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May 26 2017

08:27

Lieblingsstreberin: Yağmur Öztürk

Von Hengameh Yaghoobifarah

Es ist nicht leicht, Yağmur Öztürk (gespielt von Pegah Ferydoni) zu sein. Als orthodoxe, deutsch-türkische Muslima zieht sie in ihrer neuen Patchworkfamilie die größte Arschkarte: Weder ihr Vater Metin noch ihr Bruder Cem, der Möchtegern-Gangster, sind besonders religiös. Ihre Stiefmutter Doris Schneider ist dafür eine esoterische Schamanin, ihre Stiefschwester Lena Atheistin, die auf sie das Bild der unterdrückten Hijabi projiziert, und ihr Stiefopa ein Nazi. In ihrer Korangruppe steht sie wegen ihrer Familie unter ständigem Haram-Verdacht, zu Hause gilt sie als Spaßbremse. Nicht mal ihr deutsch griechischer Verlobter spricht ihren Vornamen korrekt aus.

Yağmur Öztürk © Tamar Moshkovitz

Als wäre das nicht schon schwer genug auszuhalten, wurde ihre Figur auch noch für eine extrem stereotype Serie geschrieben, deren Pointen auf dem „Kulturschock“ beim Zusammenführen der Familien Schneider und Öztürk basieren. „Lustige“ Integrationsimperative dürfen da natürlich nicht fehlen. Durch ihren Glauben fühlt sich Yağmur ihrer verstorbenen Mutter näher und grenzt sich gleichzeitig von ihrem Vater ab. Für sie ist Metin aufgrund seiner neuen Liebesbeziehung ein Verräter. Doch letztlich zieht sie ihre Anti-Schneider- und Anti-Alman-Haltung nicht durch und zeigt sich immer öfter als gute Freundin ihrer einst verachteten Stiefschwester.

„Türkisch für Anfänger“ lief 2005 bis 2007 als ARD-Produktion im Fernsehen. Nun gibt es alle drei Staffeln auf Netflix.

In erster Linie ist Yağmur eine Streberin in Sachen Frömmigkeit. Das führt zu witzigen Szenen, etwa die, in der Lena und sie in eine Disco gehen und Doris ihnen CS-Gas zur Selbstverteidigung mitgibt. „Was ist das? Ecstasy?“, fragt sie mit kritischem Blick auf die kleine Sprühflasche und zeigt, welches Bild sie von ihrer Stiefmutter hat. Entgegen ihrem ursprünglichen Plan, Hausfrau und Mutter zu werden, macht Yağmur schließlich ihr Abitur und arbeitet als Dolmetscherin, etwa für den Bundestag, und ist so die strebsame „gute Ausländerin“, die das deutsche Fernsehpublikum so gerne sehen will.

Dieser Artikel erschien zuerst in Missy 03/2017. 

May 25 2017

14:07

Im Bootcamp der Selbstzerlegung

Von Carolin Wiedemann

Maja musste gehen, obwohl sie laut Juror Thomas Hayo die stärkste Sozialkompetenz hatte. Obwohl sie edgy und modern war, wie die Chefin der „Cosmopolitan“ fand. Und so dünn wie keine andere. Aber in der mittlerweile 12. Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ ging es weniger ums Dünnsein und die Disziplinierung der Körper und um Sozialkompetenz sowieso nicht; dieses Mal war die Sendung mehr als je zuvor Psychoshow, Bootcamp der permanenten emotionalen Selbstzerlegung, und der Zugriff auf die Kandidat*innen invasiver denn je: Welche junge Frau konnte angetrieben von Heidi Klum und ihren beiden Lakaien, Thomas Hayo und Michael Michalsky, die eigenen Grenzen noch weiter überschreiten, ohne dabei die Fassung zu verlieren?

©Flickr/Julius Seelbach/CC BY 2.0

Maja konnte es, ihr kamen auf Knopfdruck die Tränen, nachdem eine angebliche Emo-Expertin mit den Kandidatinnen übte, das Schlimmste, was sie je erlebt hatten, wieder abzurufen, um danach vor der Kamera möglichst authentisch weinen zu können.

Bei zwei der Kandidat*innen klappte das Shooting nicht so, wie die „Jury“ sich das vorgestellt hatte: Serlina, die noch einmal den Tod ihres Vaters durchleben sollte, sah auf den Fotos leider nicht mehr „hübsch“ aus. Klum klickte von einem schmerzverzerrten Gesicht zum nächsten, und sagte zu ihr: „Siehst du, kein einziges Schönes dabei.“ Bei Carina flossen vor dem Fotografen keine Tränen. Obwohl sie doch auch schon Schlimmes erlebt hatte, wie Heidi Klum verwundert bis empört sagte – schließlich war Carinas langjähriger Partner gestorben.

Zu jeder neuen Staffel versammeln sich jeden Donnerstagabend über 2 Millionen Zuschauer*innen vor dem Fernseher. Vor allem Mädchen, deren sehnlichster Wunsch es ist, sich dort auch zu bewerben. Und genügend Menschen, die der Show mit großer Ambivalenz begegnen, die den Lookism und Sexismus der Show und der Branche, um die es in dieser Sendung natürlich geht, kritisieren und doch nicht nur zynisch distanziert vor dem Fernseher sitzen, sondern mit den Kandidatinnen mitfiebern, sich berühren lassen.

Denn jedes Mal kommen neue Elemente hinzu, die „GNTM“ irgendwie progressiv wirken lassen: In dieser Staffel nahmen zwei trans Frauen als Kandidat*innen teil, von denen eine, Giuliana, es auch weit schaffte und scheinbar für das Finale eingeplant war. Zumindest hatte Michalsky sich das versprochen. Er hatte das Team „Diversity“ zusammengestellt: Neben den zwei trans Frauen waren eine „Asiatin“ und eine „Schwarze“ (wie es immer wieder hieß) dabei  – und auch Kandidat*innen, die nicht ganz dünn oder durchtrainiert aussahen. Toll, dachte man kurz. Toll, dass sich manche jungen Mädchen vor dem Fernseher jetzt repräsentiert fühlen! „Diversity“  ist ein super Verkaufsargument und die Branche integriert immer noch mehr vormals marginalisierte Gruppen in die Maschinerie der Zurichtung.

Hauptsache man arbeitet an seiner Personality, denn die bringt die Einschaltquote, und man bekommt Jobs, denn die bringen dem Klum-Unternehmen Geld. Personality heißt bei „GNTM“ die Eigenschaft, sich nicht nur äußerlich zu optimieren, sondern auch an seinen Gefühlsäußerungen so zu arbeiten, dass sie am besten ausbeutbar sind. Sich trimmen, von außen und innen.

Das Bemühen darum, sich noch weiter drangsalieren zu lassen, wurde dieses Mal besonders ausgestellt – immer mit dem Fazit: Wer sich selbst überwindet und die anderen aussticht, schafft es. Denn es kann zwar nur eine Germany’s Next Topmodel werden, aber Heidi Klum findet, alle haben die gleichen Chancen. Wer dann beim Unterwassershooting eine Panikattacke bekommt, steht sich eben selbst im Weg. Wie Céline, die im Wasser keine Kontaktlinsen tragen konnte, ohne diese aber fast nichts sah. Sie ruderte im Pool verzweifelt mit den Armen und schluchzte am Beckenrand.

Und ich saß davor und schämte mich, dass ich weinte, weil Céline weinte. Ich schämte mich, weil die Sendung es wieder schaffte, dass ich mit den Kandidatinnen mit eifere und mit ihnen leide. Und weil ich doch außerdem wusste, dass Céline es sich freiwillig ausgesucht hat mitzumachen. Aber was heißt denn freiwillig? Erst recht, wenn knapp 40 Prozent der Zuschauer*innen zwischen drei und 13 Jahre alt sind?

Und heute Abend wird Céline weiter kämpfen, denn sie ist doch noch untergetaucht beim Shooting, sie hat, wie Heidi Klum sagt: die Zähne zusammengebissen. Und auch Serlina, deren Emo-Fotos laut Heidi Klum nicht schön waren, begann nach dem Shooting, gleich daran zu arbeiten, auch beim Weinen „hübsch“ auszusehen.

May 24 2017

11:34

Schwerelose Andacht

Von Christina Mohr

Die isländische Singer/Songwriterin Sóley ist eine im Grunde tief melancholische Person. Vor den Aufnahmen zu ihrem neuen Album schrieb sie sich einen Merkzettel, dass sie dieses Mal unbedingt über Hoffnung und den Frühling schreiben müsste. Sie malte sogar ihr Studio in bunten Farben an, damit nicht doch wieder die Schwermut überhandnähme.

© Birgisdóttir Ingibjörg

Und tatsächlich unterscheidet sich die neue Platte stark von ihrem düsteren, morbiden Vorgänger „Ask The Deep“ – selbst das Cover von „Endless Summer“ ist in zarten Pastellfarben gehalten, die ihre klangliche Entsprechung in den schwerelos hingetüpfelten Klavierklängen Sóleys finden, zu denen sie mehr haucht als singt. Die Grundtonart ist eindeutig Dur, kein niederdrückendes Moll mehr.

Multiinstrumentalistin Sóley sitzt jedoch nicht nur am Klavier, es sind auch Klarinetten, Posaunen und Streicher zu hören – vergleichbar mit Agnes Obel und Joanna Newsom erweitert auch Sóley den Folk-Pop-Rahmen, klingt mehr nach klassischer Musikerin als nach Indie-Pop. Manche Stücke wie der ihrer kleinen Tochter gewidmete Opener „Úa“ oder „Sing Wood To Silence“ wirken so fragil wie erhaben, beinah sakral. Es passt daher gut, dass Sóley auf ihrer anstehenden Tournee gleich in mehreren ehemaligen Kirchen auftreten wird: Diese Musik fordert bei aller Zurückhaltung eine gewisse Andacht, ist in Bars und auf Partys fehl am Platz.

Sóley „Endless Summer“
(Morr Music/Indigo), bereits ersch.

Trotz der heiteren Dur-Stimmung kommt die Melancholikerin in Sóley aber dann doch immer wieder durch: „We grow up and then we die“, wiederholt sie mantraartig in einem ansonsten fröhlich klingenden Song, und vielleicht ist es doch die viel beschworene Natur Islands, die ihren Bewohner*innen zeigt, dass sich auch im endlosesten Sommer schon der Winter ankündigt.

May 23 2017

13:25

Entwurzelte Seelen

Von Ana Maria Michel

Ein Zufall führt Katharina und Erich zusammen: Als Katharina von zu Hause abhaut, werden sie Nachbarn und freunden sich an. Erich erforscht als Wissenschaftler die Wälder Sibiriens, Katharina hofft auf seine Hilfe. Ihr Vater arbeitet seit kurzem irgendwo in Russland, doch sie weiß nicht wo. Alleine mit der Mutter hält sie es nicht aus.

© Detlef Heese

Erich lernte auf einer Forschungsreise in Sibirien seine Frau kennen, zusammen gingen sie nach Deutschland. Die Abmachung, im Alter wieder zurück in ihre Heimat zu ziehen, hält er nicht ein – seine Frau geht ohne ihn. So pfanzt Erich Bäume in sein Schlafzimmer, um wenigstens in seinen Träumen wieder in Russland zu sein. Aber der alte Mann kann sich nicht mehr um seinen Wald kümmern, er ist zu groß geworden.

Ada Dorians erster Roman – für den die Autorin 2016 für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert wurde – setzt die Geschichten der zwei Figuren parallel. Verbunden werden sie dabei durch die sibirischen Wälder, die voller Gefahren sind, aber auch Trost spenden. „Betrunkene Bäume“ heißt das Phänomen, das Erich erforscht: Im schmelzenden Permafrost verlieren die Bäume den Halt, sie geraten in Schieflage. Dieses Bild lässt sich auf Dorians Figuren übertragen – sie geraten aus dem Gleichgewicht, wissen nicht, wohin sie gehören.

Ada Dorian „Betrunkene Bäume“
Ullstein, 272 S., 18 Euro

Katharina und Erich bleiben in ihren Rollen zwar schablonenartig – sie, der rebellische Teenager, der auf die schiefe Bahn gerät, er, der sture Alte, der nicht anerkennen will, dass er Hilfe braucht – und zu viele Zufälle lassen die Geschichte stark konstruiert wirken. Doch Dorians Roman enthält auch immer wieder Unerwartetes. Auch das gelungene Bild des Waldes im Schlafzimmer gehört dazu.

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09:22

Not Your Goy*Toy

Von Debora Antmann

Who is the Goy here?

Als ich nach einem Titel für die Kolumne gesucht habe, war ich ziemlich schnell von „Not Your GoyToy“ begeistert. Als ich den Titel allerdings an meinen Freund*innen ausprobiert habe, war die Reaktion immer sehr verhalten. Die meisten von ihnen hatten keine Ahnung, wer oder was ein Goy ist und was der Titel bedeuten soll. Witzigerweise lag das Unverständnis bei den meisten daran, dass sie genau das sind – Goys. Welch eine Ironie! Und im kleinen Rahmen ist es auch noch mal die Bestätigung für das, was queere Jüd*innen schon lange wissen: dass jüdisches Wissen und jüdische Perspektive kein sichtbarer Teil (queer-)feministischer Communitys ist.

Die wc-deutsche Norm umgibt uns fast immer – auch, wenn sie nicht augenscheinlich ist. © Tine Fetz

Wenn ich mich unter Feminist*innen und Queers befinde und sage „Hey there! Lasst uns mal über jüdischen Feminismus reden!“, sehe ich sie verlegen mit den Füßen scharren, verunsichert zu ihren Geschichtsbüchern schielend; nicht so sicher, was ich eigentlich von ihnen will. Nein, es geht mir nicht um irgendwas mit Nazi-Deutschland und erst recht nicht um Israel. Ich meine so ganz in der Gegenwart und in unseren Communitys. Ich sehe die Verwirrung, die Genervtheit, das Unverständnis und ich weiß sogar, wo es herkommt. Jüdische Perspektive als feministische Praxis ist für wc-Deutsche in ihrer Normblase ungefähr so verständlich und naheliegend wie, na ja … die Bezeichnung „Goy“. Ich will nicht sagen, dass das okay ist, aber überrascht bin ich nicht. Nun gut. Jetzt bin ich ja da …

Dennoch ist „Goy“ eigentlich nur meine zweite Wahl, wenn es mir darum geht, christliche Dominanz unter Feminist*innen und Queers sichtbar zu machen und mich davon abzugrenzen. Es ist fantastisch, wenn ich mal so richtig in jüdischer Tradition ranten will. Aber meine super mega Empowerment-Wortentdeckung seit 2015 ist eigentlich „wc-deutsch“!

Wc-deutscher Feminismus ist auch keine Lösung

Ich habe mir in den letzten zwei Jahren angewöhnt, nicht nur von weißem Feminismus zu sprechen (dass der langweilig, eindimensional und sinnlos ist, sind keine Breaking News), sondern von wc-deutschem Feminismus. In Schland sind weiße Debatten an sich nicht nur weiß, sondern auch aus christlicher Kulturtradition heraus entstanden. Was bedeutet, dass sich weißer bzw. wc-deutscher Feminismus in seinem weißen Universalismus unausgesprochen immer auch auf eine christliche Norm bezieht. „Wc-deutsch“ als Abkürzung für „weiß und christlich (sozialisiert)“ ist damit nicht nur ein kritischer Bezug auf Enthnisierungspraxen in weißen feministischen Zusammenhängen, sondern Teil von Abgrenzungspolitiken, Empowerment und eine Chance für Bündnisse.

So weit so theoretisch. Wenn ich in Räumen weißer Feminist*innen oder Queers bin (und sind wir ehrlich, das sind die meisten), mag ich auf den ersten Blick erst mal da sein, wo ich hingehöre. Und ich will jetzt an dieser Stelle keine Diskussion eröffnen, ob ich als Jüdin weiß bin beziehungsweise sein kann oder nicht. Denn selbst wenn ich je nach Diskurs geschichtlich bedingt nicht weiß sein sollte, bin ich doch mit Sicherheit nicht Of Color oder Schwarz und habe damit erst mal einfachen Zugang zu weißen Räumen. Faktisch hat das, was da passiert, aber dann trotzdem reichlich wenig mit mir zu tun. Ganz abgesehen davon, dass ich von einem weirden Konglomerat aus linkem philosemitischen Schicksalsvoyeurismus und Exotisierungen einerseits und antisemitischen Ethnisierungsversuchen andererseits überrollt werde, sobald ich als Jüdin sichtbar werde, bleibe ich auch nur Teil der glücklichen weißen Femi-Familie, wenn ich mich als brav assimilierte Jüdin gebe. Sobald ich auf die vor Christentum triefenden und für mich oft befremdlichen Inhalte und Diskussionen aufmerksam mache, war’s das mit der weißen Happyness.

In den 1980ern und 1990ern gab es sehr sichtbare Versuche von Jüd*innen, darauf aufmerksam zu machen, dass es für Jüd*innen in feministischen Kontexten keine Sichtbarkeit und in den Debatten keinen Raum für sie gibt. Sie entwickelten die Bezeichnung „wc-deutsch“ als Abgrenzung zu dem Feminismus, der sie nicht meinte und nicht hören wollte, und als Zeichen der Solidarität gegenüber marginalisierten Gruppen, denen es ähnlich ging. Mit dem Gefühl, dass die Situation in (queer-)feministischen Räumen heute nicht besonders anders ist, war die Reaktivierung von „wc-deutsch“ einer meiner größeren Empowerment-Momente der letzten Jahre. Ich feiere den Begriff besonders, weil er anders als „Goy“ Bündnismöglichkeiten aufmacht. Er bietet Raum für Allianzen, z.B. zwischen Menschen, die von Rassismus, antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus betroffen sind, ohne dass wir uns in Identitätspolitken verstricken oder versuchen müssen, wegen unterschiedlicher Betroffenheiten um Abgrenzungen zu ringen.

Außerdem regen sich wc-Deutsche so herrlich darüber auf, weil Toilette und so. Besser geht es also eigentlich gar nicht und deswegen kann ich nicht anders, als „wc-deutsch“ bei jeder sich bietenden Gelegenheit als intervenierende Vokabel zu promoten. Also: wc-deutsch! wc-deutsch! wc-deutsch!

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May 22 2017

14:55

„Musik und Mathe sind für mich eins“

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Von Sonja Eismann

Die Elektronikproduzentin Jlin wurde mit ihrem ersten Album 2015 als Erneuerin des halsbrecherisch schnellen Footwork bejubelt. Jetzt geht sie mit dem Nachfolger „Black Origami“ noch einen Schritt weiter. Ganz ohne Samples schafft sie eine noch nie gehörte Form perkussiv-experimenteller Tanzmusik.

Bei einer so physischen Musik wie Footwork geht man davon aus, dass Fans sie im Club oder auf der Straße kennenlernen, an bewegten, öffentlichen Orten. Wie war das bei dir?
Jlin: Komplett anders. Ich entdeckte das Genre bei Nachbar*innen, als ich vier Jahre alt war. Ich spielte im Haus einer Freundin und eine ihrer Cousinen machte mit einem Kopfhörer auf den Ohren Hausaufgaben. Auf einmal vernahm ich einen Rhythmus, den ich nie zuvor gehört hatte, und fragte sie, ob ich auch mal den Walkman haben dürtfe. …

12:15

Pflicht oder Liebe

Von Gabriele Summen

Ridley Scotts 1979 erschienener Sci-Fi-Horrorfilm „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ stellte einen bemerkenswerten Wendepunkt der Filmgeschichte dar: Der Regisseur hatte den Nerv, die Hauptrolle mit einer Frau zu besetzen. So bekam das Mainstreamkino seine erste Actionheldin im All und Sigourney Weaver wurde über Nacht zum Idol. Zudem griff der Film die Urängste vor (weiblicher) Sexualität, Vergewaltigung, Geburt und Müttern auf. Zu guter Letzt besiegte auch noch die starke Frau ganz allein das phallische Monster.

Katherine Watston als Alien-Jägerin Daniels © 2017 Twentieth Century Fox

Im Vergleich zum Klassiker hat Scotts jüngstes Sci-Fi-Epos „Alien: Covenant“ so seine Schwächen: Die Dialoge sind punktuell unterirdisch und einzelne Crewmitglieder verhalten sich zuweilen recht dämlich. Zudem könnte frau sich über Scotts Entscheidung streiten, die Erwartung vieler Fans nach blutspritzenden, virtuos inszenierten Schockmomenten – jede Menge „Facehugger“ und „Chestburster“ inklusive – etwas zu offensichtlich zu bedienen.

Dennoch weist Scotts „Baby“ auch außergewöhnliche Stärken auf, die den Kinobesuch allemal lohnenswert machen. Zum einen lässt der Film wieder eine toughe Heldin den entscheidenden Kampf mit dem Alien austragen – und bereitet so quasi den Auftritt Ripleys vor. „Covenant“ spielt nämlich vor dem ersten „Alien“-Teil, etwa zehn Jahre nach dem ambitioniert gescheiterten Prequel „Prometheus“. Der warf immerhin beunruhigende Fragen nach dem Ursprung des menschlichen Lebens auf, die nun weiter verfolgt werden. So will im Gänsehaut erzeugenden Prolog der unsterbliche Android David (unfassbar nuanciert gespielt von Michael Fassbender) von seinem menschlichen Schöpfer wissen, wer ihn denn eigentlich erschaffen habe. Jahre später ist sein verbessertes, weniger aufmüpfiges Nachfolgemodell Walter (ebenfalls Fassbender) mit dem Raumschiff „Covenant“ und 2000 schlafenden Siedler*innen unterwegs zu einer potenziellen Kolonie.

Die Crew, die Jahre zu früh von Walter geweckt werden muss, da ein Sonnensegel beschädigt worden ist, besteht dieses Mal hauptsächlich aus – dramatische Fallhöhen ermöglichenden – Pärchen (immerhin befindet sich auch ein homosexuelles darunter). Die erste Offizierin Daniels (Katherine Waterston) verliert ihren Lebensgefährten gleich beim Aufwachen, da er in seiner Hyperschlafkabine verbrennt. Dramaturgisch wird damit für die Kapitänswitwe der Weg frei, Teil der aufwühlenden, philosophischen Metaebene des Films zu werden, denn Daniels zeigt tiefe, menschliche Regungen gegenüber dem Androiden Walter, womit ein prickelnder Hauch von „Blade Runner“ in den Film strömt.

Zufällig macht die verbliebene Crew einen erdähnlichen Planeten aus und der neue, schwache Kapitän wider Willen beschließt, ihn näher zu erkunden. Schon bald werden die ersten Opfer von Aliens und Android David erscheint überraschend auf der Bildfläche – eine teuflische Schöpfung, die den Zuschauer*innen eine Höllenangst einjagen wird.

Alien: Covenant US/GB 2017. Regie: Ridley Scott. Mit Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup u.a., 122 Min., bereits im Kino

Walter fragt den erkennbar in Daniels verliebten David einmal, warum er sie gerettet habe. „Das war meine Pflicht“, antwortet dieser und jede*r spürt, dass dies gelogen ist. Ebenso wird fühlbar, dass dem 79-jährigen Ridley Scott der Alien-Mythos und die spannenden philosophischen Fragen, die er aufwirft, nach wie vor am Herzen liegen – und dies macht die Verfilmungen, bei denen er seine Hand im Spiel hat, unbedingt sehenswert.

May 19 2017

09:05

Tanzen mit Janet Jackson

Von Katja Peglow

Seit 2008 träumt Ramona Gonzales, besser bekannt als Nite Jewel, vom großen Durchbruch im Musikgeschäft, der für einen kurzen Augenblick mit dem 2012 veröffentlichten glitzernden R&B-Popalbum „One Second Of Love“ zum Greifen nahe schien. Doch dann überwarf sich Gonzales mit ihrem damaligen Label, von dem sie sich zu sehr in eine poppige Ecke gedrängt fühlte.

© Leo Garcia

Der deutlich elektronischere Nachfolger „Liquid Cool“ aus dem Vorjahr orientierte sich wieder stärker am unterkühlten Discosound des Italians-Do-It-Better-Umfelds, dem Gonzales einst als verheißungsvoller Stern am Elektro-Pop-Firmament entstiegen war. Darauf kreuzte die Mittdreißigerin Mariah Carey mit Autechre und taufte das coole Gebräu 80er-Electro-Noir.

Auf ihrem vierten Album, das auf ihrem eigenen Label Gloriette erscheint, wagt sich Nite Jewel wieder auf lichteres Terrain. „Real High“ zehrt diesmal stärker vom Clubsound der Neunziger. Mal schweißtreibend wie in „2 Good 2 Be True“, in dem Gonzales wie Janet Jackson zu ihren besten Zeiten klingt, mal verträumt, wie im chilligen Titeltrack „Real High“, in dem die Kalifornierin zu sphärischen Electro-Beats über die Sehnsüchte von heute und die Liebesqualen von morgen singt.

Nite Jewel „Real High“
(Gloriette/H’art), bereits ersch.

Verstärkung holt sich Gonzales dieses Mal direkt aus ihrer Heimatstadt Los Angeles, nämlich bei der Dreampop-Spezialistin Julia Holter (zuständig für alles Schwebende und Ätherische) sowie dem „Botschafter des Boogie Funk“ DâM-FunK (zuständig für den Bass). Mit Letzterem betreibt die Sängerin seit einiger Zeit auch das tolle Nebenprojekt Nite-Funk, das sich ebenfalls sehr zu entdecken lohnt.

08:54

Laurence Philomène: „Ich sehe nicht besonders viel Repräsentation von nicht-binären Personen in der Kunstwelt“

Interview: Valerie-Siba Rousparast

In einem Interview mit dir habe ich gelesen, dass du seit acht Jahren täglich fotografierst. Wann begann diese Leidenschaft?
Laurence Philomène: Es gibt manchmal auch Tage, an denen ich nicht fotografiere. Aber es geht definitiv kein Tag vorbei, an dem ich nicht auf irgendeine Art an meiner Fotografie arbeite, Fotos bearbeite, meine Website update, Shootings vorbereite. Diese Arbeit ist so ein integraler Teil meines Lebens, dass ich nicht mehr wirklich weiß, was ich ohne sie tun würde! Es ist mein Job und außerdem mein kreatives Outlet. Ich begann damit, als ich ungefähr 14 Jahre alt war. Ich habe diese Puppen fotografiert, die ich zu der Zeit gesammelt habe. Ich glaube während der Highschool war das einfach eine nette Ablenkung für mich. Ich habe Fotos gemacht, wenn ich mich langweilte, und dann entstand einfach etwas daraus.

Im Laufe der Zeit hast du deine eigene, wunderbare Ästhetik entwickelt. Leuchtendes Pink, Glitzer und eine orangefarbene Perücke sind nur ein paar der wiederkehrenden Elemente. Was inspiriert dich?
Meine Freund*innen inspirieren mich. Menschen, die zu sich selbst ehrlich sind. Ganz offensichtlich inspiriert mich Farbe, das ist seit Jahren ein wiederkehrendes Thema in meiner Arbeit. Doch was mich am meisten antreibt, sind meine Freund*innen, die auch junge Künstler*innen sind.

Wählst du die Menschen, die du porträtierst, aus oder freust du dich über alle, die für dich modeln möchten?
Ich arbeite immer mit Freund*innen, anderen Künstler*innen oder Freund*innen von Freund*innen. Nur selten arbeite ich mit Models. Ich mag es, eine starke Beziehung mit denjenigen aufzubauen, die ich fotografiere. Je besser ich eine Person kenne, desto mehr fühle ich mich dazu inspiriert, von ihr Fotos zu machen.

Gender-Nonkonformität ist etwas, worauf die Gesellschaft immer noch sehr feindselig reagieren kann. Diskriminierung und Marginalisierung von nicht-binären Personen ist eine Realität. Wann hast du realisiert, dass das Thema Gender und sich als nicht-binär identifizieren eine Rolle in deiner Kunst spielt?
Gender ist seit Jahren ein riesiges Thema in meiner Arbeit – für eine lange Zeit habe ich mehr mit Femininität gearbeitet, versucht, sie zu kontextualisieren. Vieles davon handelte von mir, wie ich meine eigene Beziehung zu Femininität erkunde. Ich fotografiere schon seit langer Zeit nicht-binäre Personen, aber begonnen, expliziter darüber zu sprechen, habe ich, als ich letztes Jahr anfing, an meiner non-binary Porträtserie zu arbeiten. Ich wollte an etwas arbeiten, mit dem ich mich persönlich identifiziere, und sah außerdem nicht besonders viel  Repräsentation von nicht-binären Personen in der Kunstwelt.

Was bedeutet Softness für dich und im Kontext deiner Arbeit?
Softness bedeutet für mich, mich nicht verbittern zu lassen. Und zu wachsen und aus Fehlern zu lernen. Ehrlich und liebevoll zu sein in der Art, wie ich an die Fotografie herangehe.

Die Ausstellung „Non-Binary Portraits by Laurence Philomène“ ist von 19.05.–31.05. in den Cogalleries in Berlin zu sehen. Mehr Infos gibt es auf Facebook.

Siehst du deine Arbeit als politisch an?
Ja. Aber eigentlich ist alles, was ich möchte, Kunst zu kreieren, die in Menschen etwas auslöst und sie hoffentlich Trost darin finden lässt.

Du hast schon für viele verschiedene Menschen, Marken und Magazine gearbeitet. Was sind deine Pläne für die Zukunft?
Jetzt gerade arbeite ich an meiner ersten Solo-Ausstellung in Kollaboration mit Curated by Girls.

 

 

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May 18 2017

10:20

„Ich wusste, dass ich nichts dafür konnte.“

— Kaufen Sie den vollständigen Inhalt für 0.99 EUR —

Von Carolin Wiedemann

„This is not a rape“ – „Dies ist keine Vergewaltigung“, nannte die Kunststudentin Emma Sulkowicz 2015 das Video, in dem sie nachstellte, wie sie von einem Kommilitonen sexuell genötigt wurde. Bereits zuvor hatte sie monatelang eine Matratze über den Campus der Columbia University in New York getragen. Mit dieser Aktion wies sie nicht nur auf ihren eigenen Fall, sondern auf die Erfahrung von fünfzig Prozent aller Studentinnen an US-amerikanischen Universitäten hin, die gegen ihren Willen in Sex involviert oder auf eine Weise angefasst wurden, wie sie es nicht wollten – zum Großteil von Männern, die sie gut kannten.

Hierzulande sehen die Verhältnisse nicht anders aus, wie eine EU-Studie der Agentur für Menschenrechte schon 2014 nachwies. Sie zeigte auch: Die meisten Frauen benennen solche Übergriffe nicht. Sie zweifeln an ihrer Wahrnehmung oder machen sich selbst dafür verantwortlich, vor allem dann, wenn sie zunächst einer Form von Nähe und Kontakt zustimmten. Auch die drei Frauen in den folgenden Protokollen fragen sich: War es vielleicht doch kein Übergriff? Schließlich hatte ich selbst Gin Tonic mit ihm trinken wollen. Schließlich war ich gern mit ihm nach Hause gegangen. Schließlich lebte ich aus freien Stücken mit ihm zusammen.

Die Verunsicherung, das Gefühl der Ambivalenz ist Resultat der Art und Weise, wie wir über Sexismus und sexualisierte Gewalt sprechen. Wenn jungen Frauen eingebläut wird, sich nicht „zu sexy“ anzuziehen und nicht zu spät nach Hause zu gehen, folgt dies einer Logik, die vermittelt: selber schuld, wenn du als sexuell verfügbares Objekt angesehen wirst.

Auch Emma Sulkowicz wurde angegriffen: Warum sie denn nicht gleich zur Polizei gegangen sei? War es nicht so, dass sie den Sex doch wollte? …

May 17 2017

11:05

Es kann nie genug Annes geben

Von Jacinta Nandi

„Ich wollte schon immer einmal Kanada besuchen“, erzähle ich einem deutschen Schüler, mit dem ich im ICE quatsche. Er verbringt gerade ein Jahr im Toronto und hat mich angeredet, nachdem er gehört hat, dass ich am Handy Englisch gesprochen habe. Ihr kennt diese „Ein Jahr im Ausland“-Teenager, sie wollen immer quatschen. „Ich wollte immer Prince Edward Island besuchen“, sage ich. „Doch nicht wegen Anne of Green Gables?“, ruft er empört. Ich spüre, dass ich ihn enttäuscht habe.

Anne-DarstellerInnen im Anne-of-Green-Gables-Museum in Cavendish, Prince Edward Island © Wikimedia Commons/Smudge 9000/CC BY 2.0

„Na klar“, sage ich. „Ich habe nämlich gehört, dass ganz viele japanische Brautpaare in dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist, heiraten. Die Autorin, meine ich, L. M. Montgomery. Im Haus ihrer Großeltern. Es soll angeblich fast so wie Green Gables aussehen.“ – „Ich habe die Bücher nie gelesen“, sagt der Jugendliche. „Ich werde so was nie lesen. So ein Kitsch. Total kitschig. Ich habe keine Zeit für so etwas!“

Bei Autorinnen, die lustig schreiben, bei Humoristinnen also, wird oft der Humor ignoriert. In Erinnerung bleibt nur das Kitschige, das Sentimentale. Das ist etwa bei Jane Austen passiert – und ihre Fans sind daran genauso schuld wie die Menschen, die sie gelesen haben und hassen. Oder die, die sie nie gelesen haben und trotzdem ablehnen. Es gibt viele Jane-Austen-Fans, und ich gehöre auch ein bisschen zu jenen, die sie nicht (nur) dafür lieben, was sie geschrieben hat oder wie sie es geschrieben hat, sondern weil die Outfits in ihren Romanen geil waren und die Männer so sexy. Man kann sogar Jane-Austen-Pauschalurlaube buchen, wo man dann diese sexy Kleider und eleganten Hütte in echt tragen kann und in einem englischen Rosengarten herumlatschen darf, um die Jane-Austen-Experience vollkommen zu genießen. Dieser Hype hat nichts mit Jane Austens Fähigkeiten als eine der scharfsinnigsten Satirikerinnen, die je geschrieben hat, zu tun. Dafür sehr viel mit Sehnsucht und Nostalgie. Eine Sehnsucht nach romantischer Kleidung, eleganten Gärten, sexy, strengen Männern und der guten alten Zeit – eine Sehnsucht, die fast pornografisch wird.

Aber Jane Austen war keine englische Seifenopern-Drehbuchautorin des 19. Jahrhunderts. Die ersten Prosastücke, die sie verfasst hat, waren satirische Parodien. Und obwohl ihre Romane vielleicht deswegen so befriedigend sind, weil sie in einer Heirat enden, wäre es verkürzt, diese Werke als Liebesgeschichten abzustempeln. „Stolz und Vorurteil“ ist wahrscheinlich ihr romantischster Roman – aber auch hier sind zwei der perfektesten Comedy-Figuren der englischen Literaturgeschichte zu finden: Mr. Collins und natürlich Mrs. Bennett.

Die Schriftstellerin L. M. Montgomery © Wikimedia Commons/Anonymus/Public domain

Die kanadische Schriftstellerin Lucy Maud Montgomery ist nicht so bekannt wie Anne Shirley, die Protagonistin ihrer Romanreihe „Anne of Green Gables“, die 1908 zum ersten Mal erschien und bis heute gelesen wird. L. M. Montgomery schrieb insgesamt acht Romane über Anne und ihr Leben. Die Leser*innen sind dabei, wenn Anne Lehrerin wird, wenn sie später auf das Redmond College geht, ihre Kindheitsliebe Gilbert Blythe heiratet und schließlich Mutter von sieben Kinder wird. Die Bücher sind manchmal sentimental – und die Beschreibungen der „joys of motherhood“ und „beauty of nature“ oft nur schwer zu ertragen. Aber die besten Witze von L. M. Montgomery sind so gut wie die Witze von Mark Twain – dennoch wird sie bis heute nicht als Humoristin anerkannt.

Ein Beispiel: Ein Junge, Davy Keith, ein entfernter Cousin von Marilla Cuthbert, die Anne adoptiert hat, hat keinen Bock auf den Himmel. Er stellt sich ihn total langweilig vor, er denkt, dass es dort jeden Tag so öde sein wird wie in der Kirche. Aber er tröstet sich mit dem Gedanken, dass dort zumindest genug Marmelade vorhanden sein wird. Anne ist überrascht von seiner Aussage und fragt ihn, warum er so sicher sei, dass es Marmelade im Himmel gebe. Er erklärt, er habe das in der Bibelgruppe gelernt. Weil Gott „makes preserves and redeems us“.

Cover einer Ausgabe von 1909 © Wikimedia Commons/L. M. Montgomery, M. A. & W. A. J. Claus/Public domain

L. M. Montgomery ist uns also nicht als Humoristin in Erinnerung geblieben. Eher erinnern wir uns an sie als die Erfinderin eines süßen, ugly-duckling-mäßigen Waisenkindes. Die Anne Shirley, die wir kennen, ist süß, romantisch, sentimental und kitschig. Sogar Menschen, die „Anne of Green Gables“ nicht gelesen haben, wissen Bescheid: Das ist Kitsch pur. Doch warum geht der humorvolle und satirische Aspekt der Bücher total verloren? Warum ignoriert man Montgomerys Talent, die Sprachmelodie der Menschen nachzuempfinden? Warum vergisst man, wie genau sie das Barbarische und Absurde in den Konversationen der Menschen darstellen konnte?

Na ja, man muss zugeben: Anne Shirley ist einfach süß. Dieses rothaarige, freche, fantasievolle Waisenkind bringt die Herzen der steifen, kalten (und fast toten) Cuthberts und die der Leser*innen zum Schmelzen. Marilla und Matthew Cuthbert verlieben sich in Anne – dieses alte Geschwisterpaar, das nie gelebt hat. Es ist wichtig daran zu erinnern, dass Matthew und Marilla Geschwister sind und nicht verheiratet, um die Bücher zu verstehen. Bevor Anne in ihr Leben kam, haben sie nie gelebt, nie gefickt, nie geboren. Anne erobert ihre Herzen, als ob es ihre übernatürliche Kraft wäre.

Das erste Mal verfilmt wurde die Romanreihe bereits 1919. © Wikimedia Commons/Paramount Pictures (Moving Picture Age (1920) at the Internet Archive)/Public domain

Annes Geschichte ist unglaublich unschuldig – es wird nie beschrieben, wie sie ihre Tage hat oder Sex oder masturbiert. Doch die Energie, die aus Anne sprudelt, die Energie, die Marilla und Matthew zurück ins Leben ruft, ist eine sinnliche, fast sexuelle Energie. Man sagt oft, dass „Anne of Green Gables“ ein Kinderbuch ist, aber eigentlich ist es ein Teenie-Roman. Als wir Anne kennenlernen, ist sie bereits elf Jahre alt und sie interessiert sich schon für das, was auf sie zukommt, dafür, eine erwachsene Frau zu werden: Ab wann wird sie ihre Haare lang tragen dürfen, und wie viele Beaus wird sie dann haben?

Genau wie Mark Twains komische Figuren Tom Sawyer und Huckleberry Finn gerät Anne im ersten Buch der Serie immer wieder wegen ihrer impulsiven Persönlichkeit in Schwierigkeiten. Aber weil das Leben im 19. Jahrhundert ein Mädchen so viel mehr einschränkte als einen Jungen, sind Annes Abenteuer ein bisschen weniger abenteuerlich. Anne schmückt sich für den Kindesgottesdienst mit echten Blumen im Haar (ein Skandal), macht ihre beste Freundin Diana mit Ribiselwein betrunken und färbt sich ihre roten Haare aus Versehen grün.

Montgomerys großes Talent ist es, die Erniedrigung des Alltags zu beschreiben und ihr Potenzial für Humor zu erkennen und auszuschöpfen. Vielleicht wären ihre Bücher als humoristisch in Erinnerung geblieben, wenn sie das Leben einer männlichen Figur beschrieben hätte anstelle das eines Mädchens, das zur Frau wird.

Die acht „Anne of Green Gables“-Bücher, ihre Kurzgeschichten und auch die Romane der „Emily“-Reihe, die etwas später erschienen sind, sind manchmal sehr sentimental. Wir werden oft informiert, dass Anne und Emily – oder auch Nebenfiguren wie Paul in „Anne of Avonlea“ – ­“anders“ sind. Sie sind anders, weil sie schreiben und weil sie empfindsam sind. Aber das, was sie schreiben, und das, was sie berührt, ist ab und zu einfach kitschige Kackscheiße. Manchmal scheint es, als ob Anne ständig einen Fast-Orgasmus bekommt, wegen eines Sonnenuntergangs oder ein paar Kirschblüten in einem Garten. Ich hätte gedacht, sie würde sich irgendwann mal an die Kirschblüten gewöhnen, es scheint so viele davon zu geben auf Prince Edward Island. Außerdem wird immer wieder betont, wie sehr Mutterschaft eine Frau verändert und ihr Leben bereichert.

Manchmal ist das nervig – doch die Empathie, mit der Annes Schicksalschläge dargestellt werden, ist berührend. Annes erste Baby wird tot geboren, später, im Band „Rilla of Ingleside“, verliert sie einen Sohn im Ersten Weltkrieg. „Rilla of Ingleside“ ist überhaupt sehr interessant, weil es eines der wenigen Kinderbücher ist, die ich je gelesen habe, das sich mit dem Krieg aus der Sicht von Frauen beschäftigt. Wie war es für die Frauen, zu Hause gelassen zu werden, während ihre Söhne, Verlobten und Brüder weggegangen sind, um zu sterben? Die Anti-Pazifismus-und-Anti-Deutsche-Keule nervt die modernen Leser*innen natürlich. Aber die Tapferkeit der Frauen ist trotzdem bewegend beschrieben.

Die strenge christliche Gemeinschaft, in der Anne lebt, ist oft schockiert von ihrer emotionalen Persönlichkeit. Auch Marilla Cuthbert ist immer wieder schockiert. Aber sie lernt, dass unter dieser emotionalen Oberfläche eine fromme, brave Person steckt. Anne zeigt den Menschen, dass ihre Lebensenergie und ihre Liebe zur Natur eine Form der Liebe zu Gott und seiner Schöpfung sein kann. Montgomery hat ihrer Figur Anne Shirley das Happy End gegeben, das sie selbst nie bekommen hat – ihre eigene Großmutter, die sie adoptiert hatte und bei der sie aufwuchs, blieb immer streng und kalt.

Es gibt auch dunkle Momente in den Anne-Büchern – doch auf diese wollte Montgomery nicht fokussieren. Die Anne-Bücher sind glücklich und optimistisch. Dass in ihrem eigenen Leben die dunkle Seiten nicht so leicht zu vermeiden waren, entdeckt man bei der Lektüre ihrer Tagebücher. Da werden Depressionen, Nervenzusammenbrüche und verbotene Lieben detailliert beschrieben, in einer Art und Weise, die nicht nostalgisch, sondern überraschend modern ist. Hier entdeckt man eine Seite der Anne-Schöpferin, die man nicht erwartet hätte. Sexualität und ihre eigenen Gefühle sind hier kein Tabu mehr. Man lernt eine Frau kennen, die sich am Ende ihres Lebens doch dem Dunkeln stellte.

Montgomery hat auch vermieden, die triste Seite des Lebens zu beschreiben, weil zahlreiche ihrer Texte in Zeitschriften publiziert wurden. Vieles aus dem dritten Anne-Buch, „Anne of the Island“, schrieb sie zum Beispiel zuerst für die Veröffentlichung in Zeitschriften. Auch andere ihrer Kurzgeschichtensammlungen entstanden für diesen Markt. Da war ein glückliches Ende angesagt – und eine sentimentale, moralische Botschaft dazu. Geschichten über alte Jungfern, die doch noch heiraten dürfen, oder gemeine Tanten, die eine Katze verkaufen wollten. Und diese Storys waren viel glücklicher als ihr echtes Leben. Ich denke manchmal drüber nach, dass Autorinnen sich nicht so sehr nach Veröffentlichungen gesehnt hätten, wenn Frauen in der Vergangenheit als Schriftstellerinnen mehr akzeptiert gewesen wären. In einer Welt, in der das, was man tut, unnatürlich ist, ist damit Geld zu verdienen der Beweis dafür, dass es zumindest keine Zeitverschwendung ist.

Es ist unvermeidlich, dass eine Protagonistin wie Anne Shirley eine Unzahl verschiedener Fernseh- und Filminterpretationen nach sich zog. Wie viele meiner Generation bin ich mit Megan Follows als Anne-Darstellerin groß geworden. Wenn ich die Bücher lese, ist es diese Schauspielerin, die ich mir in meinem Kopf ausmale. Aber ich finde es unnötig zu diskutieren, welche Version die beste Anne-Verfilmung ist – die Version aus den 1980ern war kitschig und romantisch, lustig, aber ein bisschen zu süßlich. Die neue Serie, die der kanadische Sender CBC produzierte und die nun auch in Deutschland auf Netflix zu sehen ist, sieht realistischer aus und wirkt authentisch.

Aber eigentlich ist das egal. Eigentlich ist es total irrelevant. Es kann nie genug Annes geben. Dieser Hype, diese Freude, die übertriebene Loyalität zu der Figur – das ist einfach der Preis, den wir zahlen, weil wir L. M. Montgomery als Humoristin nicht ernst nehmen und künstlerisch unterschätzen. Wir lieben Anne umso mehr, weil wir L. M. Montgomerys Bücher nicht analysieren und zu Tode denken müssen.

May 16 2017

15:12

Trostlose Intimität

Von Jana Sotzko

Es gibt eine frühe Szene in Anke Stellings neuem Buch „Fürsorge“, die an ihren 2015 erschienenen Roman „Bodentiefe Fenster“ erinnert: Bei einem Pärchen-Abend entfaltet sich die ganze innere Einsamkeit von Erzählerin Gesche, die schwanger ist mit dem dritten Kind und sich am Esstisch der asketischen Tänzerin Nadja und deren drogenabhängigem Freund in Gedanken verliert. Mutterschaft, Überforderung und das Scheitern eines verklärt-romantischen Entwurfs von gerechtem Zusammenleben waren Themen von „Bodentiefe Fenster“, einem Abgesang auf die Prenzlauer-Berg-Bohème, die der Alltag zwischen Wohnprojektplena und Kinderladen auch nicht vor der Depression bewahrt.

© Nane Diehl

„Fürsorge“ fügt der ganzen Trostlosigkeit eine Dimension hinzu, die den Roman ungleich drastischer werden lässt: Nadja beginnt bei einer Reise in ihre Heimatstadt Leipzig eine sexuelle Beziehung mit ihrem 16-jährigen Sohn Mario. Das Verhältnis wird von Gesche in intimen Details geschildert – und bei allem Entsetzen über die Gefühlskälte des Mutter-Sohn-Gespanns erliegt man beim Lesen Stellings poetischen wie pointierten Bildern einer Obsession mit Körperlichkeit in Abwesenheit anderer Formen zwischenmenschlicher Kommunikation.

Anke Stelling „Fürsorge“
Verbrecher Verlag, 176 S., 19 Euro

Das Jugendzimmer, der Wohnblock, das Fitnessstudio – überall bleiben die Protagonist*innen nur bei sich. Gesches erzählerische Unzuverlässigkeit verhindert, dass die ödipale Beziehung zum reinen Voyeurismus wird, während an Stellings sprachlicher Kunstfertigkeit in diesem faszinierend-verstörendem Buch ohnehin nie Zweifel besteht.

10:11

High Kick, low Kick, rechter Aufwärtshaken

Von Leyla Yenirce

Wie oft wurdet ihr als Frau – unabhängig davon, ob ihr euch selbst als solche identifiziert – schon im öffentlichen Raum angemacht? Wie in meinem Falle wahrscheinlich schon ziemlich oft. Als ich vor zwei Jahren anfing, über einen neuen Hobbysport nachzudenken, fiel meine Wahl relativ schnell auf Kampfsport. Ein Bekannter lud zum Training ein, weil er Mixed Martial Arts (eine Art homoerotisches Kampfkuscheln, bei dem intensiv die Gesäße aneinandergerieben werden) trainierte. Das war mir aber ein bisschen zu kontaktfreudig und ich entschied mich stattdessen für Muay Thai, eine Form des Boxen, bei der Arme, Beine, Knie und Ellbogen eingesetzt werden. Da ich immer noch begeistert dabei bin, folgt nun ein kleiner Ratgeber für Einsteiger*innen, die auch mit dem Gedanken spielen, mit dem Kampfsport anzufangen.

So, ready to rumble? © Tine Fetz

Der erste Schritt: Meine Arme fühlen sich wie Spaghetti, bin ich fürs Boxen geeignet? Wenn du wie ich vorher nicht intensiv Sport gemacht hast, außer auf der Tanzfläche ungekonnt deinen Booty zu shaken, und beim Twerken auf den Boden gefallen bist, weil deine Oberschenkelmuskeln zu unausgebildet sind, solltest du trotzdem keine Angst vor dem ersten Mal Training haben. Wenn es ein guter Verein ist, dann spielt es keine Rolle, mit welcher Erfahrung du das Training beginnst. Viel wichtiger ist, dass du Lust drauf hast. Wenn du merkst, dass dir das Training eigentlich zu anstrengend ist, dann lass es auf jeden Fall sein, weil Kampfsport viel mit persönlicher Einstellung zu tun hat und weniger mit neoliberalen Körpernormen, die es durch das Training zu erfüllen gilt! Wenn du aber merkst, dass du viel Wut im Bauch hast, die am Sandsack einen richtigen Platz findet, dann leg los, auch wenn sich deine Arme wie bei mir – unabhängig von Größe, Fülle oder Breite – anfühlen wie Spaghetti, weil du sie nicht mehr als fünf Sekunden oben halten kannst. Fünf Sekunden reichen manchmal für ein K.o.

Der zweite Schritt: Ich habe mich für ein Probetraining entschieden, aber was ziehe ich an? Vor allem möchte ich mich dabei wohlfühlen und auch noch gut aussehen.
Bei der Kleidung zum Kampfsport Training gibt es nur eine Regel: wohlfühlen. Das tust du am besten, indem du Kleidung trägst, die so bequem wie möglich ist und in der du dich frei bewegen kannst. Es muss auch nicht teure Funktionskleidung sein, sondern Kleidungsstücke, die elastisch sind. Sehr gut eignen sich Leggins mit Shorts drüber und ein labbriges T-Shirt. Richtige Thaibox Shorts hab ich mir noch nicht geleistet, aber sie eignen sich neben dem Training auch hervorragend für ein cooles Sommer-Outfit und bedecken die Löcher im Schritt der Leggins, die gewöhnlicherweise nach zwei Mal tragen drin sind. Wichtig: Wenn du Brüste hast, Sport-BH nicht vergessen. Boxen ohne BH kann ganz schön wehtun. Vor allem, wenn man versucht, sich dann in peinlich improvisierter Bewegung den Vorbau mit seinen Armen zu stützen, weil BH vergessen.

Die erste Trainingseinheit: Die meisten in der Gruppe sind schon länger dabei und so viel besser! Ich schaffe es nur schwer mitzuhalten.
Wahrscheinlich sind die schnelleren Teilnehmer*innen schon länger dabei und deswegen fitter. Aber kommt es darauf an? Nein. Deswegen: Finde dein eigenes Tempo. Das hatte mir jedenfalls mein Trainer gesagt, als ich von zehn Minuten Seilspringen fast kotzen musste. Ich hatte mich mit anderen verglichen, unter Druck gesetzt und wollte mithalten – davor hatte ich einen Dürüm gegessen. Vor allem als als Frau gedeutete Person in einer männlich dominierten Gruppe fühlte ich den Drang, keine Klischees von einer vermeintlich schwächeren Person bestätigen zu wollen. Das war aber nicht sehr clever, weil ich dadurch ziemlich schnell k.o. war.

Nach drei Trainingseinheiten: Ich fühle mich nicht so wohl beim Training, weil so viele Männer mitmachen.
Dein Unbehagen ist berechtigt, aber du kannst dich erst mal langsam im Kampfsportverein umschauen, um dir dann stückweit den Raum anzueignen. Ich hatte verschiedene Gruppen ausprobiert und mich beispielsweise bei einem Trainer nicht wohlgefühlt und bin zu einer anderen Gruppe gewechselt, die ich besser fand. Oft waren die Männer in der Gruppe sehr schüchtern und hatten Berührungsängste, beispielsweise, wenn es bei den Übungen darum ging, anzupacken und von meinem Geschlecht zu abstrahieren. Im Laufe der Zeit habe ich einige Mitglieder durch kurze Gespräche besser kennengelernt, wodurch sich ein familiäres Verhältnis entwickelt hat. Stück für Stück habe ich mir so den Raum angeeignet und bin den meisten Männern im Training durch meine kontinuierliche Teilnahme sogar weit voraus.

Nach vier Trainingseinheiten: Aber dieser Voyeurismus, die gucken immer so.
Manchmal fällt es schwer, zwischen Gaffen und Gucken zu unterscheiden, weil der Körper beim Sport im Fokus steht und sich alle eh die ganze Zeit angucken. Trotzdem denke ich, dass ein ungutes Bauchgefühl oder die Intuition am Ende immer recht hat, wenn es darum geht, zwischen Gaffen und bloßem Gucken zu unterscheiden. Wenn du dich wirklich unwohl fühlst, weil dich cis Männer beim Training anstarren, dann sprich mit dem Trainer oder mache es so wie ich, direkt mit der Person, von der du dich angegafft fühlst. Natürlich kannst du auch einfach in einer Gruppe trainieren, aus der Männer ausgeschlossen werden, aber in meinem Falle mochte ich das Training beim Trainer und wollte nicht wechseln. Ignorieren ist auch eine Strategie oder einfach nach Bedarf zurückstarren. Das schüchtert verunsicherte Starrer ein.

Und dann immer dieses Mansplaining.
Die Aufgabe des Erklärens liegt beim Trainer und nicht bei den Trainierenden. Wenn es ein freundlicher Austausch ist, gibt es untereinander viel zu lernen, aber sich auf die Ratschläge einer Person zu konzentrieren, reicht meistens schon.

Nach zwei Monaten: Ich bin froh, dass ich meine Gruppe nicht gewechselt habe, weil ich als privilegierte*r Akademiker*in durch den Kampfsportverein endlich mal in Kontakt mit Menschen aus einer sozial benachteiligten Schicht komme. Das fühlt sich so real an.
Ja, dieser Gedanke kann schon auftauchen, aber 1. solltest du die soziale Herkunft von Menschen nicht romantisieren, 2. weißt du gar nicht, woher die Menschen kommen, wenn du sie nicht fragst, 3. empfehle ich, eine professionelle Distanz zu wahren und auch erst gar nicht zu fragen, weil es 4. beim Training schließlich um den Sport und nicht deinen persönlichen Hintergrund geht. Das ist im Alltag leider selten der Fall, deswegen genieße den Moment. Beachte: Wenn du nicht auf dein Geschlecht reduziert werden möchtest, reduziere nicht andere auf ihre Herkunft oder sozialen Status.

Nach sechs Monaten: Seit meine Muckis ein bisschen gewachsen sind, habe ich immer wieder Fantasien, wie ich Männer zusammenschlage, die mich beispielsweise nachts auf dem Nachhauseweg anmachen.
Ein Prozess, der total normal ist und auch richtig Spaß machen kann. Ich habe in meinen Gedanken schon oft meine gewonnene Kraft an jemandem ausgelassen, doch als Teilzeit-Pazifistin rate ich dazu, diese Fantasie nur in deinem Kopf spielen zu lassen, aber dort schon mal für den Notfall zu üben. Dieser tritt hoffentlich nicht ein, wenn doch, solltest du ohne Rücksicht auf Verluste alles aus dem Training Gelernte anwenden, so wie beispielsweise Princess Nokia. Diese hat bei einem ihrer Konzerte den sexistischen Zwischenruf eines weißen Besuchers mit einem Schlag in die Fresse beantwortet.

Die Übungen aus dem Training auf den Menschen anzuwenden kostet mich so viel Überwindung.
Das Gefühl kenne ich gut, aber das Sparring – eine Übung, bei der ein Kampf angedeutet wird – erweist sich hierfür als sehr hilfreich. Anfangs fiel es mir noch sehr schwer, die Übungen aus dem Training auf den Menschen zu übertragen, und ich habe versucht, mich vor dem Sparring zu drücken, aber das ist eine rein mentale Sache. Als ich anfing, meinen Kopf auszuschalten, konnte ich mich besser darauf konzentrieren, die Kicks und Schläge an den Pratzen und dem Sandsack in Realisationen einzusetzen. Motiviert hat mich vor allem der Gedanke, dass ich es im Notfall auch können möchte und zu meiner Selbstverteidigung muss.

So, ready to rumble?

May 15 2017

13:56

Wahre Muttertagswünsche

Von Tasnim Rödder

Am Muttertag gibt’s Blumen, am Vatertag wird gesoffen. Sind diese Feiertage eine Gelegenheit, um Danke zu sagen, oder die einfache Reproduktion konservativer Familienbilder? Betrachtet man die Zustände, dann wohl eher Letzteres. An den Tagen vor dem 14. Mai platzen die Werbeflächen vor Angeboten für Pralinen und Duftöle. In der Woche vor dem 25. Mai ist der Kasten Bier im Sonderangebot. Herzlichen Dank.

© Annette Loers

Diese Problematik nahmen auch die Netzaktivistinnen Christine Finke,  Annette Loers, Lisa Ortgies, Julia Schmidt-Jortzig und Susanne Garsoffky, Sonja Lehnert von Mama Notes wahr und riefen Mütter und Väter dazu auf, ihre „wahren Wünsche“ zum Mutter- und Vatertag zu tweeten. Bereits 2016 formulierten die Bloggerinnen diesen Aufruf und bekamen überraschend hohe Resonanz – von Twitter-Nutzer*innen, den Medien und, wer hätte es erwartet: der Politik.

Die Aktivistinnen fassten die Tweets daraufhin in sechs Kernforderungen zusammen und überreichten sie dem Familienministerium.

Übergabe der Ergebnisse der Aktion #muttertagswunsch an Petra #Mackroth vom @BMFSFJ. Wir haben 2 h geredet, war gut! pic.twitter.com/mYSxLf6vxn

— Christine Finke (@Mama_arbeitet) September 12, 2016

Missy hat sich die Tweets in diesem Jahr angeschaut. Hier ein Auszug der wahren Wünsche zum Muttertag 2017:

Viele Posts forderten bessere finanzielle Unterstützung und Akzeptanz von alleinerziehenden Müttern.

Ich wünsche mir dass man als Frau nicht später für die Entscheidung zur Mutterschaft bestraft wird mit Armut #muttertagswunsch

— Hilal Akdeniz (@akdnzhll) May 11, 2017

Ich brauche keine Gedichte, ich brauche ein Steuermodell, das mich nicht schlechter stellt als Verheiratete. #muttertagswunsch

— Capitainin (@alltagspiratin) May 7, 2017

Am Muttertag möchte ich auf meinen Steuerbescheid brechen. Wir brauchen dringend Steuergerechtigkeit für Alleinerziehende #muttertagswunsch pic.twitter.com/IIHzeVQOi3

— mutterseelesonnig (@Mutterseele99) May 14, 2017

Auch dem Bildungssystem galten viele Tweets. Die Mütter wünschen sich ein reformiertes Bildungssystem, das sich auch an Bedürfnisse nicht-konformer Familienmodelle anpasst.

Mein #Muttertagswunsch: Einen am Kind orientierten Betreuungsschlüssel und gutes Personal in Kitas und Schulen deutschlandweit!

— AufbruchzumUmdenken (@AufbruchLeen) May 14, 2017

Ich wünsche mir bezahlbare und gute Kitas, die zeitlich flexibel sind, so dass Frau arbeiten gehen kann. #muttertagswunsch

— Sylvia Rupp (@SylviaRupp) May 7, 2017

Ich brauche keinen Kuchen, sondern für jede Schwangere eine 1zu1 Betreuung durch Hebammen. #muttertagswunsch

— Lottes Motterleben (@lottesmotte) May 7, 2017

Außerdem kritisierten die Twitterinnen das in der Gesellschaft kontinuierlich bestehende Idealbild der Mütterlichkeit.

»Der Mütterlichkeit muss die Speckschicht der Idealität, die man ihr angeredet hat, genommen werden.« Hedwig Dohm #muttertagswunsch

— umstandslos magazin (@umstandslos) May 14, 2017

, dass 'Alleinerziehende' nicht immer wie ein Fremdwort angesehen wird,sondern bedeutet, das Unterstützung gebraucht wird #muttertagswunsch

— ⭐ Traum-haft ⭐ (@Polarbaerin) May 7, 2017

Missy meint: Der Muttertag soll für alle* da sein. In dem Sinne: Fühlt euch angesprochen und feiert euch. Am besten jeden Tag.

This day like so many others is beautiful and painful. pic.twitter.com/g0lQvklDfF

— Chase Strangio (@chasestrangio) May 14, 2017

Mehr Informationen zu der Aktion findet ihr hier.

10:03

Bleib geschmeidig

Wisst ihr noch, als ihr bei uns hübsche Beutel und Shirts per Mail bestellen konntet? Diesen Zeiten verpassen wir ein überfälliges Upgrade, das 21. Jahrhundert und der Feminismus-als-Lifestyle-Trend haben uns eingeholt: Ab sofort könnt ihr in unserem nagelneuen Missy-Shop den heißesten Scheiß kaufen. Inspiriert von der Idee der Radical Softness präsentieren wir zum Start des Missy Shops unsere kleine, aber feine Kollektion. Sie entstand in Kooperation mit coolen Designer*innen und unabhängigen Labels. Das macht jedes Teil zu einem echten Lieblingsstück.

Zurückhaltung und Selbstbeherrschung bevorzugt? Nicht bei uns. Wir lassen unseren Gefühlen freien Lauf. Ganz nach der Idee von Lora Mathis, der*die mit seinem*ihrem Zine und seiner*ihrer Poesie dazu aufruft, unsere Emotionen wieder anzunehmen und auszuleben, sie nicht zu pathologisieren und zu enttabuisieren. In einer Gesellschaft, die einen Mangel an Emotionen vorzieht, ist das Teilen deiner Emotionen ein politischer Akt.

Inspiriert von dieser Idee der Radical Softness präsentieren wir zum Start des Missy Shops Shirts und Patches. Entworfen hat sie der Designer Deniz Weber für uns – und jedes Teil ist ein absolutes Lieblingsstück!

© Verena Brüning

Weil Softness das ist, was du daraus machst, kannst du dich bei unseren Nagellacken von uslu airlines entscheiden, ob du heute knallig, bunt oder zart bevorzugst. Mit einem Auftrag erhältst du den Transparenzlook, mit dem zweiten entfaltet sich die volle Farbdeckung. Wir arbeiten für unsere Kosmetik mit uslu airlines zusammen, weil alle Produkte sehr hohe Qualitätsstandards haben und besonders umweltfreundlich sind.

Gemeinsam mit dem Hamburger Schmucklabel Jonathan Johnson ist ein echtes Schmuckstück entstanden: der Tampon-Schlüsselanhänger. Weil Menstruation für uns kein Tabu ist, ist der Schlüsselanhänger elegant und protzig, wie es sich gehört!

© Verena Brüning

Auch Jonathan Johnson legt größten Wert auf eine nachhaltige Produktionsweise. Seine gesamten Entwürfe produziert er selbst in seinem Hamburger Atelier und verwendet dabei ausschließlich recycelte Materialien, welche er von einer deutschen Scheideanstalt bezieht. Sein Werkzeug stammt aus heimischen Manufakturen und er produziert ausschließlich mit Ökostrom.

Mach dir selbst oder anderen eine Freude, denn mit unseren fairen Shirts, handgemachten Accessoires und nachhaltigen Kosmetika siehst du nicht nur cool aus, sondern unterstützt auch noch unabhängigen feministischen Journalismus. Stay soft – shop Missy!

May 12 2017

09:56

Zukunftsängste Reloaded

Interview von Hengameh Yaghoobifarah

„No Emotions“ heißt die erste EP der Wahlhamburgerin Ilgen-Nur, die heute mit rauen Gitarrenriffs, ehrlichen Texten und den Sorgen vieler Millenials auf dem Leipziger Kassettenlabel Sunny Tapes erscheint. Neben den fünf Tracks gibt es das Musikvideo zum heimlichen Hit „Cool“, das bei Missy Premiere feiert.

Deine Single „Cool“ fasst sehr gut Gefühle der Teen Angst und des Erwachsenwerdens zusammen. In welchen Kontexten fühlst du dich nicht cool genug?
Ilgen-Nur: In „Cool“ ging es mir hauptsächlich darum, das Gefühl aufzufangen, dass ich mich nicht „gut genug“ fühle.  Als ich den Song geschrieben habe, war ich an einem ziemlichen Down angekommen, ich hatte gerade mein Studium abgebrochen und keinen Job mehr und wusste nicht, ob ich genug Energie und Ressourcen für einen Neuanfang sammeln konnte. Ich wollte richtig gerne studieren, Freund*innen treffen und Musik machen – stattdessen bekam ich nicht mehr genügend Geld für meine Miete zusammen und in Bewerbungsgesprächen eine Absage nach der anderen. Ich hatte keinen geregelten Tagesablauf und war pleite und musste mich damit auseinandersetzen, was ich will und was ich eigentlich kann. Der Song handelt also eher nicht davon, cool vor anderen dazustehen, sondern einen Ausweg zu finden, der mich glücklich macht.

© Maximilian Mundt, T-Shirt von Everyday Powerplay Welche anderen Themen lagen dir bei deiner ersten EP auf dem Herzen? Die EP ist für mich ein klassischer Coming-of-Age-Soundtrack. Es geht darum, endlich unabhängig zu sein und Träume zu verwirklichen, die man als Teenager auf dem Dorf hatte, aber auch zum Beispiel Freund*innenschaften, die kaputtgehen, Einsamkeit und Verlangen sowie Wahrnehmung. Der letzte Song der EP „No Emotions“ ist auch der Titel der EP, da singe ich über meine Vorstellung darüber, wie mich andere wahrnehmen und wie ich mich selbst wahrnehme.

Wie gehst du vor: Schreibst du erst Melodie oder erst die Texte? Als Allererstes schreibe ich Texte, das passiert meistens sehr impulsiv und schnell und ich arbeite nach dem ersten Entwurf auch eigentlich fast nie weiterhin an dem Text. Anschließend versuche ich, ein passendes Tempo oder eine Melodie auf der Gitarre oder dem Bass dazu zu finden, und habe eine gewisse Vorstellung davon, wie der Song klingen soll. Daraufhin nehme ich eine kleine Demo auf meinem Handy auf und der Track wird anschließend  – wenn ich ihn gut genug finde – im Proberaum weiterausgearbeitet.

„No Emotions“-EP
Ilgen-Nur
Sunny Tapes

Ilgen-Nur live:
17. Mai Berlin, Badehaus (solo / Support für Kele Okereke)
20. Mai Hamburg, Molotow (Euphorie Festival)
21. Mai Berlin, Kantine am Berghain (Support für Trümmer)
22. Juli Varel, Watt En Schlick Festival
20. – 23. September Hamburg, Reeperbahn Festival
30. November Hamburg Uebel & Gefährlich – Festival Für Junge Menschen
01. Dezember Berlin, Festsaal Kreuzberg  – Festival Für Junge Menschen

Wer inspiriert dich in deiner Arbeit? Hauptsächlich bin ich von Gedanken und Gefühlen sowie menschlichen Beziehungen inspiriert, dabei ist es ziemlich egal, ob diese romantisch oder platonisch sind. Ich höre zwar selbst auch viel Musik, verfolge gewisse Leute, die ich cool finde, und schaue gerne Filme, die mich inspirieren, aber leider haben diese meistens keinen so großen Einfluss auf das, was ich mache, wie ich es mir gerne manchmal wünschen würde.

May 11 2017

12:05

Pop + Punk = Sneaks

Von Katja Peglow

Weniger ist das neue Mehr! Langweile dürfte mit „It’s A Myth“ von Eva Moolchan alias Sneaks nicht so schnell aufkommen, deren Songs nur selten die Zwei-Minuten-Grenze überschreiten. Dem Trend zum extra langen Popalbum setzt die aus Washingtons DIY-Punkszene stammende Musikerin kompakte 18 Minuten auf ihrem soeben veröffentlichten zweiten „Longplayer“ entgegen. Damit ist „It’s A Myth“ sogar stattliche vier Minuten länger als der schlanke Vorgänger „Gymnastics“ geworden (das sind im Sneaks-Universum schon einmal zwei Songs mehr).

Sneaks © Nina Corcoran

Der Nachfolger folgt erneut konsequent einer durchgehenden Sound-Richtlinie, der sich Sneaks schon auf ihrem im letzten Jahr auf Merge wiederveröffentlichten tollen Debüt verschrieben hat. „I get away with the formula“, verkündet die 21-jährige Moolchan abgeklärt im Opener „Inside Edition“. Warum ändern, was gut zusammenpasst?

Während andere Bands ein ganzes Areal an Instrumenten für ihren Soundkosmos benötigen, kommt Moolchans minimalistischer Postpunk mit einem billigen Drum-Computer, ein paar muskulösen Bassläufen und ihrem lässigen Sprechgesang aus. Klassische Songstrukturen spielen bei Sneaks keine allzu große Rolle.

Sneaks „It’s A Myth“
(Merge/Cargo), bereits ersch.

Vielmehr liegt der Fokus des Albums auf dem Groove, aus dem sich Moolchans wie beiläufig erklingende Stimme und skizzenhafte Texte generieren. Das Ergebnis ist Pop und Punk zugleich und eine der besten Platten des Jahres. Nur von welchem Mythos Eva Moolchan auf ihrem zweiten Album singt, erfahren wir leider nicht. Das bleibt vorerst ihr Geheimnis. Diese großartige Platte hoffentlich nicht.

May 10 2017

09:19

„Frauen haben in der Tischlerei eine lange Geschichte“

Interview: Anna Mayrhauser

Wie bist du Tischlerin geworden?
Thais Ribeiro Jibaja: Ich habe die dreijährige Ausbildung in einer Werkstatt absolviert und einmal wöchentlich in der Berufsschule die Theorie gelernt. Ich wollte Tischlerin werden, weil es ein Beruf ist, mit dem ich auch reisen kann. Holz spricht eine internationale Sprache, und das Bedürfnis, daraus Sachen zu erzeugen, gibt es überall auf der Welt.

Thais Ribeiro Jibaja arbeitet als Tischlerin in Berlin. © Mirjam Klessmann

Wo arbeitest du?
Ich bin selbstständig und arbeite ab und zu als Bühnentechnikerin am Theater. Außerdem habe ich mit drei befreundeten Tischlerinnen ein Kollektiv gegründet. Wir lernen viel voneinander. Aufträge nehmen wir gemeinsam an und unterstützen uns gegenseitig. Im Moment habe ich keine eigene Werkstatt, sondern miete mich wochen- oder tageweise ineiner ein.

Wie sieht dein typischer Arbeitstag aus?
Ich kann mir meine Zeit selbst einteilen. Wenn ich mein nötiges Gehalt zusammenhabe, genieße ich meine freie Zeit.

Wie viele Stunden arbeitest du täglich?
Wenn ich arbeite, dann acht Stunden am Tag und etwa zwei Wochen im Monat Vollzeit.

Wie viel verdienst du?
Eine selbstständige Tischlermeisterin verdient etwa 35 Euro die Stunde. Ich verdiene weniger, weil ich Gesellin bin, aber es hängt von meiner Auftragslage ab. Eine Kollegin arbeitet festangestellt in Teilzeit und bekommt ein Fixgehalt, etwa tausend Euro netto im Monat.

Thais Ribeiro Jibaja arbeitet als Tischlerin in Berlin. Ihr Kollektiv ist unter sqllz@gmx.de zu erreichen.

Wie sind die Arbeitsbedingungen für Frauen in deiner Branche?
Frauen haben in der Tischlerei eine lange Geschichte, ich habe bei zwei Meisterinnen gelernt. Ich fühle mich besser, wenn Frauen dabei sind. Deshalb haben wir das Kollektiv gegründet – wir sind nicht alleine und geben uns Sicherheit, etwa wenn wir für einen Auftrag unterwegs sind. Die meisten Kund*innen freuen sich, wenn sie sehen, dass ich eine Frau bin. Am Theater habe ich aber nur Kollegen, die sind auch alle sehr nett. In der Jobausschreibung stand, Frauen würden bevorzugt. Das hat mich ermutigt. Ich finde es wichtig, dass Frauen in allen Branchen mehr repräsentiert werden. Eine inklusive Jobausschreibung kann viel dazu beitragen.

Dieser Artikel erschien zuerst in Missy Magazine 02/2017 und ist ein Beitrag aus der Rubrik „Work Work Work“ in der regelmäßig Frauen von ihrer Arbeit und ihren Arbeitsbedingungen erzählen.

Reposted byCarridwenTigerle

May 09 2017

10:12

Frauen an der Macht

Von Tove Tovesson

„Sie ist radikal und skrupellos. Trotzdem hat Marine Le Pen gute Chancen, den ersten Wahlgang zu gewinnen. Warum thematisiert niemand, dass es eine Frau ist, die es so weit gebracht hat?„, heißt es auf „Zeit Online“. Darauf habe ich ungefähr 780 Antworten. Ein Auszug: Es wird nie nicht „thematisiert“, dass (und wenn ja, ob wirklich!) eine öffentliche Person eine Frau ist. Wo nur möglich, wird es gegen Frauen verwendet, dass sie Frauen sind.

© Tine Fetz

Warum eigentlich „trotzdem“? Bezieht sich die Verwunderung darauf, dass eine radikale und skrupellose Person eine Wahl gewinnen könnte, oder darauf, dass sie eine Frau ist, die Eigenschaften hat, die in der Vorstellung von „Zeit“-Redakteur*innen so gar nicht fraulich sind? Oder darauf, dass doch allgemein bekannt ist, dass die Gesellschaft Frauen verachtet? Über politische Inhalte möchte die „Zeit“ offenbar nicht reden, trotzdem sei gesagt: Radikal und skrupellos passt anscheinend ganz gut zur Stimmung der wählenden Bevölkerung. Sie ist radikal und skrupellos.

Wie kann es nun sein, dass es eine Frau in diesem Kontext so weit bringt? Oder auch: Kann man das nicht irgendwie gegen Frauen verwenden, dass so ein besonders verkommenes Exemplar …?

Es gibt sie, die Feministinnen, deren Ziel „die Hälfte der Macht“ oder eine ähnlich unkritische Version von Gleichberechtigung ist. Es ist ein vergleichsweise unbedrohlicher Feminismus für das Patriarchat und lohnt sich vor allem für Frauen, denen es schon relativ gut geht, also deren einziges strukturelles Problem ist, dass sie Frauen sind. Aber auch für Männer springt etwas dabei heraus, im Scheinwerferlicht den Kuchen mit einer Frau zu teilen, nämlich der Schein der Progressivität. Eine Frau mit Macht und ohne tatsächlich progressive Agenda ist ein neoliberaler Deflektorschild. Denn ist Ungerechtigkeit nicht ein kleines bisschen weniger schlimm, wenn eine Frau sie propagiert? Und kann diese Frau sich deshalb sogar für eine Weile ein bisschen mehr Scheußlichkeit erlauben?

Eine extreme rechte Frau bedient somit nicht nur rechte, sondern auch neoliberale Ideologie, denn der Neoliberalismus hat kein Problem mit Macht und Gewalt an sich. Nur selbst zu den Verlierer*innen zu gehören, das wäre ungut. Diese müssen dann nur noch mit Pseudogerechtigkeit mundtot gemacht werden, damit der Laden unbehelligt läuft. Seht her, Frauen als Staatsoberhäupter, Personen of Color als Cops, sogar mit Hijab und Dastar, Pepsi gegen Polizeigewalt. Gleichberechtigung, Diversity!

„Viele Liberale hoffen, dass Ivanka Trump mäßigend auf ihren Vater wirkt. Nun trifft sie auf die Kanzlerin. Aber was, wenn die Tochter den US-Präsidenten nicht korrigiert – sondern seine Komplizin ist?“, fragt sich ebenfalls ein Mensch bei „Zeit Online“. Das mit der Komplizenschaft ist schnell abgehandelt, wenn man sich erinnert, dass Trump nicht nur von weißen Männern, sondern ebenso von weißen Frauen zum Präsidenten gemacht wurde. Ist es nicht sogar besonders aufschlussreich und belastend, dass weiße Frauen in dieser Wahl ihren Rassismus über Frauenrechte gestellt haben? Scheiß auf körperliche Selbstbestimmung. Frauen sind keine passiven Bystander im Rassismus, sondern davon entweder positiv oder negativ betroffen. Die Unschuldsvermutung gegen weiße Frauen ist ebenso unberechtigt wie hartnäckig.

Töchter zu haben hält Männer auch nicht davon ab, widerliche Macker zu sein. Der Zauber der Immunität durch Proximität wird aber gern bemüht. Eine erwachsene Frau, die sich neben jemanden wie Trump stellt, sollte in ihrer Haltung ernst genommen werden, statt ignorant weibliche Tugenden der Mäßigung auf sie zu projizieren.

Konservative verstehen und unterstützen Frauen als Hostessen für den gleichen Scheiß, den alte Männer langsam nicht mehr alleine abziehen können. Frauen an der Macht sind kein begrüßenswerter Anbruch einer neuen Zeit, sondern alter Lack in neuen Schläuchen.

Reposted byxmascolaramalschauen2

May 08 2017

11:40

Das „Schweigen der Männer“ umfasst auch das Thema Kinderwunsch

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Von Beat Weber

Jochen ist 27, als er erfährt, dass seine Freundin schwanger ist. Er will das Kind, sie ist skeptisch.“ Ein solcher Klappentext – hier zu finden auf Jochen Königs Buch „Fritzi und ich. Von der Angst eines Vaters, keine gute Mutter zu sein“ – ist ein Ausnahmefall. Im jungen Buchgenre „Väter erzählen von sich“ dominiert das humorige Berichtswesen über die Tücken und Hürden des Alltags mit Kleinkindern. Wie es zur Vaterschaft kam und welche Rolle der eigene Kinderwunsch dabei spielte, kommt in der Regel nicht vor.

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