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August 21 2018

09:43

Für Siggi und Sampson

Von Josephine Apraku

Sonntag, 29. Juli 2018
Ich weiß leider nicht mehr, wo ich es gelesen habe, aber besonders in diesen Tagen klingt es in mir nach: Das, was wir unser Selbst nennen, ist eine Sammlung von Erinnerungen – unser Sein die Anwesenheit unserer Vorfahr*innen im Jetzt. Warsan Shire schreibt dazu in unendlicher Schönheit: „I have my mother’s mouth and my father’s eyes; on my face they are still together.“

Ich sitze im Garten meiner Oma in Düsseldorf. Sie liegt seit einigen Tagen im Sterben. Ein Prozess, wie ich mit ihr lerne, der so selbstbestimmt ist wie ihr eigenes Leben. Ich bin froh, dass ich hier sein kann, denn wie sonst soll es mein einfaches menschliches Gehirn begreifen, dass sie bald nicht mehr da ist.

© Tine Fetz

In diesem Jahr, in diesen Tagen schwanger zu sein lässt mich darüber nachdenken, welche Teile von Oma Siggi und Sampson, meinem Opa aus Ghana, den ich nie so richtig kennengelernt habe, in mir nachhallen. Was haben sie an mich weitergegeben? Was werde ich an den Menschen, den ich selbst gemacht habe und den ich völlig neu kennenlernen werde, weitergeben?

Montag, 30. Juli 2018
Sie täglich im Hospiz begleiten zu dürfen bereitet mir Frieden – ruhige Momente sind das: Ich höre ihren Atem, der mal regelmäßig ist, mal stockt. Ab und zu schlägt sie die Augen auf und lächelt meine jüngere Schwester und mich an, schließt ihre Augen wieder und schläft ein wenig tiefer ein als zuvor. Während wir an ihrem Bett sitzen, werden meine Schwester und ich – ich arbeite, sie liest – von der Erkenntnis begleitet, dass Harmonie darin besteht, dass wir einen Teil unseres alltäglichen Lebens an ihrem Sterbebett verbringen können.

Früher in diesem Jahr ist mein Opa in Ghana gestorben. Die Trauer, die mich erfüllt hat, war mir fremd, wie er selbst. Ein seltsames Gefühl: Obwohl er so bedeutsam für mein alltägliches Leben als Schwarze Deutsche ist, erinnere ich mich nur an eine Begegnung mit ihm in Ghana, als ich noch sehr klein war. Neben all den Kämpfen, die ich mit der Resilienz bestreite, die auch er an mich weitergegeben hat, bleibt mir von ihm ein kleines Kästchen mit ghanaischem Goldschmuck.

Mittwoch, 01. August 2018
Oma Siggi ist heute am frühen Abend gestorben. Nachdem sie in den letzten beiden Tagen keinen Besuch mehr haben wollte – das hat sie sehr klar artikuliert –, waren meine Schwester und ich am Vormittag noch mal bei ihr. Wir lassen sie wissen, dass wir sie lieb haben, wir ihren Wunsch, allein zu sein, respektieren und nach Hause fahren. Sie lächelt uns an, lässt uns wissen, dass es ihr an nichts fehlt, und schließt einmal mehr die Augen.

Sonntag, 05. August 2018
Weil ich nicht mit meinem Vater aufgewachsen bin, weiß ich über meinen Opa wenig. Meine Tante erzählt, dass er in der Partei des ehemaligen Präsidenten Ghanas, J.J. Rawlings, politisch tätig war und an der Verfassung von 1992 mitgeschrieben hat. Darüber, wie er knapp zwei Jahrzehnte britischer Kolonialherrschaft erlebt hat, weiß ich nichts. Darüber, was ihm in seinem Leben wichtig war, weiß ich ebenso wenig.

Meine Oma wird vor dem Zweiten Weltkrieg geboren. Im Krieg hatte sie, weil sie in der Dunkelheit so gut hatte sehen können, zum Bunker vorauslaufen müssen, um den anderen den Weg zu weisen. Wie viele andere wird sie während dieser Jahre regelmäßig „verschickt“. Kürzere oder längere Reisen sind das, die sie als Kind als Abenteuer wahrnimmt. An einem Vormittag, sie trinkt eine Tasse Kaffee, als sie mir davon erzählt, zeigt sie mir die wenigen Bilder, die sie aus dieser Zeit besitzt.

Die Kriegserfahrung, Nächte im Bunker, während Bomben in die Häuser ihrer Wohngegend in Düsseldorf Unterrath einschlagen, machen meine Oma in ihren späteren Lebensjahren nicht weniger lebensfroh. Die Art, wie sie als Frau dieser Zeit mit all ihren Herausforderungen lebt, ist eine Liebeserklärung ans Leben: Sie liebt meinen Opa, dessen Name mein erster Vorname ist, feiert rauschende Feste, auf denen mitunter – nicht nur mein Opa – geknutscht wird, und bereist voller Neugier mit Freund*innen die Welt.

Meine Mama erzählt über Oma Siggi, ihre Mutter, dass sie, seit sie sich erinnern kann, immer Auto gefahren ist. In den 1960er- und 1970er-Jahren ist das keineswegs normal. Eigentlich, sagt sie, sind in den Familien ihrer Freund*innen immer die Väter gefahren. Bis in ihre späten Jahre fährt Oma Siggi auf der Autobahn konsequent auf der linken Spur und drängelt andere aus dem Weg.

Vieles von dem, was mich ausmacht, mein selbstbestimmtes Schwarz-Sein, meine feministische Haltung, sind Vermächtnisse von meiner resoluten lebensliebenden Oma* und meines Opas, Sampson.

Die Ältesten meiner Familie sind Menschen, die ihre Kindheit während des Zweiten Weltkriegs in Bunkern verbracht, die Kolonialzeit und den Tag der Unabhängigkeit in Ghana erlebt haben. Menschen, die voll des Lebenswillens waren und nach ihren Möglichkeiten ihr Leben gestaltet haben. Das alles sind Dinge, die sie an meine Eltern, an mich weitergeben und die ich nun weitergebe.

Freitag, 10. August 2018
Auf ihrem frischen Grab fliegen Bienen um die Kränze und bestäuben die üppigen Blüten. Ein- und Austritt aus dem Leben sind, wie ich mit dem Sterbeprozess meiner Oma lerne, gar nicht so verschieden: Ihr Tod ist ein bisschen wie eine Geburt rückwärts. Als sie Ende Juli im Sterben liegt, schaltet sich ihr Körper wie ein Kraftwerk nach und nach ab – ihr Vermächtnis bleibt, auch in meinem Kind.

* Passend zum Wesen meiner Oma ist sogar ihre Traueranzeige fröhlich, so fröhlich, dass sie von einigen Magazinen aufgegriffen wird, etwa hier, hier und hier. 

August 20 2018

10:38

Who run the world wide web?

Von Jesse R. Buendia und Hengameh Yaghoobifarah

Gegen Antifeminismus 

Diskursatlas Antifeminismus“ ist ein Wiki, das Narrative und Formulierungen, die in antifeministischen Kontexten benutzt werden und charakterisierend für den Antifeminismus sind, sammelt und erläutert – von „Frühsexualisierung“ über „Gender-Ideologie“ bis „Keimzelle der Nation“. Unterteilt wird das Wiki in die Themenfelder Bevölkerung, Sexualität, Geschlecht, Familie, Bildung, Arbeit, Gleichstellung und Gewalt. Hierzu bietet die Seite, die laufend befüllt wird, Analysen von Medienberichten, Reden und öffentlichen Stellungnahmen. Der Diskursatlas ist die Fortführung des „Agent*In“-Projekts („Information on Anti-Gender-Networks“), das jedoch kurz nach Start in starke Kritik geriet und nach drei Wochen offline gestellt wurde. Als Nachschlagewerk richtet sich der Diskursatlas an Wissenschaftler*innen, Lehrer*innen, Journalist*innen und Aktivist*innen, jede*r ist eingeladen, ihn für Recherchen zu nutzen.

Top Journalistinnen

Gerade mal 27 Prozent macht der Frauenanteil an Führungspositionen in europäischen Nachrichtenunternehmen aus. Würde es sich auf die Art und Weise der Berichterstattung in Europa auswirken, wenn das Geschlechterverhältnis ausgewogen wäre? Dieser Frage geht newsmavens.com nach. Die Website stellt Nachrichten und Features zu gesellschaftlichen Themen wie bspw. Religion, Bildung, Race oder LGBTIQ zusammen. Hierbei wählen Frauen, die in Topmedienunternehmen in der EU arbeiten, die Nachrichten aus, fassen sie zusammen und erklären, weshalb diese wichtig sind. Am Ende jedes Artikels findet sich eine kurze Auflistung der wichtigsten Fakten. Außerdem gibt es einen täglichen Rückblick auf die relevantesten Geschehnisse in Europa und eine Wochenend-Review. Die Berichte sind nicht nur aus einer weiblichen Perspektive geschrieben, sondern auch alle auf Englisch. Auf diese Weise versucht die Website, ein globales Nachrichtennetzwerk über Ländergrenzen hinweg zu schaffen.

Seeds

©Shatterglass.film

Eine Großstadt, vier Freundinnen und ein ehrlicher Zugang zu Sexualität, Körper und Beziehungen: Nein, die Rede ist nicht von „Girls“, sondern von der Webserie „Seeds“. Die erste Staffel ist im März auf dem Online-Sender OTV erschienen. Mit viel Witz, Schwarzem Feminismus und Tiefe schufen Caitlyn Johnson und Deja Harrell, beide Anfang Zwanzig und aus Chicago, ein Format, das kaum näher am Puls der Zeit sein könnte.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

Reposted bygingergluep125

August 16 2018

10:56

Hä, was heißt Toxic Masculinity?

Von Frederik Müller

Toxic masculinity ist Englisch und bedeutet toxische, also schädliche Männlichkeit. Das Konzept beschreibt eine in unserer Gesellschaft vorherrschende Vorstellung von Männlichkeit und umfasst das Verhalten, das Selbstbild und Beziehungskonzepte von Männern sowie kollektive männliche Strukturen. Männer sollen keine Schwäche zeigen, höchstens Wut, sie sollen hart sein, aggressiv und nicht zärtlich oder liebevoll, schon gar nicht miteinander. Männlichkeit muss immer wieder bewiesen werden, z. B. durch die Einordnung in eine Hierarchie, die mit Mutproben und erniedrigenden Ritualen gefestigt wird – auf dem Schulhof genauso wie in der Bundeswehr.

©Fotolia/otsphoto


So findet toxische Männlichkeit in der Kindheit ihren Anfang und setzt sich nicht zuletzt in Männerbünden als Organisationsform auf allen Ebenen der Gesellschaft fort. Sie findet aber nicht nur „unter Männern“ statt, sondern richtet sich auch nach außen: In Form von Gewalt gegen andere, vor allem Frauen und Queers, und sexualisierter Gewalt gegen Menschen aller Geschlechter. Es geht immer auch um Sexualität: Nach den Vorannahmen von toxischer Männlichkeit muss ein Mann immer (heterosexuellen) Sex haben wollen und können. Dies ist ein wichtiger Baustein der Vergewaltigungskultur (Rape Culture) und verstärkt zudem das gefährliche Vorurteil, dass Männer nicht Opfer von sexualisierter Gewalt werden können.

Wer toxische Männlichkeit erlernt hat, lebt mit einem Mangel: Diese Personen haben meist kein gutes Verhältnis zu ihrem Körper, können ihre eigenen Grenzen ebenso wenig respektieren wie die anderer und haben Schwierigkeiten damit, Gefühle zuzulassen, zu zeigen und zu verarbeiten. Konsequenzen hieraus sehen wir etwa im schlechten Umgang heterosexueller cis Männer mit dem eigenen Körper, ihrer Nachlässigkeit gegenüber der eigenen Gesundheit und ihrer Tendenz zu Depressionen, Sucht und Suizid.

Weil toxische Männer mit ihren Gefühlen nicht alleine hantieren können, lagern sie diese Aufgabe meist an andere aus. Vor allem Frauen und femininere Personen als man selbst werden wie Gefühlsmaschinen benutzt, die ihnen die eigene Gefühlswelt sortieren und erklären sollen. Für viele heterosexuelle Männer sind Freund*innenschaften, die Frauen und Queers untereinander und miteinander führen, unvorstellbare Schauplätze von Nähe und Intimität. Sie sehen sich oft nicht in der Lage, selbst Zärtlichkeit und Verletzlichkeit in eine Beziehung einzubringen. Sowohl cis als auch trans Männer können toxische Männlichkeit verkörpern, aber diese Eigenschaften sind nicht auf ein Geschlecht beschränkt. Es ist kaum möglich, toxische Männlichkeit lediglich in einzelnen Identitäten zu verorten, da unterschiedlichste Gender sie nutzen, um Maskulinität, also eine maskuline Performance, herzustellen. Vielen fällt es schwer, zwischen maskuliner Performance und toxischem, gewaltvollem Verhalten zu unterscheiden. 

Doch es gibt Auswege! Die Netflix-Serie „Queer Eye“ ist wie ein Geschenk der queeren Welt an alle, die im Sumpf der toxischen Männlichkeit verharren. Hier zeigen fünf schwule Männer ausgewählten, zumeist heterosexuellen Männern, unter dem Deckmäntelchen einer Typveränderungsshow, wie sie ihre alten, toxischen Verhaltensweisen und Lebenskonzepte ablegen und weichere, offenere und liebevollere Männer, Väter, Partner und Freunde werden können. Maskulinität an sich wird ihnen dabei nicht ausgetrieben, denn sie ist nicht das Problem. Im Leben jenseits der Reality-Serie kann mensch sich leider nicht von fünf schwulen Jungs retten lassen, sondern muss alleine die ersten Schritte tun: erkennen, dass es so nicht weitergehen kann. Und dann, am besten mit der Unterstützung anderer Männer, Verantwortung für die eigenen Gefühle übernehmen.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/18.

Reposted byDeva Deva
10:38

Einfach Kacke

Von Jacinta Nandi

Eltern können es nie richtig machen. Entweder: Sie sind zu arm, sie wohnen in Plattenbauten, ihre Kinder heißen Kevin oder Chantal oder Kevin-Chantal und wissen nicht, was ein Apfel oder ein Pferd ist, weil die Eltern sie nur mit der Xbox spielen lassen, sie schreien immer im Zug und … aaargh! Diese Kinder sind schrecklich, aber die Eltern sind noch schlimmer! Oder: Sie sind zu reich, sie wohnen in Prenzlauer Berg, ihre Kinder heißen Lieselotte oder Maximilian-Artur-Paulus und sind gegen alles allergisch, sie kriegen immer nur Bio-Äpfel zu essen und die Mama denkt, dass sie ADHS haben, aber eigentlich sind sie nur Arschlöcher, dabei haben sie schon mit eins Chinesisch gelernt, mit zwei Geige, mit drei Tai-Chi und mit vier mussten sie wegen Burn-out therapiert werden und … aaargh! Diese Kinder sind schrecklich, aber die Eltern sind noch schlimmer!

Armes Deutschland! Bescheuerte Eltern, nervige Kinder! Da will ich nicht mitmachen. In meinen Augen sind alle Entscheidungen, die Eltern treffen, erst mal richtig. Punkt. Oder: In einer fairen Gesellschaft wären alle Entscheidungen, die Eltern treffen, okay. Aber ich habe jetzt ein Baby, bin auf Facebook in Mama-Gruppen unterwegs und werde jeden Tag mit „Attachment Parenting“ konfrontiert. Manchmal frage ich mich, ob dessen Prinzipien wirklich dazu da sind, dem Baby zu helfen – oder ob es bloß darum geht, die Mütter zu erniedrigen? Das Baby zu tragen, es zu stillen, es bei dir im Bett schlafen zu lassen – ich finde alle diese Ideen hilfreich, um durch das erste Babyjahr zu kommen. Aber diese Besessenheit, mit der junge Mütter sich selbst und anderen Vorwürfe machen: Geht es dabei wirklich um das Kindeswohl?

©Josephin Ritschel

„Ich bin aufs Klo gegangen“, schreibt eine Mama auf Facebook. „Das Baby hat geweint, aber ich musste kacken. Als ich aus dem Badezimmer rauskam, hat es geschlafen. Jetzt fürchte ich, dass ich mein Baby habe schreien lassen.“ Schon kommt der erste Kommentar: „Du wolltest das vielleicht nicht, aber ja, im Grunde genommen hast du dein Baby schreien lassen. Für mich ist das dasselbe!“ Die Mutter überlegt, ihr schlafendes Kind aufzuwecken, damit sie zumindest sagen kann, ihr Baby habe sich nicht in den Schlaf geheult.

Ich glaube nicht, dass eine Mama immer fürs Kind da sein kann. Ich glaube, ein Baby muss manchmal allein sein. Ich glaube nicht, dass es okay war, dass unsere Eltern uns stundenlang haben schreien lassen, bis unsere Lungen nicht mehr konnten. Aber manchmal müssen Mamas kacken. Sonst explodieren wir irgendwann!

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

August 15 2018

10:51

A Journey 2 The Temple Of Love

Von Lena Voelkening

Ein neues Album, eine Ausstellung in München, Auftritte in Österreich und Deutschland – die Gaddafi Gals liefern wieder. Für Missy haben sie, als Vorgeschmack aufs neue Album und auf ihren nächsten Live-Auftritt in Kürze in Berlin, einen exklusiven Mix zusammengestellt – mit bisher unveröffentlichten Tracks und Songs aus anderen Projekten der Mitglieder des Kollektivs.

© Gaddafi Gals

Gaddafi Gals, das sind Slimgirl Fat, Blaqtea und Walter P99 Arke$tra aus Wien und Berlin. Zusammen machen sie HipHop mit dem Vibe der 90er, der so gut ist, dass sie sich damit nicht nur eine wachsende Fanbase, sondern auch internationale Anerkennung in den Feuilletons verschafft haben.

Das nächste Mal live gibt’s das Trio am 16. August auf dem Pop-Kultur-Festival in Berlin zu sehen. Auch dort wird ein Großteil der Songs neu sein – erscheinen werden sie auf dem neuen Album, das für das Frühjahr 2019 angekündigt ist. „Temple“ soll es heißen und ein groß angelegtes musikalisches Ritual mit MC-Priesterinnen, Sirenengesang, urzeitlichen Rhythmen und Opfergaben werden.

Die erste Singleauskopplung aus dem neuen Album gibt’s im Oktober 2018. Wenn du nicht so lange warten möchtest, kannst du die Gaddafi Gals schon im September in München sehen. Dort werden sie in der Ausstellung „GG-World“ eine Boutique erschaffen, die dem Kapitalismus frönt und ihn zugleich infrage stellt. In einer Art Concept Store in der Artothek in München können Besucher*innen „durch finanzielle Anstrengungen einen Teil der Gals-Welt erwerben“, kündigt der Kurator Konstantin Lannert an.

Der voranschreitenden Kommerzialisierung von Kunst, der Fragilität des Subjekts und dem Branding individueller Haltung will sich die Gruppe mit dieser Ausstellung widmen, die gleichzeitig eine Partizipationsstätte sein soll. Zu kaufen gibt’s dort u. a. eine limitierte Anzahl von Kassetten mit dem exklusiven Mix aus Projekten der Bandmitglieder, Remixes und musikalischen Skizzen.

10:42

Verkannte Heldin

Von Indra Runge

Sie ist jung, klug und schön. Und sie gilt als eine der begehrtesten Frauen ihrer Zeit: Hedwig Kiesler (*1914), die als Hedy Lamarr zum gefeierten Filmstar avanciert. Die österreichische Jüdin heiratet mit 19 einen reichen Wiener Industriellen, doch seine Eifersucht treibt sie 1937 in die Flucht – über London gelangt sie in die USA.

© The Everette Collection

Bereits in Österreich drehte sie Filme, darunter den skandalträchtigen „Ekstase“ unter der Regie von Gustav Machatý, in dem sie nackt zu sehen ist – ein Schatten, der ihr noch lange nachhängen wird. Doch er ebnet ihr auch den Weg nach Hollywood: Metro-Goldwyn-Mayer nimmt sie unter Vertrag, als Hedy Lamarr dreht sie pausenlos. Auch ihr Privatleben ist turbulent: Sie heiratet sechsmal, hat zahlreiche Affären, nimmt Drogen und wird mehrfach verhaftet. Mit zunehmendem Alter lässt sie diverse „Schönheits“-OPs teils fragwürdiger Qualität an sich vornehmen und lebt zurückgezogen. Sie stirbt im Januar 2000.

© The Everette Collection

Und dann gibt es noch die andere Hedy Lamarr: Die ist naturwissenschaftlich interessiert und erfindet daheim, quasi im Stillen, nützliche Dinge. Das fällt ihr leicht. Ihre größte Erfindung ist der selbsttätige Frequenzwechsel bei Torpedos, der es den Alliierten ermöglichen sollte, die Unterwasserwaffen störungssicher zum Ziel zu führen, was der erklärten Gegnerin des Nationalsozialismus ein großes Anliegen war. Dafür meldet sie sogar ein Patent an. Doch ihr wird nicht zugestanden, mehr als der glamouröse Filmstar zu sein.

„Geniale Göttin – Die Geschichte von Hedy Lamarr“ US 2017. Regie: Alexandra Dean, 90 Min., Kinostart: 16.08.

In der Doku „Geniale Göttin – Die Geschichte von Hedy Lamarr“ von Alexandra Dean darf Hedy endlich ihre ganze Geschichte „erzählen“ – vier Kassetten mit Sprachaufnahmen zwischen ihr und dem Journalisten Flemming Meeks legen dar, was tatsächlich hinter der schönen Fassade steckte. Meeks wartete 25 Jahre, bis endlich jemand nach dem Material fragte.

Diese Aufnahmen und intime Interviews mit Lamarrs Kindern und Familienmitgliedern sowie engen Freund*innen und prominenten Bewunder*innen lassen der Erfinderin posthum jene Ehre zukommen, die ihr zu Lebzeiten verwehrt blieb. Die Regisseurin hofft, dass Lamarr endlich ihren Platz in der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung findet. Denn wer weiß heute schon, dass der von ihr entwickelte Frequenzwechsel moderne Technologien wie WLAN und Bluetooth überhaupt erst möglich machte? Hedy Lamarr war eine ebenso tragische wie bewundernswerte Heldin, die an den Konventionen ihrer Zeit scheiterte.

August 14 2018

10:20

Als ich dachte, ich sei eine Ausländerin

Von Debora Antmann

Ich bin in der Differenz aufgewachsen. In vielen Differenzen. Als Kind einer sehr kleinen, aber meist sehr fetten*, „psychisch kranken“, alleinerziehenden, jüdischen Mutter in einem kleinen Dorf in Süddeutschland der 1990er-Jahre war ich der Inbegriff an Differenz. Mit meinen 1000 Schulwechseln und meiner schwierigen sozialen Situation nach dem Tod meiner Mutter wurde die Situation nicht besser. Die Neue, die Andere, die Seltsame … Für Kinder und Jugendliche ist Identität immer ein schwieriges Thema, aber ständig aus Kontexten raus und in neue Umgebungen reingeschmissen zu werden, machte Selbstbewusstsein – sich seiner Selbst bewusst sein – nicht leichter. Und dann war da noch dieses Jüdischsein … In der Schule für eine*n Shoah-Expert*in gehalten werden: die Realität vieler deutscher Jüdinnen_Juden © Tine Fetz In dem Örtchen bei Karlsruhe war ich ausschließlich mit weißen christlichen oder zumindest christlich sozialisierten Kindern in einer Klasse. Die Frage nach „Ausländern“ stellte sich nicht, weil es quasi keine in unserem Umfeld gab. Aber mit mir stimmte eindeutig etwas nicht: Bis heute ist in Karlsruhe Religionsunterricht Pflicht. Entweder evangelisch oder katholisch. Die Alternative ist auf dem Flur sitzen. Bis heute, wie ich kürzlich erfahren habe. Ich saß also zwei Stunden die Woche alleine auf dem Flur und erlebte, wie Kinder sich über mich lustig machten, wenn sie auf dem Weg zur Toilette waren oder nach der Stunde an mir vorbeikamen. Die Thesen, dass ich geschwänzt oder was ausgefressen hatte, waren noch die weniger schlimmen. Als ich dann mit neun nach Berlin zog, gab es plötzlich Begriffe für das, was die Kinder in Karlsruhe schon vermutet hatten: Ich bin keine von ihnen. In Berlin bedeutete das „Ausländerin“. Ich wurde ständig gefragt, wo ich herkomme. Die häufigsten Schätzungen waren Türkei oder „Arabien“ (ähhhh …). Anfänglich war ich noch ganz klar: Ich bin Deutsche! „Woher kommen deine Eltern?“ „Deine Großeltern?“ Es dauerte nicht lange und ich wurde selbst stutzig … Ich fing an, auf die penetrante Fragerei mit „Ich bin Jüdin“ zu antworten. Als Kind war es für mich das Einzige, von dem ich wusste, dass es anders an mir war. Und die Antwort schien zu passen. „Ahhhh! ISRAEL!“ Ich wusste, dass ich Verwandte in Israel hatte. War ich also gar keine Deutsche? Ich war verwirrt. Aber die Fragerei, das Wissen, dass ich Jüdin bin, die Resonanz, dass mich das weniger deutsch machte, der Umstand, dass die wenige Verwandtschaft, die ich noch hatte, zum größten Teil in Israel lebte, verunsicherten mich dermaßen, dass sich das „Fremdsein“ in mich einnistete und ich viele Jahre meiner Kindheit und meine gesamte Jugend über das Gefühl hatte, ich sei (irgendwie) „Ausländerin“. Beziehungsweise ich es mit den Reaktionen auf mich und was ich bin annehmen musste, obwohl ich gleichzeitig ahnte, dass auch das nicht ganz stimmen konnte. Ich kam nach Berlin und dachte, ich sei Deutsche. Schon allein, dass ich es „dachte“ und nicht „wusste“, lässt tief blicken. Zeigt, wie tief die Spuren waren, die das Othering in einer normativen christlich-deutschen Gesellschaft in meiner jüdischen Kinderseele hinterlassen hat. Ich gehörte hier nicht hin. Das war nicht mein Land. Aber Israel?! Da war ich mit sechs das letzte Mal gewesen. Ich verstand die Sprache nicht, kannte mich dort nicht aus. Da sollte ich hingehören? Ich kannte den Unterschied zwischen Jüdisch- und Israelisein nicht. Und die meisten nicht jüdischen Leute offensichtlich auch nicht … Ich war fast schon erwachsen, als ich ein Gefühl dafür bekam, was es mit all dem Chaos, das (vor allem erwachsene) wc-Deutsche in mir hinterlassen haben, auf sich hatte. Es hat geholfen, die Geschichte meiner Familie zu lesen und zu verstehen. Auch jene Verwandte in Israel waren mal Deutsche. Ich begriff früh, dass von mir erwartet wurde, Expertin für den Nationalsozialismus und die Shoah zu sein. Denn Lehrer*innen wurden nicht müde zu betonen, dass es MEINE Geschichte war. Nicht die meiner wc-deutschen Mitschüler*innen, sondern ausschließlich MEINE. Aber es brauchte lange um zu begreifen, dass ich DESWEGEN Verwandtschaft in Israel hatte. Dass ich aber trotzdem Deutsche bin. Dass sie „Deutsche“** sind/waren. Dass der Nationalsozialismus nicht meine Geschichte ist, aber das Leid, der Tod und das Trauma unsere Geschichte(n) unwiderruflich beeinflusst und sogar oft bestimmt. Dass mein Jüdischsein keine Ethnie (sic!) und keine Nationalität ist. Noch länger um zu verstehen,  dass es nicht mal eine Religion, sondern viel mehr und viel weitreichender ist. Dass es mein Deutschsein komplex macht und widersprüchlich. Aber dass ich hier hingehöre, wenn ich das möchte. Und dass Nationalismus eh immer scheiße ist. Vieles von dem, was ich erlebt habe, erinnert an die Erfahrungen, die Kinder mit Rassismuserfahrung machen. Denn die Botschaft an mich als Kind und Jugendliche war klar und furchtbar: Du bist anders, du bist fremd und das bedeutet „Ausländerin „. Und ich habe sie geglaubt, diese Botschaften, habe sie verinnerlicht und ich wusste, habe es gespürt, dass sie und ihre Konsequenzen nichts Gutes sind, bedrohlich und sehr gefährlich. Heute habe ich einen entscheidenden Begriff dafür: Antisemitismus. Und einen Begriff für mich: Jüdin. Deutsche Jüdin, wenn es darauf ankommt. * fett als politischer Begriff, nicht als Abwertung ** Sie nennen sich selbst  nicht (mehr) Deutsche. Für sie bin auch ich keine Deutsche. Für sie waren und sind die Deutschen jene, die so viele von uns ermordet haben. Wir sind Jüdinnen und Juden. Aus ihrer Perspektive nachvollziehbar.

August 13 2018

10:38

Reiseführerin Porto mit Ece Canli

Interview: Valerie- Siba Rousparast

Wenn Ece Canlı durch Porto läuft, fühlt sie sich zu Hause. Denn frei nach Judith Butler findet sie: „A home is the people you walk with.“ Ece Canlı ist in der Türkei geboren und aufgewachsen, ist aber, nachdem sie an der Uni Porto ihre Doktorarbeit geschrieben hatte, hiergeblieben. Nun forscht sie zu Design, Queer Theory und Gender Studies, ist Performancekünstlerin und macht Musik. Sie genießt die wachsende feministische Szene vor Ort und die abwechslungsreiche Textur von Porto, die die Geschichte der Stadt widerspiegelt. Doch Canlı beobachtet zunehmend, dass Gentrifizierung auch in Porto ein großes Problem ist. Noch gibt es allerdings viele Orte, die einen Besuch wert sind. Ece Canlı hat sie mit uns geteilt.

Kunst
Wenn du Filme nicht im Einkaufszentrum sehen willst, kannst du in die Programmkinos Cinema Trindade, Casa das Artes oder Teatro Campo Alegre gehen. Es gibt einige queere Räume, die verschiedene Events bieten. Etwa das Teatro Rivoli und Maus Hábitos, aber auch selbstorganisierte Räume wie das Contrabando, Rosa Imunda, Gato Vadio, Espaço Mira und Oficina Arara. Auch Queer Porto, ein internationales Filmfestival, bei dem viele lokale und internationale antirassistische queere Künstler*innen zusammenkommen, lohnt sich.

Essen
Porto ist nicht die beste Stadt für Leute, die sich wie ich vegetarisch oder vegan ernähren. Durch die Gentrifizie­rung entstehen zwar immer mehr vegane Restaurants, die aber oft

sehr teuer sind. Ich empfehle daher, lieber in Kulturzentren zu essen, wie im Casa da Horta und Rés-da-Rua. Im Café Duas de Letra gibt es auch ein günstiges vegetarisches Menü.

©Matilde Viegas

Feministische Räume
Es gibt ein wachsendes feministisches Netzwerk hier. Neben selbstorganisierten Gruppen gibt es auch aktivistische Organisationen wie Dar À Sola, GAZUA und Gato Vadio. Außerdem gibt es im Frühling das Festival Feminista do Porto mit Musik, Vorträgen und Workshops.

Nachtleben
Es gibt hier tolle Bars mit gemischtem Publikum wie Terraplana, Pedra Nova, Mirita und Tendinha dos Poveiros. Wenn man nicht nur trinken, sondern ein Konzert sehen und tanzen möchte, dann empfehle ich Sonoscopia, Passos Manuel, Café au Lait, CCOP, Espaço Compasso und Café Ceuta.

Einkaufen
Einer der interessantesten Flohmärkte Portos ist nach wie vor Vandoma, der jeden Samstagmorgen stattfindet. In Porto gibt es an jeder Ecke Secondhand- und Buchläden. Es lohnt sich also, sich einfach in der Stadt zu verlieren und herumzuschlendern. Gute Bücher und Vinyl gibt es auf jeden Fall bei Matéria Prima und in der feministischen Buchhandlung Confraria Vermelha Livraria de Mulheres.

Ausflüge
Es ist immer toll, an einen der Strände zu fahren. Das geht z. B. mit dem Fahrrad vom Fischerörtchen Afurada nach Miramar in Vila Nova de Gaia. Oder einfach am Fluss Duero entlang. Wer noch mehr Natur möchte, kann in den größten Nationalpark Peneda-Gerês fahren. In der Stadt empfehle ich den Parque de Cidade, den Parque de São Roque oder den Garten des Serralves Museum zum Abschalten. Wer Porto wirklich kennenlernen will, sollte die Stadtführungen von The Worst Tours mitmachen. Dort werden einer*einem die düsteren Seiten der Stadtgeschichte nähergebracht.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

August 09 2018

09:00

Hallo Hauptwiderspruch

Interview: Margarita Tsomou

Silke, du bist Professorin für politische Soziologie in Jena und problematisierst die These, dass das Erstarken der Neuen Rechten mit einer Vernachlässigung der sozial Abgehängten in Verbindung steht. Was sind die Hauptstränge dieser Debatte?
Was mich beschäftigt, sind die Diagnosen, die den Schwenk nach Rechts als „Notwehr der unteren Schichten“ gegen ein im Neo­liberalismus verletztes soziales Anliegen sehen. Da in den meisten Ländern die sozialdemokratische Politik neoliberal geworden sei, gäbe es, so das Argument, für dieses berechtigte Gefühl der fehlenden Gerechtigkeit keine anderen politischen Adressaten mehr als die Rechten. Ein weiterer Argumentationsstrang erklärt, dass die Leute sich auch kulturell ausgeschlossen fühlten, weil eine vermeintlich bildungsnahe, akademische linke Identitätspolitik zu dominant geworden sei, was gerne mit dem endlos zitierten Beispiel der Transgender-Toiletten illustriert wird. Es gäbe ein kulturelles Abgehängt-Sein, das die „normalen Menschen“ betreffe, die meistens als weiße Männer gedacht werden. Daraus folgend wird unterschieden zwischen den eigentlichen Klassenanliegen, die vernachlässigt worden seien, und den identitätspolitischen „Minderheitenanliegen“ von Migrant*innen, LGBTQI-Menschen, Menschen mit Behinderung und interessanterweise auch von Frauen.

Ein wichtiger Bezugspunkt in dieser Argumentation ist Didier Eribons Buch „Rückkehr nach Reims“. Warum?
Eribon beschreibt am Beispiel seiner Familie anschaulich, wie aus französischen Kommunist*innen im Laufe der letzten Jahrzehnte Front-National-Wähler*innen wurden. Er beschreibt auch, dass sie schon als Kommunist*innen rassistisch waren, ihr Rassismus aber von der Partei eingehegt wurde. Genau dieser Aspekt wird in der Rezeption jedoch oft ignoriert: Leute wie die US-amerikanische Philosophin Nancy Fraser oder die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht erklären, dass AfD- oder Trump-Wähler*innen keine Rassist*innen seien, sondern nur für ihre sozialen Rechte kämpfen. Diese Haltung verkennt, dass, auch wenn Rassismus materielle Bedingungen hat, er eine eigenständige ideologische Formation ist – sonst hätten wir nicht so viele durchaus gut situierte Menschen, die trotzdem rassistisch sind.

Wenn wir nun sagen, dass Rassismus sich nicht automatisch aus sozialer Deklassierung ableitet, müssen wir anders erklären, wie es zu den Wahlerfolgen der Rechten kam.
Empirische Studien zeigen, dass es in der Bevölkerung einen stetigen Anteil mit rassistischen und menschenfeindlichen Einstellungen gibt – und zwar in Ost und West. Es ist nicht ganz plötzlich ein neuer Rassismus aufgepoppt. Die Frage ist vielmehr, welche Einstellungen wahlentscheidend werden, besonders wenn diese nicht mehr durch die etablierten Parteien abgedeckt werden. Für Deutschland hat die Auseinandersetzung über

die kurzzeitige Öffnung der Grenzen 2015 definitiv eine zentrale Rolle gespielt und mit dazu geführt, dass diejenigen, die auch vorher gegen offene Grenzen waren, nun eine konkrete Alternative zu Merkels Flüchtlingspolitik gesucht und gefunden haben. Interessant ist, dass auf die kurzzeitige Grenzöffnung ja die radikalsten Asylrechtsverschärfungen der letzten Jahre folgten, vom Türkei-Deal ganz zu schweigen – doch Merkel gilt sonderbarer Weise immer noch als Flüchtlingskanzlerin.          

Also spielen ökonomische Fragen doch keine so große Rolle?
Ich bin die Letzte, die sagen würde, dass soziale und ökonomische Fragen keine Rolle spielen: Es ist historisch immer so gewesen, dass die herrschenden Klassen versucht haben, die Konfliktlinie zu verschieben, weg von der Klassenfrage hin zu nationalistischen Identifikationsangeboten. Und für soziale Ängste werden nicht die Besitzenden, sondern andere sozial schwache Gruppen verantwortlich gemacht. Dennoch reicht das nicht für die einfache Ableitung, dass rassistische Einstellungen lediglich eine Folge von ökonomischer Benachteiligung sind, dafür sind die Zusammenhänge viel zu komplex und Rassismen je nach unterdrückter Gruppe viel zu unterschiedlich.    

Aber ist es nicht so, dass die Neue Rechte gerade in ökonomisch schwachen Milieus Erfolge feiert?
Ganz so eindeutig wie derzeit behauptet ist der Zusammenhang nicht, so haben in den USA diejenigen mit dem geringsten Einkommen Clinton und nicht Trump gewählt. Insgesamt lässt sich zwar feststellen, dass der Anteil der Arbeitslosen und Arbeiter*innen unter den Wähler*innen rechtspopulistischer Parteien leicht überdurchschnittlich ist. Im Umkehrschluss heißt das aber nicht, dass die Mehrheit dieser Leute rechts wählt, und auch nicht, dass die Mehrheit der AfD-Wähler*innen aus diesen sozialen Milieus kommt. Irgendwie ist der populäre Fokus auf die unteren Schichten auch eine ganz schön praktische Entlastung der Mittelschichten, die diese Debatte führen. Und wenn es um die Notwehrthese geht, muss man auch fragen: Welche sozialen Verbesserungen versprechen die rechten Parteien eigentlich? In der AfD ringen zwei Flügel: Es gibt den Flügel, der durch eine sehr stark marktliberale Politik geprägt ist, und den völkischen Flügel, der in der sozialen Frage eher NPD-nah ist und auf einen starken Sozialstaat für Deutsche setzt.

©Riikka Laakso

Die Frage, die sich hier sofort stellt, ist natürlich, warum so viele meinen, ökonomische Anliegen der Identitätspolitik voranstellen zu  müssen.
Da gibt es sogar neue Querfrontideen, was man etwa angedeutet bei Nancy Fraser oder expliziter noch bei dem Dramaturgen Bernd Stegemann sieht: Die antirassistischen, feministischen sozialen Bewegungen sollen sich mit den neurechten Arbeiter*innen verbünden und gemeinsam gegen den Neoliberalismus kämpfen. Schwarze Intellektuelle haben daraufhin zu Recht gefragt: Warum sollen wir uns mit Rassist*innen solidarisieren? Feminist*innen fragen, warum ihre Anliegen so nebensächlich sind, wenn der Hauptfeind der Neoliberalismus ist. Das ist eine neue Hierarchisierung von sozialen Widersprüchen in der Tradition des marxistischen Haupt- und Nebenwiderspruchdenkens: hier die Klassenkämpfe, die ökonomisch sind und die vermeintlich universelle Mehrheit betreffen, und da die identitätspolitischen Kämpfe und Petitessen, die von einer Minderheit geführt werden. Dabei wird sichtbar, dass Klasse dann eben implizit weiß und männlich gedacht wird. Der US-amerikanische Schwarze Autor Ta-Nehisi Coates kommentierte auf Twitter die Debatten um den Wahlerfolg von Trump mit der Beobachtung, dass die Sorgen weißer heterosexueller Männer immer sofort ökonomische Anliegen sind, während alle anderen nur Probleme mit ihren Identitäten oder Gefühlen hätten.

Wie kann dann frau die soziale Frage stellen, ohne Benachteiligungen gegeneinander auszuspielen?
Das Problem ist, dass in dieser Gegenüberstellung von Klassen- und Identitätspolitik implizit mitvermittelt wird, dass die Anliegen von Schwarzen oder LGBTQI- Menschen nichts mit der sozialen Frage zu tun hätten. Nicht gesehen wird dabei, dass es gerade in der Bürgerrechtsbewegung und auch in den Frauenbewegungen auf ganz fundamentale Weise um soziale Anliegen geht und dass diese Kämpfe auch Klassenkämpfe sind. Weiße Männer sind bis heute nicht das Schlusslicht der sozialen Stufenleiter, Geschlecht und Ethnizität sind weiterhin zentrale Indikatoren für prekäre Lebenssituationen. Klasse wird gerade zu einer verkappten Chiffre für die Lebens- und Arbeitssituation weißer heterosexueller Männer. Trumps Politik ist somit weiße Identitätspolitik. Diese vermeintliche Revitalisierung von Klasse hat aber auch mit einer romantischen Verklärung der Wohlfahrtsstaaten der 1950er- bis 1970er-Jahre zu tun. Diese Sehnsucht nach dem guten Sozialstaat vor dem Neoliberalismus ist  (bei aller Berechtigung angesichts der aktuell zunehmenden Armut und Ungleichheit) auch die Sehnsucht nach einem Klassenkompromiss, aus dem Frauen und Migrant*innen weitgehend ausgeschlossen waren.

Die feministischen und antirassistischen Bewegungen schlagen da ja das intersektionale Denken vor, das die Verknüpfung von Gender /Race / Class stark macht.
Das ist in Bezug auf die Integration von Klasse tatsächlich ein Riesenfortschritt in der politischen und auch in der wissenschaftlichen Debatte gewesen, aber doch eher ein Formelkompromiss. Klassismus spielte lange als Diskriminierungskategorie eine Rolle, aber Klasse als Ursache von Ausbeutung, die eben auch jenseits von Diskriminierung wirkt, rückte in den Hintergrund. Viele haben so getan, als könnte man Klasse genauso wie Race und Gender erschließen, und haben damit die politische Ökonomie verabschiedet. Das ist eine Schwäche, die aber eben nicht nur, wie aktuell zu hören ist, die Feminist*innen zu verantworten haben, sondern umgekehrt auch all diejenigen, die sich nur um Klassenanalysen kümmern und Fragen von Gender, Race oder Sexualität an andere delegieren.  

Interessant wäre ja eine Position, die den vermeintlichen „Hauptwiderspruch“ Kapitalismus und den „Nebenwiderspruch“ Identität so verschränkt, dass damit Neoliberalismus und Neue Rechte gleichzeitig konfrontiert werden können.
Ich glaube, dass progressive Kräfte sich gerade an dieser fatalen Frage zu spalten drohen. Als müsste man sich entscheiden, ob man sich für Klassenkämpfe oder gegen Rassismus und Sexismus positioniert, aber genau das wird natürlich nahegelegt, wenn viele behaupten, dass es ein Zuviel an Identitäts­politik gewesen sei, das den Rechten so viel Zulauf beschert hat. Für feministische und antirassistische Kontexte ist die aktuelle Lage deshalb doppelt herausfordernd: Die meisten haben erst mal (und zu Recht) nur die Angriffe und die wachsende Bedrohung von Rechts gesehen und dabei über­sehen, dass zentrale Anliegen feministischer und antirassistischer Kämpfe auch durch das neue Hauptwiderspruchsdenken herausgefordert sind. Und das zu einem Zeitpunkt, wo es eigentlich einen doppelten Schulterschluss progressiver Kräfte gegen Rechts und gegen den Neoliberalismus braucht.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

August 08 2018

10:38

Abgeschottet und vergessen

Von Caren Miesenberger

Die Gefängnisdirektorin mit den glatten, blonden Haaren lächelt und bittet in ihr Büro: „Herzlich Willkommen!“ Ihren Namen verrät sie aus Sicherheitsgründen nicht. Eine Insassin, erkennbar am grünen T-Shirt der Gefängnisuniform, bietet Getränke an. Zwei weitere Frauen werden in das Büro geführt. Sie stehen mit dem Rücken an der weißen Wand, die Hände vor der Hüfte verschränkt, ihre Blicke wirken bedrückt. Sie sind die Insassinnen, mit denen ich später sprechen darf. Im Hintergrund surrt die Klimaanlage.

Dies ist der einzige klimatisierte Raum im Gefängnis Nelson Hungria, einer von vier Vollzugsanstalten für Frauen im Complexo Penitenciário de Gericino, dem größten Gefängniskomplex des Bundesstaates Rio de Janeiro. Er liegt im Stadtteil Bangu, vierzig Kilometer vom Stadtzentrum Rio de Janeiros entfernt. 26.000 Gefangene sind hier in verschiedenen Haftanstalten untergebracht, 1300 davon sind Frauen. Ein eigenes Viertel in der zweitgrößten Stadt Brasiliens, deren Kerngebiet doppelt so viele Einwohner*innen zählt wie Berlin.

Brasilien verzeichnet die drittmeisten Inhaftierten weltweit. 720.000 Menschen sitzen im größten Land Südamerikas hinter Gittern, die meisten wegen Drogendelikten. Der Weg vom Konsum zum Handel mit Rauschgift bis ins Gefängnis ist oftmals kurz: Gerichtsprozesse dauern häufig nur wenige Minuten. Anwaltlichen Beistand haben nur diejenigen, die ihn sich leisten können, auch Pflichtverteidiger*innen werden nur selten gestellt. Die Masseninhaftierung ist Schauplatz des Krieges gegen die Drogen, in dem der Staat die ohnehin schon marginalisierte Bevölkerung bekämpfe – Schwarze, Arme, Peripherisierte –, so kritisieren Anti-Haft-Aktivist*innen. Die Haftbedingungen sind extrem prekär: Die Kapazität der Gefängnisse wird bis zum Fünffachen überschritten. Der Staat kommt seiner Pflicht nicht nach: Hygiene und gesundheitliche Versorgung werden vernachlässigt.

Staub wirbelt auf, als sich zwischen Bananenstauden das große Tor des Gefängnisses Nelson Hungria öffnet. Abgeschottet und vergessen sitzen hier, ganz am Ende des großen Komplexes, die Frauen ein. Die Pressesprecherin der staatlichen Gefängnisbehörde SEAP

(Secretaria de Estado de Administração Penitenciária) empfängt mich.

Meine Interviewpartnerinnen wurden von der Gefängnisdirektorin ausgewählt. Ob ein Gespräch unter vier Augen geführt werden dürfe, frage ich. Die Pressesprecherin muss lachen. Natürlich nicht. Also nimmt Insassin Fabiola Da Silva Platz, um mit mir vor der Gefängnisdirektorin, der Pressesprecherin, einer  Mitinsassin und der mich begleitenden Fotografin über das Leben hinter Gittern zu sprechen. Eine einschüchternde Situation. Da Silva sitzt seit einem Jahr hier ein. „Ich war in einer Beziehung mit einem Drogenhändler. Er starb bei einer Schießerei. Zwei Monate danach wurde ich ins Gefängnis gesteckt, weil mein Telefon abgehört wurde“, erzählt sie. Da Silva ist 25 Jahre alt, Schwarz und wuchs in der Favela Retiro in Petrópolis, rund sechzig Kilometer von Rio de Janeiro entfernt, auf. Weshalb genau sie im Gefängnis ist, weiß sie nicht. Am Drogenhandel ihres verstorbenen Lebenspartners sei sie nicht beteiligt gewesen. Sie arbeitete in Vollzeit bei der Fast-Food-Kette Subway, als er starb. Nun sitzt sie hinter Gittern. „Ich habe eine kleine Tochter. Sie ist drei Jahre alt. Ich habe keinen Anwalt und bekomme keinen Besuch. Das Einzige, was ich bekomme, ist ein monatlicher Brief von der Patentante meiner Tochter“, fährt Da Silva betrübt fort.

© Jessica Santos

Ein typisches Profil: Die brasilianische Durchschnittsinhaftierte ist Schwarz, arm und sitzt wegen kleinerer Delikte im Zusammenhang mit Drogenhandel ein. Zwischen 2006 und 2014 stieg die Anzahl inhaftierter Frauen laut einer Studie des brasilianischen Justizministeriums um mehr als fünfhundert Prozent an – im Vergleich zu zweihundert Prozent bei Männern. Heute befinden sich insgesamt 37.380 Frauen in brasilianischen Gefängnissen. Nach den USA, China, Russland und Thailand verzeichnet das Land die fünfthöchste Zahl inhaftierter Frauen weltweit. Zwei Drittel der inhaftierten Frauen sind Schwarz, die Hälfte ist zwischen 18 und 29 Jahre alt. Die meisten haben nur einen niedrigen Bildungs-abschluss.

„Frauen, die im Drogenhandel tätig sind, arbeiten in diesem meist in niedrigen Positionen. Dadurch geraten sie leichter ins Visier der Polizei“, erklärt Luciana Boiteux ein paar Tage später in einem der schickeren Viertel der Stadt. Die Strafrechtlerin und Kriminologin der Bundesuniversität Rio de Janeiro hat eine Studie über inhaftierte Mütter in Bangu durchgeführt. Dabei stellte sie fest, dass 66 Prozent der Frauen keinen Besuch erhalten. „Wenn Sie am Besuchstag zu einem Männergefängnis gehen, gibt es eine riesige Schlange. Ehefrauen, Mütter und Kinder kommen zu Besuch. Im Frauengefängnis ist dies völlig anders. Wenn die Frauen überhaupt Besuch erhalten, dann von ihren Müttern“, fährt Boiteux fort. Die Pflege und Assistenz der inhaftierten Frauen werde also hauptsächlich durch ihre weiblichen Angehörigen getragen. „Die Einsamkeit ist sehr groß. Dass sie vergessen werden, hat mit dem Stigma der Haft zu tun: Frauen schämen sich und die Gesellschaft beschuldigt sie“, sagt Boiteux.

Die Haftstrafen hätten gravierende Folgen für die einsitzenden Mütter: „Wenn eine Frau ihre Strafe abgesessen hat, wird ihre Situation noch prekärer.“ Frauen würden infolge ihrer Haft stärker stigmatisiert, was ihre Reintegration in die Gesellschaft erschwert. „Von Männern wird irgendwie erwartet, dass sie gegen Gesetze verstoßen. Von Frauen nicht. Sie haben darin versagt, den sozialen Anforderungen gerecht zu werden: als Frau und als Mutter, die zu Hause bleibt und sich sensibel und verantwortlich um ihre Kinder kümmert“, erklärt die Kriminologin.

Für Da Silva ist die Trennung von ihrer Tochter schmerzvoll: „Sie ist in Obhut ihrer Patentante. Die schreibt mir, dass es der Kleinen gut geht. Jeden Tag wird sie schlauer. Sie weiß, wo ich bin. Und ihr geht es gut“, sagt sie mit gebrochener Stimme und hält einen Augenblick inne, Tränen laufen ihre Wangen hi-nunter. Ob sie Sehnsucht nach ihrer Tochter habe? „Sehr starke“, seufzt sie.

©Jessica Santos

Drei Viertel aller inhaftierten Frauen in Brasilien sind Mütter. Und nicht nur sie sind inhaftiert, sondern teilweise auch ihre Kinder. Wenn die Mütter schwanger ins Gefängnis kommen und ihr Kind dort zur Welt bringen oder wenn ihre bis zu sieben Jahre alten Kinder nicht von Verwandten aufgezogen werden können, bleiben sie bei den Müttern. Im Februar 2018 urteilte der Oberste Gerichtshof, dass noch nicht verurteilte schwangere Gefangene oder Gefangene mit Kindern bis zu zwölf Jahren ihre Strafe nicht mehr im Gefängnis absitzen müssen, sondern in ihren eigenen Häusern. Ein Fortschritt, der die überfüllten Gefängnisse entlasten soll, denn dies betrifft fast zehn Prozent aller gefangenen Frauen. Für Da Silva würde es bedeuten, dass sie sich künftig zu Hause um ihre kleine Tochter kümmern könnte. Unterdessen wartet sie noch auf ihr Urteil. Da Silva weiß nicht, wie lange sie im Gefängnis bleiben muss. Sie fühlt sich einsam. „Ich habe mich von meiner Mutter und meinen Geschwistern verlassen gefühlt. Aber heute verstehe ich, weshalb sie mich nicht besuchen können“, flüstert sie mit Tränen in den Augen.

Vor ein paar Monaten ist Da Silva in die Igreja Universal do Reino de Deus eingetreten, seitdem kann sie ihren Angehörigen vergeben und trägt ihnen die ausbleibenden Besuche nicht mehr nach. Die evangelikale Kirche füllt die Lücke, die Staat und Gesellschaft hinterlassen: Sie leistet nicht nur emotionalen Beistand, der den Insassinnen häufig fehlt. Da die Versorgung mit Hygieneprodukten unzulänglich ist, bringen die Pastor*innen neben Trost auch Toilettenpapier, Seife und Binden mit – in Männergefängnissen werden Hygieneprodukte oft von Angehörigen bereitgestellt. Täglich besucht Da Silva den Gottesdienst und singt in einem evangelikalen Chor.

Aber die Unterstützung der Kirche bietet Fallstricke für die Inhaftierten, schließlich ist es der Igreja Universal nicht nur an Nächstenliebe gelegen: Die Pfingstkirche ist bekannt dafür, ihre Anhänger*innen finanziell an sich zu binden. Ihr Gründer Edir Macedo hat aus Spiritualität ein Geschäftsmodell gemacht und missioniert mit der Igreja Universal weltweit. Außerdem legen ihre Pastor*innen die Bibel homofeindlich aus und vertreten weitere konservative Positionen. Doch Da Silvas Notsituation treibt sie der Kirche in die Arme. „Ich will meine Familie wieder zusammenführen, einen guten Job haben und mein Leben weiter evangelisieren, bis ich bei Gott ankomme“, wünscht sich die junge Frau für die Zeit nach ihrer Freilassung.

Roseane Aparecido Feira ist ganz anders als die zurückhaltende Da Silva. Sie ist die zweite Inhaftierte, mit der ich sprechen darf. Die Fünfzigjährige fällt aus dem durchschnittlichen Raster: Sie ist weiß, hat eine Universität besucht und bekommt regelmäßigen Besuch von ihrer Familie. Anders als Da Silva formuliert sie im Gespräch direkte Kritik am Justizsystem: „Wenn die Justiz funktionieren würde, wäre es gut. Die funktioniert aber nur für einige, zum Beispiel für Politiker. Aber für uns, die wir hier drinnen auf Gerechtigkeit warten, nicht“, sagt sie und blickt in Da Silvas Richtung. Die eben noch weinende junge Frau nickt zustimmend in Richtung ihrer Mitinsassin. Wie Da Silva wartet auch Feira noch auf ihr Urteil. Vor ihrer Inhaftierung arbeitete sie als Krankenschwester in einer illegalen Abtreibungsklinik in Campo Grande, unweit des Gefängniskomplexes, in dem sie nun sitzt. Niemals hätte sie sich träumen lassen, sich eines Tages hinter diesen Gittern wiederzufinden. Ihr Vergehen: Mord. „Es war furchtbar. Eine Frau hat einen Schwangerschaftsabbruch in unserer Klinik durchführen lassen und ist an den Folgen gestorben. Weil ich für die Abteilung zuständig war, bin ich für ihren Tod verantwortlich“, berichtet sie mit ernstem Blick.

©Jessica Santos

Auch wenn Feira eine untypische Insassin ist, so ist ihr Fall doch Sinnbild für eine Gesetzeslage, die Frauen benachteiligt. In Brasilien sind Schwangerschaftsabbrüche illegal und nur in drei Fällen straffrei: wenn die Schwangerschaft aus einer Vergewaltigung resultiert, das Leben der schwangeren Person gefährdet ist oder der Fötus an Anenzephalie leidet, einer Fehlbildung des Gehirns, bei der die Schädeldecke sich nicht schließt. Deswegen gibt es viele illegale Kliniken für Abtreibung, deren Kosten das brasilianische Durchschnittseinkommen exorbitant übersteigen. Wer sich diese nicht leisten kann, kauft illegale Abtreibungspillen oder treibt mit Hausmitteln ab, die die schwangere Person das Leben kosten können. Laut einer Studie des brasilianischen Gesundheitsministeriums sterben täglich vier Personen infolge der Komplikationen illegaler Abtreibungen. Wer überlebt und angezeigt wird, sich aber keinen guten rechtlichen Beistand leisten kann, kommt ins Gefängnis. 42 Frauen sitzen in Rio de Janeiro hinter Gittern, weil sie selbst abgetrieben haben. Im Nelson Hungria ist Feira derzeit die Einzige, die im Zusammenhang mit Schwangerschaftsabbrüchen inhaftiert wurde – wenngleich sie sich als Mitarbeiterin der Klinik vor Gericht für Mord verantworten muss. „Ich denke, dass Abtreibungen legalisiert werden sollen. Sie sind Angelegenheiten der öffentlichen Gesundheit“, sagt sie bestimmt. Wären Schwangerschaftsabbrüche in größerem Umfang erlaubt, gäbe es weder illegale Kliniken noch prekäre Bedingungen, unter denen diese durchgeführt werden. Dann säße Feira wahrscheinlich nicht im Gefängnis – denn weniger Frauen würden sterben.

Vor allem Schwarze Femi-nist*innen setzen sich in Rio de Janeiro für bessere Haftbedingungen und die Unterstützung von Insass*innen ein. Dies ist nicht immer einfach, wie eine Aktivistin des Kollektivs „Elas Existem“ (auf Deutsch: sie existieren) anführt: „Wir wollen ein Literaturprojekt mit den Frauen machen und mit ihnen feministische Texte lesen. Aber wir müssen lange auf die Genehmigung warten“, erklärt sie in einem Telefongespräch. Auch Journalist*innen warten mitunter jahrelang darauf, brasilianische Gefängnisse besuchen zu können. Kritik am abgeschotteten System soll vermieden, die katastrophalen Haftbedingungen sollen unter Verschluss gehalten werden. In meinem Fall wurde die Genehmigung von der Sicherheitsbehörde schnell erteilt, weil ich mich zeitlich befristet im Land aufgehalten habe.

Zurück in Bangu. Nach hartnäckigem Insistieren erlaubt mir die Direktorin, die beiden Interview-partnerinnen zu ihren Zellen zu begleiten. Im Innenhof lädt eine Gruppe inhaftierter Frauen Essenspakete aus. Nieselregen fällt auf die in Plastikfolie verpackten Kekse. Ein Korb Bananen steht unter einem kleinen Dachvorsprung. „Guten Morgen“, murmelt eine der Gefangenen in gebetsmühlenartigem Ton, als seien wir eine wichtige Kommission. Vögel zwitschern, der Himmel ist grau, frische 15 Grad. Die Temperaturen in Bangu steigen im Hochsommer bis auf vierzig Grad an. In den Zellen gibt es keine Klimaanlage. Feira bedankt sich für das Interview und wird von einer Aufseherin in ihre Zelle begleitet. „Nimm die Hand von den Gittern!“, brüllt dieselbe Gefängnisdirektorin, die gerade noch so freundlich zu mir war, eine Insassin an. Fabiola Da Silva verabschiedet sich, um zur Chorprobe zu gehen. Wann sie das nächste Mal Besuch erhalten wird, ist ungewiss.

Diese Reportage entstand während einer Residenz in der Casa Pública der Agência Pública in Brasilien (apublica.org) und wurde durch die gemeinnützige Initiative investigate e.V. gefördert.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

August 07 2018

10:43

Anti-Heimatskonferenz

Das Internationale Sommerfestival Kampnagel in der ehemaligen Fabrikhalle in Hamburgs Norden lohnt mal wieder einen Besuch: Vom 08. bis 26. August werdet ihr hier von Performancekunst über Theater bis hin zu Diskussionen mit interessanten Speaker*innen mit allem versorgt, was euer Herz begehrt.

Der allgegenwärtigen Renaissance der Konzepte von „Heimat“ und „Nation“ widmet sich im Rahmen des Festivals der Themenschwerpunkt „Heimatphantasien“ am 18. und 19. August. Auf einer Anti-Heimatskonferenz intervenieren verschiedene Speaker*innen in den Diskurs um Horst Seehofer, Transitzentren und den Rechtsruck in der Gesellschaft. Und widmen sich möglichen Alternativen. Themen sind u. a. das Konzept von Nation als Heimat, die Zusammenhänge zwischen Migration und Rassismus, der Kolonialismus und transnationale Alternativen. Es spricht u. a. auch als Kuratorin der Veranstaltung die Missy-Mitgründerin Margarita Tsomou.

Hier geht’s zum Kalendereintrag.

09:20

Männer sind Arschlöcher

Von Sibel Schick

Der eine ist schön, der andere heiß,
Auch der Süßeste davon beißt.
Denn es ist ein strukturelles Problem,
Dass Männer Arschlöcher sind.

Ich kenne Männer, die sind voll okay,
Aber auch die können so nerven, ey.
Der eine lügt, der andere ist laut,
Gibt nicht mal zu, wenn er Scheiße baut.

Ja, alle Männer. © Tine Fetz

Ich habe Kumpels, verliebt war ich auch mal.
Wenn du mich fragst, mach ich’s noch mal.
Auch der Netteste profitiert vom Arschlochsein,
Und setzt sich nicht gegen das Patriarchat ein.

Süße nette Männer, die mir zuhören,
Nicken brav zu und sagen: „Ich würd gern lernen.“
Mach doch weiter, es dauert nicht lange,
Bis er sagt: „Du gibst zu viel Kante.“

Fühlt sich ein Mann von dir bedroht,
Spricht er dir die Erfahrung ab.
Wer von meiner Existenz beleidigt wird,
Dem klatsch ich gern eine rein.

Einzelne Männer sind schon ganz okay,
In Gruppen wird’s schwierig.
Denn es hat System und Struktur,
Dass Männer Arschlöcher sind.

Du sagst: „Nicht alle Männer sind gleich.“
Ich sage: „Ist das nicht irrelevant vielleicht?“
Denn es ist ein strukturelles Problem,
Und ja, es ist kein individuelles Problem,
Und nein, es geht nicht um Ausnahmen,
Denn es ist ein weltweites Phänomen,
Dass Männer Arschlöcher sind.

August 06 2018

10:37

Für die Community

Von Stefanie Lohaus

Was Menschen wirklich wichtig ist, erfährt man anhand der Aufkleber auf ihren Autos. Häufig sind das christliche Fische-Symbole oder „Baby an Bord“-Bekenntnisse. Ise Boschs blau-metallischen Toyota, mit dem sie mich am Bahnhof einer Kleinstadt in Norddeutschland abholt, zieren: eine Pride-Flag, ein Aufkleber mit der Web-Adresse der von ihr mitgegründeten Stiftung „filia.diefrauenstiftung“ und ein „Atomkraft? Nein Danke!“-Sticker.

Ise Bosch wohnt in einem kleinen Haus, in einem gewöhnlichen Ort auf dem Land, und fährt ein gewöhnliches Auto. Sie gibt Geld für feministische und LGBTIQ-Projekte und äußert sich explizit kapitalismuskritisch. Dadurch unterscheidet sie sich von anderen bekannten reichen Personen wie den Quandts oder Susanne Klatten, die an konservative Parteien wie die CDU oder die FDP spenden – also diejenigen, die für Besitzbewahrung stehen. Oder von Charity-Queen Ute Ohoven, die für Kinder und gegen Krebs spendet. Das hilft ohne Zweifel auch, stellt aber nicht die herrschenden Verhältnisse infrage. Und doch gibt es sie, die Reichen mit dem politischen Bewusstsein. Ise Bosch ist da nicht die einzige, mir fallen spontan noch George Soros’ „Open Society Foundation“ oder Jan Philipp Reemtsma ein. Aber vielleicht ist sie eine der konsequentesten – und der Name Bosch, auf den ich jeden Morgen blicke, wenn ich Milch aus meinem Kühlschrank hole, wirkt natürlich fast schon mystisch.

 

Wer mit Ise Bosch spricht, merkt ziemlich schnell, dass es ihr nicht um Steuersparen oder karitative Mildtätigkeit geht. Sie ist eine Menschenrechtsaktivistin, die die ihr vorhandene Ressource politisch nutzt und damit so weit von Charity entfernt ist wie das Missy Magazine vom Handelsblatt. Bosch ist eine Activist Donor, wie sie es selbst nennt, eine Spendenaktivistin, die mit „Geld politisch arbeitet“. Und sie ist Teil der weltweiten LGBTIQ-

Community, die sie zum ersten Mal während ihres Studiums am Reed College in Portland kennenlernte. Darauf angesprochen blitzt es in ihren Augen: „Das Reed College war links und alternativ, schon seit den 1930ern, ein Zufluchtsort für das alternative Obere-Mittelklassen-Amerika. Es gab intellektuelle Freiheit und sehr gute Kurse in Feminismus. Ich habe dort angefangen linkes Radio zu machen und habe das dann später bei Radio 100 in Berlin fortgeführt.“ Westberlin, Anfang der 1990er, für die junge, linke, lesbische Ise Bosch ein „logischer Ort“, um nach ihrem Bachelor in Portland zu leben und zu studieren.

Mit ihrem politischen Ansatz steht Ise Bosch in guter Familientradition. Schon ihr Großvater, Unternehmensgründer Robert Bosch, bemühte sich etwa um gute Arbeitsbedingungen und spendete einen großen Teil seiner Gewinne. Und entgegen des Zeitgeistes war er kein Antisemit. Er war Mitglied im 1890 gegründeten „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“. Eine Tatsache, die es Ise Bosch leichter mache, mit ihrem Erbe umzugehen, wie sie sagt. Auch wenn Robert Bosch während des Krieges von der durch die NS-Diktatur verordneten Beschäftigung von Zwangsarbeiter*innen ebenso profitierte wie von der allgemeinen Aufrüstung, so hat er das NS-Regime nicht aktiv gestützt. Die Robert-Bosch-Stiftung hat diese Verstrickungen bearbeitet.

©Kati Szilágyi

Ise Bosch wollte ihr Vermögen selbst verwalten. Es war ihr wichtig, ihr Geld selbst anzulegen, in nachhaltige Projekte. Konsequent wie sie nun mal ist, studierte sie gleich, wie man sozial investiert. Auf meine Frage, nach welchem Kriterium sie die Projekte auswähle, die sie fördert, antwortet sie verschmitzt: „Alles, was sich gegen das Patriarchat richtet“, und ergänzt: „Ich habe mich immer für internationale Zusammenhänge und LGBTIQ interessiert.“ Ich muss gestehen: So einen Satz hört man nicht oft, und allein die Tatsache, dass Ise Bosch ihn ausspricht, wirkt auf mich ermächtigend. Auch auf unserer Seite gibt es Menschen, die Ressourcen haben. Take That, Patriarchy! Aber dass Bosch alles fördert, das stimmt so natürlich nicht. Mit Sicherheit ist Ise Bosch keine Person, die man mal nach ein bisschen Knete für ein Projekt fragt. Mit ihrer Ressource geht sie strategisch und so demokratisch wie möglich um. „Es begann damit, dass ich aus internationalen Freund*innenkreisen angefragt wurde, etwa für Fahrtkosten zu einer Konferenz. Ich habe dann gemerkt, wie viel Arbeit das ist, und mir Hilfe geholt. Und ich brauchte Verbündete.“ In den 1990er-Jahren gab es immer mehr Veranstaltungen, wo Frauen mit Erbe zusammentrafen. Dort lernte Bosch Gleichgesinnte kennen, mit denen sie im Jahr 2000 filia.diefrauenstiftung und Pecunia, das Erbinnen-Netzwerk, gründete.

Nun begegnen viele Menschen vor allem aus linken Zusammenhängen privaten Geldgeber*innen in Deutschland skeptisch, durchaus zu Recht: Schließlich kann eine gewisse Willkür beim Geldverteilen nicht ausgeschlossen werden. Geldgeber*innen sind nicht automatisch Expert*innen für das Feld, in dem sie Veränderung anstoßen wollen. Geld geben kann auch schaden und Fehlentwicklungen hervorrufen, das haben die Auswertungen westlichen Entwicklungshilfeversagens gezeigt. Insbesondere im Globalen Süden wirkt das Engagement von weißen reichen Menschen und ihren NGOs oft wie eine kolonial-gönnerhafte Geste. Und ist das nicht irgendwie US-amerikanisch, dieses Spenden? Statt von öffentlichen Geldgebern sind dort viele soziale und kulturelle Organisationen von der Gönnerhaftigkeit reicher Individuen abhängig. Ein Vorbild sind die USA hier nicht.

Ise Bosch weiß das alles. Sie habe früh angefangen, sich damit zu beschäftigen, ihren Aktivismus deswegen nach den Prinzipien transformativer Philanthropie ausgerichtet, erklärt sie. Das bedeutet: Machtstrukturen verändern und Privilegien gezielt teilen, um tatsächlich mehr Gerechtigkeit herzustellen. Die größten Summen spendet sie daher langfristig an wenige Stiftungen und Träger, in denen Expert*innen und Menschen aus der geförderten Gruppe nach eigenen Kriterien entscheiden, wie das Geld verteilt wird – und eben nicht die Einzelperson Ise Bosch. Seit zwanzig Jahren gibt Ise Bosch einen Großteil ihres Vermögens – dass sie aus dem Verkauf ihrer Anteile an der Robert Bosch GmbH generiert hat – an die New Yorker Astraea Lesbian Foundation for Justice, wie sie erzählt. Mit diesen Mitteln wurde 1996 der International Fund for Sexual Minorities gegründet, der in 99 Ländern 19 Millionen Dollar direkt an LGBTIQ-Grassroots-Organisationen vergeben hat. filia.diefrauenstiftung hat einen intersektional besetzten Mädchenbeirat eingerichtet, der über die Mittelvergabe entscheidet. Transformative Philanthropie bedeutet auch, sich nicht auf einmal Erreichtem auszuruhen, sondern die Schwerpunkte und die politische Arbeit immer wieder neu zu überprüfen und auf diejenigen zu fokussieren, die am stärksten marginalisiert sind. So hat Bosch für einige Zeit der Heinrich-Böll-Stiftung eine Stelle für einen LGBTIQ-Koordinator bezahlt. Und zu den USA sagt Bosch: „Sie sind mit Sicherheit kein Vorbild, wenn es um den fehlenden Sozialstaat geht. Sie sind aber Vorbild in puncto Widerstand sozial marginalisierter Gruppen. Wenn es darum geht, den Bereich der privaten Geldvergabe politischer zu gestalten, dann sind sie wirklich viel weiter als Deutschland.“

Und das ist Boschs anderes Ziel: Sie will den Spendensektor an sich transformieren. Zum einen will sie mehr Menschen dazu ermuntern, ihr Geld nach den Prinzipien der transformativen Philanthropie zu teilen und selbst zu Spendenaktivist*innen zu werden. Zum anderen will sie Menschenrechtsorganisationen in Europa darin unterstützen, feministische und Gender-Kompetenzen zu erwerben. Und da gibt es einiges zu tun. Die Deutsche Stiftungslandschaft ist sehr konservativ, was Bosch zum großen Teil auf die Rechtslage zurückführt, die etwa vorschreibt, dass Stiftungen – die teilweise schon im Mittelalter entstanden sind – ihre Satzungen und damit ihren Stiftungszweck nur sehr schwer verändern können. Zudem herrscht eine Pflicht zum Kapitalerhalt, d. h. dass Stiftungen nur Zinsen ausgeben können, was in Niedrigzinsphasen, wie der derzeit andauernden, das Modell Stiftung an seine Grenzen bringt.

Immerhin hat Deutschland eine riesige Landschaft an Stiftungen: Knapp 27.000 teils auch sehr kleine Institutionen zählt der Deutsche Stifterverband. Wie viele davon sich explizit der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und/oder der Gleichberechtigung von LGBTIQ verschrieben haben: 158. Ein erschreckend kleiner Teil. Doch der Anfang ist gemacht. Die Aufmerksamkeit für diese Anliegen steigt endlich. Erst vor einer Woche bekam Bosch den Deutschen Stifterpreis des Bundesverbands Deutscher Stiftungen verliehen, der zu diesem Anlass kurzerhand in Deutscher Stifterinnenpreis umbenannt wurde.

Ise Bosch freut sich darüber, dass ihre Arbeit nun endlich auch in Deutschland die Anerkennung erhält, die ihr gebührt. Dass es dabei zu Szenen kommen wird wie vor einem Jahr, als sie den Transforma­tive Philanthropy Award erhalten hat, ist wohl eher unwahrscheinlich. Damals übergab die sichtlich gerührte Leiterin der Astrea Foundation J. Bob Alotta einer sichtlich bewegten Ise Bosch den Preis, der in Zukunft nach ihr benannt wird, mit den Worten: „Du hast wundervolle Entscheidungen in deinem Leben getroffen, die jede*n in diesem Raum beeinflusst haben. Deswegen ist dieser Preis nach dir benannt. Dein Vermächtnis ist von großer Bedeutung, Ise Bosch.“

Ise Bosch Geben mit Vertrauen – wie Philanthropie transformativ wird“ erscheint am 16.05. im Eigenverlag und ist bestellbar unter geben-mit-vertrauen.de, 20 Euro als Print,
8 Euro als E-Book.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

August 03 2018

09:01

In guten wie in schlechten Zeiten

Von Doreen Kruppa

Anna Kugler* ist Ende dreißig und heterosexuell. Statt des Wunsches, eng mit einer oder mehreren Liebesbeziehungen zusammenzuleben, hat sie ein „starkes Grundbedürfnis nach intensiven Freundschaften“ – und einem „Zuhause mit vielen Leuten“. Sie hat viele gute und langjährige Freund*innen. Bei mehreren davon würde sie sich „im Notfall gleichermaßen aufgehoben fühlen“. Einige ihrer Freund*innenschaften haben sich aus vergangenen Affären oder Liebesbeziehungen entwickelt. Sie hat eine ihr wichtige, enge Beziehung zu einem Kind aus dem Hausprojekt, in dem sie lebt. Anna integriert ihre Freund*innen auch in ihre Herkunftsfamilie – etwas, das sonst eher für Liebesbeziehungen typisch ist. Ihre Lebensweise im Freund*innenkreis sieht sie als dauerhaft an. Annas Lebensentwurf ist freundschaftszentriert.

Anna Kugler ist eine jener Personen, die ich für meine Studie interviewt habe. Darin untersuche ich, warum sich Menschen für freundschaftszentrierte Lebensweisen entscheiden, wie sie diese leben und mit welchen Hürden sie dabei konfrontiert sind. Denn sich umeinander kümmern, zusammenleben, den Alltag miteinander teilen, gemeinsam Kinder aufziehen und die Zukunft planen – dafür gelten gemeinhin die monogame, romantische Liebesbeziehung und die Kleinfamilie als die geeigneten Beziehungsformen. Sie werden uns in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen als ideale und scheinbar natürliche Lebensweisen vermittelt. Dabei findet Sorge füreinander für viele Menschen auch, und für einige sogar vorrangig in Freund*innenschaften statt – so wie bei Anna. Aber Vorurteile, Gesetze, die Wohnpolitik oder die Arbeitsverhältnisse im neoliberalen Kapitalismus erschweren eine solche Lebensweise.

Freundschaftszentriert bedeutet in diesem Kontext, dass Menschen Freund*innenschaften in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen, während sie Liebesbeziehungen oder Affären als gleich- oder nachrangig behandeln. Lebensweisen, bei denen Freund*innenschaften und Freund*innenkreise einen zentralen Stellenwert im Leben einnehmen, sind aus queeren Communitys bekannt, z. B. bei Lesben und Schwulen als „families of choice“. Sie werden jedoch häufig als Ersatz für ablehnende Herkunftsfamilien wahrgenommen und nicht als bewusst gewählte Alternative zum heteronormativen Lebensmodell. Dazu tragen auch am Familienbegriff ausgerichtete Bezeichnungen für alternative Lebensweisen bei, wie etwa

„Wahlfamilie“, wodurch unsichtbar wird, dass diese oft explizit gegen die heteronormative Ordnung der Kleinfamilie gerichtet sind.

Die Interviewten meiner Studie unterscheiden sich hinsichtlich Alter, geschlechtlicher und sexueller Verortung, Herkunft, Bildung und Elternschaft. Sie wohnen überwiegend in Wohngemeinschaften, großen Wohnprojekten oder alleine. Alle pflegen mehrere Freund*innenschaften, die unterschiedlich gestaltet sind. Zu ihren Beziehungsgefügen zählen bei allen enge Freund*innenschaften mit Expartner*innen, mehrere zählen auch enge Beziehungen zu Kindern von Freund*innen oder Mitbewohner*innen dazu. Bei den meisten sind Kollektive, Gemeinschaften und Communitys, in denen sie wohnen, lohnarbeiten, sich politisch engagieren oder künstlerisch tätig sind, wichtige Säulen in ihrem Leben.

©Jennifer Endom

Was macht nun diese Lebensweise aus? In allen Beziehungen spielt Sorgearbeit füreinander eine zentrale Rolle. Zu den Sorgepraxen in den Freund*innenschaften gehört, sich gegenseitig emotional, praktisch oder auch finanziell zu unterstützen. Das schließt bspw. ein, füreinander zu kochen, einzukaufen, intensiv am Alltag der Freund*innen teilzuhaben oder dauerhaft gemeinsam zu wirtschaften. Sie verbringen ihre Freizeit, Feiertage oder lange Reisen mit ihren Freund*innen und sind über relevante Interessen und Hobbys miteinander verbunden.

Ein wichtiges Thema in diesen Freund*innenschaften ist, sich in Notsituationen aufeinander verlassen zu können, etwa in psychischen Krisensituationen jederzeit ansprechbar zu sein, bei der*dem Freund*in zu übernachten, wenn es einer*einem schlecht geht, bei ernsteren Erkrankungen die Pflege, Versorgung oder den Haushalt zu übernehmen und sich gegebenenfalls im Freund*innenkreis dafür untereinander abzustimmen.

Für eine freundschaftszentrierte Lebensweise entscheiden sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen. Zum einen sind auf diese Weise vielfältige intensive Beziehungen mit unterschiedlichen Menschen lebbar. Die gesellschaftliche Norm, auf eine Liebesbeziehung (manchmal auch mehrere) zu fokussieren, finden alle Personen in meiner Studie einschränkend. Insbesondere die Frauen und sich queer verortenden Menschen lehnen außerdem die damit verbundene gesellschaftliche Rollenverteilung ab. Dazu passt, dass Einzelne davon berichten, dass im Rahmen ihrer Beziehungsstrukturen Sorgearbeit fairer verteilt wird und sie z. B. mehr Unterstützung bei der Kinderbetreuung erhalten, als sie es aus Paarbeziehungen und Kleinfamilie kennen.

Für sie bieten die freundschaftszentrierten Lebensweisen mehr Gestaltungsmöglichkeiten: Die eigenen Interessen und Bedürfnisse lassen sich auf unterschiedliche Freund*innen verteilen. Dadurch gelingt es wiederum besser, auf eigene Grenzen und die der anderen zu achten. Auch weil Rollenvorbilder für freundschaftszentrierte Lebensweisen fehlen, müssen sich alle Beteiligten viel mehr über ihre Wünsche austauschen. Der positive Effekt: Die Beziehungen entsprechen stärker den eigenen Vorstellungen.

Die Menschen in freundschaftszentrierten Lebensweisen zeichnet aus, dass sie sich nicht mit vorgegebenen Modellen zufriedengeben, sondern mit alternativen Beziehungsformen experimentieren. Einige verstehen ihre Lebensweise als politisches Konzept. Für sie ermöglicht das Zusammenleben in größeren Zusammenhängen mehr Solidarität und Gemeinschaftlichkeit. Indem sie mit ihrem Lebensmodell die kleinfamiliäre Privatheit überschreiten, ergeben sich mehr Anknüpfungspunkte und Ressourcen, um gemeinsam gesellschaftliche Verhältnisse zu gestalten.

Allerdings existieren auch die freundschaftszentrierten Lebensweisen nicht im luftleeren Raum. Auch sie sind von Strukturen und Normen der neoliberalen kapitalistischen Gesellschaft mit Machtverhältnissen um Geschlecht, Sexualität, Race, Klasse und Körper geprägt – und die politischen Entscheidungen orientieren sich oft an Paaren bzw. Kleinfamilien.

Menschen in freundschaftszentrierten Lebensweisen stellen Lohnarbeit und die Notwendigkeit sozialer Absicherung vor besondere Probleme: Mit einer Vollzeitstelle könnten sie ihre intensiven Freund*innenschaften, soziale Verantwortung für Kinder von Freund*innen und Mitbewohner*innen und ihr Engagement in Wohnprojekten und anderen Kollektiven nicht umsetzen. Denn mehrere intensive Beziehungen zu pflegen, braucht Zeit. Aber von einer Teilzeitstelle leben können wiederum nur die, deren Arbeit im Rahmen der Lohnungleichheit der gegenwärtigen klassistischen Verhältnisse gut bezahlt wird oder die ihre Lebenshaltungskosten senken, wie es einigen in alternativen ökologischen oder linken konsumkritischen Lebenszusammenhängen mit Ressourcenteilung möglich ist. Hier schließt jedoch direkt die Problematik einer Wohnraumpolitik an, die an Paaren, Kleinfamilien und sogenannten Singles ausgerichtet ist: Bezahlbare Räume für gemeinschaftliches Wohnen, Arbeiten oder anderweitige kollektive Nutzungen sind rar. Gesetze privilegieren die Paarbeziehungen und Kleinfamilien, während es an rechtlicher Anerkennung und sozialer Absicherung von freundschaftszentrierten Lebensweisen fehlt – die schließlich auch Verantwortung und Sorgearbeit füreinander übernehmen.

Für die Interviewten meiner Studie sind deshalb Räume wichtig, in denen sie sich kritisch mit vorherrschenden Beziehungsnormen auseinandersetzen können und in denen alternative Lebensweisen respektiert werden. Dazu gehören etwa linke und queerfeministische Politprojekte, Gemeinschaftsprojekte zu alternativen Lebensweisen oder queerfeministische Seminare und Arbeitsgruppen an Hochschulen, deren Weiterbestand jedoch oft nicht gesichert ist. Diese sind auch nicht allen gleichermaßen zugänglich, da sie häufig weiß, akademisch, männlich, heterosexuell dominiert und nicht barrierefrei sind und dadurch Ausschlüsse produzieren.

Anna Kugler möchte auf jeden Fall auch in Zukunft dauerhaft freundschaftszentriert leben und in Gemeinschaftsprojekten wohnen und arbeiten. Sie hofft, dass sich ihre Vorstellungen trotz der schwierigen Rahmenbedingungen umsetzen lassen und sich nicht alle ihre Freund*innen irgendwann doch für ein klassisches Beziehungsmodell entscheiden, in dem dann für intensive Freund*innenschaften kein Platz mehr ist. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

Reposted bygingergluepaketsusannenueckel

August 02 2018

09:46

Support statt Intrigen

Abbi & Ilana, „Broad City“
Abbi Jacobson und Ilana Glazer setzen in der US-Serie „Broad City“ nicht nur neue Maßstäbe für ermächtigende Darstellungen weiblich gelesener Körper, sondern auch für jene bester Freund*innen. Was es bedeutet, sich für jemanden aufzuopfern, wird etwa deutlich, als sich Ilana während eines Wasserausfalls darum kümmert, Abbis (wortwörtliche) Scheiße aus dem Klo zu entfernen – damit ihr Schwarm im Nebenzimmer davon nichts mitbekommt. Oder als Ilana Abbi erst dazu motiviert, ebendiesen Typen zu peggen, also mit einem Dildo zu penetrieren, und dann vor Freude ausrastet, nachdem sich Abbi tatsächlich getraut hat. Ilanas Crush auf ihre beste Freundin ist dabei nicht sehr subtil. Immer wieder initiiert sie angeblich zufällig entstandene homoerotische Szenerien, die auch mal ein bisschen creepy werden können: Einmal schlägt sie vor, bei einem Doppeldate gleichzeitig geleckt zu werden und sich dabei in die Augen zu schauen – welche besten Freund*innen träumen nicht von so einem Bonding-Moment? Intimität ist bei den beiden ohnehin ein fester Bestandteil der Beziehung. Und zwar nicht nur auf der Leinwand: „Broad City“ basiert laut Abbi Jacobson und Ilana Glazer auf der Beziehung, die sie auch im wahren Leben verbindet. Die beiden sind nicht nur Hauptdarstellerinnen, sondern auch Macherinnen von „Broad City“ und vielleicht ist die ­Serie auch deshalb so witzig: Es funkt einfach. Hengameh ­Yaghoobifarah

Enid & Rebecca, „Ghost World“
Es ist dieser eine, endlos lange Sommer nach dem Schulabschluss, erfüllt von Nebenjobs, Rumhängen und Zukunftsangst. Enid und Rebecca aus Daniel Clowes’ Comic „Ghost World“ aus den 1990er-Jahren sind seit Kindestagen befreundet. Nun haben sie die Schule hinter sich gelassen, auf der sie ihren Status als Außenseiterinnen zelebrierten, und die spießigen Mitschüler*innen, die sie von ganzem Herzen verachtet haben, erst recht. Aber was nun, ohne dieses zwar verhasste, aber Orientierung gebende Koordinatensystem?
Es folgen ein paar verwirrende Lovestorys (in der Filmversion von 2001 mit einem merkwürdigen alten Mann, im Comic hauptsächlich mit einem befreundeten Gleichaltrigen) und ein Aufnahmetest fürs College, den Enid vor Rebecca verheimlicht. Und allerlei schmerzliches Loslassen. Während Rebecca allmählich ein „normales“ Leben immer verlockender findet und beginnt, sich langsam von ihrer übermächtigen Freundin Enid und ihren strengen Vorgaben, wie man leben soll, zu lösen, verlässt diese endgültig die Vorstadtgegend, in der die beiden aufgewachsen sind. Am Ende steht die Erkenntnis: Diese erste Trennung von der besten Freundin ist größer und schmerzhafter als das Ende aller Liebesgeschichten. Anna Mayrhauser

©Jennifer Endom

Missy Elliott & Lil‘ Kim
Da Brat, Lil’ Kim, Aaliyah, Eve, Tweet, Ciara – schon immer hat es Missy Elliott, einer der ersten weiblichen Superstars im HipHop, verstanden, ihre Freundinnen mit an Bord zu holen. Und sie hat auch mitgeholfen, deren Karrieren zu pushen. Schade bloß, dass Elliotts starker Verbindung zu diesen HipHop- und R’n’B-Künstlerinnen meist weniger Aufmerksamkeit zuteil wurde als ihrer langjährigen Freundschaft mit ihrem kreativen Weggefährten und Produzentenpartner Timbaland. Unvergessen bleibt jedoch der All-time-favourite-Freundinnen-Song „Best Friends“, den Missy Elliott 1997 zusammen mit Aaliyah für ihr zukunftsweisendes Debütalbum „Supa Dupa Fly“ aufnahm. Im Gedächtnis sind auch ihre Kollabos mit Lil’ Kim, der „Original Queen B.“ (der auch Beyoncé kürzlich mit einem Halloween-Kostüm ihre Ehrerbietung erwies). Auch wenn vom „Original“ ­zugegebenermaßen nicht viel übrig geblieben ist – nach etlichen „Schönheits“-OPs ist Lil’ Kim heute nur schwer wiederzuerkennen –, bleibt die aus Brooklyn stammende Hardcore-Rapperin, die ihre Karriere einst in Notorious B.I.G.s Junior-M.A.F.I.A.-Crew begann, eine der erfolgreichsten Rap-Künstlerinnen aller Zeiten – stets supported von Fan und Freundin Missy. Im Videoclip zu Missy Elliotts „Sock It 2 Me“ (hallo, Fischauge!) flüchten Missy und Lil’ Kim vor gemeingefährlichen Monster-robotern, bis sie schließlich von Da Brat gerettet werden: galaktische Freundinnenschaften, von denen es nie genug geben kann. Vina Yun

Hanni & Nanni
Das erste Buch, das ich selbst gelesen habe, war die 765 Seiten starke Jubiläumsausgabe von Enid Blytons „Hanni und Nanni“: ­Hanni und Nanni Sullivan, ein Zwillingspaar aus der Oberschicht, werden von ihren Eltern im Alter von zwölf Jahren auf das Internat Lindenhof geschickt. Sie sind nicht begeistert, denn in Lindenhof gibt es keine Privilegien: Alle Mädchen schlafen in Mehrbettzimmern, sie dürfen nur wenige private Gegenstände mitnehmen und müssen Schuluniformen tragen. Anfangs werden sie noch die „hochnäsigen Zwillinge“ genannt, doch schnell schließen sie viele Freundinnenschaften und merken, worauf es im Leben wirklich ankommt – nicht auf Kleidung und Besitz, sondern auf Solidarität, Empathie und Individualität. Das Thema Klassismus wird hier verpackt in Geschichten um einzelne Personen, wie etwa die unsympathische Angeberin Suse, von der dann „herauskommt“, dass sie sich schlicht schämt, aus einer Arbeiter*innenfamilie zu stammen. Am Ende steht die Botschaft: Alle Mädchen sind gleichwertig und niemand wird zurückgelassen. Botschaften, die wir auch heute noch dringend brauchen. Das Buch ist tatsächlich eine Art Empowerment-Bibel in einer Grundschulklasse, in der manche Mädchen von anderen gemobbt werden, weil deren Eltern von Sozialhilfe leben. Stefanie Lohaus

Marissa & Summer, „O.C. California“
Als 2003 die Serie „The O.C. California“ erstmals ausgestrahlt wurde, verzauberten die Hauptcharaktere Marissa Cooper, Ryan Atwood, Summer Roberts und Seth Cohen viele Teenager. Doch nicht nur die Liebesbeziehungen zwischen Marissa und Ryan oder Summer und Seth waren von Bedeutung, sondern vor allem auch die Freundinnenschaft zwischen Marissa und Summer. Die zwei sind ein unzertrennliches Team, das gemeinsam durch schwierige Phasen geht und dabei nach und nach erwachsen wird. Egal ob Marissa wegen Ryans Eifersucht verletzt ist oder Summer traurig, weil Seth mal wieder Seth ist – Trost und Zuwendung finden sie bei der besten Freundin. Auch wenn Summer in der ersten Folge aus jugendlicher Naivität Marissa nach einer Party betrunken in der Hofeinfahrt liegen lässt, ist sie später immer für Marissa da und leistet ihr Beistand, als diese von Albträumen über einen Vergewaltigungsversuch von Ryans Bruder geplagt wird. Auch kauft sie Marissa – obwohl sich diese egoistisch verhält – einen Pullover der Universität Berkeley, jener Uni, für die sich Marissa bewirbt, und beweist damit, wie wichtig der Support einer guten Freundin ist. Wie jede Freundinnenschaft ist auch diese nicht perfekt, denn Summer investiert mehr in die Beziehung als Marissa. Während jedoch in vielen Serien, wie bspw. „Gossip Girl“, Freundinnenschaften zwischen Frauen auf Intrigen, Eifersucht, Machtspielen und Rivalität aufbauen, ist das Besondere an Marissa und Summer, dass ihr Verhältnis vor allem von Unterstützung und Ehrlichkeit geprägt ist. Jesse R. Buendia 

Diese Text erschien zuerst in Missy 03/18.

August 01 2018

08:21

Wo finde ich die Eine?

Von Ella Carina Werner

Eine Frau braucht eine gute Küchenmaschine, einen Mann zum Anlehnen, ein gebärfreudiges Becken, ein Quäntchen Selbsthass und eine beste Freundin. So will es die Gesellschaft. In jeder Prosecco-Werbung grinsen Perlwein süffelnde Freundinnen Arm in Arm in die Kamera. Die Freundin, zumal die beste, ist ein Must-have, ein Ausweis des eigenen vitalen Soziallebens. Frauen, die keine beste Freundin haben, werden von Sinnkrisen und noch mehr Selbsthass heimgesucht und müssen traurig sterben.

Doch das ist jetzt vorbei! Denn seit Kurzem gibt es diverse Apps und Onlineportale, die Frauenfreundschaften vermitteln, von „friends-up.de“ über „mysookie.com“ und „beste-freundin-gesucht.de“ bis „Hey! VINA“.

Neugierig betrachte ich die vielen fliederfarbenen Webseiten und melde mich überall an. „Weil’s mit Dir einfach schöner ist“, wird mir verheißen, oder: „Der Shopping-Marathon macht zu zweit mehr Spaß.“ Auf den Fotos je ein Frauenpaar mit riesigen Einkaufstüten. Auch „sun, fun and nothing to do“ wird mir versprochen, überall wimmelt es von den Keywords Spaß und Fun. Etwa beim „gegenseitig die Nägel Lackieren“, ja selbst beim gemeinsamen Work-out, Po an Po: „Der Winterspeck muss weg!“, verordnet „FriendsUp“.

Erst mal eine Freundin finden. Aber wen? Freundin ist ja nicht gleich Freundin. Bei

„MySookie“ kann man unter verschiedenen Typen auswählen: „Wellnessfreundin“, „Shoppingfreundin“ oder die universale „beste“. Nur eine Sauffreundin entdecke ich leider nicht. Ziel ist, eine „liebe Person“ zu finden. Aber eigentlich suche ich eher eine rotzige, auch mal muffelige Freundin, die ordentlich Konter gibt.

Einen halben Tag bin ich nun auf vier Portalen angemeldet. Immer noch kein Match. Niemand schreibt mich an. Kaum jemand wird mir vorgeschlagen. Vielleicht hätte ich in der Selbstauskunft nicht „starke Raucherin“ und als Lieblingsmusik „Dark Metal“ angeben sollen.

Bei „MySookie“ gibt es auf der Startseite einen Liveticker – „Anne W. aus Kiel und Mara S. aus Neumünster sind nun befreundet“ –, der alle paar Minuten aktualisiert wird. Puh, das stresst, das setzt unter Druck, und bei mir: immer noch nichts.

©Jennifer Endom

„Wo finde ich die Eine?“, wird uns Nutzerinnen auf „beste-freundin-gesucht.de“ in den Mund gelegt, und: „Eines Tages kommt die Richtige!“ Warum eigentlich dieser alberne Zwang zur Monogamie, selbst in Sachen Freund*innenschaft? Überhaupt bekommt man auf sämtlichen Seiten den Eindruck, Freund*innen- und Partner*innensuche seien praktisch dasselbe. So gibt es auf „beste-freundin-gesucht.de“ Tipps für das erste Kennenlerntreffen. Die Kernfragen lauten: „Was ziehe ich an?“ und „Wie mache ich meine Haare?“ Dabei ist doch eigentlich das Tolle an Freund*innenschaften, dass man da auch mit fettigen Haaren auftauchen oder nachts hackedicht in deren Klo reiern kann.

„Wahre Freundschaft gibt es nur unter Frauen“, lautet das Motto von „FriendsUp“. Freundschaft unter Männern scheint weniger wichtig. Der Mann ist eben an und für sich vollkommen. Männerfreundschaften, so das mediale Credo, sind flüchtiger. Und irgendwann eh vorbei: „Der Feind tiefer Männerfreundschaft ist die Liebe zur Frau“, heißt es achselzuckend in der „Men’s Health“. Kontaktbörsen für Männerfreundschaften existieren praktisch nicht. Jedenfalls nicht direkt. Die Suche läuft hier über gemeinsame Reiseziele und Hobbys: „Suche ganze Kerle für meine Nepalreise!“

Seit 24 Stunden bin ich jetzt auf Freundinnensuche und hab noch immer keine gefunden. Ich ändere meinen Musikgeschmack, ich tarne mich als Nichtraucherin. Ich werde endlich selbst aktiv und kontaktiere eine Frau, die in meiner Stadt wohnt. „Hab grade letzte Woche schon eine liebe Freundin gefunden, sorry!!“, schreibt sie zurück.

Dann eben nicht. Muss ich den Shopping-Marathon weiterhin alleine bewältigen, muss weiter allein aufs Klo. Ich erwäge, mir einen männlichen besten Freund zu suchen, aber das geht nie gut, das weiß ich aus „Brigitte“ & Co. Wahre Freundschaft gibt es, siehe oben, eben nur unter Frauen.

Dann aber sehe ich ein Licht am Ende des Tunnels: Bei der Google-Suche entdecke ich eine App namens „Ameego“, dort kann man Freund*innen mieten. Gegen Geld. Ehrlich, pragmatisch, ganz ohne fliederfarbene Schriftzüge und Sinnsprüche aus „Der kleine Prinz“. Ganz genau mein Ding. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

July 31 2018

07:56

Weiße Soli, (un-)kritische Soli

Von Tove Tovesson

Seit einiger Zeit geistert der Begriff „kritische Solidarität“ durch Twitter. Gemeint ist wohl, Solidarität an Bedingungen zu knüpfen. Derzeit nehmen sich das offenbar besonders Leute, die nicht von Rassismus betroffen sind, zu Herzen, wenn sie sich Rassismusbetroffene vorknöpfen.

Illustration: Tine Fetz

Es kann ja nicht sein, dass man unschuldig von einer WoC, die in einem rassistischen Shitstorm versinkt, geblockt wird, da muss man schon mal ihren Arbeitgeber kontaktieren oder die eigenen Follower*innen auf sie hetzen. Es kann auch nicht sein, als Alman bezeichnet zu werden, wenn man doch Österreicher*in ist, denn das ist geschichtsvergessen und völkisch zugleich. Wer einer gestandenen (weißen) Antifa-Aktivistin dann noch selbst Rassismus unterstellt, überspannt wirklich den Bogen, denn man kann doch gar nicht rassistisch sein, wenn man Antifa-Aktivistin ist. Vielmehr haben wir es hier mit Identitätspolitik zu tun — aufseiten der Rassismusbetroffenen, die damit Weiße mundtot machen! (Ja, es ist schlimm auf Twitter.) Gut, dass die Solidarität in der weißen Antifa unkritisch ist, also zumindest untereinander. Manchmal hilft eben nur, WoC solidarisch wegzublocken, damit man wieder in Ruhe Antifa-Arbeit machen kann.

Denn man hat ja keine Chance als weiße Person im Gespräch über Rassismus mit Rassismusbetroffenen. — An solchen Aussagen von selbsterklärten Linken zeigt sich, wie tief Rassismus einfach auch bei uns noch sitzt. Wie viele von uns kommen nicht auf die Idee, dass Rassismus vielleicht schlicht kein Diskussionsgegenstand zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen sein muss, sondern man Betroffenen einfach glauben kann, sogar wenn man selbst die kritisierte Person ist. Es geht einfach in diesem Moment viel weniger um eine*n selbst, als man denkt. Aber auch diese Täuschung scheint weitverbreitet, schaut man sich die Vorwürfe gegen Mesut Özil an und wie plötzlich alle Meister*innen der Dialektik sind. Er erlebt zwar Rassismus und das ist schlecht, aber … Oder: Warum schreibt er denn nicht auf Deutsch? Da sieht man mal, wie schlecht er integriert ist!

Im Handumdrehen wird hier aus einer Benennung von Rassismus, die etliche BPoC bestätigen, ohne dazu irgendwie weiß-deutsche Erlaubnis oder Kritik zu brauchen, eine deutsche Integrationsdebatte. Denn die kann man immer gegen BPoC führen und gewinnen. Der einfache Grundsatz, „Wo kein Können, da kein Sollen“, ist beim Thema Integration nämlich außer Kraft gesetzt. BPoC sollen das Unmögliche leisten, wenn die weiße Mehrheitsgesellschaft Integration verlangt, ohne ihren Rassismus aufzuarbeiten. BPoC sollen nicht stören, aber sind doch von Anfang an als Störer*innen im Volkskörper markiert. Selbst in redundanten Diskussionen mit der weißen Antifa stehen sie am Ende als Aggressor*innen da, während Weiße sich gegenseitig Credit dafür geben, doch zu den Guten zu gehören.

Diese Selbstüberschätzung als Maß aller Dinge eint bürgerlich-konservatives Integrationsgejaule und die weiße Antifa. Weder Integration noch weiße Antifa sind Speerspitzen von irgendwas außer sich selbst. Sorry. Es gibt einige Dinge, die Weiße im antirassistischen Kampf übernehmen müssen, weil sie für BPoC qua Rassismus unverhältnismäßig viel gefährlicher oder nicht möglich sind, aber dazu gehört nicht zu bestimmen, was Rassismus ist und was nicht.

July 30 2018

10:37

Wie eine Seelenverwandschaft

Interview: Hengameh Yaghoobifarah

Vom Sandkasten bis ins Senior*innenheim: Wie verändern sich Freund*innenschaften in unterschiedlichen Lebensphasen?
Julia Hahmann: Erste Freund*innenschaften entstehen im Alter von drei bis fünf Jahren. Diese besitzen dann für eine lange Zeit eine sehr hohe Relevanz. Insbesondere wenn es um Ablösungsprozesse innerhalb der Pubertät und die Etablierung von neuen oder alternativen Familienstrukturen geht, falls es in der Herkunftsfamilie nicht so gut läuft. Das zieht sich sehr stark durch die Ausbildungsphase – bis milieuspezifische Unterschiede auftauchen. Vor allem wenn etwa Paare Familien gründen, fallen Freund*innenschaften aus dem Lebenszentrum heraus.

Wie ist das für Personen, die queer sind, keine Familie gründen oder es erst verzögert tun? Für sie bleiben Freund*innenschaften oft auch im jungen bis mittleren und höheren Erwachsenenalter relevant, da sie eine Form von Wahlfamilie darstellen. Sie begleiten stark den Alltag, sie sind für viele Unterstützungsleistungen relevant, bieten emotionale Nähe und überdauern romantische oder sexuelle Beziehungen. Im höheren Erwachsenenalter beobachte ich häufig familialistische Haltungen, etwa Sprüche wie „Blut ist dicker als Wasser“, meistens von heterosexuell verpartnerten Personen. Partner*in und Kinder sind für sie die wichtigsten Ansprechpartner*innen. Gleichzeitig gibt es auch den Trend, dass ältere Menschen in Freund*innenschaften investieren und sich stärker auf sie konzentrieren, weil eben Lohnarbeit und Reproduktionsarbeit wegfallen – oder sich zumindest verändern. Diese neu gewonnene Zeit wird mit Freund*innen verbracht.

Welche Bedeutung hat Klassenzugehörigkeit in Freund*innenschaften?
Klasse ist relevant, weil die Klassenlage den Lebenslauf und Mobilitätsmuster bestimmt. Natürlich gibt es einen starken Zusammenhang zwischen Herkunft, Klasse und Ausbildungswegen. Wenn man nie umzieht, verändern sich Freund*innenschaften viel stärker, weil sie lebenslang, aber dafür homogener sind als bei Menschen, die ihren Lebensort wechseln. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass es aufgrund der Klassenzugehörigkeit Unterschiede in den Inhalten von Freund*innenschaften gibt, also z. B. dass Menschen aus der Arbei-ter*innenklasse ihre Kontakte eher anlassbezogen organisieren und sich beim gemeinsamen Hobby treffen, anstatt sich aufgrund der Beziehung selbst zu verabreden. Das halte ich aber für wenig plausibel und wäre vorsichtig. Es kommt immer darauf an, wie man sich Freund*innenschaften anguckt. Sie

beinhalten fast immer intime Nähe, das Sprechen über persönliche Probleme und gemeinsames Verbringen von Freizeit. Es gibt Abstufungen darin, welche Themen verhandelt werden, aber wenn man die groben Konzepte anguckt, ist das eigentlich überall ähnlich.  

©Jennifer Endom

Durch die sozialen Netzwerke bekommt man von den politischen Haltungen von Schulfreund*innen heutzutage mehr mit als früher, als sich solche Dinge nur im persönlichen Gespräch herauskristallisiert haben. Aber dass Freund*innen aufgrund unterschiedlicher politischer Haltungen auseinanderdriften, ist nicht neu, oder?
Nein. Ältere Umfragen über Parteipräferenzen von Freund*innen zeigen: Wenn Freund*innen einzeln befragt werden, welche Partei sie wählen, sagen sie meistens, dass sie davon ausgehen, dass ihre Freund*innen das Gleiche tun – obwohl die Präferenzen tatsächlich selten übereinstimmen. Parteipräferenzen sind leicht erfassbare Konstruktionen, politische Haltungen lassen sich aber in sehr kleinteilige Fragen aufdröseln: Von Nachhaltigkeit bis hin zu Animal Liberation gibt es bspw. ein weites Spektrum an Differenzierung. Wenn sich etwa jemand plötzlich als rechtsgesinnt herausstellt, werden Freund*innenschaften sicherlich schnell beendet. Gleichzeitig sind Menschen in langen und engen Freund*innenschaften miteinander großzügiger, wenn es um unterschiedliche politische Haltungen geht. Es müssen schon harte Themen sein, die das Individuum stark beschäftigen, bis es wirklich zur Auflösung der Beziehung kommt.   Wenn es Themen sind, die die Identität stark ausmachen, oder es wichtige Prozesse wie eine geschlechtliche Transition sind, müssen Freund*innenschaften oft neu verhandelt werden. Entweder die Freund*innenschaften kommen dann auf ein höheres Niveau oder sie scheitern, indem sie auslaufen oder konkret gebrochen werden.

Apropos Schlussmachen: Es gibt über Break-ups in Liebesbeziehungen ganz viele Songs, Filme und Ratgeber. Bei Freund*innenschaften gibt es solche großen Diskurse nicht. Warum? Das liegt daran, dass im Mainstreamdiskurs Partner*innenschaften exklusiv sind. Da muss man Schluss machen, um neue Bindungen einzugehen. Bei Freund*innenschaften ist es nicht so. Sie können nebeneinander existieren. Insgesamt werden Freund*innenschaften sehr stiefmütterlich behandelt, auch in der soziologischen Forschung. Sie sind auch sehr individuell: Wie viel Kontakt muss man haben, damit man sagen kann, man ist befreundet? Wie lange muss man sich kennen? Es gibt kein Initiationsereignis wie einen ersten Kuss oder einen Zeitpunkt, an dem der Beziehungsstatus thematisiert wird. Das macht es schwerer, sie zu erforschen.

Haben homogene Freund*innenschaften eine größere Chance, lange zu bestehen? Unterschiedliche Positionierungen können Herausforderungen sein. Im Idealfall hält Freund*innen aber so etwas wie eine Seelenverwandtschaft zusammen. Was Freund*innenschaften besonders macht, ist, dass es gewählte Beziehungen sind – im Gegensatz etwa zu Kolleg*innen. Unterschiedliche Verhaltensweisen und Lebensgewohnheiten in Freund*innenschaften sind Herausforderungen und empirisch betrachtet seltener, aber sie müssen nicht deren Lebensdauer verkürzen. In der Soziologie der Liebe bezeichnet man Beziehungen zwischen sehr unterschiedlich positionierten Personen als „Romeo und Julia“-Phänomen. Das Strapazieren von außen kann die Beziehung also sogar noch weiter vertiefen.

Welche Rolle spielen Alltäglichkeit und geografische Nähe in Freund*innenschaften? Durch soziale Medien können Menschen trotz geografischer Distanz miteinander ihren Alltag teilen. Es gibt aber auch Freund*innenschaften, die sehr gut ohne einen geteilten Alltag auskommen. Viele kennen die Beschreibung: Ich sehe die Person nur einmal im Jahr, aber dann ist es so, als wären wir jeden Tag zusammen. Das zeichnet ganz besondere Bindungen aus. Dieses Narrativ wird in jeder Altersgruppe verwendet, um die Qualität von Freund*innenschaft zu beschreiben.


Soziale Medien und ihr Einfluss auf Beziehungen haben einen schlechten Ruf. Tinder hat vermeintlich die Liebe ruiniert, Facebook Freund*innenschaften. Ist es wirklich so schlimm?
Das ist eine sehr kulturpessimistische Haltung. Menschen wissen in der Regel sehr genau, wie nahe ihre Bindungen zu unterschiedlichen Leuten sind, obwohl alle auf Facebook gleichermaßen als „Freund*innen“ bezeichnet werden. Mit sozialen Medien kommen auch immer Formen von Überforderung in die Beziehung, wenn bspw. eine Nachricht nicht sofort beantwortet wird. Ob das wirklich die Qualität von Freund*innenschaften beeinträchtigt, finde ich schwierig festzustellen. Historisch gesehen gab es weitaus drastischere Herausforderungen für Freund*innenschaften: Im Nationalsozialismus z. B. hat eine Freundin die andere verraten. Ist das unsere Referenzgröße? Oder die Zeit, in der Männer und Frauen nicht miteinander befreundet sein sollten? Oder als Männer sagten, sie seien beste Freunde, obwohl sie eigentlich ein homosexuelles Paar waren?

Freundinnenschaften werden oft stereotyp dargestellt. Hat sich das geändert?
Meine Wahrnehmung der Forschungslandschaft ist eher, dass Frauenfreundschaften bzw. Freundinnenschaften als besonders warm, weich, zärtlich und stark unterstützend beschrieben werden. Das hängt auch damit zusammen, welche Eigenschaften wir im Westen weiblich gelesenen Körpern zuschreiben. Wenn zwei Frauen Händchen halten, werden sie nicht automatisch als lesbisches Paar gedeutet. Bei zwei in der Öffentlichkeit kuschelnden Männern wird die Heterosexualität jedoch infrage gestellt. In der Forschung werden eher Männerfreundschaften sehr stereotyp gezeichnet. In Wirklichkeit aber unterscheiden sich Männer- von Frauenfreundschaften nicht so krass.

Wie unterscheiden sich Mädchen- von Frauenfreundschaften?
In der Sozialisation von Mädchen wird früh das Konstrukt der besten Freundin angelegt, eine Person, die man immer unterstützt, mit der man immer abhängt und über die man sagt: Das ist meine beste Freundin. Das liegt daran, dass von Mädchen und Frauen erwartet wird, dass sie „Sozialnudeln“ sind und sich mehr umeinander kümmern. Dieses Narrativ führt sich auch bei Frauen fort. Was sich verändert, ist die alltägliche Stellung von Freundinnen, die aufgrund von Lohnarbeit und Reproduktion viel kürzer kommt als in der Kindheit und Jugend.

Wenn wir von heteronormativen Lebensweisen ausgehen, fällt für Frauen mit zunehmendem Alter mehr Reproduktionsarbeit an. Haben Männer einen Vorteil, ihre Freundschaften aufrechtzuerhalten, weil sie mehr Freizeit haben?
Da gibt es gegenläufige Effekte. In diesem Bild nehmen sich Männer anders Zeit, indem sie etwa zusammen ein Bier trinken gehen. Doch Sorgearbeit beinhaltet auch Beziehungspflege. Dadurch haben Frauen qualitativ und quantitativ bessere Kontakte. Über die Kinderbetreuung können sie auch mit anderen Müttern neue Kontakte knüpfen. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

July 27 2018

13:30

#MeTwo: Das Problem heißt Rassismus

Von Sibel Schick

Mesut Özil hat sich mit einem Monster fotografieren lassen, darüber müssen wir uns nicht streiten. Aufgrund dieses Fotos eine Bekennung zu Deutschland zu fordern liegt dennoch alleine an der Migrationsgeschichte seiner Familie, und somit ist es Rassismus in seiner reinsten Form. Vieles, was Erdoğan verkörpert, bleibt Deutschen nicht erspart: Bei der Bundestagswahl 2017 haben über 20 Millionen Wahlberechtigte rechte und rechtsradikale Parteien gewählt.

Auf Social-Media-Plattformen wie Instagram oder Twitter teilen Betroffene von Rassismus derzeit unter dem Hashtag #MeTwo ihre Erfahrungen.

Die Bundesregierung ist im Kuschelkurs mit Erdoğan und der AKP. Mit dem Flüchtlingsabkommen und dem Waffenhandel trägt sie aktiv zu Menschenrechtsverletzungen bei. Mit der öffentlichen Unterstützung wie Teezeremonien wird das Bild vermittelt, in der Türkei sei alles in Ordnung: Dass die Zivilgesellschaft zerstört ist, beinahe alle Regierungskritiker*innen und Oppositionspolitiker*innen im Knast sitzen und jährlich über 300 Frauenmorde stattfinden, ist für die Bundesregierung gut verträglich. Sie muss sich nicht rechtfertigen.

Wenn es einen Hoffnungsschimmer gibt, dann ist es die Sichtbarkeit, die Menschen mit Rassismuserfahrungen dieser Tage erlangen. Und seit Donnerstag teilen sie diese Erfahrungen in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #MeTwo mit. Ein Blick auf die Tweets zeigt, dass Rassismus in Deutschland nicht nur ein fester Bestandteil des Alltags ist, sondern auch strukturell und institutionell stattfindet. Manchmal ist er offensichtlich, oft aber heimtückisch und subtil.

Was Özils Rücktritt also ausgelöst hat, ist keine „Integrationsdiskussion“, sondern eine Rassismusdiskussion. Deutschland hat kein Integrationsproblem, es hat ein Rassismusproblem. Sowohl der Begriff „Integration“ als auch die deutsche Debatte um ihn herum sind rassistisch. Sie beruhen auf der Annahme, dass bestimmte Menschen so anders seien, dass sie sich anpassen müssten. Im Mai schrieb Lara Fritzsche fürs“SZ-Magazin“: „Es ist ein Paradoxon, dass die Frau mit Kopftuch erst da zum Problem wird, wo ihre Integration gelungen ist.“ Die Frau mit Kopftuch landet also wider Erwarten in der Mitte der Gesellschaft, die Hürden auf ihrem Weg aber werden auf ihre Kultur reduziert, anstatt dass die strukturellen und institutionellen Rassismuserfahrungen entfaltet werden. „Eine gelungene Integration“ beinhaltet, dass gewisse Menschen es eh nicht schaffen würden, es sei denn, sie werden „angepasst“.

Jemanden integrieren – es müsste heißen: Räume öffnen, Hürden zerstören, Chancen geben, Teilhabe ermöglichen. Was ich lernen musste, als ich 2009 nach Deutschland gezogen bin: erstens die Sprache, zweitens den Umgang mit der Tatsache, dass Deutsche nicht spontan sind, drittens, dass sie dich unter der Woche schon um 22 Uhr nach Hause schicken, weil sie am nächsten Tag arbeiten müssen. Mehr nicht. Integration war nicht mein Problem. Mein Problem sind eher die Rassismuserfahrungen, die ich mache, und der Stress, den mir der unsichere Status gibt. Ich muss mir aber trotzdem ständig anhören, wie gut integriert ich sei, und ich finde es sehr, sehr arrogant.

Rassismus in Deutschland ist kein Mythos, er existiert und hat einen hohen Preis für viele Menschen. Wir sollten nicht darüber sprechen, inwiefern die anderen angepasst werden müssen, sondern darüber, dass Menschen bei der Jobsuche ausgeschlossen werden, und wie wir das ändern können. Auch darüber, dass Menschen keine Wohnung bekommen, weil sie keinen „deutsch“ klingenden Namen haben, und eine Lösung dafür finden. Dringend müssen wir anfangen, darüber zu sprechen, dass Menschen auf der Straße angespuckt und körperlich angegriffen werden, und Schutz- und Präventionsmaßnahmen entwickeln. Ob ein Mensch, der andere körperliche und äußere Merkmale hat, wie Hautfarbe oder Kopftuch, automatisch jemand ist, die*der verändert werden muss, und ob sie es verdienen, dass man sich mit ihnen solidarisiert? Darüber müssen wir nicht diskutieren.

10:37

Ware Freundschaft

Von Paula Irmschler

Im ostdeutschen Outback (Dresden) waren wir alle einsam. Wir waren gelangweilt, arrangierten uns mit vermeintlicher Perspektivlosigkeit und improvisierten Treffpunkte auf Spielplätzen oder vor Einkaufszentren. Das war schön und schrecklich gleichermaßen. Im Grunde waren es Zweckgemeinschaften gegen das Nichts: Wenn man ein Bier mittrank, gehörte man dazu. Zu den wirklich Coolen gehörten wir jedoch nicht, denn die gingen am Wochenende in Clubs, ins Blockbuster-Kino („Cinema XXL“) und trugen Markenklamotten. Dafür hatten wir keine Kohle, uns blieb nur das Bier. Dass „Dabeisein“ mit ökonomischen Zuständen zusammenhängt, war also eine ausgemachte Sache, man umgab sich automatisch mit finanziell ähnlich gestellten Leuten und musste so manche Widersprüche aushalten.

Vor der Pubertät reichte sogar noch weniger, um sich miteinander zu arrangieren. Die ersten Freund*innenschaften geht man gemeinhin in der Kindheit ein und da reicht es bereits, dass zwei kleine Menschlein gern Ball spielen, in derselben Straße wohnen oder schweigend nebeneinander nachmittags Cartoons gucken wollen. Ich hätte nicht benennen können, warum ich Steffi lieber mochte als Sören. Bedeutete Steffi mir wirklich etwas? Die Steffis in meinem Leben waren sicher super, wir hatten viel Spaß gemeinsam, aber ich habe sie mittlerweile vergessen, sogar ihre Namen – sie hießen auch gar nicht alle Steffi. Mittlerweile weiß ich, dass auch diese Beziehungen determiniert und nicht befreit von äußeren, kapitalistischen Zwängen waren. Zuerst einmal gingen wir überhaupt nur in den Kindergarten und in die Schule, damit aus uns mal etwas wird, wir konsumierten Serien, in denen wir lernten, wie es irgendwann mal für uns laufen würde, lernten Besitzdenken schon im Sandkasten und Eifersucht bei „Sailor Moon“. Ob man sich leisten konnte, am Diddlmaus-Merch-Tausch teilzunehmen, war ein durchaus wichtiges Kriterium und auch, ob das Zuhause, das man hatte, besuchenswert war. Wenn man stattdessen in einem „sozialen Brennpunkt“ wohnte, war man eben raus. Von unserem knappen Taschengeld kauften wir uns Freundschaftsarmbänder, weil man die haben musste, damit die Freundinnenschaft etwas galt. Und als „Steffi“ auf ein Gymnasium ging, damit aus ihr noch mehr wurde, und ich nur auf die Realschule, da war die Freundinnenschaft auch schon wieder vorbei.

Es gibt diese Erzählung von lebenslangen Freund*innenschaften, die trotz aller Widerstände Bestand haben, Krisen meistern und sogar Differenzen aushalten. Selten finden sich jedoch Freund*innenschaften, die über soziale Milieus hinweg zustande kommen. Als erwachsener Mensch geht es darum, sich das Essengehen oder Urlaube leisten zu können oder schlichtweg Zeit aufzubringen, wenn man Vollzeit arbeitet und

Kinder oder Krankheiten hat, die einen in der Mobilität einschränken. Das Freundschaftsbändchen für Erwachsene heißt: Girls Night mit Sektchen, Junggesell*innen­abschiedsreisen, Männergrillfußballwochen oder eine Bahncard, um all die Verstreuten überhaupt mal zu Gesicht zu bekommen.

Mit der Herrschaft des Internets in der Kommunikation wird nun nicht nur die Möglichkeit zur Außendarstellung unserer Beziehungen instrumentalisiert, sondern direkt die Basis übernommen. Wir können auf Instagram, Facebook & Co nicht nur zeigen, mit wem wir rumhängen, sondern die Menschen gleich dort kennenlernen. Zu Sandkasten, Schule, Uni und Arbeitsplatz kommen heute die Social-Media-Plattformen hinzu, Freund*innenkreise werden zu Netzwerken, die Anzahl der Follower zeigt den Grad der Beliebtheit. Die Gemeinsamkeiten können sich über „special interests“ generieren und sind nicht zwingend an äußere Bedingungen geknüpft. Statt zu klingeln, kann man die Nachbarschaftsapp anschmeißen, um nach Zucker oder Mitstreiter*innen für einen Tanzkurs zu suchen, statt an der Theke zu sitzen und dort zu heulen, bis man ein offenes Ohr findet, begibt man sich in Facebook-Gruppen und weint sich dort aus. Wer existenzielle Probleme hat, inseriert bei „gofundme.com“, ­Genossenschaften sind Shared Economies und das größte Plenum der Welt heißt Twitter. Als Teil der Generation, die in der Kindheit noch nichts und heute alles über das Internet weiß, würde ich sagen: Vom Schulhof bis zu den sozialen Netzwerken hat sich vor allem geändert, dass man sich selbst besser findet und auch von anderen besser gefunden wird (im doppelten Wortsinn). Und das ist erst mal eine gute Sache: Denn nun kann potenziell jeder cool sein, egal wie viel Knete man hat, wo man wohnt und wie man aussieht.

In der Schule fing es an: Es gab für die Informatikstunde eine Handvoll Computer mit Internetanschluss, an die man nach Unterrichtsschluss mal kurz ran durfte. Schnell wurde mir klar, was ich im echten Leben vermisste: Da waren sie plötzlich, all die Menschen jenseits von konstruierten Verbänden wie Schulklassen, Nachbar*innenschaften oder kruden Gemeinschaften wie Christenlehre oder Tischtennisverein. Da waren Menschen, die musikbegeistert oder kunstaffin waren, Menschen, die, wie man selbst, zu dick, zu dünn, zu nerdig, zu wenig hetero, zu „zu“ waren. Menschen, die sich auch düstere Gedanken machten, Menschen, die sich für das Gleiche interessierten oder das gleiche Nischenproblem hatten wie man selbst, echte Seelenverwandte eben. Arschlöcher waren natürlich auch da, wie im richtigen Leben. In den damaligen Chatrooms und Foren wurden außer des originellen „Nickname89“ keine verwertbaren Daten von uns gesammelt. In den 2000er-Jahren blieben diese Internetbekanntschaften meist im Internet. Heute sind die meisten Facebook-„Freund*innen“ dieselben, die man auch im „real life“ hat, denn über ein paar Ecken kennt man sich immer. Sehr deutlich wird das bei Facebook durch die „Gemeinsame Freunde“-Liste.

Kritiker*innen merken an, dass Social-Media-Beziehungen beliebiger, unstetiger, quantitativer Natur seien. Klar: Man kann blocken, man kann ghosten, man kann schnell jemand anderen finden oder in andere Bubbles flüchten. Gleichzeitig wird man sich doch nicht so einfach los, weil Ausschluss im Internet eben nicht funktioniert wie im „echten Leben“ – man bleibt nämlich immer da, kann sich schwer unsichtbar machen, es sei denn, man entsagt der Onlinewelt komplett – aber dann wird es auch in anderen Lebensbereichen kompliziert, weil sich mittlerweile auch Berufliches oder Familiäres oft über das Netz organisiert. Freund*innenschaften haben sich heute – wie alle Lebensbereiche – an die globalisierte Welt angepasst. Man hat mit den Leuten nicht zwingend mehr Kontakt, wenn sie in der Nähe wohnen, man findet die Besten nicht unbedingt in der Nachbar*innenschaft – und man muss sich nicht mal gesehen haben, um einander nahe zu sein. Auf Facebook, Twitter, Instagram oder meinetwegen Jodel und Snapchat finden und befreunden wir die Menschen, die uns ähnlich sind, das macht uns wählerischer.

Gleichzeitig wird die Auswahl immer größer. Es gibt themenspezifische Gruppen, Hashtags, direkte Vernetzungen, wir können uns alle über den digitalen Weg laufen. Spätestens seit dem zehnten Facebook-Skandal weiß nun auch der Letzte, dass unsere Daten verkauft und verwertet werden. Doch unbeirrt nutzen wir Facebook weiter und damit uns gegenseitig für politische Agenden, für die Verbreitung unserer Kunst, um beruflich weiterzukommen, um uns darzustellen oder um Bestätigung zu erlangen. Wir wollen vorankommen, egal worin, dabei sind wir garantiert nicht entkoppelt vom Kapitalismus und unsere Beziehungen sind es erst recht nicht. Wir sind entweder Konkurrent*innen oder wir versuchen, es bewusst nicht zu sein, und schließen uns zusammen, um Freiräume zu schaffen, um Pausen zu generieren, um Druck abzulassen. Doch all das steht immer im Verhältnis zu den verdammten Verhältnissen.

Selbstverständlich wollen wir dennoch an etwas glauben, das über das Rationale hinausgeht. Wir wollen glauben, dass es so etwas wie Magie gibt zwischen Menschen, selbstlose Liebe ohne Nutzen, echte Verbindungen und wahre Gefühle. Wo früher die Ideologie der Kernfamilie das herrschende Bild von Gemeinschaft war, sind es jetzt die Freund*innenkreise, die aber immer noch als „familiär“, „Familienersatz“ und Ähnliches bezeichnet werden. Waren die beliebtesten Sitcoms in den 1990ern noch vorwiegend Familienserien, handeln sie mittlerweile davon: Eine Handvoll Freund*innen tut sich zusammen, lebt zusammen, geht zusammen durch persönliche Krisen. Die Krisen sind oft ökonomischer oder romantischer Natur, ab und an träumt jemand davon, allein zu leben, aber das geht finanziell nicht, also ergibt man sich dem Schicksal, macht ein paar Witze über die Unzulänglichkeiten der Mitbewohner*innen und das Publikum lacht. Man will einfach klarkommen in dieser Welt und das ist allein undenkbar. Und tatsächlich leben auch jenseits des Bildschirms immer mehr Leute noch in ihren Dreißigern oder länger in WGs. Vor dem Kapitalismus hieß das Konzept der nützlichen Freundschaft noch „Brüderlichkeit“ und diente Männern dazu, ihre Macht zu erhalten, ihre Familien durchzubringen und politisch agieren zu können. Frauen waren ans Haus gebunden und erst mit dem Eintritt in die Berufswelt, einer Notwendigkeit im Kapitalismus, erlangten sie die Art von Unabhängigkeit, die ihnen weitgehende soziale Kontakte außerhalb der Familie ermöglichte.

Wenn man also Freund*innenschaft als eine Zusammenkunft von Menschen erkennt, die nicht aus den Verhältnissen ausgeklammert werden kann, sondern vielmehr aus ihnen entsteht, ob aus Einsamkeit, Langeweile oder zum Durchhalten und zur gegenseitigen Unterstützung in einer zunehmend kapitalistischen Welt, ist das zwar sehr unromantisch. Ja, man will uns überall an den Kragen (wir uns gegenseitig allerdings auch) – aber das kann Solidarität befördern, die wiederum nicht selten in Freund*innenschaft mündet. Wenn wir Glück haben und uns Mühe geben, führt die weltweite Vernetzung nämlich dazu, dass wirklich alle Menschen zu Freund*innen werden (statt zu Brüdern) und man die äußeren Zwänge gemeinsam überwinden mag. Dann ist echte, ja nutzlose, Freund*innenschaft an der Tagesordnung und nicht nur in seltenen Momenten zu finden. Eine sehr optimistische Vorstellung, ich weiß. Vielleicht klappt es auch nie, aber dann bleibt zumindest die Gewissheit: „I get by with a little help from my friends“, und ich grüße hiermit: Steffi. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/18.

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