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August 25 2019

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Internalised misogyny at it's finest
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July 03 2019

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June 29 2019

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Is it the same in other countries?.. Please let me know in the comments.
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August 21 2018

09:43

FĂŒr Siggi und Sampson

Von Josephine Apraku

Sonntag, 29. Juli 2018
Ich weiß leider nicht mehr, wo ich es gelesen habe, aber besonders in diesen Tagen klingt es in mir nach: Das, was wir unser Selbst nennen, ist eine Sammlung von Erinnerungen – unser Sein die Anwesenheit unserer Vorfahr*innen im Jetzt. Warsan Shire schreibt dazu in unendlicher Schönheit: „I have my mother’s mouth and my father’s eyes; on my face they are still together.“

Ich sitze im Garten meiner Oma in DĂŒsseldorf. Sie liegt seit einigen Tagen im Sterben. Ein Prozess, wie ich mit ihr lerne, der so selbstbestimmt ist wie ihr eigenes Leben. Ich bin froh, dass ich hier sein kann, denn wie sonst soll es mein einfaches menschliches Gehirn begreifen, dass sie bald nicht mehr da ist.

© Tine Fetz

In diesem Jahr, in diesen Tagen schwanger zu sein lĂ€sst mich darĂŒber nachdenken, welche Teile von Oma Siggi und Sampson, meinem Opa aus Ghana, den ich nie so richtig kennengelernt habe, in mir nachhallen. Was haben sie an mich weitergegeben? Was werde ich an den Menschen, den ich selbst gemacht habe und den ich völlig neu kennenlernen werde, weitergeben?

Montag, 30. Juli 2018
Sie tĂ€glich im Hospiz begleiten zu dĂŒrfen bereitet mir Frieden – ruhige Momente sind das: Ich höre ihren Atem, der mal regelmĂ€ĂŸig ist, mal stockt. Ab und zu schlĂ€gt sie die Augen auf und lĂ€chelt meine jĂŒngere Schwester und mich an, schließt ihre Augen wieder und schlĂ€ft ein wenig tiefer ein als zuvor. WĂ€hrend wir an ihrem Bett sitzen, werden meine Schwester und ich – ich arbeite, sie liest – von der Erkenntnis begleitet, dass Harmonie darin besteht, dass wir einen Teil unseres alltĂ€glichen Lebens an ihrem Sterbebett verbringen können.

FrĂŒher in diesem Jahr ist mein Opa in Ghana gestorben. Die Trauer, die mich erfĂŒllt hat, war mir fremd, wie er selbst. Ein seltsames GefĂŒhl: Obwohl er so bedeutsam fĂŒr mein alltĂ€gliches Leben als Schwarze Deutsche ist, erinnere ich mich nur an eine Begegnung mit ihm in Ghana, als ich noch sehr klein war. Neben all den KĂ€mpfen, die ich mit der Resilienz bestreite, die auch er an mich weitergegeben hat, bleibt mir von ihm ein kleines KĂ€stchen mit ghanaischem Goldschmuck.

Mittwoch, 01. August 2018
Oma Siggi ist heute am frĂŒhen Abend gestorben. Nachdem sie in den letzten beiden Tagen keinen Besuch mehr haben wollte – das hat sie sehr klar artikuliert –, waren meine Schwester und ich am Vormittag noch mal bei ihr. Wir lassen sie wissen, dass wir sie lieb haben, wir ihren Wunsch, allein zu sein, respektieren und nach Hause fahren. Sie lĂ€chelt uns an, lĂ€sst uns wissen, dass es ihr an nichts fehlt, und schließt einmal mehr die Augen.

Sonntag, 05. August 2018
Weil ich nicht mit meinem Vater aufgewachsen bin, weiß ich ĂŒber meinen Opa wenig. Meine Tante erzĂ€hlt, dass er in der Partei des ehemaligen PrĂ€sidenten Ghanas, J.J. Rawlings, politisch tĂ€tig war und an der Verfassung von 1992 mitgeschrieben hat. DarĂŒber, wie er knapp zwei Jahrzehnte britischer Kolonialherrschaft erlebt hat, weiß ich nichts. DarĂŒber, was ihm in seinem Leben wichtig war, weiß ich ebenso wenig.

Meine Oma wird vor dem Zweiten Weltkrieg geboren. Im Krieg hatte sie, weil sie in der Dunkelheit so gut hatte sehen können, zum Bunker vorauslaufen mĂŒssen, um den anderen den Weg zu weisen. Wie viele andere wird sie wĂ€hrend dieser Jahre regelmĂ€ĂŸig „verschickt“. KĂŒrzere oder lĂ€ngere Reisen sind das, die sie als Kind als Abenteuer wahrnimmt. An einem Vormittag, sie trinkt eine Tasse Kaffee, als sie mir davon erzĂ€hlt, zeigt sie mir die wenigen Bilder, die sie aus dieser Zeit besitzt.

Die Kriegserfahrung, NĂ€chte im Bunker, wĂ€hrend Bomben in die HĂ€user ihrer Wohngegend in DĂŒsseldorf Unterrath einschlagen, machen meine Oma in ihren spĂ€teren Lebensjahren nicht weniger lebensfroh. Die Art, wie sie als Frau dieser Zeit mit all ihren Herausforderungen lebt, ist eine LiebeserklĂ€rung ans Leben: Sie liebt meinen Opa, dessen Name mein erster Vorname ist, feiert rauschende Feste, auf denen mitunter – nicht nur mein Opa – geknutscht wird, und bereist voller Neugier mit Freund*innen die Welt.

Meine Mama erzĂ€hlt ĂŒber Oma Siggi, ihre Mutter, dass sie, seit sie sich erinnern kann, immer Auto gefahren ist. In den 1960er- und 1970er-Jahren ist das keineswegs normal. Eigentlich, sagt sie, sind in den Familien ihrer Freund*innen immer die VĂ€ter gefahren. Bis in ihre spĂ€ten Jahre fĂ€hrt Oma Siggi auf der Autobahn konsequent auf der linken Spur und drĂ€ngelt andere aus dem Weg.

Vieles von dem, was mich ausmacht, mein selbstbestimmtes Schwarz-Sein, meine feministische Haltung, sind VermÀchtnisse von meiner resoluten lebensliebenden Oma* und meines Opas, Sampson.

Die Ältesten meiner Familie sind Menschen, die ihre Kindheit wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs in Bunkern verbracht, die Kolonialzeit und den Tag der UnabhĂ€ngigkeit in Ghana erlebt haben. Menschen, die voll des Lebenswillens waren und nach ihren Möglichkeiten ihr Leben gestaltet haben. Das alles sind Dinge, die sie an meine Eltern, an mich weitergeben und die ich nun weitergebe.

Freitag, 10. August 2018
Auf ihrem frischen Grab fliegen Bienen um die KrĂ€nze und bestĂ€uben die ĂŒppigen BlĂŒten. Ein- und Austritt aus dem Leben sind, wie ich mit dem Sterbeprozess meiner Oma lerne, gar nicht so verschieden: Ihr Tod ist ein bisschen wie eine Geburt rĂŒckwĂ€rts. Als sie Ende Juli im Sterben liegt, schaltet sich ihr Körper wie ein Kraftwerk nach und nach ab – ihr VermĂ€chtnis bleibt, auch in meinem Kind.

* Passend zum Wesen meiner Oma ist sogar ihre Traueranzeige fröhlich, so fröhlich, dass sie von einigen Magazinen aufgegriffen wird, etwa hier, hier und hier. 

August 20 2018

10:38

Who run the world wide web?

Von Jesse R. Buendia und Hengameh Yaghoobifarah

Gegen Antifeminismus 

Diskursatlas Antifeminismus“ ist ein Wiki, das Narrative und Formulierungen, die in antifeministischen Kontexten benutzt werden und charakterisierend fĂŒr den Antifeminismus sind, sammelt und erlĂ€utert – von „FrĂŒhsexualisierung“ ĂŒber „Gender-Ideologie“ bis „Keimzelle der Nation“. Unterteilt wird das Wiki in die Themenfelder Bevölkerung, SexualitĂ€t, Geschlecht, Familie, Bildung, Arbeit, Gleichstellung und Gewalt. Hierzu bietet die Seite, die laufend befĂŒllt wird, Analysen von Medienberichten, Reden und öffentlichen Stellungnahmen. Der Diskursatlas ist die FortfĂŒhrung des „Agent*In“-Projekts („Information on Anti-Gender-Networks“), das jedoch kurz nach Start in starke Kritik geriet und nach drei Wochen offline gestellt wurde. Als Nachschlagewerk richtet sich der Diskursatlas an Wissenschaftler*innen, Lehrer*innen, Journalist*innen und Aktivist*innen, jede*r ist eingeladen, ihn fĂŒr Recherchen zu nutzen.

Top Journalistinnen

Gerade mal 27 Prozent macht der Frauenanteil an FĂŒhrungspositionen in europĂ€ischen Nachrichtenunternehmen aus. WĂŒrde es sich auf die Art und Weise der Berichterstattung in Europa auswirken, wenn das GeschlechterverhĂ€ltnis ausgewogen wĂ€re? Dieser Frage geht newsmavens.com nach. Die Website stellt Nachrichten und Features zu gesellschaftlichen Themen wie bspw. Religion, Bildung, Race oder LGBTIQ zusammen. Hierbei wĂ€hlen Frauen, die in Topmedienunternehmen in der EU arbeiten, die Nachrichten aus, fassen sie zusammen und erklĂ€ren, weshalb diese wichtig sind. Am Ende jedes Artikels findet sich eine kurze Auflistung der wichtigsten Fakten. Außerdem gibt es einen tĂ€glichen RĂŒckblick auf die relevantesten Geschehnisse in Europa und eine Wochenend-Review. Die Berichte sind nicht nur aus einer weiblichen Perspektive geschrieben, sondern auch alle auf Englisch. Auf diese Weise versucht die Website, ein globales Nachrichtennetzwerk ĂŒber LĂ€ndergrenzen hinweg zu schaffen.

Seeds

©Shatterglass.film

Eine Großstadt, vier Freundinnen und ein ehrlicher Zugang zu SexualitĂ€t, Körper und Beziehungen: Nein, die Rede ist nicht von „Girls“, sondern von der Webserie „Seeds“. Die erste Staffel ist im MĂ€rz auf dem Online-Sender OTV erschienen. Mit viel Witz, Schwarzem Feminismus und Tiefe schufen Caitlyn Johnson und Deja Harrell, beide Anfang Zwanzig und aus Chicago, ein Format, das kaum nĂ€her am Puls der Zeit sein könnte.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

Reposted bygingergluep125

August 16 2018

10:56

HĂ€, was heißt Toxic Masculinity?

Von Frederik MĂŒller

Toxic masculinity ist Englisch und bedeutet toxische, also schĂ€dliche MĂ€nnlichkeit. Das Konzept beschreibt eine in unserer Gesellschaft vorherrschende Vorstellung von MĂ€nnlichkeit und umfasst das Verhalten, das Selbstbild und Beziehungskonzepte von MĂ€nnern sowie kollektive mĂ€nnliche Strukturen. MĂ€nner sollen keine SchwĂ€che zeigen, höchstens Wut, sie sollen hart sein, aggressiv und nicht zĂ€rtlich oder liebevoll, schon gar nicht miteinander. MĂ€nnlichkeit muss immer wieder bewiesen werden, z. B. durch die Einordnung in eine Hierarchie, die mit Mutproben und erniedrigenden Ritualen gefestigt wird – auf dem Schulhof genauso wie in der Bundeswehr.

©Fotolia/otsphoto


So findet toxische MĂ€nnlichkeit in der Kindheit ihren Anfang und setzt sich nicht zuletzt in MĂ€nnerbĂŒnden als Organisationsform auf allen Ebenen der Gesellschaft fort. Sie findet aber nicht nur „unter MĂ€nnern“ statt, sondern richtet sich auch nach außen: In Form von Gewalt gegen andere, vor allem Frauen und Queers, und sexualisierter Gewalt gegen Menschen aller Geschlechter. Es geht immer auch um SexualitĂ€t: Nach den Vorannahmen von toxischer MĂ€nnlichkeit muss ein Mann immer (heterosexuellen) Sex haben wollen und können. Dies ist ein wichtiger Baustein der Vergewaltigungskultur (Rape Culture) und verstĂ€rkt zudem das gefĂ€hrliche Vorurteil, dass MĂ€nner nicht Opfer von sexualisierter Gewalt werden können.

Wer toxische MĂ€nnlichkeit erlernt hat, lebt mit einem Mangel: Diese Personen haben meist kein gutes VerhĂ€ltnis zu ihrem Körper, können ihre eigenen Grenzen ebenso wenig respektieren wie die anderer und haben Schwierigkeiten damit, GefĂŒhle zuzulassen, zu zeigen und zu verarbeiten. Konsequenzen hieraus sehen wir etwa im schlechten Umgang heterosexueller cis MĂ€nner mit dem eigenen Körper, ihrer NachlĂ€ssigkeit gegenĂŒber der eigenen Gesundheit und ihrer Tendenz zu Depressionen, Sucht und Suizid.

Weil toxische MĂ€nner mit ihren GefĂŒhlen nicht alleine hantieren können, lagern sie diese Aufgabe meist an andere aus. Vor allem Frauen und femininere Personen als man selbst werden wie GefĂŒhlsmaschinen benutzt, die ihnen die eigene GefĂŒhlswelt sortieren und erklĂ€ren sollen. FĂŒr viele heterosexuelle MĂ€nner sind Freund*innenschaften, die Frauen und Queers untereinander und miteinander fĂŒhren, unvorstellbare SchauplĂ€tze von NĂ€he und IntimitĂ€t. Sie sehen sich oft nicht in der Lage, selbst ZĂ€rtlichkeit und Verletzlichkeit in eine Beziehung einzubringen. Sowohl cis als auch trans MĂ€nner können toxische MĂ€nnlichkeit verkörpern, aber diese Eigenschaften sind nicht auf ein Geschlecht beschrĂ€nkt. Es ist kaum möglich, toxische MĂ€nnlichkeit lediglich in einzelnen IdentitĂ€ten zu verorten, da unterschiedlichste Gender sie nutzen, um MaskulinitĂ€t, also eine maskuline Performance, herzustellen. Vielen fĂ€llt es schwer, zwischen maskuliner Performance und toxischem, gewaltvollem Verhalten zu unterscheiden. 

Doch es gibt Auswege! Die Netflix-Serie „Queer Eye“ ist wie ein Geschenk der queeren Welt an alle, die im Sumpf der toxischen MĂ€nnlichkeit verharren. Hier zeigen fĂŒnf schwule MĂ€nner ausgewĂ€hlten, zumeist heterosexuellen MĂ€nnern, unter dem DeckmĂ€ntelchen einer TypverĂ€nderungsshow, wie sie ihre alten, toxischen Verhaltensweisen und Lebenskonzepte ablegen und weichere, offenere und liebevollere MĂ€nner, VĂ€ter, Partner und Freunde werden können. MaskulinitĂ€t an sich wird ihnen dabei nicht ausgetrieben, denn sie ist nicht das Problem. Im Leben jenseits der Reality-Serie kann mensch sich leider nicht von fĂŒnf schwulen Jungs retten lassen, sondern muss alleine die ersten Schritte tun: erkennen, dass es so nicht weitergehen kann. Und dann, am besten mit der UnterstĂŒtzung anderer MĂ€nner, Verantwortung fĂŒr die eigenen GefĂŒhle ĂŒbernehmen.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/18.

Reposted byDeva Deva
10:38

Einfach Kacke

Von Jacinta Nandi

Eltern können es nie richtig machen. Entweder: Sie sind zu arm, sie wohnen in Plattenbauten, ihre Kinder heißen Kevin oder Chantal oder Kevin-Chantal und wissen nicht, was ein Apfel oder ein Pferd ist, weil die Eltern sie nur mit der Xbox spielen lassen, sie schreien immer im Zug und 
 aaargh! Diese Kinder sind schrecklich, aber die Eltern sind noch schlimmer! Oder: Sie sind zu reich, sie wohnen in Prenzlauer Berg, ihre Kinder heißen Lieselotte oder Maximilian-Artur-Paulus und sind gegen alles allergisch, sie kriegen immer nur Bio-Äpfel zu essen und die Mama denkt, dass sie ADHS haben, aber eigentlich sind sie nur Arschlöcher, dabei haben sie schon mit eins Chinesisch gelernt, mit zwei Geige, mit drei Tai-Chi und mit vier mussten sie wegen Burn-out therapiert werden und 
 aaargh! Diese Kinder sind schrecklich, aber die Eltern sind noch schlimmer!

Armes Deutschland! Bescheuerte Eltern, nervige Kinder! Da will ich nicht mitmachen. In meinen Augen sind alle Entscheidungen, die Eltern treffen, erst mal richtig. Punkt. Oder: In einer fairen Gesellschaft wĂ€ren alle Entscheidungen, die Eltern treffen, okay. Aber ich habe jetzt ein Baby, bin auf Facebook in Mama-Gruppen unterwegs und werde jeden Tag mit „Attachment Parenting“ konfrontiert. Manchmal frage ich mich, ob dessen Prinzipien wirklich dazu da sind, dem Baby zu helfen – oder ob es bloß darum geht, die MĂŒtter zu erniedrigen? Das Baby zu tragen, es zu stillen, es bei dir im Bett schlafen zu lassen – ich finde alle diese Ideen hilfreich, um durch das erste Babyjahr zu kommen. Aber diese Besessenheit, mit der junge MĂŒtter sich selbst und anderen VorwĂŒrfe machen: Geht es dabei wirklich um das Kindeswohl?

©Josephin Ritschel

„Ich bin aufs Klo gegangen“, schreibt eine Mama auf Facebook. „Das Baby hat geweint, aber ich musste kacken. Als ich aus dem Badezimmer rauskam, hat es geschlafen. Jetzt fĂŒrchte ich, dass ich mein Baby habe schreien lassen.“ Schon kommt der erste Kommentar: „Du wolltest das vielleicht nicht, aber ja, im Grunde genommen hast du dein Baby schreien lassen. FĂŒr mich ist das dasselbe!“ Die Mutter ĂŒberlegt, ihr schlafendes Kind aufzuwecken, damit sie zumindest sagen kann, ihr Baby habe sich nicht in den Schlaf geheult.

Ich glaube nicht, dass eine Mama immer fĂŒrs Kind da sein kann. Ich glaube, ein Baby muss manchmal allein sein. Ich glaube nicht, dass es okay war, dass unsere Eltern uns stundenlang haben schreien lassen, bis unsere Lungen nicht mehr konnten. Aber manchmal mĂŒssen Mamas kacken. Sonst explodieren wir irgendwann!

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

August 15 2018

10:51

A Journey 2 The Temple Of Love

Von Lena Voelkening

Ein neues Album, eine Ausstellung in MĂŒnchen, Auftritte in Österreich und Deutschland – die Gaddafi Gals liefern wieder. FĂŒr Missy haben sie, als Vorgeschmack aufs neue Album und auf ihren nĂ€chsten Live-Auftritt in KĂŒrze in Berlin, einen exklusiven Mix zusammengestellt – mit bisher unveröffentlichten Tracks und Songs aus anderen Projekten der Mitglieder des Kollektivs.

© Gaddafi Gals

Gaddafi Gals, das sind Slimgirl Fat, Blaqtea und Walter P99 Arke$tra aus Wien und Berlin. Zusammen machen sie HipHop mit dem Vibe der 90er, der so gut ist, dass sie sich damit nicht nur eine wachsende Fanbase, sondern auch internationale Anerkennung in den Feuilletons verschafft haben.

Das nĂ€chste Mal live gibt’s das Trio am 16. August auf dem Pop-Kultur-Festival in Berlin zu sehen. Auch dort wird ein Großteil der Songs neu sein – erscheinen werden sie auf dem neuen Album, das fĂŒr das FrĂŒhjahr 2019 angekĂŒndigt ist. „Temple“ soll es heißen und ein groß angelegtes musikalisches Ritual mit MC-Priesterinnen, Sirenengesang, urzeitlichen Rhythmen und Opfergaben werden.

Die erste Singleauskopplung aus dem neuen Album gibt’s im Oktober 2018. Wenn du nicht so lange warten möchtest, kannst du die Gaddafi Gals schon im September in MĂŒnchen sehen. Dort werden sie in der Ausstellung „GG-World“ eine Boutique erschaffen, die dem Kapitalismus frönt und ihn zugleich infrage stellt. In einer Art Concept Store in der Artothek in MĂŒnchen können Besucher*innen „durch finanzielle Anstrengungen einen Teil der Gals-Welt erwerben“, kĂŒndigt der Kurator Konstantin Lannert an.

Der voranschreitenden Kommerzialisierung von Kunst, der FragilitĂ€t des Subjekts und dem Branding individueller Haltung will sich die Gruppe mit dieser Ausstellung widmen, die gleichzeitig eine PartizipationsstĂ€tte sein soll. Zu kaufen gibt’s dort u. a. eine limitierte Anzahl von Kassetten mit dem exklusiven Mix aus Projekten der Bandmitglieder, Remixes und musikalischen Skizzen.

10:42

Verkannte Heldin

Von Indra Runge

Sie ist jung, klug und schön. Und sie gilt als eine der begehrtesten Frauen ihrer Zeit: Hedwig Kiesler (*1914), die als Hedy Lamarr zum gefeierten Filmstar avanciert. Die österreichische JĂŒdin heiratet mit 19 einen reichen Wiener Industriellen, doch seine Eifersucht treibt sie 1937 in die Flucht – ĂŒber London gelangt sie in die USA.

© The Everette Collection

Bereits in Österreich drehte sie Filme, darunter den skandaltrĂ€chtigen „Ekstase“ unter der Regie von Gustav MachatĂœ, in dem sie nackt zu sehen ist – ein Schatten, der ihr noch lange nachhĂ€ngen wird. Doch er ebnet ihr auch den Weg nach Hollywood: Metro-Goldwyn-Mayer nimmt sie unter Vertrag, als Hedy Lamarr dreht sie pausenlos. Auch ihr Privatleben ist turbulent: Sie heiratet sechsmal, hat zahlreiche AffĂ€ren, nimmt Drogen und wird mehrfach verhaftet. Mit zunehmendem Alter lĂ€sst sie diverse „Schönheits“-OPs teils fragwĂŒrdiger QualitĂ€t an sich vornehmen und lebt zurĂŒckgezogen. Sie stirbt im Januar 2000.

© The Everette Collection

Und dann gibt es noch die andere Hedy Lamarr: Die ist naturwissenschaftlich interessiert und erfindet daheim, quasi im Stillen, nĂŒtzliche Dinge. Das fĂ€llt ihr leicht. Ihre grĂ¶ĂŸte Erfindung ist der selbsttĂ€tige Frequenzwechsel bei Torpedos, der es den Alliierten ermöglichen sollte, die Unterwasserwaffen störungssicher zum Ziel zu fĂŒhren, was der erklĂ€rten Gegnerin des Nationalsozialismus ein großes Anliegen war. DafĂŒr meldet sie sogar ein Patent an. Doch ihr wird nicht zugestanden, mehr als der glamouröse Filmstar zu sein.

„Geniale Göttin – Die Geschichte von Hedy Lamarr“ US 2017. Regie: Alexandra Dean, 90 Min., Kinostart: 16.08.

In der Doku „Geniale Göttin – Die Geschichte von Hedy Lamarr“ von Alexandra Dean darf Hedy endlich ihre ganze Geschichte „erzĂ€hlen“ – vier Kassetten mit Sprachaufnahmen zwischen ihr und dem Journalisten Flemming Meeks legen dar, was tatsĂ€chlich hinter der schönen Fassade steckte. Meeks wartete 25 Jahre, bis endlich jemand nach dem Material fragte.

Diese Aufnahmen und intime Interviews mit Lamarrs Kindern und Familienmitgliedern sowie engen Freund*innen und prominenten Bewunder*innen lassen der Erfinderin posthum jene Ehre zukommen, die ihr zu Lebzeiten verwehrt blieb. Die Regisseurin hofft, dass Lamarr endlich ihren Platz in der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung findet. Denn wer weiß heute schon, dass der von ihr entwickelte Frequenzwechsel moderne Technologien wie WLAN und Bluetooth ĂŒberhaupt erst möglich machte? Hedy Lamarr war eine ebenso tragische wie bewundernswerte Heldin, die an den Konventionen ihrer Zeit scheiterte.

August 14 2018

10:20

Als ich dachte, ich sei eine AuslÀnderin

Von Debora Antmann

Ich bin in der Differenz aufgewachsen. In vielen Differenzen. Als Kind einer sehr kleinen, aber meist sehr fetten*, „psychisch kranken“, alleinerziehenden, jĂŒdischen Mutter in einem kleinen Dorf in SĂŒddeutschland der 1990er-Jahre war ich der Inbegriff an Differenz. Mit meinen 1000 Schulwechseln und meiner schwierigen sozialen Situation nach dem Tod meiner Mutter wurde die Situation nicht besser. Die Neue, die Andere, die Seltsame 
 FĂŒr Kinder und Jugendliche ist IdentitĂ€t immer ein schwieriges Thema, aber stĂ€ndig aus Kontexten raus und in neue Umgebungen reingeschmissen zu werden, machte Selbstbewusstsein – sich seiner Selbst bewusst sein – nicht leichter. Und dann war da noch dieses JĂŒdischsein 
 In der Schule fĂŒr eine*n Shoah-Expert*in gehalten werden: die RealitĂ€t vieler deutscher JĂŒdinnen_Juden © Tine Fetz In dem Örtchen bei Karlsruhe war ich ausschließlich mit weißen christlichen oder zumindest christlich sozialisierten Kindern in einer Klasse. Die Frage nach „AuslĂ€ndern“ stellte sich nicht, weil es quasi keine in unserem Umfeld gab. Aber mit mir stimmte eindeutig etwas nicht: Bis heute ist in Karlsruhe Religionsunterricht Pflicht. Entweder evangelisch oder katholisch. Die Alternative ist auf dem Flur sitzen. Bis heute, wie ich kĂŒrzlich erfahren habe. Ich saß also zwei Stunden die Woche alleine auf dem Flur und erlebte, wie Kinder sich ĂŒber mich lustig machten, wenn sie auf dem Weg zur Toilette waren oder nach der Stunde an mir vorbeikamen. Die Thesen, dass ich geschwĂ€nzt oder was ausgefressen hatte, waren noch die weniger schlimmen. Als ich dann mit neun nach Berlin zog, gab es plötzlich Begriffe fĂŒr das, was die Kinder in Karlsruhe schon vermutet hatten: Ich bin keine von ihnen. In Berlin bedeutete das „AuslĂ€nderin“. Ich wurde stĂ€ndig gefragt, wo ich herkomme. Die hĂ€ufigsten SchĂ€tzungen waren TĂŒrkei oder „Arabien“ (Ă€hhhh 
). AnfĂ€nglich war ich noch ganz klar: Ich bin Deutsche! „Woher kommen deine Eltern?“ „Deine Großeltern?“ Es dauerte nicht lange und ich wurde selbst stutzig 
 Ich fing an, auf die penetrante Fragerei mit „Ich bin JĂŒdin“ zu antworten. Als Kind war es fĂŒr mich das Einzige, von dem ich wusste, dass es anders an mir war. Und die Antwort schien zu passen. „Ahhhh! ISRAEL!“ Ich wusste, dass ich Verwandte in Israel hatte. War ich also gar keine Deutsche? Ich war verwirrt. Aber die Fragerei, das Wissen, dass ich JĂŒdin bin, die Resonanz, dass mich das weniger deutsch machte, der Umstand, dass die wenige Verwandtschaft, die ich noch hatte, zum grĂ¶ĂŸten Teil in Israel lebte, verunsicherten mich dermaßen, dass sich das „Fremdsein“ in mich einnistete und ich viele Jahre meiner Kindheit und meine gesamte Jugend ĂŒber das GefĂŒhl hatte, ich sei (irgendwie) „AuslĂ€nderin“. Beziehungsweise ich es mit den Reaktionen auf mich und was ich bin annehmen musste, obwohl ich gleichzeitig ahnte, dass auch das nicht ganz stimmen konnte. Ich kam nach Berlin und dachte, ich sei Deutsche. Schon allein, dass ich es „dachte“ und nicht „wusste“, lĂ€sst tief blicken. Zeigt, wie tief die Spuren waren, die das Othering in einer normativen christlich-deutschen Gesellschaft in meiner jĂŒdischen Kinderseele hinterlassen hat. Ich gehörte hier nicht hin. Das war nicht mein Land. Aber Israel?! Da war ich mit sechs das letzte Mal gewesen. Ich verstand die Sprache nicht, kannte mich dort nicht aus. Da sollte ich hingehören? Ich kannte den Unterschied zwischen JĂŒdisch- und Israelisein nicht. Und die meisten nicht jĂŒdischen Leute offensichtlich auch nicht 
 Ich war fast schon erwachsen, als ich ein GefĂŒhl dafĂŒr bekam, was es mit all dem Chaos, das (vor allem erwachsene) wc-Deutsche in mir hinterlassen haben, auf sich hatte. Es hat geholfen, die Geschichte meiner Familie zu lesen und zu verstehen. Auch jene Verwandte in Israel waren mal Deutsche. Ich begriff frĂŒh, dass von mir erwartet wurde, Expertin fĂŒr den Nationalsozialismus und die Shoah zu sein. Denn Lehrer*innen wurden nicht mĂŒde zu betonen, dass es MEINE Geschichte war. Nicht die meiner wc-deutschen MitschĂŒler*innen, sondern ausschließlich MEINE. Aber es brauchte lange um zu begreifen, dass ich DESWEGEN Verwandtschaft in Israel hatte. Dass ich aber trotzdem Deutsche bin. Dass sie „Deutsche“** sind/waren. Dass der Nationalsozialismus nicht meine Geschichte ist, aber das Leid, der Tod und das Trauma unsere Geschichte(n) unwiderruflich beeinflusst und sogar oft bestimmt. Dass mein JĂŒdischsein keine Ethnie (sic!) und keine NationalitĂ€t ist. Noch lĂ€nger um zu verstehen,  dass es nicht mal eine Religion, sondern viel mehr und viel weitreichender ist. Dass es mein Deutschsein komplex macht und widersprĂŒchlich. Aber dass ich hier hingehöre, wenn ich das möchte. Und dass Nationalismus eh immer scheiße ist. Vieles von dem, was ich erlebt habe, erinnert an die Erfahrungen, die Kinder mit Rassismuserfahrung machen. Denn die Botschaft an mich als Kind und Jugendliche war klar und furchtbar: Du bist anders, du bist fremd und das bedeutet „AuslĂ€nderin „. Und ich habe sie geglaubt, diese Botschaften, habe sie verinnerlicht und ich wusste, habe es gespĂŒrt, dass sie und ihre Konsequenzen nichts Gutes sind, bedrohlich und sehr gefĂ€hrlich. Heute habe ich einen entscheidenden Begriff dafĂŒr: Antisemitismus. Und einen Begriff fĂŒr mich: JĂŒdin. Deutsche JĂŒdin, wenn es darauf ankommt. * fett als politischer Begriff, nicht als Abwertung ** Sie nennen sich selbst  nicht (mehr) Deutsche. FĂŒr sie bin auch ich keine Deutsche. FĂŒr sie waren und sind die Deutschen jene, die so viele von uns ermordet haben. Wir sind JĂŒdinnen und Juden. Aus ihrer Perspektive nachvollziehbar.

August 13 2018

10:38

ReisefĂŒhrerin Porto mit Ece Canli

Interview: Valerie- Siba Rousparast

Wenn Ece Canlı durch Porto lĂ€uft, fĂŒhlt sie sich zu Hause. Denn frei nach Judith Butler findet sie: „A home is the people you walk with.“ Ece Canlı ist in der TĂŒrkei geboren und aufgewachsen, ist aber, nachdem sie an der Uni Porto ihre Doktorarbeit geschrieben hatte, hiergeblieben. Nun forscht sie zu Design, Queer Theory und Gender Studies, ist PerformancekĂŒnstlerin und macht Musik. Sie genießt die wachsende feministische Szene vor Ort und die abwechslungsreiche Textur von Porto, die die Geschichte der Stadt widerspiegelt. Doch Canlı beobachtet zunehmend, dass Gentrifizierung auch in Porto ein großes Problem ist. Noch gibt es allerdings viele Orte, die einen Besuch wert sind. Ece Canlı hat sie mit uns geteilt.

Kunst
Wenn du Filme nicht im Einkaufszentrum sehen willst, kannst du in die Programmkinos Cinema Trindade, Casa das Artes oder Teatro Campo Alegre gehen. Es gibt einige queere RĂ€ume, die verschiedene Events bieten. Etwa das Teatro Rivoli und Maus HĂĄbitos, aber auch selbstorganisierte RĂ€ume wie das Contrabando, Rosa Imunda, Gato Vadio, Espaço Mira und Oficina Arara. Auch Queer Porto, ein internationales Filmfestival, bei dem viele lokale und internationale antirassistische queere KĂŒnstler*innen zusammenkommen, lohnt sich.

Essen
Porto ist nicht die beste Stadt fĂŒr Leute, die sich wie ich vegetarisch oder vegan ernĂ€hren. Durch die Gentrifizie­rung entstehen zwar immer mehr vegane Restaurants, die aber oft

sehr teuer sind. Ich empfehle daher, lieber in Kulturzentren zu essen, wie im Casa da Horta und RĂ©s-da-Rua. Im CafĂ© Duas de Letra gibt es auch ein gĂŒnstiges vegetarisches MenĂŒ.

©Matilde Viegas

Feministische RĂ€ume
Es gibt ein wachsendes feministisches Netzwerk hier. Neben selbstorganisierten Gruppen gibt es auch aktivistische Organisationen wie Dar À Sola, GAZUA und Gato Vadio. Außerdem gibt es im FrĂŒhling das Festival Feminista do Porto mit Musik, VortrĂ€gen und Workshops.

Nachtleben
Es gibt hier tolle Bars mit gemischtem Publikum wie Terraplana, Pedra Nova, Mirita und Tendinha dos Poveiros. Wenn man nicht nur trinken, sondern ein Konzert sehen und tanzen möchte, dann empfehle ich Sonoscopia, Passos Manuel, Café au Lait, CCOP, Espaço Compasso und Café Ceuta.

Einkaufen
Einer der interessantesten FlohmĂ€rkte Portos ist nach wie vor Vandoma, der jeden Samstagmorgen stattfindet. In Porto gibt es an jeder Ecke Secondhand- und BuchlĂ€den. Es lohnt sich also, sich einfach in der Stadt zu verlieren und herumzuschlendern. Gute BĂŒcher und Vinyl gibt es auf jeden Fall bei MatĂ©ria Prima und in der feministischen Buchhandlung Confraria Vermelha Livraria de Mulheres.

AusflĂŒge
Es ist immer toll, an einen der StrĂ€nde zu fahren. Das geht z. B. mit dem Fahrrad vom Fischerörtchen Afurada nach Miramar in Vila Nova de Gaia. Oder einfach am Fluss Duero entlang. Wer noch mehr Natur möchte, kann in den grĂ¶ĂŸten Nationalpark Peneda-GerĂȘs fahren. In der Stadt empfehle ich den Parque de Cidade, den Parque de SĂŁo Roque oder den Garten des Serralves Museum zum Abschalten. Wer Porto wirklich kennenlernen will, sollte die StadtfĂŒhrungen von The Worst Tours mitmachen. Dort werden einer*einem die dĂŒsteren Seiten der Stadtgeschichte nĂ€hergebracht.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

August 09 2018

09:00

Hallo Hauptwiderspruch

Interview: Margarita Tsomou

Silke, du bist Professorin fĂŒr politische Soziologie in Jena und problematisierst die These, dass das Erstarken der Neuen Rechten mit einer VernachlĂ€ssigung der sozial AbgehĂ€ngten in Verbindung steht. Was sind die HauptstrĂ€nge dieser Debatte?
Was mich beschĂ€ftigt, sind die Diagnosen, die den Schwenk nach Rechts als „Notwehr der unteren Schichten“ gegen ein im Neo­liberalismus verletztes soziales Anliegen sehen. Da in den meisten LĂ€ndern die sozialdemokratische Politik neoliberal geworden sei, gĂ€be es, so das Argument, fĂŒr dieses berechtigte GefĂŒhl der fehlenden Gerechtigkeit keine anderen politischen Adressaten mehr als die Rechten. Ein weiterer Argumentationsstrang erklĂ€rt, dass die Leute sich auch kulturell ausgeschlossen fĂŒhlten, weil eine vermeintlich bildungsnahe, akademische linke IdentitĂ€tspolitik zu dominant geworden sei, was gerne mit dem endlos zitierten Beispiel der Transgender-Toiletten illustriert wird. Es gĂ€be ein kulturelles AbgehĂ€ngt-Sein, das die „normalen Menschen“ betreffe, die meistens als weiße MĂ€nner gedacht werden. Daraus folgend wird unterschieden zwischen den eigentlichen Klassenanliegen, die vernachlĂ€ssigt worden seien, und den identitĂ€tspolitischen „Minderheitenanliegen“ von Migrant*innen, LGBTQI-Menschen, Menschen mit Behinderung und interessanterweise auch von Frauen.

Ein wichtiger Bezugspunkt in dieser Argumentation ist Didier Eribons Buch „RĂŒckkehr nach Reims“. Warum?
Eribon beschreibt am Beispiel seiner Familie anschaulich, wie aus französischen Kommunist*innen im Laufe der letzten Jahrzehnte Front-National-WĂ€hler*innen wurden. Er beschreibt auch, dass sie schon als Kommunist*innen rassistisch waren, ihr Rassismus aber von der Partei eingehegt wurde. Genau dieser Aspekt wird in der Rezeption jedoch oft ignoriert: Leute wie die US-amerikanische Philosophin Nancy Fraser oder die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht erklĂ€ren, dass AfD- oder Trump-WĂ€hler*innen keine Rassist*innen seien, sondern nur fĂŒr ihre sozialen Rechte kĂ€mpfen. Diese Haltung verkennt, dass, auch wenn Rassismus materielle Bedingungen hat, er eine eigenstĂ€ndige ideologische Formation ist – sonst hĂ€tten wir nicht so viele durchaus gut situierte Menschen, die trotzdem rassistisch sind.

Wenn wir nun sagen, dass Rassismus sich nicht automatisch aus sozialer Deklassierung ableitet, mĂŒssen wir anders erklĂ€ren, wie es zu den Wahlerfolgen der Rechten kam.
Empirische Studien zeigen, dass es in der Bevölkerung einen stetigen Anteil mit rassistischen und menschenfeindlichen Einstellungen gibt – und zwar in Ost und West. Es ist nicht ganz plötzlich ein neuer Rassismus aufgepoppt. Die Frage ist vielmehr, welche Einstellungen wahlentscheidend werden, besonders wenn diese nicht mehr durch die etablierten Parteien abgedeckt werden. FĂŒr Deutschland hat die Auseinandersetzung ĂŒber

die kurzzeitige Öffnung der Grenzen 2015 definitiv eine zentrale Rolle gespielt und mit dazu gefĂŒhrt, dass diejenigen, die auch vorher gegen offene Grenzen waren, nun eine konkrete Alternative zu Merkels FlĂŒchtlingspolitik gesucht und gefunden haben. Interessant ist, dass auf die kurzzeitige Grenzöffnung ja die radikalsten AsylrechtsverschĂ€rfungen der letzten Jahre folgten, vom TĂŒrkei-Deal ganz zu schweigen – doch Merkel gilt sonderbarer Weise immer noch als FlĂŒchtlingskanzlerin.          

Also spielen ökonomische Fragen doch keine so große Rolle?
Ich bin die Letzte, die sagen wĂŒrde, dass soziale und ökonomische Fragen keine Rolle spielen: Es ist historisch immer so gewesen, dass die herrschenden Klassen versucht haben, die Konfliktlinie zu verschieben, weg von der Klassenfrage hin zu nationalistischen Identifikationsangeboten. Und fĂŒr soziale Ängste werden nicht die Besitzenden, sondern andere sozial schwache Gruppen verantwortlich gemacht. Dennoch reicht das nicht fĂŒr die einfache Ableitung, dass rassistische Einstellungen lediglich eine Folge von ökonomischer Benachteiligung sind, dafĂŒr sind die ZusammenhĂ€nge viel zu komplex und Rassismen je nach unterdrĂŒckter Gruppe viel zu unterschiedlich.    

Aber ist es nicht so, dass die Neue Rechte gerade in ökonomisch schwachen Milieus Erfolge feiert?
Ganz so eindeutig wie derzeit behauptet ist der Zusammenhang nicht, so haben in den USA diejenigen mit dem geringsten Einkommen Clinton und nicht Trump gewĂ€hlt. Insgesamt lĂ€sst sich zwar feststellen, dass der Anteil der Arbeitslosen und Arbeiter*innen unter den WĂ€hler*innen rechtspopulistischer Parteien leicht ĂŒberdurchschnittlich ist. Im Umkehrschluss heißt das aber nicht, dass die Mehrheit dieser Leute rechts wĂ€hlt, und auch nicht, dass die Mehrheit der AfD-WĂ€hler*innen aus diesen sozialen Milieus kommt. Irgendwie ist der populĂ€re Fokus auf die unteren Schichten auch eine ganz schön praktische Entlastung der Mittelschichten, die diese Debatte fĂŒhren. Und wenn es um die Notwehrthese geht, muss man auch fragen: Welche sozialen Verbesserungen versprechen die rechten Parteien eigentlich? In der AfD ringen zwei FlĂŒgel: Es gibt den FlĂŒgel, der durch eine sehr stark marktliberale Politik geprĂ€gt ist, und den völkischen FlĂŒgel, der in der sozialen Frage eher NPD-nah ist und auf einen starken Sozialstaat fĂŒr Deutsche setzt.

©Riikka Laakso

Die Frage, die sich hier sofort stellt, ist natĂŒrlich, warum so viele meinen, ökonomische Anliegen der IdentitĂ€tspolitik voranstellen zu  mĂŒssen.
Da gibt es sogar neue Querfrontideen, was man etwa angedeutet bei Nancy Fraser oder expliziter noch bei dem Dramaturgen Bernd Stegemann sieht: Die antirassistischen, feministischen sozialen Bewegungen sollen sich mit den neurechten Arbeiter*innen verbĂŒnden und gemeinsam gegen den Neoliberalismus kĂ€mpfen. Schwarze Intellektuelle haben daraufhin zu Recht gefragt: Warum sollen wir uns mit Rassist*innen solidarisieren? Feminist*innen fragen, warum ihre Anliegen so nebensĂ€chlich sind, wenn der Hauptfeind der Neoliberalismus ist. Das ist eine neue Hierarchisierung von sozialen WidersprĂŒchen in der Tradition des marxistischen Haupt- und Nebenwiderspruchdenkens: hier die KlassenkĂ€mpfe, die ökonomisch sind und die vermeintlich universelle Mehrheit betreffen, und da die identitĂ€tspolitischen KĂ€mpfe und Petitessen, die von einer Minderheit gefĂŒhrt werden. Dabei wird sichtbar, dass Klasse dann eben implizit weiß und mĂ€nnlich gedacht wird. Der US-amerikanische Schwarze Autor Ta-Nehisi Coates kommentierte auf Twitter die Debatten um den Wahlerfolg von Trump mit der Beobachtung, dass die Sorgen weißer heterosexueller MĂ€nner immer sofort ökonomische Anliegen sind, wĂ€hrend alle anderen nur Probleme mit ihren IdentitĂ€ten oder GefĂŒhlen hĂ€tten.

Wie kann dann frau die soziale Frage stellen, ohne Benachteiligungen gegeneinander auszuspielen?
Das Problem ist, dass in dieser GegenĂŒberstellung von Klassen- und IdentitĂ€tspolitik implizit mitvermittelt wird, dass die Anliegen von Schwarzen oder LGBTQI- Menschen nichts mit der sozialen Frage zu tun hĂ€tten. Nicht gesehen wird dabei, dass es gerade in der BĂŒrgerrechtsbewegung und auch in den Frauenbewegungen auf ganz fundamentale Weise um soziale Anliegen geht und dass diese KĂ€mpfe auch KlassenkĂ€mpfe sind. Weiße MĂ€nner sind bis heute nicht das Schlusslicht der sozialen Stufenleiter, Geschlecht und EthnizitĂ€t sind weiterhin zentrale Indikatoren fĂŒr prekĂ€re Lebenssituationen. Klasse wird gerade zu einer verkappten Chiffre fĂŒr die Lebens- und Arbeitssituation weißer heterosexueller MĂ€nner. Trumps Politik ist somit weiße IdentitĂ€tspolitik. Diese vermeintliche Revitalisierung von Klasse hat aber auch mit einer romantischen VerklĂ€rung der Wohlfahrtsstaaten der 1950er- bis 1970er-Jahre zu tun. Diese Sehnsucht nach dem guten Sozialstaat vor dem Neoliberalismus ist  (bei aller Berechtigung angesichts der aktuell zunehmenden Armut und Ungleichheit) auch die Sehnsucht nach einem Klassenkompromiss, aus dem Frauen und Migrant*innen weitgehend ausgeschlossen waren.

Die feministischen und antirassistischen Bewegungen schlagen da ja das intersektionale Denken vor, das die VerknĂŒpfung von Gender /Race / Class stark macht.
Das ist in Bezug auf die Integration von Klasse tatsĂ€chlich ein Riesenfortschritt in der politischen und auch in der wissenschaftlichen Debatte gewesen, aber doch eher ein Formelkompromiss. Klassismus spielte lange als Diskriminierungskategorie eine Rolle, aber Klasse als Ursache von Ausbeutung, die eben auch jenseits von Diskriminierung wirkt, rĂŒckte in den Hintergrund. Viele haben so getan, als könnte man Klasse genauso wie Race und Gender erschließen, und haben damit die politische Ökonomie verabschiedet. Das ist eine SchwĂ€che, die aber eben nicht nur, wie aktuell zu hören ist, die Feminist*innen zu verantworten haben, sondern umgekehrt auch all diejenigen, die sich nur um Klassenanalysen kĂŒmmern und Fragen von Gender, Race oder SexualitĂ€t an andere delegieren.  

Interessant wĂ€re ja eine Position, die den vermeintlichen „Hauptwiderspruch“ Kapitalismus und den „Nebenwiderspruch“ IdentitĂ€t so verschrĂ€nkt, dass damit Neoliberalismus und Neue Rechte gleichzeitig konfrontiert werden können.
Ich glaube, dass progressive KrĂ€fte sich gerade an dieser fatalen Frage zu spalten drohen. Als mĂŒsste man sich entscheiden, ob man sich fĂŒr KlassenkĂ€mpfe oder gegen Rassismus und Sexismus positioniert, aber genau das wird natĂŒrlich nahegelegt, wenn viele behaupten, dass es ein Zuviel an IdentitĂ€ts­politik gewesen sei, das den Rechten so viel Zulauf beschert hat. FĂŒr feministische und antirassistische Kontexte ist die aktuelle Lage deshalb doppelt herausfordernd: Die meisten haben erst mal (und zu Recht) nur die Angriffe und die wachsende Bedrohung von Rechts gesehen und dabei ĂŒber­sehen, dass zentrale Anliegen feministischer und antirassistischer KĂ€mpfe auch durch das neue Hauptwiderspruchsdenken herausgefordert sind. Und das zu einem Zeitpunkt, wo es eigentlich einen doppelten Schulterschluss progressiver KrĂ€fte gegen Rechts und gegen den Neoliberalismus braucht.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

August 08 2018

10:38

Abgeschottet und vergessen

Von Caren Miesenberger

Die GefĂ€ngnisdirektorin mit den glatten, blonden Haaren lĂ€chelt und bittet in ihr BĂŒro: „Herzlich Willkommen!“ Ihren Namen verrĂ€t sie aus SicherheitsgrĂŒnden nicht. Eine Insassin, erkennbar am grĂŒnen T-Shirt der GefĂ€ngnisuniform, bietet GetrĂ€nke an. Zwei weitere Frauen werden in das BĂŒro gefĂŒhrt. Sie stehen mit dem RĂŒcken an der weißen Wand, die HĂ€nde vor der HĂŒfte verschrĂ€nkt, ihre Blicke wirken bedrĂŒckt. Sie sind die Insassinnen, mit denen ich spĂ€ter sprechen darf. Im Hintergrund surrt die Klimaanlage.

Dies ist der einzige klimatisierte Raum im GefĂ€ngnis Nelson Hungria, einer von vier Vollzugsanstalten fĂŒr Frauen im Complexo PenitenciĂĄrio de Gericino, dem grĂ¶ĂŸten GefĂ€ngniskomplex des Bundesstaates Rio de Janeiro. Er liegt im Stadtteil Bangu, vierzig Kilometer vom Stadtzentrum Rio de Janeiros entfernt. 26.000 Gefangene sind hier in verschiedenen Haftanstalten untergebracht, 1300 davon sind Frauen. Ein eigenes Viertel in der zweitgrĂ¶ĂŸten Stadt Brasiliens, deren Kerngebiet doppelt so viele Einwohner*innen zĂ€hlt wie Berlin.

Brasilien verzeichnet die drittmeisten Inhaftierten weltweit. 720.000 Menschen sitzen im grĂ¶ĂŸten Land SĂŒdamerikas hinter Gittern, die meisten wegen Drogendelikten. Der Weg vom Konsum zum Handel mit Rauschgift bis ins GefĂ€ngnis ist oftmals kurz: Gerichtsprozesse dauern hĂ€ufig nur wenige Minuten. Anwaltlichen Beistand haben nur diejenigen, die ihn sich leisten können, auch Pflichtverteidiger*innen werden nur selten gestellt. Die Masseninhaftierung ist Schauplatz des Krieges gegen die Drogen, in dem der Staat die ohnehin schon marginalisierte Bevölkerung bekĂ€mpfe – Schwarze, Arme, Peripherisierte –, so kritisieren Anti-Haft-Aktivist*innen. Die Haftbedingungen sind extrem prekĂ€r: Die KapazitĂ€t der GefĂ€ngnisse wird bis zum FĂŒnffachen ĂŒberschritten. Der Staat kommt seiner Pflicht nicht nach: Hygiene und gesundheitliche Versorgung werden vernachlĂ€ssigt.

Staub wirbelt auf, als sich zwischen Bananenstauden das große Tor des GefĂ€ngnisses Nelson Hungria öffnet. Abgeschottet und vergessen sitzen hier, ganz am Ende des großen Komplexes, die Frauen ein. Die Pressesprecherin der staatlichen GefĂ€ngnisbehörde SEAP

(Secretaria de Estado de Administração Penitenciåria) empfÀngt mich.

Meine Interviewpartnerinnen wurden von der GefĂ€ngnisdirektorin ausgewĂ€hlt. Ob ein GesprĂ€ch unter vier Augen gefĂŒhrt werden dĂŒrfe, frage ich. Die Pressesprecherin muss lachen. NatĂŒrlich nicht. Also nimmt Insassin Fabiola Da Silva Platz, um mit mir vor der GefĂ€ngnisdirektorin, der Pressesprecherin, einer  Mitinsassin und der mich begleitenden Fotografin ĂŒber das Leben hinter Gittern zu sprechen. Eine einschĂŒchternde Situation. Da Silva sitzt seit einem Jahr hier ein. „Ich war in einer Beziehung mit einem DrogenhĂ€ndler. Er starb bei einer Schießerei. Zwei Monate danach wurde ich ins GefĂ€ngnis gesteckt, weil mein Telefon abgehört wurde“, erzĂ€hlt sie. Da Silva ist 25 Jahre alt, Schwarz und wuchs in der Favela Retiro in PetrĂłpolis, rund sechzig Kilometer von Rio de Janeiro entfernt, auf. Weshalb genau sie im GefĂ€ngnis ist, weiß sie nicht. Am Drogenhandel ihres verstorbenen Lebenspartners sei sie nicht beteiligt gewesen. Sie arbeitete in Vollzeit bei der Fast-Food-Kette Subway, als er starb. Nun sitzt sie hinter Gittern. „Ich habe eine kleine Tochter. Sie ist drei Jahre alt. Ich habe keinen Anwalt und bekomme keinen Besuch. Das Einzige, was ich bekomme, ist ein monatlicher Brief von der Patentante meiner Tochter“, fĂ€hrt Da Silva betrĂŒbt fort.

© Jessica Santos

Ein typisches Profil: Die brasilianische Durchschnittsinhaftierte ist Schwarz, arm und sitzt wegen kleinerer Delikte im Zusammenhang mit Drogenhandel ein. Zwischen 2006 und 2014 stieg die Anzahl inhaftierter Frauen laut einer Studie des brasilianischen Justizministeriums um mehr als fĂŒnfhundert Prozent an – im Vergleich zu zweihundert Prozent bei MĂ€nnern. Heute befinden sich insgesamt 37.380 Frauen in brasilianischen GefĂ€ngnissen. Nach den USA, China, Russland und Thailand verzeichnet das Land die fĂŒnfthöchste Zahl inhaftierter Frauen weltweit. Zwei Drittel der inhaftierten Frauen sind Schwarz, die HĂ€lfte ist zwischen 18 und 29 Jahre alt. Die meisten haben nur einen niedrigen Bildungs-abschluss.

„Frauen, die im Drogenhandel tĂ€tig sind, arbeiten in diesem meist in niedrigen Positionen. Dadurch geraten sie leichter ins Visier der Polizei“, erklĂ€rt Luciana Boiteux ein paar Tage spĂ€ter in einem der schickeren Viertel der Stadt. Die Strafrechtlerin und Kriminologin der BundesuniversitĂ€t Rio de Janeiro hat eine Studie ĂŒber inhaftierte MĂŒtter in Bangu durchgefĂŒhrt. Dabei stellte sie fest, dass 66 Prozent der Frauen keinen Besuch erhalten. „Wenn Sie am Besuchstag zu einem MĂ€nnergefĂ€ngnis gehen, gibt es eine riesige Schlange. Ehefrauen, MĂŒtter und Kinder kommen zu Besuch. Im FrauengefĂ€ngnis ist dies völlig anders. Wenn die Frauen ĂŒberhaupt Besuch erhalten, dann von ihren MĂŒttern“, fĂ€hrt Boiteux fort. Die Pflege und Assistenz der inhaftierten Frauen werde also hauptsĂ€chlich durch ihre weiblichen Angehörigen getragen. „Die Einsamkeit ist sehr groß. Dass sie vergessen werden, hat mit dem Stigma der Haft zu tun: Frauen schĂ€men sich und die Gesellschaft beschuldigt sie“, sagt Boiteux.

Die Haftstrafen hĂ€tten gravierende Folgen fĂŒr die einsitzenden MĂŒtter: „Wenn eine Frau ihre Strafe abgesessen hat, wird ihre Situation noch prekĂ€rer.“ Frauen wĂŒrden infolge ihrer Haft stĂ€rker stigmatisiert, was ihre Reintegration in die Gesellschaft erschwert. „Von MĂ€nnern wird irgendwie erwartet, dass sie gegen Gesetze verstoßen. Von Frauen nicht. Sie haben darin versagt, den sozialen Anforderungen gerecht zu werden: als Frau und als Mutter, die zu Hause bleibt und sich sensibel und verantwortlich um ihre Kinder kĂŒmmert“, erklĂ€rt die Kriminologin.

FĂŒr Da Silva ist die Trennung von ihrer Tochter schmerzvoll: „Sie ist in Obhut ihrer Patentante. Die schreibt mir, dass es der Kleinen gut geht. Jeden Tag wird sie schlauer. Sie weiß, wo ich bin. Und ihr geht es gut“, sagt sie mit gebrochener Stimme und hĂ€lt einen Augenblick inne, TrĂ€nen laufen ihre Wangen hi-nunter. Ob sie Sehnsucht nach ihrer Tochter habe? „Sehr starke“, seufzt sie.

©Jessica Santos

Drei Viertel aller inhaftierten Frauen in Brasilien sind MĂŒtter. Und nicht nur sie sind inhaftiert, sondern teilweise auch ihre Kinder. Wenn die MĂŒtter schwanger ins GefĂ€ngnis kommen und ihr Kind dort zur Welt bringen oder wenn ihre bis zu sieben Jahre alten Kinder nicht von Verwandten aufgezogen werden können, bleiben sie bei den MĂŒttern. Im Februar 2018 urteilte der Oberste Gerichtshof, dass noch nicht verurteilte schwangere Gefangene oder Gefangene mit Kindern bis zu zwölf Jahren ihre Strafe nicht mehr im GefĂ€ngnis absitzen mĂŒssen, sondern in ihren eigenen HĂ€usern. Ein Fortschritt, der die ĂŒberfĂŒllten GefĂ€ngnisse entlasten soll, denn dies betrifft fast zehn Prozent aller gefangenen Frauen. FĂŒr Da Silva wĂŒrde es bedeuten, dass sie sich kĂŒnftig zu Hause um ihre kleine Tochter kĂŒmmern könnte. Unterdessen wartet sie noch auf ihr Urteil. Da Silva weiß nicht, wie lange sie im GefĂ€ngnis bleiben muss. Sie fĂŒhlt sich einsam. „Ich habe mich von meiner Mutter und meinen Geschwistern verlassen gefĂŒhlt. Aber heute verstehe ich, weshalb sie mich nicht besuchen können“, flĂŒstert sie mit TrĂ€nen in den Augen.

Vor ein paar Monaten ist Da Silva in die Igreja Universal do Reino de Deus eingetreten, seitdem kann sie ihren Angehörigen vergeben und trĂ€gt ihnen die ausbleibenden Besuche nicht mehr nach. Die evangelikale Kirche fĂŒllt die LĂŒcke, die Staat und Gesellschaft hinterlassen: Sie leistet nicht nur emotionalen Beistand, der den Insassinnen hĂ€ufig fehlt. Da die Versorgung mit Hygieneprodukten unzulĂ€nglich ist, bringen die Pastor*innen neben Trost auch Toilettenpapier, Seife und Binden mit – in MĂ€nnergefĂ€ngnissen werden Hygieneprodukte oft von Angehörigen bereitgestellt. TĂ€glich besucht Da Silva den Gottesdienst und singt in einem evangelikalen Chor.

Aber die UnterstĂŒtzung der Kirche bietet Fallstricke fĂŒr die Inhaftierten, schließlich ist es der Igreja Universal nicht nur an NĂ€chstenliebe gelegen: Die Pfingstkirche ist bekannt dafĂŒr, ihre AnhĂ€nger*innen finanziell an sich zu binden. Ihr GrĂŒnder Edir Macedo hat aus SpiritualitĂ€t ein GeschĂ€ftsmodell gemacht und missioniert mit der Igreja Universal weltweit. Außerdem legen ihre Pastor*innen die Bibel homofeindlich aus und vertreten weitere konservative Positionen. Doch Da Silvas Notsituation treibt sie der Kirche in die Arme. „Ich will meine Familie wieder zusammenfĂŒhren, einen guten Job haben und mein Leben weiter evangelisieren, bis ich bei Gott ankomme“, wĂŒnscht sich die junge Frau fĂŒr die Zeit nach ihrer Freilassung.

Roseane Aparecido Feira ist ganz anders als die zurĂŒckhaltende Da Silva. Sie ist die zweite Inhaftierte, mit der ich sprechen darf. Die FĂŒnfzigjĂ€hrige fĂ€llt aus dem durchschnittlichen Raster: Sie ist weiß, hat eine UniversitĂ€t besucht und bekommt regelmĂ€ĂŸigen Besuch von ihrer Familie. Anders als Da Silva formuliert sie im GesprĂ€ch direkte Kritik am Justizsystem: „Wenn die Justiz funktionieren wĂŒrde, wĂ€re es gut. Die funktioniert aber nur fĂŒr einige, zum Beispiel fĂŒr Politiker. Aber fĂŒr uns, die wir hier drinnen auf Gerechtigkeit warten, nicht“, sagt sie und blickt in Da Silvas Richtung. Die eben noch weinende junge Frau nickt zustimmend in Richtung ihrer Mitinsassin. Wie Da Silva wartet auch Feira noch auf ihr Urteil. Vor ihrer Inhaftierung arbeitete sie als Krankenschwester in einer illegalen Abtreibungsklinik in Campo Grande, unweit des GefĂ€ngniskomplexes, in dem sie nun sitzt. Niemals hĂ€tte sie sich trĂ€umen lassen, sich eines Tages hinter diesen Gittern wiederzufinden. Ihr Vergehen: Mord. „Es war furchtbar. Eine Frau hat einen Schwangerschaftsabbruch in unserer Klinik durchfĂŒhren lassen und ist an den Folgen gestorben. Weil ich fĂŒr die Abteilung zustĂ€ndig war, bin ich fĂŒr ihren Tod verantwortlich“, berichtet sie mit ernstem Blick.

©Jessica Santos

Auch wenn Feira eine untypische Insassin ist, so ist ihr Fall doch Sinnbild fĂŒr eine Gesetzeslage, die Frauen benachteiligt. In Brasilien sind SchwangerschaftsabbrĂŒche illegal und nur in drei FĂ€llen straffrei: wenn die Schwangerschaft aus einer Vergewaltigung resultiert, das Leben der schwangeren Person gefĂ€hrdet ist oder der Fötus an Anenzephalie leidet, einer Fehlbildung des Gehirns, bei der die SchĂ€deldecke sich nicht schließt. Deswegen gibt es viele illegale Kliniken fĂŒr Abtreibung, deren Kosten das brasilianische Durchschnittseinkommen exorbitant ĂŒbersteigen. Wer sich diese nicht leisten kann, kauft illegale Abtreibungspillen oder treibt mit Hausmitteln ab, die die schwangere Person das Leben kosten können. Laut einer Studie des brasilianischen Gesundheitsministeriums sterben tĂ€glich vier Personen infolge der Komplikationen illegaler Abtreibungen. Wer ĂŒberlebt und angezeigt wird, sich aber keinen guten rechtlichen Beistand leisten kann, kommt ins GefĂ€ngnis. 42 Frauen sitzen in Rio de Janeiro hinter Gittern, weil sie selbst abgetrieben haben. Im Nelson Hungria ist Feira derzeit die Einzige, die im Zusammenhang mit SchwangerschaftsabbrĂŒchen inhaftiert wurde – wenngleich sie sich als Mitarbeiterin der Klinik vor Gericht fĂŒr Mord verantworten muss. „Ich denke, dass Abtreibungen legalisiert werden sollen. Sie sind Angelegenheiten der öffentlichen Gesundheit“, sagt sie bestimmt. WĂ€ren SchwangerschaftsabbrĂŒche in grĂ¶ĂŸerem Umfang erlaubt, gĂ€be es weder illegale Kliniken noch prekĂ€re Bedingungen, unter denen diese durchgefĂŒhrt werden. Dann sĂ€ĂŸe Feira wahrscheinlich nicht im GefĂ€ngnis – denn weniger Frauen wĂŒrden sterben.

Vor allem Schwarze Femi-nist*innen setzen sich in Rio de Janeiro fĂŒr bessere Haftbedingungen und die UnterstĂŒtzung von Insass*innen ein. Dies ist nicht immer einfach, wie eine Aktivistin des Kollektivs „Elas Existem“ (auf Deutsch: sie existieren) anfĂŒhrt: „Wir wollen ein Literaturprojekt mit den Frauen machen und mit ihnen feministische Texte lesen. Aber wir mĂŒssen lange auf die Genehmigung warten“, erklĂ€rt sie in einem TelefongesprĂ€ch. Auch Journalist*innen warten mitunter jahrelang darauf, brasilianische GefĂ€ngnisse besuchen zu können. Kritik am abgeschotteten System soll vermieden, die katastrophalen Haftbedingungen sollen unter Verschluss gehalten werden. In meinem Fall wurde die Genehmigung von der Sicherheitsbehörde schnell erteilt, weil ich mich zeitlich befristet im Land aufgehalten habe.

ZurĂŒck in Bangu. Nach hartnĂ€ckigem Insistieren erlaubt mir die Direktorin, die beiden Interview-partnerinnen zu ihren Zellen zu begleiten. Im Innenhof lĂ€dt eine Gruppe inhaftierter Frauen Essenspakete aus. Nieselregen fĂ€llt auf die in Plastikfolie verpackten Kekse. Ein Korb Bananen steht unter einem kleinen Dachvorsprung. „Guten Morgen“, murmelt eine der Gefangenen in gebetsmĂŒhlenartigem Ton, als seien wir eine wichtige Kommission. Vögel zwitschern, der Himmel ist grau, frische 15 Grad. Die Temperaturen in Bangu steigen im Hochsommer bis auf vierzig Grad an. In den Zellen gibt es keine Klimaanlage. Feira bedankt sich fĂŒr das Interview und wird von einer Aufseherin in ihre Zelle begleitet. „Nimm die Hand von den Gittern!“, brĂŒllt dieselbe GefĂ€ngnisdirektorin, die gerade noch so freundlich zu mir war, eine Insassin an. Fabiola Da Silva verabschiedet sich, um zur Chorprobe zu gehen. Wann sie das nĂ€chste Mal Besuch erhalten wird, ist ungewiss.

Diese Reportage entstand wĂ€hrend einer Residenz in der Casa PĂșblica der AgĂȘncia PĂșblica in Brasilien (apublica.org) und wurde durch die gemeinnĂŒtzige Initiative investigate e.V. gefördert.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

August 07 2018

10:43

Anti-Heimatskonferenz

Das Internationale Sommerfestival Kampnagel in der ehemaligen Fabrikhalle in Hamburgs Norden lohnt mal wieder einen Besuch: Vom 08. bis 26. August werdet ihr hier von Performancekunst ĂŒber Theater bis hin zu Diskussionen mit interessanten Speaker*innen mit allem versorgt, was euer Herz begehrt.

Der allgegenwĂ€rtigen Renaissance der Konzepte von „Heimat“ und „Nation“ widmet sich im Rahmen des Festivals der Themenschwerpunkt „Heimatphantasien“ am 18. und 19. August. Auf einer Anti-Heimatskonferenz intervenieren verschiedene Speaker*innen in den Diskurs um Horst Seehofer, Transitzentren und den Rechtsruck in der Gesellschaft. Und widmen sich möglichen Alternativen. Themen sind u. a. das Konzept von Nation als Heimat, die ZusammenhĂ€nge zwischen Migration und Rassismus, der Kolonialismus und transnationale Alternativen. Es spricht u. a. auch als Kuratorin der Veranstaltung die Missy-MitgrĂŒnderin Margarita Tsomou.

Hier geht’s zum Kalendereintrag.

09:20

MÀnner sind Arschlöcher

Von Sibel Schick

Der eine ist schön, der andere heiß,
Auch der SĂŒĂŸeste davon beißt.
Denn es ist ein strukturelles Problem,
Dass MÀnner Arschlöcher sind.

Ich kenne MĂ€nner, die sind voll okay,
Aber auch die können so nerven, ey.
Der eine lĂŒgt, der andere ist laut,
Gibt nicht mal zu, wenn er Scheiße baut.

Ja, alle MÀnner. © Tine Fetz

Ich habe Kumpels, verliebt war ich auch mal.
Wenn du mich fragst, mach ich’s noch mal.
Auch der Netteste profitiert vom Arschlochsein,
Und setzt sich nicht gegen das Patriarchat ein.

SĂŒĂŸe nette MĂ€nner, die mir zuhören,
Nicken brav zu und sagen: „Ich wĂŒrd gern lernen.“
Mach doch weiter, es dauert nicht lange,
Bis er sagt: „Du gibst zu viel Kante.“

FĂŒhlt sich ein Mann von dir bedroht,
Spricht er dir die Erfahrung ab.
Wer von meiner Existenz beleidigt wird,
Dem klatsch ich gern eine rein.

Einzelne MĂ€nner sind schon ganz okay,
In Gruppen wird’s schwierig.
Denn es hat System und Struktur,
Dass MÀnner Arschlöcher sind.

Du sagst: „Nicht alle MĂ€nner sind gleich.“
Ich sage: „Ist das nicht irrelevant vielleicht?“
Denn es ist ein strukturelles Problem,
Und ja, es ist kein individuelles Problem,
Und nein, es geht nicht um Ausnahmen,
Denn es ist ein weltweites PhÀnomen,
Dass MÀnner Arschlöcher sind.

August 06 2018

10:37

FĂŒr die Community

Von Stefanie Lohaus

Was Menschen wirklich wichtig ist, erfĂ€hrt man anhand der Aufkleber auf ihren Autos. HĂ€ufig sind das christliche Fische-Symbole oder „Baby an Bord“-Bekenntnisse. Ise Boschs blau-metallischen Toyota, mit dem sie mich am Bahnhof einer Kleinstadt in Norddeutschland abholt, zieren: eine Pride-Flag, ein Aufkleber mit der Web-Adresse der von ihr mitgegrĂŒndeten Stiftung „filia.diefrauenstiftung“ und ein „Atomkraft? Nein Danke!“-Sticker.

Ise Bosch wohnt in einem kleinen Haus, in einem gewöhnlichen Ort auf dem Land, und fĂ€hrt ein gewöhnliches Auto. Sie gibt Geld fĂŒr feministische und LGBTIQ-Projekte und Ă€ußert sich explizit kapitalismuskritisch. Dadurch unterscheidet sie sich von anderen bekannten reichen Personen wie den Quandts oder Susanne Klatten, die an konservative Parteien wie die CDU oder die FDP spenden – also diejenigen, die fĂŒr Besitzbewahrung stehen. Oder von Charity-Queen Ute Ohoven, die fĂŒr Kinder und gegen Krebs spendet. Das hilft ohne Zweifel auch, stellt aber nicht die herrschenden VerhĂ€ltnisse infrage. Und doch gibt es sie, die Reichen mit dem politischen Bewusstsein. Ise Bosch ist da nicht die einzige, mir fallen spontan noch George Soros’ „Open Society Foundation“ oder Jan Philipp Reemtsma ein. Aber vielleicht ist sie eine der konsequentesten – und der Name Bosch, auf den ich jeden Morgen blicke, wenn ich Milch aus meinem KĂŒhlschrank hole, wirkt natĂŒrlich fast schon mystisch.

 

Wer mit Ise Bosch spricht, merkt ziemlich schnell, dass es ihr nicht um Steuersparen oder karitative MildtĂ€tigkeit geht. Sie ist eine Menschenrechtsaktivistin, die die ihr vorhandene Ressource politisch nutzt und damit so weit von Charity entfernt ist wie das Missy Magazine vom Handelsblatt. Bosch ist eine Activist Donor, wie sie es selbst nennt, eine Spendenaktivistin, die mit „Geld politisch arbeitet“. Und sie ist Teil der weltweiten LGBTIQ-

Community, die sie zum ersten Mal wĂ€hrend ihres Studiums am Reed College in Portland kennenlernte. Darauf angesprochen blitzt es in ihren Augen: „Das Reed College war links und alternativ, schon seit den 1930ern, ein Zufluchtsort fĂŒr das alternative Obere-Mittelklassen-Amerika. Es gab intellektuelle Freiheit und sehr gute Kurse in Feminismus. Ich habe dort angefangen linkes Radio zu machen und habe das dann spĂ€ter bei Radio 100 in Berlin fortgefĂŒhrt.“ Westberlin, Anfang der 1990er, fĂŒr die junge, linke, lesbische Ise Bosch ein „logischer Ort“, um nach ihrem Bachelor in Portland zu leben und zu studieren.

Mit ihrem politischen Ansatz steht Ise Bosch in guter Familientradition. Schon ihr Großvater, UnternehmensgrĂŒnder Robert Bosch, bemĂŒhte sich etwa um gute Arbeitsbedingungen und spendete einen großen Teil seiner Gewinne. Und entgegen des Zeitgeistes war er kein Antisemit. Er war Mitglied im 1890 gegrĂŒndeten „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“. Eine Tatsache, die es Ise Bosch leichter mache, mit ihrem Erbe umzugehen, wie sie sagt. Auch wenn Robert Bosch wĂ€hrend des Krieges von der durch die NS-Diktatur verordneten BeschĂ€ftigung von Zwangsarbeiter*innen ebenso profitierte wie von der allgemeinen AufrĂŒstung, so hat er das NS-Regime nicht aktiv gestĂŒtzt. Die Robert-Bosch-Stiftung hat diese Verstrickungen bearbeitet.

©Kati Szilågyi

Ise Bosch wollte ihr Vermögen selbst verwalten. Es war ihr wichtig, ihr Geld selbst anzulegen, in nachhaltige Projekte. Konsequent wie sie nun mal ist, studierte sie gleich, wie man sozial investiert. Auf meine Frage, nach welchem Kriterium sie die Projekte auswĂ€hle, die sie fördert, antwortet sie verschmitzt: „Alles, was sich gegen das Patriarchat richtet“, und ergĂ€nzt: „Ich habe mich immer fĂŒr internationale ZusammenhĂ€nge und LGBTIQ interessiert.“ Ich muss gestehen: So einen Satz hört man nicht oft, und allein die Tatsache, dass Ise Bosch ihn ausspricht, wirkt auf mich ermĂ€chtigend. Auch auf unserer Seite gibt es Menschen, die Ressourcen haben. Take That, Patriarchy! Aber dass Bosch alles fördert, das stimmt so natĂŒrlich nicht. Mit Sicherheit ist Ise Bosch keine Person, die man mal nach ein bisschen Knete fĂŒr ein Projekt fragt. Mit ihrer Ressource geht sie strategisch und so demokratisch wie möglich um. „Es begann damit, dass ich aus internationalen Freund*innenkreisen angefragt wurde, etwa fĂŒr Fahrtkosten zu einer Konferenz. Ich habe dann gemerkt, wie viel Arbeit das ist, und mir Hilfe geholt. Und ich brauchte VerbĂŒndete.“ In den 1990er-Jahren gab es immer mehr Veranstaltungen, wo Frauen mit Erbe zusammentrafen. Dort lernte Bosch Gleichgesinnte kennen, mit denen sie im Jahr 2000 filia.diefrauenstiftung und Pecunia, das Erbinnen-Netzwerk, grĂŒndete.

Nun begegnen viele Menschen vor allem aus linken ZusammenhĂ€ngen privaten Geldgeber*innen in Deutschland skeptisch, durchaus zu Recht: Schließlich kann eine gewisse WillkĂŒr beim Geldverteilen nicht ausgeschlossen werden. Geldgeber*innen sind nicht automatisch Expert*innen fĂŒr das Feld, in dem sie VerĂ€nderung anstoßen wollen. Geld geben kann auch schaden und Fehlentwicklungen hervorrufen, das haben die Auswertungen westlichen Entwicklungshilfeversagens gezeigt. Insbesondere im Globalen SĂŒden wirkt das Engagement von weißen reichen Menschen und ihren NGOs oft wie eine kolonial-gönnerhafte Geste. Und ist das nicht irgendwie US-amerikanisch, dieses Spenden? Statt von öffentlichen Geldgebern sind dort viele soziale und kulturelle Organisationen von der Gönnerhaftigkeit reicher Individuen abhĂ€ngig. Ein Vorbild sind die USA hier nicht.

Ise Bosch weiß das alles. Sie habe frĂŒh angefangen, sich damit zu beschĂ€ftigen, ihren Aktivismus deswegen nach den Prinzipien transformativer Philanthropie ausgerichtet, erklĂ€rt sie. Das bedeutet: Machtstrukturen verĂ€ndern und Privilegien gezielt teilen, um tatsĂ€chlich mehr Gerechtigkeit herzustellen. Die grĂ¶ĂŸten Summen spendet sie daher langfristig an wenige Stiftungen und TrĂ€ger, in denen Expert*innen und Menschen aus der geförderten Gruppe nach eigenen Kriterien entscheiden, wie das Geld verteilt wird – und eben nicht die Einzelperson Ise Bosch. Seit zwanzig Jahren gibt Ise Bosch einen Großteil ihres Vermögens – dass sie aus dem Verkauf ihrer Anteile an der Robert Bosch GmbH generiert hat – an die New Yorker Astraea Lesbian Foundation for Justice, wie sie erzĂ€hlt. Mit diesen Mitteln wurde 1996 der International Fund for Sexual Minorities gegrĂŒndet, der in 99 LĂ€ndern 19 Millionen Dollar direkt an LGBTIQ-Grassroots-Organisationen vergeben hat. filia.diefrauenstiftung hat einen intersektional besetzten MĂ€dchenbeirat eingerichtet, der ĂŒber die Mittelvergabe entscheidet. Transformative Philanthropie bedeutet auch, sich nicht auf einmal Erreichtem auszuruhen, sondern die Schwerpunkte und die politische Arbeit immer wieder neu zu ĂŒberprĂŒfen und auf diejenigen zu fokussieren, die am stĂ€rksten marginalisiert sind. So hat Bosch fĂŒr einige Zeit der Heinrich-Böll-Stiftung eine Stelle fĂŒr einen LGBTIQ-Koordinator bezahlt. Und zu den USA sagt Bosch: „Sie sind mit Sicherheit kein Vorbild, wenn es um den fehlenden Sozialstaat geht. Sie sind aber Vorbild in puncto Widerstand sozial marginalisierter Gruppen. Wenn es darum geht, den Bereich der privaten Geldvergabe politischer zu gestalten, dann sind sie wirklich viel weiter als Deutschland.“

Und das ist Boschs anderes Ziel: Sie will den Spendensektor an sich transformieren. Zum einen will sie mehr Menschen dazu ermuntern, ihr Geld nach den Prinzipien der transformativen Philanthropie zu teilen und selbst zu Spendenaktivist*innen zu werden. Zum anderen will sie Menschenrechtsorganisationen in Europa darin unterstĂŒtzen, feministische und Gender-Kompetenzen zu erwerben. Und da gibt es einiges zu tun. Die Deutsche Stiftungslandschaft ist sehr konservativ, was Bosch zum großen Teil auf die Rechtslage zurĂŒckfĂŒhrt, die etwa vorschreibt, dass Stiftungen – die teilweise schon im Mittelalter entstanden sind – ihre Satzungen und damit ihren Stiftungszweck nur sehr schwer verĂ€ndern können. Zudem herrscht eine Pflicht zum Kapitalerhalt, d. h. dass Stiftungen nur Zinsen ausgeben können, was in Niedrigzinsphasen, wie der derzeit andauernden, das Modell Stiftung an seine Grenzen bringt.

Immerhin hat Deutschland eine riesige Landschaft an Stiftungen: Knapp 27.000 teils auch sehr kleine Institutionen zĂ€hlt der Deutsche Stifterverband. Wie viele davon sich explizit der Gleichberechtigung von Frauen und MĂ€nnern und/oder der Gleichberechtigung von LGBTIQ verschrieben haben: 158. Ein erschreckend kleiner Teil. Doch der Anfang ist gemacht. Die Aufmerksamkeit fĂŒr diese Anliegen steigt endlich. Erst vor einer Woche bekam Bosch den Deutschen Stifterpreis des Bundesverbands Deutscher Stiftungen verliehen, der zu diesem Anlass kurzerhand in Deutscher Stifterinnenpreis umbenannt wurde.

Ise Bosch freut sich darĂŒber, dass ihre Arbeit nun endlich auch in Deutschland die Anerkennung erhĂ€lt, die ihr gebĂŒhrt. Dass es dabei zu Szenen kommen wird wie vor einem Jahr, als sie den Transforma­tive Philanthropy Award erhalten hat, ist wohl eher unwahrscheinlich. Damals ĂŒbergab die sichtlich gerĂŒhrte Leiterin der Astrea Foundation J. Bob Alotta einer sichtlich bewegten Ise Bosch den Preis, der in Zukunft nach ihr benannt wird, mit den Worten: „Du hast wundervolle Entscheidungen in deinem Leben getroffen, die jede*n in diesem Raum beeinflusst haben. Deswegen ist dieser Preis nach dir benannt. Dein VermĂ€chtnis ist von großer Bedeutung, Ise Bosch.“

Ise Bosch „Geben mit Vertrauen – wie Philanthropie transformativ wird“ erscheint am 16.05. im Eigenverlag und ist bestellbar unter geben-mit-vertrauen.de, 20 Euro als Print,
8 Euro als E-Book.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

August 03 2018

09:01

In guten wie in schlechten Zeiten

Von Doreen Kruppa

Anna Kugler* ist Ende dreißig und heterosexuell. Statt des Wunsches, eng mit einer oder mehreren Liebesbeziehungen zusammenzuleben, hat sie ein „starkes GrundbedĂŒrfnis nach intensiven Freundschaften“ – und einem „Zuhause mit vielen Leuten“. Sie hat viele gute und langjĂ€hrige Freund*innen. Bei mehreren davon wĂŒrde sie sich „im Notfall gleichermaßen aufgehoben fĂŒhlen“. Einige ihrer Freund*innenschaften haben sich aus vergangenen AffĂ€ren oder Liebesbeziehungen entwickelt. Sie hat eine ihr wichtige, enge Beziehung zu einem Kind aus dem Hausprojekt, in dem sie lebt. Anna integriert ihre Freund*innen auch in ihre Herkunftsfamilie – etwas, das sonst eher fĂŒr Liebesbeziehungen typisch ist. Ihre Lebensweise im Freund*innenkreis sieht sie als dauerhaft an. Annas Lebensentwurf ist freundschaftszentriert.

Anna Kugler ist eine jener Personen, die ich fĂŒr meine Studie interviewt habe. Darin untersuche ich, warum sich Menschen fĂŒr freundschaftszentrierte Lebensweisen entscheiden, wie sie diese leben und mit welchen HĂŒrden sie dabei konfrontiert sind. Denn sich umeinander kĂŒmmern, zusammenleben, den Alltag miteinander teilen, gemeinsam Kinder aufziehen und die Zukunft planen – dafĂŒr gelten gemeinhin die monogame, romantische Liebesbeziehung und die Kleinfamilie als die geeigneten Beziehungsformen. Sie werden uns in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen als ideale und scheinbar natĂŒrliche Lebensweisen vermittelt. Dabei findet Sorge fĂŒreinander fĂŒr viele Menschen auch, und fĂŒr einige sogar vorrangig in Freund*innenschaften statt – so wie bei Anna. Aber Vorurteile, Gesetze, die Wohnpolitik oder die ArbeitsverhĂ€ltnisse im neoliberalen Kapitalismus erschweren eine solche Lebensweise.

Freundschaftszentriert bedeutet in diesem Kontext, dass Menschen Freund*innenschaften in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen, wĂ€hrend sie Liebesbeziehungen oder AffĂ€ren als gleich- oder nachrangig behandeln. Lebensweisen, bei denen Freund*innenschaften und Freund*innenkreise einen zentralen Stellenwert im Leben einnehmen, sind aus queeren Communitys bekannt, z. B. bei Lesben und Schwulen als „families of choice“. Sie werden jedoch hĂ€ufig als Ersatz fĂŒr ablehnende Herkunftsfamilien wahrgenommen und nicht als bewusst gewĂ€hlte Alternative zum heteronormativen Lebensmodell. Dazu tragen auch am Familienbegriff ausgerichtete Bezeichnungen fĂŒr alternative Lebensweisen bei, wie etwa

„Wahlfamilie“, wodurch unsichtbar wird, dass diese oft explizit gegen die heteronormative Ordnung der Kleinfamilie gerichtet sind.

Die Interviewten meiner Studie unterscheiden sich hinsichtlich Alter, geschlechtlicher und sexueller Verortung, Herkunft, Bildung und Elternschaft. Sie wohnen ĂŒberwiegend in Wohngemeinschaften, großen Wohnprojekten oder alleine. Alle pflegen mehrere Freund*innenschaften, die unterschiedlich gestaltet sind. Zu ihren BeziehungsgefĂŒgen zĂ€hlen bei allen enge Freund*innenschaften mit Expartner*innen, mehrere zĂ€hlen auch enge Beziehungen zu Kindern von Freund*innen oder Mitbewohner*innen dazu. Bei den meisten sind Kollektive, Gemeinschaften und Communitys, in denen sie wohnen, lohnarbeiten, sich politisch engagieren oder kĂŒnstlerisch tĂ€tig sind, wichtige SĂ€ulen in ihrem Leben.

©Jennifer Endom

Was macht nun diese Lebensweise aus? In allen Beziehungen spielt Sorgearbeit fĂŒreinander eine zentrale Rolle. Zu den Sorgepraxen in den Freund*innenschaften gehört, sich gegenseitig emotional, praktisch oder auch finanziell zu unterstĂŒtzen. Das schließt bspw. ein, fĂŒreinander zu kochen, einzukaufen, intensiv am Alltag der Freund*innen teilzuhaben oder dauerhaft gemeinsam zu wirtschaften. Sie verbringen ihre Freizeit, Feiertage oder lange Reisen mit ihren Freund*innen und sind ĂŒber relevante Interessen und Hobbys miteinander verbunden.

Ein wichtiges Thema in diesen Freund*innenschaften ist, sich in Notsituationen aufeinander verlassen zu können, etwa in psychischen Krisensituationen jederzeit ansprechbar zu sein, bei der*dem Freund*in zu ĂŒbernachten, wenn es einer*einem schlecht geht, bei ernsteren Erkrankungen die Pflege, Versorgung oder den Haushalt zu ĂŒbernehmen und sich gegebenenfalls im Freund*innenkreis dafĂŒr untereinander abzustimmen.

FĂŒr eine freundschaftszentrierte Lebensweise entscheiden sich Menschen aus ganz unterschiedlichen GrĂŒnden. Zum einen sind auf diese Weise vielfĂ€ltige intensive Beziehungen mit unterschiedlichen Menschen lebbar. Die gesellschaftliche Norm, auf eine Liebesbeziehung (manchmal auch mehrere) zu fokussieren, finden alle Personen in meiner Studie einschrĂ€nkend. Insbesondere die Frauen und sich queer verortenden Menschen lehnen außerdem die damit verbundene gesellschaftliche Rollenverteilung ab. Dazu passt, dass Einzelne davon berichten, dass im Rahmen ihrer Beziehungsstrukturen Sorgearbeit fairer verteilt wird und sie z. B. mehr UnterstĂŒtzung bei der Kinderbetreuung erhalten, als sie es aus Paarbeziehungen und Kleinfamilie kennen.

FĂŒr sie bieten die freundschaftszentrierten Lebensweisen mehr Gestaltungsmöglichkeiten: Die eigenen Interessen und BedĂŒrfnisse lassen sich auf unterschiedliche Freund*innen verteilen. Dadurch gelingt es wiederum besser, auf eigene Grenzen und die der anderen zu achten. Auch weil Rollenvorbilder fĂŒr freundschaftszentrierte Lebensweisen fehlen, mĂŒssen sich alle Beteiligten viel mehr ĂŒber ihre WĂŒnsche austauschen. Der positive Effekt: Die Beziehungen entsprechen stĂ€rker den eigenen Vorstellungen.

Die Menschen in freundschaftszentrierten Lebensweisen zeichnet aus, dass sie sich nicht mit vorgegebenen Modellen zufriedengeben, sondern mit alternativen Beziehungsformen experimentieren. Einige verstehen ihre Lebensweise als politisches Konzept. FĂŒr sie ermöglicht das Zusammenleben in grĂ¶ĂŸeren ZusammenhĂ€ngen mehr SolidaritĂ€t und Gemeinschaftlichkeit. Indem sie mit ihrem Lebensmodell die kleinfamiliĂ€re Privatheit ĂŒberschreiten, ergeben sich mehr AnknĂŒpfungspunkte und Ressourcen, um gemeinsam gesellschaftliche VerhĂ€ltnisse zu gestalten.

Allerdings existieren auch die freundschaftszentrierten Lebensweisen nicht im luftleeren Raum. Auch sie sind von Strukturen und Normen der neoliberalen kapitalistischen Gesellschaft mit MachtverhĂ€ltnissen um Geschlecht, SexualitĂ€t, Race, Klasse und Körper geprĂ€gt – und die politischen Entscheidungen orientieren sich oft an Paaren bzw. Kleinfamilien.

Menschen in freundschaftszentrierten Lebensweisen stellen Lohnarbeit und die Notwendigkeit sozialer Absicherung vor besondere Probleme: Mit einer Vollzeitstelle könnten sie ihre intensiven Freund*innenschaften, soziale Verantwortung fĂŒr Kinder von Freund*innen und Mitbewohner*innen und ihr Engagement in Wohnprojekten und anderen Kollektiven nicht umsetzen. Denn mehrere intensive Beziehungen zu pflegen, braucht Zeit. Aber von einer Teilzeitstelle leben können wiederum nur die, deren Arbeit im Rahmen der Lohnungleichheit der gegenwĂ€rtigen klassistischen VerhĂ€ltnisse gut bezahlt wird oder die ihre Lebenshaltungskosten senken, wie es einigen in alternativen ökologischen oder linken konsumkritischen LebenszusammenhĂ€ngen mit Ressourcenteilung möglich ist. Hier schließt jedoch direkt die Problematik einer Wohnraumpolitik an, die an Paaren, Kleinfamilien und sogenannten Singles ausgerichtet ist: Bezahlbare RĂ€ume fĂŒr gemeinschaftliches Wohnen, Arbeiten oder anderweitige kollektive Nutzungen sind rar. Gesetze privilegieren die Paarbeziehungen und Kleinfamilien, wĂ€hrend es an rechtlicher Anerkennung und sozialer Absicherung von freundschaftszentrierten Lebensweisen fehlt – die schließlich auch Verantwortung und Sorgearbeit fĂŒreinander ĂŒbernehmen.

FĂŒr die Interviewten meiner Studie sind deshalb RĂ€ume wichtig, in denen sie sich kritisch mit vorherrschenden Beziehungsnormen auseinandersetzen können und in denen alternative Lebensweisen respektiert werden. Dazu gehören etwa linke und queerfeministische Politprojekte, Gemeinschaftsprojekte zu alternativen Lebensweisen oder queerfeministische Seminare und Arbeitsgruppen an Hochschulen, deren Weiterbestand jedoch oft nicht gesichert ist. Diese sind auch nicht allen gleichermaßen zugĂ€nglich, da sie hĂ€ufig weiß, akademisch, mĂ€nnlich, heterosexuell dominiert und nicht barrierefrei sind und dadurch AusschlĂŒsse produzieren.

Anna Kugler möchte auf jeden Fall auch in Zukunft dauerhaft freundschaftszentriert leben und in Gemeinschaftsprojekten wohnen und arbeiten. Sie hofft, dass sich ihre Vorstellungen trotz der schwierigen Rahmenbedingungen umsetzen lassen und sich nicht alle ihre Freund*innen irgendwann doch fĂŒr ein klassisches Beziehungsmodell entscheiden, in dem dann fĂŒr intensive Freund*innenschaften kein Platz mehr ist. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

Reposted bygingergluepaketsusannenueckel

August 02 2018

09:46

Support statt Intrigen

Abbi & Ilana, „Broad City“
Abbi Jacobson und Ilana Glazer setzen in der US-Serie „Broad City“ nicht nur neue MaßstĂ€be fĂŒr ermĂ€chtigende Darstellungen weiblich gelesener Körper, sondern auch fĂŒr jene bester Freund*innen. Was es bedeutet, sich fĂŒr jemanden aufzuopfern, wird etwa deutlich, als sich Ilana wĂ€hrend eines Wasserausfalls darum kĂŒmmert, Abbis (wortwörtliche) Scheiße aus dem Klo zu entfernen – damit ihr Schwarm im Nebenzimmer davon nichts mitbekommt. Oder als Ilana Abbi erst dazu motiviert, ebendiesen Typen zu peggen, also mit einem Dildo zu penetrieren, und dann vor Freude ausrastet, nachdem sich Abbi tatsĂ€chlich getraut hat. Ilanas Crush auf ihre beste Freundin ist dabei nicht sehr subtil. Immer wieder initiiert sie angeblich zufĂ€llig entstandene homoerotische Szenerien, die auch mal ein bisschen creepy werden können: Einmal schlĂ€gt sie vor, bei einem Doppeldate gleichzeitig geleckt zu werden und sich dabei in die Augen zu schauen – welche besten Freund*innen trĂ€umen nicht von so einem Bonding-Moment? IntimitĂ€t ist bei den beiden ohnehin ein fester Bestandteil der Beziehung. Und zwar nicht nur auf der Leinwand: „Broad City“ basiert laut Abbi Jacobson und Ilana Glazer auf der Beziehung, die sie auch im wahren Leben verbindet. Die beiden sind nicht nur Hauptdarstellerinnen, sondern auch Macherinnen von „Broad City“ und vielleicht ist die ­Serie auch deshalb so witzig: Es funkt einfach. Hengameh ­Yaghoobifarah

Enid & Rebecca, „Ghost World“
Es ist dieser eine, endlos lange Sommer nach dem Schulabschluss, erfĂŒllt von Nebenjobs, RumhĂ€ngen und Zukunftsangst. Enid und Rebecca aus Daniel Clowes’ Comic „Ghost World“ aus den 1990er-Jahren sind seit Kindestagen befreundet. Nun haben sie die Schule hinter sich gelassen, auf der sie ihren Status als Außenseiterinnen zelebrierten, und die spießigen MitschĂŒler*innen, die sie von ganzem Herzen verachtet haben, erst recht. Aber was nun, ohne dieses zwar verhasste, aber Orientierung gebende Koordinatensystem?
Es folgen ein paar verwirrende Lovestorys (in der Filmversion von 2001 mit einem merkwĂŒrdigen alten Mann, im Comic hauptsĂ€chlich mit einem befreundeten Gleichaltrigen) und ein Aufnahmetest fĂŒrs College, den Enid vor Rebecca verheimlicht. Und allerlei schmerzliches Loslassen. WĂ€hrend Rebecca allmĂ€hlich ein „normales“ Leben immer verlockender findet und beginnt, sich langsam von ihrer ĂŒbermĂ€chtigen Freundin Enid und ihren strengen Vorgaben, wie man leben soll, zu lösen, verlĂ€sst diese endgĂŒltig die Vorstadtgegend, in der die beiden aufgewachsen sind. Am Ende steht die Erkenntnis: Diese erste Trennung von der besten Freundin ist grĂ¶ĂŸer und schmerzhafter als das Ende aller Liebesgeschichten. Anna Mayrhauser

©Jennifer Endom

Missy Elliott & Lil‘ Kim
Da Brat, Lil’ Kim, Aaliyah, Eve, Tweet, Ciara – schon immer hat es Missy Elliott, einer der ersten weiblichen Superstars im HipHop, verstanden, ihre Freundinnen mit an Bord zu holen. Und sie hat auch mitgeholfen, deren Karrieren zu pushen. Schade bloß, dass Elliotts starker Verbindung zu diesen HipHop- und R’n’B-KĂŒnstlerinnen meist weniger Aufmerksamkeit zuteil wurde als ihrer langjĂ€hrigen Freundschaft mit ihrem kreativen WeggefĂ€hrten und Produzentenpartner Timbaland. Unvergessen bleibt jedoch der All-time-favourite-Freundinnen-Song „Best Friends“, den Missy Elliott 1997 zusammen mit Aaliyah fĂŒr ihr zukunftsweisendes DebĂŒtalbum „Supa Dupa Fly“ aufnahm. Im GedĂ€chtnis sind auch ihre Kollabos mit Lil’ Kim, der „Original Queen B.“ (der auch BeyoncĂ© kĂŒrzlich mit einem Halloween-KostĂŒm ihre Ehrerbietung erwies). Auch wenn vom „Original“ ­zugegebenermaßen nicht viel ĂŒbrig geblieben ist – nach etlichen „Schönheits“-OPs ist Lil’ Kim heute nur schwer wiederzuerkennen –, bleibt die aus Brooklyn stammende Hardcore-Rapperin, die ihre Karriere einst in Notorious B.I.G.s Junior-M.A.F.I.A.-Crew begann, eine der erfolgreichsten Rap-KĂŒnstlerinnen aller Zeiten – stets supported von Fan und Freundin Missy. Im Videoclip zu Missy Elliotts „Sock It 2 Me“ (hallo, Fischauge!) flĂŒchten Missy und Lil’ Kim vor gemeingefĂ€hrlichen Monster-robotern, bis sie schließlich von Da Brat gerettet werden: galaktische Freundinnenschaften, von denen es nie genug geben kann. Vina Yun

Hanni & Nanni
Das erste Buch, das ich selbst gelesen habe, war die 765 Seiten starke JubilĂ€umsausgabe von Enid Blytons „Hanni und Nanni“: ­Hanni und Nanni Sullivan, ein Zwillingspaar aus der Oberschicht, werden von ihren Eltern im Alter von zwölf Jahren auf das Internat Lindenhof geschickt. Sie sind nicht begeistert, denn in Lindenhof gibt es keine Privilegien: Alle MĂ€dchen schlafen in Mehrbettzimmern, sie dĂŒrfen nur wenige private GegenstĂ€nde mitnehmen und mĂŒssen Schuluniformen tragen. Anfangs werden sie noch die „hochnĂ€sigen Zwillinge“ genannt, doch schnell schließen sie viele Freundinnenschaften und merken, worauf es im Leben wirklich ankommt – nicht auf Kleidung und Besitz, sondern auf SolidaritĂ€t, Empathie und IndividualitĂ€t. Das Thema Klassismus wird hier verpackt in Geschichten um einzelne Personen, wie etwa die unsympathische Angeberin Suse, von der dann „herauskommt“, dass sie sich schlicht schĂ€mt, aus einer Arbeiter*innenfamilie zu stammen. Am Ende steht die Botschaft: Alle MĂ€dchen sind gleichwertig und niemand wird zurĂŒckgelassen. Botschaften, die wir auch heute noch dringend brauchen. Das Buch ist tatsĂ€chlich eine Art Empowerment-Bibel in einer Grundschulklasse, in der manche MĂ€dchen von anderen gemobbt werden, weil deren Eltern von Sozialhilfe leben. Stefanie Lohaus

Marissa & Summer, „O.C. California“
Als 2003 die Serie „The O.C. California“ erstmals ausgestrahlt wurde, verzauberten die Hauptcharaktere Marissa Cooper, Ryan Atwood, Summer Roberts und Seth Cohen viele Teenager. Doch nicht nur die Liebesbeziehungen zwischen Marissa und Ryan oder Summer und Seth waren von Bedeutung, sondern vor allem auch die Freundinnenschaft zwischen Marissa und Summer. Die zwei sind ein unzertrennliches Team, das gemeinsam durch schwierige Phasen geht und dabei nach und nach erwachsen wird. Egal ob Marissa wegen Ryans Eifersucht verletzt ist oder Summer traurig, weil Seth mal wieder Seth ist – Trost und Zuwendung finden sie bei der besten Freundin. Auch wenn Summer in der ersten Folge aus jugendlicher NaivitĂ€t Marissa nach einer Party betrunken in der Hofeinfahrt liegen lĂ€sst, ist sie spĂ€ter immer fĂŒr Marissa da und leistet ihr Beistand, als diese von AlbtrĂ€umen ĂŒber einen Vergewaltigungsversuch von Ryans Bruder geplagt wird. Auch kauft sie Marissa – obwohl sich diese egoistisch verhĂ€lt – einen Pullover der UniversitĂ€t Berkeley, jener Uni, fĂŒr die sich Marissa bewirbt, und beweist damit, wie wichtig der Support einer guten Freundin ist. Wie jede Freundinnenschaft ist auch diese nicht perfekt, denn Summer investiert mehr in die Beziehung als Marissa. WĂ€hrend jedoch in vielen Serien, wie bspw. „Gossip Girl“, Freundinnenschaften zwischen Frauen auf Intrigen, Eifersucht, Machtspielen und RivalitĂ€t aufbauen, ist das Besondere an Marissa und Summer, dass ihr VerhĂ€ltnis vor allem von UnterstĂŒtzung und Ehrlichkeit geprĂ€gt ist. Jesse R. Buendia 

Diese Text erschien zuerst in Missy 03/18.

August 01 2018

08:21

Wo finde ich die Eine?

Von Ella Carina Werner

Eine Frau braucht eine gute KĂŒchenmaschine, einen Mann zum Anlehnen, ein gebĂ€rfreudiges Becken, ein QuĂ€ntchen Selbsthass und eine beste Freundin. So will es die Gesellschaft. In jeder Prosecco-Werbung grinsen Perlwein sĂŒffelnde Freundinnen Arm in Arm in die Kamera. Die Freundin, zumal die beste, ist ein Must-have, ein Ausweis des eigenen vitalen Soziallebens. Frauen, die keine beste Freundin haben, werden von Sinnkrisen und noch mehr Selbsthass heimgesucht und mĂŒssen traurig sterben.

Doch das ist jetzt vorbei! Denn seit Kurzem gibt es diverse Apps und Onlineportale, die Frauenfreundschaften vermitteln, von „friends-up.de“ ĂŒber „mysookie.com“ und „beste-freundin-gesucht.de“ bis „Hey! VINA“.

Neugierig betrachte ich die vielen fliederfarbenen Webseiten und melde mich ĂŒberall an. „Weil’s mit Dir einfach schöner ist“, wird mir verheißen, oder: „Der Shopping-Marathon macht zu zweit mehr Spaß.“ Auf den Fotos je ein Frauenpaar mit riesigen EinkaufstĂŒten. Auch „sun, fun and nothing to do“ wird mir versprochen, ĂŒberall wimmelt es von den Keywords Spaß und Fun. Etwa beim „gegenseitig die NĂ€gel Lackieren“, ja selbst beim gemeinsamen Work-out, Po an Po: „Der Winterspeck muss weg!“, verordnet „FriendsUp“.

Erst mal eine Freundin finden. Aber wen? Freundin ist ja nicht gleich Freundin. Bei

„MySookie“ kann man unter verschiedenen Typen auswĂ€hlen: „Wellnessfreundin“, „Shoppingfreundin“ oder die universale „beste“. Nur eine Sauffreundin entdecke ich leider nicht. Ziel ist, eine „liebe Person“ zu finden. Aber eigentlich suche ich eher eine rotzige, auch mal muffelige Freundin, die ordentlich Konter gibt.

Einen halben Tag bin ich nun auf vier Portalen angemeldet. Immer noch kein Match. Niemand schreibt mich an. Kaum jemand wird mir vorgeschlagen. Vielleicht hĂ€tte ich in der Selbstauskunft nicht „starke Raucherin“ und als Lieblingsmusik „Dark Metal“ angeben sollen.

Bei „MySookie“ gibt es auf der Startseite einen Liveticker – „Anne W. aus Kiel und Mara S. aus NeumĂŒnster sind nun befreundet“ –, der alle paar Minuten aktualisiert wird. Puh, das stresst, das setzt unter Druck, und bei mir: immer noch nichts.

©Jennifer Endom

„Wo finde ich die Eine?“, wird uns Nutzerinnen auf „beste-freundin-gesucht.de“ in den Mund gelegt, und: „Eines Tages kommt die Richtige!“ Warum eigentlich dieser alberne Zwang zur Monogamie, selbst in Sachen Freund*innenschaft? Überhaupt bekommt man auf sĂ€mtlichen Seiten den Eindruck, Freund*innen- und Partner*innensuche seien praktisch dasselbe. So gibt es auf „beste-freundin-gesucht.de“ Tipps fĂŒr das erste Kennenlerntreffen. Die Kernfragen lauten: „Was ziehe ich an?“ und „Wie mache ich meine Haare?“ Dabei ist doch eigentlich das Tolle an Freund*innenschaften, dass man da auch mit fettigen Haaren auftauchen oder nachts hackedicht in deren Klo reiern kann.

„Wahre Freundschaft gibt es nur unter Frauen“, lautet das Motto von „FriendsUp“. Freundschaft unter MĂ€nnern scheint weniger wichtig. Der Mann ist eben an und fĂŒr sich vollkommen. MĂ€nnerfreundschaften, so das mediale Credo, sind flĂŒchtiger. Und irgendwann eh vorbei: „Der Feind tiefer MĂ€nnerfreundschaft ist die Liebe zur Frau“, heißt es achselzuckend in der „Men’s Health“. Kontaktbörsen fĂŒr MĂ€nnerfreundschaften existieren praktisch nicht. Jedenfalls nicht direkt. Die Suche lĂ€uft hier ĂŒber gemeinsame Reiseziele und Hobbys: „Suche ganze Kerle fĂŒr meine Nepalreise!“

Seit 24 Stunden bin ich jetzt auf Freundinnensuche und hab noch immer keine gefunden. Ich Ă€ndere meinen Musikgeschmack, ich tarne mich als Nichtraucherin. Ich werde endlich selbst aktiv und kontaktiere eine Frau, die in meiner Stadt wohnt. „Hab grade letzte Woche schon eine liebe Freundin gefunden, sorry!!“, schreibt sie zurĂŒck.

Dann eben nicht. Muss ich den Shopping-Marathon weiterhin alleine bewĂ€ltigen, muss weiter allein aufs Klo. Ich erwĂ€ge, mir einen mĂ€nnlichen besten Freund zu suchen, aber das geht nie gut, das weiß ich aus „Brigitte“ & Co. Wahre Freundschaft gibt es, siehe oben, eben nur unter Frauen.

Dann aber sehe ich ein Licht am Ende des Tunnels: Bei der Google-Suche entdecke ich eine App namens „Ameego“, dort kann man Freund*innen mieten. Gegen Geld. Ehrlich, pragmatisch, ganz ohne fliederfarbene SchriftzĂŒge und SinnsprĂŒche aus „Der kleine Prinz“. Ganz genau mein Ding. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

July 31 2018

07:56

Weiße Soli, (un-)kritische Soli

Von Tove Tovesson

Seit einiger Zeit geistert der Begriff „kritische SolidaritĂ€t“ durch Twitter. Gemeint ist wohl, SolidaritĂ€t an Bedingungen zu knĂŒpfen. Derzeit nehmen sich das offenbar besonders Leute, die nicht von Rassismus betroffen sind, zu Herzen, wenn sie sich Rassismusbetroffene vorknöpfen.

Illustration: Tine Fetz

Es kann ja nicht sein, dass man unschuldig von einer WoC, die in einem rassistischen Shitstorm versinkt, geblockt wird, da muss man schon mal ihren Arbeitgeber kontaktieren oder die eigenen Follower*innen auf sie hetzen. Es kann auch nicht sein, als Alman bezeichnet zu werden, wenn man doch Österreicher*in ist, denn das ist geschichtsvergessen und völkisch zugleich. Wer einer gestandenen (weißen) Antifa-Aktivistin dann noch selbst Rassismus unterstellt, ĂŒberspannt wirklich den Bogen, denn man kann doch gar nicht rassistisch sein, wenn man Antifa-Aktivistin ist. Vielmehr haben wir es hier mit IdentitĂ€tspolitik zu tun — aufseiten der Rassismusbetroffenen, die damit Weiße mundtot machen! (Ja, es ist schlimm auf Twitter.) Gut, dass die SolidaritĂ€t in der weißen Antifa unkritisch ist, also zumindest untereinander. Manchmal hilft eben nur, WoC solidarisch wegzublocken, damit man wieder in Ruhe Antifa-Arbeit machen kann.

Denn man hat ja keine Chance als weiße Person im GesprĂ€ch ĂŒber Rassismus mit Rassismusbetroffenen. — An solchen Aussagen von selbsterklĂ€rten Linken zeigt sich, wie tief Rassismus einfach auch bei uns noch sitzt. Wie viele von uns kommen nicht auf die Idee, dass Rassismus vielleicht schlicht kein Diskussionsgegenstand zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen sein muss, sondern man Betroffenen einfach glauben kann, sogar wenn man selbst die kritisierte Person ist. Es geht einfach in diesem Moment viel weniger um eine*n selbst, als man denkt. Aber auch diese TĂ€uschung scheint weitverbreitet, schaut man sich die VorwĂŒrfe gegen Mesut Özil an und wie plötzlich alle Meister*innen der Dialektik sind. Er erlebt zwar Rassismus und das ist schlecht, aber 
 Oder: Warum schreibt er denn nicht auf Deutsch? Da sieht man mal, wie schlecht er integriert ist!

Im Handumdrehen wird hier aus einer Benennung von Rassismus, die etliche BPoC bestĂ€tigen, ohne dazu irgendwie weiß-deutsche Erlaubnis oder Kritik zu brauchen, eine deutsche Integrationsdebatte. Denn die kann man immer gegen BPoC fĂŒhren und gewinnen. Der einfache Grundsatz, „Wo kein Können, da kein Sollen“, ist beim Thema Integration nĂ€mlich außer Kraft gesetzt. BPoC sollen das Unmögliche leisten, wenn die weiße Mehrheitsgesellschaft Integration verlangt, ohne ihren Rassismus aufzuarbeiten. BPoC sollen nicht stören, aber sind doch von Anfang an als Störer*innen im Volkskörper markiert. Selbst in redundanten Diskussionen mit der weißen Antifa stehen sie am Ende als Aggressor*innen da, wĂ€hrend Weiße sich gegenseitig Credit dafĂŒr geben, doch zu den Guten zu gehören.

Diese SelbstĂŒberschĂ€tzung als Maß aller Dinge eint bĂŒrgerlich-konservatives Integrationsgejaule und die weiße Antifa. Weder Integration noch weiße Antifa sind Speerspitzen von irgendwas außer sich selbst. Sorry. Es gibt einige Dinge, die Weiße im antirassistischen Kampf ĂŒbernehmen mĂŒssen, weil sie fĂŒr BPoC qua Rassismus unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig viel gefĂ€hrlicher oder nicht möglich sind, aber dazu gehört nicht zu bestimmen, was Rassismus ist und was nicht.

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