewood alias TØNE lässt sie ihre diversen Einflüsse mit elektronischen und Post-Punk-Klängen miteinander zu einem Klangkosmos der Zukunft verschmelzen. Und die ist angesichts der politischen Herausforderungen finster.

April 05 2017

09:16

About Who?

Von Frederik Müller

Der New Yorker Teenager Ray (Elle Fanning) benötigt die Unterschrift beider Eltern, um seine Hormontherapie mit Testosteron beginnen zu können. Er lebt mit seiner Mutter (Naomi Watts) und Großmutter (Susan Sarandon) sowie deren Partnerin in einem gemütlich-chaotischen Haushalt. Der abwesende Vater muss aber für die Unterschrift kontaktiert und überzeugt werden.

Elle Fanning als trans Teenager Ray © TOBIS Film

Für Ray besteht das Leben aus Warten: auf den Schulwechsel, auf den gewünschten Körper, auf den Neuanfang. Andere Jugendliche sind für ihn außer Reichweite, er ist umgeben von Erwachsenen. Er ist oft zu Hause, umgeben von jener quirky-klaustrophoben Familie, in der alle Zimmer durchsichtige Türen oder hellhörige Wände besitzen.

Trans zu sein ist ein Zustand und kein Handlungsstrang – Ray wird also vor allem in dieser Verfasstheit gezeigt. Er trägt Strickmütze, filmt seine Transition, macht Sport, rasiert sich und weiß nicht, welches Klo er benutzen soll. Regisseurin Gaby Dellal erhebt jeden Satz zum Symbol, jede Situation zur Metapher und lässt kein Klischee des Transgender-Films aus. Aber Ray will kein Symbol sein, er will ein ganz normales Leben.

Alle Farben des Lebens (US 2016)
Regie: Gaby Dellal. Mit: Naomi Watts, Elle Fanning, Susan Sarandon u. a., 89 Min., DVD-VÖ: 07.04.

Der Fokus auf den medizinischen Aspekt eines trans Lebens ist verständlich, weil Ray Teenager ist. Irritierend ist jedoch, dass trotz des Titels (im Original „About Ray“) der Film in Wirklichkeit von Rays Familie handelt. Alle sind weiß, Mittelschicht, irgendwie progressiv eingestellt und haben keine anderen Sorgen außer ihrem trans Sohn. Und so ist die Geschichte ein Patchworkfamilien-Feelgood-Film in schönen Herbstfarben, in dem Ray nur die Funktion eines Konfliktverdichters innehat.

April 04 2017

11:06

Horny For Justice

Von Tove Tovesson

Ich habe nur bruchstückhafte Erinnerungen daran, von meinen Eltern oder in der Schule aufgeklärt worden zu sein. Die Lücken habe ich mit Gruselgeschichten aus dem kollektiven Gedächtnis, wie Aufklärung eben so ist — etwas peinlich und generell unzureichend —, gefüllt. Ich erinnere mich an zwei Bücher, den Klassiker „Peter, Ida und Minimum“ und einen mit Fotos illustrierten Band über Schwangerschaft, bei dem mich besonders eine Seite beschäftigte. Sie zeigte eine junge Frau, die voll bekleidet in der Meeresbrandung steht, das Kapitel dazu hieß „Eisprung“, von mir gelesen als „Eis-Sprung“. Wohl, weil das Meer kalt ist, aber weiter reichte meine Erklärung nicht.

Auf eine Zigarette danach mit der Raupe Nimmersatt und der Mutter in der Jeansjacke. @ Tine Fetz

 

Als Leseanfänger*in schnappte ich nur Brocken aus dem Text auf und mein Verständnis vom hormonellen Zyklus vermischte sich mit der Vorstellung, dass Leute für ihren Eissprung regelmäßig nach St. Peter-Ording fahren müssen, und mit meinem Biologiewissen aus „Die kleine Raupe Nimmersatt“. So blieb dieses Aufklärungsbuch voller Geheimnisse und warf mehr Fragen auf, als es beantwortete. Zum Beispiel auch, warum die Frau auf dem einen Bild im Bett eine Jeansjacke trug und nichts darunter. (Antwort: Weil es die 1980er waren.)

Mir schien diese „Information“ jedenfalls genauso relevant für Sex wie jede andere unsinnige Information, die ich in Ermangelung von Verständnis sehr wörtlich nahm. So auch die Formulierung, „miteinander schlafen“ oder „eine Nacht miteinander verbringen“. Ich könnte nun einen Witz darüber machen, welch große Enttäuschung ich ungefähr zehn Jahre später erlebte, aber eigentlich war es eine Erleichterung herauszufinden, dass Sex nicht so lange wie die Bahnfahrt zu Oma und Opa oder die Autofahrt in den Familienurlaub dauern muss, auf der mir immer übel wurde.

Meine Kindersorgen hinsichtlich Aufklärung waren offenbar hauptsächlich logistischer Natur, zumindest erinnere ich mich daran, meine Mutter gefragt zu haben, was Leute tun, wenn sie beim Sex mal auf die Toilette müssen. Im Zug gibt es Toiletten, auf der Autobahn Raststätten, aber beim Sex? Meine Mutter antwortete mir leicht verkrampft und final, „Man muss da nicht!“, was mir verdächtig vorkam und meine Sorgen nicht minderte.

Bis es dann so weit war, hatten sich diese ganzen known Unknowns, also Dinge, von denen ich wusste, dass ich sie nicht weiß, irgendwie geklärt, danke Internet. Es blieb ein Berg von unknown Unknowns, verdeckt von einer Schicksalsergebenheit gegenüber obligatorischer cis Heterosexualität. Auch wenn mir immer noch schleierhaft war wieso, wusste ich nun, dass alle und so auch ich da durch müssen, sei es nun als Hetero- oder als Homosexuelle. Mir war in diesem Rahmen zwar die Idee von Konsens bekannt, also dass ich nein sagen kann, aber es war trotzdem klar, dass dieses Nein nicht für immer gelten kann, danke Rape Culture.

Wo Heterosexualität normativ ist, bezieht sich diese Norm eben nicht nur darauf, selbstverständlich hetero zu sein, sondern macht auch Sexualität zur Pflicht. Weitere implizite Normen, die schon Peter-Ida-und-Minimum-Aufklärung transportiert, beziehen sich auf Körper und Geschlecht: Der angenommene Normmensch ist cisgender, also das ihm bei (oder vor) Geburt zugeschriebene Geschlecht stimmt überein mit seinem tatsächlichen Geschlecht, und er ist dyadisch, also nicht intersex.

Von Asexualität als legitimer Orientierung hatte ich nie gehört, höchstens von sogenannten frigiden Frauen und pathologisiertem (fehlendem) Begehren und all den Ideen, die Rape Culture zur „Heilung“ ersinnt. (Das Problem hierbei ist nicht nur und in erster Linie, etwas als Krankheit zu bezeichnen, das keine ist, sondern wie eine ableistische Gesellschaft mit ihren Kranken umgeht. Sie hält sie für minderwertig und behandelt sie entsprechend. Diese Behandlung kann ich für Kranke jedoch genau so wenig gutheißen wie für fälschlicherweise als krank Bezeichnete.)

Wo die Begriffe fehlen, ist es schwierig mit der Positionierung. Der Vorwurf, beispielsweise „transtrender“ zu sein, also nur trans, weil das jetzt modisch ist, ignoriert das Vakuum, das Begriffen, die sich plötzlich verbreiten, vorausgegangen sein muss. (Und selbst wenn Aufmerksamkeitsmangel dabei eine Rolle spielt, was ist das Problem daran, „nur Aufmerksamkeit“ zu wollen? Eigentlich ein ziemlich schlüssiger Wunsch in Bezug auf marginalisierte Identitätsaspekte und überhaupt ein schönes Leben.) Wenn mit den neuen Begriffen, die für Identitäten und Begehren gefunden werden, kein tiefer gehender Inhalt verknüpft wäre, für den diese Begriffe fehlten, würden sie sich nicht etablieren.

Dies muss nicht immer emanzipatorisch sein, wie beispielsweise der Begriff „sapiosexuell“, der sexuelle Anziehung mit Intellekt verknüpfen will und damit doch nur ableistisch und oft klassistisch ist, oder „transracial“, das plump die soziale Konstruiertheit von Geschlecht mit der sozialen Konstruiertheit von Race gleichsetzt und damit Rassismus und Transfeindlichkeit beinhaltet. Es gibt eben auch ein Vakuum für die differenzierte (Selbst-)Bezeichnung von Kackleuten, die nicht immer nur Nazi, sondern lieber Alt-Right heißen wollen.

Diese Label, die andere sich selbst geben, für sie zu verwenden und ihnen Raum zu geben, ist eine Form von Validierung, sie zu verweigern, eine Absage an ihre Legitimität — nicht nur der Label, sondern ihrer Inhalte. Nun wird über Dyacisheterosexualität auch nicht permanent geredet, eben mit Ausnahme des für alle Beteiligten peinlichen Aufklärungsunterrichts, so könnte man meinen. Für Menschen, die diesen Normen weitestgehend entsprechen, ist das Thema offenbar herrlich nonexistent. Und wirklich, wo kommt es denn schon vor, außer ungefähr überall im Alltag?

Tatsächlich aus dem öffentlichen Raum verbannt ist die Abweichung, weshalb Aufklärung unter Berücksichtigung der LGBTIQ-Community als „Frühsexualisierung“ in die Schmuddelecke bugsiert wird. Dieser Einteilung hat sich nun auch YouTube angeschlossen, indem dort ein (opt-in) Filtermodus zur Verfügung steht, der Videos zu angeblich sensiblen oder nicht jugendfreien Themen herausfiltert, in der Praxis jedoch vor allem LGBTIQ-YouTuber*innen trifft.

Dies ist aus mehreren Gründen problematisch: Viele queere YouTuber*innen bestreiten durch ihren Videokanal ihren Lebensunterhalt, zumal insbesondere trans Frauen auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert werden und häufiger erwerbslos sind. Für viele queere Jugendliche bieten Plattformen wie YouTube und Tumblr außerdem die einzige oder wenigstens eine wichtige Möglichkeit zum Austausch, zur gegenseitigen Information und zum Bilden von unterstützenden Netzwerken. Der Filter ist ein Service für ihre queerfeindlichen Eltern. Depression und andere psychische Erkrankungen sind nicht assoziiert mit Queerness an sich, sehr wohl aber der gesellschaftlichen Stigmatisierung queerer Menschen. Die Unterdrückung ihrer Stimmen ist jugendgefährdend in einer existenziellen Weise.

April 03 2017

13:53

Hä? Was heißt denn People of Color?

Von Tina Adomako

Gerne wird die Welt in Gegensätze eingeteilt: männlich und weiblich, reich und arm, schwarz und weiß. Doch wenn es um „Hautfarbe“ geht, ist eine
derartige Sicht schwierig. Wer ist weiß? Wer ist Schwarz? Und gibt es nicht viele Schattierungen dazwischen? Die Mehrheit der Deutschen sieht sich als weiß*.

Schwarze, das sind Menschen aus Afrika oder mit afrikanischem Migrationshintergrund, oder? Doch was ist mit Leuten wie mir? Weiße Mutter, Schwarzer Vater. Bin ich Schwarz? Oder weiß? Weder noch oder doch beides?

Lange wurde ich als „Mischlingskind“ bezeichnet. Im Deutschland der 1980er-Jahre nannte man mich eine „Farbige“. Farbig? Nein, das sagt man heute nicht mehr. Da schwingt zu viel Kolonialgeschichte mit. Heute bin ich eine Person of Color oder kurz: PoC (sprich: „pieh-oh-ßi“). Hä? Color, das heißt doch Farbe? Dabei geht es nur bedingt darum, wie „dunkel“ mein Teint ist.

PoC ist eine selbst gewählte Bezeichnung von verschiedensten Menschen, die sich als nicht-weiß definieren. In der Mehrheitsgesellschaft gilt weiß nach wie vor als Norm und nicht-weiß als Abweichung davon. Was PoC miteinander verbindet, sind geteilte Rassismuserfahrungen, Ausgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft und kollektive Zuschreibungen des „Andersseins“. In weiß dominierten Gesellschaften sind nicht-weiße Menschen seit der Kolonialzeit von Rassismus und Diskriminierung betroffen – bis heute.

Aufbauend auf den negativen Erfahrungen, die Nicht-Weiße erleben, wurde „Person/People of Color“ zu einer kollektiven Selbstbezeichnung, die Solidarität unter rassistisch Diskriminierten herstellt. Sich so zu bezeichnen ist auch politisch. PoC fordern gleiche Chancen und Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen. Ursprünglich wurde der Begriff im 18. Jahrhundert in den karibischen Kolonien Frankreichs verwendet, um befreite Sklav*innen „gemischter Herkunft“ zu bezeichnen. Diese „gens de couleur libre“ besaßen mehr Rechte als gewöhnliche Versklavte. In Anlehnung daran tauchte der Begriff „People of Color“ im angloamerikanischen Raum erstmals 1781 auf. Fast 180 Jahre später entdeckte die US-Bürgerrechtsbewegung die Bezeichnung für sich neu. In den 1960ern und 1970ern waren es politische Aktivist*innen wie Frantz Fanon und Malcolm X, die eine gemeinsame Bezeichnung für alle von Rassismen betroffenen Menschen propagierten. Im Kampf um mehr Rechte umfasste PoC nicht nur Schwarze US-Amerikaner*innen, sondern auch Menschen in Lateinamerika, Südafrika oder Asien, die sich gegen weiße Machtverhältnisse und Kolonialismus auflehnten. So wurde „People of Color“ zu einer verbindenden Bezeichnung für nicht-weiße Menschen in rassistischen Gesellschaften. Als politischer Begriff hilft er, multiethnische Allianzen zu schmieden, um gemeinsam gegen Unterdrückung und weiße Machtstrukturen einzutreten.

In Deutschland wird der Begriff PoC vorrangig im akademischen Umfeld benutzt und setzt sich nur langsam im Alltag durch. Viele Menschen in Afrika und Asien können mit der Bezeichnung nichts anfangen. PoC wird eher im Kontext weißer Mehrheitsgesellschaften gebraucht, weniger dort, wo Nicht-Weiße die Mehrheit stellen. In solchen Ländern kann es passieren, dass Personen, die sich in Deutschland als PoC sehen, als weiß angesehen werden. In Zeiten der Globalisierung plädiere ich allerdings für eine ganz einfache Zuschreibung: Wie wäre es mit einem verbindenden „Mensch mit globaler Geschichte“?

* weiß ist keine ermächtigende Selbstbezeichnung, sondern eine privilegierte Position innerhalb eines rassistischen Systems. Deshalb wird weiß klein und kursiv geschrieben. (Anm. der Redaktion)

Dieser Text erschien zuerst in Missy Magazine 02/17.

March 31 2017

14:19

„Jackson“ oder die letzte Abtreibungsklinik in Mississippi

Von Sônia Kewan

Eine von drei US-Bürgerinnen treibt in ihrem Leben einmal ab. 60 Prozent der Patientinnen sind Women of Color. Die Kosten für den Eingriff bezahlen die Frauen aus eigener Tasche. Im US-Bundesstaat Mississippi gibt es eine einzige Abtreibungsklinik. Die Letzte von ehemals vierzehn. Die Klinik liegt in Jackson, der Hauptstadt von Mississippi. Und sie kämpft um ihr Bestehen.

Die Entscheidung für eine Abtreibung ist besonders in den Südstaaten für viele Women of Color ein Privileg. © Jackson Film

Die preisgekrönte Dokumentation „Jackson“ zeigt den Kampf gegen die Schließung der letzten Abtreibungsklinik von Mississippi. Ein zermürbender Kampf gegen die Anti-Abtreibungslobby. Aus der Perspektive von drei unterschiedlichen Frauen zeigt die Regisseurin Maisie Crow, wie die drohende Schließung der Klinik deren Leben – indirekt wie direkt – beeinflusst.

Einerseits ist da April Jackson: 25 Jahre alt, Mutter von vier Kindern, ungewollt schwanger, Woman of Color, wohnhaft am Rande von Jackson. Andererseits begleitet Crow die politischen Kontrahentinnen Shannon Brewer und Barbara Beaver im Kampf um das Bestehen der Abtreibungsklinik. Brewer ist Leiterin der Abtreibungsklinik und engagiert sich mit Herzblut für die Rechte junger, sozial schwacher Frauen im Gesundheitswesen. Barbara Beaver hingegen ist vehemente Abtreibungsgegnerin und Wortführerin der sogenannten „Pro Life“-Bewegung, einer fundamentalistisch christlichen Organisation, die in speziellen Beratungszentren zweifelnde junge Schwangere vom Mutterglück überzeugt.

Die christliche Moral wird von den Abtreibungsgegnern hochgehalten. Doch für die Durchsetzung ihrer politischen Ziele sind ihnen alle Mittel recht. Die Leidtragenden sind Frauen wie April. Sie werden mit Geschenken und geheuchelter Zuwendung abgespeist. Grundsätzliche Probleme werden komplett ignoriert. Es sind erschütternde Bilder, die Crow mit einer eleganten Ästhetik auf die Leinwand bringt.

„Jackson“
Ein Dokumentarfilm von Maisie Crow
USA 2016
Der Film feiert am 01. April 2017 im Rahmen des 10. Lichter Filmfest Frankfurt Deutschland-Premiere.

„Jackson“ bewegt sich geschickt zwischen den Ängsten und dem Kampfeswillen von feministischen Frauen wie Shannon Brewer, der aggressiven Scheinheiligkeit der Anti-Abtreibungslobby und der Realität einer mittellosen Mutter – ohne dabei ein Urteil zu fällen. Die ungeschönte Realität hinterlässt bei der*m Zuschauerin ein beklemmendes Gefühl. Aber auch den Drang, etwas daran ändern zu wollen.

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March 30 2017

15:42

#amland

Von Anna Mayrhauser

Paula ist siebzehn Jahre alt, klug und selbstbewusst. Sie besucht ein Gymnasium in der niederösterreichischen Provinz, genauer in Lanzenkirchen, nahe Wiener Neustadt. Sie ist in Charlotte aus ihrer Klasse verliebt, die aber eine erschütternd ernsthafte Beziehung mit dem Schüler*innenzeitungsredakteur Michael führt. Außerdem weiß Paula nicht so recht, was ihre Schulkollegin Lilly von ihr will, die sie einerseits immer wieder provoziert, aber auch offensiv anflirtet. Außerdem gibt’s da noch Tim, der wiederum in Paula verliebt ist, und ihre besten Freund*innen Marvin und Kathrin. So weit, so normal – nicht nur mit siebzehn.

So fühlt sich Siebzehnsein manchmal an. Manchmal auch nicht. @ Orbrock Film

Die österreichische Regisseurin Monja Art, selbst in den 1990er-Jahren in Lanzenkirchen aufgewachsen, betont bei der Österreich-Premiere ihres vor Kurzem mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichneten Films in Graz, dass sie keinen Coming-out-Film drehen wollte. Stattdessen erzählt sie eine ruhige und authentische Coming-of-Age-Geschichte und ohne pathetisch zu sein von dem großen Pathos, den so eine Teenagerliebe oft mit sich bringt. Tatsächlich ist eine der großen Stärken des Films, dass „Siebzehn“ die Sexualität seiner Protagonist*innen niemals problematisiert. Dass Mädchen auf Mädchen stehen, ist für alle Teenager und scheinbar auch Erwachsenen in „Siebzehn“ selbstverständlich. Ihre Gespräche darüber, ob Charlotte wohl auf Paula steht oder nicht, hören sich genauso an, wie die darüber, ob Kathrin ihren Schwarm Mesut endlich ansprechen soll. Im Vergleich zu Filmen wie etwa Lukas Moodyssons „Fucking Åmal“, der vor mittlerweile fast zwanzig Jahren von zwei Mädchen, die sich – hier in der schwedischen Provinz – verlieben, erzählte, hat sich also einiges getan.

„Siebzehn“ ist ein bezaubernder Film, der abwechselnd das Gefühl auslöst, unbedingt wieder ein Teenager sein zu wollen und das alles auf keinen Fall nochmals durchstehen zu wollen. Wer eine Jugend in der österreichischen Provinz (und wahrscheinlich auch anderswo in ländlichen Regionen) verbracht hat, wird ein hohes Identifikationspotenzial verspüren. Die Sehnsucht nach Wien, das eigentlich gar nicht so weit weg ist, aber unendlich fern scheint, das irgendwie alternative Lokal, in dem ausschließlich Teenager verkehren, aber ein alter Mann das Bier und den Pfirsichspritzer ausschenkt (ohne je nach dem Ausweis zu fragen), die dramatischen Gespräche beim endlosen Warten auf dem Bus, der eine*n in die Schule und wieder nach Hause bringt – von all diesen Dingen erzählt Monja Art unaufgeregt und Caroline Bobeks Kamera findet nahe und unmittelbare Bilder dazu. Die jungen Schaupieler*innen, u.a. Elisabeth Wabitsch als Paula, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten selbst 17 Jahre alt,  die teilweise auch Szenen improvisiert haben, sorgen ebenfalls dafür, dass sich „Siebzehn“ immer frisch anfühlt – egal, wie oft die Geschichte vom Erwachsenwerden schon erzählt wurde.

Siebzehn AT 2017. Regie: Monja Art. Mit: Elisabeth Wabitsch, Anaelle Dézsy, Alexandra Schmidt u.a., 104 Min., Kinostart: 28.04. Außerdem zu sehen auf der Diagonale – Festival des österreichischen Films in Graz am 01.04.

Es gibt viele kleine Momente, die in „Siebzehn“ von Freiheit und Sehnsucht erzählen. Einmal tanzen Marvin, Paula und Kathrin zu dritt alleine zu Wandas „Auseinandergehen ist schwer“ und singen laut mit. Jeder Machochismus dieser Band wird subversiert – nie hat sich Wanda besser angehört.
10:04

Eine Hülle von Film

Von Thi Yenhan Truong

Realverfilmungen von Animationen sind in Hollywood en vogue: Praktisch alle Disney-Filme werden derzeit mit Schauspieler*innen und allerhand Spezialeffekten umgesetzt. Jetzt war „Ghost In The Shell“ dran: Vorlage ist der Anime von 1995, der wiederum auf einem Manga von Masamune Shirow basiert. Bereits vor dem Kinostart des neuen Films gab es zahlreiche Kontroversen, als bekannt wurde, dass Scarlett Johansson die Hauptrolle des „Major“ übernehmen würde. Doch der Reihe nach.

Scarlett Johansson in der Hauptrolle als „Major“. © 2017 PARAMOUNT PICTURES

„Ghost In The Shell“ spielt in einer nicht genauer definierten Zukunft, in der die Technik so weit fortgeschritten ist, dass Menschen ihren Körper durch künstliche Organe und Gliedmaßen optimieren können. Alles ist miteinander vernetzt – eingeschlossen der eigene Körper, mit dem man bequem telepathisch kommunizieren kann. Die Handlung setzt an mit der Verpflanzung einer Seele, eines sogenannten „Ghost“, in eine künstliche Hülle, „the Shell“. Der Major, gespielt von Johansson, ist die Erste ihrer Art. Sie ist die ultimative Waffe, ein gelungenes Experiment, das perfekte Wesen aus menschlichem Geist und künstlicher Maschine. Gemeinsam mit den Verantwortlichen von Sektor 9 und ihrem Kollegen Batou versucht sie, einen geheimnisvollen Hacker dingfest zu machen, der sich in die künstlich erweiterten Menschen einhackt, in seine Kontrolle bringt und tötet.

Aus erzählerischer Sicht ist die Hollywoodverfilmung des Anime eher enttäuschend. Das japanische Original stellt wichtige Fragen zur menschlichen Existenz: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Was ist Bewusstsein? Welche Macht haben Daten, und wann kann man von einem Bewusstsein bei Maschinen sprechen? Doch anstatt sich diesen Themen zu widmen und sie mit dem Wissen von heute umzusetzen, erhalten die Zuschauer*innen nur eine bedeutungslose Hülle von einem Film. Trotz gut eingesetzter 3D-Effekte und eines interessanten Set-Designs schafft die Neuverfilmung das Kunststück, actiongeladener und zugleich langweiliger zu sein als sein Anime-Vorgänger.

Wir sehen die typische monochrome Ästhetik zeitgenössischer Superheld*innenfilme, eine Art Origin-Story, die so schon gefühlte tausend Mal erzählt wurde. Der Plot ist verflacht, die Dialoge erklären den Zuschauer*innen ein bisschen zu explizit, was passiert und wie sie darauf zu reagieren haben. Aus einem philosophischen Gedankenexperiment über die Konsequenzen fortschreitender Technologisierung für die Menschheit wird eine öde Nabelschau, gepaart mit einem wenig spannenden „Who done it“-Krimiplot.

Dass der Film nicht besonders gut ist, ist aber noch nicht einmal das Problematischste. Viel schwerer wiegt das Whitewashing. Schon im Vorfeld waren die Proteste groß: Der Charakter des Major wird von einer weißen Frau gespielt, die gesamte Umgebung ist aber dank Architektur und Schriftzeichen klar als futuristisches Japan zu erkennen. Johansson trägt eine schwarze Perücke, ihr Make-up wurde derart gestaltet, dass sie „asiatischer“ aussieht. Man kann getrost von Yellowfacing sprechen.

Alle „echten“ asiatischen Figuren sind Nebendarsteller*innen oder dekoratives Beiwerk. Besonders schlimm trifft es die Frauen: Bis auf eine im letzten Drittel des Films gibt es keine einzige Asiatin mit einer Sprechrolle. Und das in einem klar als asiatisch erkennbaren Universum. Asiatinnen sind entweder stumme Stripperinnen, Passantinnen oder Geisha-Bots, die Männer bedienen – frei nach der Devise: weibliche Kick-Ass-Charaktere ja, aber nur, wenn sie weiß sind. Den Film als feministisches Werk zu verstehen klappt nur, wenn man sich auf weißen Feminismus beschränkt.

Als wäre das nicht schlimm genug, eliminiert der Film asiatische Existenzen regelrecht und macht dies zu einem Teil des Plots (Achtung, Spoiler): Am Ende entdeckt der Major, wer sie einst war – eine japanische Anarchistin namens Motoko Kusanagi, die entführt und in einem Experiment eines bösen Konzerns zum Major gemacht wurde. Wenn man die Prämisse des Films konsequent durchdenkt, ist der Subtext atemberaubend rassistisch: Einer asiatischen Frau werden Körper und Identität weggenommen, sie wird missbraucht. Das Ergebnis des Frankenstein-Experiments ist der Major: der perfekte Cyborg. Die Hülle für dieses ideale Wesen ist eine weiße Frau. Das heißt im Umkehrschluss, dass der asiatische Körper mangelhaft ist. Und Motoko ist nicht die Einzige, die eine Weißwaschkur erhält (Achtung, Spoiler): Ihr Freund Hideo, natürlich ein Japaner, ist ein fehlgeschlagenes Experiment – und seine „Shell“ lilienweiß.

Ghost In The Shell US 2017. Regie: Rupert Sanders. Mit: Scarlett Johansson,  Takeshi Kitano, Juliette Binoche, Michael Pitt, Pilou Asbæk, Kaori Momoi u.a., 106 Min., Kinostart: 30.03.

Ob der Film erfolgreich sein wird und Scarlett Johansson die Star-Power besitzt, um einen Kassenschlager zu produzieren (weswegen sie überhaupt gecastet wurde), muss sich noch zeigen. Aber man kann fast froh sein, dass für dieses eher mäßige Werk mit einer Extraportion Rassismus keine asiatischen Schauspielerinnen verbrannt wurden.

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March 29 2017

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11:09

Normierte Körper

Von Lisa-Marie Davies

Das Buch aus der Reihe „Geschlechterdschungel“ im Unrast Verlag setzt sich mit der Diskriminierungskategorie „Lookismus“ auseinander. Anhand von Merkmalen wie Körpergröße, Gewicht oder sichtbaren Behinderungen zeigen die Autor*innen auf, wie sehr Menschen in unserer Gesellschaft abgewertet werden, wenn ihr Aussehen von der – vermeintlich gültigen – Norm abweicht. Deutlich wird auch, dass Lookismus immer auch mit anderen Diskriminierungskategorien wie „Hautfarbe“, Geschlechtszugehörigkeit oder Klasse betrachtet werden muss. Exemplarisch wird dies am Beispiel von Mode: Das Tragen von gebrauchter Kleidung oder von Kleidung vom Discounter (Stichwort: Jogginghose) kann bei dicken Personen die Zuschreibung „arm“ verstärken – und damit auch deren Ausgrenzung und Diskriminierung.

© Kathrin Tschirner

Anhand zahlreicher persönlicher Beispiele und Erzählungen in den Beiträgen wird deutlich, wie Lookismus wirkt und wie unterschiedliche äußere Körpermerkmale dazu führen, dass Menschen diskriminiert werden. So berichtet beispielsweise die Bloggerin und Missy-Magazine-Redakteurin Hengameh Yaghoobifarah davon, wie sie in der Schule als Kind aufgrund ihres Aussehens von ihren Mitschüler*innen beleidigt wurde und was dies mit ihr gemacht hat. Der Songtext „Schönheitsideale“ der HipHop-Artistin FaulenzA beschreibt, wie Normen in Bezug auf das Aussehen bei Menschen jenseits der Zweigeschlechtlichkeit wirken.

Doch das Buch macht auch Mut: Einige Autor*innen zeigen, wie sie selbst mit Diskriminierung umgehen, etwa indem sie sich mit anderen zusammenschließen, die aufgrund von Lookismus abgewertet werden. Auch werden verschiedene Empowerment-Konzepte vorgestellt. So hat etwa die Fat-Empowerment-Bewegung, die in den 1970ern in den USA entstanden und um die 2000er-Jahre in Deutschland angekommen ist, dazu beigetragen, dass sich auch hier viele feministische Gruppen explizit mit der Diskriminierung von Dicken und der Schönheitsindustrie auseinandersetzen. Für mehr Akzeptanz des eigenen Körpers plädiert auch die Body-Positivity-Bewegung. Beide Strömungen sind vor allem online präsent, etwa in Form von Blogs.

Lea Schmid/Darla Diamond/Petra Pflaster (Hg.) „Lookismus: Normierte Körper – Diskriminierende Mechanismen – (Self-)Empowerment“
Unrast Verlag, 80 S., 7,80 Euro

Zugleich kritisieren die Autor*innen, dass es innerhalb linker Zusammenhänge häufig zu Gegennormen komme, die zwar einen guten Ansatz verfolgen, aber selbst auch  diskriminierend wirken, wenn Menschen aufgrund ihres Aussehens nicht „hineinpassen“. Und auch wenn man nach außen hin von herrschenden Schönheitsnormen befreit wirkt – viele hinterfragen ihr Äußeres weiterhin ständig oder machen heimlich Diäten. Hier helfe den Autor*innen zufolge nur gegenseitige Offenheit und Stärkung untereinander.

Die Lektüre bietet mehr als nur eine gute und lesenswerte Einführung in das Thema. Vielmehr wird deutlich, warum es eine Diskussion um und Kritik an Lookismus braucht, der bislang auch in feministischen Zusammenhängen oft nur eine untergeordnete Rolle spielt.

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March 28 2017

10:37

Familienduell im Lehrerzimmer

Von Amelia Umuhire

Disclaimer:
Im folgenden Text taucht das N-Wort unzensiert auf. Ich wurde selten davor verschont, es in seiner hässlichen Fülle zu hören, und bin davon überzeugt, dass es in einem Text, in dem es um die Wirkung des Wortes geht, zu erkennen sein sollte.

Es ist Donnerstagabend und eine sehr gute Freundin ist zu Besuch. Wir trinken und rauchen und kommen durch ein Gespräch über Kinder auf unsere unterschiedlichen Kindheiten zu sprechen. Plötzlich fragt sie mich, wann ich das erste Mal in meinem Leben das Wort „Neger“ oder „Nigger“ zu hören bekommen habe. Ich freue mich über die Frage und bin gleichermaßen verblüfft, da es tatsächlich das erste Mal ist, dass sie mir jemand stellt. Auf der Suche nach einer Antwort gehe ich in meinem Kopf verschiedene Szenen aus meiner Kindheit durch.

Durch die Zusammenwirkung von Kontext, Intention und Reaktion bekommt das Wort viel Gewicht. © Tine Fetz

Ich erinnere mich an einen meiner ersten Schultage in Deutschland, als David Blüma in der Pause vor mir steht und mir seinen Mittelfinger ins Gesicht hält, während er gleichzeitig einen affenähnlichen Tanz vorführt. Doch streng genommen zählt dieser Vorfall nicht, da er das Wort nie ausspricht. Auch wenn die Kombination aus Tanz und Mittelfinger dazu führt, dass ich mich zum ersten Mal wie einer fühle.

Nach und nach erinnere ich mich an ähnliche Ereignisse und gehe sie wie bei einer erfolgreichen Google-Suche nach Relevanz durch. Dabei sind die Kategorien, die zur Einschätzung und Einstufung der Relevanz dienen, Kontext, Intention und Reaktion.

Denn wenn dem großen, vermutlich Basketball spielenden Weißen, der beim RZA-Konzert neben dir steht, beim Mitsingen des Textes seines vermeintlichen Lieblingsrappers das Wort entgleitet, ist seine Intention nicht unbedingt böse und deine Freunde werden so tun, als hätten sie es nicht gehört. Und selbst wenn du darauf bestehst, ihn darauf aufmerksam zu machen, so wird er auf dein Naserümpfen hin seine Hände hochhalten und sich ungefähr so entschuldigen, wie man sich entschuldigt, wenn man jemanden auf der Straße anrempelt.

Ein Fall wie das des mitsingenden, vielleicht Basketball spielenden, weißen Typen taucht auf ca. Seite 14 der Suchergebnisse auf. Doch weiter vorne finde ich ein weiteres Ereignis, das veranschaulicht, wie eine Situation aussehen kann, in der die Zusammenwirkung von Kontext, Intention und Reaktion die Wirkung des Wortes in die Höhe schießen lässt. Ein Rassismus-Kopfstoß, wenn du so willst.

Diesmal auf dem Gymnasium. Ich laufe also eines Tages kichernd mit meinen Freundinnen den Flur entlang, als sich Paul Galesch, ein Klassenclown, der regelmäßig seine Intelligenz und Langeweile erfolgreich in Grausamkeit umwandelt, vor mich stellt und mir LENOR ins Gesicht schreit. Ich verstehe nicht, was er damit sagen will, und meine ausbleibende Empörung veranlasst ihn dazu, mir die Bedeutung jetzt in einer leiseren, aber immer noch sehr klaren Stimme zu erläutern. Leib Eigener Neger Ohne Rechte.

Meine Freundinnen schütteln mit dem Kopf und schauen erst mich und dann ihn mit einer abwechselnden Mischung aus Empörung und Scham an. Wir alle wollen aus unterschiedlichen Gründen nicht weiter darüber sprechen, also wechseln wir peinlich berührt das Thema.

Eine Reaktion, die ich noch öfter in Kombination mit besoffenen, aggressiven und dadurch scheinbar unweigerlich rassistischen Männern an Karneval und anderen größeren Veranstaltungen erleben werde. Nach der Pause hängt mir das Ganze dennoch nach. Ich beschließe, es zu melden und dabei strategisch vorzugehen.

Ich gehe zu Frau Wolther, der linken Pädagogik-Lehrerin meines Vertrauens, die sich oft und auch unaufgefordert als 68er-Feministin bezeichnet. Sie ist eine von den Lehrer*innen, die mir auf sehr unterschiedliche Weise das Gefühl geben, dass ich Potenzial habe.

Manchmal schreibt sie mir sehr detailliertes und ermunterndes Feedback unter eine gute Klassenarbeit und lobt meine „flotte Schreibe“. Und manchmal, da steht sie während des Sportfests ohne ersichtlichen Grund am Feldrand und prophezeit mir oder (wie sie liebevoll zu sagen pflegt) der „schwarzen Gazelle“ lautstark Rekordläufe.

Als ich also bei Frau Wolther ankomme und ihr von meinem American-History-X-Moment in der Pause erzähle, reagiert sie zunächst so, wie ich es mir erhofft habe. Sie lässt Paul mithilfe einer mysteriösen Durchsage aus der Klasse rufen und schon nach wenigen Minuten stehen wir drei etwas unbeholfen im Flur vor dem Lehrerzimmer. Es ist peinlich ruhig.

Sie fordert ihn auf sich zu entschuldigen und schafft es dabei, nie auszusprechen, was er eigentlich gesagt hat. Und er gibt mir, ohne jegliche Anzeichen von Widerwillen, die Hand und entschuldigt sich dafür, dass er mich beleidigt hat.

Die von mir als weiße Whoopi Goldberg völlig fehlbesetzte Frau Wolther schweigt zu der besonderen Schwere der Beleidigung. Ich werfe ihr einen leicht enttäuschten Blick zu, der sie wie erhofft sichtbar unter Druck setzt. Sie geht leicht in die Knie und diese neue Position macht, dass ich kaum bemerke, wie ihre Stimme eine kindliche Färbung bekommt.

„Und das nächste Mal wenn so etwas passiert, nennst du ihn einfach Kalkeimer …“ Ich stocke. Nach einer sehr kurzen Pause und in einem Ton, als beantworte sie eine Familienduell-Frage, fügt sie noch hastig hinzu:

„… oder Toastbrot.“

March 27 2017

10:00

Internet killed the Fernsehsucht

Von Brigitte Theißl

Süchtig nach „World of Warcraft“, Face­book und Instagram? Verschiedene wissenschaftliche Studien legen nahe, dass Internetabhängigkeit eine ernst zu nehmende Suchterkrankung ist. In Deutschland soll fast jede*r zehnte Jugendliche das Netz zu intensiv und in problematischer Weise nutzen, ein Prozent süchtig sein.

Jungen trainieren mit Computerspielen ihre Motorik-Skills, Mädchen mit Selfies und Drama ihren Narzissmus. © Shutterstock/Dragana Gordic

Worauf sich die Sucht konkret bezieht, daran scheiden sich die Geister – beziehungsweise auch die Geschlechter: Jungs verlieren sich in den Welten der Onlinerollenspiele, Mädchen verbringen besonders viel Zeit in sozialen Netzwerken wie Facebook, so die Studienergebnisse. Oder wie es eine Journalistin der „Welt“ formuliert: „Mädchen wollen quatschen, Jungs schießen“. Und da beginnt sie, die Welt der Geschlechterstereotype, der Ab- und Bewer­tungen des Onlineverhaltens.

Wenn Mädchen sich in einem sozialen Netzwerk be­wegen, sind sie verzweifelt auf der Suche nach Bestätigung, kultivieren ihren Narzissmus mit täglichem Selfie und unterhalten sich im Facebook-Chat mit Freundinnen über den neuesten Schwarm. Jungs hingegen messen sich mit den Geschlechtsgenossen und präzisieren ihre (virtuellen) kriegerischen Fähigkeiten. Wie durch Gaming die Konzentration geschärft oder motorische Skills trainiert werden, damit warten Forscher*innen sogleich auf. Bei Mädchenkram wird erst gar nicht danach gefragt – Beziehungen unter Mädchen und Frauen können schließlich nicht produktiv sein!

Brigitte Theißl ist Journalistin und Redakteurin des Magazins „an.schläge“. Sie bloggt auf denkwerkstattblog.net.

Aber auch klassenspezifische Diagnosen geistern durch die Medien. Zwar wird die sogenannte „digitale Demenz“ von zahlreichen Wissenschaftler*innen als Mythos bezeichnet, ein deutscher Hirnforscher behauptet aber hartnäckig, zu frühe Internetnutzung mache „dumm“. In einem Dokumentarfilm über die umstrittene Diagnose pries ein US-amerikanischer Psychologe die Vorzüge des guten alten Buchs und der Handschrift – und wetterte gegen die „Tablet-Kids“. Diese würden heute nicht mehr vor den Fernseher gesetzt, ihnen würde von den verantwortungslosen Eltern einfach ein Smartphone oder ein Tablet in die Hand gedrückt werden.

Vermutlich wird es nicht mehr lange dauern, bis sich Offline-Sein als gutbürgerliches Distinktionsmerkmal etabliert hat: Papa packt in der Straßenbahn bewusst die gedruckte „FAZ“ aus und reicht Waldorf-Sohnemann die Pocket-Schiefertafel. Darauf ließe sich doch prima ein Schlachtplan für das nächste Kriegsspiel entwerfen.

Der Text erschien zuerst in Missy  Magazine 02/17.

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