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November 14 2019

11:21

Identität ist vorbei

Von Eva Tepest

Sexarbeiterin, Influencerin, Autorin, Sängerin, Genderaktivistin, Junkie: Eva Collé wird mit einer Menge Attribute bedacht in „Searching Eva“. Sie selbst lehnt sie alle ab. „Du wirst Dinge tun, aber du wirst nie jemand sein“, erklärt die Person, die „Eva Collé“ als Alias und Kunstfigur erschuf und die eigentlich ganz anders heißt. „Daher dachte ich, dass ein Film über Identität, der Identität dekonstruiert, ein gewaltiges Vorhaben ist.“

Missy Magazine 06/19, Kulturstory; Identität ist vorbei©Screenshot aus dem Film „Searching Eva“

Geboren 1992, verschlägt es Collé als 18-Jährige erstmals aus der norditalienischen Provinz nach Berlin. Hier lebt sie zwischen 2013 und 2018, modelt für Nike und macht Sexarbeit, trifft Freund*innen, Kollaborator*innen und Verwandte. Der Film, der auf der diesjährigen Berlinale Premiere feierte, begleitet sie über drei Jahre hinweg vom Schlafzimmer in den Club und wieder zurück in den Alltag einer Berliner Twenty-Something: Ständige Umzüge mitsamt blutbefleckter Matratze, ein leicht hilfloses Gespräch mit der wohlmeinenden neuen Mitbewohnerin, währenddessen man zu viele

Zigaretten raucht.

Heroinspritzen aufziehen und Pasta selbst machen, Sex mit einem Kunden haben und die Katze streicheln: In Evas Welt mutet alles gleich intim an, nichts ist näher oder aufregender als das andere. „Searching Eva“ ist das Antiporträt einer Person, die alles online stellt und dennoch nicht zu fassen ist. Und die uns fragt: Können wir durch komplette digitale Selbstbespiegelung unzugänglich werden? Das Konzept der Selbstabschaffung, erläutert Collé, halte sie für revolutionär: Sie wolle der Identitätspolitik ein Schnippchen schlagen, als Slogan für ein Filmposter schwebten ihr und Regisseurin Pia Hellenthal einmal „Ein Film über eine Frau, die sich selbst abschafft“ vor. „Ich möchte innerhalb des gegenwärti- gen Systems keine Anerkennung, ich möchte, dass das System beseitigt wird“, macht sie deutlich. „Ich will kein drittes Geschlecht in meinem Pass stehen haben, ich will gar kein Geschlecht und gar keinen Pass!“

Dass Collé sich nicht preisgibt, obschon sie ihr Leben, seitdem sie 14 ist, online stellt, reizt offenbar auch ihre zahlreichen Follower*innen. Knapp 6000 sind das aktuell auf Instagram, ihre Nachrichten und Kommentare untermalen den Film mit einem ständigen Widerhall zwischen Bewunderung, Hass und Neugierde: „Mögen männer, dass du so dünn bist?“, „ich bin hetero, masturbiere aber zu pornos mit lesben, findest du das normal“, „Verkauf deinen ganzen Besitz an mich, einschließlich deiner Seele, dann zieh zu mir und werde Hausfrau in Dallas“. Auch Pia Hellenthal, die zusammen mit Giorgia Malatrasi das Drehbuch verfasste und nach Kurzfilmen und Dokumentationen mit „Searching Eva“ ihr Langfilmdebüt als Regisseurin feiert, zog diese Spannung an: „Wir gucken und sehen Eva nackt, aber wir se- hen eher uns und was wir davon denken, als dass wir sie sehen“, erklärt die Kölnerin. „Wir wollten keinen Film machen, bei dem man am Ende das Gefühl hat, man kennt sie. Frauen wurden häufig genug pathologisiert.“ Collé, so Hellenthal, sollte daher immer mehr verschwinden, anstatt greifbarer zu werden. Die Distanz, die sich beim Zuschauen einstellt, ist somit gewollt. Doch mitunter stellt sich die Frage, was hier überhaupt auf dem Spiel steht. Streckenweise erscheint „Searching Eva“ wie ein einziger langer Trailer. So als hätte man einen Instagram-Account auf die Leinwand gebracht.

„Searching Eva“ behauptet gar nicht erst, authentisch zu sein. Obschon offiziell als Dokumentation vermarktet, gehört er eher in den Bereich Essayfilm, jenes Mischgenre irgendwo zwischen Spiel- und Dokumentarfilm, in dem poetische Ausdrucksweise und der fragmentarische Charakter Objektivität stechen. Ein Genre also, das feministischen Künstler*innen wider den vermeintlich neutralen, schlussendlich aber männlichen Blick besonders in die Hände spielt. Das stellte zuletzt auch „Das melancholische Mädchen“ unter Beweis. In Susanne Heinrichs Debütfilm, der Anfang des Jahres den Max-Ophüls-Preis gewann, muss sich die namenlose Protagonistin (dargestellt von Marie Rathscheck) in 15 thesenförmigen Episoden mit ökonomischen Zwängen und unfähigen Typen herumschlagen: „Ich bin unglücklich, damit Leute wie du glücklich sein können.“

Etwa die Hälfte der Szenen in „Searching Eva“ ist gescripted, also vorausgeplant oder nachgestellt, anderes ergab sich spontaner. „Wir hatten das Glück, dass wir jeden Tag auf ihrem Blog lesen konnten, was Eva macht und mit wem sie rumhängt“, erzählt Hellenthal. Auch Collé selbst habe als erfahrene Content-Creatorin kräftig mitgemischt: „Sie wusste immer, was wir suchten, und hat Situationen auch provoziert.“ So fand sich das Filmteam auf Collés Zuruf innerhalb von zwei Tagen in Athen ein. Und während eine der Sexszenen sich zwischen Eva Collé und ihrem damaligen Freund im Laufe eines langen Drehtags aus dem Augenblick heraus ergab, ist die andere mit dem Schauspieler Martin Muliar zur Gänze inszeniert. Eva Collé instruierte ihn im Vorfeld, wie ihre Freier sich für gewöhnlich verhalten, doch auch Hellenthal steuerte Anregungen bei. „Ich mochte, dass er Österreicher ist, und bat ihn, Eva diese Sprache in einer großväterlich bevormundenden Art beizubringen“, erinnert sie sich. „Toll, du hast dich verhalten wie ein echter Sugardaddy“, lobte jene ihn am Ende dafür. Im Darstellen von Intimität ist Collé Expertin. „Körperflüssigkeiten auszutauschen bedeutet in meinem Beruf nicht, dass wirkliche Nähe entsteht“, betont sie. „Es bleibt eine Performance.“

„Searching Eva“ begleitet eine Person, die mit Marx und anarchistischer Theorie groß- gezogen wurde. Der als 13-Jährige vom Vater ein Buch über Autonome und eins über deren Homoszene in die Hand gedrückt wurden: „Das ist alles, was du brauchst.“ Und deren Vater sich trotzdem über ihre baldige Ankündigung, Sexarbeiterin werden zu wollen, „weil dich das Patriarchat eh fickt“, alles andere als amüsiert zeigte. Mit 17 Jahren ging Collé weg von zu Hause, weg von den cleanen neuen Leben ihrer ehemals heroinabhängigen Eltern und der Ödnis ihres Heimatorts. Ihre Ankündigung machte sie wahr, auch wenn Sexarbeit wie alle Arbeit ihrer Meinung nach ganz abgeschafft gehört. Doch solange das nicht der Fall ist, ist sie zumindest besser bezahlt als andere Jobs. „Ich kriege mehr Geld für zwei Blowjobs auf der Straße als für zwei Tage Pariser Fashion Week“, postete Collé 2016 auf ihrem Blog und handelte sich damit prompt ihre Entlassung seitens des französischen Street-Fashion-Labels Vetements ein. „Jede zweite Frau, die ich kenne, ist Sexarbeiterin.“

Es sind diese Sätze, beiläufig in Gesprächen gefallen oder in ihren aus dem Off gelesenen Blog-Posts, die dem Film eine lose thematische Struktur überlupfen. „Searching Eva“ verzichtet auf eine Chronologie, Zeitlichkeit markieren nur Collés wechselnde Haarschnitte. Linearität spielt genauso wenig eine Rolle wie bei einem wohlkuratierten Instagram-Account, bei dem wir immer weiter zurückscrollen und doch nur dieselbe Pose finden, auf dieser Plattform, auf der niemand ernsthaft peinliche Aufnahmen aus dem Jahr 2008 postet. Identität ist vorbei.

Searching Eva DE 2019. Regie: Pia Hellenthal. 85 Min., Start: 14.11.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/19.

 

Der Beitrag Identität ist vorbei erschien zuerst auf Missy Magazine.

11:12

„Bin ich verhaftet?“

Von Maxi Braun

Petrunya ist Anfang dreißig, arbeitslose Historikerin und wohnt bei ihren Eltern. Nach einem miesen Vorstellungsgespräch gerät sie in ein orthodoxes Ritual, bei dem die Männer des Dorfes alljährlich am Dreikönigstag in einen eiskalten Fluss springen. Sie wollen ein Glück verheißendes Holzkreuz ergattern, das der Priester zuvor hineingeschmissen hat. Petrunya wirft sich einem Impuls folgend ebenfalls in die Fluten, schnappt das Kreuz und

flieht damit klatschnass vor Priester und perplexer Meute. Zu Hause angekommen wird sie von ihrer strenggläubigen Mutter verpfiffen, die Polizei nimmt sie mit, um auf dem hiesigen Polizeirevier den vermeintlichen Skandal zu klären.

Missy Magazine 05/19, Filmaufmacher©Filmstill/ jip film & verleih 2019

Bis zu dieser Stelle basiert der Film auf einem Vorfall, der sich tatsächlich 2014 im mazedonischen Štip ereignete. Was danach geschehen sein könnte, inszeniert Teona Strugar Mitevska in der zweiten Filmhälfte als packendes Kammerspiel. Polizei und Priester versuchen immer aggressiver, Petrunya zur Herausgabe des Kreuzes zu zwingen, während draußen der Männermob tobt. Die heilige Dreifaltigkeit des Patriarchats – die Kirche, der Staat (verkörpert durch die Polizei) und die Gesellschaft – scheitert aber an Petrunyas Überzeugung, im Recht zu sein. „Bin ich verhaftet?“, fragt sie immer wieder und lässt die bigotte Argumentationskette ihrer Gegner, nach der Frauen das Kreuz nicht haben dürfen, weil das schon immer so war, ins Leere laufen.

Petrunya ist dabei das visuelle Zentrum jeder Einstellung, die Kamerafrau Virginie Saint-Martin um das Gesicht von Zorica Nusheva komponiert. Die Theaterschauspielerin und Kinodebütantin verleiht der Heldin eine vibrierende Wucht, ohne sie überlebensgroß wirken zu lassen – verletzlich und unbezwingbar zugleich. Wenn sie ungekämmt und ungeschminkt aus dem Haus geht, sich einen Mantel über den dicken Körper wirft und eine Kippe im Mundwinkel hat, wirkt sie lässiger als die immer gleichen Männerfiguren in den typischen Coming-of-Age-Filmen. Die ratlosen und wütenden Fratzen der Männer werden nur angeschnitten oder als Fremdkörper in der Kadrierung gezeigt, meist drohen sie verbal aus dem Off. Nur ein empathischer Polizist schlägt sich auf Petrunyas Seite und bemüht sich schüchtern um ihre Sympathie. Am Ende erkennt Petrunya aber, dass sie weder einen Mann noch ein Holzkreuz braucht, um ihr Glück zu suchen und zu finden.

Gott existiert, ihr Name ist Petrunya MK/BE/SI/HR/FR 2019. Regie: Teona Strugar Mitevska.
Mit: Zorica Nusheva, Labina Mitevska u. a., 100 Min., Start: 14.11.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 05/19.

 

Der Beitrag „Bin ich verhaftet?“ erschien zuerst auf Missy Magazine.

November 13 2019

07:32

Metaphern in Großbuchstaben

Von Anna Barbieri

Endlich italienische Popmusik, die nicht kitschig romantisch klingt. Kein C-Teil à la Eros Ramazotti, sondern ein Bruch mit der männlichen Dominanz im Italo-Latino-Rap/Trap-Musikmix, der die Radiostationen ab Udine einnimmt. M¥SS KETA, aus Mailand, nach eigener Beschreibung eine Rapper*in mit Punk-Attitüde, Performer*in, maskiert und gleichzeitig sehr präsent, sorgt für Furore.

Begleitet wird sie von den Ragazze di Porta Venezia – Cha-Cha, Miuccia Panda, Dolly Donatella, Colette, La Iban  e La Prada. Gemeinsam erobern sie den Stadtraum und die Afterhours um die Via Melzo; die Charts und das Scheinwerferlicht auf Instagram. Dazu M¥SS KETAs Sounds, die in ihren schonungslosen Texten kein Klischee der Schickeria und des überbordenden Lebensstils in Porto Cervo, der Costa Esmeralda oder der Lombardei unkommentiert lassen. Ob Mode, Party, Drogen – Konsum im Überfluss –, Flirten, Sex und Begehren; sie präsentiert ein Bild Mailands, ein Bild Italiens, das dem Stereotyp der ausufernden Dolce Vita gerecht wird und der vorherrschenden Macho-Männlichkeit den Kampf ansagt. Im Exzess M¥SS KETAs liegt die Entfremdung, die den westlich-patriarchalen Lifestyle dechiffriert. Die Italianità in Großbuchstaben – EIN LEBEN IN CAPSLOCK: M¥SS KETAs Affirmation ist so intensiv und übertrieben, dass über Absurdität Raum für eine Gegenstrategie geschaffen wird.

Okay, okay. Ich habe sie lange als Geheimtipp gefeiert, „Xananas“ auf Partys rauf und runter gespielt. Ich habe meine Freund*innen mit den hypnotisierenden Beats des Tracks bezirzt, bis sie endlich aufgesprungen sind zum Tanzen. Mittlerweile hat M¥SS KETA viel Musik veröffentlicht und mit ihrem neuen Album „Paprika“ eine erfolgreiche Sommertour absolviert. Ihr Besuch im Berghain Mitte Oktober hat weiter dazu beigetragen, dass es mit ihrem Undercover-Status vorbei ist. Gut so! Denn es kann nicht genug Musik mit feministischer und queerer Agenda geben, die zum Befreiungsschlag aufruft. Danke Pino D’Angio, dass du auf Partys mit „Ma Quale Idea“ den Wunsch nach Italo-Pop gestillt hast. Danke Giorgio Moroder, dass du italienische Synthie-Sounds und das Cocorico in Rimini groß gemacht hast. Den ironisch-biografischen Angaben zufolge wurde M¥SS KETAs in dieser Großraumdiskothek gezeugt, bevor das Projekt offiziell 2013 in einer heißen Mailänder Nacht gegründet wurde. Ihre Beats siedelt sie in den 1980ern an. Die Outfits sind grell und futuristisch, die Texte offensiv, die Message politisch und zeitgenössisch. Zu einem monotonen Rhythmus zählt M¥SS KETA in „Una Donna Che Conta“ ihre Affären und Liebhaber*innen auf. Da sind Donald, Silvio, Wojtila – Männer, die hier reale Metaphern für Gatekeeper der patriarchalen Ordnung Italiens sind. Männer, die diese Ordnung über das Fernsehen festigen. Für Frauen ist wenig Platz. Ein bisschen Raum erlangt man im kurzen Kleid am Tisch tanzend bei Antonio in „Striscia La Notizia“. Dann gilt es, den Jackpot zu knacken: aka die Heirat mit einem gefragten Fußballer. Das Wortspiel „Una donna che conta“ – eine Frau, die zählt – ist doppeldeutig: eine Frau, die zählt. Zählt M¥SS KETA  oder zählen weiter die Männer, mit denen es sich zu verbandeln gilt, um als Frau anzukommen? Im Musikvideo verdeckt eine Digitalanzeige ihre Augen. Wecker, Stoppuhr oder Countdown zur Explosion; sie ist mit einem Vaporizer synchronisiert. Alles heißer Rauch. Sie sitzt am Druckknopf und drückt nicht ab – kann sie überhaupt abdrücken?

M¥SS KETA erzählt mit in Metaphern verwandelten Gesten aus einem unterdrückten Alltag. Sie selbst ist in der queeren Clubkultur groß geworden. Clubbing ist die Möglichkeit aller, sich von den Ketten und Gefängnissen der Gesellschaft zu befreien, sagt M¥SS KETA. Sie macht, was sie möchte, und die unterschiedlichen Masken und großen Sonnenbrillen helfen ihr dabei. Ihre Verschleierung setzt sie einer Welt, in der es nur um Selfies und das Abbilden des Selbst geht, entgegen. Der Entzug ihres Gesichts ist ein politischer Akt. Ob das alleine reicht, sei dahingestellt. Kann sich M¥SS KETAs Maske einer neoliberalen Vermarktung entziehen? In einer auf Persönlichkeiten fliegenden Popkultur ist die Maske keine Neuheit, aber trotzdem ein als provokant empfundener Störfaktor, der Aufmerksamkeit generiert und ihr Freiheit gibt. Die eigentliche Identität ist in M¥SS KETAs Kaleidoskop nebensächlich. Schließlich soll es keinen Unterschied machen, wer die politischen Handlungen setzt.  So verwundert es nicht, wenn sie sagt, dass der Schleier vor ihrem Gesicht M¥SS KETA ist, und dadurch alle M¥SS KETA sein können.

Es wirkt ein bisschen so, als ob man es selber machen könnte. Ich starre wie gebannt auf mein Instagram: Videos vom DJ-Pult aus auf Menschenmengen, dazwischen Pressefotos auf Heuballen, am Strand oder einfach nur gute Selfies (mit Maske). Loops und Samples in der Musik, Videos, die aus Found-Footage zusammengeschnitten sind.  Dann gibt es aber doch wieder sehr sleeke Momente, die zu verstehen geben: M¥SS KETA ist ein Geniestreich, kreiert von einem Kollektiv aus Musiker*innen, Filmemacher*innen, Künstler*innen und Designer*innen – im Zusammenschluss genannt Motel Forlanini – und momentan bei Universal unter Vertrag. Die Diva M¥SS KETA ist ein Produkt, geschaffen für den Konsum und unsere Konsumlust. Es bedient sich dieser und führt nicht nur die Fans, sondern auch sich selbst gnadenlos vor: „VIVI OGNI GIORNO COME FOSSE CAPODANNO A COURMAYEUR“, schlagzeilt M¥SS KETA dazu auf ihrer Homepage. Die Ironie des Ratschlags, jeden Tag wie Silvester in Courmayeur (das italienische Pendant zu St. Moritz oder Chamonix) zu leben, liegt auf der Hand. M¥SS KETA ist aber mit ihrer Musik und ihren Performances in der Realität ihrer eigenen Texte angekommen: Modewoche, Backstage, Partys, High-Life. Das paradiso myssketiano ist künstlich und klaustrophobisch und ein Spiegel sowohl für die Performer*innen und Künstler*innen des Motel Forlanini wie auch für die Fans und die Gesellschaft. M¥SS KETA wurde zu der Diva, die sie heraufbeschwor, und muss in dieser Position noch schärfer Facetten und Fragmente männlicher Bilder von Weiblichkeit zu einem angreifenden und fordernden Subjekt umformen, um im Celebrity-Lifestyle nicht als heuchlerisch zu gelten. Das Video zu „Pazzeska“ ist womöglich ein Indiz für die nächsten Instanzen. Mit blonder Perücke und Ganzkörper-Bodypaint auf einer riesigen Mortadella sitzend, wird sie trotz Referenz zum Film „Bambola“ sowie Sophia Loren in „Mortadella“ zu einer mystischen, undefinierbaren Gestalt. Gar zu der Giftschlange Kleopatras, die sie besingt und die von innen heraus agiert? M¥SS KETA, si prego! Ketamin für M¥SS KETA – hoffentlich nicht! Passivität gegenüber der gegenwärtigen Situation ist in Italien omnipräsent, und M¥SS KETAs „VITA IN CAPSLOCK“ ist eine Aufforderung, die Kleinschreibung hinter sich zu lassen.

Natürlich habe ich mir das Fanshirt bestellt. Es ist lange her, dass ich mich für Merch begeistern konnte, aber auf der Rückseite eines verschwommenen Prints einer in Rot gekleideten, die Klischees der Oberflächlichkeiten des Pop scheinbar erfüllenden M¥SS KETA findet sich der Schriftzug: „Fa paura perchè è vero“ – ja, M¥SS KETA macht Angst, weil sie so schonungslos wahr ist und uns alle bei unserer Schwäche für Exzess in verschiedenster Form ertappt. Am meisten aber, weil sie sich des chauvinistischen Systems Italiens bedient und die Angst vor der Wahrheit sie ermächtigt. M¥SS KETA als das unerwartete Produkt dieses Systems steht erst am Anfang des Aufruhrs.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Master in Critical Studies der Akademie der Bildenden Künste Wien.

Der Beitrag Metaphern in Großbuchstaben erschien zuerst auf Missy Magazine.

November 12 2019

09:30

Vom Sterben der feministischen Utopie

Von Josephine Apraku

In einer Partner*innenschaft zwischen Frau und cis Mann, die gemeinsam ein Kind haben, stirbt die feministische Utopie einen gewaltsamen Tod. Es tut mir leid, die Überbringerin dieser Botschaft zu sein. Zu gewohnt und akribisch einstudiert sind die gesellschaftlichen Rollen, als dass sie in einer solchen Extremsituationen konsequent kritisch reflektiert werden würden. Vor allem nicht von cis Männern, denn für sie ist es deutlich bequemer, die ihnen zugeteilte Position gar nicht oder nur teilweise zu hinterfragen.

© Tine Fetz

Die sozial zugeschriebene Rolle bietet cis Männern den Raum ihrer eigenen Selbstverwirklichung, sei es im Hinblick auf den Beruf, die Gestaltung ihrer Freizeit oder was auch immer ihnen dazu eben in den Sinn kommt nachzugehen. Öfters habe ich, nicht dass es mir selbst unbekannt wäre, von Freund*innen gehört, dass ihr Partner völlig selbstverständlich seine persönlichen Ziele verfolgt. Von Frauen – von mir – wird erwartet, mich aufopferungsvoll meiner neuen Rolle als Mutter zu widmen, denn das wird als Ziel meiner Selbstverwirklichung missverstanden.

Die Beweihräucherung von cis Männern, die ein Mindestmaß an Sorge für ihre EIGENEN Kinder tragen, ist enorm. So wurde z. B. meinem Partner nach einem meiner Workshops dafür gedankt, dass er auf sein EIGENES – aus freien Stücken selbst gezeugtes Wunschkind – aufpasst, damit ich – offenbar in die 1950er zurückgereist – arbeiten darf. Ja, wirklich, auch an dieser Stelle noch mal von mir vielen Dank .*Ironie aus*.

Als Mutter bin ich erpressbar geworden und mache deshalb nicht selten gute Miene zum bösen Spiel. Als Partnerin in einer Beziehung ohne Kind, womöglich in einer eigenen Wohnung, ist es vergleichsweise gut möglich, sich zu entziehen und Grenzen abzustecken: Den sexistischen Strategien, derer sich cis Männer regelhaft – wenn auch unbewusst – bedienen, sei es im Hinblick auf die Aufteilung der Hausarbeit oder auch der Beziehungsarbeit, kann so zumindest zeitweise entgangen werden. Mit Kind ist die Situation eine völlig andere.

Um meinen Standpunkt klarzumachen, konnte ich früher beispielsweise konsequent jegliche Hausarbeit liegen lassen, bis die Wohnung in einem Zustand des totalen Chaos versank, das irgendwann für alle untragbar war. Auch in Streitsituationen agiere ich in Teilen anders. Mir fehlen die Zeit und die Energie, um mich für alle aufkommende Wut gleichermaßen emotional zu verausgaben. Außerdem ist mir wichtig, Konflikte nach Möglichkeit schnell und produktiv beizulegen oder zumindest zu pausieren, weil ich nicht möchte, dass das Baby ständig in schlechter Stimmung leben muss.

Ich entscheide mich oftmals für das Wohl des Kindes: Im Streit, in dem es um gerechtere Aufteilung von Sorgearbeit geht, reiche ich die Hand und versuche, wenigstens einen Waffenstillstand herbeizuführen. Ich wechsele die Windel zum xten Mal selbst, weil die im Zweifelsfall leidtragende Person das Baby und nicht der Partner ist. Auf Kosten des Kindes mag ich, selbst wenn es mein innigster Wille ist, kein Exempel statuieren. Deshalb bin ich erschreckend erpressbar. Ist so.

Die gute Nachricht ist: Widerstand ist möglich. Immer. Auch jetzt. Klar, dieser Widerstand sieht anders aus, muss er, mein Alltag als Mama, Berufstätige und Partnerin, und auch die Zuschreibungen sind ein bisschen andere. Dennoch, obwohl auch das ein zusätzlicher Kraftakt zu all meinen Aufgaben ist, finde ich neue Wege, für mich – und letztlich auch für das Kind – einzutreten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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November 11 2019

11:41

Finally, Lee!

Von Flora Klein

Finally! Und: warum nicht eher? Die Ausstellung der US-amerikanischen Malerin Lee Krasner (1908–1984) in London und mittlerweile in Frankfurt am Main ruft neben Freude auch Kopfschütteln ob des späten Zeitpunkts hervor. Gehört Krasner doch zu den Wegbereiter*innen des abstrakten Expressionismus und ist eine der eindrücklichsten – da vielseitigste – Vertreterin dieser lyrischen Form der ungegenständlichen Malerei. Einer Stilrichtung, die das New York der Nachkriegsjahre maßgeblich prägte und zum Zentrum des westlichen Kunstdiskurses machte.

Lee Krasner, Shattered Color, 1947, Guild Hall Museum, East Hampton, Long Island. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018. The Pollock-Krasner Foundation. Photo credit: Gary Mamay.

Krasners vibrierenden und rhythmischen Gemälde verschreiben sich keinem einschlägigen Look, sondern beinhalten fortwährend changierende Werkphasen. Eine Auswahl dieser ist es denn auch, die in der Ausstellung zu sehen sind, jeweils didaktisch verknüpft mit Eckdaten aus ihrer Biografie. Die zweistöckige Ausstellung, die beworben wird mit einer Schwarz-Weiß-Fotografie der jungen Künstlerin – Sonnenbrille und Anzug tragend – betitelt mit „Lee Krasner. Living Colour“, war längst überfällig.

Der Lokalaugenschein im Barbican Centre förderte Folgendes zutage: Im unteren Raum, der über eine großzügige Ausstellungsfläche verfügt, hängen im vorderen Teil monumental großformatige Malereien aus den 1960er-Jahren. Ein Teil davon ist eine in Ocker- und Weißtönen gehaltene Serie, deren Leinwände mit flockig-faserigen, gekonnt soften Pinselstrichen gefüllt sind. Auf diesen Flächen vereinen sich die paradoxen Zustände von Härte und Weichheit. Bemerkenswert im hinteren Teil des großen Ausstellungsraums ist „Mr. Blue“: Auf rohem Leinen sind energetische Striche mit flüssigem Blau eingezogen, die durch den losen, drippigen Auftrag der Farbe auf das braune Leinen ein zweifarbiges Gemälde bilden. Im Zentrum von „Mr. Blue“ ist ein rundes, strichmännchenartiges Gesicht zu erkennen – was ziemlich frech, extrem gekonnt und insofern bemerkenswert ist, da es beim Malen ungegenständlicher Werke klassischerweise genau das Erscheinen eines „Gesichts“ ist, was es zu vermeiden gilt.

Im zweiten Stock bieten chronologisch organisierte Ausstellungskojen Einblick in Krasners Frühwerk. Da hängt z. B. eine Serie kubistischer Kohlezeichnungen, die unter dem Maler Hans Hofmann entstanden sind. Hofmanns vielsagendes „Kompliment“ an Krasner, ihre Arbeit sei so gut, „you would not know it was done by a woman“, skizziert das Arbeitsklima, in dem sich die junge Künstlerin im rezessionsgeschüttelten NY bewegte. Die weiteren Räume zeigen Werke ihrer ersten New Yorker Einzelausstellung, bestehend aus collagierten, zerrissenen Hofmannklasse-Zeichnungen; darauf folgen ikonische, großformatige Collage-Malereien in den Signature-Farben der Künstlerin, Orange und Fuchsia, wobei im Arrangement der schneidenden Farben und Formen ihr Interesse am Kubismus gut erkennbar ist. In der nächsten, dunkel gestrichenen Koje drängen sich vier hochformatige Malereien, die mit einem ausführlichen Wandtext eingeführt werden. Linker Hand hängt ein Gemälde mit dem bezeichnenden Titel „Prophecy“ (1956), gemalt zwei Wochen vor dem tragischen Tod ihres Ehepartners und Malers Jackson Pollock.

Pollock, einer der meistrezipierten Vertreter des abstrakten Expressionismus, dessen Popularität Lee Krasners eigenes künstlerisches Schaffen zeitlebens überschattete – und weit darüber hinaus –, war bekannt für seine Alkoholexzesse. Er kam bei einem Autounfall ums Leben und riss dabei die Freundin seiner damaligen Geliebten, die ebenfalls im Auto saß, aber selbst überlebte, mit in den Tod. Die besagten vier Malereien, alle im traumatischen Jahr 1956 entstanden, sind auf dunklem Grund mit energetischen Gesten aus Rosa, Hellgelb, Ocker und Weiß gemalt. Der Stil und Duktus dieser Arbeiten ist neuartig in Krasners Œuvre, schier figurativ, da verkeilte Füße, Arme, Beine und Augen erkennbar sind.

Im letzten kleinen Raum im oberen Stock wird eine Werkgruppe mit einem Wandtext eingeführt, der unter anderem vom Umzug der Künstlerin von NY ins umliegende Springs und vom Tod ihres Vaters handelt und damit auf Krasners weiß-graue Palette verweist. Es ist denn auch spätestens hier, dass sich die Frage nach der Rolle der Biografie der Künstlerin stellt und der Art und Weise, wie diese von der Institution mediatisiert und als Strukturelement herangezogen wird. Dass es für Institutionen derzeit üblich ist, Künstler*innen stark über das Biografische zu vermitteln, ist mir bewusst – dass zudem Lee Krasners ungegenständliche Malerei diesbezüglich keine leichte Aufgabe darstellt, ist ebenso nachvollziehbar. In dieser Ausstellung scheint es allerdings auffällig, dass nicht so sehr eine künstlerische Entwicklung aus der Arbeit heraus – oder via des Einflusses von Weggefährt*innen – vermittelt wird, sondern oft emotionale Zustände als Beweggründe für Veränderungen Krasners künstlerischer Praxis hervorgehoben werden. Letzteres ist eine Lesart, zu der ich in Museen eher selten bis nie aufgefordert werde beim Betrachten von Kunst vergleichbarer männlicher und überwiegend heterosexueller Protagonisten.

Dass sich Kunstmuseen mittels Identitätsproduktion um die Kanonisierung der Künstler*innen bemühen, ist augenscheinlich. Allerdings fällt den Institutionen dadurch eine große Verantwortung zu. Nicht nur bezüglich der Frage, welchen Künstler*innen durch institutionelle Ausstellungen kulturelle Signifikanz zugeschrieben wird, sondern auch, was für eine Biografie wie erzählt wird. Es stellt sich die Frage, was für Schwerpunkte für welche Künstler*innen gewählt und gesetzt werden – oder anders gefragt: Wird die Biografie von Künstlerinnen anders erzählt und mediatisiert als jene von Künstlern oder von trans artists? Was das Verhältnis von Persönlichem und der künstlerischen Arbeit betrifft, ist Krasners eigener Standpunkt sehr klar: In einem Interview, das in der Ausstellung zu sehen ist, sagt sie, dass das Leben und die Kunst immer miteinander verwoben sind – die Behauptung des Gegenteils wäre absurd.

Die Ausstellung „Lee Krasner. Living Colour“ lief vom 30.05.2019 bis 01.09.2019 in der Barbican Art Gallery in London und ist jetzt in die Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main, gewandert, wo sie vom 11.10.2019 bis 12.01.2020 zu sehen ist.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Master in Critical Studies der Akademie der Bildenden Künste Wien.

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November 10 2019

November 08 2019

Reposted fromnaich naich
09:30

Nervt das?

Von Jacinta Nandi

Eine weiße Freundin von mir, Französin, ist nach einer Anti-Nazi-Demo in die U5 gestiegen. Diese Geschichte ist zehn Jahre alt, damals war die U5 manchmal ein bisschen gruselig. Sie war „alternativ“ gekleidet, kam offensichtlich von der Demo und saß dort mit ihrem Baby im Arm.

© cocoparisienne auf Pixabay

Eine Gruppe weißer deutscher Jungs mochten nicht, wie sie aussah, sie merkten vielleicht, dass sie von der Demo kam. Und haben sie dafür angespuckt – von Kopf bis Fuß – und sie saß mit dem Baby auf dem Schoß und heulte. Der Zug war voll und sie rief den anderen Passagier*innen im Waggon zu: „Tut was, sagt was, warum sagt ihr nichts, ihr seht doch, was sie machen!“ Die Menschen im Zug taten so, als ob sie unsichtbar wäre.

Und das ist das Land, die Gesellschaft, die Welt, in der man uns ständig sagt, wie „laut“ und „nervig“ unsere Kinder sind. Tatsache ist, dass Kinder oft laut und nervig sein können, und Eltern, vor allem Mütter, die das tagtäglich erleben, vergessen manchmal, wie leise ein Leben ohne Kinder sein kann. Vor einigen Jahren, 7.05 Uhr in der U2, mein Sohn spielt Blockflöte. Ein Mann fragt mich echt höflich: Könnten Sie ihm die Blockflöte wegnehmen? Ich so, überrascht: Nervt das? Er so: Ja, bisschen, ist voll früh und voll nervig. Ich so: Echt, ich merke das gar nicht mehr, sorry. Nahm die Blockflöte weg, dann fing er an, auf den U-Bahn-Sitz zu trommeln.

Aber eine andere Tatsache ist auch, dass die Menschen wollen, dass Kinder in der Öffentlichkeit, im öffentlichen Verkehr, nervig gefunden werden. Es ist ein Hobby geworden. Wenn eine Kitagruppe in die U-Bahn einsteigt , ist es ein Zeichen der Stärke, so laut und genervt wie möglich zu stöhnen. Ich finde es interessant, wie sogar Teenager, die auch offiziell als nervig im Zug gelten, oft am lautesten stöhnen. Es ist ein performatives Genervtsein.

Einmal hat mein Sohn mir aus seinem Lustigen Taschenbuch vorgelesen – er war sieben Jahre alt, und wenn er nicht vorgelesen hätte, hätte er sonst geredet, in einer ähnlichen Lautstärke –, kein siebenjähriges Kind sitzt schweigend in der U-Bahn. Und die Lautstärke seiner Lesung war nicht lauter als die von zwei Hipstern, die erst jetzt vom Club nach Hause gehen, oder von zwei Yuppy-Start-up-Geschäftsführern, die sich begeistert auf das Businessmeeting vorbereiten. Und vor allem nicht lauter als die junge Frau, die neben mir saß und bei jedem Satz laut stöhnte, als ob sie so genervt wäre, dass sie gleich sterben wollte. Es gibt Pornstars, die beim „Orgasmus“ nicht so laut stöhnen wie sie beim Lustigen Taschenbuch.

Jetzt also darf man, wenn man Flüge reserviert, einen Sitz buchen, der weit weg ist von Säuglingen. Klingt harmlos, vielleicht nach einer eleganten Lösung – man verbietet nicht, dass Familien reisen, man geht nur sicher, dass niemand in deren Nähe sitzen muss. Aber es trägt offensichtlich zur Stigmatisierung von Geräuschen von Kindern bei und zur Isolierung der Eltern – und wenn ich Eltern sage, meine ich eigentlich Frauen.

Denn wenn es irgendwann mal so weit kommt, dass Kinder nicht mehr fliegen dürfen, werden es nicht deren Väter sein, die nicht reisen werden.

Es sind auch nicht die Familien mit Vätern dabei, die Kritik für die Lautstärke der Kinder bekommen. Das Verhalten meiner Kinder ist nicht EINMAL kritisiert worden, wenn ich mit einem weißen Mann unterwegs war, den man für den Babyvater hielt, egal, wer diese Person in Wirklichkeit war – mein Bruder, der tatsächliche Papa oder ein Lesebühnen-Kumpel mit schlampiger „alternativer“ Kleidung und ungewaschenen Haaren.

Man darf Kinder nervig und laut finden, denke ich. Aber man soll dabei zugeben, warum man es tut, und warum man das so genießt. Die Idee, dass Kinder unerträglich nervig sind, funktioniert wie eine Ausgangssperre für arme Menschen, vor allem für Alleinerziehende.

Die wohlhabende Familie mit Auto darf Tropical Islands, Thermenbad, Germendorf um 19, 20 oder sogar 21 Uhr verlassen. Auch an einem Sonntag. Ins Auto gesperrt hört man das nervige Geschrei der Kinder nicht – aber das ist nicht der einzige Grund für den Mangel an Missbilligung. Die Kinder und Frau sind ins Auto gepackt wie teure Edelsteine und wie das Auto selbst, gehören sie einem Mann, der so erfolgreich ist im Gewinnspiel Kapitalismus, dass er sich ein Auto und eine Familie leisten kann. Er besitzt diese Familie und trennt ihre Geräusche von der Gesellschaft, beschützt die Familie – aber auch die Ohren der Gerne-Genervten.

Wenn zwei Alleinerziehende einen Besuch im Tropical Islands machen und mit dem Zug nach Hause fahren, müssen sie aufpassen, dass sie um 17 Uhr die Halle verlassen, sogar das wird knapp. Alleinerziehende mit ihren müden Kindern dürfen ab 19 Uhr nicht gesehen werden. Sie ernten Kritik und Beleidigungen, Wut und tatsächlich auch Hass. Ich spreche hier übrigens von weißen Menschen. Den Hass, den nicht-weiße Menschen bekommen, wenn sie im Zug sitzen, ist noch schlimmer.

Dass es beim „Nervigen“ an Kindergeräuschen nicht wirklich um Lautstärke geht, sondern darum, dass es schockiert, eine unbeschützte Frau mit unbeschütztem Kind freiwillig im Kapitalismus herumlaufen zu sehen, wird auch belegt durch die paranoiden Diskussionen, die es um die Größe der Kinderwagen und Sportwagen in Prenzlauer Berg gibt.

Diese Maschinen, die Frauen, die ein Kind haben, zum Bewegen bringen – ohne deren Erfindung wären wir drei, vier Jahren zu Hause eingesperrt und vielleicht ab und zu im Kaufland –, sind eigentlich die umweltfreundlichsten Wagen, die es gibt. Aber eine Frau mit teurem Kinderwagen oder zwei Frauen mit Kindern im Zug, das sind Frauen, die es wagen, die Wohnung zu verlassen ohne ihre Männer dabei – ohne einen Ausgeherlaubniszettel –, ohne einen Stempel, ein Absegnen durch den Kapitalismus.

Ich glaube, wir alle sollten weniger fliegen. Auch Eltern mit Kindern. Nur notwendige Flüge. Und wenn ein Flug mit Kinderschrei dir zu nervig erscheint, dann denke ich, dass dieser Flug nicht nötig sein kann. Lass es einfach und deine Ohren werden verschont – und die Umwelt auch!

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November 07 2019

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A myślałem że akcja "Aborcja jest o.k." to był szczyt
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09:58

„Wir verlangen, dass Sexarbeit entkriminalisiert wird“

Liebe Feminist*innen!

Sexarbeiter*innen haben es vorausgesagt: Das Prostituiertenschutzgesetz von 2016 ist eine Gesetzgebung, die die Kriminalisierung der Sexarbeit in Deutschland vorbereitet. Es schützt uns nicht, sondern überwacht und unterdrückt uns. Aktuell bringen sich Politiker*innen von SPD und CDU/CSU in Position für weitere Gesetzesverschärfungen. Sie kündigen an, für die sogenannte Freierkriminalisierung kämpfen zu wollen. Das bedeutet, dass das Kaufen von sexuellen Dienstleistungen verboten wird, das Verkaufen der Dienste jedoch nicht.

In der Realität schadet diese Gesetzgebung den Sexarbeiter*innen, wie wir in Schweden beobachten können. Dort werden Sexarbeiter*innen abgeschoben oder ihnen wird die Wohnung gekündigt oder der Umgang mit ihren Kindern verboten. Oder in Irland, wo diesen Sommer zwei rumänische Sexarbeiter*innen dafür verhaftet wurden, dass sie gemeinsam gearbeitet haben. Ihnen wurde das Führen eines Bordells zulasten gelegt. Sie wurden im Juni zu neun Monaten Gefängnis verurteilt, eine der beiden Frauen ist schwanger.

Oder in Frankreich, wo am 16. August 2018 die trans Sexarbeiterin Vanessa Campos ermordet wurde. Sexarbeit erlaubte ihr, zu leben und ihre Familie in Peru zu unterstützen. Vanesa wurde ermordet, während eine Gruppe von Männern versuchte, ihren Kunden zu berauben. Sie wurde mit einer Polizeipistole getötet. Korrupte Bullen und ein Gesetz, das Kunden und Sexarbeiter*innen schutzlos lässt, sind verantwortlich für ihren Tod.

Sexarbeiter*innenorganisationen, sei es in Deutschland, in den USA, in Thailand, Indien oder Australien, in Frankreich oder Schweden, fordern die Entkriminalisierung unserer Arbeit. Das heißt, sowohl der Kauf als auch der Verkauf und auch unsere Arbeitsplätze müssen legal und sicher sein. Gesetzliche Regulierungen, die nur für Sexarbeit gelten, folgen einer Zuhälterlogik.

Ein Zuhälter ist der Mittler zwischen Sexarbeiter*in und Kunde, der einen Teil der Einnahmen einstreicht. Wenn die Erlaubnis, Sexarbeit auszuüben, an Bedingungen geknüpft ist, gibt es immer jemand, der diese Bedingungen für Geld erfüllen kann. Seien es die Bordellbetreiber*innen, die davon profitieren, dass ein Großteil der Sexarbeiter*innen sich kein eigenes Bordell leisten kann. Seit dem Gesetz 2017 gibt es nämlich so viele teure, bauliche Auflagen, dass die kleinen, unabhängigen Bordelle schließen mussten. Bordellbetreiber*innen erheben eine Zimmermiete von bis zu fünfzig Prozent der Einnahmen und verdienen an unserer Bevormundung durch das neue Gesetz.

Oder seien es die großen Pornoseiten, die ihren Gewinn daran haben, dass wir von Social Media wie Twitter, Instagram, Tumblr & Co mit unserem Indie-Porn vertrieben werden. Oder seien es die Ämter, die Geldbußen einkassieren, sollten Sexarbeiter*innen ohne Hurenpass oder zur falschen Zeit und am falschen Ort arbeiten. Niemand soll aus unserer Arbeit Profit schlagen! Das gilt für Sexarbeit, aber auch für alle andere Arbeit!

Wenn man unter CDU/CSU.de nachliest, was die Partei von Horst Seehofer & Co mal wieder für Abwege zum Thema Sexarbeit plant, erscheint im Header ein Foto, das wohl drei Prostituierte symbolisieren soll. Die Bildbeschreibung lautet: „Drei Frauen an der Theke.“ Und darum geht es – Frauen an der Theke, ob sie dort beim Saufen Geld ausgeben oder es sich verdienen, soll es nicht geben.

In Interviews behaupten Konservative, die Masse der Sexarbeiter*innen empfange 15 bis vierzig Freier pro Tag und sei überhaupt nicht empowert. Ich persönlich frage mich, wer diese 15 bis vierzig Freier sind und wo ich sie kennenlernen kann. Im Bordell sind wir ja schon froh, wenn sich vierzig Kunden auf zehn Arbeiter*innen verteilen. Wo sind die mysteriösen Fließbandpuffs, vor denen die Gäste in der Schlange um den Häuserblock stehen? Wo die Sexarbeiter*innen gar nicht mehr das Bett verlassen? Wo sie nach jedem dritten Schwanz das Gleitgel neu auftragen? Und im Fünf-Minuten-Takt vögeln und damit den Durchschnitt an Freiern so weit nach oben ziehen?

Liebe CSU, ich wünschte, ich hätte am Tag zwanzig Kunden. Ich könnte selbst bei niedrigen Preisen sehr gutes Geld verdienen und müsste nicht Tag für Tag herumsitzen und auf Gäste warten. Okay, Spaß beiseite. Zu eurem anderen Argument: Wir Sexarbeiter*innen seien ja gar nicht so empowert, wie wir es immer behaupten!

Wer behauptet denn, wir sind empowert? Ich hasse den Empowerment-Mythos. Ich bin nicht empowert! Denn Sexarbeit ist Arbeit und Arbeit nervt! Es gibt in jeder Branche die Streber*innen, die ihren Job lieben. Und gerade in der Sexarbeit müssen wir betonen, dass wir mit der Arbeit glücklich sind. Sonst werden wir Hals über Kopf gerettet. Aber wir dürfen unseren Job hassen, eklig oder nervig finden und trotzdem für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen.

Wir verlangen trotzdem, dass unsere Arbeit entkriminalisiert wird. Wir verlangen eure Solidarität, egal, ob wir viel oder wenig verdienen! Egal, ob wir uns für unsere Arbeit schämen oder stolz darauf sind! Egal, ob ihr uns zum Abendessen zu euren Eltern nach Hause einladen würdet oder nicht!

Für Feminist*innen ist Sexarbeit in den letzten Jahren wichtiger geworden. Sie disktuieren darüber und überlegen, wie sie Sexworker*innen unterstützen und in ihre Kämpfe einbinden können. Viele Feminist*innen sind sogar selbst Sexarbeiter*innen. Aber selbstverständlich ist das Bündnis zwischen Feminismus und Hurenbewegung nach wie vor nicht.

Vor zwei Wochen war das Feminist Futures Festival in Essen. Ein linkes, feministisches Festival mit über hundert Veranstaltungen, Filmen, Workshops, Diskussionen und Vorträgen. Kein Einziger davon hatte Sexarbeit zum Thema. Weder als progressive Position aus der Hurenbewegung noch konservativ verpackt in den Menschenhandel-Diskurs. Zu Sexarbeit wurde geschwiegen. In einzelnen Veranstaltungen waren Sexarbeiter*innen anwesend, denn wir sind unter euch!

Aber wir vermuten, dass das Festival bewusst auf uns als feministische Akteur*innen verzichtet hat. Denn vielleicht hätte es Streit gegeben. Das wäre auf einem Festival, das die Verschiedenheit feministischer Kämpfe zusammenführen will, doch gar nicht so schlimm? Ich streite mich lieber, als dass ich verschwiegen werde. Vielleicht wäre auch kein Streit aufgekommen, sondern eine Diskussion?

Reden, zuhören, lernen? Vielleicht sogar Solidarität? Wir Huren hätten die Solidarität von 1500 linken und linksradikalen Feminist*innen auf diesem historischen Kongress in Essen gut gebrauchen können.

Liebe Feminist*innen auf dem What-The-Fuck-Marsch! Positioniert euch für uns Huren! Kämpfen wir gemeinsam für die Selbstbestimmung über unsere Körper! In der Sexarbeit, beim Sex unter Freund*innen, in der Schwangerschaft, bei der Abtreibung, bei der Pflege, bei der Assistenz, bei der Transition, bei der Migration. Weg mit dem Prostituiertenschutzgesetz!

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November 06 2019

09:35

Radikales Kuscheln

Von Olja Alvir

Style, Körperpflege, Innenarchitektur und Kultur: Das sind die Fachgebiete der „Fab Five“, fünf erfolgreicher schwuler Personen, die das Leben ihrer Kandidat*innen runderneuern. Dabei ist die Sendung selbst ein Remake: In den Nullerjahren lief sie bereits unter dem Titel „Queer Eye For The Straight Guy“.

Missy Magazine 05/19, Radikales Kuscheln

Am Anfang hielt sich die neue Version von „Queer Eye“ noch eng an das ursprüngliche Konzept: Fünf exaltierte Schwule helfen schüchternen Heteromännern. Doch nun zeigt „Queer Eye“ auch schwule und trans Männer, weibliche und lesbische Kandidat*innen. Menschen, die weniger eine Rasur, sondern eher professionelle Unterstützung mit ihrem Kleinunternehmen oder Therapie wegen eines kürzlich erlittenen Verlusts brauchen. Bei all dem bleibt das Setting, die tief republikanischen „Red States“ Kansas und Missouri, immer klar. „Queer Eye“ schreckt nicht davor zurück, traumatisierende Rassismus-Erlebnisse zu thematisieren und Homophobie die in Lachfalten gezogene Stirn zu zeigen.

Dennoch verbreitet „Queer Eye“, wie fast jede Reality- oder Makeover-Show, falsche Vorstellungen darüber, was es bedeutet, das eigene Leben zu verändern. Eine zerrüttete Familie kommt nicht plötzlich wieder zusammen, weil das Haus jetzt mehr der aktuellen Ikea-Ästhetik entspricht. Die Show lässt es leider genau so aussehen und verkauft die Illusion, dass jedes Problem mit ein paar kleinen Tricks und den richtigen Produkten innerhalb von wenigen Tagen gelöst werden kann. Revolutionär hingegen ist die Tatsache, dass die „Fab Five“ eine neue Körperpolitik einführen – so- wohl untereinander als auch ihren Kandidat*innen gegenüber: radikales Kuscheln. Sie halten demonstrativ Händchen, schon beim ersten Kennenlernen insistieren sie auf (Gruppen-)Umarmungen. Während die männlichen Kandidaten dabei am Anfang sehr zurückhaltend wirken, scheinen sie später regelrecht zu klammern.

Es ist beinah kathartisch, positive Interaktionen zwischen Männern im TV zu sehen. Endlich ein anderes Bild von Männerfreundschaften im Fernsehen jenseits von harten Klopfern auf die Schulter und Bier- Prosten. Insofern ist „Queer Eye“ eine längst überfällige Vorlage für eine neue Form von Männlichkeit. Die Frage ist allerdings, wie die Sendung bei denen ankommt, die sie am bittersten nötig hätten. Ein männlicher Reddit-User schreibt etwa: „When I discussed it with my friends, many kept saying that I was gay for watching the show.“

Die vierte Staffel von Queer Eye läuft seit Mitte Juli bei Netflix. Die fünfte Staffel ist für 2020 geplant.

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November 05 2019

12:33

Nichts, was in Halle passiert ist, ist unfassbar oder unvorstellbar

Von Debora Antmann

Ich schreibe heute über Halle. Es reicht, „Halle“ zu hören, und ihr wisst alle, wovon ich rede. Es scheint ein später Beitrag. Die Schlagzeilen sind inzwischen wieder gefüllt von anderen Dingen. AfD-Wahlergebnissen, Brexit, Trump. Alle namenhaften Stimmen haben ihre Beiträge zu Halle verfasst, Politiker*innen sind ihre Floskeln losgeworden und nun komme ich. Lasse euch nicht in Ruhe. Werde noch einmal bohren. Noch einmal einen dieser jüdischen Texte schreiben, die euch mahnen, die euch die Augen öffnen sollen.

Ich weiß nicht, ob es mehr Sinn macht, euch die Wut und den Schmerz entgegenzuschleudern, euch aus eurem Schlaf wachzurütteln, euch anzuschreien oder euch in sachlicher Distanz zu erklären, was wir euch schon zigmal erklärt haben. Beides scheint ihr nicht zu mögen. Beides scheint nichts zu bringen. Beides verhallt irgendwo zwischen damals, heute und nie wieder. Zwischen rechtpopulistischer Abgestumpftheit, neoliberaler Gleichgültigkeit, dominanter Ignoranz. Jüd*innen versuchen zu erklären, Bedrohungen von jüdischem Leben sichtbar zu machen, nicht erst seit Halle, seit Jahrzehnten und niemand hört zu.

© Tine Fetz

Die Reaktionen nach Halle waren durchtränkt von verschrobenen Realitäten, verzerrten Wahrnehmungen und verklärten Erzählungen. Dabei waren es besonders vier Narrative, die sich immer und immer wieder in den Wogen der Anteilnahme abspulten, bedient von jenen, die es gut meinten und im Grunde Teil eines größeren, DES Problems sind.

Nie wieder vs. die ganze Zeit

Für viele schien unfassbar, was in Halle passiert ist. Unvorstellbar. Das waren die Formulierungen. Eine Person, mit der ich befreundet bin, eine Person, die in einem Land mit Terror und Krieg aufgewachsen ist, schrieb mir, dass ich mich melden könne, weil sie unglücklicherweise Expert*in für solche Situationen sei. Ich verrate euch etwas: Jüd*innen, die in Deutschland aufgewachsen sind, sind Expert*innen für diese Situationen, denn nix, was in Halle passiert ist, ist unfassbar oder unvorstellbar. Es passiert die ganze Zeit. Fast wöchentlich werden in Deutschland Synagogen und jüdische Friedhöfe angegriffen, kommt es zu antisemitischen Übergriffen. Auch bewaffneten. Nur fünf Tage vor Halle überwältigte die Polizei einen mit einem Messer bewaffneten Mann, der versuchte, in die Neue Synagoge in Berlin einzudringen.

Es ist auch nicht das erste Mal, dass Sprengsätze auf einen jüdischen Friedhof geworfen werden oder Molotowcocktails auf Synagogen. Freund*innen und Familienmitglieder, die bedroht und angegriffen werden. Alles in Deutschland. Alles vor eurer Nase. Wir wachsen damit auf, sind Expert*innen für die Bedrohungen, aber ihr hört nicht zu. Seid schockiert. Findet alles unfassbar und unvorstellbar, während wir keine andere Möglichkeit haben, als zu fassen und nicht vorstellen müssen, weil es unsere Realität ist.

Ihr ruft „Nie wieder“, während es die ganze Zeit passiert. Ihr schaut nur nicht hin, lauft dran vorbei, könnt es euch leisten, kurz geschockt zu sein und dann in euren eigenen Alltag zurückzukehren, wo man kaum glauben kann, dass Menschen zu so etwas in der Lage sind. Aber es ist da, real und schwebt wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen, bis es zuschlägt. Nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern letzte Woche, heute und wahrscheinlich nächste Woche wieder. Es sind nur nicht eure Köpfe, die rollen.

Wir alle vs. keiner von euch

Und während alle so geschockt sind, werden die ersten Stimmen laut: „Das war ein Angriff gegen uns alle!“ Falsch verstandene Solidarität, das Unkenntlichmachen von Realität. Es war kein Angriff gegen alle. Das zu behaupten, macht die Gefahr unsichtbar, in der sich einige von uns befinden, macht auch die Verantwortung jener unsichtbar, die nicht in Gefahr sind.

Es ist dieser Jesus-Komplex, diese Opferglorifizierung, von allem immer möglichst betroffen sein zu wollen, aber dieser Nazi wollte nicht alle deutschen Bürger*innen töten. Er wollte keine deutschen Bürger*innen töten (auch wenn er es getan hat). Er wollte Jüd*innen und PoCs töten. Und damit ist er nicht allein! Dahinter steht eine Struktur, ein Ungleichheitssystem. Und auch, wenn nicht alle Menschen Waffen bauen und losziehen, um eine Synagoge zu stürmen, tun die wenigsten von euch etwas gegen diese Ungleichheitssysteme, weil sie sie nicht spüren, weil sich diese Systeme nicht gegen sie richten, weil sie eben nicht gemeint sind.

Es war kein Angriff aus einem luftleeren Raum heraus. Der Raum ist gefüllt mit Rassismus und Antisemitismus. Und wie Schwermetalle treibt dieser Antisemitismus leider auch in den Adern jener, die glauben, sie gehören zu den guten, weil sie Müll trennen. Nur wer zu verklärt, unfassbar privilegiert, absolut selbstbezogen und zu gut eingebettet in Dominanzkultur ist, kann glauben, es sei solidarisch zu behaupten, wir wären alle gemeint gewesen. Wer realistisch, kritisch und ehrlich solidarisch sein will, steht jenen bei, die tatsächlich gemeint sind: Jüd*innen und PoCs – statt sich um sich selbst zu drehen. Denn von euch soll keine*r getötet werden. Ihr steht nicht auf den Abschusslisten.

#NotAllGermans vs. eine ganze verdammte Gesellschaft

Und wie nicht anders zu erwarten war, fingen wc-Deutsche nach Halle auch sehr schnell an, „Nicht alle Deutschen #NotAllGermans!!!“ zu rufen, wenn sie das Gefühl hatten, sie kämen bei der Strukturkritik von Jüd*innen und PoCs nicht gut genug weg. An erster Stelle steht nämlich dann doch immer die eigene Ehre und nicht die Selbstkritik.

Und wir mussten Strukturkritik üben und müssen es noch, auch wenn sie niemand hören will, denn die (Sozialen) Medien sind voll von Zeugnissen, die deutlich machen, dass es kein Bewusstsein für die eigene Rolle in dem Geschehenen gibt. Dass Antisemitismus nicht als Gesellschaftsproblem und Alltagsphänomen verstanden wird. Dass es etwas mit uns allen zu tun hat. „Wie gut, dass sich der Großteil unserer Gesellschaft von solchen steinzeitlichen Gedanken gelöst hat“ – solche und ähnliche Sätze waren zu lesen, nachdem die Ideen und Motive vom Attentäter von Halle und Zitate seiner Mutter öffentlich wurden.

Aber genauso wenig, wie der Attentäter ein Einzeltäter war, ist die Mehrheit der Gesellschaft befreit von antisemitischem Gedankengut. Antisemitisch ist nicht nur die brennende Synagoge. Es sind Bilder, Motive, Fragen, Annahmen, Gedanken, Assoziationen, Verbindungen, Zusammenhänge, Worte, Begriffe, Selbstverständlichkeiten in deinem Kopf, derer du dir nicht bewusst bist, doch sie sind da, glaube mir.

Wer glaubt, ein Großteil der Gesellschaft hätte antisemitisches Denken überwunden, wer glaubt, Antisemitismus als Gesellschaftsproblem sei ein Relikt vergangener Zeiten, wer ernsthaft glaubt, deutsches Kulturgut wäre nicht so gut tradiert, dass es in tausend Dingen ungesehen weiter wächst, wer behauptet, er hätte in seinem Leben nicht schon etliche Male antisemitische Dinge gesagt und reproduziert, der trägt vielleicht keine Waffe, aber trägt dazu bei, dass diese Gesellschaft gefährlich für uns bleibt.

Aber statt das zu sehen und zu hören, statt UNS zu sehen und zu hören, statt anzuerkennen, dass Antisemitismus in seiner Extremstform Nährboden bekommt durch eine Gesellschaft und Individuen, die nicht bereit sind anzuerkennen, dass wir ein flächendeckendes Problem haben, warfen alle die Hände in die Luft und riefen, „Ich nicht!“, „Nicht alle Deutschen!“, „Ihr könnt nicht alle über einen Kamm scheren!“, „‚Die Deutschen‘ zu sagen ist im Grunde das Gleiche, was mit euch gemacht wird“, „Wir versuchen, euch zu unterstützen, und ihr verallgemeinert uns“, „#NotAllGermans“!

Und deswegen: Doch, diese ganze verdammte Gesellschaft! All fucking Germans sind mitverantwortlich für das, was passiert ist! 

Mitbürger*innen vs. Bürger*innen

Wenn dann alle ganz unfassbar entsetzt über das unglaubliche Geschehen waren, das uns alle gemeint hat, aber für das nicht alle Deutschen verantwortlich sind, dann ist das der perfekte Zeitpunkt, um am Ende das zu tun, was wc-Deutsche am besten können, sprachlich noch mal fix zu exkludieren und doch noch mal kurz zu verstehen geben, wer hier EIGENTLICH das deutsche Volk ist. „Wer unsere jüdischen Mitbürger angreift, greift uns alle an“ oder so ähnlich.

Ich weiß nicht, ob es euch schon aufgefallen ist, aber uns schon und zwar vor Langem: MITbürger*innen heißt es immer nur, wenn es um die Add-ons zur „Normalbevölkerung“ geht. Fein säuberlich sprachlich getrennt und separiert.

Es sind die deutschen Bürger*innen, aber die jüdischen/muslimischen MITbürger*innen. Sprachlich getrennt vom restlichen Volkskörper. Selbst im Schock, selbst im Versuch, die Gemeinschaft zu mimen, will es nicht gelingen, weil da sind die Deutschen und da sind wir – die Zusätzlichen. Die Anderen. Mit Glück, in diesen Stunden: die Tolerierten.

Und dann immer diese Possessivpronomen. Wir sind EURE jüdischen MITbürger*innen. In den Besitzansprüchen gegenüber Jüd*innen waren Deutsche schon immer sehr klar. Es ist absurd, Gemeinschaft performen zu wollen und dabei auf Formeln zurückzugreifen, die zu Recht schon so lange wegen Othering in der Kritik stehen, meine lieben deutschen Mitbürger*innen.

Ihr bekommt nicht mit, was ihr tut, und das ist ein Problem. Denn nicht nur der versuchte Massenmord von Halle ist erschreckender Ausdruck dessen, was falsch in unserer Gesellschaft läuft, sondern leider auch 95 Prozent der Reaktionen auf das Attentat.

Vor allem, weil ihr glaubt, sie seien einfühlsam und solidarisch, und ihr nur pikiert reagiert, wenn wir euch sagen, sie sind es nicht und das Problem ist ihnen inhärent. Ihr glaubt, „gut gemeint“ reicht. Erwartet, dass eure Intension mehr wiegt als der Fakt, dass ihr mit euren geliebten Phrasen das Problem verschärft, multipliziert, potenziert, und seht dabei nicht, dass wir schon vor Halle wund waren, Halle eine weitere, tiefe, klaffende Wunde in unser Fleisch gerissen hat, und ihr mit euren „Unfassbar“ und „Wir alle“ und „NotAllGermans“ und „Mitbürger“ auch noch Säure hineingießt und mit eurer Abwehr mit Salz garniert.

Halle wird zu einem Wikipedia-Eintrag verrauchen und ihr werdet nix gelernt haben, es wird sich nichts verändern. Die Realität wird nicht weniger bedrohlich für uns Jüd*innen, eher im Gegenteil. Ihr werdet davon weiterhin nichts mitbekommen (wollen) und damit die Gefahr befeuern und dann bei der nächsten unübersehbaren Eskalation (dazwischen wird es viele gegeben haben) wieder überrascht mit erhobenen Händen eure Floskeln in den Raum blasen, um gegenseitig eure Gemüter zu beruhigen, bis auch davon nur ein Wikipedia-Artikel bleibt.

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October 31 2019

13:42

Besser leben mit schlauen Raben

Ich erinnere mich sehr genau an einen Tag im Juli 1986, an dem im Fernsehen die Hochzeit von Prinz Andrew (ja, dem Epstein-Kumpel) und Sarah Ferguson übertragen wurde. Das war in dem kleinen Ort, in dem ich lebte, eine ganz große Sache.

„Seit ich klein bin, waren die einzigen Märchenfiguren, die ich fesselnd fand, Hexen.“ © Julia Kluge

Wie jede andere Durchschnittsfamilie saßen wir an diesem Tag vor dem Fernseher und sahen uns das Spektakel an. Ich langweilte mich zu Tode. Sarah Ferguson war einigermaßen interessant, vor allem ihre roten Haare und ihr Kleid, aber die ganze Hochzeitszeremonie fand ich sinnlos.

Ich verstand erwachsene Frauen nicht. Wozu einen langweiligen Mann heiraten, wenn man doch ein viel besseres und lustigeres Leben führen könnte? Ich kratzte mich am Kopf, auf dem meine zerzauste Lockenmatte verweilte, und schwor mir: „Ich werde niemals heiraten, ich will alleine wohnen, wenn ich groß bin.“ Ich wollte keine Prinzessin werden. Ich wollte lieber eine Hexe sein

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Seit ich klein bin, waren die einzigen Märchenfiguren, die ich fesselnd fand, Hexen: Frauen, die alleinstehend waren, die keine drögen Ehemänner im Nacken hatten, sondern süße Katzen und schlaue Raben, und die auch noch zaubern konnten.

Hexen sind für mich heute der Archetyp unabhängiger Frauen, die sich heterosexistischen Rollenmustern entziehen, sich stattdessen auf ihre eigene Persönlichkeit konzentrieren und leben, wie sie wollen.

Als ich älter wurde, erfuhr ich, dass „Hexen“ auch tatsächlich existiert hatten – nämlich als Frauen und durchaus in Einzelfällen auch als Männer, die im Mittelalter der Hexerei beschuldigt und umgebracht wurden.

Da ich in Nordrhein-Westfalen in einer ehemaligen „Hexen“-Hochburg aufwuchs, wurden wir oft im Schulunterricht auf die unrühmliche Geschichte unserer Stadt aufmerksam gemacht – ich lebte quasi im Salem Deutschlands.

Von nun an war ich nicht mehr nur fasziniert von Hexen, ich fühlte mich ihnen regelrecht verpflichtet, lieh Bücher aus der Bücherei aus, die sich mit unserer Stadtgeschichte auseinandersetzten, und schrieb Referate über Hexen für meine Schreibtischschublade. Wer weiß, am Ende waren es vielleicht sogar die Hexen, die mich zur Autorin machten.

Ich kam in die Pubertät und durchlief wie in einem Ritus typische Stationen des Lebens junger Teenagerinnen der 1990er-Jahre: Ich spielte „Gläserrücken“ mit meinen Freundinnen. Wir besorgten uns Sorgenpüppchen, denen wir unser Elend erzählten, und legten sie nachts unter unsere Kopfkissen. Wir schauten Filme, die Jungs scheiße fanden: „Der Hexenclub“ und „Hexenjagd“. Wir hörten Musik von Tori Amos und Kate Bush. Wir trugen schwarz und Totenkopfringe an den Händen.

Wir versuchten zwar nicht zu zaubern, aber wir versuchten zu überleben, und irgendwie gelang es uns auch. Wir liebten Hexen vor allem wegen ihres Muts zu leben, wie sie wollten. Und ich glaube, das ist die feministischste Botschaft, die ich als junger Mensch erhalten habe.

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October 30 2019

12:48

Feuchte Zeiten

Protokoll: Vina Yun

In den 1980er-Jahren habe ich mich als Schülerin im Anti-Aids-Aktivismus engagiert. Damals haben wir in Bonn einen Skandal ausgelöst, weil wir mit unserer Schülerzeitung Kondome an unter 18-Jährige verteilten. Ich hab deswegen fast mein Abi nicht machen dürfen. Zu dieser Zeit, 1987, fand auch die von Alice Schwarzer initiierte „PorNO“- Kampagne statt. Als Feministin hab ich natürlich die „Emma“ gelesen. Ich kann mich erinnern, dass ich sogar diesen „PorNO“-Aufkleber auf meinem Ranzen hatte.

Dossier Missy 05/19Licia Fertz © Giulia Selvaggini

Im gleichen Jahr war ich dann bei einer Podiumsdiskussion im Hochhaus Tulpenfeld in Bonn bei den Grünen mit Claudia Gehrke, der Gründerin des konkursbuch-Verlags. Dort stellte sie erotische Bilder von Frauen aus und sprach über Pornografie, nämlich auch als Möglichkeit, Bilder zu schaffen für ein weibliches Begehren. Ich saß da und dachte mir: „Die hat die wesentlich besseren Argumente“, und hab dann den „PorNO“-Aufkleber nochwährend der Veranstaltung von meinem Ranzen abgefusselt.

Ich studierte u. a. Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte, für mich war erotische Kunst in der Kunstgeschichte ein Schwerpunkt. Nach meinem Studium eröffnete ich 2001 mit meiner damaligen Partnerin Sophie Hack die Buchhandlung Lustwandel in Berlin-Prenzlauer Berg. Eine Buchhandlung für erotische Kunst und Literatur zu machen für alle Leidenschaften und Identitäten, also gewissermaßen eine pansexuelle Buchhandlung, wie wir uns damals schon nannten, war mir ein ganz großes Anliegen, weil ich mir meine Bücher – das war noch vor dem Internetzeitalter – immer sehr mühsam zusammensuchen musste. Zu dem Zeitpunkt gab es noch sehr viele Lesben-Sexshops, Frauen- Sexshops, es wurden noch sehr viele Bücher gelesen. Mir fehlte auch die positive Repräsentanz von Devianz, noch bevor das alles „queer“ hieß. Der Grund für die Schließung des Buchladens 2008 hatte viel mit Strukturwandel zu tun und mit Gentrifikation. Und natürlich auch mit Amazon, ganz klar.

Lustwandel war mehr als eine Buchhandlung:

Wir haben Lesungen und Workshops veranstaltet, wir hatten in einem Raum Haken in der Decke extra für Shibari, also Japan-Bondage, Fetish Diva Midori aus San Francisco hat dort mehrere Performances gemacht. Deborah Sandaal, Pionierin der weiblichen Ejakulation, war bei uns, ebenso Tristan Taormino und viele von den Sex Educators aus den USA, mit denen ich bis heute befreundet bin. Das war für acht Jahre ein wunderbarer Experimentierraum, in dem die unterschiedlichsten Menschen zusammenkamen. Es waren auch sehr viele heterosexuelle Menschen da, die keinen Bock hatten auf das, was ihnen sonst so geboten wurde, dieses Witzig-Frivole und was ich „Tuttifrutti“-Syndrom nenne. Viele waren begeisterte Swinger – heute würden sie sich „poly“ nennen –, die sich aber auch sehr viel mit ihrer Identität als Swinger auseinandersetzten. War ’ne wilde Zeit, war ’ne gute Zeit. Dann war irgendwann Schluss, wie halt einfach mal beizeiten Schluss ist. Wir sagten uns: Bevor wir den Spaß an allem verlieren, hören wir lieber auf. Es war ja immer noch ein Unternehmen und keine Freizeit für uns.

Der Name der Buchhandlung wurde von der radikalfeministischen Zeitschrift der 1990er-Jahre, „Ihrsinn“, inspiriert, genauer: von einer ziemlich sex- und devianzfeindlichen Sonderausgabe mit dem Titel „Lustwandel“. Das war 1993. Ich schrieb einen wütenden Leser*innenbrief und meinte, das ginge gar nicht, also diese Haltung gegen Sexarbeit, die Gleichsetzung von BDSM und Faschismus. Es waren schon auch viele interessante Sachen mit dabei, und ja, man muss auch über Gewalt reden, aber die Art und Weise, dieser ganze Tenor, da wandelte keine Lust, nirgendwo in diesem Heft. Die Auseinandersetzung, dieses Sich-Abarbeiten an dieser Sexfeindlichkeit hat gewissermaßen die Buchhandlung geboren. Ich habe mich durch alles gelesen, Pat Califia, Amber Hollibaugh, Susie Bright, Carol Queen, es gab so viel. Ich dachte, das müssten wir doch auch irgendwie hinkriegen. Sophie Hack hatte vor „Lustwandel“ im Querverlag die Anthologie „SEXperimente“ he- rausgegeben. Darin schrieben Lesben Schwulenpornos und Schwule Lesbenpornos, ich war da auch mit einem Text vertreten.

Damals gab es auch noch das US-amerikanische Magazin „On Our Backs“, ein Sexmagazin für Lesben, herausgegeben von Deborah Sundahl, Susie Bright und Tristan Taormino. Wir dachten, so etwas Ähnliches hätten wir auch gerne auf Deutsch. Und das nennen wir dann nicht „erotische Literatur“, so ganz verklemmt, sondern tatsächlich „Sexgeschichten“. Sophie Hack und ich hatten 2000 die Buchreihe „Bisse und Küsse“ begonnen, ebenfalls im Querverlag, wir gestalteten außerdem die zweite Ausgabe des Jahrbuchs „Mein lesbisches Auge“, zusammen mit Regina Nössler und Laura Méritt. All das war sozusagen der Vorlauf zu Lustwandel.

Der Antrieb war natürlich auch, dass ich das Gefühl hatte, keinen Raum zu haben in der vorherrschenden, sehr übermächtigen Negativdarstellung von Sexualität. Was mir fehlte, war zudem eine Diskussion darüber, wie die Unsichtbarkeit lesbischer Sexualitäten innerhalb der Pornodebatte gelöst werden konnte. Nicht umsonst gründeten die lesbischen Sex Radicals in den USA Pornoblätter, drehten Pornos und schufen so einen sehr großen Bilderkanon devianter Sexualitäten, das ging viel mit Dildos, mit Leder, mit Selbstaneignung und Transformation von Gewalt. Deswegen war die BDSM-Szene auch sehr groß und sehr sichtbar und produzierte auch unglaublich viel Theoretisches. Gayle Rubin beispielsweise ist quasi eine Mitmutter von Judith Butlers „Gender Trouble“. Patrick Califia und andere haben sehr viel für die Selbstaneignung von Körpern getan und nicht wenige aus dieser Generation sind ja auch in die Transition gegangen. Eben aus diesen Logiken heraus – nicht entlang einer Essenzialisierung à la „Ich war schon immer so“, sondern „Ich mache mich mit meinem Körper zu dem, was ich sein will“.

An die Sex Radicals von damals erinnert man sich heute viel zu wenig. Gerade lese ich wieder „My Dangerous Desires: A Queer Girl Dreaming Her Way Home“ von Amber Hollibaugh, ein großartiges, sehr intersektional denkendes Buch über Sexarbeit, darüber, eine Minderheit in der Minderheit zu sein, Hollibaugh ist US-amerikanische Roma. Es sind Gesprächsprotokolle mit Gayle Rubin und Jewelle Gomez, es geht viel ums Of-Color-Sein, um Klassismus, Sexarbeit und die Rolle von lesbischen Aktivistinnen in der AIDS-Pandemie. Das hat mich an den Sexdiskursen in den 1990ern und frühen 2000ern immer sehr begeistert. Viele dieser Aktivist*innen sind heute verarmt, das muss man auch sagen. Es ist nicht so, dass die jetzt alle Professuren haben. Die sind in einem Alter, wo sie nicht mehr gelesen werden, nicht mehr gewertschätzt werden, obwohl sie so viel geleistet haben.

Sehr häufig, wenn ich z. B. queere Blogs zu Sexualität lese, hab ich das Gefühl, dass das Rad neu erfunden wird. Nein, poly habt ihr nicht erfunden – Mehrfachbeziehungen zu leben, ist in bestimmten, heute so verbuhten Second-Wave-Zusammenhängen etwas völlig Normalisiertes gewesen. Diese Befreiungen aus gesellschaftlichen Zwängen hat es immer gegeben, weil es diesen Raum gegeben hat zur Selbsterfindung. Also nicht: Ich muss so sein wie ein bestimmtes Bild, sondern: Ich weiß nicht, was ich machen soll, also experimentier ich mal rum und irgendwo komm ich schon raus. Diese Fehlertoleranz, die hat sich verändert. Ich glaube, Carolyn Gammon aus Berlin hatte in den 1990ern ein Gedicht geschrieben, das hieß „Bad Lesbian Sex“. Die Toleranz zu sagen, ja, es kann auch mal richtig scheiße sein, aber alles ist Erfahrung, die hat abgenommen. Heute muss alles immer sicher, sicher, sicher sein. Aber an Scheiße kommste nicht vorbei im Leben, vor allem nicht, wenn man Sex haben möchte. Das sag ich jetzt mal mit meinen fünfzig Jahren.

In den 1990ern ist auch noch was anderes passiert: Lesben wollten wieder Frauen sein. Das lief über die Homoehe und Mutterschaft, über Akzeptanz in der Mehrheitsgesellschaft, daher mussten Lesben wieder in diese Strukturkategorie „Frau“ rein. Ich sage: Die Homoehe hat lesbische Sexualität organisiert und monogamisiert. Sex war ein revolutionärer Hebel, die Homoehe hat das plattgemacht. Was verloren gegangen ist, ist dieses große Gedankenfeld, das die französische Schriftstellerin Monique Wittig aufgemacht hat. Sie sagte, Lesben sind keine Frauen, wir verzichten auf diese Strukturkategorie, die ja nur ein Spiegel vom Mann ist, und dann gucken wir mal, was wir damit machen können. Wir sind keine „homosexuellen Frauen“, wir verweigern das – das ist unsere Utopie in der Dystopie sozusagen. Es geht also nicht darum, dass „queer“ die bessere Lesbe ist, sondern wie queer „Lesbe“ eigentlich ist. Wenn ich mit einem trans Mann zusammen bin, bedeutet es eben nicht, dass ich zwangsläufig meinen lesbischen Mitgliedsausweis abgeben muss. Mein Kampf um Sichtbarkeit wird sich verändern, weil die Gesellschaft versuchen wird, mich zu heterosexualisieren und uns nicht mehr als Lesben*paar zu lesen. Genauso wie ein trans Mann nicht seinen lesbischen Mitgliedsausweis abgeben muss – außer er will. Sechs gute Freunde von mir waren früher mal Freund*innen. Drei von ihnen bezeichnen sich immer noch als Lesben. Bin ich fein mit. Ich zitiere da gerne die Queertheoretikerin Christine M. Klapeer, die sagt: Es ist genug Lesbe für alle da.

Ich habe das Glück gehabt, in einem lesbischen Umfeld zu sein – eigentlich hat sich in meinen Kreisen niemand als „hetero“, „homo“ oder „bi“ kategorisiert –, wo auch nicht alle cis waren. In den 1990ern ging es eher um politische Heimaten als das, was in der Horizontalen passierte, da passierte schon auch sehr viel. Die hitzigen Debatten über die Exklusionen von trans Menschen unter älteren Lesben, wie wir sie heute erleben, verwirren mich ein bisschen, weil das nie meine Realität war. Es waren auch immer Ältere in diesen Neunzigerjahre- Zusammenhängen dabei, dieses Leben in der Minderheit vor Internet bedeutete auch, dass sich die Generationen stärker vermischt haben. Ich persönlich hatte daher immer den Eindruck: Je älter du wirst, desto besser wirst du, in allem. Weil es darum ging, Erfahrungen zu sammeln. Ich hatte nie Angst vorm Alter, das kommt mir jetzt zugute.

Was es damals natürlich nicht gab, war das Internet. Es hat zu einer stärkeren Ausdifferenzierung von Looks beigetragen, würde ich sagen, aber auch die Codes haben sich verändert. Was sich auch geändert hat, ist das Dating-Verhalten: Sich zufällig in einer Bar kennenzulernen und sich sympathisch zu finden, passiert heute kaum mehr. Heute verwenden die meisten Dating-Apps, sie gehen ins Internet mit quasi einem Peilsender, was ich wahnsinnig unsportlich finde. Also dass ich mir die Sexpartner*innen nach einer Shoppingliste zusammenstelle. Ich habe das Gefühl, ich bringe mich da um neue Erfahrungen. Manchmal weiß ich, was ich haben will, manchmal denke ich, ich weiß es bis heute nicht. Eine Zeit lang dachten Lesben, sie müssten so werden wie die Schwulen– nee! Ich hab da keinen Neid. Lesbischsein und lesbische Sexualität sind immer auch Räume gewesen, in denen vieles möglich ist, die ich mir selbst gestalten kann. Ich möchte nicht werden wie jemand anderes, sondern gucken, was denn in meinem Raum alles geht.

Das neue Dating-Verhalten hat mit dazu geführt, dass sehr viele der schwulen und lesbischen Bars eingegangen sind. Die LGBT-Bewegung war lange eine Ehrenamtsbewegung, und man ist da auch hingegangen, um potenzielle Sexpartner*innen, Geliebte, Freund*innen etc. zu finden. Diese Grundmotivation ist heute weg. Es gibt auch eine, würde ich sagen, Entpolitisierung des Begehrens. Weibliche Sexualität ist deshalb ein so umkämpftes Terrain, weil es immer darum geht, wem der weibliche Körper gehört, wer Zugriff auf ihn hat. Natürlich geht es dabei auch um potenzielle Mutterschaft. Aus dieser Perspektive maßen sich Lesben an, das völlig ohne Männer komplett selbst zu bestimmen. Ich glaube, lesbischer Sex ist der deutlichste Beweis für eine Unabhängigkeit, für eine Inbesitznahme des Körpers, über den Staat und Gesellschaft zu verfügen meinen. Nicht umsonst ist „Lesbe“ ein Pornobegriff – wenn ich „Lesbe“ eingebe in Google, stoße ich auf so viele Pornoseiten für Heteros! Eine lesbische Selbstfindung wird so verunmöglicht, ebenso wie das Aufbauen eines Kanons eigener Bilder. Ich weiß als Kind schon, wie ein heterosexueller Kuss aussieht, bei einem lesbischen weiß ich das nicht. Bilder von Sex sind auch unglaublich wichtig für die eigene Subjektivierung. Aber um es mit Annie Sprinkle zu sagen: „Die einzige Antwort auf schlechten Porno ist guter Porno.“

Was ich über „Lesbian Bed Death“ (LBD) denke? Da krieg ich so- fort Bluthochdruck, wenn ich das höre! Das ist ein furchtbarer Mythos, der dem Selbstempfinden des Defizitären entwächst. Es gibt keinen „Schwulen Bed Death“. Lesbische Sexualität imitiert ja angeblich immer etwas – dann kommt das furchtbare Wort „Hilfsmittel“, da könnt ich die Palme hochgehen! – und gilt als defizitär. Können wir bitte noch mal über Technologie und Sexualität als Kulturtechnik reden? Keine Sau findet was dran, dass ich eine Brille trage – aber man hat ein verdammtes Problem mit einem Dildo.

Jede Langzeitbeziehung, heterosexuelle und schwule eingeschlossen, hat selbstverständlich Phasen, in denen andere Dinge im Vordergrund stehen. Zu Beginn findet jede Beziehung über ganz viel Sex zusammen; dass das nicht zu halten ist – die meisten wären sonst arbeitslos! –, hat einfach mit der Realität zu tun. Viele werden Eltern, haben ein anstrengendes Berufsleben voller Umbrüche etc., da vergeht einem schon mal der Sex. An die Stelle treten dann oft andere Handlungen, die Verbindung schaffen. Es geht nicht einfach nur um Sex, sondern darum, Erfahrungen zu schaffen, aus zwei (oder mehreren) Personen ein Uns zu machen, dafür reicht Sex alleine nicht. Sex wird zum einen zu wichtig genommen, zum anderen wird er als Praktik überfrachtet: Es muss immer das tollste, beste Erlebnis sein. Dieser ganze Mythos um LBD transportiert Selbsthass, Selbstzweifel und einen unglaublichen Mangel an Sichtbarkeit an unterschiedlichen lesbischen Sexualitäten. Weil: Den lesbischen Sex gibt es nicht.

Stephanie Kuhnen, Jahrgang 1969, ist seit Mitte der 1990er als Journalistin und Autorin in Berlin tätig. 
Ihr erstes Buch „Butch / Femme. Eine erotische Kultur“ erschien 1997. Zuletzt gab sie die Anthologie „Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit“ im Querverlag heraus.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 05/19.

 

 

 

 

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October 29 2019

15:12

„Ich versuche mit meiner Musik, ein Wagnis einzugehen“

Von Agnieszka Habraschka

Über Sitarzupfen und Ambient spannt die südasiatisch-amerikanische Sängerin, Sitaristin und Produzentin Amrita „Ami“ Kaur Dang einen experimentellen Soundteppich. Auf ihrem dritten und aktuellen Album „Parted Plains“ verzichtet sie auf Gesang und rückt die Sitar in den Mittelpunkt, die sich wie eine folkloristische Erzählerin auf ihre beatgetriebene Elektronikpalette legt. Kein Wunder, dass sich Dang von ihrem Publikum wünscht, ihre Musik sitzend und körperlich zu erfahren. Für das DICE Conference + Festival 2019 kommt sie am 01. November nach Berlin. Mit Missy sprach sie über ihren einzigartigen Sound, ihre Karriere und das Festivalthema „Overtime“.

 

Im Pop ist die Sitar ein seltenes Instrument. Woher kommt dein Interesse?
Es gibt so viel Folklore, klassische Musik und Instrumente, die in Vergessenheit geraten sind, weil wir alle mehr am künstlerischen Schaffen aus dem Globalen Norden interessiert sind. Wir können aber traditionelle Instrumente und seltene Sprachen nutzen und sie mit zukunftsweisenden Techniken kombinieren, um neue künstlerische Traditionen zu schaffen. Ich versuche mit meiner Musik, ein Wagnis einzugehen, indem ich die Sitar und meine Stimme vermische.

Deine Musik wirkt sehr eindringlich. Welche Rolle spielt das physische Erlebnis?
Ich mag es, wenn sich Menschen hinsetzen oder auf den Boden legen und den Klang körperlich erleben. Da ich im Sitzen auftrete, hilft es, wenn das Publikum ebenso sitzt, damit es mich sehen kann. Die Menschen genießen die Aufführung nicht nur mehr, weil sie mich mit der Sitar sehen können, sondern auch weil sie die Musik in ihrem Körper mehr spüren. Ich denke, es hat etwas damit zu tun, dass sich unser physisches Selbst im Raum widerspiegelt – ich kann mit allen auf der gleichen Ebene interagieren.

Welche Rolle spielen Kollaborationen in deinem Leben?
Wenn ich mit anderen zusammenarbeite, verstehe ich mich als Künstlerin besser, lerne neue Techniken und finde heraus, was mir gefällt. Zusammenarbeit kann sehr inspirierend und hilfreich sein, wenn die Arbeit alleine schleppend verläuft. Ich habe ein anderes Projekt namens Raw Silk mit der Cellistin Alexa Richardson und dann arbeite ich mit meinem Partner noch an einem Goth-Folk-Album, das aus Sitar, Bass und Harmonium besteht. Zurzeit konzentriere ich mich aber auf meine Soloarbeit und bin viel auf Tournee.

Wie würde dein perfekter Job und Zeitplan aussehen?
Ich mache bereits vieles, was ich liebe. Wobei ich gerne die Möglichkeit hätte, länger am selben Ort zu bleiben und innerhalb meiner Shows mehr zu improvisieren. Auf Tour bleibt insgesamt nicht viel Raum für Kreativität. In meinem perfekten Job gäbe es eine*n Manager*in, der*die dafür sorgt, dass ich Zeit im Studio verbringe,der*die und sich wöchentlich mit mir berät, Ziele definiert und sicherstellt, dass ich sie erreiche. Mir fällt es schwer, alle Ideen, die ich habe, zu verwirklichen. Ich prokrastiniere viel.

Wie hat sich „Overtime“ auf dich ausgewirkt?
Wenn ich unterwegs bin, arbeite ich immer noch freiberuflich an verschiedenen Projekten im Bereich Business Development und Fördermittelakquise. Ich fühle einen enormen Druck, ständig neue Arbeiten zu produzieren, eine herausragende Social-Media-Präsenz zu haben, auf alle meine E-Mails zu antworten und Selbstmarketing zu betreiben, ganz zu schweigen von meiner Buchhaltung und Steuererklärung. Wenn du versuchst, eine Karriere aus deinem Hobby zu machen, musst du es wie ein Geschäft behandeln. Das künstlerische Schaffen ist oft unbezahlt oder unterbezahlt, so dass ich immer andere Wege finden muss, Geld zu verdienen. Das bedeutet lange Arbeitszeiten.

Welche Einfluss hat „Overtime“ auf dein künstlerisches Schaffen?
Die langen Arbeitszeiten, die administrativen und marketingbezogenen Tätigkeiten verkürzen die Zeiträume für kreatives Arbeiten. Als ich noch Vollzeit gearbeitet habe, war es schwer, nach der Arbeit nach Hause zu kommen und Musik zu machen. So habe ich aus der Not eine Tugend gemacht. Ich habe bereits in den Übungssessions ziemlich schnell elektronische Musik produziert und meine Übungen mit der Sitar aufgenommen. Für mich war es wichtig zu erkennen, dass ich auch in kurzer Zeit künstlerisch produzieren kann. Ich musste mir nur Regeln und Grenzen setzen.

Wie fühlt es sich für dich an, Jobs abzulehnen?
Anfangs fühlte ich mich schlecht und schuldig, wenn ich Nein sagte, aber ich brauche Zeit für meine psychische Gesundheit, da ich Depressionen habe. Niemand wird sich gut fühlen, wenn das Projekt für mich langweilig ist oder wenn ich nicht genug Zeit habe, gute Arbeit zu leisten. Als die Freer & Sackler Galleries des Smithsonian Museum eine Nacht zum Feiern südasiatischer Performances veranstalteten, baten sie mich, ohne Gage aufzutreten. Es hätte mich Geld gekostet, dorthin zu fahren. Ich fragte mich immer wieder, ob ich zusagen hätte sollen. Dabei handelt es sich um eine große Institution mit finanziellem Back-up, die hätten sicherlich hundert Dollar auftreiben können.

 Wie pflegst du persönliche Beziehungen, wenn du Überstunden machst?
Meine Beziehungen zu Menschen, die nicht verstehen, was es heißt, ein*e Künstler*in zu sein, driften oft auseinander – nicht absichtlich, sondern weil sie nicht wissen, wie man diese Beziehungen managt. Das lässt meine engen Freund*innen wirklich herausstechen. Ich schätze sie und versuche sicherzustellen, dass wir die wenige Zeit, die wir zusammen haben, wirklich nutzen.

Wie stellst du sicher, dass du Zeit für dich selbst hast?
Ich fing an, auf Tour ins Fitnessstudio zu gehen, zu wandern und Zeit in der Natur zu verbringen. Ich versuche, mit Freund*innen am Telefon zu sprechen. Ich schlafe viel, manchmal zu viel. Ich werde keine Kinder bekommen, weil ich nicht glaube, dass ich in der Lage wäre, Kinder erfolgreich großzuziehen und auch mir selbst treu zu sein und mir die Zeit zu geben, die ich brauche.

Was bedeutet für dich Community?
Gemeinschaft kann u. a. virtuell sein: Ich bin Teil einer E-Mail-Liste aus FLTI- und PoC-Künstlerinnen und in einer ähnlichen Facebook-Gruppe. Wir haben alle ähnliche Probleme. Ich wünschte, ich hätte auch eine Community aus experimentell-zeitgenössischen südasiatisch-amerikanischen Künstler*innen.

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10:42

„Ich bin mit Nachrichten aufgewachsen von Kurd*innen, die getötet wurden, weil sie Kurdisch sprachen“

Von Sibel Schick

Ich habe lange überlegt, ob ich Cigdem Topraks Kommentar in der „Welt“ vom 17. Oktober antworte. U. a. hat sie in ihrem Artikel geschrieben, dass es in der Türkei keinen Rassismus gegen Kurd*innen gebe. Diese Aussage versuchte sie mit Beispielen aus dem Militär zu beweisen und anhand des kurdischen Sängers Ahmet Kaya. Ich habe so viel dazu zu sagen. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich glaube, ich fange am besten mit den Schuljahren an.

© Tine Fetz

In jeder Schule in der Türkei hängen vier Bilderrahmen in jedem Klassenzimmer, oft über der Tafel, sodass die Schüler*innen sie durchgehend sehen müssen. In diesen Rahmen finden sich jeweils der Text der Nationalhymne, ein Bild von Atatürk, die türkische Fahne und ein Ausschnitt einer von Atatürks berühmten Reden, in dem er sich an die „türkische“ Jugend wendet und sie auf ihre patriotischen Pflichten hinweist.

1997 wurden Grund- und Mittelschule zusammengeführt, türkische Schulen bestehen seitdem aus acht Stufen. Jeden Morgen bevor der Schultag begann, sammelten sich früher alle Schüler*innen am Schulhof, stellten sich zum Appell und schwuren einen Eid, der mit „Ich bin Türke – ich bin aufrichtig“ begann und mit „Sei meine Existenz ein Geschenk ans Vaterland“ endete. Jeden Morgen, fünf Mal die Woche, acht Jahre lang also starteten alle Schüler*innen in der Türkei ihren Schultag mit dem Satz „Ich bin Türke“ – egal, ob sie Türk*innen waren oder nicht. Jeden Morgen schwuren sie einen Eid, ihre Existenz dem Vaterland zu widmen. Bis diese Praxis 2013 abgeschafft wurde.

Jedes Jahr 190 Mal. Acht Jahre lang. Insgesamt 1520 Mal wiederholen sie es.

1520 Mal mussten kurdische, armenische, griechische und andere Schüler*innen in der Türkei am Schulhof darauf schwören, „Türken“ und aufrichtig, zu sein. Auch jene Schüler*innen, die später in Topraks Text als stolze Teile des diversen türkischen Militärs auftauchen. Diese sind aber erst kurdisch, armenisch oder griechisch, wenn sie sich bei ihrer Ankunft bei der Armee überhaupt noch daran erinnern können, wer sie sind. Wenn ihre Identität noch nicht ausgelöscht wurde. Denn es bleibt nicht bei dem morgendlichen Eid in der Schule. In den 1990er-Jahren tauchte das Wort „Kurden“ im Lehrplan nicht einmal auf.

Die Fernsehnachrichten zeigten tagtäglich Soldatenbeerdigungen, auf denen weinende Eltern versuchten, schreiend die Särge ihrer toten Kinder zu umarmen. Mit melancholischer Musik im Hintergrund. Alle Instanzen, alle Institute der Türkei, stützen auf eine türkische Nationalidentität, die alles andere ersetzt und gar erstickt.

Natürlich gibt es auch türkische Soldaten, die freiwillig in die Armee gehen. Das dürfte aber einen kleineren Teil ausmachen. Die Wehrpflicht in der Türkei zu entkommen ist gar nicht so leicht, das können sich in der Regel nur jene leisten, die aus einflussreichen oder wohlhabenden Familien kommen. Z. B. musste Bilal Erdoğan, der Sohn des türkischen Präsidenten, eben nicht in die Armee. Vor und nach ihm mussten das auch nur in seltenen Fällen die Familienmitglieder einflussreicher Politiker*innen.

Wehrpflichtverweigerung aus Gewissensgründen ist nicht möglich. Von Wehrpflicht betroffen sind jene Menschen, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wird. Homosexualität kann unter Umständen von der Wehrpflicht befreien, allerdings nur gegen Begutachtung. Diese müssen dann vor Mediziner*innen intime Fragen beantworten und „beweisen“, dass sie nicht hetero sind. Viele berichten von Misshandlungen bei Untersuchungen und Eingriffen in intime Lebensbereiche. Zudem ist hoffentlich klar, dass es sich dabei nicht um ein Privileg handelt, sondern um einen Ausschluss, weil beim Militär eben nur heterosexuelle Männer willkommen sind.

Die Wehrpflicht zu entkommen kann zudem später im Berufsleben zu Schwierigkeiten führen. Viele Unternehmen möchten keine Männer einstellen, die ihren Wehrdienst noch nicht geleistet haben, weil diese dann irgendwann gehen müssten. Daher gehört bei Männern die Frage, ob die Pflicht schon erfüllt sei, zu den Grundthemen eines Vorstellungsgesprächs. Wenn sie von der Wehrpflicht befreit wurden, können sie damit rechnen, dass sie es den Arbeitgeber*innen begründen müssen. Die Befreiung von der Wehrpflicht kann also zu Zwangsoutings auf Vorstellungsgesprächen führen.

Wer versucht, der Armee zu entkommen, macht sich strafbar und kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren verurteilt werden. Mobbing und rassistische Diskriminierung gehören zu den Grundproblemen der Soldaten. Die Suizidquote unter Soldaten ist 2,5 Mal höher als innerhalb der Zivilbevölkerung. Zwischen 2002–2018 nahmen sich insgesamt 1141 Soldaten das Leben. Das ist höher als die Zahl jener Soldaten, die im selben Zeitraum in bewaffneten Auseinandersetzungen starben (812). Laut eines Berichts sind neunzig Prozent der Soldaten, die Suizid begehen, Kurden.

Der pensionierte Oberst Mustafa Hacımustafaoğulları sagte 2013 in einem Interview mit der türkischen Presse, dass viele Soldatensuizide möglicherweise Morde seien, die als Selbstmord hingestellt werden. Er riet Angehörigen, auf Aufklärung zu bestehen.

Cigdem Toprak spricht von der türkischen Armee so, als wäre sie eine Kita in Prenzlauer Berg. Als gebe es keine Wehrpflicht, als würden reiche und einflussreiche Menschen ihre Söhne überhaupt zum Militär gehen lassen, als seien diese sogenannten Diversitätssoldaten alle freiwillig da, als könnten sie dort ihre ethnische oder sexuelle Identität outen und würden dafür nicht mindestens gemobbt, im schlimmsten Fall sogar ermordet werden.

Die Sprache, oder besser gesagt die Sprachlosigkeit der Kurd*innen in der Türkei, tötet auch. Ich bin mit Nachrichten aufgewachsen von Kurd*innen, die getötet wurden, weil sie Kurdisch sprachen. Wer es googlet, findet unzählige Meldungen dazu, allerdings griff die Autorin Ronya Othmann ein paar der neuesten Fälle in ihrem letzten „taz“-Kommentar auf.

Ich weiß noch genau, wie ich die Zähne zusammenbiss und mir jeden Morgen am Schulhof beim Eidschwören immer wieder sagen musste, dass ich Kurdin bin, um die täglichen Lüge, dass ich Türkin sei, nicht selber glauben zu müssen. Meine junge, alleinerziehende Mutter hat mir kein Kurdisch beigebracht, um mich zu schützen. Ich bin kein Einzelfall, viele kurdische Familien treffen dieselbe Entscheidung. Viele Kurd*innen in der Türkei können heute kein Kurdisch, weil es für sie gefährlich ist.

Toprak versucht ihre Aussagen nicht nur mit willkürlichen sondern auch mit zynischen Beispielen zu belegen, und so erwähnt sie auch Ahmet Kaya als gelungenes Beispiel für ihren inklusiven Nationalismus. Kaya ist gerade jener kurdische Sänger, der aufgrund des Rassismus, den Toprak zu widerlegen versucht, aus der Türkei fliehen und im Exil sterben musste. Er musste fliehen, weil die mediale Hetzkampagne gegen ihn lebensbedrohliche Dimensionen nahm. Grund: Ahmet Kaya sagte 1998 während einer Dankesrede einer Preisverleihung, für sein nächstes Album ein Lied auf Kurdisch aufnehmen zu wollen. Schon während seiner Rede wurde er auf der Stelle attackiert, seine Frau Gülten Kaya konnte gerade einen Lynchversuch entkommen. Das markierte den Start einer medialen Hetzkampagne, die von polizeilichen Untersuchungen begleitet wurde. Wie gefährlich solche Hetzkampagnen sein können, wissen wir spätestens seit dem Mord an Tahir Elçi 2015. Ähnlich wie bei Kaya startete eine mediale Hetzkampagne gegen Elçi, und kurz danach der kurdische Rechtsanwalt vor laufenden Kameras erschossen. Kaya hat zwar das Land verlassen, aber lange lebte er im Exil nicht – viele glauben, dass er an Kummer und Heimweh starb.

Wenn man Tatsachen verdrehen muss, um Menschenrechtsverletzungen, Auslöschungspolitik und rassistische Gewalt unsichtbar zu machen und in Topraks Fall gar als positive Tatsachen darzustellen, dann ist auch das ein Teil der Auslöschung und rassistischer Gewalt. So macht man sich zur Mittäterin.

Ich lese Topraks Text und kann es nicht fassen. Ich lese ihn gleich zwei Mal. Und dann lese ich ihn ein drittes Mal. Und kann es immer noch nicht fassen. Ich habe so viel dazu zu sagen. Diese Kolumne reicht nicht. Es gibt noch so viel zu erzählen. Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen soll.

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October 28 2019

09:37

Back to School

Von Julia Wasenmüller

Nur ein kleines Schild hinter einem Eisengittertor weist darauf hin, dass sich in dem grauen Hochhaus eine Schule befindet. Ansonsten könnte man das sechsstöckige Gebäude auch für eine Bauruine halten. Hier, am Bahnhof Chacarita in Buenos Aires, fühlt sich jede Tageszeit nach Rushhour an: Menschen hetzen zur U-Bahn, Straßenverkäufer*innen bieten Zeitungen oder Empanadas aus bunten Kühlboxen an.

ReportageAus dem Klassenzimmer fällt der Blick auf die Hochhäuser von Buenos Aires. © Ines-Ripari

Früher befand sich in dem Hochhaus am Bahnhof das administrative Zentrum der argentinischen Eisenbahngesellschaft. Als diese 2011 den Langstreckenverkehr einstellte, wurde das Gebäude besetzt. Noch im gleichen Jahr zog die „Mocha Celis“ ein, eine selbstorganisierte Schule für Erwachsenenbildung, gegründet von und für trans Personen und Travestis. Travesti ist ein selbst gewählter politischer Kampfbegriff, der nicht nur Geschlechts-, sondern auch Klassenidentität miteinbezieht. In Argentinien werden meist beide Begriffe zusammen benutzt.

Alte Fabrikgebäude zu besetzen und daraus Klassenzimmer zu machen, das kommt seit der Wirtschaftskrise von 2001 in Argentinien immer öfter vor. Nachdem staatliche Strukturen zusammengebrochen waren, begannen sich Menschen in ihren Vierteln zu organisieren und alternative Bildungsangebote zu entwickeln. So entstand auch die Schule im Stadtviertel Chacarita, in der Menschen ab 16 innerhalb von drei Jahren ihren Sekundarschulabschluss, das Bachillerato, nachholen können. Der Name der Schule erinnert an die Travesti-Aktivistin Mocha Celis aus der argentinischen Provinz Tucumán. 1996 wurde sie mit drei Schüssen in den Rücken von einem Polizisten ermordet. Sie hatte nie lesen und schreiben gelernt.

Ein enger Fahrstuhl voller Graffitis bringt mich in den fünften Stock.

Die Tür des Aufzugs klemmt beim Öffnen. Dann stehe ich in einem großen, lichtdurchfluteten Raum, der Aula der Schule, die alle nur „die Mocha“ nennen. Es ist Samstagnachmittag, in der Aula sitzen Schüler*innen im Alter von 16 bis vierzig zusammen an den Hausaufgaben. Auch außerhalb der regulären Schulzeiten dient die Mocha als Treffpunkt zum Lernen und Sein. Chaos und Lärm der Stadt bleiben draußen. Aus einem der Klassenzimmer hört man Tritte gegen Boxpratzen, aus einem anderen Stimmübungen und Tonleitern. Im dritten Raum empfängt der Direktor Francisco Quiñones, der sich Pancho nennt, zur Pressekonferenz.

Seit es so viele Medienanfragen gibt, finden diese Treffen regelmäßig am Wochenende statt. Ein Matebecher wird herumgereicht. Quiñones ist 35 Jahre alt und seit der Grün- dung Teil der Mocha. Er beginnt: „Warum habe ich euch alle eingeladen? Erstens, weil immer die gleichen Fragen gestellt werden. Zweitens, weil wir die Dynamiken des akademischen Extraktivismus satthaben. Damit meine ich, dass Leute hierherkommen und auf der Grundlage der Erfahrungen der Schüler*innen ihre Masterarbeiten und tolle Reportagen schreiben. Dafür bekommen sie dann einen akademischen Titel oder Geld. Aber wir haben meist gar nichts davon. Wir kämpfen weiter jeden Monat damit, die Strom- und Wasserrechnungen zu bezahlen.“ In der Runde sitzen Psychologiestudierende, die eine Feldforschung durchführen wollen, Soziologiestudierende, die ein Masterarbeitsthema suchen, und drei Journalistinnen. Eine davon bin ich. Manche nicken. Alle halten die Klappe.

„Das heißt nicht, dass ihr nicht willkommen seid. Ich will nur auf die strukturellen Probleme aufmerksam machen: Wie viele Travestis kennt ihr, die mit euch im Psychologieseminar sitzen?“ Quiñones wartet die Antwort gar nicht erst ab: „Wahrscheinlich keine. Das liegt nicht daran, dass sie kein Interesse hätten, sondern daran, dass bestimmte Menschen ganz früh aus dem Schulsystem gekickt werden.“ Nicht mal zwei von zehn trans Frauen schließen in Argentinien die Schule ab, neun von zehn werden Sexarbeiterinnen. Das steht auf einem Infoflyer, der vom argentinischen Trans Gedenkarchiv in Zusammenarbeit mit der Mocha herausgebracht wurde. Seit 2012 sammelt das Archiv Fotos, Briefe und Postkarten einer Community, über deren Ge- schichten und Kämpfe es sonst kaum Dokumentation gibt. „Neunzig Prozent werden Opfer von Gewalt, 85 Prozent von Missbrauch durch Polizisten“, heißt es weiter. Die Lebenserwartung einer trans Frau in Argentinien liegt bei 35 Jahren, das ist nicht mal halb so alt wie Argentinier*innen im Durchschnitt werden. Trans Frauen über 35 werden daher als Überlebende bezeichnet. Nur knapp hundert trans Frauen über 55 leben aktuell in Argentinien.

„Wenn eine Travesti eine Universität betritt, dann verändert das das Leben dieser Travesti. Viele Travestis an der Universität verändern die Gesellschaft.“ Dieses Zitat von Lohana Berkins, die eine der treibenden Kräfte bei der Konzeption der Schule war, haben Schüler*innen in bunter Schrift auf die Wand der Aula gemalt.

Bereits in den Neunzigern setzte Berkins sich für die Wiederaneignung des Travesti-Begriffs als Kampfbegriff und politische Identität ein. Damit sollte die spezifische Lebensrealität von Travestis in Lateinamerika abgebildet werden, die sich von nordamerikanischen und europäischen trans Bewegungen unterscheide. Laut Berkins verschärfen die insgesamt prekäreren Lebensbedingungen in Lateinamerika und im Fall von Argentinien die ständige wirtschaftliche Krisensituation die Gewalt, der Travestis im Bildungs- und Gesundheitssystem oder in den Bereichen Wohnen und Arbeiten ausgesetzt sind.

Quiñones macht eine kurze Pause. Immer noch gibt es keine Fragen in der Runde. „Trotzdem gut, dass ihr da seid. Wir brauchen nämlich Unterstützung: Kauft und lest die Bücher von Lohana und anderen Travesti-Aktivist*innen. Es gibt unglaublich viel Wissensproduktion, die noch immer kaum Aufmerksamkeit bekommt. Organisiert Scree- nings für den Dokumentarfilm der Mocha, den die Schüler*innen selbst gedreht haben. Esst hier in der Cafeteria anstatt bei McDonalds. Die Schüler*innen können das Geld gut gebrauchen. Fast alle sind seit Jahren vom klassischen Arbeitsmarkt ausgeschlossen.“

Seit Juli 2018 gibt es in Argentinien ein Gesetzesprojekt, nach dem ein Prozent aller öffentlichen Stellen von trans Personen und Travestis besetzt werden sollen. In den letzten Jahren gab es in Argentinien immer wieder Gesetzesvorstöße für LGBTIQ-Rechte, die weltweit Alleinstellungscharakter hatten, so auch 2012 das Gesetz zur Selbstbestimmung der Geschlechtsidentität. Jedoch werden diese nur halbherzig umgesetzt. Gerade mal vier von 24 Provinzen haben legislative Schritte zur Einführung der Quote eingeleitet, erfüllt wird sie nirgends.

Dass Quiñones, einer der wenigen cis Männer in der Mocha, den formellen Posten des Direktors besetzt, liegt an ebendiesen Ausschlüssen aufgrund von Klasse und Geschlecht. Er ist der Einzige mit dem dazu notwendigen Studienabschluss. Er hofft, den Posten bald an eine*n der Schüler*innen abgeben zu können.
2014 schloss der erste Mocha- Jahrgang die Schule ab, die seitdem auch vom argentinischen Bildungsministerium anerkannt wird.

Der Akt der Zeugnisverleihung fand im Festsaal des Ministeriums statt. Die Veranstaltung nutzte Quiñones auch, um auf die prekäre Situation der Einrichtung aufmerksam zu machen. Der Staat bezahlt 72 Lehrstunden pro Woche und drei administrative Stellen. 20.000 argentinische Pesos gibt es pro Stelle, das sind umgerechnet circa 330 Euro. Der Lohn für eine achtzigminütige Unterrichtsstunde liegt bei etwa 41 Euro. Für Psycholog*innen oder Sozialarbeiter*innen gibt es kein Budget.

Andere selbstorganisierte Schulen funktionieren in der Regel so, dass Dozierende den Unterricht als ihren politischen Aktivismus verstehen und noch einen zweiten Job zum Geldver- dienen haben. Doch für fast alle Dozent*innen in der Mocha handelt es sich um das erste legale Anstellungsverhältnis nach vielen Jahren in der kriminalisierten Sexarbeit. Meistens teilen sich mehrere Personen die Stellen und damit auch das Geld. „Von diesen Leuten kann man dann kaum verlangen, einen Teil ihres Gehalts abzudrücken, um die Stromrechnung zu bezahlen“, so Quiñones. Alle Schüler*innen der Mocha haben Anspruch auf ein Stipendium für Geringverdienende der Stadt Buenos Aires. 10.000 Pesos sind das pro Jahr, 165 Euro. Trotz des expliziten Fokus auf transPersonen und Travestis ist die Schule offen für alle, die Diskriminierung im Bildungssystem erfahren: alleinerziehende Mütter, Migrant*innen, alte Menschen.

Während Quiñones spricht, setzt sich Viviana González auf einen der Tische im Klassenzimmer. Sie hat gerade den Selbstverteidigungskurs im Nebenraum gegeben und trägt noch ihr Sportoutfit. González hat 2018 ihren Abschluss gemacht und studiert mittlerweile Literaturwissenschaften, als erste und bislang einzige trans Frau am Literaturinstitut. „Als Kind hatte ich nur einen Traum, wie jede arme Person: Ich wollte, dass was aus mir wird, wenn ich groß bin. Ich wollte Lehrerin werden. Und ich liebte es, Gedichte zu schreiben.“

Dann erzählt González, wie sie mit zwölf Jahren auf keiner Sekun- darschule aufgenommen wurde: „Sie schauten in meinen Pass und meinten: ,Du bist ein Junge, du kannst hier nicht verkleidet herkommen.‘ Wir versuchten es bei dreißig unterschiedlichen Schulen. Überall das Gleiche. Das war das Ende meiner Schulkarriere und des Gedichteschreibens.“

Das war 1982. Ab dann verdiente sie Geld auf dem Straßenstrich der Panamericana, der Highway, der Argentinien mit Alaska verbindet. „Das Einzige, was mir Halt gab, war der Sport. Mit drei Jahren fing ich mit Kampfsport an, mit zwölf hatte ich den Schwarzen Gürtel in Karate. Gleichzeitig war das Nachtleben auf der Straße meine Realität. Das hieß Drogen, vor der Polizei wegrennen, verprügelt und vergewaltigt werden. Ich verlor viele Freund*innen in diesen Jahren.“ González spricht schnell, erzählt chronologisch von den Ereignissen aus ihrer Vergangenheit. Manchmal streicht sie sich das lange, blonde Haar mit den grünen Strähnen aus dem Gesicht. „Beim Kampfsport trat ich weiter mit meinem männlichen Namen an und obwohl die Hormontherapie mich schwächte, gewann ich alle Turniere. Ich kämpfte mit der argentinischen Flagge auf meinem Trikot, gewann Medaillen für ein Land, das meine Identität nicht akzeptierte.“

Von der Mocha erfuhr González schließlich durch Bekannte aus Palermo, einem Stadtteil von Buenos Aires, den viele mit hippen Bars voller Tourist*innen verbinden. Gleichzeitig befindet sich hier in einem riesigen unbeleuchteten Park einer der zentralen Straßenstriche der Stadt. „Zuerst konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, nach mehr als dreißig Jahren zurück in ein Klassenzimmer zu gehen. Das Verrückte war, dass ich hier in der Schule viele meiner Bekannten aus Palermo wieder traf. Ich sah sie zum ersten Mal tagsüber und in Alltagskleidung, unterhielt mich mit ihnen und merkte, dass wir sehr ähnliche Geschichten hatten.“

Nachmittags saß sie im Unterricht, nachts verdiente sie weiterhin ihr Geld auf der Straße. „Es war anstrengend, ich schlief kaum. Ich wollte nicht weiter anschaffen gehen. Ich bin nicht gegen Sexarbeit, über viele Jahre habe ich davon gelebt. Ich finde nur, dass Menschen die Möglichkeit haben sollten, sich dafür zu entscheiden. Wenn du mit zwölf auf den Strich gehst oder im hohen Alter, wenn dein Körper diese Art von Arbeit nicht mehr mitmacht, dann ist das keine freie Entscheidung.“

Jetzt, mit 49 Jahren, pendelt González zwischen Literaturvorlesungen und Sportkursen. Mitschüler*innen aus der Mocha kamen auf die Idee, dass sie Selbstverteidigungskurse geben könnte, für die Mocha auf Spendenbasis, für Leute von draußen gegen Bezahlung. González kommt immer noch fast täglich in die Schule. Als Schüler*innenvertreterin setzt sie sich für eine emanzipatorische Sexualerziehung ein. Seit 2006 haben Schüler*innen in Argentinien ein Recht auf regelmäßigen Sexualkundeunterricht. An der Umsetzung hapert es aber auch bei diesem Gesetz, vor allem seit der konservative Präsident Mauricio Macri im Amt ist. Die Mocha wird demnächst ihren eigenen Sexualkunde-Kit herausgeben. González erzählt, dass sich in jedem Fach Bezüge zur Sexualerziehung finden ließen, selbst in Mathe: „In unseren Rechenaufgaben treffen sich etwa nichtbinäre Menschen.“

Nicht nur die Sexualerziehung läuft in der Mocha anders als in den meisten Schulen. Es gibt Plena, in denen Dozierende und Schüler*innen über das Zusammenleben und Probleme in der Schule sprechen, gemeinsam Entscheidungen treffen. „Wir versuchen uns an die Lebensrealität der Schüler*innen anzupassen. Klassischerweise findet der Unterricht in der Erwachsenenbildung z.B. abends statt. Die meisten Schüler*innen verdienen aber abends und nachts ihr Geld. Daher ist unser Unterricht von 14 Uhr bis halb sieben“, erklärt Quiñones. „Wir organisieren Lerngruppen und Nachhilfeunterricht, denn in jedem Jahrgang kommen Menschen mit ganz unterschiedlichen Wissensständen zusammen.“

Immer donnerstags finden Workshops statt, etwa um über Safer Sex und Konsens zu sprechen, in Beziehungen und bei der Arbeit. Die Mocha war die erste Schule weltweit, die die Situation von trans Personen und Travestis so explizit in den Blick nahm. Mittlerweile gibt es weitere Schulen mit einer ähnlichen Struktur im argentinischen Tucumán, eine Grundschule in Santiago de Chile und Univorbereitungskurse für Travesti und trans Personen in Belo Horizonte in Brasilien.

Lautaro Rosa hat gerade die Cafeteria geschlossen und sich in die Runde gesetzt. „Hier läuft es anders als sonst in der Gesellschaft. Nicht wir müssen uns anpassen, sondern die Gesellschaft muss sich an uns anpassen. Das ist unser Raum. Wir sind, wie wir sind, und wenn die Leute nicht damit klarkommen, einen trans Mann mit Titten zu sehen, dann sollen sie einfach gehen.“ Rosa ist 39 Jahre alt und seit drei Jahren an der Mocha. In der Zeit hat er schon zweimal abgebrochen und wieder angefangen. „Es ist nicht so, dass ich nicht lernen wollte. Ich musste mich mein ganzes Leben lang immer entscheiden zwischen Geldverdienen und Zur-Schule- Gehen. Ich bin alleinerziehender trans Vater, meine Tochter lebt bei mir, ich muss die Miete bezahlen. Aber ich hatte das immer im Hinterkopf, dass ich die Schule noch fertig machen will.“

Seit einem Jahr schmeißt Rosa die Cafeteria in der Mocha und verdient so sein Geld. Er schaut auf seine Hände und spricht mit stockender Stimme weiter, mehrere Personen im Raum wischen sich bei seinen Erzählungen Tränen aus dem Gesicht. „Zum ersten Mal im Leben mache ich das, was mir gefällt, und niemand schreibt mir vor, was ich zu tun habe. Ich will um sechs Uhr morgens aufstehen und zwei Stunden mit dem Bus hierherfahren. Und ich will bis neun Uhr bleiben, denn die Mocha ist mein Zuhause. Ich hatte nie ein Zuhause und auch keine Schule. So geht es den meisten hier. Jetzt habe ich beides, aber in der Zwischenzeit ist viel Lebenszeit vergangen.“ Nach dem Schulabschluss will Lautaro Soziale Arbeit studieren. „Ich weiß, was es heißt, arm zu sein, ausgegrenzt zu werden. Aber ich habe auch erfahren, dass man da rauskommt.“

Einige Wochen später findet in der Aula der Mocha eine Fotoausstellung des Trans-Gedenkarchivs mit dem Titel „Diese ging, jene haben sie umgebracht, sie ist gestorben“ statt. Es ist brechend voll, viele Schüler*innen haben sich schick gemacht. Auf den schmalen Schultischen stapeln sich Fotoalben. Teilweise stammen die Dokumente aus den 1940er-Jahren. Es gibt Bilder von Burleske-Shows in Venedig, Silvesterpartys in Buenos Aires, aber auch Alltagsaufnahmen. Im Zentrum der Aula stehen Selbstporträts von Schüler*innen der Mocha. Lautaro Rosa lacht selbstbewusst in die Kamera. Viviana González ist aufgeregt, gleich wird sie eines ihrer Gedichte präsentieren. Sie tritt ans Mikrofon. „Ich musste viel in meinem Gedächtnis kramen, um das aufzuschreiben. Ich hoffe, ihr mögt es.“ In Stakkatosätzen reiht sie Momentaufnahmen aus ihrem Leben aneinander, malt Bilder aus dem Alltag des Straßenstrichs, gedenkt Freund*innen, die nicht mehr leben. Nur wenig später wird Vivianas Gedicht in einer argentinischen Onlinezeitung veröffentlicht. Als Nächstes will sie ein Buch schreiben.

Mehr Informationen über Mocha Celis unter bachilleratomochacelis. edu.ar

Dieser Text erschien zuerst in Missy 05/19.

Der Beitrag Back to School erschien zuerst auf Missy Magazine.

October 25 2019

08:14

In den Falten lesen

Von Gisela Notz

„Manchmal tun Falten weh!“ Das titelte ich zu meinem fünfzigsten Geburtstag in den „beiträgen zur feministischen theorie und praxis“, deren Mitherausgeberin ich über viele Jahre gewesen bin. Damals realisierte ich, dass die Student*innen an der Uni mich mit „Sie“ anredeten, statt beim vertrauten feministischen „Du“ zu bleiben.

Dossier Missy 05/19Licia Fertz © Emanuele Usai

Das war für mich ungewöhnlich. Ich sah die Falten in meinem Gesicht und wollte nicht feiern. Ich wurde alt. Ich wollte die Decke über den Kopf ziehen und warten, bis alles vorbei ist. Das Alter geht aber nicht vorbei. Meine jungen und alten Freund*innen wollten feiern und ich begriff schlussendlich selbst, dass ich noch wichtige Dinge tun wollte. Schließlich musste „der Widerstand gegen neuzeitliche Patriarchen und alte Klerikale“ fortgesetzt werden, wie eine Gedichtzeile auf der Papyrusrolle lautet, die die „beiträge“-Frauen mir zum fünfzigsten Geburtstag überreichten.

Meine Neugierde auf das, was noch vor mir liegt, ist bis heute geblieben. Ich lese in den Falten von alten Frauen, ich finde sie schön, auch wenn es nicht ausschließlich Lachfalten sind und auch wenn sie manchmal wehtun. Nun, 27 Jahre später, soll ich mich zu Vorurteilen gegenüber älteren Feminist*innen äußern:

Sie wären nicht mehr up to date und die Frage der politischen Ausrichtung wäre angeblich eine reine Generationsfrage.

Was soll ich dazu sagen? Es gibt nicht DIE älteren Feminist*innen und es gibt auch nicht DIE jüngeren Feminist*innen. Feminismus ist ohnehin ein vieldeutiger Begriff. Unterschiedlich sind die Interessen, Vorstellungen und Lebensmuster. Klassenspezifische Ungleichheiten und solche der ethnischen Herkunft machen auch vor Feminist*innen nicht Halt.

Ich freue mich, dass sich viele jüngere Frauen wieder Feministinnen nennen. Vor zehn bis 15 Jahren erschien es so, als ob „Feminismus“ keinen guten Klang mehr hätte und für junge Frauen nicht mehr attraktiv sei. Heute gibt es sehr viele Feminismen, sogar einen konservativen Feminismus, gegen den wir uns zur Wehr setzen müssen.

Für mich gibt es den allerdings nicht. Entsprechend halte ich auch nichts von der „Generationenfrage“ als Erklärung. Schon immer in der Geschichte dachten jüngere Menschen, die alten seien nicht up to date, und „die Alten“ warfen den Jüngeren ihre Unangepasstheit oder auch ihre Angepasstheit vor. Oder auch, dass sie glauben, das Rad immer wieder neu zu erfinden. Ich selbst habe meine politische Prägungen vielen unterschiedlichen Umständen und Einflüssen zu verdanken. Die wichtigsten habe ich vielleicht durch meinen Großvater erhalten. Er war Sozialist. Ein klassenbewusster Arbeiter. Ich würde mir heute noch gerne manches Mal Rat bei ihm holen.

„Hätten unsere Mütter nicht in den Ende der Sechzigerjahre gegründeten Weiberräten auf die Befreiung der Frau von patriarchalen Strukturen und die Abschaffung sexueller Unterdrückung gedrungen, auf die Politisierung des Privaten sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sähen wir jetzt ganz schön alt aus“, schrieb die Missy- Mitbegründerin Sonja Eismann 2008 in der „Frankfurter Rundschau“. Sie ist 1973 geboren, mitten in der Aufbruchsstimmung der „Neuen Frauenbewegungen“, der die jüngeren Frauen besonders im Hinblick auf die Neuordnung der Geschlechterrollen und den Kampf gegen die Geschlechterhierarchie viel zu verdanken haben.

Die Feministinnen haben sich selbst ermächtigt, und noch längst sind nicht alle damals gestellten Forderungen eingelöst. Die „älteren Feministinnen“, die damals ihren Protest auf die Straße getragen haben, tun dies zum Teil immer noch. Für sie – wie auch für mich – ist es wichtig, die eigenen Positionierungen zu überdenken und zu aktualisieren.

Da ist der Austausch mit Jüngeren, die zum Teil anderes erlebt haben als sie selbst, ganz wesentlich. Manchmal ist es aber nervig, nach fünfzig Jahren immer noch die gleichen Kämpfe zu führen. Wenn „wir“ aktuell Konservative und „neue“ Rechte, Umweltzerstörung, Klimawandel, Krieg, Gewalt und Unterdrückung abwehren wollen, ist es wichtiger denn je, aus der Geschichte zu lernen.

Gut, dass sich wieder breiter feministischer Widerstand regt, und gut, dass es wieder feministische Bündnisse gibt, zum Internationalen Frauentag, zum Frauen*streiktag, gegen die Abtreibungsparagrafen 218 und 219, gegen die krankmachenden Arbeitsbedingungen im Gesundheitsbereich, um nur einige zu nennen. Das herrschaftsfreie Gesellschaftsprojekt, für das „wir“ einmal gekämpft haben, unterscheidet sich nicht von dem meiner jüngeren Freund*innen. Solange es nicht verwirklicht ist, kämpfen wir – ältere und jüngere Feminist*innen – weiter.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 05/19.

 

Der Beitrag In den Falten lesen erschien zuerst auf Missy Magazine.

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